Tag 46 – Das Auge

8. März 2122: Der Forscher und Philosoph Morgan Gore, einer der einflussreichsten Autoren seiner Zeit, veröffentlicht das Pamphlet »Von Menschen und Planeten«, in dem er die These vertritt, dass die Menschen nicht dazu geboren wurden, auf der Erde zu bleiben. Seines Erachtens sei eine dauerhafte Existenzsicherung der Menschen nur mithilfe von territorialer Expansion gen Weltraum möglich.

Meine Knie zittern. Oder sind es meine Beine? Oder beides? Mein Gang ist unruhig, und ich schaffe es nicht, das Zittern so zu unterdrücken, dass ich einigermaßen gerade laufen kann. Nervös blicke ich zum Auge.

Eigentlich war der Plan zu warten, bis Tara kommt, um dann mit ihr gemeinsam zum Auge zu gehen, doch aus irgendeinem Grund ist sie noch nicht gekommen. Daraufhin haben wir beschlossen alleine zu gehen, was immer noch besser ist als das ewige Warten.

Mittlerweile haben wir die Hälfte der Strecke zurückgelegt, und mit jedem Meter wird mir deutlicher bewusst, wie riesig das Auge eigentlich ist und wie klein wir im Gegensatz dazu.

Die anderen waren nicht sonderlich begeistert, als ich ihnen von der Einladung ins Auge berichtet habe, am Ende waren wir uns jedoch einig, dass wir auf jeden Fall mehr Zeit brauchen.

Der Regen hat den Staub weggespült, und jetzt sehen alle Farben kräftiger aus als je zuvor. Die Häuser sind wieder bunt, der Sand ist dunkelbraun und selbst die kargen Bäume strahlen in einem satteren Grün als zuvor. All das würden wir verlieren, wenn wir mit den Biosphärianern mitgehen würden.

Von fern sehe ich die Stelle, an der Ian mich geküsst hat und zum Bleiben überreden wollte. Wenn ich doch nur wüsste, was ich tun soll. Wie von alleine kehren meine Gedanken immer wieder zu diesem Augenblick zurück, geistern in meinem Kopf herum und treiben mich in den Wahnsinn.

Es sind seine Lippen, seine Augen, seine Stimme, als er mich bat zu bleiben. Ja!, hätte ich am liebsten geschrien. Ja, ich bleibe! Doch ich weiß, dass das nicht geht, egal was die anderen denken und wollen.

Das Auge türmt sich jetzt direkt vor uns auf, es ist oval und steht auf sechs großen Stahlträgern, jeweils drei an jeder Seite, die ihm das Aussehen einer riesigen schwarzen Spinne verleihen.

Verunsichert blicke ich zu Tilo, der seinen Blick auf den Eingang des Auges gerichtet hat und sich dann mir zuwendet. »Wollen wir?«

»Von wollen kann keine Rede sein«, erwidere ich, und Tilo lächelt leicht.

»Nein, du hast recht. Von wollen kann wirklich keine Rede sein, aber wir haben keine andere Wahl.« Er nimmt meine Hand, und gemeinsam steigen wir die Rampe hoch. Die Rampe hat kein Geländer und ist etwa zwei Meter breit, der Untergrund ist rau, und ich fürchte, er könnte meine ohnehin schon löchrigen Schuhsohlen aufreißen.

Als wir uns der Luke nähern, ertönt plötzlich ein Zischen, und ein silberner Streifen beginnt um die Luke herum zu leuchten.

Verunsichert bleiben wir auf halber Höhe stehen und fokussieren die Luke. Es zischt erneut, sie schiebt sich nach oben und verschwindet dann im Material der Außenwand. In der entstandenen Lücke steht ein junger Mann, der mir zuvor noch nicht begegnet ist. Er hat entfernt Ähnlichkeiten mit Ian, in der geraden Körperhaltung, dem wachsamen Blick. Jedoch ist er ein ganzes Stück größer als Ian und auch wenn seine Augen ebenso aufmerksam wirken, haben sie etwas Gehetztes an sich, das man in Ians festem Blick nicht finden kann.

»Was wollt ihr?«, ruft er uns entgegen.

»Wir möchten mit Tara sprechen«, antworte ich.

»Tara ist beschäftigt.«

»Es ist aber dringend.«

»Ach ja?«

»Wir sollen mitkommen zur Biosphäre, und deswegen müssen wir dringend mit ihr reden«, erklärt Tilo.

Der Mann öffnet kurz seinen Mund, als wollte er etwas erwidern, dann seufzt er.

»Kommt rein!«, fordert er uns winkend auf.

Unsicher steigen wir die restlichen Meter die Rampe hinauf, während er ungeduldig auf uns wartet.

Als wir oben ankommen, ist der Sandboden beängstigend weit weg von uns, der Mann mit den toten Augen hingegen erschreckend nah.

»Wenn ihr mit Tara reden wollt, müsst ihr mit reinkommen«, sagt er. Dann sieht er uns einen Moment schweigend an, als wolle er uns noch die Chance geben, wieder zu verschwinden. Als wir nichts erwidern, zuckt er mit den Schultern und betritt das Auge.

Einen Moment hadere ich mit mir, blicke zu Tilo, der mir einen aufmunternden Blick zuwirft. Nebeneinander betreten wir das Auge. Sofort schließt sich die Luke zischend hinter uns und sperrt uns mit einem dumpfen Geräusch im Auge ein.

Wir stehen in einem hellen Gang. Der Boden ist hellgrau und wirkt auf eine verstörende Art durchsichtig. Die Wände und die Decke leuchten weiß.

Plötzlich fallen mir am Handgelenk des Mannes dieselben Symbole auf, die ich schon bei Tram gesehen habe. Bei Tara und Lot konnte ich hingegen nichts entdecken. Vielleicht wurden sie nur von ihren Overalls verdeckt?

»Was bedeutet das?«, frage ich neugierig und zeige auf sein Handgelenk.

Er wirft mir einen undurchdringlichen Blick zu. »Das ist mein Identitätscode.«

»Hat jeder von euch so einen?«

Er nickt.

»Hast du auch einen Namen?«, will Tilo wissen.

»Dakar«, antwortet er und dreht sich dann demonstrativ um.

»Ich heiße Jeanne, und das ist mein Bruder Tilo«, stelle ich uns vor.

Dakar blickt noch einmal kurz über die Schulter und durchschreitet dann den Gang mit großen, federnden Schritten. Ich frage mich, ob die Biosphärianer lernen so zu laufen. Nach einer Weile kommen wir in einen Vorraum. In der Mitte steht ein seltsames Gebilde, das aussieht wie eine große, hell leuchtende Blase. Am Rand des Raumes stehen bankähnliche Sitzflächen, und in der Wand sind Vertiefungen zu erkennen.

»Ihr müsst da rein«, erklärt Dakar und deutet auf die Blase.

»Was?«, fragt Tilo verdutzt.

»Wir müssen sichergehen, dass ihr keine gefährlichen Keime ins Hovercraft tragt. Ihr müsst eure Anziehsachen ablegen. Kleidung von der Erde ist hier nicht erlaubt. Dafür bekommt ihr einen von unseren sterilen Anzügen.«

Am liebsten würde ich umdrehen, aber wir haben keine andere Wahl. Wenn wir das nicht machen, sind nicht nur wir, sondern auch die anderen Dorfbewohner und die Segler in Gefahr. Ich denke an Ian. Egal was uns da drinnen erwartet, wir müssen es tun. Tilo scheint zu dem gleichen Schluss gekommen zu sein.

