
Panisch rasen wir den Strand entlang. Sandkörner fliegen zu allen Seiten, während wir uns schwer atmend durch den weichen Sand kämpfen. Ian ist mir mittlerweile ein paar Schritte voraus und zerrt mich an der Hand mit sich.
»Rüber!«, keuche ich.
Ian wirft mir über die Schulter einen verständnislosen Blick zu.
»Wir müssen zum festen Sand!«, rufe ich.
Da begreift er und zieht mich mit sich Richtung Wasser.
Keuchend sprinten wir weiter. Wasser spritzt an meinen Waden hoch. Das Summen hinter uns schwillt zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen an. Hektisch werfe ich einen Blick über meine Schulter. Es kommt näher. Ich zwinge meine protestierenden Beine noch schneller zu laufen. Jeder Atemzug löst einen Stich in meiner Lunge aus, nach Luft schnappend haste ich weiter.
Vor uns kann ich jetzt meine Familie sehen, die immer noch am Strand steht. Wir rennen auf sie zu, das riesige Ding direkt hinter uns.
Mein Bruder hat die anderen beschützend hinter sich geschoben und schaut, das nackte Grauen ins Gesicht geschrieben, auf den Schatten hinter uns.
»TILO! LAUFT!«, schreie ich.
Ian stolpert, doch mein fester Griff hält ihn auf den Beinen.
»Zum Haus!«, keuche ich.
Ian versteht, schlägt einen Haken und rennt auf unser Haus zu. Er umklammert meine Hand so fest, dass es wehtut.
Keuchend hole ich Luft, mein Hals fühlt sich wund an, ich habe das Gefühl zu ersticken. Unser Haus kommt immer näher. Ian zerrt mich entschlossen weiter.
Nur noch zehn Meter. Fünf. Ich reiße die Tür auf, schubse Ian herein und stürze hinterher.
Dann dränge ich ihn nach rechts in die Küche und falle atemlos auf den Fußboden. Ian ziehe ich mit mir zu Boden.
Die Tür knallt erneut gegen die Hauswand, einen Wimpernschlag später stolpern Tilo, Dan, Mum, Mike und Nathalie herein. Die Küche ist erfüllt von unseren pfeifenden Atemzügen. Ich presse beide Hände in meine Seiten und schaue rüber zu Ian, der neben mir auf den kühlen Fliesen liegt. Seine Atmung beruhigt sich allmählich, er sieht mir in die Augen und richtet sich dann auf. Ich hieve mich ebenfalls hoch und taumele zum Fenster.
Das monströse Ding schwebt über dem Strand, genau da, wo meine Familie vor ein paar Sekunden noch gestanden hat. Von Mo, Sandra und George ist keine Spur zu sehen. Das Ding glänzt schwarz, ist länglich geformt und hat zwei gigantische radähnliche Schrauben an der Seite, die sich rasend schnell drehen.
»Scheiße!«, flucht Ian neben mir. »VERDAMMT!«
»Ian, was ist das?«, frage ich keuchend, meine Stimme zittert.
»EIN AUGE! VERDAMMT!!«, brüllt Ian. »Ein verdammter Späher der Biosphärianer!«
In der Küche wird es totenstill, alle Augen sind auf Ian gerichtet.
»Augen sind Expeditionsflieger der Biosphärianer. Sie kommen regelmäßig auf die Erde und schauen, wie sich das Klima verändert, ob die Menschen noch leben und ob sie irgendwann wieder zur Erde zurückkehren können«, erklärt Ian etwas ruhiger, als er die fragenden Gesichter sieht.
Ich drehe mich zu ihnen um und übersetze schnell, was er gesagt hat; augenblicklich fangen alle an, wild durcheinanderzureden.
»Wie damals«, flüstert meine Mutter. »Es ist wie damals.«
»Mum, was ist wie damals?«, hake ich nach, doch sie dreht sich um, schiebt Tilo und Nathalie zur Seite und geht aus der Küche.
»MUM?«, rufe ich, doch sie ist schon verschwunden.
