Kapitel 4

Mitten in der Nacht schreckte Jenna aus dem Schlaf hoch. Sie hatte Sex gehabt. Mit einer Frau. Nicht mit irgendeiner, sondern mit ihrer Chefin. Doch ihr Gewissen blieb still. Da war kein Bedauern in ihr, im Gegenteil, sie fühlte sich wunderbar.

Aber etwas anderes hatte sie geweckt. Jenna richtete sich auf den Ellbogen auf und blickte Lydia an. Durchs Fenster fiel ein wenig Licht der Laterne, so dass sich Umrisse erkennen ließen. Lydia atmete tief und regelmäßig und bewegte sich keinen Zentimeter.

Vielleicht hab ich bloß geträumt, dachte Jenna und legte sich wieder hin. Nachdem sie einander noch mehrfach zum Höhepunkt gebracht hatten, waren sie erschöpft eingeschlafen.

Licht flackerte über das Bett.

Jenna runzelte die Stirn. Was war das denn? Leise stand sie auf und schlich auf nackten Füßen zum Fenster.

Im nächsten Augenblick stockte ihr der Atem. »Feuer!«, schrie sie.

»Was?«, murmelte Lydia verschlafen.

Jenna rannte in den Flur. »Feuer! Es brennt! Hilfe, Feuer!«, rief sie, so laut sie konnte. Dann kehrte sie zu Lydia zurück und griff nach ihrem Arm. »Los, wir müssen hier raus, es brennt!«

»Brennt?« Doch Lydia hielt sich nicht mit weiteren Fragen auf, sondern griff ebenso schnell wie Jenna nach ihrer Kleidung, schlüpfte in die Schuhe und rannte los.

Im Laufen zog Jenna sich die Hose hoch, die Bluse ließ sie offen.

»Alle raus hier!«, dröhnte Alasdairs Stimme durch das Gebäude. Er stand am Fuß der Treppe und achtete darauf, dass alle Bewohner zur Tür herauskamen. »Lauft so weit von den Flammen weg wie möglich, die Feuerwehr ist bereits unterwegs.«

Draußen sah Jenna die Flammen am hinteren Flügel emporlecken. War dort jemand? Sie blinzelte. Im Widerschein der Flammen glaubte sie, eine Gestalt zu erkennen. Hoffentlich war niemand so leichtsinnig, dorthin zu laufen. Das Feuer hatte sich bereits zu weit ausgebreitet. Nur mit einem Gartenschlauch und Feuerlöschern würde es nicht besiegt werden können.

Alasdair rannte zu ihnen. »Bleibt hier«, wies er sie an.

Caitriona schluchzte leise. Craig legte einen Arm um sie und zog sie an sich. In dem fahlen Licht wirkten seine Züge wie aus Stein gemeißelt.

Hamish starrte erschrocken auf die gegen den Nachthimmel lodernden Flammen. Niemand sagte ein Wort.

Endlich ließ sich das Geräusch einer Feuerwehrsirene vernehmen, wurde lauter, dann tauchte das erste Löschfahrzeug auf. Alasdair lief den Feuerwehrmännern entgegen. Das Licht der Laterne reflektierte an den Streifen ihrer beigefarbenen Uniform. Alasdair trug keine Schutzkleidung, half aber direkt mit. Ein weiterer Einsatzwagen rauschte heran. Kommandos wurden gebrüllt, Wasser rauschte mit kräftigem Strahl.

Innerhalb weniger Minuten war das Feuer gelöscht. Im Licht der Laterne und der Scheinwerfer ließ sich das Ausmaß des Schadens nicht klar erkennen. Die Feuerwehrmänner kontrollierten das Gebäude und die direkte Umgebung, dann fuhren sie davon.

Alasdair trat zu Jenna und den anderen. Seine nackte Brust glänzte vor Schweiß. »Wir können in unsere Zimmer zurück. Da das Feuer nur im Nordflügel gewütet hat, ist der Rest des Gebäudes nicht betroffen. Ich werde aufbleiben, sollte es zu einem erneuten Brand kommen, bin ich sofort zur Stelle.«

Caitriona blickte ihn direkt an. Sie wirkte nun gefasster. »Was hat das Feuer verursacht?«

»Das ist noch nicht klar. Jetzt nach Spuren zu suchen, bringt nichts. Aber sobald es hell wird, kommen die Brandermittler.« Alasdair wandte sich Jenna zu. »Du hast wunderbar reagiert. Wenn du nicht so schnell Alarm gegeben hättest, wäre vermutlich mehr passiert. So ist niemand zu Schaden gekommen, das ist das Wichtigste.«

Jenna war es unangenehm, so im Fokus des Interesses zu stehen. Zumindest hatte in dem Trouble niemand bemerkt, dass sie aus Lydias Zimmer gekommen war. Sie bemerkte, dass Craig sie ansah. Sofort beschleunigte sich ihr Herzschlag.

