Das wei­ße Tier
Ein Nacht­stück
von
Georg von der Gabelentz

 

 

Wäh­rend Gu­stav Mey­rink und auch Hanns Heinz Ewers als Bahn­bre­cher der fan­tas­ti­schen deut­schen Li­te­ra­tur die­ses Jahr­hun­derts noch heu­te einen Na­men ha­ben, ist Ge­org von der Ga­bel­entz (1868-1940) all­zu rasch in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Wie Mey­rink war Ga­bel­entz ein sehr fan­ta­sie­vol­ler Er­zäh­ler mit aus­ge­präg­ten Nei­gun­gen zur Mys­tik und zum Spi­ri­tis­mus, und wie Ewers zeich­net er sich vor al­lem da­durch aus, daß er die ge­spens­ti­schen und über­sinn­li­chen Be­ge­ben­hei­ten in sei­nen Ro­ma­nen und Er­zäh­lun­gen höchst span­nend in Sze­ne zu set­zen wuß­te. Nach ei­nem Ju­ra-Stu­di­um in Leip­zig und Lau­san­ne ent­schied er sich für die mi­li­tä­ri­sche Lauf­bahn und wur­de An­fang des Ers­ten Welt­kriegs Ad­ju­tant im säch­si­schen Kriegs­mi­nis­te­ri­um (1914-1916); da­nach se­hen wir ihn als stell­ver­tre­ten­den Ge­ne­ral­di­rek­tor des Säch­si­schen Hof­thea­ters Dres­den (1916-1918). ›Das wei­ße Tier‹ er­schi­en 1904 in dem gleich­na­mi­gen Er­zähl­band.

 

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Wis­sen Sie, was es ist, wenn einen das Grau­sen packt? Es ist et­was ganz an­de­res als Angst. Man kann Angst ha­ben bei ei­ner Ge­fahr, vor dro­hen­den Schmer­zen, vor Krank­heit oder vor dem To­de, doch ein Mann wird über sol­che Din­ge hin­weg­kom­men. In je­ner Nacht aber war es et­was tau­send­mal Schreck­li­che­res, vor dem ich ge­zit­tert ha­be, ob­gleich ich sei­ne Nä­he nur fühl­te, nur ahn­te. Da lern­te ich, was es heißt, Grau­sen emp­fin­den, fei­ges, ner­ven­tö­ten­des Grau­sen. –

Ich hat­te mich als Arzt un­weit der rus­si­schen Gren­ze nie­der­ge­las­sen. Mein Be­ruf führ­te mich bis in die ein­zel­nen ab­ge­le­ge­nen Gü­ter und Hö­fe der Um­ge­gend, und ich un­ter­nahm oft stun­den­lan­ge Rit­te.

Als ich ei­nes Ta­ges von ei­nem sol­chen nach mei­ner Woh­nung zu­rück­kehr­te, traf ich vor dem Hau­se einen Rei­ter, er stieg aus dem Sat­tel und schritt auf mei­ne Tür zu.

Ich rief ihn an, da zog er einen Brief aus der Brust­ta­sche und über­reich­te ihn mir. Das Schrei­ben lau­te­te:

 

›Herr Dok­tor, fol­gen Sie so­fort mei­nem Bo­ten, der Sie zu mir füh­ren wird. Ich bin ver­lo­ren, wenn Sie nicht kom­men. Sor­gen Sie, bit­te, daß nie­mand von dem Be­su­che er­fährt.

Ihr er­ge­be­ner

Wil­helm Ro­sen.‹

 

Ich frag­te den Bo­ten, der die ge­lo­cker­ten Sat­tel­gur­te sei­nes Pfer­des schon wie­der an­zog, nach dem Be­fin­den und dem Lei­den sei­nes Herrn.

Er zuck­te die Ach­seln und ent­geg­ne­te:

»Ich weiß es nicht.«

Da­bei ver­zog er sei­nen Mund zu ei­nem Grin­sen, zwin­ker­te mit den Au­gen und wies mit der Hand auf sei­ne Stirn.

»Was ist Ihr Herr –?«

»Ich weiß es nicht. Er bleibt sonst nie­mals am drit­ten Ok­to­ber zu Hau­se, denn er fürch­tet sich, das wei­ße Tier könn­te an dem Ta­ge kom­men.«

Da­mit wand­te er sich um und saß auf, we­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter trab­ten wir ne­ben­ein­an­der da­von.

Nach mehr­stün­di­gem Ritt bog mein Füh­rer auf schma­lem We­ge in ein mir un­be­kann­tes Wald­tal ein, al­te Föh­ren schlos­sen ih­re Kro­nen über dem ver­wahr­los­ten Pfad zu­sam­men und wölb­ten ho­he To­re.

Bei Ein­bruch der Däm­me­rung stan­den wir vor ei­nem ein­stö­cki­gen Hau­se in­mit­ten die­ses Wal­des, der Woh­nung Ro­sens. Mein Be­glei­ter nahm mir das Pferd ab, ich be­trat das ge­räu­mi­ge, einen Guts­hof ab­schlie­ßen­de Ge­bäu­de. Im Flur, des­sen Wän­de al­ler­lei Beu­te­stücke ei­nes Jä­gers, Elch­köp­fe und Hirsch­ge­wei­he schmück­ten, er­war­te­te mich ein äl­te­rer Die­ner und ge­lei­te­te mich durch meh­re­re Zim­mer nach dem Wohn­raum des Be­sit­zers. Dann zog er sich schwei­gend zu­rück.

