Eine Reise zu den Berbern
Im Mai und Juni 1939 erscheint im Alger républicain eine elfteilige Artikelserie über die Lebensumstände der Berber in der Kabylei, die ersten drei Folgen auf der Schlussseite, alle nächsten sogar auf der Titelseite.
Zum ersten Mal bereist Camus das Hinterland Algeriens, zum ersten Mal kommt er durch Gegenden, in denen niemand Französisch spricht, zum ersten Mal sieht er derart großes Elend.
Die Kabylei ist eine Gebirgsregion im Osten Algeriens, in der seit der Antike Berberstämme zu Hause waren, die sich sogar gegen die römischen und arabischen Eroberer immer wieder erfolgreich zur Wehr setzen konnten. Noch den französischen Kolonisatoren haben die Berber der Kabylei lange widerstanden, Frankreich konnte das Gebiet erst 27 Jahre nach der Besatzung Algeriens vollständig einnehmen. Die Franzosen bemühten sich seither, den Widerstand der Berber durch deren absichtlich herbeigeführte Verelendung zu brechen.
Camus’ Reportage unter dem Titel «Das Elend der Kabylei» beginnt wie zum Hohn im Stil des gehobenen kolonialen Feuilletons: «Wenn man sich den ersten Hängen der Kabylei nähert, die um ihren natürlichen Mittelpunkt gruppierten kleinen Dörfer betrachtet, die Männer in ihren weißen Wollgewändern, die von Kakteen, Oliven- und Feigenbäumen gesäumten Wege, diese Einfachheit des Lebens und der Landschaft, den Einklang zwischen den Menschen und seiner Erde, dann denkt man unwillkürlich an Griechenland.»[96]
Das sind die vertrauten mediterranen Idyllen, vertraut in den Ohren der gebildeten Söhne der Kolonialmacht, die ihre Heimat idealisieren, ohne sehr viel mehr von ihr zu kennen als die französischen Wohnviertel der Küstenstädte. Doch diesmal benötigt Camus keine zwei Absätze, um von den weißen Wollgewändern der Männer zur Kloake in den Dörfern zu gelangen, von den mit Olivenbäumen gesäumten Wegen zu den alten Frauen, die auf diesen Wegen jeden Tag stundenlang barfüßig unterwegs sind, um einen Krug Wasser nach Hause zu tragen. «Das Elend in diesem Land ist entsetzlich», schreibt der Reporter, dem nun die raue Seite der Wirklichkeit einfachen Lebens begegnet. In einem der schönsten Landstriche der Welt leidet ein ganzes Volk an Hunger und lebt von öffentlichen Zuwendungen. Oder lebt auch nicht, denn was Camus beschreibt, ist eher ein Dahinvegetieren. Kinder, die in der Schule vor Hunger in Ohnmacht fallen. Familien, die mit ihren Tieren in lichtlosen Hütten auf dem nackten Boden schlafen. Frauen, die bei der Entbindung unter Qualen sterben, weil der nächste Arzt viele Esel-Stunden entfernt ist. Der fassungslose Reporter stammelt immer und immer wieder einen Refrain:
«Niemals erschien mir das Gesicht des Elends verzweifelter.»
«Es gibt kein verzweifelteres Schauspiel als dieses Elend.»
«Die Menschen sprechen ausnahmslos nur von einem, und das ist das Elend.»
So hatte noch kein Franzose über das Leben der Ureinwohner Algeriens gesprochen. Camus schreibt nüchtern, persönlich und unversöhnlich. Er benutzt das ungeschützte Ich, auf das der New Journalism sich drei Jahrzehnte später viel einbilden wird, spricht von seinen Gefühlen und Erfahrungen. Da Camus weder Arabisch noch eine der Berbersprachen beherrscht, ist er auf einen Übersetzer angewiesen. Er fragt wie ein Ethnologe, der auf einen unbekannten Volksstamm getroffen ist: Wo ist Ihr Schlafplatz in der Hütte? Wie viele Kilometer müssen Sie laufen, um Wasser zu bekommen? Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal ein Auto gesehen? Backen Sie das Fladenbrot mit Wasser oder mit Öl? Wie viele Schüler sind in einer Klasse? Er rechnet aus, wie viele Stunden ein kabylischer Arbeiter arbeiten muss, um zehn Franc zu verdienen, und vergleicht den Lohn von Männern und Frauen. Er kritisiert die schlechte Schulsituation. Er findet heraus, wie viele Ärzte in den Gemeinden für wie viele Einwohner zuständig sind: In Tizi-Ouzou ist es einer für 45000 Menschen, in Michelet einer für 90000, in Boghni einer für 60000, in Sidi-Aïch einer für 125000. Er erkundigt sich nach der Kindersterblichkeit, die sehr hoch ist, und nach einem Abwassersystem, das gar nicht vorhanden ist: «Die Straßen sind Kloaken».
Was tun? Camus bleibt vage:
«Es genügt nicht zu sagen, dass man dieses Volk liebt. Liebe kann hier genauso wenig ausrichten wie Almosen oder gutgemeinte Worte. Hier geht es um Brot, Weizen, Hilfe, eine brüderliche Hand, die man reichen muss. Der Rest ist Literatur.»[97]
Der Wirklichkeitsschock irritiert die literarische Utopie von der algerischen Kolonie als einem mediterranen Garten der Kulturen. Obwohl Camus und Pia die Zustände in der Kabylei unerträglich erscheinen, denken sie nicht daran, im Alger républicain den Kolonialismus für das Elend verantwortlich zu machen oder gar die Unabhängigkeit Algeriens zu fordern. Eine solche Idee liegt jenseits ihres politischen Horizonts. Die Vorschläge des Reporters bleiben am unmittelbaren Problem orientiert – man müsse die Produktion der Trockenfeigen verbessern, den Unterdrückten Kredite und den Zugang zu französischen Bildungsanstalten gewähren. Für Camus ist die Kabylei ganz selbstverständlich ein Teil Frankreichs, und den Berbern wünscht er, sie sollten schnellstmöglich Franzosen werden: «Wenn man die Assimilation wirklich will, wenn man wirklich will, dass dieses ehrwürdige Volk französisch wird, darf man es nicht länger von den Franzosen trennen.»[98]
Solche Worte waren Skandal genug. Das Blatt wird nach dem Ende der Volksfrontregierung von der Pressezensur scharf beobachtet. Die Presseoffiziere haben im Frühsommer 1939 allerdings andere Sorgen, als sich um einen algerischen Journalisten zu kümmern, der sich für hungernde Berber interessiert. Camus erlangt mit diesen Reportagen lokale Berühmtheit. Er hat als einer der ersten französischen Journalisten offen über den Preis berichtet, den die Kolonisierten für ihre Kolonisation zahlen. In sein letztes Buch, das er zwanzig Jahre später herausgeben wird – die Algerische Chronik (Actuelles III) –, wird er sieben der elf Texte aufnehmen.