Tag 48 – Funkensturm

6. März 2139: Kurze Zeit nach dem Scheitern des Biosphäre-3-Projektes startet die NASA einen vierten Anlauf. Biosphäre 4 soll insgesamt fünf Jahre laufen und dazu beitragen, weitere Kenntnisse über künstlich erschaffene Biotope zu liefern. Die in den letzten Jahren eigenhändig dafür entwickelte Pille »Concernless« soll dieses Mal einen Abbruch des Projektes aufgrund von Meinungsverschiedenheiten im Team verhindern.

Ich versuche mich aufzurappeln. Ascheflocken schweben neben mir zu Boden. Es ist fürchterlich heiß, das Atmen fällt mir schwer. Ich kämpfe mich hoch, mein ganzer Körper tut weh. Meine Seite brennt. Meine Augen tränen. Ich stolpere blind durch den dichten Qualm. Mein Herz rast panisch in meiner Brust.

Was ist passiert? Wo sind die anderen?

Plötzlich stolpere ich und stürze in einen Hügel aus Asche. Schwer atmend bleibe ich liegen. Ich huste und versuche wieder hochzukommen.

Wenn ich hier nicht rauskomme, ersticke ich.

Als ich mich aufrichte, wird der Schmerz in meiner Seite übermächtig. Ächzend presse ich meine Hand auf die Wunde, rappele mich auf, taumele weiter. Schmecke Blut in meinem Mund.

Ein schrilles Klingeln erfüllt meine Ohren, etwas Warmes läuft aus ihnen heraus und meinen Hals entlang.

Vor mir, durch Schleier von dunklem Qualm, sehe ich eine Gestalt auf mich zukommen. Jemand packt mich am Arm und zerrt mich mit sich.

Wind kommt auf, weht den Rauch von mir weg. Ich atme tief ein, fülle meine Lunge mit frischer Luft. Ich werde weitergezogen, um eine Kurve herum, die Luft wird klarer, kälter. Zu kalt. Ich zittere unkontrollierbar. Spüre jede Nervenfaser meines Körpers vibrieren und zerreißen.

Ich werde vorsichtig an einer Wand zu Boden gelassen.

Ich blinzele nach oben und erkenne Tara, die etwas sagt.

Tara hat mich aus dem Qualm geholt.

Ich versuche zu erkennen, was sie sagt, doch das schrille Pfeifen in meinen Ohren ist zu laut. Stattdessen probiere ich etwas zu sagen, doch mein Mund ist zu trocken.

Tara redet weiter. Ich konzentriere mich auf die Bewegung ihrer Lippen.

»Bleib liegen!«, formen sie deutlich. »Beweg dich nicht!«

Warum hast du das getan?, will ich sie fragen. Warum hast du das getan?

»Jeanne«, sagt Tara da. Der Klang dringt verworren und unklar in meinen Kopf.

»Du kannst sie nicht retten. Also gib auf. Bleib liegen.«

Tara steht auf. Ich will sie festhalten, ich habe Fragen, so viele Fragen. Und eine Bitte. Bitte nehmt sie mir nicht weg. Doch sie ist schon verschwunden. Ich bleibe alleine zurück und fühle mich, als hätte mich die Explosion in zwei Teile gerissen. Ich war am weitesten von dem Ding entfernt, mich hat Tara noch aus dem Qualm holen können. Aber was ist mit Anne und Kathe? Was ist mit Mike, Bat und Mo?

Ich quäle mich hoch und werde dabei vor Schmerz fast zerfressen. Mit einer Hand stütze ich mich an der Mauer ab, kämpfe mich Schritt für Schritt zurück.

Ein Blick in die Gasse beantwortet meine Frage. Glühende Hitze strömt mir entgegen. Die Häuser am Rand brennen lichterloh. Ziegel, Mauerteile und glimmendes Holz liegen verstreut vor meinen Füßen.

Ich wage einen Schritt hinein und taumele gleich zurück, als mich eine Mauer aus Hitze und Qualm trifft. Es riecht nach Feuer und verbranntem Fleisch.