Caitriona sprach mit Alasdair und Callum, die gemeinsam Wache halten wollten. Lydia trat zusammen mit Hamish und Simon zu Alasdair.

Craig legte einen Arm um Jennas Schultern. »Du bist ja ganz kalt. Wenn ich ein Hemd hätte, würde ich es dir geben.«

Ihr wurde bewusst, dass er nur eine Hose trug, ebenso wie die anderen Männer auch. Einzig Simon hatte seinen Schlafanzug an. Craigs Berührung schickte auch in dieser Situation einen erregenden Schauer durch ihren Körper. Und diese Hitze, die er ausstrahlte!

Dicht an sich gezogen und ihr so von seiner Körperwärme abgebend, führte er sie zur Pension zurück. Der beißende Geruch von Rauch hing in der Luft, brannte in Jennas Augen und Atemwegen.

»Möchtest du hierbleiben, oder soll ich dich und deine Kollegen lieber ins nächste Hotel fahren?«, fragte Craig.

»Wird schon gehen.« Nun, da die Aufregung vorbei war, wurde sie von Erschöpfung überfallen. Schlafen, sich ausruhen, nicht mehr nachdenken.

Craig brachte sie bis zu ihrem Zimmer. Er musterte sie mit ernstem Blick. »Wenn etwas ist, komm zu uns. Der Brand muss für dich ebenso wie für die anderen ein Schock gewesen sein.«

»Für dich doch auch.«

»Mich kann nichts so leicht erschrecken«, sagte er ruhig. Es klang ehrlich, nicht so, als wolle er angeben. »Also geh schlafen. Und wenn du Angst bekommst, wir sind alle wach. Callum, Alasdair und ich passen auf.«

Er wirkte wie ein Clanführer aus historischen Filmen. Der starke Held, der seine Leute gegen alle Gefahren verteidigte. Jenna war davon überzeugt, dass er es mit jedem Gegner aufnehmen könnte. Sie musste sich dazu zwingen, in ihr Zimmer zu gehen.

An Schlaf war natürlich nicht mehr zu denken. Zu viel war geschehen, und nun, als alles vorbei war, wurde ihr bewusst, dass es auch weniger glimpflich hätte ausgehen können. Wenn sie nicht zufällig aufgewacht und den Widerschein der Flammen bemerkt hätte …

Jenna schauderte, zog die Bettdecke eng um sich. Nach etwa einer halben Stunde stand sie auf, zog sich an und schlich leise nach unten. Im Flur hing der Rauchgeruch. Auch wenn er nicht stärker als bei einem Lagerfeuer war, erinnerte er sie doch an die Ängste und den Schrecken, die das Feuer verursacht hatte. Bereits auf der Treppe hörte sie Stimmen und folgte dem Klang.

In der Küche saßen Caitriona, Craig, Alasdair, Hamish, Simon und Callum.

Craig stand sofort auf und zog ihr einen Stuhl zurecht. »Komm zu uns.«

»Danke.« Sie nahm neben ihm Platz und sah Simon an, der ihr gegenübersaß.

»Ich konnte auch nicht wieder einschlafen«, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage.

Caitriona stellte eine dampfende Tasse vor Jenna.

Alkoholgeruch stach ihr in die Nase. Beim ersten vorsichtigen Schluck brannte es in ihrer Kehle, dann breitete sich Wärme in ihrem Magen aus. Kein Zweifel, diese Mischung enthielt echten schottischen Whisky.

»Ah, da seid ihr also alle.« Lydia betrat die Küche, ebenfalls angezogen. Sofort wurden ein weiterer Stuhl und eine Tasse des teuflischen Gebräus für sie gebracht.

