Kapitel 6
Auch wenn es Jenna kaum wahrhaben wollte, so zeigte sich der folgende Tag doch völlig normal. Die Sonne ging auf, Caitriona servierte jedem ein Frühstück nach Wunsch, und die Arbeit an den Werbebildern schritt voran.
Zu Jennas Bedauern allerdings war von Craig nichts zu sehen. Auf ihr Nachfragen antwortete Caitriona, dass ihr Bruder schon bei Sonnenaufgang das Haus verlassen habe und sicher erst spät zurückkehre, da er arbeiten müsse.
»Klar, müssen wir ja auch«, meinte Jenna betont gleichmütig und machte sich auf die Suche nach Simon. Sie fand ihn zusammen mit Hamish bei Lydia. Die drei besprachen die nächsten Motive.
Für Jenna stellte die Arbeit eine willkommene Abwechslung dar, denn so dachte sie nicht fortwährend an Craig. Erst abends im Bett spukte er wieder durch ihre Gedanken. Sie war bereits in ihrem Zimmer, als sie ihn heimkommen hörte. Am liebsten wäre sie aufgestanden und zu ihm gegangen, doch so viel Mut hatte sie dann doch nicht. Sie lauschte auf jedes noch so kleine Geräusch und hielt den Atem an, als sie Schritte auf der Treppe vernahm. Die hölzernen Stufen in dem alten Gebäude knarrten ebenso wie die Dielen.
Aber Craig kam nicht zu ihr. Jenna rang mit sich. Sie stellte sich vor, wie sie zu ihm ins Zimmer schlich, er sie in seine Arme schloss und heiß küsste. Und dann würde er sie berühren, mit den Fingern über ihre Brüste streicheln, süße Schauer der Lust damit durch ihren Körper jagen. Sehnsuchtsvoll zog sich ihr Schoß zusammen. Wie sehr sie sich doch wünschte, Craigs prächtige Männlichkeit in sich zu spüren!
Das Verlangen wuchs immer mehr, und es wunderte Jenna nicht, Feuchtigkeit zu spüren, als sie eine Hand zwischen ihre Schenkel gleiten ließ. Immer stärker wurden die Lustgefühle – und immer größer das Verlangen nach Craig. Ihre Finger genügten zwar, sie zum Höhepunkt zu bringen, aber die Sehnsucht vermochten sie nicht zu stillen. Zumal sich Jenna nach mehr sehnte als nur nach der körperlichen Vereinigung. Sie wollte Craig. Mit allem, was dazu gehörte, eine Beziehung zu führen. Weil sie ihn liebte.
Die folgenden Tage waren mit Arbeit gefüllt. Wohl auch für Craig, denn Jenna bekam ihn kaum zu Gesicht. Er ging früh aus dem Haus und kam abends erst spät wieder. Begegnete er ihr, war er freundlich wie immer, ließ sich aber nicht anmerken, ob er ebenso an sie dachte. Oder sich vor Sehnsucht nach ihr verzehrte. Wahrscheinlich nicht, dachte sie. Sicher hatte er keine Schwierigkeiten, andere Frauen zu finden. Und in wenigen Wochen hätte er ihr kleines Abenteuer ohnehin vergessen.
Sie aber würde ihn niemals vergessen. An diesen schönen Erinnerungen hielt sie sich fest, während sie nach einer passenden Location Ausschau hielt. Fünf Tage waren seit jenen wundervollen Stunden der Zärtlichkeit und Leidenschaft vergangen.
Als sie auf eine zwischen Hügeln sehr geschützt liegende Wiese kam, dachte sie unwillkürlich daran, wie gut sich dieser Platz für ein heißes Abenteuer eignen würde.
Plötzlich glaubte sie, nicht mehr allein zu sein. Sie fuhr herum und erkannte einen Mann, der sich mit lässigen Schritten näherte. Er war groß und schlank. Sonnenstrahlen fingen sich in seinem rotblonden Haar. Die Art, wie er sich bewegte, rief eine Erinnerung in ihr wach. Hatte sie ihn schon mal irgendwo gesehen? Ein ungutes Gefühl regte sich in ihr. Was war bloß los? Das war doch nur ein Schotte aus der Gegend, vielleicht befand sie sich sogar auf seinem Land.
»Hi!« Er blieb einige Schritte vor ihr stehen und lächelte eine Spur zu selbstsicher. »Suchst du was?«
»Bin ich hier auf Privatgrund?« Sie befand sich ein Stück von der Pension entfernt, vermutlich gehörte das Land hier nicht den Gordons, sondern einem anderen Clan oder Grundbesitzer.
»Jemanden wie dich würde jeder gerne willkommen heißen.« Er kam näher. »Ich bin Sheamus MacNeill.«
»Jenna Moll«, stellte sie sich vor und ergriff nach kurzem Zögern seine ihr entgegengestreckte Rechte.
»Nett, dich kennenzulernen.« Er hielt ihre Hand fest und grinste.
Schlagartig wurde Jenna bewusst, woran er sie erinnerte. In der Brandnacht hatte sie geglaubt, eine Gestalt zu sehen. War es Sheamus MacNeill gewesen? Von der Größe und Figur käme es hin, allerdings gab es sicherlich viele Männer, die schlank und etwa einsachtzig waren.
»Wie wäre es, wenn du mir ein bisschen Gesellschaft leistest?« Noch immer hielt Sheamus ihre Hand fest und legte seine andere an ihren Rücken.
