Tag 45 – Leben

28. Juli 2116: Das Projekt Biosphäre 3 wird erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Es ist eine Erneuerung und Verbesserung des im Jahr 1993 gescheiterten NASA-Projektes Biosphäre 2. Zahlreiche neue Entdeckungen wie der Utopsche Sauerstoffkonvertierer geben dem Projekt neue Möglichkeiten und führen zu einem insgesamt runderen Ablauf. Dennoch muss das Projekt vier Monate später abgebrochen werden, als Mitglieder der Crew sich im Zuge eines Streites attackieren.

»Ihr könntet abhauen«, schlägt Kathe vor.

»Und wohin bitte schön?«, fragt Mike gereizt. »In die Berge? Oder noch besser, in den verstrahlten Osten?«

»Es war nur ein Vorschlag!«, verteidigt sich Kathe.

Ich werfe Tilo einen verzweifelten Blick zu. Eigentlich dachten wir, dass wir mit einer Versammlung gemeinsam klarstellen können, warum wir gehen müssen und weshalb es keine Alternative gibt. Aber seit die Segler bei uns im Haus eingetroffen sind, werden Vorschläge hitzig hin- und hergeworfen, ohne dass ein Ende in Sicht ist.

»Und wenn wir doch kämpfen?«, fragt Ian und sieht rüber zu Baku, Bat und Rufus. »Wir haben noch die Waffen auf unserem Schiff. Von denen wissen die Biosphärianer ganz sicher nichts.«

»Aber wie wollt ihr sie damit bitte schlagen? Ihr wisst selber, wie viel Macht sie haben, wir haben es alle gesehen!«, sagt Anne und wendet sich dann mir zu. »Jeanne, niemand hier bestreitet, dass das, was deiner Familie gerade passiert, furchtbar ist, und du weißt, dass ich dich mag, aber das wäre Selbstmord!«

»Ich weiß«, entgegne ich, auf Ians Protest hin. »Ich würde das auch niemals von euch verlangen. Deshalb habe ich ja gesagt, dass ich gehen werde, aber hier sind nun einmal nicht alle meiner Meinung.«

»Aber wir können sie doch nicht einfach aufgeben!«, ruft Ian. »Niemand verdient ein Leben auf der Biosphäre, und wenn es uns getroffen hätte, würden wir doch auch wollen, dass andere für uns kämpfen!«

Betreten sehen die anderen Segler ihn an.

»Wir würden mitkämpfen«, sagt Baku, woraufhin sein Bruder nickt.

»Ich auch«, sagt Rufus mit seiner tiefen Bassstimme. »Keiner sollte in Gefangenschaft leben.«

»Rufus, Baku, Bat und Ian wollen kämpfen«, übersetze ich Mike, Nathalie, Mum und Tilo. »Anne und Kathe halten einen Kampf für zu riskant.«

»Ich will auch kämpfen«, sagt Mike, ohne mich dabei anzusehen. »Ihr würdet dasselbe für uns tun.«

»Mich werdet ihr auch nicht los«, sagt Nathalie und verschränkt demonstrativ die Arme vor der Brust, als Tilo zu einer Gegenantwort ansetzt.

»Ich werde hier noch wahnsinnig!«, flüstert Tilo mir zu und rauft sich die Haare.

»Ich auch«, stimme ich ihm zu.

»Seht es doch mal aus unserer Sicht«, sage ich. »Wenn jemandem von euch was passiert, sind wir dafür verantwortlich, und deswegen –«

Ich halte inne. Mein Herz scheint für einen Augenblick stehen zu bleiben.

»Hat es gerade geklopft?«, frage ich Tilo, der mich entsetzt ansieht. Er ist blass, fast weiß im Gesicht, und drängt sich hastig zwischen Mike und Nathalie durch, um durch das Fenster sehen zu können.

»Sie ist da«, sagt Tilo tonlos. »Sie steht draußen vor der Tür. Alleine.«

Ich ringe mit mir, schaffe es aber doch irgendwie aufzustehen. »Ich rede mit ihr.«

Als ich die Küche verlasse, ist es totenstill.

Ich gehe durch den mir so vertrauten, immerfort nach Staub riechenden Gang und öffne die Tür. Tara steht direkt davor, dieses Mal hat sie sich gar nicht die Mühe gemacht, ein Lächeln aufzusetzen.

»Kann ich reinkommen?«, fragt sie ruhig.

»Du willst mit mir reden?«

Sie nickt. »Wenn es gerade geht.«

»Seit wann so zuvorkommend?«

»Können wir reden, oder nicht?«

Ich nicke und trete an ihr vorbei nach draußen. »Ja, aber lass uns lieber draußen reden. Die anderen sind gerade nicht allzu gut auf dich zu sprechen.«

Tara nimmt meinen Kommentar mit Gleichgültigkeit zur Kenntnis und läuft neben mir her.