Dakar unterbricht meine Gedanken: »Ihr könnt auch wieder gehen.«

»Nein, schon okay«, antwortet Tilo schnell. »Wo sollen wir unsere Kleidung hinlegen?«

Dakar deutet zu den Bänken an der Wand und geht vor. Dort wischt er über eine schwarze Fläche, woraufhin sich eine Vertiefung in der Wand öffnet und Schubladen freigibt, in denen zahlreiche Kleidungsstücke liegen.

Dakar betrachtet uns intensiv von Kopf bis Fuß und zieht dann zwei weiße Ganzkörperanzüge und Unterwäsche heraus.

»Wenn ihr eure Kleidung abgelegt habt, müsst ihr in den Cleaner. Im Cleaner werdet ihr gereinigt und desinfiziert. Das ist vollkommen ungefährlich und dient lediglich unserer Sicherheit. Danach zieht ihr diese Overalls an und die Schuhe, die ich euch auf der anderen Seite bereitlegen werde.«

Dann drehte er sich um und verschwindet in einer Tür rechts von der Blase.

Etwas verloren bleiben wir vor der seltsamen Blase zurück. Schweigend starren wir das fremde Gebilde an.

»Ich gehe zuerst«, bricht Tilo schließlich das Schweigen. »Es wird uns schon nicht umbringen.«

Er geht zu einer der Bänke und fängt an sich auszuziehen. Mein Blick wandert von Tilo zu meinen dreckigen Schuhen. Ebenso wie Tilo wirken sie vor dem hellen, schimmernden Boden und den weißen Wänden seltsam fehl am Platz. Es ist offensichtlich, dass wir hier nicht hergehören, und doch sind wir hier, um Biosphärianer zu werden.

Ich sehe zu Tilo, der jetzt komplett ausgezogen vor dem Cleaner steht. Die Blase scheint eine ovale Öffnung an einer Seite zu haben, die in einen hohlen Innenraum führt.

Probehalber klopfe ich auf die Oberfläche. Ein dumpfer Ton ist zu hören.

»Na, dann gehe ich wohl mal rein«, meint Tilo, lächelt mir noch einmal zu und geht dann in das Innere.

Ich warte draußen und gehe unruhig auf und ab.

»Alles okay da drinnen?«

Keine Antwort. Nur die Ruhe, mahne ich mich selber. Wahrscheinlich kann er dich nur nicht hören.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schreckt mich ein lauter Piepton aus meinen Gedanken. Das rote Licht neben der Tür ist erloschen, und Tilo steht wieder vor mir.

»Halb so schlimm«, sagt er mit einem schiefen Lächeln.

»Na dann«, antworte ich und schlüpfe schnell aus meinen dreckigen Klamotten. Dann tapse ich zum Eingang der Blase, der sich augenblicklich für mich öffnet. Misstrauisch gehe ich hinein und höre, wie sich die Tür hinter mir schließt. An der Decke und den Wänden sind zahlreiche Wasserhähne angebracht.

In der Blase ist es enger, als ich gedacht habe, und ich spüre, wie leichte Panik in mir aufkommt. Hektisch atmend drücke ich meine Hände gegen die Wand. Ich kann hier drinnen nicht einmal meine Arme ausstrecken. Zitternd bleibe ich stehen, aber nichts passiert.

Wie aus dem Nichts ertönt plötzlich eine weibliche Stimme: »Vorgang startet: Phase 1. Beseitigung von Schmutzpartikeln mit H2O.«

Sekunden später spritzt eine Flüssigkeit aus allen Hähnen und prasselt auf mich herab. Keuchend bleibe ich in der Mitte stehen und versuche nicht zu schreien. Mit meinen Händen rubbele ich, so gut es geht, den Dreck von meiner Haut und von meinen Füßen. Was ist das überhaupt? Ich fange etwas von der Flüssigkeit mit meinen Händen auf und rieche daran. Kann es sein, dass es nur Wasser ist? Genauso plötzlich, wie es angefangen hat, hört es auch wieder auf.

Triefend stehe ich in der Blase.

»Phase 2. Beseitigung von Organismen der Stufe 3.«

Erneut spritzt etwas aus den Hähnen, doch es ist kein Wasser. Der Geruch ist beißend und schmerzt in der Nase. Die Flüssigkeit prickelt unangenehm auf meiner Haut. Ich grabe meine Fingernägel fest in meine Handfläche, um ruhig zu bleiben. Das Ganze ist bestimmt ungefährlich, sie brauchen dich noch. Sie brauchen dich lebend.

Nach dieser Flüssigkeit folgen noch drei weitere. Von denen aber keine mehr so stinkt und sich so unangenehm anfühlt wie die zweite. Die letzte riecht sogar angenehm frisch. Schließlich werde ich von lauwarmer Luft trocken gepustet, die aus zwei großen Öffnungen strömt.

Endlich öffnet sich die Tür, und ich stolpere ein wenig benommen heraus. Meine Füße und Handflächen sind aufgequollen, und ich frage mich, wie lange ich in diesem Ding gestanden habe. Tilo schaut mich grinsend an.

»Wie war’s?«

Ich verdrehe die Augen und ziehe mir die Unterwäsche, den Overall und die Schuhe an. Gerade als ich mich aufrichte, betritt Dakar wieder den Raum. Erschrocken drehe ich mich um und versuche unauffällig, den Verschluss am Rücken zu schließen.

»Probleme?«, höre ich Dakar fragen. Bevor ich etwas entgegnen kann, ist er mit zwei Schritten bei mir, packt mich an meinen Schultern und dreht mich herum. Dann macht er den Verschluss zu, und für einen kurzen Moment spüre ich seine kalte Haut an meinem Rücken. Tilo springt auf und will auf mich zukommen, doch ich werfe ihm einen warnenden Blick zu.

»Kommt mit«, fordert Dakar uns auf und steuert dann auf eine weitere Tür zu.

Wir betreten einen breiten Gang, von dem mehrere Türen abzweigen.

»Tara hat eine Besprechung mit Raß, unserem Kapitän. Die werden wir wohl unterbrechen müssen.«

Tilo und ich schauen uns kurz an und folgen Dakar weiter durch den Gang. Vor einer silbernen Tür bleibt er stehen und wischt wieder über eine dieser schwarzen Flächen.

Die silberne Tür öffnet sich.

»Hier rein.« Der Raum ist winzig und bewegt sich plötzlich.

Mir wird mulmig, und ich halte mich ängstlich an der Wand fest. Da steht der Raum wieder still, die Tür öffnet sich und wir treten hinaus in einen noch breiteren Gang.

»Was war das?«, fragt diesmal Tilo und deutet auf den silbernen Raum.

»Ein Aufzug.«

Vielleicht liegt es an meiner Nervosität oder dem Adrenalin in meinem Blut, doch irgendwas an Dakars steifer Art irritiert mich so sehr, dass ich am liebsten laut loslachen würde.

Wir folgen dem Gang, dann kommt uns plötzlich eine Frau entgegnen, die uns unverhohlen anstarrt. Wir erwidern starr ihren Blick, bis sie ihn schließlich senkt.

»Wer war das?«

»Moto.«

Ich kann ein Kichern nicht länger unterdrücken.

»Jeanne!«, warnt mich Tilo.

»Was ist daran so lustig?«, fragt Dakar barsch.

»Wie bitte?«

»Was daran lustig ist.«

»An der Frau?«, hake ich nach, woraufhin Dakar nickt. »Nichts. Aber deine Art zu antworten ist lustig.« Tilo verdreht die Augen.