Ich will schreien, bringe aber kein Wort heraus.

Ich fliehe vor der Hitze und rutsche an einer Wand zu Boden. Meine Tränen vermischen sich mit dem Ruß auf meinen Wangen.

Das ist das Ende.

Ich habe Angst. Furchtbare Angst.

Was ist da gerade passiert?

Plötzlich höre ich eine Stimme unter mir und stolpere erschrocken ein paar Schritte zurück.

»Sie muss hier irgendwo sein!«, höre ich einen Mann rufen.

»Sie ist bestimmt in einem der Häuser.«

»Na toll, und in welchem?«

»Wir können nicht jedes Haus abgrasen!«

»Soll Tara sie doch selber suchen, wenn sie so wichtig ist. Am besten, wir gehen zurück zu den anderen. Vielleicht hatten die ja mehr Glück.«

»Wenn man vom Teufel spricht, da vorne kommt sie«, flucht der erste Mann.

»Warum geht ihr nicht an eure Funkgeräte?« Taras schrille Stimme hallt durch die Gasse.

Sie. Sie will den Brunnen abstellen. Sie will mich kriegen. Um jeden Preis.

»Ich habe euch mehrmals angefunkt, und ihr habt nicht geantwortet! Und wo zum Teufel ist das Mädchen? Muss man hier denn alles selber machen?!«

»Wir haben sie verfolgt und fast erwischt, aber dann ist sie aus einem Fenster –«

»Mich interessiert nicht, wie ihr sie verloren habt! Mich interessiert, wo sie ist!«

»Das wissen wir nicht, wir dachten –«

»Ihr denkt anscheinend gar nichts, sonst hättet ihr sie aufgehalten! Ich gehe sie alleine suchen. Und ihr kümmert euch jetzt um diejenigen, die es bei der Explosion erwischt hat. Und wehe ihr lasst jemanden entkommen!«

Wütende, stampfende Schritte entfernen sich. Einen Augenblick herrscht Ruhe.

»Meine Güte, was hat die denn für ein Problem?«

»Keine Ahnung. Lass uns verschwinden, bevor sie wiederkommt.«

Schritte entfernen sich, und es wird wieder still.

Ich bleibe, wo ich bin.

Mit meiner unverletzten Hand hebe ich meinen Pulli hoch und reiße ein Stück Stoff von meinem Top ab. Notdürftig wickele ich es um meine rechte Hand, die bereits blutverschmiert ist.

Wo ist eigentlich mein Gewehr? Ich muss es irgendwo liegen gelassen haben. Und was hat Tara gesagt? Eine Explosion?

Was jetzt? Gehen ist riskant, Bleiben auch. Vielleicht warte ich, bis Tara sich entfernt hat. Mit ein wenig Glück kommen Mo und Mike noch. Wir könnten beraten, was wir machen, und ich wäre nicht mehr alleine. Seufzend schließe ich meine Augen. Mein Kopf fühlt sich schwer an.

Plötzlich höre ich eine Tür quietschen. Direkt unter mir. Schnell stehe ich auf und bleibe, die Augen zur Tür gerichtet, stehen. Bestimmt ist es Mike. Oder Mo.

»Jeanne! Ich weiß, dass du hier drinnen bist! Komm raus. Wir haben deine Brüder. Das Spiel ist vorbei!«

Tara.

Mit zusammengepressten Lippen schaue ich mich um. Ich habe kein Gewehr, nichts. Um mich herum liegen nur Kissen, Matratzen, Tücher und das schmale Brett, das unter die Tür geklemmt war. Auf Zehenspitzen husche ich zur Balkontür und hebe das Brett auf. Es ist schwerer, als ich gedacht habe. Seltsamerweise beruhigt mich das Gewicht in meiner Hand. Ich atme tief ein und stelle mich in den Schatten der Tür. Das Brett zum Schlag erhoben.

»Jeanne! Verdammt, tu nicht so, als ob du nicht da wärst! Ich weiß, dass dein Kumpel hier wohnt!«, ruft Tara und kommt langsam die Treppe hoch. Ich kann das Holz knarren hören.