»Also, was willst du?«, frage ich.

»Ich will mich entschuldigen«, antwortet sie, und verblüfft von der Ehrlichkeit ihrer Worte bleibe ich stehen.

»Entschuldigen?«, hake ich fassungslos nach.

Ein zweites Nicken. »Ja. Können wir vielleicht wenigstens irgendwo hingehen, wo es nicht so windig ist?«

Ein wenig verwirrt vom schnellen Themenwechsel bedeute ich ihr, mir zu folgen, und gehe zu einem der Nachbarhäuser.

Ich öffne die morsche Tür und lasse Tara vor mir eintreten.

In einem kleinen Zimmer mit abgewetzter Tischgarnitur setzt sie sich schließlich auf einen Stuhl. Ich bleibe unschlüssig im Türrahmen stehen.

»Setz dich!«, fordert sie mich auf. »Ich werde dich schon nicht fressen.«

Etwas, aber nicht vollständig beruhigt nehme ich ihr gegenüber Platz. Währenddessen holt Tara eine Kugel aus ihrer Tasche und legt sie auf den Tisch. Die Kugel fängt leise an zu summen und strahlt kurz darauf eine angenehme Wärme aus.

»Warum ich heute hergekommen bin«, sagt Tara und hält ihre behandschuhten Hände an die glimmende Kugel, »ist einzig und allein wegen dir.«

Ich nicke, die Augen wie gebannt auf die summende Kugel gerichtet.

Tara folgt meinen Augen. »Faszinierend, nicht wahr? Was diese Menschen alles erschaffen können …«

Ich lehne mich auf den Stuhl zurück und verschränke die Arme, was Tara ein leichtes Lächeln entlockt.

»Ich möchte dir heute etwas mehr über mich erzählen, weil ich glaube, dass es dir vielleicht helfen könnte, mich besser zu verstehen.«

Auffordernd sieht sie mich an. Ich reagiere nicht. Seufzend fährt sie fort:

»Als ich in deinem Alter war, lebte ich mit meiner Familie am Rand der Strahlenzone. Wir wussten, dass uns nichts passieren würde, solange der Wind nicht drehte. Falls doch, bedeutete das für uns, dass verstrahlte Partikel in das Tal geweht würden, in dem ich und meine Familie lebten. Du fragst dich vielleicht, wieso wir nicht einfach woanders hingegangen sind. Die Antwort ist simpel: Wir konnten nirgendwo anders hin.

Um uns herum wurde es trockener und trockener. Es gab gerade noch genug Wasser, um zu überleben. Aber irgendwann wurde auch dieses Wasser zu knapp. Und wir waren zu ängstlich und zu schwach, uns auch nur einen Kilometer aus unserem Tal zu bewegen.«

Unbewusst habe ich mich weiter nach vorne gelehnt. Tara hat ihre Hände auf der Tischplatte abgelegt und sieht gedankenverloren die Kugel an.

»Meine Mutter starb als Erste. Mein Vater folgte ihr nur wenige Tage später. Erst danach begriff ich, dass sie schon lange vor uns aufgehört hatten zu trinken. Alles Wasser, was sie hatten, gaben sie meinen zwei Brüdern und mir. Drei Tage später starb mein jüngerer Bruder Seth. Er war damals acht Jahre alt.«

»Warum erzählst du mir das?«, unterbreche ich sie, doch sie redet einfach weiter.

»Natürlich wusste ich, dass auch ich und mein älterer Bruder Jonah nicht mehr lange leben würden. Und dann, einen Tag nach dem Tod von Seth, entfernte ich mich in der Früh auf der Suche nach Wasser etwas weiter als sonst. Und dort, am Rande unseres Tals, fand ich, freigelegt vom Wind, eine silberne Kugel.«

Mit klopfendem Herzen beuge ich mich vor, Tara sieht zu mir hoch und lächelt. »Genau so eine Kugel, wie du sie gefunden hast. Und ich nahm die Kugel in meine Hand und mit zurück zu unserer Hütte. Einen Tag später kamen sie in unser Tal. Leider zu spät für Jonah, der mich in dieser Nacht ebenfalls verlassen hatte.«

Ihre Augen schimmern, und ihre Hände sind so fest ineinandergekrallt, dass ihre Knöchel weiß hervortreten.

»Sie waren meine Rettung«, flüstert Tara mir zu. »Ich stand draußen vor der Hütte, meine Familie war tot, ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten und trotzdem: Als ich sie auf mich zukommen sah, rannte ich. Ich rannte auf sie zu, jemand nahm mich an die Hand, und sie führten mich von der Hütte weg ins Auge. Dort hatte ich plötzlich wieder eine Zukunft.«

Liebevoll nimmt Tara die Kugel in die Hand.

