Tag 43 – Apfelkuss

28. Juli 2098: Bei einer EU-Krisensitzung werden neue Gesetze zum Klimaschutz erlassen. Autofreie Sonntage werden nun europaweit eingeführt und Regeln, die früher nur in besonders warmen Sommern ergriffen wurden, gelten nun für das ganze Jahr. Tätigkeiten wie Autowaschen und Blumengießen sind offiziell verboten und werden mit Geldstrafen geahndet.

Von den anderen ist noch keiner wach, im Haus ist es totenstill.

Trotzdem schaue ich noch schnell in der Küche nach. Als ich mich vergewissert habe, dass auch dort niemand ist, gehe ich zurück in mein Zimmer, wechsle meine Klamotten und schlüpfe in die kühle Morgenluft hinaus.

Der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt. Geschmückt mit dem schwarzen Ungetüm der Biosphärianer wirkt der Strand noch trostloser als ohnehin schon.

Einen Moment zögere ich. Kann ich es riskieren, zum Wasser zu gehen, oder ist es zu gefährlich? Da sich beim Auge nichts rührt, beschließe ich das Wagnis einzugehen und laufe hinunter zum Wasser.

Nur einen Blick, sage ich mir. Nur einen kurzen Blick auf das Auge und dann gehe ich wieder. Ich weiß, wie unvernünftig das ist, doch meine Neugierde ist größer als die Stimme der Vernunft in meinem Kopf.

Gerade als ich mich genau in der Mitte zwischen der Wassergrenze und unserem Haus befinde, öffnet sich sirrend eine Luke am Auge, und eine Gestalt tritt heraus. Bemüht ruhig gehe ich weiter. Meine Füße fangen im kalten Sand an zu frieren, als sich die Gestalt am Auge umdreht und zielstrebig auf mich zuläuft.

Ich schätze die Distanz zwischen mir und meinem Haus und mir und der Gestalt ein. Ich würde es nie rechtzeitig zum Haus schaffen. Der Biosphärianer bräuchte nur ein paar Meter nach links zu schwenken, um mir den Weg abzuschneiden.

Als der Biosphärianer näher kommt, erkenne ich, dass es eine Frau ist.

Sie ist, soweit ich das von hier erkennen kann, etwas kleiner als der Mann gestern, hat aber ebenso kurze Haare, die ihr in dunklen Stoppeln vom Kopf abstehen und kaum länger sind als drei, vielleicht vier Zentimeter.

Hektisch schaue ich mich nach etwas um, womit ich mich verteidigen könnte, finde aber nur einen kleinen scharfkantigen Stein, der gerade mal so lang ist wie meine Hand. Ich hebe ihn hoch, lasse ihn aber gleich darauf wieder fallen. Sie schaut nicht wirklich so aus, als ob sie mir etwas tun wollte oder könnte. Jetzt, wo sie nicht mehr weit entfernt ist, kann ich sehen, dass sie sogar etwas kleiner ist als ich und ihre Augen viel lebendiger sind als die des Mannes gestern. Mein kleines Manöver bleibt nicht unbemerkt. Jetzt kann ich sogar erkennen, dass ihre Augen zum Stein auf dem Boden huschen.

»Was wolltest du mit dem Ding machen? Mich erschlagen?«, fragt die Frau belustigt.

Prüfend fixieren wir uns gegenseitig.

»Wäre einen Versuch wert gewesen«, antworte ich.

»Mein Name ist Tara, und ich glaube nicht, dass die Notwendigkeit besteht, dass du dich verteidigen musst. Ich habe nicht vor, dich anzugreifen.«

»Was willst du?«, frage ich laut, in der Hoffnung, dass sie die Nervosität in meiner Stimme nicht hört.

»Ich will mich nur mit dir unterhalten. Wir hatten ja nicht gerade einen guten Start mit euch«, sagt sie und lächelt.

»Natürlich nicht. Was habt ihr erwartet? Dass wir uns freiwillig untersuchen lassen? Einfach so?«, erwidere ich spöttisch.

»Wir hatten zumindest gehofft, dass ihr euch einverstanden erklärt, etwas über die Untersuchungen zu erfahren, bevor ihr sie von vorneherein ablehnt.«

»Gut. Wenn das alles ist. Was für Untersuchungen sind es?«

Tara zuckt leicht zusammen, in ihren Augen spiegelt sich sowohl Misstrauen als auch Freude. Sie kann wahrscheinlich nicht genau abschätzen, ob meine Frage ernst gemeint war.

»Es sind harmlose Allgemeinuntersuchungen. Wir wollen euer Blutbild anschauen, das uns zeigt, ob eure Ernährung ausreichend ist, oder ob sie noch durch Präparate ergänzt werden muss. Bei den letzten Kolonien, die wir untersucht haben, hatte die Mehrheit einen Eisenmangel, solche Kleinigkeiten müssen dann behandelt werden. Wir schauen aber auch generell nach Krankheiten, Infektionen und ob die Organe alle richtig arbeiten.« Sie hält inne. »Es ist wirklich nicht gefährlich. Warum sollten wir euch Schaden zufügen? Einer unserer Sender hat gemeldet, dass es hier im Dorf wieder Leben gibt, darum sind wir hierhergekommen.«

»Gestern klang es aber nicht so, als ob ihr bloß Untersuchungen machen wollt. Der Mann, der mit uns gesprochen hat, hat gesagt, dass wir mit euch kooperieren müssen und wir euch zu Dank verpflichtet wären.«

Taras Miene verfinstert sich, da taucht das Bild einer silbernen Kugel vor meinem inneren Auge auf. »Moment, sagtest du gerade Sender?«

Sie nickt. »Ja, Sender. Wir haben überall im Westen welche verteilt, um Informationen sammeln zu können. Darüber, welche Tiere es noch gibt, wie das Wetter ist, solche Dinge eben.«

Fassungslos starre ich sie an. Ich habe die ganze Zeit ihre Sender bei mir im Haus gehabt, ohne es zu wissen.

»Und was haben eure Sender gemeldet?«, hake ich nervös nach.

Tara lächelt mich undurchdringlich an. »So einiges.«

Wir starren uns an. Ihre Miene zeigt, dass sie vorerst nicht bereit ist, genauer darauf einzugehen.

