Im Klavierzimmer in Paris

In der Rue Madame Nummer 29 wohnt Jean Camus allein in den fünf Zimmern der elterlichen Wohnung. Die Möbel, die Teppiche, die Bücher, die Bilder – alles scheint noch so zu sein wie am 4. Januar 1960, als wäre damals die Zeit stehen geblieben. Nur etwas älter, etwas zerschlissener, etwas durchlebter ist das Interieur, und Jean, der Bewohner dieser Dornröschenszenerie, ist nun ein zarter, schwarz gekleideter Herr Ende sechzig. Wir sitzen uns im Klavierzimmer gegenüber, auf dessen Balkon wurden die berühmten Fotos seiner Eltern gemacht, die Mutter in hochgeschlossener weißer Bluse und der Vater mit Pfeife im Mund, auf der Straße drei geparkte Automobile. Das war 1952.

Jean freut sich sehr, dass ich ihn besuche. Er geht kaum noch aus dem Haus, seit acht Jahren lebt er hier wie ein Einsiedler bei fast geschlossenen Fensterläden. Er schreibt, er hört Musik, er raucht, er liest. Neben dem durchgesessenen sandfarbenen Sessel, auf dem er sitzt, stapeln sich Zigarettenpackungen auf dem Beistelltisch. Stets griffbereit – die Bibel. Auch der Bechstein-Flügel Francines steht in Reichweite, auf dem Notenpult ein Foto von Robert Gallimard. Gestern, erzählt Jean, habe er sechzehn Stunden lang geschrieben, an seinen Tagebüchern, nur eine halbe Seite sei jedoch dabei herausgekommen. Jean kann lange Passagen aus dem Werk seines Vaters auswendig vortragen. Er rezitiert wie ein Schauspieler die Rede, die Meursault, der Fremde, dem Priester im Gefängnis hält. Dann eines der langen Mallarmé-Gedichte, in denen es um ein Grab, trockenes Laub und Städte ohne Abend geht. Er spricht von Kants Kritik der Urteilskraft, von Pascal, von Trotzki, von Freud, von C. G. Jung, von Liszt, Chopin, Schubert. Jean scheint ganz und gar aus Literatur und Musik zu bestehen. Er war wie seine Zwillingsschwester im Justizwesen tätig, hat zwei Kinder, sein Sohn David Camus ist Schriftsteller geworden – der griechische Glaube des Großvaters an die ewige Wiederkehr scheint hier weiterzuwirken.

Jean erinnert sich nicht an das letzte Weihnachtsfest mit dem Vater. Es sei ein Mysterium, sagt er, doch nach dem Schock sei alles wie ausgelöscht gewesen. Abgesehen davon sei sein Vater für ihn immer anwesend. Er höre seine Stimme. Er wäre gar nicht da, wenn er sich nicht an ihn erinnerte: «Ich bin Erinnerung». Auch Jean spricht mit jenem wunderbaren Camus-Pathos, das bei ihm nicht so apodiktisch wie bei seiner Schwester, sondern sehr poetisch ausfällt, als habe Jean die geheimnisvolle und lyrische und Catherine die harte und nüchterne Seite des Vaters übernommen.

Auch Jean behauptet, nicht schwer an seinem Namen zu tragen, obwohl er in der Schule wegen seines in Frankreich in den sechziger Jahren so verachteten Vaters stets schlechte Noten bekommen habe. Der Vater sei streng gewesen, er habe beispielsweise immer mit zwei Flaschen neben den Ellbogen essen müssen, um sich eine vorbildliche Esshaltung anzugewöhnen. «Papa» sei ein großer Schauspieler und ein schlechter Fußballspieler gewesen. Schnell in allen Bewegungen. Ein sehr guter Autofahrer. Wenn er etwas Definitives über seinen Vater äußern sollte, dann würde er einfach sagen: «Papa était un type bien», ein guter Typ, der niemals kleinlich gewesen sei. Und dann sagt er schnell und wie nebenbei: «Ich habe ihn so geliebt». Ein Vermächtnis mag Jean nicht nennen, doch er erinnert sich genau der Lehre, die sein Vater ihm mit auf den Weg gab: Hab keine Angst!

Obwohl Jean mit der Welt vor seiner Tür offensichtlich gebrochen hat, wirkt er nicht zerbrochen. Er lebt zurückgezogen mit den Erinnerungen an seinen Vater, als wäre noch alles da. Manchmal erfüllt ihn ein einziger Ton, den er sich abends auf dem Flügel vorspielt. Das genügt. Sarkozy habe ihn besucht, wegen der Überführung der Gebeine ins Panthéon. Doch er sei sich sicher, sein Vater wäre außer sich vor Zorn, wenn man ihn ins Panthéon bringen würde. Und er gibt mir recht: Es geht um die Einfachheit. Zum Abschied zitiert er, mir zuliebe, noch einmal seinen Vater: «So hat mich jedes Mal, wenn ich den tiefsten Sinn der Welt zu erfühlen glaubte, vor allem ihre Einfachheit erschüttert.»

Camus: Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie
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