»Jeanne? Jeanne, komm endlich her. Du weißt, dass ich dir nichts Böses will. Wir passen gut auf dich und deinen Bruder auf, und all deine Freunde dürfen normal weiterleben.«

Ihre Stimme wird weich, sanft und verlockend.

Ich beiße meine Zähne fester zusammen und frage mich, ob ich wirklich bereit bin, für das, was ich vorhabe.

»Hier bin ich!«, rufe ich.

»Warte, ich komme!«, antwortet sie.

Ich trete einen Schritt von der Tür weg, das Brett fest in der Hand. Dann öffnet sich die Tür.

Taras Hand sehe ich zuerst und die Waffe, die sie fest zwischen ihren Händen hält. Dann tritt sie ganz in den Raum, ihre Augen huschen suchend umher.

Entweder sie oder ich, denke ich und hebe das Brett über meinen Kopf.

»Überraschung!«, knurre ich. Sie fährt herum, da hole ich Schwung und knalle ihr das Brett seitlich an den Kopf.

Tara schreit vor Überraschung und Wut auf und stolpert zurück. Ich setze nach und trete ihr in den Bauch, keuchend klappt sie zusammen. Mit aller Kraft stürze ich mich auf sie und winde die Waffe aus ihren Händen. Sie hält sich verbissen daran fest, aber am Ende bin ich stärker. Ich springe hoch und will fliehen, da krallt sich ihre Hand um mein Fußgelenk. Der Länge nach knalle ich auf den Boden, die Waffe ungelenk an den Bauch gepresst.

»Miststück!«, keift sie und zieht mich zu sich heran.

Ich trete gegen ihren Arm und reiße meine Beine von ihr weg. Fast gleichzeitig springen wir auf. Bevor sie reagieren kann, hebe ich die Waffe und ziele auf ihren Kopf.

Tara lacht heiser, in ihren Augen funkelt Wahnsinn.

»Du kannst es nicht«, sagt sie und leckt sich nervös über ihre Lippen. »Du wirst nie abdrücken. Du bist keine Mörderin.«

Ich entsichere mit einem leisen Klick die Pistole.

Tara erstarrt.

»Ach ja? Du glaubst, ich kann das nicht?«, frage ich schwer atmend. »Du glaubst, ich traue mich nicht?«

Taras Brustkorb hebt und senkt sich schnell unter ihren hektischen Atemzügen.

»Erschieß mich ruhig. Es wird nichts ändern. Deine Brüder sind schon bei uns. Deinen geliebten Ian hat es bei der Explosion erwischt. Ja, sieh mich nicht so entsetzt an, ich habe dich gewarnt«, sagt sie. »Warum konntest du nicht einfach auf mich hören? Du hast uns gar keine andere Wahl gelassen als anzugreifen. Dachtest du wirklich, wir lassen dich einfach abhauen?«

»Was ist mit Ian?«, frage ich und hasse mich dafür, dass meine Stimme zittert.

»Was mit ihm ist?«, Tara schüttelt den Kopf. »Er hat uns angegriffen, mit einer ganzen Horde. Wir haben eine Granate auf sie geworfen, was hätten wir auch anderes tun können? Meine Leute wollen auch nur am Leben bleiben. Warum mussten sie uns auch angreifen?«

»Weil ihr sie einfach sterben lassen wollt!«, schreie ich wütend. »Du hast gesagt, du willst nur mich und meine Brüder. Der Rest ist dir egal, warum müssen sie dann sterben? Warum müsst ihr dann den Brunnen abschalten?«

Taras Gesichtszüge erstarren. »Ich habe gesagt, dass ich dich und deine Brüder retten werde. Vom Rest war nie die Rede.«

Bebend vor Wut richte ich weiter die Waffe auf sie. »Was ist mit Ian?«

»Er stirbt«, sagt Tara ruhig. »Ein Splitter hat sich bei der Explosion in seinen Bauch gebohrt, und er hat Verbrennungen an den Händen. Vermutlich ist auch sein Trommelfell geplatzt. Ich glaube nicht, dass …«

»HALT DEN MUND!«, schreie ich sie an.

