Heimkehr nach Tipasa
Camus ist auf dem Rückzug – das hatte Sartre richtig erkannt. Paris, das sind Maria und Francine, Sartre und Beauvoir (die ihn in ihrem Schlüsselroman Die Mandarine von Paris bloßstellen wird), sind seine Freunde, die Gallimards, seine Sekretärin, die «Labiche», die lichtlose Wohnung in der Rue Madame und die zwei kleinen Zimmer nebst Küche in seiner möblierten Junggesellenunterkunft in der Rue de Chanaleilles 4, dritte Etage, in denen Camus jetzt vor allem wohnt. Die Schlacht mit Sartre ist das Ereignis der Saison 1953 gewesen. Und niemand – außer seinem Freund Michel – hatte sich im Sartre-Verlag Gallimard offen auf seine Seite geschlagen. Dem Mannschaftsspieler fehlt sein Team. Seit Camus den Combat verlassen hat, fühlt er sich Jahr für Jahr einsamer. Aber er hat noch eine wichtige Verabredung mit sich selbst.
Zweimal fährt er zu Beginn der fünfziger Jahre nach Algerien – ein Mann im vorgerückten Alter auf der Suche nach den magischen Orten seiner Jugend, auf der Suche nach sich selbst, nach neuem Leben und alten Wahrheiten. Er fährt allein im Wagen durch die menschenleeren südlichen Territorien des Atlas und die Wüstenstädte der Sahara. Er läuft im Winterregen die Strände ab, besucht die alten Cafés, sieht in die alt gewordenen Gesichter und erschrickt vor den matronenhaften Bäuchen seiner Freundinnen von einst. Camus weiß natürlich, dass man nie zurückkehren kann. Das französische Algerien mochte hundert Jahre alt sein, doch nach dem Massaker von Sétif sah man nun überall die Fahne mit dem algerischen Stern und dem Halbmond wehen. Das Algerien, in dem Camus jung war, gibt es nicht mehr. Was er sucht, nennt er deswegen auch nicht «patrie», Heimat, sondern «terre natale», die Erde seiner Geburt, die geistige Landschaft, in der er zu Hause ist. In einem späteren Vorwort zu seiner algerischen Jugendprosa Licht und Schatten spricht er von der «Quelle in seinem tiefsten Inneren», vor deren Versiegen er sich in diesen Krisenjahren am meisten fürchte.
«Jeder Künstler besitzt nämlich in seinem tiefsten Inneren eine einzige Quelle, die sein Leben lang speist, was er ist und was er sagt. Wenn die Quelle versiegt, sieht man das Werk allmählich krustig und rissig werden. Undankbarer Boden der Kunst, den der verborgene Strom nicht mehr berieselt! Das Haar wird spärlich und spröde, der stoppelbekränzte Künstler ist reif für das Schweigen – oder die Salons, was auf das Gleiche herauskommt.»[249]
Camus ringt um sein künstlerisches Überleben. Die Pest liegt fünf Jahre zurück. Die Pariser Aufführungen seiner Stücke Das Missverständnis (1944), Der Belagerungszustand (1948) und Die Gerechten (1949) waren zum Teil zwar gut besucht, bei der Kritik jedoch durchgefallen. Die anstrengende Arbeit am Revolte-Essay, das unermüdliche Engagement für verfolgte Intellektuelle, Anarchisten und Kriegsdienstverweigerer, die Vortragstourneen durch Nord- und Südamerika, die Verletzungen durch die Pariser Barrikadenkämpfe nach der Publikation des Essays – all das, was ein bewegtes, urbanes Intellektuellenleben in diesen Jahren ausmacht und beflügelt, lähmt ihn nur.
In den wenigen Filmaufnahmen, die es von ihm aus dieser Zeit gibt, begegnet man einem tadellos gekleideten, seiner selbst sehr sicheren Menschen, der mit Leichtigkeit und einer Spur ironischer Blasiertheit einen Text aufsagt, der so einstudiert wirkt, als spiele ein Schauspieler den erfolgreichen Autor Albert Camus. Das berühmte Foto des Magnum-Fotografen Henri Cartier-Bresson, dem sich Camus’ Ruf als Humphrey Bogart der Literatur verdankt, zeigt einen ein bisschen zu gut frisierten, leicht über sich selbst amüsierten, grandiosen Selbstdarsteller.