»Lass sie«, sagt Tilo. »Sie kommt schon wieder zurück.«
»Ja, aber was ist, wenn sie rausgeht?«
»Warum sollte sie rausgehen?«
»ES LANDET!«, ruft Mike.
Wie in Zeitlupe gehe ich zum Fenster.
Langsam sinkt das Ungetüm zu Boden. Ein Wirbel aus Staub und Sandkörnern hebt sich in die Luft und umhüllt das Ding. Das Summen wird leiser.
Dann ist es still.
Staub und Sand werden vom Wind weggetragen, und die Silhouette des Auges ist wieder sichtbar. Es schwebt nur noch ein kleines Stück über dem Boden, dunkle Träger, die aussehen wie die Beine einer Spinne, werden ausgefahren.
Mit einem Ruck sackt es das letzte Stück nach unten und die Träger kommen mit einem Dröhnen, das den gesamten Boden vibrieren lässt, am Strand auf.
Das Auge ist gelandet.
»Was jetzt?«, fragt Mike ratlos.
Niemand antwortet.
»Warte, da öffnet sich was«, sagt Tilo.
Es wird noch etwas ausgefahren, das aussieht wie eine Rampe. Kaum ist sie vollends ausgefahren, wird sie von einer Gestalt betreten. Die große Entfernung lässt weder ihr Alter noch ihr Geschlecht erahnen. Der Mensch läuft die Rampe hinunter, winkt energisch, woraufhin mehrere andere ihm folgen. Insgesamt zähle ich fünf Personen, die schließlich etwas wacklig im Sand stehen. Die Person, die zuerst die Treppe heruntergestiegen ist, scheint Anweisungen zu erteilen, und auf ein erneutes Winken von ihr setzt sich die Gruppe in Bewegung.
»Ich muss die anderen warnen!«, sagt Ian und stürzt auf die Tür zu.
Instinktiv strecke ich meinen Arm aus und kralle mich an seinem Shirt fest.
»Geh nicht!«, sage ich eindringlich. »Du weißt nicht, was diese Menschen vorhaben, es ist zu gefährlich.«
Ian sieht wenig überzeugt aus. Nervös leckt er sich über die Lippen.
»Die anderen haben keine Ahnung!«
»Ian! Das ist absolut sinnlos! Wer weiß, was die Biosphärianer mit dir machen, wenn sie dich sehen! Die Biosphärianer wissen nicht, dass die anderen hier sind. Sie wissen aber, dass du hier bist!«
»Natürlich wissen sie, dass wir da sind. Sie haben ja unser Schiff gesehen!«, antwortet er und schüttelt meinen Arm ab.
»Sie haben das Schiff gesehen, na und? Sie wissen nicht, dass ihr da drauf wart.«
»Doch«, widerspricht Ian. »Vor ein paar Tagen sind sie über uns drübergeflogen. Damals war ich mir nicht sicher, ob es wirklich ein Auge ist.«
»Moment«, sage ich langsam. »Heißt das, ihr habt das Ding hierher geführt?«
Ian schüttelt vehement den Kopf.
»Nein! Jedenfalls nicht mit Absicht. Ich weiß es nicht. Aber ich muss die anderen warnen.«
»Oh nein. Du bleibst hier!«
»Nein«, antwortet er entschlossen. »Ich komme nicht noch einmal zu spät.«
Mit diesen Worten reißt er die Tür auf. Ich stürme hinter ihm her.
»Zu spät wofür?«, rufe ich, doch er rennt einfach durch die Tür.
»IAN, WARTE!«, schreie ich, aber er rennt bereits über den Strand auf den anderen Teil des Dorfes zu. Mit einer Hand im Türrahmen bleibe ich stehen und sehe hilflos, wie Ian sich entfernt. Ich bin jedoch nicht die Einzige, die ihn sieht.
Die Biosphärianer zeigen aufgeregt auf ihn. Einer von ihnen rennt los, die anderen traben noch unentschieden, ob sie wirklich eine Verfolgung aufnehmen wollen, ein paar Schritte mit.