»Wenn ihr abreisen wollt, kann ich das nur zu gut verstehen«, sagte Caitriona. »Es gibt etwa zwanzig Meilen von hier eine weitere Pension.«

»Wir bleiben«, erklärte Lydia sofort. »Natürlich war das Feuer ein ziemlicher Schock, aber uns ist ja nichts passiert, das Haus steht auch noch.«

»Es könnte wieder passieren«, gab Caitriona zu bedenken. »Oder etwas anderes.«

Lydia winkte ab. »Ach was, überall kann etwas passieren. In Köln ist es auch nicht ungefährlich. Verkehrsunfälle, Kriminalität, Einsturz des Stadtarchivs, Hochwasser – und wir leben trotzdem noch.«

»Die Einstellung gefällt mir«, meinte Alasdair und schlug Lydia kameradschaftlich auf den Rücken.

Sie lächelte ihn an. »Guter Tropfen, übrigens«, meinte sie und prostete ihm zu. Alasdairs Augen leuchteten noch mehr.

* * *

Das Wetter meinte es gut mit ihnen. Nachdem sie im Hellen die Schäden begutachtet und sich den Tag über ausgeruht hatten, fuhr Jenna am darauffolgenden nach Huntly Castle, um den besten Platz für die nächsten Aufnahmen zu finden. Die Ruine bot eine perfekte Kulisse, allerdings würden sie darauf achten müssen, dass sie wirklich im Hintergrund blieb.

Während sie über das kurze, von der Sonne beschienene Gras schritt, dachte Jenna an die Nacht des Brandes. Bis zum Morgengrauen hatten sie gemeinsam in der Küche gesessen. Die Männer hatten viel erzählt, Alasdair von seinen Einsätzen als Firefighter und Craig davon, dass der Clan der Gordons, seine Vorfahren, einst an der Seite von Robert the Bruce gekämpft hatten, dem schottischen König, der für die Unabhängigkeit des Landes eingetreten war.

Jenna dachte an jene Zeiten, stellte sich vor, wie die Schotten mit ihren gezogenen Schwertern die Hügel hinabstürmten, sich auf den Feind stürzten und mutig um ihre Freiheit kämpften.

Das Geräusch von Schritten schreckte sie aus ihren Träumen. Sie wandte hastig den Kopf. »Craig! Hat Lydia dich geschickt? Soll ich Stellungen mit dir üben?« Sie schlug sich die Hand vor den Mund. »Ich meine natürlich Stellproben.«

Er schmunzelte und kam näher. »Ich bin zu allem bereit.«

Seine Worte lösten ein heftiges Prickeln in ihr aus. Sie war ebenso bereit. Sein Anblick verdrängte alles andere. Vergessen war die Aufgabe. Sie wollte Craig. Ihn küssen, ihn berühren, mit ihm die Liebe entdecken.

»Nun, wo soll ich mich hinstellen und wie?«, fragte er.

Jenna schluckte. Sie musste sich zusammenreißen. Schließlich konnte sie nicht einfach so über ihn herfallen. »Vielleicht hier rüber.« Sie deutete auf die Vorderfront der mächtigen Burgruine. »Wäre vom Licht her jedenfalls optimal.«

»So?« Er nahm eine Position ein, in der sein muskulöser Körper perfekt zur Geltung kam. Heute trug er hautenge Jeans und ein dunkelrotes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln.

Erneut musste Jenna schlucken. »Vielleicht etwas weiter nach links. Nein! Nicht so viel. Und den Kopf ein bisschen seitlicher halten.«

»Dann kann ich dich aber nicht ansehen.« Er lächelte ihr zu.

Jenna stellte sich vor ihn und dirigierte ihn mit den Händen in die entsprechende Position. Keine gute Idee. Kaum berührte sie ihn, verstärkte sich die Erregung in ihr um ein Vielfaches. Sie konnte nicht widerstehen, über seine Brust zu streichen. Heiß und hart fühlten sich die Muskeln an.

»Du spielst mit dem Feuer«, knurrte Craig. In seinen dunklen Augen schimmerte ein hungriger Glanz.

Jenna lächelte nur, stellte sich auf die Zehenspitzen und bot ihm ihre Lippen dar, legte gleichzeitig die Hände um seinen Nacken, um ihn an sich zu ziehen. Weich fiel sein langes Haar über ihre Finger.

Craig drückte seinen Mund auf ihren und stieß mit der Zunge vor. Sein Kuss war anders als Lydias. Weniger zurückhaltend, nicht tastend und vorsichtig. Dabei streichelte er sanft Jennas Rücken, während er sie so raffiniert küsste, dass sie das Gefühl hatte, dahinzuschmelzen. Ein süßes, sehnsüchtiges Gefühl erwachte in ihrem Schoß.