»Warum?«

»Weil du immer so abgehackt redest.«

Dakar geht schweigend weiter, anscheinend haben Biosphärianer keinen Humor.

Wir kommen noch an drei Türen vorbei, dann bleibt Dakar vor einer breiten silbernen stehen, wischt wieder über eine dieser Flächen und schiebt uns in den Raum hinein.

Der Raum sieht aus wie alle anderen. In der Mitte steht ein Tisch, hinter dem eine kleine gebückte Frau sitzt.

»Wir müssen zu Raß«, erklärt Dakar der kleinen Frau, die aus schmalen Augen zu ihm aufsieht.

»Der spricht gerade mit Tara.« Ihre Stimme klingt seltsam alt, was nicht zu ihrem glatten, runden Gesicht passt.

»Mit ihr wollen wir auch reden.«

»Einen Moment.« Sie steht auf, ihr Rücken ist gekrümmt, als müsste sie darauf eine große Last tragen. Mit wackligen, unsicheren Schritten geht die Frau auf eine der Türen zu, öffnet sie, geht hinein und kommt nach wenigen Sekunden wieder heraus.

»Ihr könnt eintreten«, sagt sie und setzt sich schwerfällig wieder an ihren Tisch.

Im Gegensatz zu dem neutralen Weiß der Gänge ist dieser Raum nahezu überladen. Ein schwerer roter Teppich bedeckt den gesamten Boden. In der Mitte steht ein großer Tisch aus massivem Holz, um den einige Stühle angeordnet sind. Der Teppich fühlt sich weich an und strömt eine eigenartige Wärme aus.

Hinter dem Schreibtisch sitzt ein großgewachsener Mann. Sein Haar ist grau und ordentlich zurückgekämmt. Er hat ein kantiges Gesicht, breite Schultern und schwarz glänzende Augen. Gegenüber sitzt Tara etwas ungelenk auf einem der Holzstühle.

»Mit wem habe ich die Ehre?«, fragt der Mann.

»Jeanne und Tilo«, antwortet Tilo und sieht Raß direkt in die Augen.

»Nun, Jeanne und Tilo. Setzt euch zu uns.«

Langsam gehe ich hinüber und setze mich auf einen der freien Stühle.

»Diese Möbel sind noch von der Erde. Es sind antike Barockmöbel. Ich habe sie extra herbringen lassen. Sie verströmen viel mehr Gemütlichkeit als die neutralen Sachen, die wir heutzutage bauen.«

Ich werfe Tilo einen verständnislosen Blick zu.

»Nun, warum seid ihr hier?«, hakt Raß nach.

»Tara hat uns eingeladen«, antworte ich. »Sie will uns das Auge zeigen.«

Raß wirft Tara einen langen, undurchdringlichen Blick zu. »Ja, von dieser Einladung hat sie mir gerade erzählt. Ich entschuldige mich hiermit auch dafür, dass sie euch nicht abgeholt hat. Ich fürchte, ich war derjenige, der sie aufgehalten hat. Wir hatten, nun ja, leichte Diskrepanzen.«

Seine dunklen Augen, die mich an die eines Insekts erinnern, richten sich wieder auf uns. »Nun, was wollt ihr denn wissen?«

»Wir möchten einfach generell mehr über das Auge und die Biosphäre wissen, schließlich sollen wir hier zukünftig wohnen«, entgegne ich schüchtern.

Tilo, der immer noch Raß anstarrt, schaut kurz zu mir. Wir hatten zuvor ausgemacht, dass wir beide versuchen würden, einen ruhigen und vielleicht auch etwas dummen Eindruck zu vermitteln. Wenn sie uns nicht als potenzielle Bedrohung einstufen, haben wir mehr Spielraum.

Raß’ Gesichtszüge werden ein wenig weicher. »Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Trotzdem ist es eher, nun ja, ungewöhnlich.«

Tilo beugt sich vor. »Ich würde gerne wissen, wie viele Menschen auf der Biosphäre 5 leben.«

»Zwei Millionen«, antwortet Raß schmunzelnd.

»Und hier auf dem Auge?«

»Viel weniger, nur dreißig.«

»Werden wir Probleme haben, wieder an Land zu gehen, wenn wir erst einmal eine Weile auf dem Auge leben?«

»Ja, das wird tatsächlich so sein. Aber jeder von uns hat diese Probleme. Wenn man sich erst einmal an die Bedingungen im Weltraum gewöhnt hat, ist es schwierig, sich wieder an die Schwerkraft auf der Erde zu gewöhnen. Man braucht entweder ein spezielles Training, oder man lebt die ganze Zeit unter Erdbedingungen. Ihr jedoch werdet ohnehin die meiste Zeit auf der Biosphäre 5 verbringen, dort herrschen Erdbedingungen. Es war natürlich alles andere als leicht, diese so genau zu simulieren wie hier auf der Erde, aber es ist den Erbauern unserer Kuppeln gelungen.«

»Können dann alle Biosphärianer die Erde betreten?«, hake ich nach.

Raß schaut mich stirnrunzelnd an. »Nein, nur manche. Eben die, die entweder trainiert sind oder nur einen kurzen Allaufenthalt hinter sich haben. Die Reise von der Biosphäre 5 bis hierher dauert mehrere Monate, in diesem Zeitraum nimmt die Muskelkraft stark ab. Deswegen verbringen die meisten von uns nach einer solchen Reise erst einmal eine gewisse Zeit im Trainingssektor, bevor wir uns auf die Erdoberfläche wagen.«

Ich schaue verwirrt.

»Nun ja, manche können, manche nicht. Von unserer Mannschaft können nur fünfzehn an Land. Der Rest muss auf dem Auge bleiben, weil sie kein entsprechendes Training absolviert haben.«

Nur fünfzehn. Ich unterdrücke den Drang kurz zu Tilo zu sehen. Wenn wir das den anderen sagen, werden sie nur noch mehr auf einen Kampf bestehen. Besser, wir behalten es für uns.

»Habt ihr noch weitere Fragen?«, erkundigt sich Raß.

Sein Tonfall ist jetzt der, den Erwachsene benutzen, wenn sie mit einem störrischen Kleinkind reden. Er hält uns vermutlich wirklich für dumm.

»Was passiert mit uns, wenn wir erst einmal bei euch leben?«, fragt Tilo. Ich höre die Anspannung in seiner Stimme. Tara hat sich auf ihrem Stuhl leicht vorgebeugt. Sie ist bis jetzt still geblieben, doch ein kurzer Blick zu ihr zeigt, dass sie dem Gespräch mit gespannter Aufmerksamkeit folgt. Sie weiß es, denke ich mir. Sie sieht es in unseren Gesichtern. Raß können wir vielleicht etwas vorspielen, Tara nicht.

»Nun«, sagt Raß und verschränkt seine Hände auf dem Tisch. »Wir werden zunächst zu einer Station über Russland fliegen, dort treffen wir uns mit anderen Hovercrafts, und von dort aus fliegt dann ein Spaceshuttle zur Biosphäre 5. Die Reise zur Biosphäre dauert eine Weile, aber es gibt ja auch viel zu tun. Auf der Hinfahrt werden schließlich eure Partner ausgewählt.«

Meine Nackenhaare stellen sich auf. Mühsam unterdrücke ich jede Regung, die Misstrauen erregen könnte. »Partner?«

»Die Partner, mit denen ihr auf der Biosphäre 5 leben und euch fortpflanzen werdet.«

Ich schlucke. Fortpflanzen. Als wären wir Tiere.