Einen Wimpernschlag zögere ich, dann, ohne wirklich darüber nachzudenken, was ich gerade tue, stürme ich los.
»JEANNE! BLEIB STEHEN!«, brüllt Tilo, aber ich renne weiter.
Ian hat mittlerweile gesehen, dass die Biosphärianer ihn bemerkt haben, und legt noch einen Zahn zu. Keuchend versuche ich Schritt zu halten und sehe, dass die Biosphärianer mittlerweile alle wieder stehen geblieben sind und jetzt zu mir sehen.
Ian schlägt nun einen Haken und rennt in eine Gasse. Wahrscheinlich hofft er, dass er die Biosphärianer im Gewirr der Gassen abhängen kann.
Schwer atmend komme ich einige Meter hinter ihm am Dorfrand an. Ein hastiger Blick über die Schulter zeigt, dass die Biosphärianer nach wie vor an derselben Stelle stehen.
Mir wird erst bewusst, wie nahe ich ihnen bin, als ich ihre aufgeregten Stimmen höre. Anscheinend streiten sie sich.
Ich kann nichts Genaueres verstehen. Stattdessen versuche ich mich auf den Dorfrand zu konzentrieren, damit ich die Straße finde, die später in Ians mündet, aber deutlich kürzer ist als diese. Wenn ich ihm einfach so hinterherrennen würde, würde ich ihn nie einholen.
Als ich sie gefunden habe, sprinte ich los und tauche in den Schatten des Dorfes ein.
Kurz darauf kommt Ian um die Ecke gestürmt. Als er mich sieht, bleibt er überrascht stehen.
»Komm mit!«, fordere ich ihn auf und öffne die Tür des Hauses zu meiner Rechten.
»Was soll das?«, fragt Ian hinter mir.
»Das Haus hat einen anderen Ausgang, eine Gasse weiter«, antworte ich japsend und laufe durch das Haus hindurch.
»Was machst du hier?«, fragt er entsetzt.
»Irgendwer muss dir ja aus dem Schlamassel helfen.«
Wir befinden uns in einem dunklen Gang, von dem mehrere Türen wegführen. Als Ian die Tür hinter sich zuzieht, wird es fast schwarz.
»Das hättest du nicht tun dürfen«, keucht er zwischen zwei Atemzügen.
»Warum nicht? Du bist doch auch einfach losgerannt.«
»Ich will den anderen helfen«, wendet er ein.
»Und? Ich will eben dir helfen.«
Einen Augenblick sagt er nichts, dann seufzt er. »Gut, und was jetzt?«
Ich durchquere das Haus, ziehe die Tür zu der anderen Gasse auf und trete hinaus ins Sonnenlicht.
»Jetzt gehen wir hier lang«, antworte ich und deute nach links.
»So laufen wir wieder ins Dorf!«, protestiert Ian hinter mir.
»Ich dachte, du willst den anderen helfen!«, entgegne ich.
»Ja, aber in den Straßen sind die Biosphärianer!«
»Nein, sind sie nicht. Sie stehen noch am Strand und diskutieren.«
»Sie diskutieren? Worüber denn?«
»Keine Ahnung«, antworte ich. »Wahrscheinlich darüber, ob eine Verfolgung sich lohnt oder nicht. Und jetzt komm, je schneller wir zurück in unserem Haus sind, desto besser. Ich habe keine Lust, den Biosphärianern doch noch über den Weg zu laufen.«
Der Strand ist leer.
Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, eine ganze Armee von ihnen vielleicht, oder zumindest, dass jemand auf uns wartet, aber das sicher nicht. Es ist weit und breit keiner zu sehen.
Hinter mir drücken sich die Segler eng an die Hauswände. Rufus, Baku und Bat haben einigermaßen gefasst auf die Nachricht reagiert. Anne und Kathe hingegen … Sie würden beide am liebsten sofort das Dorf verlassen und abhauen. Ein laut Rufus nicht sonderlich vielversprechendes Unterfangen.