Doch hinter dieser kontrollierten, unnahbaren Medienikone steckt ein Mensch, der nicht mehr gern der ist, der er ist; und nicht mehr leben will, wo er lebt. An René Char schreibt er: «Paris wird mehr und mehr zu einem Krankenhaus, in dem alles denselben Geschmack und denselben Geruch hat.»[250] In der Rue de Chanaleilles nimmt er das Telefon nicht mehr ab. Char, der bei seinen Parisaufenthalten im selben Haus wohnt, schiebt gelegentlich einen Antwortbrief unter der Tür durch. Camus möchte sein Leben «auf das Wesentliche beschränken».[251]
In dieser Lage veröffentlicht er 1954 ein kleines Buch, das zu seinen schönsten überhaupt zählt: Heimkehr nach Tipasa (L’Été). Mit diesem damals wenig beachteten Nebenwerk, das auf seine kurzen Besuche in Algerien zurückgeht, versucht er an das nietzscheanische «Ja zur Erde» seiner frühen poetischen Algerienessays Noces (Hochzeit des Lichts) von 1938 anzuknüpfen. Doch zwischen den beiden Büchern liegen ein Weltkrieg, das Pariser Exil, der Kalte Krieg, eine unglückliche Ehe, eine internationale Autorenkarriere und das Café de Flore – Camus kommt nach Hause wie eine Figur Heinrich von Kleists, die die Reise um die Welt gemacht hat und sehen möchte, ob das Paradies vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.
Es ist weiterhin ein europäisiertes Algerien, das Camus in diesen Essays und Städteporträts feiert: In Algier promenieren leicht gekleidete Mädchen auf den Boulevards; Oran wird als Stadt «ohne Vergangenheit» bezeichnet, was nur heißen kann, dass die Vergangenheit der algerischen Ureinwohner für den Autor noch immer nicht zählt.
In den später entstandenen Texten des Bandes verbringt ein Gereifter und Gealterter ein paar romantische Ferientage, um das Land der Griechen, seine Seelenheimat («patrie de l’âme»), mit dem Mietauto zu suchen. Nach zwanzig Jahren steht er im strömenden Regen erneut in Tipasa, der römischen Ruinenstadt, zwischen den roten Säulen und erzählt sein Leben vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis zu diesem Tag:
«Am 2. September 1939 war ich nicht, wie ich sollte, nach Griechenland aufgebrochen. Der Krieg hingegen war bis zu uns gedrungen und hatte dann auch Griechenland überflutet. […] Aufgewachsen im Anblick der Schönheit, die mein einziger Reichtum war, hatte ich in der Fülle begonnen. Dann war der Stacheldraht dazwischengekommen, das heißt die Tyrannei, der Krieg, die Polizei, die Zeit der Revolte. Man musste mit der Nacht leben lernen: die Schönheit des Tages war nur noch eine Erinnerung. Und in diesem schlammigen Tipasa verwischte selbst die sich noch. Aber es gab sie doch wirklich einmal, die Schönheit, die Fülle und die Jugend! Im Schein der Feuersbrünste hat die Welt plötzlich ihre Falten und ihre Wunden gezeigt, alte und neue. Sie ist mit einem Schlag gealtert und wir mit ihr. […] Dann ging ich nach Paris und blieb einige Jahre, bevor ich wieder heimkam. Doch spürte ich dunkel in all diesen Jahren, wie mir etwas fehlte. Wer je das Glück gehabt hat, einmal heftig zu lieben, wird sein Leben verbringen auf der Suche nach dieser Glut und diesem Licht. Der Verzicht auf die Schönheit und auf das sinnliche Glück, das mit ihr verbunden ist, der ausschließliche Dienst am Unglück verlangen eine Größe, die ich nicht habe.»[252]
Er fuhr noch ein zweites Mal nach Tipasa. Diesmal war das Wetter klar. Zwischen den verwitterten Steinen und wilden Wermutsträuchern hindurch sah er das in der weißen Dezembersonne gleißende Meer. Die Vögel sangen, die Eidechsen raschelten durchs Gras. Der lang entbehrte Zauber stellte sich ein, die Ekstasen und Geheimnisse, die für Augenblicke aus ältesten Zeiten herüberzuwehen scheinen. Ein paar Tage später saß er im Flugzeug nach Paris und zog in der Rue de Chanaleilles die Tür hinter sich zu.