Tilo neben mir sitzt angespannt auf seinem Stuhl. Seine Hände hat er fest ineinandergekrallt, sodass die Knöchel weiß durch die Haut schimmern.

»Und nach welchen Kriterien werden unsere Partner ausgesucht?«, fragt Tilo ruhig.

»Nun, wir versuchen für jeden den idealen Partner zu finden. Das heißt in deinem Fall eine Frau, die dein Erbgut perfekt ergänzt. Da ihr beide einen sehr guten Index habt, werdet ihr natürlich exzellente Gefährten zugewiesen bekommen. Wenn ihr Glück habt, sogar Leute mit Erderfahrung, dann hättet ihr eine Gemeinsamkeit!«

Raß lächelt uns aufmunternd an.

Mir ist schlecht.

»Gut«, bringe ich hervor. »Dann habe ich vorerst keine weiteren Fragen.«

»Ich habe noch eine«, sagt Tilo. »Dürfen wir bei der Gefährtenwahl mitbestimmen?«

»Mitbestimmen?« Raß lacht leise auf. »Aber was wollt ihr da denn mitbestimmen? Ihr wisst doch gar nicht, wie euer Erbgut beschaffen ist und wer folglich zu euch passt. Nein, das übernehmen wir. Wir wissen am besten, was ihr braucht.«

Tilo und ich sehen ihn mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen an.

»Soll ich es noch genauer erklären? Moment …« Raß zieht etwas aus seiner Schreibtischschublade und legt es auf den Tisch. Es ist ein Blatt Papier mit zahlreichen menschlichen Gesichtern darauf.

»Das hier ist der Rassenkatalog der Biosphäre 5. Jede Rasse, die dort oder auf einem unserer Töchterschiffe lebt, ist hier verzeichnet«, erklärt er und schiebt das Blatt näher zu uns. Mit dem Finger deutet er dann auf das Bild eines blonden, blauäugigen Mannes.

»Seht, das hier ist ungefähr eure Rasse. Die alteuropäische, normannisch-germanische Rasse. Für den perfekten Nachwuchs braucht ihr einen Gefährten aus einem anderen Genpool. Seht, dieser hier zum Beispiel.«

Die Person, auf die er jetzt deutet, hat schwarze Haut, wie Rufus, Baku und Bat.

»Oder dieser hier.«

Ein rundes Gesicht, schmale Auge, helle, leicht gelbliche Haut.

»Oder hier.«

Rötliche Haut, schwarze Knopfaugen, lange schwarze Haare.

»Also, macht euch keine Sorgen. Wir finden jemanden, der zu euch passt.«

Ich reiße meinen Blick von den Gesichtern los. Ich habe das Gefühl, mich jeden Moment übergeben zu müssen.

»Dann habe ich auch keine Fragen mehr«, sagt Tilo tonlos.

»Gut, es war mir eine Freude, euch kennenzulernen. Tara wird euch im Laufe der nächsten Woche abholen. Die Details besprecht ihr am besten vorab noch einmal gemeinsam, nicht wahr, Tara?«

Tara nickt, die Augen auf Tilo gerichtet, der nahezu weiß im Gesicht noch auf die vor ihm ausgebreiteten Gesichter starrt.

»Dakar führt euch hinaus«, sagt Raß und steht auf. Ich erhebe mich ebenfalls, schiebe den Stuhl nach hinten und taumele zur Tür, in der bereits Dakar steht und auf uns wartet.

Wir passieren die seltsame Frau im Vorzimmer und laufen zurück.

Alle paar Meter schaue ich nach rechts zu Tilo, um mich zu vergewissern, dass er noch da ist. Angst umklammert mein Herz. Wie sollen wir das nur überleben? Tilo starrt auf den Fußboden.

Plötzlich kommt uns ein Mann entgegen, der immer langsamer wird, je näher er uns kommt.

»Dakar! Wer ist das?«, fragt der Mann verunsichert.

»Sie sind aus dem Dorf. Sie gehören zu den neuen Producern.«

Der Mann wird, sofern das bei seiner weißen Haut möglich ist, noch blasser, dreht um und hastet schnell den Gang hinunter.

»Hat er Angst vor uns?«, frage ich, während wir vor dem Aufzug stehen bleiben.

»Ja.« Dakar seufzt. »Und jetzt willst du wissen, warum er Angst hat. Hab ich recht?«

Ich lächle, und für einen Moment zucken seine Mundwinkel, als ob irgendeine kleine Seite in ihm sich daran erinnert, wie man lächelt.

»Er hat Angst, dass du ihn infizierst.«

»Er denkt, wir übertragen irgendwelche Krankheiten?«, fragt Tilo, der aus seiner Starre aufzuwachen scheint.

Dakar nickt, dann dreht er sich weg, damit wir keine weiteren Fragen stellen können.

Wir betreten den Aufzug, die Türen schließen sich und der kleine Raum setzt sich in Bewegung. Wieder bekomme ich dieses komische Gefühl im Bauch. Als wir den engen fahrenden Raum verlassen, kommt uns erneut ein Mann entgegen.

»Mate«, grüßt Dakar.

»Sie sind aus dem Dorf, oder?«, fragt Mate und betrachtet Tilo und mich interessiert.

»Ja, wir sind auf dem Weg zum Cleaner.«

»Die beiden sind Geschwister, oder?«

»Ja, sind wir«, antworte ich verwirrt und schaue zu Tilo, der ratlos mit den Schultern zuckt.

»Dakar! Du solltest hier schnell mit ihnen weg. Gerade ist Pause in der Zellstation. Wes müsste jeden Moment kommen!«, erklärt Mate, dann schaut er hektisch über seine Schulter.

»Verdammt!«, flucht Dakar, umschließt fest meinen Arm und schleudert mich herum.

Ich japse nach Luft. Tilo schreit protestierend auf und will Dakar einen Schlag versetzen, doch der wehrt ihn mühelos ab.

»Kommt! Und wehe, einer von euch trödelt oder stellt Fragen!«

Dakar rennt mit mir am Arm den Gang hinunter, Tilo folgt uns. Fassungslos werfe ich noch einmal einen Blick zurück. Mate steht ein wenig verloren in der Mitte des Ganges und schaut uns hinterher.

»Vor wem laufen wir davon?«

»Ruhe!«, entgegnet Dakar genervt und hastet weiter.

Mühsam versuche ich meinen Arm aus seinem Griff zu lösen, doch seine Finger krallen sich nur umso fester hinein.

»Du tust mir weh!«, keuche ich, als er mich erneut um eine Ecke wirbelt.

»Lass sie los!«, zischt Tilo und hält Dakar an der Schulter zurück, doch Dakar schüttelt ihn erneut ab.

»Lass gut sein, Tilo!«, mahne ich, als ich die Wut in seinen Augen blitzen sehe. Ärger können wir nicht gebrauchen. Tilo sieht mich verbissen an und hastet dennoch weiter. Ich kann sehen, dass er seine Fäuste geballt hat.

Dakar geht weiter, macht schließlich vor einer Tür halt, öffnet sie und schubst mich hinein.

Ich stolpere über etwas, das am Boden liegt, und knalle der Länge nach hin.

»Jeanne!«, ruft Tilo und stürzt auf mich zu. »Alles in Ordnung?«

»Geht schon«, murmele ich und lasse mir von ihm aufhelfen. Mein Ellbogen pocht schmerzhaft.

Ich schaue hinter mich, um nach dem Grund für meinen Sturz zu suchen. Erschrocken stolpere ich einen Schritt zurück und ziehe Tilo dabei mit mir. Auf dem Boden liegt eine Frau.