Die Stille ist fast schon gespenstisch. Wäre da nicht das permanente Rauschen der Wellen, wäre ich vermutlich fest davon überzeugt, dass ich nur träume.
Warum sind sie hier? Was wollen sie von uns?
Am Dorfrand entlang hasten wir immer weiter auf unser Haus zu, alle paar Meter schaut sich jemand mit besorgtem Blick um.
Unbehelligt kommen wir bis zu unserem Haus, und kaum bin ich vor der Tür angelangt, öffnet Tilo von innen und winkt uns herein.
Als die Segler alle im Gang stehen, kann man sich kaum noch um seine eigene Achse drehen. Wortlos führe ich sie in mein Zimmer, um im Gang etwas Platz zu schaffen.
»Sollen wir hier warten?«, fragt Rufus mich, als ich das Zimmer wieder verlassen will.
»Ja, wartet bitte kurz hier. Den Strand könnt ihr vom Fenster aus im Blick behalten. Ich rede kurz mit meinem Bruder, und dann komme ich zurück.«
Rufus nickt. Als ich wieder in den Gang trete, folgt Ian mir.
»Willst du nicht bei den anderen bleiben?«, frage ich.
Er schüttelt den Kopf.
»Ich will bei dir bleiben.«
Ich lächle ihn kurz an und gehe dann schnell in die Küche. Dort sitzen nur noch Tilo und Mike.
»Wo sind die anderen?«
»Mum und Nathalie sind mit Dan in den hinteren Teil des Hauses gegangen. Wir wollen nicht, dass er allzu viel mitbekommt«, sagt Tilo. »Und jetzt sag mir bitte, was du dir verdammt noch mal dabei gedacht hast, das Haus zu verlassen!«, blafft er.
»Ich bin Ian gefolgt, weil –«
»Dein Ian kommt sicher auch gut alleine klar«, schnaubt Tilo und wirft Ian einen abschätzigen Blick zu.
Ian sieht verwirrt zu mir.
»Ich wollte ihm doch nur helfen, er kennt sich im Dorf nicht so gut aus und hätte den Biosphärianern leicht in die Hände fallen können. Außerdem wollte ich die Segler holen, damit wir mit ihnen besprechen können, was wir tun sollen«, erkläre ich.
»Sind die Biosphärianer im Dorf?«, fragt Tilo.
»Nein, sie waren am Strand, als wir ins Dorf gegangen sind, sind uns aber, glaube ich, nicht gefolgt. Ich weiß nicht, wo sie jetzt sind.«
»Vielleicht wollen sie ja gar nicht mit uns reden«, meint Mike hoffnungsvoll.
»Sei nicht albern, warum sollten sie sonst hier sein«, sagt Tilo mürrisch.
Ian zupft an meinem Top und sieht mich fragend an.
»Ich habe ihnen erzählt, dass die Biosphärianer im Dorf sind«, erkläre ich ihm auf Englisch. Mike und Tilo wenden uns ihre Köpfe zu, beide sehen alles andere als begeistert aus.
Plötzlich knallt es laut, ich fahre erschrocken herum und sehe Anne aufgeregt im Eingang der Küche stehen.
»Sie kommen!«, keucht sie. »Sie kommen!«
Ein Blick aus dem Fenster bestätigt, was sie gesagt hat. Fünf Biosphärianer schreiten mit forschen Schritten den Strand entlang, direkt auf uns zu.
»Um Himmels willen, was machen wir denn jetzt? Woher wissen sie überhaupt, dass wir hier sind?«, fragt Mike geschockt.
»Sie haben Ian und mich aus dieser Richtung kommen sehen und sich den Rest wahrscheinlich selber gedacht«, sage ich und drehe mich zu Tilo. »Was jetzt?«
»Warten, bis sie hier sind«, meint Tilo trocken. »Ich denke, es wäre das Beste, wenn ein paar von uns vor dem Haus auf sie warten. Sie müssen nicht wissen, wer noch alles hier ist.«
»Okay«, sage ich, mühsam die Panik unterdrückend, die in meinem Bauch hochkriecht.