»Ihr habt also ein Signal empfangen und seid dann hierhergekommen? Ich dachte, ihr seid wegen der Untersuchungen hier? Nicht wegen eines Signals.«

»Das eine bedingt gewissermaßen das andere. Wir hätten die Untersuchungen auch ohne die Signale des Senders gemacht. Er hat in letzter Zeit äußert widersprüchliche Signale gesendet, wir sind davon ausgegangen, dass er nicht mehr richtig funktioniert.«

Ich überlege kurz, ob ich mich zurückhalten soll, doch die Neugier gewinnt die Oberhand. »Was bedeutet das Leuchten am Sender?«

Taras Augen weiten sich leicht. »Also hatte ich recht. Du hast ihn gefunden und mitgenommen. Nun, das Leuchten bedeutet, dass die aufgenommenen Informationen vom nächstgelegenen Auge empfangen wurden.«

»Habt ihr euren Sender schon gefunden?«

Sie schüttelt den Kopf. »Wir werden sie aber leicht orten können. Und macht euch bitte wirklich keine allzu großen Sorgen wegen uns. Tram ist ein Idiot. Er weiß nicht, wie man sich hier auf der Erde verhält und wie man hier miteinander umgeht. Es ist kein Wunder, dass ihr uns nicht vertraut, wenn ihr zuerst Kontakt mit ihm hattet.«

»Wenn du dich so viel besser auskennst, warum bist du dann nicht zuerst zu uns gekommen?«

»Es lag nicht in meiner Hand, das zu entscheiden. Auf jeden Fall hätte ich es anders gemacht. Tram hat keine Ahnung, er hat sein Wissen über die Erde nur aus Büchern.«

»Du bist nicht von der Biosphäre, oder? Du redest flüssiger und natürlicher als dieser Mann, den du Tram genannt hast.«

»Du hast recht«, sagt Tara anerkennend. »Ich bin mit zwanzig Jahren freiwillig mit den Biosphärianern gegangen, weil ich erkannt habe, dass das Leben mit ihnen lebenswerter ist als das Leben hier.«

Ich versuche gegen meine Neugierde anzukämpfen. Ich habe Fragen, so viele Fragen, aber vielleicht wäre es besser, nur so viel mit ihr zu reden wie nötig. Wahrscheinlich lügt sie mich die meiste Zeit nur an.

»Die Biosphäre 5«, höre ich mich dennoch fragen, »wie ist es dort?«

Tara lächelt. »Wunderschön. Es sind mehrere miteinander verbundene Kuppeln, in denen die Menschen unter erdähnlichen Bedingungen leben. Die Menschheit musste Jahrhunderte forschen, bis das Konzept in der Praxis endlich funktioniert hat, aber nach dem, was man hört, hat es sich wirklich gelohnt.«

»Du warst selbst noch nicht dort?«, frage ich verwundert.

»Nein«, sie schüttelt den Kopf. Enttäuschung und auch ein wenig Traurigkeit blitzen in ihren Augen auf. »Nein, leider nicht.«

Sie schaut über ihre Schulter zurück zum Auge, als hätte sie etwas gehört, und wendet sich dann wieder mir zu. »Wenn dich diese Dinge interessieren, können wir uns ja irgendwann noch einmal unterhalten. Vorerst haben jedoch die Untersuchungen oberste Priorität. Ich werde deswegen später noch einmal bei euch vorbeikommen. Ich würde mich sehr freuen, wenn ein paar von euch mitmachen würden. Wenn ihr das nicht wollt, kann ich das natürlich auch verstehen.« Sie ringt sich noch einmal ein Lächeln ab. »Ein paar von euch haben sich ja bereits untersuchen lassen«, erwähnt sie. »Sie sind offenbar nicht so misstrauisch wie ihr.«

Geschockt starre ich sie an. Was hat sie da gerade gesagt?

»Hm, sieht so aus, als hättest du das nicht gewusst. Nun Sandra, George und Mo haben sich bereits gestern untersuchen lassen. Sie waren einverstanden, mit uns zu kooperieren. Als Gegenleistung haben sie von uns natürlich auch etwas bekommen. Das andere Pärchen mit den zwei Kindern hat sich ebenfalls untersuchen lassen. Wir konnten sie überzeugen, mit uns zusammenzuarbeiten. Anscheinend habe ich deutlich mehr Feingefühl bewiesen als Tram.«

Ich weiß nicht, was für mich schlimmer wäre, wenn sie lügt oder wenn sie die Wahrheit sagt.

»Auf Wiedersehen«, sagt Tara und läuft hastig in Richtung Auge, fast so, als hätte eine unsichtbare Stimme ihr gesagt, dass es Zeit ist, zurück an Bord zu gehen.

Als sie im Auge verschwunden ist, mache ich mich schnell auf den Rückweg. Man kann ja nie wissen, wer als Nächstes aus diesem Ungetüm steigt …

Als ich wieder beim Haus ankomme, treffe ich die anderen in der Küche an. Ihren besorgten Blicken sehe ich an, dass sie am Fenster gestanden und alles mitverfolgt haben müssen.

»Alles okay?«, fragt Tilo, kaum dass ich einen Fuß über die Schwelle zur Küche gesetzt habe.

»Ja. Alles in Ordnung. Sie wollte nur mal Hallo sagen«, antworte ich und setze mich an den Tisch, wo eine Schüssel Hirse für mich bereitsteht. Tilo wirft mir einen skeptischen Blick zu. Ich schaffe nicht einmal zwei Löffel von meiner Hirse, bis sich Tilo auch schon neben mich setzt und weiter nachbohrt.

»Sie wollte also wirklich nur Hallo sagen?«, fragt er betont beiläufig.

»Hallo sagen und Werbung für ihre Untersuchung machen«, sage ich und nehme noch einen Löffel.

Tilo, der geistesabwesend in meine Richtung stiert, nickt.

»Hat sie gesagt, wann sie wiederkommen?«

»Nein. Ich denke mal, in ein paar Stunden.«

»Hat sie sonst noch etwas Interessantes erzählt?«, fragt Tilo.

»Die anderen haben sich schon untersuchen lassen«, sage ich leise.

Tilo erstarrt, dann wird er blass, steht auf und verlässt fluchtartig die Küche.

 

Als die Segler am Mittag wieder zu uns stoßen, zieht mich Ian im Flur zur Seite, während der Rest der Segler in mein Zimmer geht.

»Kann ich kurz zu deiner Familie in die Küche? Ich muss euch etwas sagen«, sagt er leise, als wollte er nicht, dass die anderen ihn hören.

»Ja klar, komm mit«, entgegne ich und gehe voraus.

»Übersetzt du für mich?«, fragt Ian, sobald wir in der Tür stehen. Ich nicke.

Wir treten ein und die anderen sehen besorgt hoch, außer meiner Familie ist auch Mike wieder da.

»Kommen sie?«, fragt er und läuft beunruhigt zum Fenster.

»Nein. Ian möchte euch etwas erzählen«, sage ich und ernte dafür Tilos ungeduldiges Schnauben.

»Jeanne, jetzt ist nicht die Zeit für irgendwelche Geschichten«, sagt er.

»Ich bin mir sicher, dass Ian das weiß und dass es etwas Wichtiges ist, sonst würde er es euch ja kaum erzählen wollen«, antworte ich bissig.