Als sich Craig von Jenna löste, seufzte sie leise und streichelte wieder über seine Brust. Es schien ihm zu gefallen, jedenfalls hielt er sie nicht davon ab. Mutiger geworden, ließ sie ihre Hand bis zu seinem Hosenbund gleiten und spürte, wie ein Zittern über seinen Bauch lief. Und wenn sie sich nicht täuschte, beulte sich seine Jeans gerade deutlich.

Jenna zögerte, dann gab sie ihrem Verlangen nach und strich über die Stelle. Leicht nur, aber das allein genügte, um die Hitze und Härte zu spüren. Ob er wohl ein ebenso riesiges Glied hatte wie Alasdair? Oder war das normal, was ihr bei dem Firefighter so groß erschienen war? Sie hatte bis dahin noch nie einen erregten Mann gesehen. Nur auf Fotos natürlich, schließlich hatte sie als Teenager wie ihre Klassenkameradinnen auch entsprechende Zeitschriften gelesen.

Craigs scharfes Einatmen ließ sie in sein Gesicht sehen. »Was ist?«

Er gab erneut ein Knurren von sich, dann packte er ihre Handgelenke. »Verdammt, Frau, merkst du nicht, wie du mich quälst? Ich sehne mich gerade sehr danach, in einen eiskalten See zu springen – oder mit dir zu schlafen.«

Seine Worte lösten eine Hitzewelle in ihr aus. »Ich will nicht, dass du in einen See springst«, flüsterte sie und strich wieder über seine Brust.

»Du weißt ja nicht, was du da sagst!«

»Doch, das weiß ich.« Fest sah sie ihn an und hielt seinem Blick stand. »Ich will dich.«

Craig senkte den Kopf und lehnte seine Stirn gegen ihre. »Ach Jenna. Süße, unschuldige Jenna. Ich mag kein Heiliger sein, aber ein solcher Mistkerl, dass ich dich ausnutze, bin ich dann doch nicht.«

»Was redest du denn da?« Sie stieß ihn ein Stück von sich, so dass sie ihn wütend anfunkeln konnte.

Sanft, aber doch fest, umfasste Craig ihre Oberarme. »Du bist eine wunderschöne junge Frau ohne sexuelle Erfahrungen. Sicher hast du entsprechende Träume und Vorstellungen. Die will ich dir nicht nehmen. Ich bin nicht der strahlende starke Held, den du in mir zu sehen glaubst. Ich bin nur ein Mann. Einer, der seine Arbeit und seine Verpflichtungen hat.«

»Was redest du denn da?« Wut regte sich in ihr. »Alles, was ich will, ist mit dir zu schlafen. Ich bin nur an deinem Körper interessiert.«

Er lachte leise, wurde dann jedoch wieder ernst und schüttelte den Kopf. »Du lügst nicht besonders gut.«

»Ich sage die Wahrheit!«

»Mag sein. Aber das ist nicht alles. Du träumst von einer romantischen Beziehung. Keiner schnellen Nummer.«

Sie zuckte zusammen und hoffte, dass er es nicht bemerkte. Natürlich wünschte sie sich Romantik und Liebe. Aber wenn sie das nicht haben konnte, dann wäre ihr auch ein Abenteuer mit dem Mann recht, den sie so sehr begehrte und … Sie wusste nicht, ob das Liebe war, was sie für ihn empfand. Doch sie mochte ihn, wünschte sich, von ihm berührt zu werden und ihn zu berühren. Wollte endlich dieses Begehren stillen.

»Mach dir diese Erfahrung nicht dadurch kaputt, dass du unüberlegt handelst.«

»So spontan ist mein Wunsch nicht. Ich denke schon länger daran, wie es wäre, wenn du mit mir schläfst, stelle mir vor, wie du …«

Craig verschloss ihren Mund mit einem Kuss. Im nächsten Moment hatte er sie hochgehoben.

»Craig … was machst du?«

»Ein bisschen Romantik zumindest möchte ich dir schenken.«

Sie legte eine Hand an seine harte Brust, spürte seine Hitze und seinen Herzschlag. So von ihm getragen zu werden, fühlte sich phantastisch an.

Auf einer von der Sonne beschienenen Wiese hinter der Burg ging er in die Knie, legte Jenna auf das weiche, warme Gras und streckte sich neben ihr aus, stützte sich auf einem Ellbogen ab und streichelte mit der anderen Hand über ihre Wange.

Jenna konnte kaum mehr atmen vor Aufregung. Nun würde es also geschehen. Sie würde wirklich zur Frau werden und das erleben, worüber sie bisher nur gelesen hatte.