»Der Anführer von ihnen soll auch mitkommen«, sagt Tilo und deutet auf Ian und Anne. »Und ich möchte auch, dass du mitkommst.«
Ich nicke, dann erkläre ich Ian, was Tilo gesagt hat, und er verlässt mit seiner Schwester im Schlepptau den Raum, um Rufus zu holen.
Wenig später stehen wir zu dritt vor der Tür. Vom Meer kommt ein Strom kalter Luft. Ich schaue auf meine Arme, auf denen sich sämtliche Härchen aufgerichtet haben, dann atme ich tief aus. Meine Hände zittern.
Die Biosphärianer sind nur noch ein paar Schritte von uns entfernt. Sie sind alle überdurchschnittlich groß, hager, und ihre Gesichter werden von hohen Wangenknochen und einem markanten Kinn dominiert. Ihre Schritte und Armbewegungen wirken etwas langsam und schwerfällig, was ihre in Schwarz gehüllten Gliedmaßen seltsam lang und puppenhaft aussehen lässt. Die einzigen von ihren schwarzen Ganzkörperanzügen unbedeckten Körperteile sind die Hände und das Gesicht, an denen die Haut weiß, fast durchscheinend schimmert.
Ich spüre, wie sich Schweiß auf meinen Handflächen und in meinem Nacken bildet, meine Hände zittern immer mehr. Rufus’ Gesicht ist eine ausdruckslose Maske. Tilo hat seine Zähne fest zusammengepresst.
Ein Mann löst sich aus ihrer Formation, übernimmt die Spitze und nähert sich uns jetzt etwas langsamer. Er hat dunkles Haar, und ich kann unter seiner blassen Haut bläulich schimmernde Adern erkennen. Seine Augen glänzen ausdruckslos.
»Wir grüßen euch!«, sagt er, und seine tiefe, emotionslose Stimme jagt mir einen Schauer über den Rücken. Als wenn er mein Unwohlsein gefühlt hätte, wendet er sich kurz mir zu. Ich zucke erschrocken zusammen, als mein Blick den seiner schwarzen Augen trifft.
Er hat dieselben Augen, denke ich, dieselben Augen wie das Wesen in meinem Traum.
»Wir kommen von der Biosphäre 5, um uns über den derzeitigen Zustand der Biosphäre 1 zu unterrichten und um einige Forschungen über den vegetativen Zustand der hiesigen Umgebung durchzuführen.« Er rattert die Worte herunter, als hätte er sie auswendig gelernt, während seine Augen uns kalt fixieren.
»Sie sind hier nicht erwünscht«, sagt Tilo ruhig.
Der Mann versucht ein Lächeln, welches seine kalten Augen jedoch nicht erreicht. »Nun, dürfen wir den Grund eurer Antipathie erfahren?«, fragt der Mann.
»Sie wissen ganz genau, warum wir Sie hier nicht haben wollen. Das Wasserloch, von dem Sie uns versprochen haben, dass es noch mindestens dreißig Jahre lang Wasser führen wird, ist ausgetrocknet!«
»Auch unsere Geräte können sich gelegentlich irren.«
»Ach ja? Und was ist mit dem Brunnen hier im Dorf? Angeblich sollte dieser doch für alle Zeiten kein Wasser mehr haben?«
»Nun, ich sehe, ihr seid sehr jung. Ich vermute, euch fehlen die notwendigen Informationen, um die Lage vollends einschätzen zu können.«
»Die notwendigen Informationen? Welche Informationen?«, fragt Tilo misstrauisch nach, doch der Mann lächelt nur.
»Was auch immer damals geschehen ist: Sie sind hier nicht erwünscht«, sage ich kühl. Die Augen des Mannes huschen zu mir, als hätte er mich gerade erst bemerkt.
»Wir würden gerne die Population auf der Biosphäre 1 untersuchen, da ist nun einmal die Existenz menschlichen Lebens unabdingbar, und das hier ist die einzige Ansiedlung weit und breit«, erklärt der Mann.