Tilo zuckt verärgert mit seinen Schultern. »Meinetwegen, dann soll er es uns eben erzählen.«

Ich nicke Ian auffordernd zu, woraufhin er sich nervös über die Lippen leckt und anfängt zu erzählen:

»Ich möchte euch etwas über die Biosphärianer erzählen, weil ich glaube, dass ihr es wissen solltet. Die Biosphärianer sind nicht so harmlos, wie sie sich darstellen. Sie sind kompromisslos. Sie helfen den Menschen nicht einfach und gehen dann wieder, zumindest uns haben sie nicht geholfen. Sie sind an einem Tag im Sommer gekommen. Es waren insgesamt drei Augen, nicht nur eins. Außerdem haben sie von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, dass sie von uns Gehorsam verlangen. Sie haben neue Leute für ihre Biosphäre gesucht, weil bei ihnen eine Grippeinfektion einen Großteil der Leute getötet hatte. Sie haben kaum noch Abwehrkräfte, weil sie oben auf der Biosphäre fast keinen Erregern ausgesetzt sind.

Ein oder zwei kranke Leute können anscheinend schon ausreichen, um bei ihnen eine ganze Epidemie auszulösen. Ihr seht, sie sind nicht unverwundbar.

Am Anfang haben sie versucht, uns zu überzeugen, dass es besser für uns wäre, wenn wir mitkommen, dass wir bei ihnen ein schöneres Leben haben könnten. Das haben sie drei Tage lang probiert. Als es dann immer noch keine Freiwilligen gab, haben sie mit den Untersuchungen angefangen. Sie duldeten keine Widerrede und haben damit gedroht, unsere Felder zu zerstören, und ohne die wäre unsere Siedlung verloren gewesen. Diejenigen, die ihren Anforderungen entsprochen haben, wurden auf eine Liste gesetzt. Am Ende standen über fünfzig Leute auf der Liste. Am vierten Tag kurz nach Sonnenaufgang haben sie diese Leute aus ihren Hütten gezerrt und zum Auge gebracht. Einer von unseren Leuten hat schließlich einen Biosphärianer angegriffen, weil der seine Schwester mitnehmen wollte. Dann haben sie das Feuer eröffnet und geschossen. Auf ihrer Seite haben alle überlebt, von uns sind fünfzehn Leute gestorben.«

Er hält inne und wirft mir einen verunsicherten Blick zu. »Ich dachte, ihr solltet das wissen … damit ihr eine Ahnung habt, was diese Leute machen, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen.«

 

Als ich den letzten Satz mühsam übersetzt und über meine Lippen gebracht habe, ist es still in der Küche.

Sehr still.

Bis auf meine Mutter starren alle Ian an. Sie haben es noch nicht begriffen oder wollen es nicht begreifen.

Irgendwann sind die Worte nur noch farb- und klanglos aus meinem Mund gepurzelt, als hätte mein Gehirn beschlossen, lieber nicht darüber nachzudenken, was der Mund gerade sagt.

Ian sitzt starr, die Finger ineinander verknotet, da und schielt hin und wieder zu den anderen herüber.

»Weiß er, ob es dieselben sind wie damals bei ihm?«, fragt Mike in die Stille hinein.

»War jemand von denen bei der Gruppe gestern dabei?«, frage ich Ian.

»Nein, das waren andere. Aber wir wissen ja nicht, wer noch im Auge wartet.«

»Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering, dass es dieselben sind«, fügt Tilo hinzu.

Ich will gerade etwas dazu sagen, als sich die Tür zur Küche öffnet. Rufus steht im Türrahmen.

»Was wollt ihr jetzt machen?«, fragt er mich leise.

»Wie machen?«, antworte ich verwirrt.

»Habt ihr sie nicht gesehen?«, fragt Rufus, jetzt ebenfalls verwirrt.

»Wen denn?«, frage ich zurück, obwohl ich es eigentlich schon ahne.

»Die Biosphärianer, es kommt eine Gruppe auf das Haus zu.« Rufus deutet zum Fenster.

Mike folgt Rufus’ Zeigefinger und stürzt zum Fenster.

»Scheiße!«, flucht er.

»Wie viel Zeit haben wir noch?«, frage ich.

Mike dreht sich mit weit geöffneten Augen zu mir um. »Vielleicht eine Minute.«

»Verdammt, was machen wir jetzt?«, fragt Tilo, dann zuckt sein Blick nervös zu mir.

»Wir sagen ihnen, dass wir noch mehr Zeit brauchen, um uns wegen der Untersuchungen zu entscheiden. Wir können ja behaupten, dass wir noch mit denen reden wollen, die bereits untersucht wurden. Das werden sie sicher verstehen, die Frau, mit der ich heute Morgen gesprochen habe, war eigentlich ganz in Ordnung«, sage ich. Während Mike etwas beruhigt wirkt, sieht Tilo mich an, als wäre ich verrückt.

»Sollen wir die Tür aufmachen?«, fragt Rufus.

»Ja, oder?«, erwidere ich.

»Ich weiß nicht«, meint Mike.

»Aufmachen«, beschließt Tilo.

»Ihr dürft aufmachen«, gebe ich an Rufus weiter, der nickt und sogleich die Küche verlässt.

Die Eingangstür quietscht, und Ian zuckt kurz zusammen.

»Alles in Ordnung?«, frage ich ihn.

Er antwortet mit einem zittrigen Lächeln. Dass er ziemlich blass ist und hektisch durch den Mund atmet, entgeht mir dabei nicht.

Ich drücke kurz seine Schulter, dann gehe ich zu Rufus, der im Türrahmen steht und mit grimmigem Blick die Biosphärianer erwartet.

An ihrer Spitze läuft mit forschen Schritten Tara. Als sie mich sieht, lächelt sie so herzlich, als wären wir seit Jahren beste Freundinnen.

»Schön dich zu sehen!«, ruft sie und ihr Lächeln wird noch breiter. »Das hier sind Mate und Kioto, sie werden mir bei den Untersuchungen helfen.«

Ich mustere die beiden Biosphärianer hinter ihr und frage mich, ob die Frau, die dabei ist, Mate oder Kioto heißt.

»Wir sind uns noch nicht einig wegen der Untersuchungen«, erkläre ich Tara, die mich erwartungsvoll anblinzelt. Sie zieht enttäuscht eine Schnute. »Oje, und warum das?«

»Ein Freund von uns hat uns etwas über einen Vorfall erzählt, der sich vor ein paar Jahren bei ihm in der Heimat zugetragen hat. Biosphärianer haben Leute aus seinem Dorf verschleppt und diejenigen erschossen, die versucht haben ihre Bekannten zu retten«, erwidere ich ruhig, während Tara das Lächeln entgleist.

»Dein Freund kommt nicht zufällig aus dem ehemaligen Amerika?«, fragt sie.

»Ich weiß nicht, wo genau er herkommt«, antworte ich gereizt.