»Er –«

»HALT SOFORT DEINEN MUND

»Sonst was? Du drückst ja doch nicht ab.«

Ich starre sie an, sie wirkt angespannt und beobachtet mich lauernd. Die Waffe in meiner Hand zittert. Verkrampft bemühe ich mich, die Waffe ruhig zu halten, doch meine Hand zittert immer mehr.

»Du bringst mich ja doch nicht um. Ein kleiner Teil in dir weiß, dass du diese Menschen ebenso auf dem Gewissen hast wie ich.«

»Nein, habe ich nicht«, widerspreche ich. »Das ist eine Lüge.«

»Wirklich? Wenn ich an allem schuld bin, warum tötest du mich dann nicht einfach?«

Kurz hadere ich mit mir. Tara sieht mich aus großen Augen an und wird blass. Einen Moment lang sehe ich die Angst in ihren Augen, dann reiße ich die Pistole herum und schieße an die Wand.

Tara schreit schrill auf und wirft sich, die Hände auf die Ohren gepresst, auf den Boden. Ich lasse sie dort liegen, stürme aus dem Zimmer und poltere die Treppe hinunter. Die Zimmerdecke wird es überleben. Unten angekommen platze ich in die Gasse hinaus und renne los. Hinter mir zerreißt Taras wütender Schrei die Stille. Ich rase um eine Ecke herum, dann um noch eine. Renne eine Gasse entlang, die kein Ende zu nehmen scheint. Dann macht sie einen Bogen, und ich stehe plötzlich in einer Sackgasse. Sofort wirbele ich herum und renne zurück, renne wieder durch den Bogen und bleibe schlitternd stehen.

Blut läuft aus der Platzwunde an ihrem Kopf, wo ich sie mit dem Balken getroffen habe, doch Tara steht vollkommen sicher auf ihren Beinen.

Ich hebe die Pistole.

»Geh aus dem Weg, dieses Mal ziele ich nicht an die Decke.«

»Nur zu. Du hast keine Patronen mehr!«, ruft sie schadenfroh.

Ich zucke zusammen.

»Du bluffst!«

Sie zuckt mit den Schultern. »Probier es aus!«

Ich entsichere, ziele auf eine Hauswand und drücke ab. Es klickt, sonst nichts.

»Hab ich es dir nicht gesagt? Du hättest besser gleich auf mich zielen sollen.«

Ich werfe die Waffe weg, klappernd kommt sie auf dem Boden auf.

»Schade, nicht wahr? Jetzt hättest du mich ein für alle Mal beseitigen können und hast deine Chance verpasst. Willst du wissen, wer die Granate geworfen hat?«

Abwartend sehe ich sie an, meine Lippen fest zusammengepresst.

»Ich«, sagt Tara ruhig. »Und ich würde es wieder tun, um jene zu schützen, die mich gerettet haben. Und wenn Ian an seinen Verletzungen stirbt, ist er nur einer von vielen, die sterben mussten, weil du nicht auf mich gehört hast!«

Mit einem wütenden Schrei stürze ich mich auf sie und werfe sie zu Boden. Ich will meine Hände um ihren Hals schließen, doch sie krallt sich in meinen Haaren fest und rollt mich herum. Ich schlage ihr ins Gesicht und treffe ihren Wangenknochen. Tara zischt wütend und knallt meinen Kopf gegen das Pflaster. Benommen bleibe ich liegen. Sie blockiert meine Beine mit ihren und drückt mir ihren Unterarm gegen den Hals.

»Du kommst jetzt mit zu uns, ob du willst oder nicht«, sagt Tara keuchend.

Tobend stemme ich mich gegen sie, doch sie hält mich weiter am Boden fest.