Ein ha­ge­rer Herr er­hob sich mü­he­los aus ei­nem be­que­men Stuhl, der ne­ben ei­nem auf­fal­lend großen Ka­min stand, und reich­te mir mit star­kem Druck die Hand. Freu­di­ges Lä­cheln glitt über sei­ne nicht un­schö­nen Zü­ge. Er lud mich zum Sit­zen ein und dank­te mir für mein ra­sches Ein­tref­fen. Dann sag­te er:

»Ich fühl­te mich vor ei­ner Wei­le nicht ganz wohl, aber jetzt geht es mir schon bes­ser.«

Un­ter die­sen Wor­ten ging er an die bei­den Tü­ren des Zim­mers, von de­nen die ei­ne nach dem En­de des Flurs führ­te, ver­schloß sie von in­nen und steck­te die Schlüs­sel in die Ta­sche. Dann erst nahm er mir ge­gen­über Platz.

Ich sah mei­nen Pa­ti­en­ten for­schend an, er schi­en mir nicht lei­dend zu sein, sei­ne Ge­stalt war trotz der sech­zig Jah­re, die ich ihm gab, hoch und kräf­tig, sei­ne Be­we­gun­gen hat­ten nichts Kran­kes oder Schlaf­fes. Auch für geis­tig ge­stört konn­te ich ihn nicht hal­ten. Er sprach, oh­ne auf sei­nen Brief an­zu­spie­len, in ru­hi­gem Ton über die ver­schie­dens­ten Din­ge, über Po­li­tik und der­glei­chen. Sei­ne Krank­heit zu be­rüh­ren, schi­en ihm pein­lich zu sein, und so ver­mied zu­nächst auch ich es, da­nach zu fra­gen.

Mitt­ler­wei­le war die Nacht ge­kom­men. Der Wind hat­te sich schla­fen ge­legt, nur manch­mal reg­te er sich ganz lei­se mit ei­nem seuf­zen­den Ton in der Fer­ne der Wäl­der. Im Zim­mer war es still, denn un­se­re Un­ter­hal­tung wur­de, ich weiß nicht warum, wie auf ge­mein­sa­me Ver­ab­re­dung halb­laut ge­führt, nur die al­te Uhr auf dem Ka­min tick­te ein­tö­nig, mit dump­fem, me­tal­le­nem Klang.

Ro­sen er­hob sich, steck­te al­le Lich­ter und Lam­pen im Zim­mer an und ver­teil­te sie so, daß sie es bis in die ent­le­gens­ten Ecken er­hell­ten. Dann setz­te er sich wie­der zu mir.

Wir plau­der­ten über die Frei­hei­ten der Bau­ern und de­ren Nut­zen oder Scha­den für die Ent­wick­lung des be­nach­bar­ten rus­si­schen Staa­tes, und mein Pa­ti­ent zeig­te ei­ne Sach­kennt­nis und einen Scharf­blick, wie man sie bei ei­nem wirk­lich geis­tes­kran­ken Men­schen si­cher nicht ge­fun­den hät­te.

Da be­gann die Stand­uhr auf dem Ka­min ei­ne Stun­de zu schla­gen. Ich ach­te­te nicht wei­ter dar­auf, folg­te ich doch ge­ra­de den Aus­füh­run­gen mei­nes Ge­gen­übers.

Ro­sen aber un­ter­brach sich mit­ten in sei­ner Re­de, warf einen ra­schen Blick auf den Zei­ger und zähl­te die Schlä­ge der Glo­cke. Es wa­ren acht. Da lehn­te er sich in den Stuhl zu­rück und brumm­te vor sich hin:

»Erst acht Uhr. Es kommt noch nicht.«

Dann griff er den Fa­den der Un­ter­hal­tung wie­der auf, wo er ihn fal­len ge­las­sen hat­te, oh­ne sein Tun zu ent­schul­di­gen oder zu er­klä­ren. Mei­ne Fra­ge, ob er noch ir­gend­ei­ne Nach­richt oder einen Be­such heu­te abend er­war­te, schi­en er mit Ab­sicht zu über­hö­ren, denn er fuhr fort, über Po­li­tik und so­zia­le Ver­hält­nis­se zu spre­chen.

Ei­ne Stun­de dar­auf wie­der­hol­te sich das­sel­be Schau­spiel. Als die Uhr zu schla­gen be­gann, lang­sam und keu­chend, als wol­le ihr der Atem aus­gehn, hielt Ro­sen in sei­ner Re­de in­ne. Er ließ die bren­nen­de Zi­gar­re aus der Hand in den Aschen­be­cher fal­len, hef­te­te den Blick auf das Zif­fer­blatt und zähl­te die ein­zel­nen neun Glo­cken­schlä­ge. Dann er­hob er sich, ging noch ein­mal durch das Zim­mer, ver­si­cher­te sich von neu­em, daß die Tü­ren und Fens­ter fest ver­schlos­sen sei­en, und raun­te, in­dem er wie­der zu mir trat:

»Noch nicht. Wir müs­sen war­ten.«

Aus sei­nen Wor­ten und sei­nem Tun sprach heim­li­che Angst. Er rück­te sei­nen Stuhl nä­her an den mei­nen, doch noch im­mer gab er kei­ne Er­klä­rung sei­nes Be­neh­mens. Nun aber mach­te ich Mie­ne, mich zu­rück­zu­zie­hen, denn ich war recht­schaf­fen mü­de ge­wor­den und hat­te nicht Lust, mit die­sem Man­ne die gan­ze Nacht zu­zu­brin­gen, um al­le Au­gen­bli­cke Zeu­ge der An­ge­wohn­hei­ten ei­nes Son­der­lings zu sein und ir­gend­ein Er­eig­nis ab­zu­war­ten, das ich nicht ein­mal ahn­te, und das je­ner mir trotz mei­ner An­deu­tun­gen au­gen­schein­lich auch nicht mit­tei­len woll­te. Kaum aber hat­te ich mich er­ho­ben, als mich Ro­sen am Arm er­faß­te und mit ei­ner Kraft in den Stuhl zu­rück­drück­te, die mich in Er­stau­nen setz­te.

»Blei­ben Sie, ich be­schwö­re Sie! Ich ha­be nur dar­um heu­te das Haus nicht ver­las­sen, das mich in die­ser Nacht sonst nie in sei­nen Mau­ern sieht, um einen Ver­such zu ma­chen. Ich bin nicht krank. Was ich Ih­nen schrieb, ist nicht wahr. Ich woll­te nur Ih­res Kom­mens si­cher sein. Sie er­wei­sen mir da­mit einen Dienst, des­sen Grö­ße Sie jetzt nicht im ent­fern­tes­ten schät­zen kön­nen. Mein Be­neh­men muß Ih­nen son­der­bar er­schei­nen. Ich se­he es Ih­nen an, daß Sie an mei­nem ru­hi­gen Ver­stand zwei­feln. Aber ich bin mir lei­der nur zu klar über al­les, ich bin nicht über­spannt, nicht im ge­rings­ten. Ich will nur ver­su­chen, ob Ih­re Nä­he, die An­we­sen­heit ei­nes ganz nüch­ter­nen, un­be­ein­fluß­ten Man­nes je­nes Ent­setz­li­che ver­trei­ben kann, vor dem ich mich fürch­te, und das –«

Ro­sen schnell­te vom Stuhl em­por und griff nach ei­nem je­ner haar­schar­fen, tür­ki­schen Sä­bel, Ja­tagan ge­nannt, die ei­ne ge­fähr­li­che Waf­fe in der Faust ei­nes Man­nes bil­den. Er hielt die Hand ans Ohr und lausch­te. Ein Zit­tern ging durch sei­nen Kör­per. Auch ich stand un­will­kür­lich auf und horchte.

Ein un­be­stimm­tes Ge­räusch, et­wa wie das re­gel­lo­se Hin- und Her­hu­schen ei­ner Rat­te über Holz­die­len ließ sich ver­neh­men. Die Au­gen Ro­sens irr­ten su­chend im Zim­mer um­her und blie­ben auf der Tür nach dem Flur haf­ten, von dem die Lau­te zu kom­men schie­nen.

»Hö­ren Sie nichts?« flüs­ter­te er und um­klam­mer­te mein Hand­ge­lenk.

Aber die leich­ten Schrit­te wa­ren schon wie­der ver­k­lun­gen.

Ich muß­te den Er­reg­ten be­ru­hi­gen.

»Ich hö­re nichts, ab­so­lut nichts«, log ich. »Ich glau­be, Sie sind nur ei­nem Irr­tum un­ter­wor­fen ge­we­sen. Er­klä­ren Sie mir nur end­lich, was Sie fürch­ten.«

Ro­sen setz­te sich wie­der und leg­te den Sä­bel dicht ne­ben sich auf einen Tisch, auf dem al­ler­lei Rauch­ge­rät­schaf­ten stan­den. Er bot mir ei­ne Zi­gar­re an, und auch ich nahm von neu­em Platz.

»Wie son­der­bar«, sag­te er. »Ich hät­te dar­auf ge­schwo­ren, daß ich es ge­hen hör­te – Aber frei­lich, wenn Sie mei­nen. Und Sie ha­ben nichts ge­hört? Sind Sie des­sen si­cher?«

»Ge­wiß«, er­wi­der­te ich, »voll­kom­men. Sie kön­nen ru­hig sein, es war nichts.«

Mein Wirt prüf­te mit den Fin­ger­spit­zen die Schär­fe des Stahl­es.

»Glau­ben Sie«, rief er plötz­lich ganz un­ver­mit­telt und ließ die Klin­ge pfei­fend durch die Luft schwir­ren, »glau­ben Sie, daß man da­mit ei­nem Men­schen die Hand ab­hau­en kann?«

»Ge­wiß, mit Leich­tig­keit.«

Ro­sen sah mit ei­nem son­der­ba­ren har­ten Blick auf die blit­zen­de Waf­fe und wog sie in der Hand.

»Ja, ja, mit ei­nem Schla­ge, mit ei­nem ein­zi­gen Schla­ge bringt man das fer­tig! Und ein kur­z­er Stoß ins Herz ge­nügt auch, einen Men­schen aus der Welt zu schaf­fen. Aber, ich glau­be, es gibt We­sen, die sind auch da­mit nicht zu tö­ten. Glau­ben Sie nicht?«

Ro­sens Au­gen ruh­ten ge­spannt auf mei­nen Lip­pen.

Ich hät­te die Waf­fe lie­ber in der Hand ei­nes an­dern ge­se­hen als in der die­ses auf­ge­reg­ten Kran­ken.

»Ich? Ja, mein Gott, das kommt ganz drauf an, was Sie tö­ten wol­len. Aber ich soll­te mei­nen –«

Ich wur­de jäh un­ter­bro­chen.

»Still! Hö­ren Sie das Tas­ten dort, dort am Fens­ter? Um Got­tes wil­len, hö­ren Sie das nicht, wie es ans Fens­ter greift?«

Mein Ge­gen­über war wie­der von sei­nem Sitz em­por­ge­fah­ren. Sein Ant­litz war blaß ge­wor­den, sei­ne Au­gen hat­ten sich un­na­tür­lich er­wei­tert und starr­ten nach den dunklen Schei­ben. Wirk­lich ver­nahm auch ich von Zeit zu Zeit einen lei­sen Ton, als klop­fe je­mand von au­ßen an das Glas der Fens­ter, als tas­te et­was su­chend an ihm her­um.

»Ich mei­ne, es muß wohl der Wind sein, der wel­ke Blät­ter aus Ih­rem Gar­ten an die Schei­ben wir­belt«, be­merk­te ich end­lich. »Oder es sind die äu­ßers­ten Äst­chen der Lin­de, die vor dem Hau­se steht, und die ge­gen das Glas rei­ben. Wer soll­te sich auch sonst an Ih­ren Fens­tern zu schaf­fen ma­chen?«

In die­sem Au­gen­blick schlug die Uhr. Ro­sen zähl­te, oh­ne den Blick vom Fens­ter ab­zu­len­ken. Es wa­ren zehn Schlä­ge. Da setz­te er sich in sei­nen Stuhl zu­rück.

»Mei­nen Sie wirk­lich, die Äs­te der Lin­de? Nun, Sie mö­gen recht ha­ben. Es war nur der Wind. Es ist ja auch erst zehn Uhr. Es kommt noch nicht. Aber man kann ja nicht wis­sen.«

Wir schwie­gen lan­ge Zeit. Mich be­schlich in der Nä­he des Kran­ken all­mäh­lich ein un­be­stimm­tes Ge­fühl von dump­fer Furcht, das ich nicht mehr los­wer­den konn­te, so sehr ich mir auch Mü­he gab, da­ge­gen an­zu­kämp­fen. Ei­ne schwü­le, fast un­na­tür­li­che Ru­he lag über dem Räu­me, die vie­len Lam­pen und Ker­zen er­hitz­ten die Luft. Wohl er­hell­ten sie je­den Win­kel, es war nichts Un­ge­wöhn­li­ches zu sehn, und trotz­dem fühl­ten wir bei­de, daß sich et­was in un­se­rer Nä­he vor­be­rei­te­te. Wenn ich nur ge­wußt hät­te, was ich er­war­te­te, wel­ches das We­sen sei, das seit ei­ner Stun­de von uns ge­fürch­tet, lau­ernd um un­ser Zim­mer schlich, das uns drin­nen ge­fan­gen hielt. Kei­ner von uns hät­te jetzt mehr ge­wagt, die Tü­ren oder ei­nes der Fens­ter zu öff­nen. Wir wuß­ten, dann sprang es her­ein.

Was hät­te ich dar­um ge­ge­ben, wenn ich das Haus erst wie­der ver­las­sen ge­habt hät­te. Mehr und mehr fühl­te ich mich selbst in Ro­sens merk­wür­di­ge Wahnide­en ver­strickt, von der Auf­re­gung mei­nes Pa­ti­en­ten an­ge­steckt, und doch war es nur ei­ne Rat­te, wa­ren es nur tro­ckene Blät­ter, Äst­chen, ein ver­irr­ter Nacht­vo­gel viel­leicht, die je­ne son­der­ba­ren Ge­räusche her­vor­ge­bracht hat­ten. Ich woll­te mich zwin­gen, an ei­ne na­tür­li­che Er­klä­rung zu glau­ben. Aber was ich mir auch ein­re­den moch­te, ich hielt jetzt die­se Ru­he, die­ses un­ver­ständ­li­che War­ten nicht mehr län­ger aus. Mein Ge­gen­über blick­te sich fort­wäh­rend um, im­mer die Hand am Sä­bel, bald nach der Tür, bald nach dem Fens­ter hor­chend.

Es war drau­ßen to­ten­still ge­wor­den, der Wind hat­te sich ge­legt. Laut­los zuck­ten blaue und gel­be Flämm­chen vom er­lö­schen­den Feu­er des Ka­mins. So­bald das glü­hen­de Holz ein­mal knack­te, fuh­ren wir bei­de zu­sam­men.

»Soll ich nicht nach Ih­ren Leu­ten klin­geln?« frag­te ich. Ich sehn­te mich da­nach, an­de­re Men­schen um mich zu se­hen.

»Um Got­tes wil­len, nein! Nein! Die dür­fen ja nichts wis­sen, ich kann es doch je­nen da nicht er­klä­ren, nicht sa­gen! Blei­ben Sie sit­zen.«

»Dann sa­gen Sie mir aber end­lich, was Sie ei­gent­lich so fürch­ten, was Sie mit je­dem Glo­cken­schlag er­war­ten!«

Ich wuß­te, ich wür­de aus dem Mun­de die­ses Kran­ken et­was ganz Un­sin­ni­ges hö­ren, aber al­les, auch das Schreck­lichs­te war mir in die­sem Au­gen­blick lie­ber als die­se Un­si­cher­heit.

Da be­gann er has­tig:

»Sie sol­len mir hel­fen. Sie wis­sen aus ok­kul­tis­ti­schen Schrif­ten si­cher so viel, daß der Ein­fluß ei­nes wil­lens­star­ken Men­schen, ei­nes Skep­ti­kers die un­heil­vol­le Ver­bin­dung zwi­schen dem Me­di­um und sei­nem Meis­ter zu zer­rei­ßen ver­mag. Sie sind Arzt, Sie al­lein kön­nen dies tun, kön­nen mich von je­nem er­ret­ten. Heu­te ist die Nacht wie­der­ge­kehrt, in der ich ihn er­war­te. Heu­te will ich ihm mit Ih­rer Hil­fe ent­ge­gen­tre­ten, um ihn vollends zu ver­nich­ten. Ich woll­te Ih­nen nichts sa­gen, um Ih­nen Ru­he und Un­be­fan­gen­heit nicht zu neh­men, doch Sie zwin­gen mich zu spre­chen, und ich se­he ja, auch Sie ah­nen sei­ne Nä­he.«

»Ja, aber um des Him­mels wil­len, wer ist denn je­ner Ent­setz­li­che, der Sie so pei­nigt«, frag­te ich. »Lebt er in Ih­rer Um­ge­bung?«

»Das kann ich Ih­nen nicht be­ant­wor­ten, – er ist – tot, lan­ge tot.«

»Tot?« frag­te ich. »Aber beim Teu­fel – –«

»Ja, tot!« un­ter­brach mich Ro­sen. »Das weiß ich ge­wiß. Ein buck­li­ger, klei­ner, elen­der Schuft war’s. Ich leb­te da­mals in Genf. Ich ver­kehr­te in ei­nem spi­ri­tis­ti­schen Klub, da war er da­bei, und er lief mir nach, er dräng­te sich an mich, ver­folg­te mich förm­lich, zwang mich zu al­lem, was er woll­te, wenn er mir mit der lan­gen, wei­ßen Hand über den Arm strich. Sie, wis­sen Sie, er hat mich zum Dieb ge­macht! – Sag­te er mir: ›Sie wer­den mor­gen das und das tun, das und das für mich steh­len‹, dann tat ich’s, dann stahl ich, oh­ne zu über­le­gen, macht­los. Um­sonst ver­such­te ich ge­gen ihn an­zu­kämp­fen. Da floh ich ei­nes Ta­ges fort. Ich ver­steck­te mich vor Be­kann­ten, Freun­den, vor al­ler Welt, um ihm und sei­nem Ein­fluß zu ent­ge­hen. Ich nahm so­gar einen an­dern Na­men an, kauf­te dies ein­sa­me Gut mit­ten im Wald und ver­ließ es nicht mehr, aus Angst, ich könn­te ihm drau­ßen ir­gend­wo be­geg­nen.

Und – ich bin ihm doch noch ein­mal be­geg­net.«

Er brach ab, sprang auf, blick­te sich um, durch­maß das Zim­mer, die Waf­fe in der Rech­ten, blieb plötz­lich hor­chend ste­hen, leg­te das Ohr an die Tür, such­te mit fun­keln­den Au­gen un­ter je­dem Mö­bel um­her und flüch­te­te dann end­lich wie­der an mei­ne Sei­te, in­dem er sich mit der Hand über die Stirn wisch­te.

Nun wur­de mir noch un­heim­li­cher in der Nä­he des Man­nes, der in sei­nen Wahn­ge­bil­den die Rück­kehr ei­nes längst Ver­stor­be­nen fürch­te­te. Sag­te ich mir auch, daß ich es mit ei­nem Irr­sin­ni­gen zu tun hät­te, so teil­te ich doch merk­wür­di­ger­wei­se die Angst je­nes Un­glück­li­chen. Trotz­dem zwang ich mich in gleich­gül­tigs­tem Ton zu be­mer­ken:

»Ich wer­de Ih­nen hel­fen. Er­klä­ren Sie mir nur, ob Sie sich wirk­lich vor dem To­ten fürch­ten. Wol­len Sie et­wa an Spuk glau­ben?«

»Nicht ihn selbst fürch­te ich, den To­ten, nur sei­ne Hand, sei­ne fürch­ter­li­che Hand! Den Buck­li­gen, den schwa­chen Zwerg brau­che ich nicht mehr zu fürch­ten. Aber die­se Hand! Schwö­ren Sie mir zu schwei­gen?«

Ich nick­te.

»So hö­ren Sie. Ich bin der Welt ge­gen­über ver­lo­ren, wenn Sie et­was sa­gen, die Leu­te wür­den mich dann für einen Ver­rück­ten oder einen Ver­bre­cher hal­ten. – Aber – es ist viel­leicht al­les gleich. – Hor­chen Sie! Dort ist es schon wie­der, das wei­ße Tier! Jetzt ist’s im Ka­min, ganz be­stimmt im Ka­min!«

Bei die­sen Wor­ten stürz­te sich Ro­sen an den Holz­korb und warf mit fie­ber­haf­ter Hast ein Kie­fern­scheit nach dem an­dern in die von neu­em auf­lo­dern­de Glut. Ich hör­te nichts an­de­res als das Knacken und Pras­seln des fri­schen Hol­zes und das Zi­schen der Flam­men. Die un­heim­li­che Ge­schäf­tig­keit des Un­glück­li­chen steck­te an. Ich half ihm, und wir war­fen den gan­zen In­halt des Kor­bes ins Feu­er, so daß die Flam­men hoch auf­sprüh­ten.

Jetzt hat­te Ro­sen zum ers­ten­mal selbst das wei­ße Tier er­wähnt, von dem schon sei­ne Die­ner ge­spro­chen. Was moch­te das sein? Wie kam es in den Vor­stel­lungs­kreis sei­nes kran­ken Hir­n­es, dies ge­spens­ti­sche Tier, des­sen Na­me ihn er­zit­tern mach­te, das so­gar durch die Flam­men zu ihm drin­gen woll­te, und das er nun in ei­nem An­fall von Wut zu ver­bren­nen be­müht war.

Wie­der horch­ten wir zu­sam­men nach ir­gend­wel­chen Lau­ten, ge­spannt wie ei­ne Schild­wa­che, die in der Nacht das Her­an­schlei­chen ei­nes Fein­des er­war­tet. Bei Gott, hät­ten aus dem Ka­min Schreie ge­klun­gen, Heu­len, Win­seln ei­nes ver­bren­nen­den Tiers, ich hät­te mich nicht ge­wun­dert.

»Wie das lo­dert! Wie das brennt!« frohlock­te Ro­sen grim­mig. »Ob es dem wi­der­stehn kann?«

Er hat­te vor dem Ka­min ge­kniet, nun stand er auf. Mit has­tig her­vor­ge­sto­ße­nen Wor­ten, im­mer wie­der sich un­ter­bre­chend und um sich spä­hend, be­rich­te­te er kurz:

»Ich floh aus Genf, reis­te hin und her, ver­steck­te mich end­lich hier. Meh­re­re Jah­re ver­gin­gen, schon glaub­te ich mich vom Buck­li­gen be­freit zu ha­ben, kann­te doch kei­ner mei­ner Freun­de mein Ver­steck. Da ei­nes Abends, es sind heu­te ge­ra­de sieb­zehn Jah­re her, packt mich plötz­lich ei­ne selt­sa­me Un­ru­he. Ich hö­re je­mand kom­men, die Tür öff­net sich, ich wen­de mich um, der Buck­li­ge steht hin­ter mir. Al­lein, un­an­ge­mel­det war er ins Zim­mer ge­langt. Ich ahn­te vor­her, daß er kom­men wür­de, ich fühl­te durch Stun­den sein Na­hen am ma­gne­ti­schen Ein­fluß. Sei­ne Au­gen, sein tri­um­phie­ren­des La­chen ver­rie­ten mir, daß er mich aber­mals zu ir­gend­ei­nem ver­bre­che­ri­schen Plan be­nut­zen woll­te. Dar­um streck­te er auch wie­der die Hand nach mir aus, mich von neu­em in die Ge­walt sei­nes Wil­lens zu brin­gen.

Da sprin­ge ich auf und flüch­te hin­ter den Tisch und sto­ße die­sen ge­gen den Ein­dring­ling. Ich konn­te mei­ne Leu­te nicht zu Hil­fe ru­fen, sie wa­ren al­le zu­fäl­lig an je­nem Abend, es war Sonn­tag, zum Tanz in den Krug ge­gan­gen. Der Buck­li­ge hat­te es si­cher so ab­ge­paßt, um mich mut­ter­see­len­al­lein an­zu­tref­fen.

Das Scheu­sal sprang be­hend wie ei­ne Kat­ze hin­ter dem Tisch her­vor und faß­te mit sei­nen Af­fen­fin­gern nach mei­nem Arm.

›Neh­men Sie sich in acht‹, schrie er, ›Sie sind mein, dies­mal las­se ich Sie nicht wie­der los!‹

Da rei­ße ich die Waf­fe von der Wand und haue mit al­ler Kraft nach die­ser Hand. Der Un­hold fuhr mit ei­nem Schrei zu­rück. Ich hat­te, oh­ne es zu wol­len, mit ei­nem Hie­be die Hand vom Arm ge­trennt. Als ich das Blut sah, die vor Wut und Schmerz ver­zerr­te ab­scheu­li­che Frat­ze, da warf ich mich in jä­her Ver­zweif­lung vollends auf ihn und stieß ihm, ehe er aus­wei­chen konn­te, den Stahl in den Leib. Dann riß ich den Buck­li­gen em­por, pack­te ihn und warf ihn mit­ten in die hoch auf­lo­dern­den Flam­men des Ka­mins. Rasch häuf­te ich al­les Holz auf den Leich­nam. Ich knie­te vor dem Feu­er nie­der und ruh­te nicht eher, als bis der letz­te Rest die­ses fürch­ter­li­chen Men­schen ver­brannt war, der mich jah­re­lang ge­quält, der mich ru­he­los um­her­ge­trie­ben und nun – zum Mör­der ge­macht hat­te. – Reue emp­fin­de ich nicht über mei­ne Tat. Ihm ist nur recht ge­sche­hen, er hat­te sein En­de hun­dert­fach ver­dient.

Als das Feu­er nie­der­ge­brannt war, sam­mel­te ich sorg­fäl­tig al­le Kno­chen­res­te, um sie in ei­ner Kis­te zu ber­gen und zu ver­nich­ten. Ich fand sie al­le, al­le, es war ei­ne schreck­li­che Ar­beit. Nur die rech­te Hand fehl­te. Ich wand­te mich um, such­te im Zim­mer, sie war ver­schwun­den. Ich muß­te sie al­so auch ins Feu­er ge­wor­fen ha­ben und hat­te das viel­leicht in der Auf­re­gung die­ser Mi­nu­ten ver­ges­sen. Noch ein­mal durch­such­te ich den gan­zen Ka­min, je­des Aschen­häuf­chen, nichts! Im­mer nichts! Da faß­te ich mich an die Stirn und mein­te wahn­sin­nig zu wer­den.«

Der Kran­ke beug­te sich zu mir und starr­te mir ins Au­ge.

»Se­hen Sie, je­ne Hand, je­ne furcht­ba­re Hand ist al­so nicht mit ver­brannt. Sie ist heim­lich, ge­räusch­los fort­ge­kro­chen, wäh­rend ich am Ka­min be­schäf­tigt war. Sie ist flüch­tend in ir­gend­ei­ne Ecke ge­rannt, viel­leicht dort zu je­nem Fens­ter hin­aus­ge­klet­tert, denn das Fens­ter stand of­fen. Ich ha­be al­le Mö­bel von der Wand ge­rückt, zit­ternd un­ter je­den Schrank, je­den Stuhl ge­leuch­tet. Ich bin wie ein Ir­rer noch ein­mal auf die schau­der­haf­te Kis­te los­ge­stürzt, die die schwarz­ge­brann­ten Kno­chen ent­hielt. Ich ha­be sie ein­zeln her­aus­ge­nom­men, sie al­le ne­ben­ein­an­der ge­legt, bis das gan­ze Ge­rip­pe vor mir auf der Die­le lag. Ich wisch­te mir hun­dert­mal die Au­gen, im­mer fehl­te die rech­te Hand.

Dann die Asche des Ka­mins. Ich ha­be sie trotz der sen­gen­den Hit­ze in klei­nen Tei­len durch mei­ne Fin­ger glei­ten las­sen, um­sonst al­les, um­sonst. Die Hand fehl­te.

Wie soll ich Ih­nen schil­dern, was ich da­mals aus­ge­stan­den ha­be?

Nie­mand hat­te den Buck­li­gen bei mir ein­tre­ten sehn. Nie­mand hat sein Ver­schwin­den be­merkt oder nach ihm ge­forscht. Die­ser Mord blieb un­ent­deckt und un­ge­sühnt.

Da er­fand ich ein Mär­chen, um es mei­nen Leu­ten wahr­schein­lich zu ma­chen, daß ich einen Spuk fürch­te­te und sei­net­we­gen nicht mehr in der Nacht der Tat hier im Hau­se blei­ben woll­te. Ein Weg­ziehn von hier, – ich ha­be wohl dar­an ge­dacht, – aber was hät­te es mir ge­hol­fen? Ich hät­te mich ver­däch­tig ge­macht und je­ne Hand hät­te mich doch zu fin­den ge­wußt. Mei­ne Leu­te ban­gen vor dem wei­ßen Tier, das kei­ner je ge­sehn hat. Auch ich, es ist lä­cher­lich, ich ha­be es nicht ge­sehn, es ist ei­ne Aus­ge­burt mei­ner Ein­bil­dungs­kraft, nicht wahr? Was soll es sonst sein, und doch fürch­te ich, weiß ich, daß es ein­mal kom­men wird. Mit Ih­rer Hil­fe will ich ihm heu­te ent­ge­gen­tre­ten, ich muß auch den letz­ten Rest je­nes to­ten Un­holds ver­nich­ten, der mir mein Le­ben zer­stört hat.«

»Aber«, frag­te ich, »wie kön­nen Sie an ei­ner so un­mög­li­chen Ein­bil­dung lei­den? Neh­men wir an, es hat sich wirk­lich al­les so be­ge­ben, wie Sie’s er­zählt ha­ben, wie kann ei­ne ver­schwun­de­ne Hand, die Hand ei­nes To­ten, Ih­nen ge­fähr­lich wer­den?«

Ich ge­ste­he, daß ich mich mit sol­chen Wor­ten selbst be­ru­hi­gen woll­te. Ro­sen ent­geg­ne­te rasch:

»Wie ich dar­an lei­den kann? Ha­ben Sie nicht selbst ge­fühlt, daß ge­ra­de die­se Nacht et­was Be­son­de­res hat? Es ist heu­te ganz an­ders, als es sonst in der Nacht zu sein pflegt, ganz an­ders. Oh, es gibt Näch­te, in de­nen es hier drau­ßen wun­der­bar schön und fried­lich ist. Ich lie­be die­se Ein­sam­keit, die­sen Wald, die­se Wie­sen. Aber heu­te, die To­ten­stil­le rings um das Haus, selbst den Bach hört man nicht plät­schern wie sonst. Die­ses Tap­pen und Tas­ten au­ßen am Fens­ter, an den Tü­ren, die­se lei­sen Schritt­chen vor­hin. Dies Trip­peln und Ra­scheln auf dem Gang. Sie glaub­ten, es sei­en Rat­ten. O nein, das ist das wei­ße Tier! Ich ah­ne, ja ich weiß, daß es heu­te wie­der in der Nä­he ist, daß es in die­ser Nacht auf mich lau­ert, daß es ums Haus schleicht, daß es von ir­gend­wo­her plötz­lich auf mich zu­sprin­gen wird!«

Der Kran­ke sank im Stuhl zu­sam­men, wie er­drückt von der Er­in­ne­rung an sei­ne grau­si­ge Tat. Er sprach nicht mehr, stütz­te die bei­den Hän­de auf den Sä­bel, den er vor sich hielt, und sei­ne Au­gen such­ten im Zim­mer um­her.

In der Stil­le glaub­te ich das Klop­fen uns­rer Her­zen zu hö­ren. Wir horch­ten und war­te­ten. Ich wag­te nicht nach der glü­hen­den Öff­nung des Ka­mins zu bli­cken, in der Furcht, den to­ten Buck­li­gen dar­in zu sehn.

Die Uhr schlug lang­sam elf Schlä­ge. Ro­sen zähl­te sie ein­zeln nach.

»Elf Uhr. Hö­ren Sie, es ist elf Uhr!« schrie er und sprang em­por. »Wie da­mals elf Uhr! Jetzt muß es kom­men!«

Der Un­glück­li­che be­gann im Zim­mer auf und ab zu ren­nen, den blit­zen­den Stahl in der ge­ball­ten Faust schwin­gend und da­bei von neu­em angst­voll auf den Bo­den, un­ter die Mö­bel, in al­le Ecken spä­hend.

Plötz­lich blieb er mit­ten im Zim­mer stehn, den Ober­kör­per weit vor­ge­beugt, wie ein Fech­ter, al­le Mus­keln am Kör­per ge­strafft, den Blick fest auf die Tür ge­rich­tet. Schweiß perl­te in Trop­fen auf sei­ner Stirn.

Auch ich war auf­ge­sprun­gen. Der Wahn­sin­ni­ge mit der ge­schwun­ge­nen Waf­fe flö­ßte mir aber jetzt we­ni­ger Grau­en ein als ein Ge­räusch, das im­mer deut­li­cher wur­de und sich auf den Holz­die­len des Haus­flurs hö­ren ließ. Man nä­her­te sich der Tür. Aber das wa­ren we­der die ru­hi­gen Schrit­te ei­nes Men­schen noch die ei­nes Tie­res, es schi­en mir das Krat­zen von Fin­ger­nä­geln zu sein.

Ich fühl­te, wie es mich vom Kopf bis zu den Fü­ßen kalt über­lief. Um­sonst sah ich mich nach ei­ner Waf­fe um, ob­gleich ich wuß­te, daß sie mir nichts hel­fen wür­de. Im nächs­ten Au­gen­blick muß­te es her­ein­kom­men, sich auf uns stür­zen, dies ge­spens­ti­sche, wei­ße Tier. Ich rief laut, wie­der­holt schrie ich:

»Es ist nichts! Es ist be­stimmt nichts, blei­ben Sie um Got­tes wil­len ru­hig!«

Aber so sehr ich mir auch selbst im­mer wie­der ein­re­den woll­te, daß es nichts an­de­res sei als der nächt­li­che Traum ei­nes Fie­ber­kran­ken. Es woll­te mir nicht ge­lin­gen.

»Es kommt!« keuch­te Ro­sen.

Sei­ne in sinn­lo­ser Furcht er­wei­ter­ten Au­gen folg­ten ei­nem un­sicht­ba­ren We­sen, das sich ihm auf der Die­le krie­chend nä­hern muß­te, denn sie wa­ren mit schau­er­li­chem Ent­set­zen nach dem Bo­den ge­rich­tet. Lang­sam hob er die be­waff­ne­te Hand, hoch über sei­nem Haupt zum Hieb aus­ho­lend, sei­ne Brust at­me­te schwer, sei­ne grau­en Haa­re sträub­ten sich.

Ich wuß­te, da war et­was. Hör­te ich’s doch über den Bo­den nä­her­kom­men, schar­ren­de Fin­ger­nä­gel. Doch ich sah nichts, so sehr ich mei­ne Bli­cke an­streng­te. Aber ich fühl­te, oh, ich fühl­te es deut­lich, daß wir bei­de nicht mehr al­lein im Zim­mer wa­ren. Die­se Au­gen­bli­cke ver­ges­se ich nie mehr in mei­nem Le­ben. Das Grau­sen schüt­tel­te mich. Ich muß­te mich am Tisch fest­hal­ten, mir ver­sag­te der Atem. Ich war na­he dar­an, um­zu­sin­ken, mei­ne Sin­ne wa­ren an­ge­spannt, gleich ei­ner Bo­gen­seh­ne, die zu rei­ßen droht.

Plötz­lich fuhr die Waf­fe Ro­sens wie ein Blitz her­ab, aber schon im nächs­ten Au­gen­blick stieß er einen gel­len­den, gräß­li­chen Schrei aus, tau­mel­te rück­wärts, als sei ihm et­was ge­gen die Brust ge­sprun­gen, und stürz­te zu Bo­den. Sei­ne Fin­ger lie­ßen den Sä­bel los, mit bei­den Hän­den faß­te er in die Luft nach ir­gend et­was, das auf sei­ner Brust zu hocken schi­en. Er zerr­te und riß an ei­nem un­sicht­ba­ren Geg­ner, sein Schrei­en ging rasch in Rö­cheln über.

Ich war nicht im­stan­de, mich zu be­we­gen, mei­ne Glie­der wa­ren wie mit Blei aus­ge­gos­sen. Ich sah die­sen fürch­ter­li­chen Kampf an, oh­ne ret­ten oder auch nur hel­fen zu kön­nen.

Nach ei­ni­gen Se­kun­den fie­len Ro­sens Ar­me schlaff längs dem Kör­per her­ab. Bald war al­les ru­hig. Er be­weg­te sich nicht mehr. Da beug­te ich mich über ihn. Sei­ne Au­gen wa­ren weit aus ih­ren Höh­len ge­tre­ten und ver­glast, der Mund war ge­öff­net, wie bei ei­nem Er­stick­ten.

Nun er­mann­te ich mich, mehr und mehr schwand das be­drücken­de Ge­fühl der Ab­hän­gig­keit von ei­ner au­ßer mir lie­gen­den, stär­ke­ren Kraft.

Ich rann­te an die Klin­gel und stemm­te mich mit al­ler Ge­walt ge­gen die ver­schlos­se­ne Tür. Auch von au­ßen half je­mand. Sie sprang auf, der al­te Die­ner stürz­te her­bei. Er half mir den Re­gungs­lo­sen auf­he­ben und nach dem Bett tra­gen, auf das wir ihn nie­der­leg­ten. Ro­sen war tot. Der un­tröst­li­che Die­ner ver­si­cher­te im­mer wie­der, daß sein Herr nie­mals krank ge­we­sen sei, nie­mals über ir­gend­wel­che Schmer­zen ge­klagt hät­te.

Auch die an­de­ren Dienst­bo­ten lie­fen zu­sam­men. Ich er­zähl­te ih­nen, was sich zu­ge­tra­gen, sie stan­den gleich mir vor ei­nem Rät­sel. Wir öff­ne­ten al­le Fens­ter, die dump­fe und hei­ße Luft des Zim­mers wei­chen zu las­sen. Die Leu­te sa­hen auf mich mit ent­setz­ten Mie­nen. Sie be­haup­te­ten spä­ter, ich hät­te im Ge­sicht schloh­weiß aus­ge­se­hen wie ei­ne Kalk­wand.

Ich zog mich in ein Ne­ben­zim­mer zu­rück und ver­ließ die jam­mern­de und schwat­zen­de Die­ner­schaft, mir noch ein­mal das Er­leb­nis in al­len sei­nen Ein­zel­hei­ten zu ver­ge­gen­wär­ti­gen und ei­ne Er­klä­rung zu fin­den. Noch nie­mals hat­te ich einen ganz ge­sun­den Men­schen in so rät­sel­haf­ter Wei­se en­den sehn.

Es ver­gin­gen meh­re­re Stun­den, der Tag war an­ge­bro­chen, in den Räu­men, die nachts einen so un­heim­li­chen Ein­druck ge­macht, web­te hel­les, freund­li­ches Licht.

Da öff­ne­te sich die Tür nach mei­nem Zim­mer, der al­te Die­ner rann­te her­ein und stieß zit­ternd die Wor­te her­vor:

»Ich bit­te Sie, Herr Dok­tor, kom­men Sie her­über! Se­hen Sie, was ge­sche­hen ist.«

Ich folg­te dem Al­ten nach Ro­sens Schlaf­ge­mach. Wir tra­ten an das Bett.

Auf dem Hal­se des Un­glück­li­chen zeig­te sich deut­lich die Ge­stalt ei­ner großen, ma­ge­ren, eng um die Keh­le des To­ten ge­krall­ten Hand.