»Nun, wir wissen es«, entgegnet Tara. »Er kommt aus dem östlichen Teil des alten nordamerikanischen Kontinents. Von dort sind sie über den Atlantik hierher, nach Europa, gesegelt. Wir verwenden immer noch die alten Namen, obwohl das Ganze sich nach dem Dritten Weltkrieg ziemlich verändert hat.« Sie lächelt müde. »Dieser Kontinent ist nach dem Krieg nicht mehr zur Ruhe gekommen. Es herrscht immer noch Bürgerkrieg, weswegen es dort auch immer weniger Menschen gibt. In einer der letzten Siedlungen, Newhaven, ist es zu einem Massaker gekommen, an dem mehrere Biosphärianer beteiligt waren. Sie haben entgegen der Regeln im Wallace Buch gehandelt und versucht Anwohner zu verschleppen. Als diese sich geweigert haben, haben sie das Feuer eröffnet.«

Tara verzieht missbilligend ihr Gesicht.

»Die Verantwortlichen wurden natürlich bestraft, trotzdem kann man nicht wiedergutmachen, was in Newhaven geschehen ist. Dieses Ereignis, welches wir das Massaker von Newhaven nennen, wird uns vermutlich noch ewig anhaften. Nun, dass ausgerechnet ihr davon hört, wo ihr doch sowieso schon keine allzu guten Erfahrungen mit uns gemacht habt, ist natürlich sehr bedauernswert. Deine Freunde aus Newhaven können gerne mit mir persönlich darüber sprechen, falls das helfen sollte«, sagt Tara und schaut zu Rufus, der hinter mir in der Tür steht.

»Sie möchte mit euch über das reden, was damals bei euch im Dorf geschehen ist«, gebe ich Taras Angebot an Rufus weiter, der mit einer Mischung aus Verärgerung und Belustigung seine Augenbrauen hebt.

»Wie kommt sie darauf, dass wir mit ihr reden möchten?«, fragt er grimmig.

»Ich denke, es wäre vielleicht ganz gut, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen«, sagt Tara plötzlich auf Englisch. »Du dachtest wohl, du bist die Einzige, die sowohl Romanisch als auch Englisch spricht«, beantwortet sie mit einem Hauch von Triumph in der Stimme meinen erstaunten Blick.

»Ich würde gerne mit diesem Mann alleine reden«, sagt Tara an mich gewandt.

»Und was ist, wenn ich lieber zuhören möchte?«, entgegne ich trotzig, um sie zu provozieren, doch sie geht nicht darauf ein.

»Da er es dir danach sowieso erzählen wird, dürftest du nicht viel verpassen«, antwortet sie.

Ich spare mir eine Antwort und stapfe wütend vom Haus weg zum Strand. Im Haus werde ich nur unnötig mit Fragen bombardiert.

»Jeanne! Warte!«, ruft plötzlich jemand hinter mir, im Laufen werfe ich einen Blick über meine Schulter.

Es ist Ian. Ich bleibe nicht stehen, laufe jedoch etwas langsamer, damit er aufschließen kann.

»Willst du spazieren gehen?«, fragt er, ein wenig außer Atem.

»Im Haus halte ich es nicht mehr länger aus. Gott, ich wünschte, das wäre alles nicht passiert.«

»Was?«

»Das Austrocknen des Wasserlochs, der Marsch über die Berge, das ganze Drama hier im Dorf, die Landung der Biosphärianer. Es ist einfach zu viel.«

»Ich bin froh, dass euer Wasserloch ausgetrocknet ist. Sonst wärst du jetzt nicht hier, und wir hätten uns nie getroffen.«

Schweigend schaue ich ihn an und nicke. Vorsichtig nehme ich seine Hand.

»In einer Woche sind wir weg«, sagt Ian plötzlich laut.

Erschrocken bleibe ich stehen. »Wie, weg?«

»Weg eben.«

In meinem Bauch krümmt sich alles zusammen. »Du meinst, ihr fahrt wieder?«

»Die anderen finden, dass es zu gefährlich ist hierzubleiben. Außerdem glauben sie, dass wir hier keine Zukunft haben.«

»Ihr könnt doch jetzt nicht einfach fahren! Ihr seid doch gerade erst angekommen!«

»Den anderen gefällt es hier eben nicht, sie haben sich etwas anderes erhofft«, antwortet Ian barsch.

»Was habt ihr denn erwartet? Ein Land genauso wie eures, nur friedlicher?«

»Mein Gott, ich weiß nicht, was sie erwartet haben! Kann ich Gedanken lesen?«

»Ja, aber … Ich dachte, du willst nicht weg?«

»Natürlich nicht! Aber habe ich denn eine Wahl? Soll ich die anderen gehen lassen und hier am Strand bleiben, mit deinem Bruder und allen anderen, die mich hier nicht haben wollen?«, brüllt Ian wütend.

»Was hat das denn jetzt bitte schön mit meinem Bruder zu tun?«, fauche ich zurück.

»Und was ist mit den Biosphärianern? Wir können nicht einfach darauf warten, dass noch einmal dasselbe geschieht wie damals!«

»Ihr habt doch bloß Schiss, das ist alles!«

»Natürlich haben wir das! Genauso wie ihr!«

»Ich hab keine Angst vor ihnen!«, schnaube ich.

»Ach, hast du nicht?«, fragt er spöttisch.

»Nein. Habe ich nicht. Zumindest laufe ich nicht vor ihnen weg.«

»Das glaubst du ja wohl selber nicht, wer ist denn mit mir kreischend vor dem Auge weggerannt?«

»Heute habe ich eine von den Biosphärianern kennengelernt, und sie war sehr nett.«

Wir fixieren uns gegenseitig, Ian weiß, dass er recht hat, und er weiß auch, dass mir selber bewusst ist, dass er recht hat. Aber ich will einfach nicht, dass er recht hat. Ich will keine Angst vor diesen Menschen haben, ich will mich auch nicht mit ihm streiten, aber genauso wenig kann ich aufhören.

»Nett? Diese Leute sind nicht nett, das weißt du ganz genau, du würdest nie mit ihnen kooperieren«, sagt Ian ruhig.

»Würde ich nicht? Woher willst du das wissen?«

Er zuckt mit den Schultern. »Weil ich dich kenne.«

»Na, dann kennst du mich ziemlich schlecht«, fauche ich, drehe auf dem Absatz um und gehe hastig zurück auf unser Haus zu.

»Jeanne! Jeanne! Was zur Hölle machst du?«

»Das kann dir doch egal sein!«, brülle ich über meine Schulter zurück.

Ich höre ihn hinter mir herrennen. Vor der Haustür stehen immer noch Tara und Rufus und reden eindringlich miteinander.

Plötzlich spüre ich eine Hand auf meinem Arm und wirbele herum.