Camus’ Heimkehr nach Tipasa ist nach der stilistischen Askese des Fremden und dem weiß gekachelten Chronistenton der Pest ein besonders persönliches und poetisches Buch, das ungeschützt die algerische Mystik eines erlösungsbedürftigen Pariser Kultautors in privater und künstlerischer Krise beschwört. Die seinen Verfasser quälende Frage, wie sich die uralten Emphasen und Träume von den elementaren Dingen, von Erde, Himmel und Sternen, ohne die er sich lebendig begraben fühlt, in ein modernes Leben mit Sekretariat, Großstadtverkehr, Etagenwohnung und Lektoratskonferenz überführen lassen, bleibt indes weiter ungelöst.
«Ich bin nicht modern», schreibt er in diesen Wochen trotzig ins Tagebuch – und ist es natürlich doch. Die vielen Briefe, in denen er um Milde für politische Gefangene und selbst für politische Gegner bittet, die vielen Vorworte, Nachworte und Vorträge, der Journalismus, der ihn bald wieder gefangen nimmt, die Herausgabe seiner politischen Essays in den drei Bänden der Actuelles – sein tagtäglicher «Dienst am Unglück», wie er sein Pariser Autorenleben nennt, hält ihn in der Gegenwart fest. Der alte Grieche und der moderne Pariser bleiben unversöhnt. Wie er auch zeitlebens ein Algerier in Frankreich und ein Franzose in Algerien bleiben wird. Das Exil wird seine Heimat. Camus beklagt und lebt diese Widersprüche. Paradoxien sind für ihn die eigentliche Lebensquelle. Und die beste Lösung ist ja noch immer die Sisyphos-Lösung: Was nicht zu ändern ist, muss man aushalten.
Bleibt die Immobilienfrage. In dem Tipasa-Essay gibt es eine Stelle, die den Immobilienbeauftragten Char interessieren müsste:
«Das Geheimnis, das ich suche, ist in einem Tal mit Olivenbäumen vergraben, unter dem Gras und den kühlen Veilchen, bei einem alten Haus, das nach Weinranken duftet».[253]
Während sein Haus im Lubéron noch gefunden werden muss, gibt es in der neuen Essaysammlung schon einmal einen für Camus ungewöhnlich spirituellen Text über die provenzalische Landschaft, in der er wie sein Freund René Char heimisch werden möchte. Darin spekuliert er über das «glückhafte Geheimnis» der Welt. Im Zentrum des Universums stehe nicht die karge Sinnlosigkeit, sondern das «Rätsel, das heißt ein Sinn, der schwer zu verstehen ist, weil er blendet». Sein eigener Lebensroman als Nachkriegsheld des Absurden und der Hoffnungslosigkeit ist ihm in jeder Hinsicht verleidet; als alternder Star sehnt er sich zurück nach der namenlosen elementaren Welt seiner Herkunft: «Im schwärzesten Pessimismus sehe ich nur Gründe, ihn zu überwinden. Nicht aus Tugend noch aus einer seltenen Seelengröße heraus, sondern aus instinktiver Treue zu dem Licht, in dem ich geboren wurde und in welchem seit Jahrtausenden die Menschen gelernt haben, das Leben zu bejahen bis in seine Leiden hinein.»[254] Er porträtiert sich als der Abkömmling eines paradiesischen Erdzeitalters, der sein schreckliches Jahrhundert nur ertrage, weil im Herzen seines Werkes, auch wenn es dunkel sei, eine «unversiegbare Sonne» strahle.
In diesem kurzen, «Das Rätsel» genannten Text geht es um die Gerüche der Erde, die Stille, das Blau des Himmels, die Klarheit des Lichts, das Schweigen der Steine. Die Themen und Träume seiner Jugend kehren in der Krise der letzten Lebensjahre mit Macht zurück – die Griechen und alles, was der Erzähler über sie bei Nietzsche gelernt hat, seine Gedanken über die nordafrikanischen Philosophen Plotin und Augustinus, Greniers ostasiatischer Einfluss und die Utopie einer mediterranen Internationale. Camus trägt in diesen Essay alles hinein, was er benötigt für sein letztes großes Buch, von dem er glaubt, dass mit ihm sein Werk überhaupt erst beginne. Seit Jahren ist in den Tagebüchern davon die Rede, am 15. März 1954 erzählt er einem Reporter der Gazette de Lausanne, dass er jetzt an dem wichtigsten Buch seines Lebens arbeite – Der erste Mensch.