Jenna versuchte, ihn von sich zu schieben. Es war ihr unangenehm, dass er ihr so nah kam. Irgendetwas in seinem Blick und der Art, wie er sie ansah, machte ihr Angst. »Wir können nachher gern zusammen etwas trinken gehen. Doch jetzt muss ich arbeiten.« Sie hoffte, locker zu klingen.
»Ein bisschen Zeit wirst du für mich doch haben.« Sein Griff wurde fester. Es war offensichtlich, dass Sheamus sie nicht loslassen würde.
Ganz ruhig, sagte sich Jenna. Wenn sie in Panik geriet, half ihr das nicht. Sie war zierlich und nicht besonders groß, aber wenn sie ihn an einer empfindlichen Stelle traf, könnte es ihr gelingen, ihm zu entkommen. Sie konzentrierte sich, dann wand sie sich in seinem Griff und trat gleichzeitig nach ihm.
Leider erwischte sie nur sein Schienbein, aber das zumindest genügte, ihn aufschreien zu lassen. Sie duckte sich, rannte los, doch weit kam sie nicht. Sheamus stürzte sich auf sie und riss sie zu Boden.
Sie kratzte über seine Wange, schlug und trat, soweit das möglich war. Doch vergebens, Sheamus drückte ihr mit seinem Gewicht die Luft ab. Schwarze Punkte begannen vor ihren Augen zu tanzen.
Plötzlich aber verschwand das Gewicht. Hektisch schnappte sie nach Luft und konnte kaum glauben, was sie sah. Craig! Sie hatte noch nicht genug Atem, um seinen Namen zu flüstern, aber allein die Tatsache, dass er wie ein rettender Engel gekommen war, erfüllte sie mit Zuversicht.
Doch gleich darauf schwand die Freude, denn nun griff Sheamus Craig an und kämpfte mit unfairen Mitteln. Er versuchte, Craigs Gesicht zu erreichen, um ihm in die Augen zu stechen.
Im letzten Moment wich Craig aus, nutzte jedoch den Schwung und schickte Sheamus mit einem gezielten Fausthieb in den Magen und einem weiteren vors Kinn zu Boden. Wüste Flüche ausstoßend, krümmte er sich.
Craig beachtete ihn nicht weiter und eilte zu Jenna. Er kniete neben ihr und zog sie in die Arme. »Alles okay mit dir? Hat er dir etwas getan?«
»Nein.« Vor Erleichterung schluchzte sie auf. »Oh, Craig!«
»Ist ja gut, ich bin ja da.« Er drückte sie an sich und streichelte ihre zitternden Schultern. »Ich liebe dich.«
Jenna hob den Kopf. Hatte sie richtig gehört? Sie blinzelte, um nicht mehr durch einen Tränenschleier schauen zu müssen. »Oh, Craig, ich … Pass auf!«
Er reagierte sofort. Jenna von sich zu stoßen und sich zu drehen, geschah in einer fließenden Bewegung. Dennoch traf Sheamus’ Messer Craigs Brust.
Jenna schrie entsetzt auf. Sie wollte das nicht sehen, schaffte es aber nicht, den Blick abzuwenden, während sie fieberhaft überlegte, wie sie Craig helfen konnte. Blut färbte sein Hemd, bildete einen größer werdenden Fleck.
Sheamus griff erneut an, das Messer fest in der rechten Hand, bereit, zuzustechen. Craig ließ ihn nah an sich herankommen, stürzte sich dann auf ihn und zwang ihn zu Boden. Sheamus versuchte, sich freizukämpfen, aber Craig hielt ihn eisern fest, die Knie auf den Rücken seines Gegners gedrückt.
»Craig!«, erklang es von links.
Jenna wandte den Kopf und sah Callum und Alasdair den Hügel herablaufen. Callum hatte sein Schwert gezogen. Ganz der Krieger, der er war, stürmte er mit wehendem Kilt heran, packte Sheamus am rechten Handgelenk und nickte Craig zu. Der wich zurück und blieb schwer atmend sitzen, während Callum und Alasdair Sheamus packten, auf die Beine zogen und dabei seine Arme hinter den Rücken hielten.
Jenna eilte zu Craig, kniete sich neben ihn und berührte ihn an der Schulter. »Ich liebe dich«, flüsterte sie. »Ich liebe dich so sehr. Bitte halte durch.« Hatten Callum und Alasdair bereits Hilfe angefordert? Beide waren noch mit dem Angreifer beschäftigt, der es jedoch inzwischen aufgegeben hatte, sich zu wehren.
Eine Berührung an ihrer Wange ließ sie den Kopf wenden. Sie schaute genau in Craigs wunderschöne braune Augen. Liebe durchströmte sie. Das hier war der Mann, mit dem sie ihr Leben teilen wollte. Die Vorstellung, ihn zu verlieren, war so schrecklich, dass ihr schon wieder die Tränen kamen.
»Alles ist gut«, flüsterte er. Dann küsste er sie.
»Du bist verletzt und musst sofort in ein Krankenhaus«, rief sie, als er sich von ihr löste.
»Nein.« Mit einer geschmeidigen Bewegung stand Craig auf und zog Jenna mit sich. Er riss sein ohnehin lädiertes Hemd auf. »Siehst du? Das ist nur ein Kratzer. Hat schon aufgehört zu bluten.«
Nun schluchzte Jenna noch mehr. Die Tränen der Angst verwandelten sich in welche der Freude. Sie vermochte nicht, sie zu stoppen, ebenso wenig wie sie nicht aufhören konnte, mit den Händen über Craigs Schultern und Brust zu tasten. Keinen Zentimeter wollte sie von ihm weichen.