»Was machst du?«, fragt Ian mich, sein Gesicht ist rot angelaufen.

»Ich lasse mich untersuchen.« Die Worte schlüpfen zwischen meinen Lippen hindurch, bevor ich sie aufhalten kann.

Ian starrt mich entsetzt an. »Nein. Tust du nicht.«

»Aha, und das sagt wer?«

»Ich. Das lasse ich nicht zu. Das kannst du nicht machen.«

»Du wirst sehen, ich kann«, entgegne ich, schnippe seine Hand von meinem Arm und steuere auf Tara zu. Ich weiß, wie idiotisch, kindisch und gemein ich mich verhalte, doch ein kleiner, böser Teil in mir kann einfach nicht damit aufhören. Immer mehr fällt mir auf, was für eine Macht andere über mich haben, und je besser ich Ian kenne, desto mehr stellt er mein Denken und Handeln komplett auf den Kopf. Manchmal weiß ich schon nicht mehr, ob ich Dinge für mich oder nur für ihn tue, und das macht mir Angst.

Er denkt, dass er mich kennt. Aber wie kann er mich schon kennen, wenn ich mir selber nicht einmal mehr sicher bin, wer ich bin und was ich will? Und was bildet er sich ein zu denken, er wüsste, was am besten für mich ist?

»Jeanne, bitte!«, fleht Ian. »Tu es nicht.«

Ich lasse ihn stehen und gehe zu Tara, die sich zu mir umdreht.

»Ich mache bei den Untersuchungen mit«, verkünde ich und fühle mich so, als hätte eine andere Person diese Worte gesagt.

Mit kindischer Freude lächelt mich Tara an. »Das ist ja großartig, Rufus hat gerade eben gesagt, dass er auch mitmachen möchte.«

Mein Blick zuckt zu Rufus, der nickt.

»Ihr könnt reingehen und den anderen Bescheid geben, während ich meine Sachen hole«, sagt Tara. »Die Untersuchungen machen wir in einem der Häuser am Dorfrand, ich glaube, das ist geschickter, als wenn wir es bei euch im Haus machen.«

Tara lächelt mich noch einmal begeistert an, dreht sich dann um und steuert halb gehend, halb rennend auf das Auge zu.

»Dann gehen wir mal besser«, sage ich zu Rufus.

In der Tür drehe ich mich noch einmal kurz um. Von Ian ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Seufzend gehe ich in die Küche, wohl wissend, was mir bevorsteht.

Die anderen sind entsetzt, als ich ihnen erzähle, was Rufus und ich beschlossen haben. Was sie nicht wissen, ist, dass Tara Rufus versichert hat, dass alle außer Gefahr sind, wenn sich ein paar Freiwillige für die Untersuchung finden. Sie hoffen, dass andere nachziehen, wenn sich erst herausgestellt hat, dass die Untersuchungen harmlos sind. Was die Gegenleistung anbelangt, so hat sie Rufus versprochen, dass die Segler und wir zahlreiche Geschenke bekommen werden, als Entschädigung für unsere Mühe. Auf jeden Fall hat Tara eine Sache klargemacht, und zwar, dass wir keine Wahl haben.

Und je später die anderen davon erfahren, desto besser.

 

Tara erwartet Rufus und mich vor einem großen Haus am Dorfrand. Nach einer kurzen Begrüßung führt Tara Rufus, Tilo, Mike und mich hinein. Tilo und Mike haben darauf bestanden, mich zu begleiten.

Wir befinden uns jetzt in einem großen Raum, in dem ein massiver Holztisch steht, auf dem Tara zahlreiche Geräte ausgebreitet hat.

»Komm bitte hierher«, fordert Tara mich auf und drückt mich sanft auf einen Stuhl neben dem Tisch. In dem Moment kommt ein weiterer Biosphärianer in den Raum.

»Das hier ist Lot«, stellt Tara ihn vor. »Er wird Rufus untersuchen, während ich dich hier behandle, in Ordnung?«

Ich werfe Rufus einen Blick zu, der zuckt mit den Schultern und folgt Lot, der den Raum wieder verlässt.

Tara lächelt zufrieden und legt mir dann kurz ihre Hand auf die Schulter. »So, es wäre gut, wenn du dein T-Shirt ausziehen könntest.«

»Warum soll sie das machen?«, fragt Tilo dazwischen, der sich mit Mike neben die Tür gestellt hat.

Tara hält ein schlauchförmiges Gerät hoch, an dessen Ende eine Halbkugel baumelt. »Ich möchte ihr Herz abhören, und das funktioniert besser, wenn kein Stoff zwischen dem Abhörgerät und ihrer Haut liegt. Lot wird dasselbe bei Rufus machen. Es ist ganz harmlos.« Bevor es weitere Diskussionen geben kann, ziehe ich mein Oberteil über den Kopf und lege es auf den Tisch. Tara wirkt erleichtert. Sie legt sich die Enden des Geräts über ihre Ohren und drückt mir die Halbkugel auf die Brust.

»Jetzt atme bitte ganz tief ein und aus«, sagt Tara.

Ich hole so tief Luft, wie ich kann, und atme dann langsam wieder aus.

»Und noch einmal.«

Danach nimmt sie das Gerät wieder ab und schreibt etwas auf ein Blatt Papier.

»Mit deinem Herzen ist alles in Ordnung, eigentlich ist diese Methode hoffnungslos veraltet, aber die neuen Geräte sind viel zu massiv, um sie hierher zu bringen«, erklärt Tara, während sie ein neues Gerät vom Tisch hebt.

»Okay, das könnte jetzt ein wenig unangenehm werden«, warnt Tara und zeigt mir ein längliches Objekt mit einer langen, dünnen Spitze. »Das hier ist eine Spritze. Damit werde ich dir Blut abnehmen. Es kann ein bisschen stechen, aber nur kurz. Ich werde dir dieses dünne Ende in eine Ader stecken und ein wenig Blut herausziehen. Dein Blut können wir dann analysieren. Zurück bleibt nur ein winziges Loch in deiner Haut.«

Sie hält das Ding vor meine Augen. Entsetzt starre ich auf die lange Nadel.

»Ich glaube nicht, dass das notwendig ist«, wendet Tilo ein und tritt hinter mich. »Komm, Jeanne, wir gehen.«

Die Augen von Tara verengen sich. »Es ist ihre Entscheidung, ob sie das machen will oder nicht.«

»Nein, ich glaube nicht, dass es nur ihre Entscheidung ist.« Tilo versucht, mich vom Stuhl hochzuziehen, doch ich klammere mich an der Lehne fest.

»Lass mich los, Tilo, es ist alles okay«, sage ich schnell.

»Nichts ist okay, sie will dir Blut wegnehmen, glaubst du etwa, dass das ungefährlich ist? Was ist, wenn sie dir zu viel wegnimmt?«, meint Tilo aufgewühlt.