»In den folgenden Jahren lehrten sie mich alles, was ich wissen wollte. Sie gaben mir zu essen und zu trinken. Leider bin ich unfruchtbar, deswegen wurde mir nicht die Ehre zuteil, zu unserer Basis auf der Biosphäre 5 zu fliegen. Ich bin im Außeneinsatz von größerem Wert. Dennoch hoffe ich, dort eines Tages durch die Wälder und Felder laufen zu können.«

»Aber wir verdursten nicht. Es regnet«, sage ich. »Ich kann hier überleben. Leben. Ich kann bei meiner Familie bleiben, meinen Freunden.«

»Noch«, sagt Tara. »Aber es wird auch hier nicht plötzlich bergauf gehen, nur weil es ein- oder zweimal im Monat regnet. Ihr seid nach wie vor von dem Brunnen abhängig, und dessen Filter wird nicht ewig funktionieren. Früher oder später wird auch diese Wasserquelle versiegen. Und glaube mir, du willst nicht sehen, wie alle, die du liebst, diesen Tod sterben. Das will keiner.«

Tara nimmt die Kugel vom Tisch und steckt sie wieder in ihre Jackentasche. »Auf der Biosphäre 5 sieht es nicht gut aus. Du weißt, warum. Ich habe es dir bereits erzählt. Ich habe dir auch gedroht, das war nicht richtig. Aber du musst verstehen, dass die Biosphärianer auch nur ihre Heimat vor dem Untergang retten wollen. Und sie haben Macht, viel Macht. Wie viel, kann selbst ich dir nicht sagen, jedoch genug, um alles und jeden zu vernichten, den du liebst.«

Sie steht auf und seufzt, dann wendet sie sich mir zu, woraufhin auch ich aufstehe. »Du bist ein kluges Mädchen, Jeanne. Ich habe dir gedroht, weil ich wusste, dass du dich möglicherweise zur Wehr setzen wirst. Tu das nicht! Ihr könnt nicht gewinnen, nicht diesen Kampf. Und auch ich werde alles dafür tun, euch auf dieses Auge zu bringen. Egal, was es kostet, egal, was für Opfer ich dafür bringen muss. Aber das bin ich ihnen schuldig.«

»Dich interessiert gar nicht, was ich für richtig halte, habe ich recht?«, frage ich fasziniert.

»Du weißt nicht, was gut für dich ist«, antwortet Tara bestimmt. »Um dir zu zeigen, wie ernst es mir damit ist, möchte ich dich und deinen großen Bruder zu uns ins Auge einladen. Es ist keine Falle, versprochen. Ihr könnt kommen, euch umsehen und dann wieder gehen. Ich werde euch morgen abholen und euch zu unserem Kapitän bringen. Er wird euch alles erzählen, was ihr über die Biosphäre 5 wissen wollt.«

Erstarrt bleibe ich stehen. Ich weiß weder, was ich denken, noch, was ich fühlen soll. Tara holt die Kugel aus ihrer Tasche und drückt sie mir in die Hand.

»Wir können dir so viel geben, wirf es nicht weg«, flüstert sie, dann dreht sie mir den Rücken zu und verlässt den Raum.

 

Mit der Kugel in der Hand laufe ich zurück. Trotz der Wärme, die sie ausstrahlt, friere ich. Kalte Schauer jagen durch meinen Körper, und meine Beine schleppen mich nur mit Mühe voran. Draußen ist es schon dunkel geworden.

Als ich in das Haus trete, fällt mir zuallererst die Stille auf. Schwer und erdrückend. Ich öffne die Tür zur Küche und finde dort Mike, Nathalie, Mum und Tilo am Tisch sitzend.

»Wo ist Dan?«, frage ich Mum.

»Schon im Bett«, antwortet sie. »Was hat Tara gewollt?«

»Sie hat versucht, mich von den Vorzügen eines Lebens auf der Biosphäre zu überzeugen. Und sie hat mich eingeladen, mir das Auge anzusehen.«

Tilo fährt sich müde mit der Hand übers Gesicht. »Das hilft jetzt auch nicht weiter.«

»Wieso, was ist passiert?«, frage ich besorgt.

»Wir werden kämpfen«, erklärt mir Mike ruhig.

Fassungslos sehe ich erst ihn und dann Tilo an.

»Wir haben abgestimmt«, sagt er leise. »Es war eine ziemlich eindeutige Angelegenheit.«

»Was ist mit Mo, Marie, den anderen?«

»Sie wollen sich raushalten. Komplett.«

»Aber …«, setze ich an und breche gleich wieder ab. »Kämpfen also?«

Nathalie nickt. »Kämpfen.«

Kraftlos sacke ich auf einen Stuhl. Die Kugel rutscht mir fast aus meinen Fingern, und ich lege sie vorsichtig auf der Tischplatte ab. Sie pulsiert immer noch.

Erst jetzt fällt mir auf, dass sie ein rotes Licht hat, das im Takt zum Wärmepuls leuchtet. Wie ein kleines schlagendes Herz. Blutrot und warm.