Himmel und Hölle
Die Erzählungen in Das Exil und das Reich sind im Ton von einer erstaunlichen Bandbreite – lyrisch, komödiantisch, delirierend, spröde. Thematisch spielen sie das Himmel-und Hölle-Spiel Camus’ weiter: Das Exil und das Reich sind die oberen und die unteren Ränge in seinem imaginären Welttheater, in dem alles seinen Platz findet zwischen Ja und Nein, Plotin und Hegel, Algier und Paris, Rom und Athen, Licht und Schatten.
Der Künstler Jonas in der Erzählung «Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit» muss sich mit einem der hinteren Plätze im Welttheater begnügen, denn er lebt in Paris. Gleich seinem biblischen Namensvetter wird er verschlungen, allerdings nicht vom Wal, sondern von den Pariser Salonlöwen, die seine enge Wohnung belagern. Umringt von Bewunderern, kann der Künstler nicht mehr arbeiten. Er flieht mit seiner Staffelei ins Kinderzimmer, ins Schlafzimmer, in die Duschkabine, die Meute ständig auf den Fersen. Rettung bringt ein kleiner Holzverschlag auf halber Zimmerhöhe, ein Miniatur-Himmelreich, in dem Jonas endlich vor seinen Bewunderern sicher ist. Das letzte Bild, an dem er dort im Dämmerlicht arbeitet, bleibt so weiß wie die leere Seite, vor der Camus sich so fürchtet. Auf der Mitte des Bildes steht in winziger Schrift ein Wort, das entweder «solitaire» oder «solidaire», entweder «einsam» oder «gemeinsam», heißen kann.
Diese Erzählung ist der erste und einzige in Paris angesiedelte literarische Text im Werk Camus’, doch wagt sein Held sich nur drei Absätze lang aus der Wohnung heraus in die Stadt, bevor er sich, in seinem Verschlag lebend, begräbt wie Camus in der Rue de Chanaleilles. Das Selbstporträt ist unverkennbar.
Sisyphos trug seinen Stein, als brauche ein Mann dazu nichts als ein wenig Entschlossenheit. Nunmehr gestattet Camus seinen Figuren, unter der Last zusammenzubrechen. In der Erzählung «Der treibende Stein» will ein alter Mann in Iguape ein Gelübde erfüllen und schleppt bei einer Prozession einen sechzig Kilo schweren Stein, doch seine Kräfte versagen. Der europäische Ingenieur, der ihn begleitet, übernimmt den Stein an seiner Stelle und trägt ihn, nicht wie gewünscht ins christliche Gotteshaus, sondern in die Hütte des Alten. Die zweite große Stein-Metapher im Werk Camus’ deutet den Sisyphos-Mythos um: Man muss sein Schicksal nicht allein, man darf es auch gemeinsam tragen – wenn der Weg nicht zu weit ist.
Ein letztes Mal bleibt Camus sich in diesen Erzählungen darin treu, in überlebensgroßen Gleichnissen, Parabeln und Legenden zu erzählen. Luftdicht eingeschlossen in allegorische Parallelwelten – in einer Gefängniszelle, hinter einer Pestmauer, in einer Wüstenoase, in einem Holzverschlag, auf einem einsamen Berg –, stellen sich seine Figuren den großen Sinnfragen.
In der Erzählung «Der Gast» lebt ein Nachfahre des «Fremden» allein auf einer Anhöhe mit weitem Blick über die algerische Hochebene. Der Dorfschullehrer Daru, «der in seiner abgelegenen Schule ein beinahe mönchisches Dasein führte, zufrieden mit dem so wenigen, das er besaß, und mit der Rauheit seines Lebens»[264], lehnt den Auftrag ab, einen Araber, der ihm von der Gendarmerie wie ein Hund mit einem Strick um den Hals übergeben wird, im nächsten Dorf der Justiz auszuliefern.
Er befreit den Araber von seinen Fesseln, versorgt ihn mit Essensvorräten und führt ihn an eine Kreuzung. Gen Süden leben die Nomaden und die Gastfreundschaft. Gen Osten erreicht man die französische Präfektur und das Gefängnis. Der Gefangene möge sich, so bedeutet ihm der Lehrer, seinen Weg selbst suchen. Daru wandert in seine Klause zurück. Der Araber schlägt den Weg nach Osten ein. Zu Hause haben Fremde auf die Wandtafel des Lehrers geschrieben: «Du hast unseren Bruder ausgeliefert. Das wirst du büßen». Darus und Camus’ Versuch, Algerien durch eine «Ethik der Gastfreundschaft» zu versöhnen, wie sie der algerische Philosoph Jacques Derrida vierzig Jahre später entwerfen wird[265], ist gescheitert. Im letzten Satz heißt es: «In diesem weiten Land, das er» – der Dorfschullehrer – «so sehr geliebt hatte, war er allein.»
Die Bilanz der sechs Erzählungen ist niederschmetternd: Einem Helden ist die Zunge abgeschnitten worden («Der Abtrünnige oder Ein verwirrter Geist»), dem nächsten der Lebensraum («Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit»), dem dritten das Lebensrecht («Der Gast»), der vierte verliert seinen Stein und auch den Elan, mit dem im Werk dieses Autors einmal Steine geschleppt wurden («Der treibende Stein»). Das Ende der Reise ist in allen Erzählungen eine Sackgasse, eine Höhle, eine Hütte, ein Holzverschlag. Es fehlt nur noch der Sarg – Catherine Sellers hat berichtet, ihr Geliebter habe in diesen Jahren und insbesondere nach der Nobelpreisverleihung sehr ernsthaft mit Selbstmordgedanken gespielt. Das wortkarge Heroentum, das Camus und seine Figuren Meursault, Sisyphos, Dr. Rieux und Tarrou zu Ikonen einer männlichen, desillusionierten Nachkriegsmoderne gemacht hat, stößt Ende der fünfziger Jahre an eine Grenze. Und Camus ist feinfühlig genug, die Zeichen der Zeit zu lesen.
Als sich das schwedische Nobelpreiskomitee im Erscheinungsjahr des Erzählungsbandes dafür entscheidet, den erst 43-jährigen Albert Camus zu ehren, behaupten böse Stimmen, er erhalte den Nobelpreis für ein «abgeschlossenes Werk». Selbst der alte Freund Pascal Pia meldet sich mit der Ansicht zu Wort, aus Camus sei ein «weltlicher Heiliger» geworden, der den Preis für einen «überholten Humanismus» erhalte. Und in diesem einen Fall waren Camus und seine Kritiker sich sogar einig, wenn sie meinten: Von dem Mann kommt nichts mehr.