»Reiß dich zusammen! Es passiert schon nichts, entweder du beruhigst dich jetzt, oder du gehst!«

Tilo schaut mich wütend an, dann dreht er sich schnaubend um, stürmt auf die Tür zu und wirft sie knallend hinter sich zu. Mike steht einen Moment lang unschlüssig da.

»Geh ruhig«, sage ich. »Rufus ist schließlich auch noch da.«

»Ich bleibe lieber«, meint Mike, dann setzt er sich dort, wo Tilo eben noch stand, auf den Boden.

»Bist du bereit?«, fragt Tara.

Ich nicke. Sie lächelt noch einmal ermutigend, wischt mit einer fließenden Bewegung den Dreck von meiner Armbeuge und sticht mir dann das Ding in den Arm.

Zischend hole ich Luft, doch der Schmerz bleibt aus, es war nur ein leichter Piks.

Dann zieht sie die Spritze auseinander und mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination sehe ich, wie mein Blut dunkelrot in das Innere der Spritze fließt.

Tara schaut lächelnd zu mir, dann zieht sie den hinteren Teil der Spritze heraus, stellt ihn in einen Behälter am Tisch und steckt einen neuen herein, der sich nun ebenfalls rasend schnell füllt.

»Noch mehr?«, frage ich.

»Ja, gleich hast du es geschafft.«

Der zweite ist nun auch voll, präzise zieht Tara ihn heraus und steckt einen dritten hinein. Noch mehr Blut fließt aus meinem Arm hinaus. Als der dritte voll ist, zieht sie ihn zusammen mit der Spitze heraus und stellt ihn zu den anderen beiden.

Nur ein winziger, roter Punkt an meinem Arm zeigt, was gerade geschehen ist.

Tara presst ein kleines Stück Stoff auf die Stelle.

»War doch gar nicht so schlimm«, säuselt sie und schraubt die einzelnen Teile der Spritze zu.

»Alles in Ordnung, Jeanne?«, erkundigt sich Mike besorgt.

»Ja, alles okay.«

»So, wir sind jetzt fast fertig. Ich muss nur noch eine letzte Untersuchung mit dir machen«, erklärt Tara.

Ich rubbele über meinen Oberarm, der sich taub und schwammig anfühlt.

»Ist es normal, dass mein Arm sich taub anfühlt?«, frage ich ängstlich.

»Ja, das ist vollkommen normal. Es kann auch sein, dass die Stelle, wo ich die Spritze injiziert habe, blau anläuft.«

Wirklich beruhigen tut mich das nicht.

»Ich werde jetzt Gel auf deinen Bauch auftragen und ihn dann abtasten, okay? Es wäre leichter, wenn du dich dazu hinlegen könntest.«

Ich stehe auf und lege mich auf den staubigen Boden. Tara kniet sich neben mich und drückt aus einer Tube eine durchsichtige, bläulich schimmernde Creme auf meinen Bauch, die sich angenehm kühl anfühlt. Anschließend nimmt sie ein weiteres Gerät in die Hand und zieht es in langsamen Bewegungen über die glibberige Creme auf meinem Bauch. Dabei starrt sie konzentriert auf eine Anzeige des Gerätes.

Plötzlich lacht sie laut los.

»Was ist?«, frage ich irritiert.

Sie beachtet mich allerdings nicht, sondern steht auf, geht zur Tür, zieht diese auf und steckt ihren Kopf nach draußen in den Flur. »LOT

Eine kurze Pause, dann die Antwort. »Alles okay bei dir?«

Tara lacht erneut. »Ihre inneren Organe sind alle vollkommen in Ordnung, weißt du, wie selten das ist? Wenn ihre Blutwerte einigermaßen passen, kann sie einen F-Index von über achtzig Prozent haben!«

»Mensch, hast du ein Glück. Ich befürchte, meiner kommt nicht einmal auf vierzig.«

»Was bedeutet das?«, frage ich Tara, die immer noch begeistert lächelnd zurück in das Zimmer tritt.

»HEY!«, brülle ich. »Was bedeutet dieser F-Wert?«, frage ich ungeduldig.

»Och, das ist nur so ein Wert«, erwidert Tara beschwichtigend und winkt ab.

»Danach klang es aber nicht«, beharre ich störrisch und stemme mich vom Boden hoch. Tara drückt mir einen Haufen dünner Tücher in die Hand.

»Danke für deine Hilfe, das war’s auch schon«, meint sie lächelnd und beginnt die Geräte in einer großen Tasche zu verstauen. Ich wische mir die schmierige Creme vom Bauch und fixiere Tara mit meinem Blick.

»Ich frage noch mal: Was ist das für ein Wert, Tara?«

»Das ist ziemlich kompliziert, das würdest du sowieso nicht verstehen. Aber deine Brüder würde ich gerne mal untersuchen, ich gehe kurz zum Labor, um deine Blutproben abzugeben, und dann komme ich bei euch zu Hause vorbei. Es wird bei ihnen nur eine Untersuchung nötig sein.«

Ich schüttele den Kopf. »Ihr werdet Tilo kaum dazu bringen können, sich untersuchen zu lassen.«

»Oh doch«, sagt Tara und lächelt. »Glaube mir, das können wir.«

Beladen mit allerlei Zeug verlässt sie das Zimmer. Mit einem unguten Gefühl schaue ich ihr hinterher, da kommt Rufus wieder zu uns. Auch er sieht alles andere als glücklich aus.

»Ich hasse sie«, sagt Rufus schließlich.

»Lass uns zu den anderen gehen«, erwidere ich matt.

 

Zu Hause werden wir bereits erwartet. Wie zwei stille Wächter stehen Ian und Tilo neben der Tür und schauen zu, wie wir uns durch den Sand zu ihnen kämpfen. Ian wartet nicht, bis wir an der Tür sind, er wirft mir nur einen kurzen Blick zu, wie um sich zu vergewissern, dass ich noch alle Hände und Füße habe, und verschwindet dann im Haus.

Tilo hingegen wartet, bis wir bei ihm sind.

»Und?«, fragt er ungeduldig. »Sind sie jetzt endlich zufrieden?«

Ich schüttele den Kopf. »Sie wollen euch auch noch untersuchen.«

Tilo stößt ein freudloses Lachen aus. »Darauf können sie lange warten!«

»Wir haben keine Wahl, Tilo«, sage ich. »Sie haben uns klar und deutlich gesagt, dass wir mit negativen Konsequenzen rechnen müssen, wenn wir nicht kooperieren.«

Er wird blass und tritt einen Schritt zurück. »Und wann hattest du vor, mir das zu sagen?«

»Rufus und ich haben gemeinsam beschlossen, es euch erst einmal nicht zu erzählen, wir wollten euch nicht unnötig beunruhigen.«

»Beunruhigen?«, wiederholt Tilo gefährlich ruhig. »Verdammt, Jeanne! Das hier geht uns alle etwas an, so was kannst du doch nicht einfach für dich behalten!«

»Ja, das war ein Fehler, tut mir leid!«, rufe ich. »Ich hatte Angst, dass die anderen in Panik ausbrechen und irgendetwas Dummes tun.«

Tilo öffnet den Mund zu einer Antwort, da legt ihm Mike beschwichtigend eine Hand auf den Arm. »Diskutiert das später, sie sind schon wieder auf dem Weg zu uns.«

Wütend schüttelt Tilo seinen Arm ab. »Können die uns nicht ENDLICH IN RUHE LASSEN

»Sie können dich hören«, mahnt Mike halbherzig.