»Ist sie tot?«, frage ich Dakar entsetzt.

Er steht einen Meter von uns entfernt und beobachtet angeekelt die Frau.

»Nein, sie ist bewusstlos.« Für einen Moment blitzt so etwas wie Reue in Dakars Gesicht auf, dann verhärten sich seine Gesichtszüge wieder.

»Kommt einfach mit!«, blafft er, dann durchquert er den Raum und verlässt ihn durch eine andere Tür.

Verstört folgen wir ihm.

»Warum liegt sie bewusstlos auf dem Boden?«, frage ich, als wir den nächsten Raum betreten. Mittlerweile habe ich nicht mehr die geringste Ahnung, wo wir uns befinden könnten. Das Auge scheint aus einem engen Geflecht von Gängen und Zimmern zu bestehen.

»Sie war vermutlich high und ist deswegen in einen abgelegenen Raum gegangen. Nach der Rauschphase ist man erst einmal für eine Weile unbrauchbar.«

»Rauschphase?«

»Diese Art von Drogen kann man aus gewöhnlichen Medikamenten gewinnen. Wahrscheinlich hat sie sie aus der Krankenstation geklaut. Zuerst fühlst du dich von allen Sorgen befreit, dann folgen Koordinationsunfähigkeit und Probleme beim Sprechen. Meistens werden die Leute dann bewusstlos und wachen Stunden später mit Kopfschmerzen wieder auf.«

»Warum nimmt sie diese Medikamente dann überhaupt?«

»Weil sie alles um sich herum vergessen will.«

»Warum sollte man so etwas wollen?«

»Sie kommt von der Erde.«

Ich bleibe stehen. Tilo ist schon einen Schritt weiter und wird von mir zurückgerissen. Entsetzt sieht Tilo mich an. Ich spüre mein Herz unangenehm stark pochen. Mit einem Mal sieht alles hier ganz anders aus. Es ist, als ob ich jetzt erst bemerken würde, wie eng der Gang ist, wie niedrig die Decke und wie unendlich grell das weiße Licht. Dieses stechende Weiß, das alle anderen Farben verschluckt.

Unbewusst umschließe ich Tilos Hand fester.

Ich kann das nicht, versuche ich mit meinen Augen zu sagen, ich kann das nicht. Kaum erkennbar schüttelt er den Kopf. Später. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.

Langsam setze ich mich wieder in Bewegung.

Der Gang scheint kein Ende zu nehmen, doch plötzlich stehen wir wieder vor dem Cleaner. Ich habe keine Ahnung, wie wir hierhergekommen sind.

»Lasst die Sachen ruhig an und nehmt eure wieder mit«, sagt Dakar und geht hinüber zu der Bank. Bevor er unsere Sachen aufhebt und zu uns bringt, zögert er einen kurzen Moment. Etwas benommen nehme ich meine Kleidung entgegen.

»Sie wird irgendwann deswegen sterben, oder? Wegen der Medikamente«, frage ich, nachdem ich ihm meine Sachen abgenommen habe.

»Irgendwann wachen sie einfach nicht mehr auf«, antwortet er. »Obwohl natürlich versucht wird, derartige Fälle zu verhindern. Schließlich sind Erdmenschen tot nicht mehr von allzu großem Nutzen.«

Die Luke ist schon offen, und mir strömt ein Hauch kalter Luft entgegen, getränkt mit dem Geruch von Salz und Sand.

Plötzlich spüre ich Dakars Hand auf meiner Schulter. Ernst sieht er erst Tilo, dann mich an. Seine Augen sind grau. Kein blaues Grau, sondern ein seltsam farbloses Grau.

»Es tut mir leid«, sagt Dakar, bevor er mich loslässt und im Auge verschwindet.

Wir bleiben allein auf der Rampe zurück. Die Luke fängt an zu zischen und schließt sich vor meinen Augen.

Nebeneinander stolpern wir die Rampe hinunter, unsere dreckigen Sachen fest unter den Arm geklemmt. Unsere Atemzüge beschleunigen sich.

Wir hasten weiter. Ich schaue zurück. Niemand folgt uns.

Kurz vor unserem Haus bleibe ich stehen, stütze mich auf meinen Knien ab und atme gierig die kalte Luft ein, während Übelkeit in mir hochsteigt.

»Jeanne?«, höre ich Tilo fragen. Er kommt auf mich zu, doch ich schiebe ihn weg, trete ein paar Schritte zur Seite und erbreche mich in den Sand. Ich würge, bis nichts mehr kommt, und spüre dabei Tilos Hände, die meine Haare aus meinem Gesicht halten.

Schwankend richte ich mich wieder auf und lege meine Arme um Tilo, der mich an sich zieht.

»Ich kann das nicht«, sage ich, während er beruhigend über meine Haare streicht. »Tilo, ich kann das nicht.«

»Ich weiß«, antwortet er leise. »Wir werden nicht mit ihnen mitgehen, um keinen Preis.«

»Aber wir können nicht kämpfen, das hast du selbst gesagt!«

»Wir werden abhauen«, meint er. »Mum und ich haben gestern Abend, als du schon in deinem Zimmer warst, noch einmal darüber gesprochen. Wir waren uns noch nicht ganz sicher, aber jetzt scheint es mir die einzige Lösung zu sein.«

»Aber wohin sollen wir gehen?«, frage ich zweifelnd.

»Über die Berge«, antwortet er seufzend. »Mir gefällt das auch nicht, aber zurück zur Siedlung macht keinen Sinn, und hier schneidet uns das Meer den Weg ab. Wir gehen erst in Richtung Siedlung, um sie zu verwirren, und laufen dann in einem Bogen weiter Richtung Südwest.«

Ich löse mich von ihm. »Was ist mit den anderen?«

»Nathalie und Mike werden uns begleiten.«

»Seid ihr euch da sicher?«

Tilo nickt. »So sicher, wie man es in so einer Situation sein kann. Ich werde Nathalie nicht hier lassen. Und Mike hat niemanden außer uns.«

Ich atme tief aus. »Und wann wollt ihr gehen?«

»Heute Nacht.«

Ich erstarre. »Heute?«

»Wir dürfen keine Zeit verlieren. Je schneller wir gehen, desto schneller bringen wir die anderen außer Gefahr.«

»Ja, aber …«, stottere ich. »Wir müssen uns doch noch von den anderen verabschieden und …«

»Es wird keinen Abschied geben, Jeanne«, sagt Tilo sanft. »Nicht, wenn wir wollen, dass die anderen uns wirklich glauben.«

»Du willst es ihnen nicht sagen«, stelle ich resigniert fest.

»Sie werden uns sonst vielleicht folgen, und das ist ein Risiko, das ich nicht eingehen kann und will. Es kann gut sein, dass die Biosphärianer uns verfolgen. Jeder, der dann bei uns ist, wäre in noch größerer Gefahr als hier im Dorf. Wenn wir gehen, ohne dass die anderen es mitbekommen, lassen die Biosphärianer vielleicht auch den Brunnen intakt. Wenn sie von unserer Flucht nichts wissen, sind sie nicht mitschuldig. Möglicherweise verzichten die Biosphärianer dann auf eine Bestrafung.«

»Wenn sie aber mitkommen wollen? Genauso wie Mike und Nathalie?«

Tilo schüttelt den Kopf. »Denk doch mal drüber nach, was wäre, wenn manche von ihnen gehen und manche bleiben wollten. Diese Gemeinschaft wurde schon einmal auseinandergerissen, ein zweites Mal übersteht sie das, fürchte ich, nicht.«

Ich denke an Ian und Anne, was ist, wenn Ian mit mir gehen und Anne bleiben möchte? Würde er sie für mich verlassen? Würde sie ihm zuliebe mitkommen? Nein, das ist eine Entscheidung, die ich von ihm nicht verlangen kann.