»Hör auf dich zu wehren, es ist doch nur zu deinem Besten!«

Mit einem Schrei bäume ich mich auf und werfe Tara von mir hinunter, wälze mich auf sie und klemme jetzt sie unter mir fest. Ich packe sie an ihrem Kragen und hebe ihren Kopf zu mir hoch, während sie panisch versucht, meine Hände von sich zu lösen.

Plötzlich kommt alles wieder in mir hoch: Mums tote Augen, die in den Himmel starren. Rufus, der inmitten von Patronenhülsen sitzt und langsam verblutet. Meine Brüder auf dem Auge. Mike, der wegrennt, um mich zu retten. Und Ian. Ian, der in einer Gasse liegt und stirbt.

Ein Schrei voller Wut und Schmerz verlässt meine Lippen. Ein Schleier scheint sich vor meine Augen zu legen und, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, knalle ich Taras Kopf auf das Pflaster.

Sie ist schuld. Sie hat es selbst zugegeben. Sie ist schuld. Sie hat die Granate geworfen.

Erneut prallt ihr Kopf auf das Pflaster, da lösen sich ihre Hände auf einmal von meinen Armen und fallen schlaff zu Boden.

Schwer atmend bleibe ich einen Moment bewegungslos sitzen. Dann springe ich hoch. Dunkles Blut läuft unter Taras Haaren hervor und färbt das Pflaster rot. Angst und Panik umklammern mein Herz. Meine Hände zittern unkontrollierbar. Was habe ich getan? Ich taste nach der schmerzenden Stelle an meinem Hinterkopf. Sofort spüre ich etwas Klebriges an meinen Fingerspritzen. Taumelnd stolpere ich zur Wand und stütze mich ab.

Ich atme tief ein und aus, nicht panisch werden. Was jetzt? Wohin? Ich schaue herunter zu Tara. Die Blutlache wird immer größer, kriecht langsam auf mich zu.

Ich renne los, erreiche das Ende der Gasse und stürme in Richtung Dorfrand. Mit jedem Schritt ziehe ich pfeifend Luft in meinen schmerzenden Hals. Bloß weg. Weg von ihr. Ich schicke all die angestaute Angst und Panik in meine Beine.

Mein Herz wummert im Takt meiner Füße gegen meine Brust. Jeder Schritt drückt Namen in den Nebel meiner Gedanken. Mum. Tilo. Dan. Mike. Ian. Mum ist tot. Meine Brüder gefangen. Mike ist nicht zu seinem Haus gegangen, wahrscheinlich hat der Biosphärianer ihn erschossen. Ian. Ian stirbt gerade.

Ich renne weiter. Mir scheint es, als könnte ich ewig laufen, immer weiter. Und wieder komme ich an den toten Biosphärianern vorbei. Es ist wie ein Fluch, der mich immer wieder an dieselben Stellen zurückzieht. Ich suche Rufus, kann ihn jedoch nicht finden.

Vielleicht ist er aufgestanden?

Oder er ist tot, und ich habe mich nur verlaufen.

Bei dem Biosphärianer mit dem Baum am Handgelenk halte ich kurz inne, um sein Gewehr aufzuheben. Dann laufe ich weiter, immer weiter.

Schließlich erreiche ich den Strand.

Mein Herz rast.

Ich stehe da und bin gefangen vom Moment. Der Himmel ist in ein sanftes Gelb getaucht, das sich in Schatten von Orange bis zu einem blassen Rosa verfärbt. Das Rosa geht über in ein helles Blau, in dem kaum erkennbar noch die Sterne der Nacht funkeln.

Ohne groß darüber nachzudenken, streife ich meinen Pulli über meinen Kopf. Ich will den Wind noch einmal an meinen Armen spüren, will die Luft tief einatmen.

»Es ist vorbei«, flüstere ich und fühle mich auf eine seltsame Art erleichtert. Es ist vorbei.

Wir hatten Hoffnungen, die zerbrochen sind.

Wir hatten einen Plan, der gescheitert ist.

Und was bleibt jetzt noch übrig?

Ich gehe hinunter zum Wasser. Das Auge wirkt, als würde es auf etwas warten. Auf Tara? Sie wird nicht kommen. Auf mich?