»Ist mir egal«, murrt Tilo. »Ist mir scheißegal!«

Besorgt schaue ich zum Strand. Sie sind schon fast da. Tara hebt ihre Hand und winkt.

»Die hat Nerven«, zischt Tilo, die Hände zu Fäusten geballt.

»Beruhige dich!«, flehe ich ihn an. »Bitte beruhige dich!«

»Gibt es Probleme?«, hallt Taras Stimme zu uns und sie bleibt schnaufend vor uns stehen.

»Ihr solltet besser wieder gehen«, antworte ich ruhig. »Jetzt ist nicht der richtige Augenblick für weitere Untersuchungen.«

»Ob jetzt der richtige Augenblick ist oder nicht, entscheidest nicht du«, erwidert Tara eisig. »Wir werden die Untersuchungen machen. Jetzt. Und ihr lasst uns einfach unseren Job machen.«

»Nein«, sagt Tilo leise hinter meinem Rücken, dann lauter. »Nein.«

Tara wirft ihm einen sowohl verärgerten als auch amüsierten Blick zu. »Auch du hast das nicht zu entscheiden.«

Tilo schüttelt seinen Kopf. »Ich habe mehr Recht, das hier zu entscheiden, als alle Leute eurer verlogenen Mannschaft zusammen.«

Taras Mundwinkel zucken hämisch. »Gut, du willst dich also nicht untersuchen lassen. Dann hol doch mal all deine Leute raus, und wir entscheiden das gemeinschaftlich, hm?«

Tilo schaut mich verunsichert an. Damit hat er nicht gerechnet.

»Hol Ian und Baku«, sage ich zu ihm. »Ihren Rat könnten wir gebrauchen.«

Er nickt, verschwindet im Haus und kehrt nur kurze Zeit später mit den anderen zurück.

»Also –«, sagt Tara, als alle vor ihr stehen. »Alles, was wir verlangen, ist, dass jeder von euch sich untersuchen lässt. So wie es bereits alle anderen Einwohner im Dorf getan haben. Als Austausch dafür bieten wir euch Geschenke an.«

Tilo lacht. »Geschenke? Was könnt ihr uns schon schenken?«

Mit einer lässigen Handbewegung winkt Tara Lot heran, der eine große Umhängetasche auf dem Boden abstellt und deren Inhalt langsam ausbreitet.

Kleidung, in Plastikfolie verpacktes Verbandszeug, mehrere Tüten und Dosen und einige andere bunte Dinge liegen schließlich vor uns.

Ich höre einen tiefen Seufzer neben mir. Rufus starrt die bunten Dinge mit einer solchen Sehnsucht an, dass ich mich für einen Moment frage, was für einen Zweck sie haben könnten.

»Das hier ist die erste Fuhre, wenn alle von euch untersucht wurden, bekommt ihr noch mehr. Fürs Erste haben wir hier Kleidung, sauberes Verbandszeug und Lebensmittel. Reis, Bohnen, Zucker und Dosenobst. Außerdem haben wir euch von unseren Plantagen noch frisches Obst mitgebracht: Mangos, Äpfel, Bananen und Orangen. Ihr dürft sie gerne einmal probieren«, säuselt Tara, ihre Augen blitzen mit boshaftem Vergnügen zu Rufus.

»Warum glaubt ihr, dass wir diese Sachen haben wollen?«, fragt Tilo barsch.

»Wollt ihr sie denn etwa nicht?«, kontert Tara süffisant.

Tilos Mund öffnet sich zu einer Antwort, doch er bringt kein Wort heraus. Auch den anderen hat es die Sprache verschlagen, in ihren Augen sehe ich, dass sie im Moment nichts lieber hätten als dieses Paket. Zugegebenermaßen ergeht es mir nicht anders. Wir haben diese Dinge noch nie probiert, und alleine die Vorstellung, endlich mal etwas anderes als Hirse zu essen, ist unglaublich. Und jetzt sind diese Dinge nur wenige Meter von mir entfernt, und alles, was passieren müsste, damit ich sie bekomme, ist, dass meine Brüder sich untersuchen lassen. Ich schiele zu Tilo, man kann förmlich sehen, wie er wankt.

»Alles, was wir von euch verlangen, ist, dass ihr euch denselben Untersuchungen unterzieht wie Jeanne und Rufus. Wie ihr sehen könnt, hat es ihnen nicht geschadet«, erklärt Tara.

»Das ist nicht fair«, höre ich plötzlich Ian hinter mir sagen.

»Nichts ist umsonst«, flüstere ich, wie zu mir selbst.

»Nun?«, fragt Tara lauernd.

Ich schaue zu Tilo, er ist es, der die Entscheidung fällen muss.

»In Ordnung«, sagt Tilo schließlich matt. »Wenn es nicht anders geht.«

Einen Moment grinst Tara triumphierend, dann gewinnt die Sachlichkeit wieder die Kontrolle über ihre Gesichtszüge.

»Großartig! Dann fangen wir am besten gleich an. Wir werden bei euch auf die erste Untersuchung verzichten und stattdessen gleich mit der Blutabnahme beginnen.« Tara schultert ihre Tasche, winkt Lot heran und geht, ohne auf eine Einladung zu warten, in unser Haus.

»Was mache ich nur?«, fragt Tilo in die Stille.

Darauf weiß ich keine Antwort. Klar, wir alle wollten diese Sachen, trotzdem behagt mir die Vorstellung nicht, dass jetzt auch Dan untersucht wird. Ich habe mich untersuchen lassen, weil ich es so wollte. Ihn hat niemand gefragt.

»Wir alle wollen die Sachen, es war eigentlich die einzig logische Entscheidung.«

»Eigentlich?«, hakt Tilo nach.

»Dan?«, erwidere ich. »Und Mum? Wir hätten sie vorher fragen sollen.«

»Ich rede mit ihnen«, sagt Tilo und wendet sich zur Haustür. »Kommst du mit?«

Ich folge ihm in das Haus, wo sich der Rest bereits im Gang zusammengedrängt hat und ab und zu in die Küche schaut, wo die Biosphärianer unter den misstrauischen Blicken meiner Mutter ihre Geräte auf dem Küchentisch ausbreiten.

