René Char und das Nachleben der Sonne

Ende Dezember, kurz vor der Abreise nach Paris in den ersten Januartagen 1960, kommt René Char in Begleitung seiner Freundin Tina Jolas zu Besuch. Er bleibt den ganzen Tag über in Lourmarin, am Abend fährt er die 30 Kilometer im Wagen zurück, die Lourmarin von L’Isle-sur-la-Sorgue trennen. Zum Abschied sagt Camus: «René, was auch immer geschieht, sorgen Sie dafür, dass unser Buch existiert!»[302]

Der Freund wird diesen letzten Auftrag nicht sofort ausführen nach dem 4. Januar 1960. Es werden noch fünf Jahre vergehen, bis René Char sein Versprechen erfüllt und das Buch, von dem Camus zum Abschied sprach, in einer Liebhaberausgabe von 120 Exemplaren veröffentlicht wird. Bei Gallimard erscheint es erst 1986 unter dem Titel La postérité du soleil. Was es damit auf sich hat, ist schnell erzählt.

[Bild vergrößern]

Camus mit René Char, Ende der vierziger Jahre

René Char lernte zu Beginn der fünfziger Jahre die junge Schweizer Fotografin Henriette Grindat kennen und ermutigte sie, seine provenzalische Welt in Schwarzweißfotografien festzuhalten – Gesichter, Steine, Gräser, Wege, Bäume, Häuser in und um L’Isle-sur-la Sorgue. Da Camus seit 1948 seine Sommer in der Nähe von Char in L’Isle-sur-la-Sorgue verbrachte, entstand der Plan eines gemeinsamen Gesamtkunstwerks aus Poesie und Bild, das nun zum poetischen Vermächtnis wurde, zum Dokument einer Freundschaft und einer gemeinsamen Poetik des Elementaren. Die Texte zu den dreißig Aufnahmen stammen zum größten Teil von Camus. Char hat korrigiert und ergänzt. Im Vorwort schreibt er: «Wie kann man, ohne sie zu verraten, die einfachen Dinge zeigen, die sich zwischen Dämmerung und Himmel abzeichnen?»[303] Char und Camus entschieden sich für eine aufs Nötigste reduzierte auratische Bildsprache: «Der Tag neigt sich, die Blätter knirschen. Sie warten noch, du liebst sie besser von hier aus. Sprechen trennt auch.» Oder: «Hier lebt ein freier Mensch. Niemand schuldet ihm etwas.»

In der Ruhe dieser asketischen Texte und archaischen Bilder sollen die von der Politik und Kultur wie von zu starken Genussmitteln betäubten Sinne wieder erwachen. Mit spröder Zärtlichkeit beschwört Camus noch einmal die weltverlorenen Sehnsuchtsorte, an die er denkt, wenn er behauptet, dass «jeder Künstler in seinem tiefsten Inneren eine Quelle besitzt, die sein Leben lang speist, was er ist und was er sagt».[304] Das südliche Licht, das die schwarzweißen Aufnahmen von Henriette Grindat mit seinem Glücksversprechen erleuchtet, zeigt die Welt wie am ersten Tag, befreit vom Zellophanpapier, in das man in Europa alles Lebendige verpackt hat.

Camus: Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie
titlepage.xhtml
part0001.html
part0002.html
part0003.html
part0004_split_000.html
part0004_split_001.html
part0004_split_002.html
part0005.html
part0006.html
part0007.html
part0008_split_000.html
part0008_split_001.html
part0008_split_002.html
part0009.html
part0010.html
part0011.html
part0012.html
part0013_split_000.html
part0013_split_001.html
part0014.html
part0015.html
part0016.html
part0017.html
part0018_split_000.html
part0018_split_001.html
part0019.html
part0020.html
part0021.html
part0022.html
part0023_split_000.html
part0023_split_001.html
part0023_split_002.html
part0024.html
part0025.html
part0026.html
part0027.html
part0028.html
part0029_split_000.html
part0029_split_001.html
part0029_split_002.html
part0030.html
part0031.html
part0032.html
part0033.html
part0034.html
part0035.html
part0036_split_000.html
part0036_split_001.html
part0037.html
part0038.html
part0039.html
part0040.html
part0041.html
part0042.html
part0043.html
part0044.html
part0045_split_000.html
part0045_split_001.html
part0046.html
part0047.html
part0048.html
part0049.html
part0050.html
part0051.html
part0052.html
part0053.html
part0054.html
part0055.html
part0056.html
part0057_split_000.html
part0057_split_001.html
part0058.html
part0059.html
part0060.html
part0061.html
part0062.html
part0063.html
part0064_split_000.html
part0064_split_001.html
part0065.html
part0066.html
part0067.html
part0068.html
part0069.html
part0070.html
part0071.html
part0072_split_000.html
part0072_split_001.html
part0072_split_002.html
part0073.html
part0074_split_000.html
part0074_split_001.html
part0075_split_000.html
part0075_split_001.html
part0076_split_000.html
part0076_split_001.html
part0077_split_000.html
part0077_split_001.html
part0078.html
part0079.html
part0080.html
part0081.html
part0082.html
part0083.html
part0084.html
part0085.html
part0086.html
part0087.html
part0088.html
part0089.html
part0090.html
part0091.html
part0092.html
part0093.html
part0094.html
part0095.html
part0096.html
part0097.html
part0098.html
part0099.html
part0100.html
part0101.html
part0102.html
part0103.html
part0104.html
part0105.html
part0106.html
part0107_split_000.html
part0107_split_001.html
part0108_split_000.html
part0108_split_001.html
part0109_split_000.html
part0109_split_001.html
part0110.html