Ich seufze. Tilo hat recht.

Es wird keinen Abschied geben.

Keine letzten Worte zu Ian. Keine Versöhnung mit Mo. Keine tröstenden Worte für Marie.

Wir werden einfach gehen. Heimlich, still und leise, mitten in der Nacht.

Als hätte es uns nie gegeben.

 

Im Haus werden wir bereits erwartet. Nathalie, Mike und Mum sitzen am Küchentisch, während Dan daneben auf und ab geht. Sie bombardieren uns nicht gleich mit Fragen, aber die Neugierde springt geradezu aus ihren Gesichtern.

»Wir hauen ab«, sagt Tilo in einem Tonfall, der klarmacht, dass für ihn die Entscheidung gefallen ist.

»Wie war es?«, fragt Dan mit Aufregung in der Stimme.

»Furchtbar, und wir werden uns gar nicht erst länger damit aufhalten«, antwortet Tilo gutmütig. »Wir müssen packen und überlegen, wie wir die anderen davon abhalten können, uns zu folgen.«

»Rufus war vorhin hier«, sagt Mike. »Sie wollen heute Nacht mit uns eine Waffenübung am Strand machen.«

»Eine Waffenübung?«, hake ich nach.

Mike nickt. »Als Kampfvorbereitung. Ich habe gesagt, dass wir kommen, sonst hätten sie nur Verdacht geschöpft.«

»Verdammt!«, murmelt Tilo. »Dann können wir wohl erst morgen Nacht aufbrechen. Die anderen schöpfen sonst sofort Verdacht, wenn wir nicht kommen.«

»Also machen wir heute Nacht die Waffenübung, und morgen verschwinden wir«, fasst Nathalie zusammen.

»Genau«, bestätigt Tilo.

»Ein paar Sachen haben wir schon gepackt, während ihr weg wart«, sagt Mike und lächelt mich an. Seufzend wende ich mich ab.

»Was nehmen wir alles mit?«

»Hirse, Wasser und ein paar Klamotten, mehr nicht. Je weniger wir tragen müssen, desto besser«, sagt Mum.

Einen Moment herrscht Stille. Dan läuft nicht mehr länger auf und ab, sondern starrt aus dem Fenster.

Können wir es wirklich schaffen?

»Jeanne, da kommt Ian«, sagt Dan und reißt mich damit aus meinen Gedanken.

»Ian?«, frage ich verblüfft und schaue zu Tilo, der alles andere als begeistert wirkt.

Dan nickt. »Ja, ganz sicher.«

»Aber was will er hier? Es wird schon dunkel«, sagt Mike misstrauisch. Ich beachte seinen Kommentar nicht weiter und gehe nach draußen. Es ist tatsächlich Ian. Als er mich sieht, breitet sich Erleichterung auf seinem Gesicht aus.

»Du bist noch da«, stellt er lächelnd fest, als er vor mir steht.

»Bist du deswegen hier?«, frage ich. »Um sicherzugehen, dass ich noch da bin?«

»Ich wollte dich einfach sehen.«

Schweigend sehen wir uns an. Ich denke an den Kuss und werde rot.

»Ähm, willst du reinkommen?«

»Kann ich dich vorher was fragen?«

»Ja, natürlich«, antworte ich.

»Dein Bruder, Tilo. Glaubst du, er würde mich umbringen, wenn ich heute Nacht bei euch bleibe?«, fragt Ian todernst, doch in seinen Augen funkelt es.

Sein Kommentar entlockt mir ein Lächeln. »Ja, da bin ich mir ziemlich sicher. Bist du bereit, dein Leben für mich zu riskieren?«

»Ja, das bin ich«, entgegnet Ian leise. Ich warte auf ein Grinsen, das mir zeigt, dass er scherzt, genauso wie ich. Doch Ian ist plötzlich ganz ernst.

Etwas in mir krampft sich zusammen.

»Ich frage nur kurz, wartest du hier?«

Ian nickt, und ich drehe mich schnell von ihm weg, damit er nicht sehen kann, wie erschrocken ich bin. Ich gehe wieder hinein, schiebe die Tür zur Küche einen Spalt auf und stecke meinen Kopf hindurch.

»Mum? Tilo? Kann Ian heute Nacht hierbleiben?«, frage ich laut.

Wie erwartet öffnet mein Bruder den Mund zum Protest. Mike sieht aus, als hätte ich ihn geschlagen. Ich weiß, dass der Zeitpunkt denkbar schlecht ist. Aber wenn wir morgen gehen und ich Ian nie wiedersehen werde, werde ich jede, absolut jede Sekunde nutzen, die ich noch mit ihm verbringen kann.

»Ich weiß nicht, Jeanne. Wir haben morgen viel vor«, sagt Tilo.

»Ich finde, er sollte bleiben«, sagt Nathalie und nimmt Tilos Hand in ihre.

»Jeanne ist erwachsen genug, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Wenn sie die Zeit mit Ian verbringen will, sollte sie das auch tun. Genau genommen geht es uns nichts an.«

Tilo seufzt. »Heute Nacht sind Waffenübungen, das wisst ihr.«

»Die werden wir schon mitmachen, keine Angst«, sage ich. »Ich möchte einfach noch mal bei ihm sein, ist das zu viel verlangt?«

»Nein, Jeanne«, sagt Mum und erntet dafür einen mürrischen Blick von Tilo. »Wir stehen hinter dir. Und solange ich in diesem Haus noch das letzte Wort habe, darf Ian hier übernachten.«

Ich warte auf einen letzten Widerstand von Tilo, doch der sieht mich nur traurig an. »Du darfst ihm nichts erzählen, das weißt du.«

Ich nicke dankbar und schließe die Tür, um nicht länger ihre Gesichter sehen zu müssen. Nathalie hat Mitleid mit mir, das habe ich gesehen. Mum auch. Und Mike … Er muss akzeptieren, dass mein Herz für einen anderen schlägt.

 

Ian steht etwas nervös draußen vor der Tür. »Und? Was hat er gesagt?«

»Kein Problem«, antworte ich und ziehe ihn hinein.

»Wirklich nicht? Er hat nichts gesagt?«, hakt Ian ungläubig nach.

»Doch hat er. Er wird’s überleben, also mach dir da mal keinen Kopf«, entgegne ich, schiebe Ian in mein Zimmer und schließe die Tür hinter uns. Fröstelnd blicke ich mich um.

Die Fensterscheibe ist von innen beschlagen, und selbst durch meine Schuhe spüre ich die Kälte vom Boden in meine Beine kriechen.

»Es wird kalt heute Nacht«, bemerke ich überflüssigerweise.

Ian nickt unschlüssig.

Ein wenig unbeholfen stehen wir beide vor meinem Bett.

Ian räuspert sich nervös. »Hm. Ähm, musst du dich noch umziehen oder so?«

»Ja, und du?«, antworte ich.

Ian schaut verwirrt. »Ich habe nichts anderes.«

»Ach so, klar. Hm. Ich habe letzte Nacht etwas von den Biosphärianern getragen, deren Sachen sind schön warm. Es sind noch ein paar große Sachen übrig, die liegen im Gang. Ich hole dir was.« Ich schlüpfe schnell aus meinem Zimmer. Leise tapse ich zu der Kiste mit den Kleidungsstücken.