Als für einen Augenblick selbst der Wind schweigt, fühle ich mich wie eingeschlossen in eine große Wolke, in der die Zeit stehen geblieben ist. Meine Beine laufen weiter, ohne zu wissen, wohin.

Langsam drehe ich den Kopf zum Auge. Die Luke öffnet sich. Es war nur eine Frage der Zeit, es musste unweigerlich Verstärkung folgen. Mit einem schicksalsergebenen Seufzer bleibe ich stehen, während eine Gruppe Biosphärianer das Auge verlässt. Ich entsichere das neue Gewehr in meiner Hand.

Noch einmal schaue ich aufs Meer hinaus. Sauge den Anblick des Sonnenaufgangs in mir auf. Das Geräusch der Wellen, den Wind auf meiner Haut.

Danach hebe ich langsam das Gewehr, woraufhin eine Kugel direkt vor mir einschlägt und Sand auf meine Schuhe spritzt. Sie wollen mich warnen. Wovor? Vor ihrem Auge? Vor ihren Regeln? Ihrem Leben? Ihren Kugeln? Von alledem fürchte ich das Letzte am wenigsten.

Langsam laufe ich los. Die Biosphärianer in ihren schwarzen Anzügen sind nur anonyme Schatten für mich.

Vier Schritte. Fünf Schritte. Ich kann ihre Gesichter nicht sehen, doch ich kann fühlen, wie ihre Finger nervös am Abzug zucken. Sechs. Sieben. Acht.

Etwas Nasses läuft über meine Wangen. Neun. Ich beiße fest auf meine Lippen, alles verschwimmt. Zehn.

»Es tut mir leid«, wimmere ich. »Mum, es tut mir leid. Ich kann nicht stark sein. Nicht mehr.«

Verkrampft atme ich ein. »Tilo, Dan, es tut mir leid. Aber ich kann nicht, ich kann nicht mit euch kommen. Ich kann nicht. Ian, es …«

Meine Stimme versagt. Ich blinzele, um wieder mehr sehen zu können. Ich will meine Augen dabei offen haben. Ein letztes Mal lasse ich ihre Gesichter vor meinem inneren Augen vorbeiziehen, dann ziele ich in den blauen Himmel und schieße.

Etwas schlägt mit voller Wucht in meine Seite. Mir bleibt sofort die Luft weg, und ich falle auf die Knie in den Sand.

Tränen schießen in meine Augen. Wimmernd presse ich meine Hände auf den Bauch und kippe seitlich weg. Gekrümmt liege ich auf dem Rücken. Schmerzen jagen durch meinen Körper, und warmes Blut sickert aus der Wunde an meinem Bauch.

Ich lebe. Nein, nein, nein. Warum lebe ich noch? Schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen.

Ein Biosphärianer taucht über mir auf. Ich atme pfeifend aus und versuche wieder Luft zu holen. »Verdammt! Wer von euch hat mit Kugeln geschossen? Ihr solltet sie nur mit Gummigeschossen betäuben oder wenigstens auf die Beine zielen!«

»Wird sie überleben?«

»Keine Ahnung! Scheiße!«

Der Biosphärianer beugt sich zu mir. »Ihr hattet keine Chance. Was habt ihr euch dabei gedacht?«

Ich weiß, denke ich. Ich weiß. Ich befeuchte meine trockenen Lippen mit meiner Zunge und versuche ihm zu sagen, dass es meine Schuld ist, doch die Worte wollen meinen Mund einfach nicht verlassen.

»Helft ihr hoch!«

Ihre Hände packen mich an meinen Armen und ziehen mich hoch. Ein unerträglicher Schmerz durchfährt meinen Körper. Sie schleifen mich vorwärts, ich beiße fest auf meine Lippe und schmecke Blut. Der Schmerz frisst sich brennend in mich hinein. Er glüht in mir, doch unter dem Schmerz spüre ich etwas noch Stärkeres. Wut. Angst. Das Auge kommt mit jedem Schritt näher. Ich kann da nicht rein, ich kann nicht, ich will nicht. Ich atme scharf ein und ziehe meine Arme mit einem Ruck weg.