»Stimmt. Die Leute in der Siedlung sind bis jetzt vermutlich alle verdurstet«, entgegne ich wütend.
»Ich bin nicht befugt, über die Siedlung hinter den Bergen zu reden. Wie dem auch sei, wir erwarten eure Kooperation bei den Forschungen, es ist schließlich zu eurem Vorteil«, sagt der Mann, seine kalten Augen auf Tilo gerichtet.
»Was ist, wenn wir nicht kooperieren wollen?«, fragt der herausfordernd.
»Es sind nur Standarduntersuchungen, nichts Gefährliches.«
»Es geht hier nicht darum, ob die Untersuchungen gefährlich sind oder nicht, sondern darum, dass wir nicht untersucht werden wollen«, sagt Tilo fest.
»Die Untersuchungen sind auch für euch von großem Nutzen. Außerdem sind wir nur hier, um euch zu helfen. Die Klimabedingungen werden sich verändern. Wir möchten euch helfen, mit den neuen äußeren Umständen zurechtzukommen.«
»Wir sind die letzten Jahrzehnte sehr gut alleine zurechtgekommen. Warum glauben Sie, dass wir Ihre Hilfe jetzt plötzlich nötig hätten?«, frage ich.
»Ohne unsere Hirsevorräte wärt ihr schon längst verhungert.«
»Das war wirklich nett von Ihnen, vielen Dank. Bleibt nur noch die Frage, wo Sie waren, als das Wasserloch ausgetrocknet ist?«
»Wir können nicht überall sein.«
»Sie helfen, wenn Sie helfen wollen, nicht aber, wenn jemand Hilfe braucht«, kontert Tilo. »Das ist nicht unbedingt das, was wir unter richtiger Hilfe verstehen.«
»Wir werden so oder so ein paar Tage hierbleiben, um Forschungen durchzuführen, wenn ihr nicht bereit seid, uns zu helfen, wäre es zumindest angemessen, wenn ihr unsere Forschungen nicht behindern würdet«, erklärt der Mann und das gekünstelte Lächeln ist von seinem Gesicht verschwunden. »Wir schicken morgen noch einmal jemanden von uns vorbei, der euch Genaueres zu unseren Untersuchungen erklären wird. Wenn ihr euch dann anders entscheiden solltet, würde uns das sehr entgegenkommen.«
Der Mann dreht sich um und schreitet davon, während der Rest seiner Truppe hinter ihm herläuft. Auf seinem Handgelenk sehe ich einige Symbole, kann aber nichts Genaues erkennen.
»Was wollten sie?«, fragt Rufus, als die Biosphärianer sich einige Schritte entfernt haben.
»Sie wollen hier Forschungen durchführen. Der Mann hat gesagt, dass das Klima sich verändern wird und dass sie vor allem deswegen gekommen sind. Außerdem wollen sie auch uns untersuchen«, antworte ich.
»Deinem Bruder hat das nicht gefallen, oder?«
Ich schüttele den Kopf.
»Tilo hat ihnen gesagt, dass sie gehen sollen und wir nichts mit den Untersuchungen zu tun haben wollen, aber das scheinen sie nicht zu akzeptieren. Sie schicken morgen noch einmal jemanden vorbei«, erkläre ich Rufus, dann wende ich mich an Tilo. »Wir sollten den anderen sagen, was der Mann gewollt hat.«
Tilo nickt. Mit einem letzten Blick versichern wir uns, dass die Biosphärianer wirklich zurück zu ihrem Auge gehen, dann betreten wir unser Haus.

Ich schaue noch einmal über meine Schulter zurück zu Jeannes Haus. Die Nacht hätten wir dort unmöglich alle bleiben können, also haben wir uns wieder auf den Weg zurück zur Dorfmitte gemacht.
Wie soll ich Jeanne sagen, dass ich Angst habe, dass wir früher abreisen könnten wegen des Auges? Ich habe ihr noch nicht einmal sagen können, dass wir geplant haben, das Dorf zu verlassen, wenn sich nichts zum Besseren ändern sollte, und jetzt hat sich alles zum Schlechteren gewendet.