Einen Moment lang wühle ich in ihr herum, bis ich eine Hose und ein Shirt finde, die Ian passen könnten. Dann gehe ich mit klopfendem Herzen zurück. Ich bin aufgeregt und hasse mich dafür. Ich schaffe es, in das Auge der Biosphärianer zu gehen, und bin zittrig, weil Ian eine Nacht in meinem Zimmer verbringt? Nicht logisch. Als ich das Zimmer betrete, sitzt Ian etwas verkrampft auf meinem Bett.

»Keine Angst, es ist groß genug für uns beide«, sage ich mit einem Grinsen.

Ian lacht, und mit seinem Lachen verpufft ein Teil unserer Nervosität in der Luft. Ich werfe Ian die Sachen entgegen und lege meine aufs Bett. Als Ian mir einen fragenden Blick zuwirft, ziehe ich schnell meine Hose aus, damit er keine weiteren Fragen stellt. Einen Moment lang starrt er mich erschrocken an, dann grinst er und dreht sich diskret weg. Schnell schlüpfe ich in die weiche Hose der Biosphärianer und wechsle hastig mein Oberteil. Anschließend wage ich einen vorsichtigen Blick nach hinten zu Ian. Er hat gerade erst sein Shirt ausgezogen. Mir fällt auf, wie muskulös seine Arme sind. Ian dreht sich blitzartig zu mir herum. Er bemerkt meinen starrenden Blick und fängt an zu lachen.

Auch ich fange an zu lachen. Ian zieht sich schnell das Shirt über den Kopf, dann kommt er langsam auf mich zu und drückt mir einen Kuss auf die Lippen.

Als er sich von mir lösen will, dränge ich mich ihm entgegen, um den Moment ein wenig hinauszuzögern. Seine Lippen fühlen sich noch weicher an als bei unserem ersten Kuss – wenn das überhaupt möglich ist.

Ian schiebt mich leicht von sich weg und schaut mich an.

»Du zitterst«, meint er knapp. Ich werfe einen Blick auf meine mit Gänsehaut überzogenen Arme.

»Zeit zu schlafen«, erklärt Ian und wirft sich auf mein Bett, grinsend, als wäre es sein eigenes.

Ich lege mich neben ihn und ziehe die Bettdecken über uns.

Einen Moment lang schauen wir uns in die Augen.

»Wenn das hier vorbei ist, bleiben wir zusammen, ja?«, fragt Ian.

Unfähig etwas zu erwidern sehe ich ihn an. Meine Augen füllen sich mit Tränen, und ich drehe mich schnell auf die Seite. Jetzt liege ich mit meinem Rücken an seiner Brust und spüre sein klopfendes Herz. Ian legt seinen Arm um mich, und wir kuscheln uns aneinander.

»Jeanne?«, fragt er in die Stille.

Ich antworte nicht.

»Wir bleiben doch zusammen, oder?«

Die Angst in seiner Stimme tut mir weh. Was soll ich darauf nur antworten? Nein? Ja? Es wäre alles gelogen.

»Ja«, höre ich mich antworten. »Wir bleiben zusammen.«

»Schön«, flüstert Ian in mein Haar. »Mehr brauche ich nicht.«

Seufzend zieht er mich noch ein kleines Stück näher an sich heran. Ich bleibe so still liegen, wie ich kann. Unter der Decke ist es warm, und trotzdem friere ich.

Ians Atemzüge werden langsamer und gleichmäßiger. Offenbar ist er eingeschlafen. Ich bleibe wach und zwinge mich, meine Augen offen zu halten. Wenn er atmet, spüre ich einen warmen Lufthauch über meinen Nacken streifen.

Leise fange ich an zu weinen.

Ich würde ihn fragen, ob er mitkommt. Aber ich darf ihn nicht vor die Wahl stellen. Anne oder ich. Das wäre grausam, und das werde ich ihm nicht antun.

Und auch wenn er bereit ist, für mich und meine Familie zu kämpfen, so muss er doch auch für seine Schwester da sein. Sie hat niemanden mehr außer ihm. Und ich habe noch Tilo, Dan, Mum, Nathalie und Mike.

Verzweifelt wische ich mir die Tränen aus dem Gesicht.

Wenn es sich nur nicht so falsch anfühlen würde, ihn zu verlassen …

 

Jemand klopft gegen die Tür meines Zimmers. Verschlafen richte ich mich auf und drehe mich zu Ian um, der mich mit zerzausten Haaren anblinzelt.

»Was ist los?«

»Keine Ahnung.«

Gähnend stehe ich auf und taste mich durch die Dunkelheit zu meiner Tür. Ich öffne sie und runzele irritiert die Stirn, als ich Tilo erkenne.

»Was ist los? Tilo, es ist mitten in der Nacht.«

»Wir wollten üben, schon vergessen?«

»Oh … ja, stimmt. Wir kommen gleich.«

Tilo nickt kurz und geht. Ich trete zurück in mein Zimmer.

»Was ist?«, fragt Ian, der sich mittlerweile aufgerichtet und auf die Bettkante gesetzt hat.

»Wir müssen los, die Waffenübungen finden gleich statt.«

»Ihr wollt sie jetzt machen? Mitten in der Nacht?«

Ian wirkt alles andere als glücklich, als er mit gerunzelter Stirn aufsteht und mir einen verdrießlichen Blick zuwirft.

»Schau mich nicht so an. Ich bin nicht diejenige, die kämpfen will.«

Dazu sagt Ian nichts mehr, und wir schlüpfen schnell in unsere Tagesklamotten. Danach gehen wir gemeinsam zur Küche, aus der ich schon gedämpftes Stimmengewirr hören kann.

Vor der Küche werden meine Schritte wie ferngesteuert immer langsamer. Mit der Hand schon am Türknopf bleibe ich schließlich stehen.

»Was ist?«, fragt Ian.

Ich greife nach seinem Arm, ziehe ihn von der Tür weg und lehne mich vor, um ihn zu küssen. Sofort zieht er mich an sich und drückt mich gegen die Wand. Dieses Mal ist es anders. Seine Lippen sind fordernder, drängender. Fast so, als wüsste er, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt.

Als wir uns atemlos voneinander lösen, kann ich sein Gesicht in der Dunkelheit nur schemenhaft erkennen, doch als ich sanft über seine Wange streife, spüre ich etwas Feuchtes an meinen Fingerspitzen.

Wortlos betreten wir die Küche. Tilo lehnt am Küchentisch, zusammen mit Nathalie und Mum.

»Dann können wir ja jetzt gehen«, sagt Tilo, zieht Nathalie hoch, die sich auf einen der Küchentische gesetzt hat, und gibt ihr einen Kuss.

»Wohin denn?«

»Wir treffen uns mit den anderen hinten beim Brunnen am Strand.«

»Wer sind die anderen?«

»Die Segler, Mike, John, Marie und Mo.«

Ich stutze. »Mo?«

»Mike hat ihn gestern Abend getroffen und mit ihm geredet. Er möchte uns helfen.«

Ich frage nicht weiter nach, und wir machen uns auf den Weg. Draußen wirft der Mond sein fahles Licht auf uns. Hunderte Sterne blinzeln am klaren Himmel. Schweigend gehen wir durch den Sand in Richtung des Brunnens.

Mit etwas Abstand gehen Ian und ich hinter den anderen her, unsere Hände fest ineinander verschränkt. Es dauert nicht lange, und wir sind da. Schon von fern können wir dunkle Gestalten sehen, die eng nebeneinanderstehen. Kühler Wind fegt vom Meer her über die Dünen.