Nach zwei holprigen Schritten packen sie mich noch fester.

»Halt endlich still!«, flucht der Mann links von mir.

Plötzlich knallt es. Der Mann, der gerade gesprochen hat, gibt einen gurgelnden Laut von sich und kippt nach vorne. Benommen drehe ich mich um, eine Gestalt läuft auf uns zu. Eine Gestalt ohne Overall, rußverschmiert und taumelnd.

Eine Gestalt mit dunklem Haar und goldener Haut.

Mein Herz setzt aus, verstummt, dann rast es mit gewaltigen Schlägen gegen meine Brust.

»Nein!«, presse ich zwischen meinen Lippen hervor.

Ich versuche mich loszureißen, doch der zweite Mann umklammert mich so fest, dass ich mich kaum bewegen kann.

»LASST MICH LOS!«, schreie ich und löse mich, doch Hände packen mich von hinten und versuchen mich weiterzuzerren. Ich versuche mich unter Schmerzen aus ihrem Griff zu winden.

Ian lebt, er lebt. Die Biosphärianer entsichern ihre Gewehre. Ian lebt.

Ich komme frei, stolpere auf Ian zu. Ihre Finger krallen sich in meinen Arm, ich stemme mich mit meinem ganzen Gewicht gegen sie, dann höre ich Stoff reißen, stürze nach vorne, bis sie mich wieder packen. Ian bleibt nur wenige Meter entfernt von mir stehen, das Gewehr hoch erhoben. Dann schießt er. Seine Augen erfüllt von abgrundtiefem Hass.

»Erschießt ihn endlich!«, brüllt einer.

Ian lässt kurz sein Gewehr sinken, dann geht er weiter auf mich zu.

»IAN! NICHT!«, schreie ich. Er bleibt stehen, die Augen weit aufgerissen. »DREH UM! LAUF

Er zögert, dann wischt er sich über seine Augen und schüttelt kaum merklich den Kopf. Er hört nicht auf mich, warum hört er nicht auf mich? Präzise entsichert Ian sein Gewehr, hebt es hoch und schießt. Noch ein Knall erfüllt die Luft, erneut höre ich jemand schreien. Dann hebt der Biosphärianer neben mir sein Gewehr.

»NICHT SCHIESSEN! BITTE! NICHT SCHIESSEN!«, schreie ich.

Doch es ist zu spät.

Ein lauter Schuss zerreißt die Luft, die Welt um mich herum versinkt in farblosem Rauschen. Mitten in der Bewegung erstarrt Ian und taumelt zurück. Ungläubig schaut er auf seinen Oberkörper. Ein dunkler Fleck frisst sich langsam durch den Stoff seiner Jacke.

Meine Beine geben nach. Schmerzhaft krallen sich ihre Finger erneut in meine Arme, halten mich aufrecht. Ian macht einen taumelnden Schritt auf mich zu, die Gewehrmündung des Biosphärianers speit eine zweite Kugel aus. Der Knall schlägt wie eine Kugel in meiner eigenen Brust ein. Ich kann nur noch schreien.

Ian schaut mich an, seine Lippen formen lautlos meinen Namen. Ich verstumme. Einen Moment lang sehen wir uns in die Augen. Dann lächelt Ian und kippt wie in Zeitlupe nach vorne in den Sand. Nein, denke ich. Nein.

Und mein Herz schlägt weiter. Immer weiter.

Jemand umschließt mich von hinten mit seinen Armen. Ich sehe etwas aufblitzen. Jemand umklammert meinen Arm, in der Hand eine Spritze. Ich sehe sie an, sehe ihn an.

Die Spritze bohrt sich in meinen Arm.

Ich atme langsam aus. Es ist vorbei. Ich sehe zu Ian, doch er bewegt sich nicht mehr. Er liegt einfach nur da.

Still. Zu still.

»Ian«, flüstere ich.

Dann wird alles schwarz.