»Jeanne? Was soll das?«, fragt meine Mutter, als sie mich bemerkt. »Was machen die in unserer Küche?«

»Sie bereiten alles für die Untersuchungen vor«, erklärt Tilo, der neben mir steht.

Verwirrt und auch ein wenig verärgert sieht meine Mutter uns an. »Reicht es nicht, dass Jeanne sich schon hat untersuchen lassen, ohne mich zu fragen? Jetzt auch noch alle anderen?«

»Mum …«, versuche ich sie zu beschwichtigen, doch sie unterbricht mich sofort.

»Aber gut, das ist deine Sache, und Marie und ihre Kinder haben es schließlich auch gemacht. Aber habt ihr mal an Dan gedacht? Muss das wirklich sein?«

»Bis jetzt hat jeder die Untersuchungen unbeschadet überstanden«, wendet Tilo ein. »Und ich dachte, dass wir dadurch alle einen Vorteil hätten. Schließlich bekommen wir ja auch etwas dafür.«

Mum seufzt. »Das sehe ich ja ein, Tilo. Aber hättet ihr mich nicht einfach vorher fragen können? Gerade du, Jeanne? Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?«

Ich schaffe es nicht, ihren Blick zu erwidern, und schaue zur Seite. Ja, was habe ich mir eigentlich dabei gedacht?

»Ich weiß es nicht, Mum. Können wir das Ganze nicht einfach schnell hinter uns bringen?«

Schweigend sieht sie erst mich, dann Tilo an. Wir haben sie enttäuscht, das kann ich in ihren Augen sehen.

»Nun gut. Was passiert ist, ist passiert. Aber noch so eine Aktion und ich bin nicht mehr so friedlich«, meint sie und lächelt uns dann aufmunternd an. »So, und jetzt zieht nicht so ein Gesicht. Ich habe mir Sorgen gemacht, wie jede andere Mutter es auch tun würde. Und jetzt ab mit euch!«

Sanft gibt sie mir und Tilo einen Schubs von der Tür weg, und wir treten nach hinten. Mum geht wieder in die Küche zurück. »Braucht ihr noch lange?«

Tara dreht sich freundlich lächelnd zu Mum um. »Nein, wir sind fertig. Und wir würden gerne zuerst die Segler untersuchen.«

Mum nickt und verlässt die Küche.

Ich gehe derweil zu Rufus und sage ihm, dass Tara zuerst seine Leute untersuchen möchte. Zuerst befürchte ich, es könnte eine Meuterei ausbrechen. Davon war schließlich zuvor nie die Rede. Die Stimmen von Anne und Kathe hallen laut durch das Haus, als sie anfangen, Rufus wüst zu beschimpfen.

Die Stille, die folgt, als Lot plötzlich mit einem Korb voll Obst auftaucht, ist ziemlich lang.

»Zuerst die Frauen«, ist Taras nächste Forderung, und Kathe und Anne betreten die Küche, deren Tür sich hinter ihnen knallend schließt.

Als sie wieder herauskommen, sind sie blass im Gesicht und schwanken leicht. Beim mysteriösen F-Index schneiden beide schlecht ab. Kathe hat zehn Prozent und Anne zwanzig. Es folgen Baku und Bat, die beide exakt denselben Wert von zweiundzwanzig Prozent haben.

Als Ian in der Küche ist, habe ich das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen. Mit schwitzigen Händen starre ich die Küchentür an, während mein Herz gegen meine Brust hämmert. Ich habe plötzlich Angst, die Untersuchungen könnten doch nicht so harmlos sein, vielleicht gibt es ja Komplikationen, oder irgendetwas stimmt nicht mit ihm.

Die Minuten verstreichen, und die Tür will sich einfach nicht öffnen. Auch Anne, die neben mir sitzt, atmet hastig und nervös.

Nach einer halben Ewigkeit kommt Ian heraus und bleibt einen Augenblick verloren stehen, als wüsste er nicht so recht, was er mit sich anfangen soll.

Bevor meine Vernunft mich zurückhalten kann, stehe ich auf und schließe ihn in die Arme. Während die Gedanken in meinem Kopf Purzelbäume schlagen, fühle ich seine weichen Haare kitzelnd an meiner Wange liegen.

Bevor mein Gehirn sich noch mehr verknoten kann, löse ich mich von ihm und trete einen Schritt zurück. Ein wenig verblüfft sieht Ian mich an, dann lächelt er, als hätte es den Streit zwischen uns nie gegeben.

Es tut mir leid, forme ich lautlos mit meinen Lippen, weil ich Annes Blicke auf mir haften spüre.

»Mir auch«, lese ich auf Ians Lippen.

Als Nächstes gehen Tilo und Mike rein. Mike kommt mit einem erleichterten Grinsen kurze Zeit später mit Tilo wieder heraus, der jeden Blickkontakt mit mir vermeidet.

»Oh Mann, ich hab vierundvierzig Prozent, was auch immer das heißen soll«, verkündet Mike und lässt sich neben mich fallen.

»Und Tilo?«, wispere ich besorgt.

»Achtzig Prozent«, flüstert er zurück und schaut bekümmert zu meinem großen Bruder, der im Türrahmen steht und nach draußen in die Ferne starrt.

Zuletzt werden Mum und Dan untersucht. Bei beiden dauert es nicht lange, Dan schwebt förmlich heraus und stürmt mir lachend entgegen.

»Jeanne! Ich hab neunzig!«, ruft Dan begeistert und setzt sich neben mich. »Mum hat nur vierzig, aber die Frau hat gesagt, dass ihr alter Wert mindestens bei achtzig gelegen haben muss. Mein Wert ist nicht so genau, das kann man erst später exakt sagen, aber für den Anfang ist er echt super!«, plappert er in einem fort und sieht mich strahlend an.

»Super, Dan!«, sage ich müde.

»Freut es dich denn nicht, dass wir alle einen so tollen Wert haben?«

»Doch, es freut mich.«

»Die Frau hat gesagt, dass wir eine Familie mit enormem Potenzial sind.«

Wachsam richte ich mich auf. »Hat sie sonst noch etwas gesagt?«

»Irgendwas mit Erfolg haben oder so«, meint Dan, dann dreht er sich um und geht zu meiner Mutter, die neben Tilo an der Tür steht und leise mit ihm redet.

Ich spüre, wie sich die Härchen in meinem Nacken aufrichten. Erfolg? Potenzial?

Die Küchentür öffnet sich, und Tara und Lot kommen heraus. »Wir geben die Ergebnisse beim Auge ab. Ich komme morgen früh mit eurer zweiten Fuhre«, sagt Tara, dann schreitet sie, dicht gefolgt von Lot, an uns allen vorbei zur Tür und verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist.