Tag 44 – Kalte Tropfen

19. Februar 2100: WWF-Sprecher verweisen auf die neu erschienene Red List der bedrohten Tierarten. WWF-Sprecher Thomas Watt sagte auf einer internationalen Pressekonferenz, dass viele der ausgestorbenen Tierarten noch leben würden, wenn ausreichende Maßnahmen zu deren Schutz seit 2000 getroffen worden wären. Tierarten wie den Königstiger, den Nebelparder und den Amazonas-Flussdelfin hätte man somit vor dem Aussterben bewahren können.

Graues Licht schimmert zwischen den Vorhängen hindurch. Die dunklen Ecken meines Zimmers leuchten bläulich. Ich stehe auf und krümme meine Zehen auf den kalten Fliesen.

Es ist kalt. Ich atme tief ein, dann langsam aus und sehe fasziniert, wie eine kleine weiße Wolke aus meinem Mund davonschwebt. Erneut atme ich aus, weißer Dampf entweicht meinen Lippen, schwebt kurz in der Dunkelheit, um sich dann in Luft aufzulösen. Ich schlüpfe in meine Kleidung und versuche meine kalte Haut durch Rubbeln etwas aufzuwärmen. Warum zum Teufel ist es so kalt?

Die dunkle Landschaft draußen vor meinem Fenster lässt keinen Schluss auf die Tageszeit zu, also schlüpfe ich aus meinem Zimmer und schleiche in die Küche. Ich sehe aus dem Küchenfenster, doch auch dort ist nichts zu sehen. Auf dem Küchentisch vor mir liegt der Rest vom Obst und leuchtet verlockend. Viel ist es nicht.

Haben die anderen schon etwas davon gegessen? Ich stupse eines der runden roten Dinger an, das daraufhin schräg über den Tisch kullert.

Unbehaglich schlucke ich, während meine Finger unruhig die glatte Schale berühren. Und wenn die anderen wirklich schon etwas gegessen haben?

Dann kann ich mir doch ruhig auch etwas davon nehmen. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann, habe ich das rote Ding vom Tisch gerissen und meine Zähne hineingegraben. Sofort explodiert der Geschmack in meinem Mund. Wasser, saftig, süß. Einfach unglaublich. Klebriger Saft tropft von meinem Kinn herunter. Krachend bricht ein Stück ab und verschwindet zwischen meinen Lippen. Ich esse hektisch, würge es fast hinunter, während mein Blick immer wieder nervös zur Tür zuckt.

Mein Gesicht, meine Hände, alles ist verschmiert. Auf einmal wird mir schlecht, schwer atmend verlasse ich die Küche und gehe aus dem Haus.

Draußen vor der Tür weht mir eine eisige Brise entgegen. Ich stapfe zum Wasser hinunter. Meine Zehen fühlen sich taub an, und der Wind saugt jede Wärme aus meiner Haut. Als ich am Wasser ankomme, schlagen meine Zähne aufeinander. Fröstelnd tauche ich meine Hände ins Wasser und rubbele sie sauber, dann wasche ich mit zitternden Händen mein Gesicht. Als es nicht mehr klebt, renne ich zurück ins Haus. Es ist kalt. So kalt. Plötzlich fängt mein Bauch an wehzutun. Ich presse meine Hände fest darauf, doch es wird nur schlimmer. Hätte ich doch bloß dieses dumme Ding nicht gegessen.

Im Haus ist es nicht viel wärmer als draußen. Ich gehe in mein Zimmer und wickle meine Decke fest um mich. Meine Beine und Arme zittern jetzt auch, und als ich es nicht mehr aushalte, stehe ich mit der Decke auf und laufe in meinem Zimmer umher. Langsam wird es wärmer, meine Füße dagegen werden immer tauber. Als ich gerade stehen bleiben will, um meine Füße zu begutachten, öffnet sich meine Zimmertür.

Tilo steht gekrümmt im Türrahmen, die Hände hat er unter seinen Armen vergraben, und vor seinem Mund schweben ebenfalls kleine Wölkchen. Seine Lippen sind dunkellila angelaufen.

»Alles okay bei dir?«

»Mir ist kalt«, sage ich.

Tilo nickt. »Ich weiß auch nicht, was los ist. In der Siedlung war es in den klaren Nächten auch öfter kalt, aber das hier … ist anders.«

»Was machen wir jetzt?«

»Wir wickeln uns in Decken ein und warten.«

Gemeinsam gehen wir in die Küche, dort versuche ich mit zitternden Händen ein Feuer zu entfachen. Immer wieder fällt mir der Feuerstein aus meinen tauben Fingern. Endlich gelingt mir ein Funken. Knisternd erwacht das Feuer zum Leben. Ich halte meine Hände so nah an die Flamme wie möglich. Prickelnd schleicht die Wärme in meine Finger zurück. Tilo stellt sich gebückt neben mich.

Wir legen immer mehr Holz nach, bis das Feuer prasselt und Ascheflocken in die Luft spuckt. Die Kälte treibt schließlich auch den Rest aus ihren Betten, und als wir alle in der Küche versammelt sind, teilen wir das Obst auf. Tilo fragt, ob das, was auf dem Tisch ist, wirklich alles sei, was wir noch übrig hätten.

Ich denke an das saftige Ding, das ich gegessen habe, und schweige. Die Minuten verstreichen, während ich immer nervöser werde. Morgen bringen wir euch die zweite Fuhre. Ich will nicht, dass Tara kommt, ich will, dass sie geht, dass sie alle gehen.

In stummer Erwartung verbringen wir die nächsten Stunden. Es gibt nichts zu tun, außerdem ist es überall außerhalb der Küche zu kalt. Nach einer Weile müssen wir die Fenster öffnen, um frische Luft hereinzulassen, die Küche ist ganz verqualmt, auch wenn ein großer Teil vom Rauch in einem Loch verschwindet, das über unserer Spüle angebracht ist. Die eisige Luft fließt wie Wasser herein, und nach kürzester Zeit machen wir das Fenster wieder zu, um zumindest etwas von der Wärme im Raum zu behalten.

Plötzlich klopft es laut an der Tür. Bevor es eine Diskussion geben kann, schlüpfe ich hinaus.

Im Gang ist es dunkel. Ich öffne die Tür, draußen steht Ian mit Rufus, beide haben rote Nasen und lila Lippen.

»Können wir hereinkommen?«, fragt Rufus. Ich nicke und trete einen Schritt zurück.

»Wir sollten in die Küche gehen, da ist es warm«, sage ich und gehe voraus.

Als die beiden sich gesetzt haben, lege ich Holz nach, dann drehe ich mich um.

»Die anderen sind im Haus geblieben, die Kälte macht uns allen zu schaffen«, erklärt Rufus. »Wir sind hergekommen, weil die Frau von den Biosphärianern gesagt hat, dass sie heute die zweite Fuhre Obst bringen wird. Wir wollten uns unseren Anteil abholen.« Rufus schielt dabei auf das Obst auf dem Tisch.

»Sie war noch nicht hier«, sage ich.

»Und das da?«, fragt Rufus und deutet auf den Tisch.

»Das ist noch von gestern übrig.«

»Wisst ihr, wann sie ungefähr kommt?«, fragt Ian.

»Vermutlich ziemlich bald«, antworte ich.

Einen Moment wirkt es so, als ob Ian noch etwas sagen will, doch er schweigt.

Ich schweige ebenfalls.

Dabei gibt es eigentlich so viel zu bereden … Die Biosphärianer werden es nicht bei diesem einen Besuch belassen, und ganz sicher werden sie nicht einfach nach zwei Tagen wieder fahren.

Um nicht die ganze Zeit verstohlen zu Ian zu linsen, stelle ich mich ans Fenster, dessen Scheibe beschlagen ist. Ich wische die Scheibe frei und schaue durch das kleine Loch nach draußen. Es ist deutlich heller geworden, und in einiger Entfernung sehe ich schmale Gestalten, die auf unser Haus zusteuern.

»Sie kommen«, sage ich zu den anderen.

Nur wenige Augenblicke nachdem ich sie angekündigt habe, treten die Biosphärianer mit einem Hauch frischer, kalter Luft in die Küche hinein.

»Hallo!«, trällert Tara.

Hinter ihr steht Lot, der wie letztes Mal mit etwas beladen ist.

»Wir haben heute noch mehr mitgebracht!«, kündigt Tara erfreut an und deutet auf die massive Kiste in Lots Armen.

»Wie ihr sicherlich bemerkt habt, ist es ein wenig kühl heute.« Sie schaut munter in unsere Runde. Ausdruckslos starren wir zurück.

»Ähm, ja … Wir haben euch zu dem Essen noch etwas warme Kleidung mitgebracht.« Sie greift oben in die Kiste hinein und zieht ein Oberteil mit langen Ärmeln heraus. »Der Stoff ist ganz weich, fühl mal!«, meint Tara und streckt mir das Oberteil entgegen. Ich nehme es verunsichert in meine Hand und staune über das weiche Material.

»Wir haben für jeden von euch, passend zu eurer Körpergröße, ein Oberteil und eine Hose, dazu noch Schals für eure Hälse. Die könnt ihr bei der Kälte gut gebrauchen«, fügt Tara freundlich hinzu.

»Warum ist es plötzlich so kalt?«, frage ich.

»Das ist kompliziert«, lächelt sie.

»Kannst du es trotzdem erklären?«, frage ich ungeduldig.

Tara seufzt.

»Also gut: Vor vielen Jahren kam es zu einer starken Abschwächung des Golfstroms, welcher warmes Wasser aus der Karibik nach Europa bringt, wo es dann verdunstet. Dadurch, dass die Meere wärmer und weniger salzhaltig geworden sind, ist die thermohaline Zirkulation zwischen Norwegen und Grönland zwar nicht abgerissen, aber schwächer geworden. Das führte dazu, dass nicht mehr so viel warmes Wasser aus der Karibik angesaugt worden ist. Viele befürchteten eine erneute Eiszeit, doch das Klima in Europa wurde nur deutlich trockener, da die feuchtwarmen Luftmassen von früher ausblieben. Wie dem auch sei, durch eine konvergierende Bewegung der Nazca-Platte hat sich der Düseneffekt in der Karibik verändert und wieder zu einem stärkeren Antrieb für den Golfstrom gesorgt. Dadurch gab es mehr warmes Wasser, eine höhere Luftfeuchtigkeit und somit eine Umkehrung des Klimas zu eurem Vorteil. Ansätze dieser Entwicklung sind bereits vor Jahrzehnten auf dem englischen Teilkontinent aufgetreten, der von jeher mehr vom Golfstrom beeinflusst wurde als der Rest Europas. Deswegen hat es in der Heimat deiner Freunde bis jetzt auch noch geregnet, im Gegensatz zu hier. Erste Anzeichen gab es hier auch schon seit Längerem, aber erst in den letzten Wochen haben die Bedingungen sich in eine ideale Richtung bewegt.«

Verwirrt versuche ich zu verstehen, was ihre Worte bedeuten.

»Wird es regnen?«, frage ich stattdessen, weil es das Erste ist, was mir in den Sinn kommt.

»Vermutlich.«

Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht, ich drehe mich zu Tilo, der ungläubig meinen Blick erwidert. Ich weiß, was er denkt. Regen bedeutet Wasser, Wasser bedeutet Pflanzen, Leben, Unabhängigkeit. Wenn es erst wieder regnet, können wir vielleicht sogar auf die Hirse der Biosphärianer verzichten. Wir könnten wieder selber Essen anbauen, wie unsere Vorfahren es noch getan haben.

»Was hat sie gesagt?«, fragt Ian neugierig.

»Dass es regnen wird.«

»Auf jeden Fall werdet ihr diese Sachen dringend benötigen«, plappert Tara weiter. »Die Kältephase wird nicht allzu lange anhalten, die größte Veränderung kommt durch den verstärkten Golfstrom. Durch die Plattenbewegung sind einige neue Vulkane entstanden, die schon seit Wochen Asche in die Luft absondern. Da die feinen Staubpartikel über den Passatgürtel auch hierher getragen werden, begünstigt das zusätzlich die Wolkenbildung.« Sie lächelt.

»Nun, ich denke, das reicht vorerst an Erklärungen. Jetzt würde ich gerne noch kurz mit Jeanne unter vier Augen reden, und dann sind wir auch schon wieder weg.«

»Okay«, antworte ich gedehnt und wechsele schnell einen Blick mit Tilo. »Wir können in mein Zimmer gehen.«

 

Ich führe Tara durch den kalten Flur hinüber in mein Zimmer. Staub wirbelt auf, als Tara mit schweren Schritten zum Fenster geht.

»Kannst du dir denken, warum ich mit dir reden möchte?«

»Es ist wegen diesem F-Index, oder?«

Tara lächelt. »Ja, du hast recht.«

Tara wischt den Staub vom Fensterbrett und verreibt ihn mit einer Mischung aus Ekel und Faszination zwischen ihren Fingerspitzen.

»Du bist nicht dumm, Jeanne. Dir ist bewusst, dass wir nicht einfach wieder gehen werden, obwohl wir unsere Untersuchungen durchgeführt haben. Ich denke, du weißt auch, was wir wirklich wollen.«

Ihr Gesicht liegt im Dunkeln.

»Ihr wollt wieder jemanden mitnehmen, ist es das?«, frage ich ängstlich.

»Ja, da hast du ganz recht.«

Die Worte hängen wie eine Wand zwischen uns.

Tara sieht mich freundlich und aufmerksam an.

»Ihr wollt mich mitnehmen, oder?« Die Erkenntnis breitet sich plötzlich in mir aus. Mein Hals fühlt sich eng an, ich schlucke krampfhaft, doch es wird nur noch schlimmer.

Tara nickt. Dann tritt sie einen Schritt nach vorne ins Licht, und ich kann ihren verbissenen Gesichtsausdruck sehen.

»Ganz richtig, Jeanne. Wir wollen dich, Tilo und Dan. Deine beiden Brüder«, ergänzt sie. Ihre Augen funkeln schwarz wie zwei Feuersteine.

»Nein«, sage ich atemlos.

Tara kommt näher. Ich stolpere einen Schritt zurück.

»Nein«, sage ich erneut. »Ihr könnt uns nicht mitnehmen.«

»Ihr habt keine Wahl«, erwidert Tara kühl. »Ihr seid nun einmal die besten, euer F-Index ist mit Abstand am höchsten.«

»Was bedeutet dieser F-Index überhaupt?«, würge ich hervor.

»Ausgesprochen ist es der Fertility-Index. Der Fruchtbarkeitsindex. Er sagt uns, ob ihr in der Lage seid, Kinder zu bekommen. An sich spielen da viele Faktoren eine Rolle, deswegen sind eure Werte nur geschätzt. Faktoren wie Körpergewicht, Ernährung und Bewegung werden normalerweise in die Untersuchung mit einbezogen. Allerdings wissen wir von euch ja, wie ihr euch ernährt, dass ihr euch viel bewegt, ist offensichtlich, und Übergewicht hat keiner von euch. Deswegen haben wir uns auf die Gebärmutteruntersuchung bei Frauen und die Spermauntersuchung bei den Männern verlassen. In Kombination mit eurem Blutbild reicht das für ein grobes Ergebnis. Deines war bei ungefähr neunzig Prozent, das heißt bei hundert Befruchtungen erreichen in deiner Gebärmutter neunzig Eizellen das Embryonalstadium.«

Blut rauscht in meinen Ohren, ich verstehe sie nicht.

»Das bedeutet, dass du, wenn du Geschlechtsverkehr hast, hinterher zu 90 Prozent schwanger bist.«

Wie in Zeitlupe schüttele ich ablehnend meinen Kopf. »Und was heißt das?«

»Das heißt, dass du eine gute Mutter bist und auf der Biosphäre viele Babys zur Welt bringen kannst.«

»Aber ich bin doch noch viel zu jung«, stottere ich.

»Nein, bist du nicht. Du bist ungefähr siebzehn oder achtzehn Jahre alt, deine Periode hat noch nicht eingesetzt, was aber einzig und alleine an der Mangelernährung liegt. Wir haben eure Hirse mit Präparaten ergänzt, würdet ihr normale Hirse essen, wärt ihr schon längst an Mangelerscheinungen gestorben. Sobald du mit guter Nahrung versorgt wirst, steht einer Schwangerschaft nichts im Wege.«

»Aber ich kann doch kein Kind bekommen«, widerspreche ich.

»Natürlich kannst du«, entgegnet sie sanft. »Ich bin mir auch sicher, dass wir jemanden finden werden, der sehr gerne ein Kind mit dir haben möchte. Viele Kinder …«

»Glaubst du, das beruhigt mich?«, schreie ich. »Dass jemand ein Kind mit mir haben möchte? Ich will kein Kind, ich will nicht auf die Biosphäre!«

Tara presst ihre Lippen aufeinander. »Willst du etwa lieber hierbleiben? Im Dreck? Wir können dir so viel bieten, denk doch nur an das ganze Essen, das wir dir geben können, saubere Kleidung. All das haben wir für dich.«

»Kannst oder willst du das nicht verstehen? Ich will nicht! Und meine Brüder wollen sicher auch nicht!«

»Das ist nicht eure Entscheidung«, zischt Tara. »Wir brauchen euch. Wir brauchen Menschen wie euch, die noch Kinder bekommen können.«

»Aber warum?«

»Weil die Menschen dort es nicht mehr können«, kreischt Tara. »Ihr Erbgut ist schwach! Dort oben gibt es keinen Schmutz, keine Keime, nichts! Sie haben kein funktionierendes Immunsystem mehr, letztes Jahr hat eine Epidemie die Hälfte der Biosphärianer dahingerafft. Wenn nicht neue Menschen nachkommen, ist das das Ende!«

Sprachlos starre ich Tara an. Angst leuchtet in ihren Augen.

»Du kommst doch gar nicht von da. Du kommst von hier, was interessieren dich die Menschen da oben?«

»Sie haben mir geholfen!«, haucht Tara. »Sie haben mir ein besseres Leben geschenkt. Sie können dir alles geben, was du dir wünschst. Bildung. Ein zivilisiertes Leben. Eine geachtete Stellung in der Gesellschaft.«

»Das interessiert mich alles nicht. Wir kommen nicht mit. Wir leben hier.«

Ich drehe mich entschlossen um und gehe zur Tür.

Plötzlich krallt Tara sich an meinem Arm fest, ruckartig zieht sie mich zu sich heran.

»Mach nicht denselben Fehler wie die Menschen von deinem geliebten Ian«, flüstert sie in mein Ohr. Ihr warmer Atem streicht über meine Haut. »Was meinst du, warum wir dich nicht einfach so mitgenommen haben? Das könnten wir auch tun, es wäre ein Leichtes … Aber ich wollte unter vier Augen mit dir darüber sprechen. Denn wenn du freiwillig mitkommst, werden sich vielleicht noch andere freiwillig melden … Und so könnten wir viel Leid und Schmerz vermeiden. Aber wenn du dich weiter wehrst, müssen wir deine Leute vielleicht doch noch einmal untersuchen, und wer weiß, was ich Ian dann versehentlich spritzen werde. Oder stell dir nur vor, dass der Brunnen plötzlich wieder austrocknen würde. Dann würden all deine Freunde verdursten. Wie traurig. Willst du das wirklich, kleine Jeanne?«, haucht sie, ihre Lippen nah an meiner Wange.

Entsetzt stolpere ich von ihr weg.

Tara starrt mich an, ihre Augen schimmern.

»Überleg es dir gut«, sagt sie und wendet sich zum Gehen. »Ich hole jetzt Lot. Dann gehen wir. Morgen kommen wir wieder. Ich hoffe, du hast bis dahin Vernunft angenommen.«

Als die Tür hinter ihr ins Schloss knallt, atme ich zitternd aus. Ich schaffe es noch bis zum Bett, dann knicken meine Beine weg. Ich sacke auf den Boden und lehne mich am Bett an.

»Scheiße«, flüstere ich. »Scheiße, Scheiße, Scheiße.«

Meine Hände fangen an zu zittern. Meine Arme fangen an zu zittern. Mein ganzer Körper zittert. Es ist so kalt. Ich schlinge meine Arme um die Knie.

Was soll ich tun? Langsam atme ich aus, um die Panik zu vertreiben, doch es bringt nichts, sofort schnappe ich wieder nach Luft, als würde ich ertrinken.

Ich muss auf die Biosphäre. Der weite Weg hierher, der Kampf ums Überleben, und jetzt muss ich weg. Ich beiße mir auf die Lippe und schmecke Blut.

»Jeanne?«

Eine besorgte Stimme.

Ich hebe meinen Kopf.

Im Türrahmen steht eine Gestalt.

»Jeanne?«

Noch einmal die Stimme.

»Ian?«

»Jeanne, ist alles okay?«

In seinen Augen schimmern Sorge und Liebe, die Hände behutsam nach mir ausgestreckt kommt er auf mich zu. Sein Anblick bricht mir das Herz.

»Geh!«, höre ich mich leise sagen.

Irritiert zieht Ian seine Augenbrauen zusammen. »Was?«

Taras Worte rasen durch meinen Kopf. Ian. Sie wird sie alle umbringen. Nur wegen mir. Ich bin schuld, wenn ihnen etwas passiert. Ich bringe sie alle in Gefahr und Ian … Sie weiß, was er mir bedeutet, weil wir Zeit miteinander verbringen. Solange er bei mir ist, ist er in Gefahr.

»Geh!«, meine Stimme ist lauter, fester, sie verbirgt die Panik, die in mir hochkriecht.

»Ich verstehe nicht …«, setzt Ian an und kommt langsam weiter auf mich zu.

»Fass mich nicht an!«, rufe ich, als er versucht, mir seine Hände auf die Schultern zu legen.

»Was ist denn passiert, Jeanne? Was hat sie dir angetan?«

Voller Angst sieht Ian mich an. Er hat beinahe so viel Angst wie ich, schießt es mir durch den Kopf. Er hat Angst, mich zu verlieren. Und ich habe Angst, dass es mir tatsächlich gelingen könnte, ihn so weit zu kränken, dass er geht und nie wiederkommt.

»Du musst jetzt gehen«, sage ich so ruhig wie möglich.

»Was ist hier los? Ich sehe doch, dass etwas mit dir nicht stimmt.«

»Ich kann jetzt nicht darüber reden, okay?«, antworte ich bebend. »Geh bitte einfach.«

Fassungslos sieht er mich an, dann geht er langsam ein paar Schritte rückwärts zur Tür.

»Okay«, flüstert Ian leise, die Hände hilflos erhoben. »Ich gehe, wenn du mich nicht hier haben willst.«

Am Türrahmen bleibt er stehen und sieht mich aus weit aufgerissenen Augen an. Er wartet. Wartet darauf, dass ich ihm sage, was los ist, dass er hierbleiben soll.

Aber ich schweige. Ian schüttelt verständnislos den Kopf und verschwindet.

Ich atme zitternd aus und versuche mich zu sammeln. Als ich höre, wie die Haustür sich schließt, gehe ich in die Küche, aus der ich die Stimmen der anderen höre. Meine Handflächen sind schwitzig, und meine Beine drohen jeden Moment wegzuknicken.

Als ich die Tür öffne, drehen sich alle im Raum überrascht zu mir um: die Segler, meine Familie, Mike und Nathalie. Alle Augen sind auf mich gerichtet.

»Jeanne?«, fragt meine Mutter als Erste besorgt. »Liebling, ist alles in Ordnung?«

Ich suche mit meinen Augen nach Tilo und entdecke ihn in der Ecke zwischen Nathalie und Rufus.

»Die Segler müssen gehen«, sage ich laut und verschränke danach meine Hände, um das Zittern zu kontrollieren.

Verwirrung zeichnet sich auf Tilos Gesicht ab, als er aufsteht. »Ist was passiert?«

»Bitte, Tilo«, sage ich und spüre, wie Tränen in meinen Augen aufsteigen. »Sie müssen gehen, okay?«

Mittlerweile starren mich alle verwirrt an.

»Könnt ihr uns kurz alleine lassen?«, frage ich Anne, die vor mir sitzt.

Sie nickt langsam, steht auf und zieht Kathe mit sich, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Als sie an mir vorbeigeht, drückt sie kurz meine Hand. Die anderen Segler folgen ihr, Rufus wirft mir dabei einen fragenden Blick zu, doch ich kann nur stumm den Kopf schütteln.

Laut fällt die Tür hinter ihnen ins Schloss, und ich bin mit meiner Familie alleine.

Bevor ein weiteres Wort fällt, kommt meine Mutter auf mich zu und nimmt mich in ihre Arme. Augenblicklich knicken mir die Beine weg, und Mum kann mich gerade noch auf einen Stuhl schieben, bevor ich zusammensacke.

»Jeanne?«, fragt sie besorgt, nahezu panisch. »Jeanne, was ist passiert?«

»Sie wollen uns mitnehmen«, sage ich, während die ersten Tränen meine Wange herunterlaufen. »Sie wollen Dan, Tilo und mich mitnehmen.«

Totenstille folgt meinen Worten.

Dann bricht Mike das Schweigen: »Was?«

Tilo, der sich neben mich gekniet hat, sieht mich eindringlich an. »Bist du dir ganz sicher? Hat sie das gesagt?«

Ich nicke. »Ja. In aller Deutlichkeit.«

Er schüttelt seinen Kopf. »Das können wir nicht zulassen. Sie werden uns nicht kriegen, hörst du, Jeanne? Das lassen wir nicht zu!«

»Wir müssen«, höre ich mich tonlos sagen. »Tilo, wir müssen.«

Von der Endgültigkeit in meiner Stimme erschrocken sieht Tilo mich an.