Mit einer Hand wische ich mir den kalten Schweiß von der Stirn und atme tief aus. Was für ein verdammter Tag. Bis vor ein paar Stunden sah alles ganz gut aus, und jetzt?
Ich presse mir meine Hände gegen die pochenden Schläfen. Was zur Hölle soll ich jetzt machen? Die anderen werde ich kaum überreden können noch zu bleiben. Vermutlich wäre es sogar das Beste für uns, wenn wir abreisen würden. Aber ich will nun einmal nicht mehr hier weg …
Besorgt sehe ich, wie Kathe langsamer wird und darauf wartet, dass ich zu ihr aufschließe. Sie ist nun wirklich die letzte Person, mit der ich gerade reden möchte.
»Hoffentlich fahren wir jetzt von hier weg«, sagt Kathe und lächelt.
»Warum sollten wir? Die Biosphärianer würden uns sofort einholen, also können wir genauso gut hierbleiben«, erwidere ich.
»Ach Quatsch! Die sind doch sowieso nicht an uns interessiert, sondern nur an diesen Dorfmenschen.«
»Und wo sollen wir deiner Meinung nach hinsegeln? Wieder zurück?«
»Wir segeln einfach weiter. Es wird schon noch irgendwo anders ein Dorf mit einem Brunnen geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das hier das einzige ist.«
»Und woher weißt du, dass die Leute uns dort besser aufnehmen und nicht auch irgendwann Besuch von den Biosphärianern bekommen?«, frage ich.
»Meine Güte, wissen kann ich das nicht. Aber besser als hier ist es auf jeden Fall. Meinst du nicht auch?«
Einen Moment überlege ich, ob ich antworten soll, entschließe mich jedoch dagegen und beschleunige meinen Schritt.
»Du willst bleiben, oder?«, fragt Kathe verärgert. »Liegt es an diesem Mädchen? Dieser Jeanne?«
Ich merke, wie mir die Röte ins Gesicht schießt, ob vor Wut oder vor Scham, weiß ich selbst nicht genau.
»Ich fass es nicht. Du willst nur wegen diesem Mädchen hierbleiben? Was ist an der bitte so besonders?«, faucht Kathe.
Tief einatmen, befehle ich mir und beschleunige abermals meinen Schritt, bloß weg. Weg von Kathe.
»Weißt du wohl selber nicht! Ich meine, sie ist nicht einmal sonderlich hübsch.«
»Halt die Klappe, Kathe!« Ich bleibe stehen und drehe mich zu ihr um. »Halt einfach deine Klappe, du weißt gar nichts über Jeanne, okay? Gar nichts!«
Die Augen weit aufgerissen starrt Kathe mich an, ihre Lippe beginnen zu beben, dann schnappt sie nach Luft und flüchtet, halb rennend, halb gehend, nach vorne zu Anne.
Wie versteinert bleibe ich stehen, dann löse ich meine Füße langsam vom Sand und folge den anderen, obwohl ich bei jedem Schritt am liebsten umdrehen würde.
Soll ich umdrehen? Soll ich wirklich?
Wenn ich zurückgehe, ist Kathe noch böser auf mich, genauso wie der Rest vermutlich auch. Was wird Rufus sagen? Und Anne? Sie wird mich wahrscheinlich umbringen oder noch schlimmer, mir eine Rede halten, die nicht vor dem Morgengrauen endet.
Während die Gedanken durch meinen Kopf hüpfen, tragen mich meine Beine weiter. Immer weiter. Morgen kann ich ja wieder mit ihr reden. Und dann wird es Zeit, dass wir es ihnen erzählen. Sie ahnen sicher nicht, zu was die Biosphärianer fähig sind. Sie haben ein wenig Angst vor ihnen, sind misstrauisch, doch was werden sie erst denken, wenn ich ihnen davon erzähle? Davon erzähle, was sie womöglich wirklich vorhaben …
Sie haben keine Ahnung, denk ich mir.
Keine Ahnung, wozu diese Menschen fähig sind.