Eine hochgewachsene Gestalt kommt uns entgegen, und ich lächele, als ich Rufus erkenne.

»Dann können wir ja anfangen«, sagt er zufrieden und nickt Ian knapp zu.

»Was genau wollt ihr eigentlich üben?«, frage ich.

»Schießen.«

Ich unterdrücke einen Schmerzensschrei, als sich Ians Hand plötzlich eisern um meine Finger legt.

»Ian!«, flüstere ich und deute auf meine Hand. Er sieht mich erst verwundert an und lockert dann räuspernd seinen Griff.

Wir folgen Rufus zum Rest der Gruppe.

»Auf dem Schiff hatten wir ein paar Waffen. Die haben wir aus unserem Dorf mitgenommen, als wir aufgebrochen sind. Wir haben überprüft, ob sie noch funktionstüchtig sind. Sie sind alle einsetzbar.«

»Und jetzt sollen wir damit üben?«

Rufus nickt, während Ian neben mir mit versteinertem Gesicht meine Hand festhält. Er hat sie immer noch fest umklammert, als würde er den Halt verlieren, wenn ich loslasse.

Auf Rufus’ Anweisungen hin stellen wir uns in einem Halbkreis auf. Dann fängt Baku an zu erklären, wie die unterschiedlichen Waffen funktionieren. Für eine so kleine Gruppe haben sie erstaunlich viele Waffen mitgenommen. Insgesamt sind es fünf Pistolen und elf Gewehre.

Dieses Mal übernimmt Marie das Übersetzen. Ich stehe zwischen Ian und Tilo und versuche zu verstehen, worum es geht. Alles in allem scheint es nicht allzu kompliziert zu sein. Baku erklärt, wie man entsichert, schießt und nachlädt.

»Wir können nicht wirklich schießen, dafür haben wir zu wenig Munition, und es würde auch zu viel Lärm machen. Jeder von euch bekommt jetzt eine Waffe und übt, wie man sie entsichert, nachlädt und die Waffe richtig hält«, sagt Baku schließlich, und nachdem Marie übersetzt hat, geht er herum und reicht den ersten ein Gewehr.

Vorsichtig will ich meine Hand aus Ians lösen, doch er starrt geradeaus und scheint mich gar nicht wahrzunehmen.

»Ian, ich brauche meine Hand«, sage ich bemüht locker.

Er dreht sich zu mir, lächelt verkrampft und lässt meine Hand widerstrebend los.

»Entschuldige mich kurz«, flüstert er und geht dann auf seine Schwester zu.

»Bereit?«, fragt jemand hinter mir grimmig, und ich drehe mich zu der vertrauten Stimme um.

»Hallo, Mo.«

»Hallo, Jeanne. Wie geht es dir?«

Ich hebe fragend eine Augenbraue, und Mo räuspert sich unwohl.

»Das war eine blöde Frage, ich weiß.«

»Ja, sie war blöd. Gibt es noch etwas, was du mir sagen willst? Ich muss jetzt üben.«

»Es tut mir leid«, antwortet Mo, dann dreht er sich auf dem Absatz um und geht hastig zurück zu John und Marie. Einen Augenblick schaue ich ihm hinterher. So viel zur Versöhnung.

Kopfschüttelnd gehe ich zu Baku, der zwei Meter neben mir bereits wartet.

»Bereit?«, fragt er, ein Gewehr in der Hand.

Ich nicke. Er streckt es mir entgegen und zeigt mir, wie ich es halten soll. Seine Worte verschwimmen, und nach einer Weile höre ich nur noch halb zu. Ich lege das Gewehr an meine Schulter. Ich kann es halten, es bedienen, weiß, wie man abdrückt. Und wofür? Ich strenge mich an, versuche zu zeigen, dass ich das hier will, doch meine Hände zittern, und ich muss das Gewehr nach kurzer Zeit wieder sinken lassen, bevor es mir aus den Fingern rutschen kann.

»Alles okay?«, fragt Baku besorgt.

»Ja«, antworte ich. »Es ist nur …«

Ich kann mich gerade noch bremsen. Fast hätte ich in meiner Müdigkeit zu viel gesagt, doch Baku ahnt nichts.

»Ich weiß, was du meinst. Es ist eine Sache zu wissen, wie es funktioniert. Das Ding wirklich zu benutzen ist etwas ganz anderes.«

Dankbar für seine Erklärung nicke ich.

Die nächsten Minuten schaue ich den anderen schweigend zu und werfe ab und zu einen Blick auf die Wellen, die wenige Schritte neben uns dunkel an den Strand rauschen.

Sie geben sich so viel Mühe.

Tilo stellt gelegentlich Fragen. Wie funktioniert dieser Hebel? Wie der? Wie kann ich nachladen?

Ich schaue ihnen vom Rand aus zu und fühle mich unglaublich schlecht. Zu wissen, dass wir morgen gehen und all das hier vollkommen umsonst ist.

 

Es dauert nicht lange, bis jeder einmal geübt hat. Als Marie als Letzte ihr Gewehr an Baku zurückgibt, stehen wir alle einen Augenblick still da und sehen uns gegenseitig an. Es liegt eine seltsame Stimmung in der Luft, eine Mischung aus Angst und Hoffnung. Zu meinem Schrecken sehe ich, wie Marie Mo einen aufmunternden Blick zuwirft. Wie Baku und Bat sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und wie Rufus alle seine Kameraden ansieht und jedem ein entschlossenes Lächeln zeigt.

Sie sind mehr denn je überzeugt, bis zum Äußersten zu gehen. Selbst Anne und Kathe, die am Anfang gegen den Kampf waren, geben sich gegenseitig durch ihre Blicke Mut.

Ich wende mich ab und gehe zum Strand, wo ich mich in den Sand setze und abwarte. Ich kann mir das nicht länger ansehen.

»Wir gehen, kommst du mit?«, höre ich meine Mutter fragen, nachdem ich ein paar Minuten im Sand gesessen habe.

»Ich bleibe noch ein wenig hier, ihr könnt schon einmal vorgehen.«

Ihre Hand ruht einen Moment auf meiner Schulter und drückt sie sachte, dann höre ich das Stimmengemurmel der anderen leiser und leiser werden, bis nur noch das Rauschen des Meeres zu hören ist. Ich lege mich in den Sand und schaue in den Sternenhimmel. Sie funkeln mir entgegen, und für einen kurzen Augenblick ist mein Kopf leer, und jeder Gedanke verstummt.

Bald beginne ich jedoch zu frieren und mache mich wieder auf den Weg zurück. Im Haus ist es still, und alle anderen scheinen zu schlafen. Auf Zehenspitzen schleiche ich durch den Gang in mein Zimmer und schlüpfe lautlos hinein. Ich wechsele hastig meine Klamotten und gehe dann zu meinem Bett. Darin liegt eine leise atmende Gestalt. Lediglich die Haare schauen noch unter der Decke hervor. Lächelnd lege ich mich dazu und ziehe eine der Decken über mich.

»Jeanne?«

»Ja?«

»Wo warst du?«

»Ich bin noch am Strand geblieben.«

Die Decken rascheln, und Ians Augen blitzen in der Dunkelheit auf.

»Einen Moment lang hatte ich Angst, sie hätten dich geholt«, sagt er und nimmt meine kalten Hände zwischen seine.

»Noch bin ich hier«, flüstere ich.

»Noch«, antwortet Ian und zieht mich zu sich heran.