»Warum?«, fragt er so leise, dass ich es kaum hören kann.

»Sie bringen die anderen sonst um.«

Ich höre Nathalie entsetzt nach Luft schnappen.

»Was ist hier los?«, kommt Dans erschrockene und panische Frage. »Wer will Tilo umbringen?«

Sofort steht Mum auf und eilt zu Dan. »Komm, Dan, geh auf dein Zimmer.«

»Ich will aber nicht!«

»Tu, was ich dir sage!«, ruft Mum, und Dan zuckt erschrocken zurück.

»Dan, tu, was Mum sagt«, fügt Tilo ruhig hinzu und sieht mich immer noch unentwegt an.

Wütend rauscht Dan an uns vorbei und zieht mit einem lauten Knall die Tür hinter sich zu.

Kaum dass Dan weg ist, ergreift Tilo wieder das Wort: »Was genau hat sie gesagt?«

Ich atme tief ein und versuche mir die genaue Wortwahl ins Gedächtnis zu rufen. »Sie hat gesagt, dass wir mit auf die Biosphäre müssen, weil wir die besten Werte haben. Meiner ist der beste. Wenn ich mich weigere, bringt sie die anderen um.«

»Die anderen?«

Rastlos stehe ich auf. »Mike, Nathalie, Ian! Mein Gott, sie könnte jedem etwas antun! Verstehst du das nicht? Wir haben keine Wahl! Sie hat gemeint, dass sie sonst den Brunnen abstellen! Den Brunnen, Tilo!«

Ich begegne Mikes Blick. Er ist furchtbar blass und sieht mich an, als hätte ich ihm gerade einen tödlichen Stoß versetzt.

»Du kannst aber nicht einfach gehen«, flüstert er mir zu, und für einen Moment ist es, als wären nur wir beide im Raum. Mike schluckt und fährt sich über sein Gesicht, seine Augen huschen zum Tisch, zum Boden und dann immer wieder zu mir. In ihnen dieselbe Angst, Sorge und dieses Gefühl von Hingezogenheit, das ich in Ians Augen gesehen habe.

Er liebt mich.

Es trifft mich wie ein zweiter Schlag ins Gesicht.

»Ich muss gehen«, sage ich fest, auch wenn jedes einzelne Wort in meinem Innersten schmerzt. »Ich werde nicht zulassen, dass einem von euch etwas zustößt.«

»Das ist keine Entscheidung, die du alleine treffen musst«, sagt Mum und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Diese Entscheidung werden wir gemeinsam treffen.«

»Es geht nicht anders«, sage ich, woraufhin sie den Kopf schüttelt.

»Wenn ihr geht, gehe ich mit.«

»Wir werden nicht gehen!«, ruft Tilo. »Wir werden einen Weg finden. Ich weiß noch nicht wie, und es wird sicher nicht einfach, aber wir finden einen Ausweg!«

»Zuerst brauchen wir mehr Zeit«, meint Nathalie. »Damit wir überlegen können, was wir tun sollen.«

Sie kommt aus der Ecke hervor und stellt sich vor Tilo. »Denn eines sage ich dir, du wirst nirgendwo ohne mich hingehen.«

Tilo beugt sich vor, um ihr einen Kuss zu geben, und sie zieht ihn in ihre Arme.

Meine Augen huschen zurück zu Mike, der mich entschlossen und fest ansieht.

Seufzend stehe ich auf und trete ans Fenster. Die Scheibe ist fleckig, und man kaum etwas erkennen. Soll ich vielleicht noch mal mit ihr reden?

»Mach dir nicht solche Sorgen«, sagt Anne hinter mir. »Es wird schon nicht so schlimm werden.«

Ich drehe mich nicht zu ihr um, sondern sehe weiter nach draußen. »Du hast ihr Gesicht nicht gesehen.«

Ich werde ihren Blick nie vergessen. Angst, Wut, Verzweiflung. Plötzlich klopft es an der Tür. Ich fahre herum, Anne ist aufgestanden und sieht zur Eingangstür, dann zu mir. Ich stürme an ihr vorbei zur Tür und reiße sie auf.

Tilo, der davorsteht, weicht überrascht einen Schritt zurück. Jeanne steht hinter ihm. Sie wirkt angespannt und erschöpft, und ich würde sie am liebsten in den Arm nehmen. Nur einen Augenblick, damit sie für ein paar Sekunden die Sorgen vergisst, die sie beherrschen.

»Können wir reinkommen?«, fragt sie leise.

Ich nicke und trete beiseite, damit sie reinkommen können. Jeanne betritt als Erste das Haus und geht zielstrebig nach hinten ins Esszimmer, in dem Anne bereits auf uns wartet.

Ohne eine Einladung abzuwarten, setzt sich Jeanne schwerfällig auf einen der Stühle, als könnten ihre Beine sie nicht länger tragen.

»Wir waren bereits bei den anderen und haben erzählt, was los ist«, sagt sie an Anne gewandt, die sich neben sie gesetzt hat.

Ich bleibe stehen.

»Es ist ziemlich kompliziert«, meint Jeanne und wirft mir einen verzweifelten Blick zu. »Oder ziemlich einfach, je nachdem, wie man es sieht.«

»Was ist denn passiert?«, fragt Anne, woraufhin Jeanne einen tiefen Seufzer ausstößt und ihren Blick auf die Tischplatte richtet, als könnte sie es nicht ertragen, uns in die Augen zu sehen.

