Noces – die Hochzeit des Lichts
Die vier kurzen lyrischen Prosatexte, die Camus 1939 in einer Auflage von 225 Exemplaren unter dem Titel Noces (Hochzeit des Lichts) in der Edition seines Freundes Edmond Charlot in Algier herausbrachte, gehören zu den schönsten Texten seines Werkes. Es ist nach L’Envers et l’Endroit (Licht und Schatten) sein zweites Buch und hat nicht mehr dessen sympathische Schutzlosigkeit, sondern ist bis in den Satzrhythmus hinein durchkomponiert. Das belegen auch die zahlreichen Korrekturen der Manuskriptfassungen. Drei dieser Essays führen an algerische Schauplätze, der letzte, «Wüste» überschrieben, in die Toskana. Entstanden sind sie in der Zeit, als Camus nicht mehr im Fleischerhaushalt lebt, sondern als Dandy in Anzug und Fliege durch Algier und seine Frauenbetten vagabundiert. Sie gehen zurück auf Reisen, die er mit der algerischen Jeunesse dorée nach Florenz und Tipasa unternahm, und auf einen Ausflug mit der Baronin Marie Viton, die den mondänen Jungautor zu einer Besichtigung der römischen Ruinen mit dem eigenen Flugzeug nach Djemila flog. Sie erzählen von einer Überschwänglichkeit und einem Übermut, den der Verfasser längst verloren hat und mit seinen Freundinnen für die Fotokamera nur noch nachstellt.
Der Eröffnungsessay, «Hochzeit in Tipasa», ist eine Meditation über die römische Ruinenstätte Tipasa, knapp 70 Kilometer östlich von Algier hoch über dem Meer gelegen. Der erste Satz dieses Essays ist berühmt: «Im Frühling wohnen in Tipasa die Götter.» Camus hat für die Feier des Lichts, der glühenden Landschaft aus Meer, Hibiskus, Teerosen, Zypressen und Kiefern einen antiken Hintergrund gewählt. Wie alle algerischen Bücher Camus’ – und Camus hat beinahe ausschließlich algerische Bücher geschrieben – versteht man sie nur, wenn man sie auch liest als ein Zeugnis poetischer Landeskunde.
Tipasa – eine phönizische Handelsniederlassung, römische Kolonie und frühchristliche Pilgerstätte, die vom Chenoua-Massiv überragt wird – ist ein touristisches Ausflugsziel für die Bewohner von Algier und ein kompliziertes historisches Monument: Die Ruinenstätte war Zeugnis der Überlagerung und Vernetzung dreier Hochkulturen, also alles andere als der geeignete Ort für die Feier des geschichtslosen Augenblicks eines mystischen Naturerlebens. Camus vertieft die komplexe historische und weltanschauliche Ausgangslage nicht, doch er versucht, die geistige Flughöhe zu halten.
Der Essay badet in den Gerüchen der Erde, er singt von der Liebe und der Freude, die vom Himmel aufs Meer niedergehen, er wirft sich in die Wermutbüsche, atmet ihren Duft.
Im Tagebuch des Jahres 1938 findet man eine geheimnisvolle Notiz zu Noces: «Es ist die Aufgabe des Menschen, den großen, von den Göttern verlassenen Tempel mit unbenennbaren Idolen nach seinem Bilde zu bevölkern: diese ungeheuerlichen Idole der Freude, Antlitz der Liebe und tönerne Füße».[32] Es ist die Aufgabe des Menschen – so schreibt Camus in diesen Jahren gern.
Mit diesen Essays meldet Camus zum ersten Mal den Anspruch an, im Gespräch der Geister über die letzten Dinge auf den vorderen Plätzen mitzureden. Er spricht vom Tod, von der Hoffnung, von der Angst, von der Wahrheit, der Wollust und der Askese, von der Heimat der Seele, dem Evangelium aus Stein, Himmel und Wasser. Betrachtet man ihn auf Fotografien aus dieser Zeit, wie er da steht in Tipasa, neben den Freundinnen, abgemagert und bleich, in heiteren Posen, möchte man ihm zustimmen, wenn er schreibt: «Ich aber weiß hier und jetzt, dass ich nie nahe genug an die Dinge der Welt herankommen werde.»[33]