»Wir werden das Dorf verlassen.«

»Was?«, platzt es aus mir heraus.

»Aber wohin wollt ihr denn gehen? Ihr seid doch gerade erst hier angekommen?«, hakt Anne fassungslos nach.

»Nicht alle von uns werden gehen. Nur meine Familie«, sagt Jeanne leise und steht auf. »Wir können euch leider nicht sagen, warum. So ist es das Beste für uns alle, glaubt mir.«

Jetzt endlich sieht sie mich an.

Ihr Blick jagt mir einen Schauer über den Rücken, und als sie gehen will, stelle ich mich ihr in den Weg.

»Es ist wegen ihnen, oder?«, frage ich. »Sie wollen euch mitnehmen, habe ich recht? Und jetzt wollt ihr abhauen.«

»Von Abhauen war nie die Rede, Ian«, entgegnet Jeanne und versucht mich vorsichtig zur Seite zu schieben.

»Ihr wollt doch nicht etwa mit ihnen gehen?«, frage ich entsetzt. »Wisst ihr überhaupt, was das bedeutet?«

»JA!«, ruft sie. »Natürlich wissen wir das! Glaubst du, uns ist nicht klar, was wir aufgeben? Glaubst du, wir wissen nicht, was wir tun? Hier gibt es keine richtige Entscheidung, sondern nur eine mit möglichst geringen Folgen!«

Aufgelöst rennt Jeanne an mir vorbei nach draußen. Anne und Tilo werfen mir einen erschrockenen Blick zu, dann renne ich ihr hinterher.

Sie ist bereits aus dem Haus gerannt und hat die Tür hinter sich zugeknallt. Ich reiße sie wieder auf und sehe sie gerade noch um die Ecke biegen.

»JEANNE!«, rufe ich, doch sie dreht sich nicht um. Mit einem letzten Blick ins Hausinnere, wo Tilo und Anne vom Esszimmer auf mich zukommen, stürme ich Jeanne hinterher.

Als ich um die Ecke biege, ist sie nicht zu sehen, trotzdem renne ich weiter. Nach zwei weiteren Kurven sehe ich sie immer noch nicht. Ich wende mich vom Dorfinneren ab und laufe in Richtung Strand. Dorthin geht es leicht bergab, und irgendetwas sagt mir, dass ich sie, wenn, dann dort finden werde.

Es ist schon spät am Nachmittag, und das Licht färbt sich allmählich orange, während ich durch die Gassen eile. Mein Herz klopft aufgeregt vom Rennen und der Angst, die sich in meine Gedanken gräbt. Sie dürfen sie nicht haben. Ich darf sie nicht verlieren.

Am Strand angekommen sehe ich mich zu beiden Seiten um und entdecke sie, wie sie in halsbrecherischem Tempo auf das Meer zurennt. So schnell ich kann, laufe ich ihr hinterher, ein Blick zurück zeigt mir, dass Tilo und Anne mir nicht gefolgt sind. Jeanne ist stehen geblieben. Als ich näher komme, sehe ich, dass sie bereits bis zu den Knien im Wasser steht.

»Jeanne!«, rufe ich atemlos. »Komm da raus!«

Sie dreht sich zu mir um, macht aber keine Anstalten, aus dem Wasser zu kommen.

»Was willst du, Ian?«, fragt sie mit einem unüberhörbaren Zittern in der Stimme.

»Mit dir reden«, entgegne ich eindringlich, woraufhin sie seufzend einige Schritte zurückgeht und ans Ufer tritt. Ich will ihr helfen, doch sie ignoriert meine Hand und bleibt die Arme ineinander verschränkt einen Meter neben mir stehen.

Auffordernd sieht sie mich an. Ich kann sehen, wie sie zittert.

»Ihr könnt nicht mit ihnen mitgehen«, sage ich. »Das wäre Selbstmord, du würdest dort zugrunde gehen.«

»Woher willst du das wissen?«, fragt Jeanne und streicht sich die Haare aus dem Gesicht, die der Wind ihr immer wieder in die Stirn weht.

»Du siehst doch, was sie von uns halten. Sie nutzen uns nur aus.«

»Denkst du, ich weiß das nicht?«, entgegnet sie mit leichter Wut in der Stimme. »Ich bin nicht dumm, Ian. Ich weiß, warum sie uns haben wollen. Tara hat es mir erklärt.«

»Aber …«, stottere ich fassungslos. »Wie kannst du dann noch mit ihr mitgehen wollen?«

»Ich WILL nicht mit! Ist das so schwer zu verstehen?«, braust Jeanne auf. »Ich MUSS

»Ihr könntet abhauen, euch verstecken oder kämpfen!«, sage ich hastig und merke selber, wie naiv das klingt.

Jeanne sieht mich einen Augenblick schweigend an. »Ich muss, Ian«, flüstert sie kaum hörbar. »Glaub mir, niemand wünscht sich mehr als ich, dass es eine Alternative gibt. Einen Ausweg. Aber du weißt nicht, was sie gesagt hat, womit sie mir gedroht hat.«

Erneut wischt Jeanne sich über ihr Gesicht. Ihre Schultern sind nach vorne gesackt, als würde sie eine unsichtbare Last auf den Schultern tragen.

»Ich werde nicht zulassen, dass dir oder deinen Leuten wegen mir etwas zustößt.«

Ich schüttele den Kopf. »Du darfst nicht gehen.«

»Und was willst du jetzt machen?«, fragt Jeanne. »Die Biosphärianer angreifen? Mit Stöcken und Steinen?«

Ich trete näher auf sie zu, und dieses Mal weicht sie mir nicht aus. »Bitte! Es muss doch eine andere Lösung geben.«

»Es gibt keine, Ian.«

»Das glaube ich nicht«, widerspreche ich. »Wir alle haben es so weit geschafft, dann werden wir doch wohl dieses Hindernis auch noch überwinden.«

Schweigend sieht sie mich an. Vielleicht stimmt sie mir zu, vielleicht hat sie aber auch nur keine Kraft mehr, mir weiter zu widersprechen.

Vorsichtig trete ich näher, ziehe sie an mich heran und nehme sie in meine Arme. Erst denke ich, sie wird mich wieder wegschieben, doch dann lässt sie sich mit einem Seufzer in meine Arme fallen, und ich muss sie festhalten, damit sie nicht zu Boden sackt.

Ich versuche mir einzureden, dass das hier eine Krise ist, die ich bewältigen kann. Dass ich es schaffe, eine Möglichkeit zu finden, damit sie bei mir bleibt.

»Ich kann nicht bleiben, Ian«, flüstert Jeanne in meinen Armen.

Wenn ich doch nur wüsste, was ich tun kann.

Plötzlich spüre ich etwas auf meinem Kopf und löse mich überrascht von Jeanne, die mich verwirrt ansieht.

»Was ist?«, fragt sie besorgt.

»Ich dachte, ich hätte etwas gespürt«, antworte ich und sehe nach oben in den Himmel.

Als hätten meine Worte die Wolken geöffnet, fallen plötzlich weitere Tropfen auf uns herab. Sie sind kalt, und als ich meine Hände zum Himmel strecke, spüre ich, wie sie meine Handflächen benetzen.

Einen Moment lang scheint der Regen innezuhalten, wie ein tiefes Luftholen vor dem Sturm, dann prasseln unzählige Tropfen hinab.

Der Sand verfärbt sich dunkel, der Horizont verschwindet hinter dichten Schlieren. Die Luft verströmt einen süßen, leichten Duft. Das Meer ist eine weiß gesprenkelte Fläche und rauscht gegen das Geräusch des Regens an.

Meine Haare kleben nass an meinem Kopf, und meine dicke Kleidung hängt schwer an meinem Körper.

Ich kann es nicht fassen.

Nie wieder, dachte ich, würde ich Regen sehen, spüren oder riechen. Und jetzt regnet es. Einfach so. Ich schaue wieder zu Jeanne, sie hat ihre Hände erhoben und streicht ungläubig über ihre nassen Wangen.

»Es regnet«, sagt sie erstaunt zu mir. »Sie hatten recht.«

Ich gehe näher zu ihr, nehme ihre Hände in meine.

»Bleib!«, bitte ich sie eindringlich. Zweifel blitzt in ihren Augen auf.

»Bleib«, bitte ich sie erneut, lege eine Hand an ihren Rücken und ziehe sie näher zu mir heran. »Ich will, dass du bei mir bleibst.«

»Aber …«, widerspricht sie, doch ich lege ihr sanft meinen Finger auf die Lippen.

»Ich weiß, du hast Angst. Ich weiß, dass du dir Sorgen machst. Aber das ist nicht deine Entscheidung. Wenn ich bereit bin, für deine Freiheit zu kämpfen, kannst du mich nicht daran hindern.«

Tränen schimmern in ihren Augen, lösen sich und laufen vermengt mit den Tropfen des Regens ihre Wangen hinab.

»Ich würde mir nie verzeihen, wenn jemandem etwas passiert«, sagt sie erstickt. »Wenn dir etwas passiert.«

»Und ich würde mir nie verzeihen, wenn ich dich gehen lasse«, antworte ich, beuge mich vor und küsse sie. Ihre Lippen sind weich und schmecken nach Sonne und Meer.

Ich löse mich von ihr, sehe ihr in die Augen. »Bleib. Bleib für mich.«

Jeanne sieht mich hin und her gerissen an, dann presst sie ihre Lippen auf meine, vergräbt ihre Hände in meinen Haaren und drängt sich gegen mich. Ich spüre nichts mehr, nicht die Kälte, nicht den Regen, nur das aufgeregte Schlagen meines Herzens und ihre Lippen auf meinen.

»Bleib«, flüstere ich ein letztes Mal, atemlos, als wir uns kurz voneinander lösen.

Sie sieht mich einen Moment an, antwortet nicht, sondern küsst mich erneut.

In meinem Herzen klopfen Angst und Freude gegeneinander an. Nie habe ich mich so losgelöst und doch so gefesselt gefühlt, denn obwohl ihre Lippen mir Hoffnung und Liebe versprechen, weiß ich doch nicht, wie sie sich entscheidet.

Und in der Kälte des Regens bleibt mir nur eine Gewissheit: dass es sich lohnt, für sie zu kämpfen – koste es, was es wolle.