Vier Geis­ter in ›Ham­let‹
von
Fritz Leiber

 

 

Fritz Lei­ber wur­de 1910 als Sohn des gleich­na­mi­gen Stumm­film­stars und Sha­ke­s­pea­re-Dar­stel­lers ge­bo­ren. Er stu­dier­te an der Uni­ver­si­tät in Chi­ca­go, pro­mo­vier­te in Phi­lo­lo­gie und be­gann Er­zäh­lun­gen für Kin­der zu schrei­ben. Wäh­rend der Zeit der großen De­pres­si­on schloß sich Lei­ber der her­um­zie­hen­den Schau­spiel­trup­pe sei­nes Va­ters an – er kennt al­so das Mi­lieu bes­tens, das er in sei­ner ›Ham­let‹-Pa­ra­phra­se be­schreibt –, und spiel­te in ei­ni­gen Hol­ly­wood-Fil­men klei­ne und kleins­te Ne­ben­rol­len. Dann gab er die Schau­spie­le­rei auf und ver­such­te es mit Schrei­ben. 1939 be­gann er in dem ame­ri­ka­ni­schen Ma­ga­zin ›Weird Ta­les‹ fan­tas­ti­sche Ge­schich­ten zu ver­öf­fent­li­chen.

 

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Schau­spie­ler sind wahr­schein­lich des­halb so aber­gläu­bisch, weil der Zu­fall ei­ne ge­wich­ti­ge Rol­le beim Er­folg ei­ner Thea­ter­pro­duk­ti­on spielt – und weil wir in un­se­rer Le­bens­wei­se und Denkart ein we­nig nä­her mit den Zi­geu­nern ver­wandt sind als an­de­re Leu­te. So bringt es zum Bei­spiel Un­glück, auf der Büh­ne Pfau­en­fe­dern zu tra­gen, bei den Pro­ben die letz­te Zei­le ei­nes Stückes zu de­kla­mie­ren und in der Gar­de­ro­be zu pfei­fen (wer der Tür am nächs­ten steht, wird ge­feu­ert) oder gar die Na­tio­nal­hym­ne im Zug zu sin­gen (ei­ne ka­na­di­sche Thea­ter­trup­pe ist auf die­se Wei­se bank­rott ge­gan­gen).

Sha­ke­s­pea­re-Dar­stel­ler bil­den von die­ser Re­gel kei­ne Aus­nah­me. Sie ha­ben sich le­dig­lich den einen oder an­de­ren Ex­tra-Aber­glau­ben zu ei­gen ge­macht, et­wa je­nen, dem­zu­fol­ge es streng un­ter­sagt ist, die Ver­se der drei He­xen oder ir­gend et­was an­de­res aus Mac­beth zu re­zi­tie­ren, es sei denn bei Auf­füh­run­gen, Pro­ben oder an­de­ren le­gi­ti­men An­läs­sen.

In un­se­rer Thea­ter­trup­pe, der ›Go­ver­nor’s Com­pa­ny‹ gilt die Re­gel, daß der Geist in Ham­let sei­nen grü­nen Schlei­er aus Nes­sel­tuch erst dann über sein be­helm­tes Ge­sicht fal­len las­sen darf, wenn sein Auf­tritt un­mit­tel­bar be­vor­steht. Ham­lets to­ter Va­ter darf al­so nicht ver­schlei­ert in den dunklen Ku­lis­sen ste­hen.

Die­ser letz­te Aber­glau­be er­in­nert an einen Vor­fall, der sich vor nicht all­zu lan­ger Zeit er­eig­ne­te – ei­ne ech­te Geis­ter­ge­schich­te. Manch­mal den­ke ich, es ist die größ­te Geis­ter­ge­schich­te der Welt – zwar nicht in der ge­schwät­zi­gen und arm­se­li­gen Art, wie ich sie er­zäh­le, bei­lei­be nicht, son­dern vor al­lem we­gen ih­rer wun­der­ba­ren At­mo­sphä­re und Aus­strah­lung.

Es ist nicht nur ei­ne wah­re Er­zäh­lung aus dem Be­reich des Über­sinn­li­chen, son­dern mehr noch ei­ne Ge­schich­te über Geis­ter und Men­schen: dies vor al­lem.

Der ge­spens­ti­sche Teil der Ge­schich­te zeigt sich gleich in höchst trau­ri­ger Wei­se: Drei un­se­rer Schau­spie­le­rin­nen (al­so prak­tisch al­le Da­men ei­ner Sha­ke­s­pea­re-Trup­pe) pfleg­ten sich in der Stun­de, be­vor der Vor­hang auf­geht, und manch­mal auch wäh­rend der Auf­füh­run­gen, wenn sie all­zu lang auf ih­ren Auf­tritt war­ten muß­ten, mit Sit­zun­gen am Oui­ja-Brett{1} zu be­schäf­ti­gen. Sie gin­gen so sehr in die­ser Be­schäf­ti­gung auf und plap­per­ten so auf­ge­regt durch­ein­an­der an­ge­sichts der Ent­hül­lun­gen, wel­che das Brett ih­nen vor­buch­sta­bier­te – drei – oder vier­mal ver­paß­ten sie des­we­gen so­gar ih­ren Auf­tritt –, daß der Prin­zi­pal ih­nen si­cher­lich ver­bo­ten hät­te, das Brett ins Thea­ter mit­zu­brin­gen, wenn er nicht ein sel­ten to­le­ran­ter Prin­zi­pal ge­we­sen wä­re. Ich bin si­cher, daß er mehr als ein­mal ver­sucht war, das Ver­bot trotz­dem aus­zu­spre­chen, und er hät­te es auch ge­tan, wenn nicht Props ihn dar­auf auf­merk­sam ge­macht hät­te, daß sich un­se­re drei Da­men oh­ne Pu­bli­kum in der Stil­le ei­nes Ho­tel­zim­mers ver­mut­lich gar nichts aus den Oui­ja-Sit­zun­gen ma­chen wür­den.

Props – das ist un­ser Re­qui­si­ten­meis­ter Bil­ly Simp­son – war fas­zi­niert von der Be­ses­sen­heit un­se­rer Da­men, so wie er von je­der Neu­ig­keit fas­zi­niert ist, und er wä­re durch­aus im­stan­de ge­we­sen, un­ser Sha­ke­s­pea­re-Ta­bu zu durch­bre­chen und die drei He­xen auf sie her­ab­zu­be­schwö­ren, wenn Props auch nur das ge­rings­te Ge­spür für die Spra­che Sha­ke­s­pea­res ge­habt hät­te. In der Tat ist Props der ein­zi­ge in un­se­rer Trup­pe, der nie­mals auch nur die kleins­te Rol­le über­nimmt. Er wür­de nicht ein­mal einen stum­men Speer auf die Büh­ne tra­gen. Aber Props hat an­de­re Ta­len­te, die die­sen Man­gel spie­lend aus­glei­chen – er kann in zwei Stun­den ei­ne Büs­te von Pom­pe­jus aus Papp­ma­che an­fer­ti­gen oder einen ka­put­ten Reiß­ver­schluß re­pa­rie­ren. Da­mit sind sei­ne Ta­len­te noch nicht ein­mal er­schöpft.

Was mich selbst be­trifft, so war ich sehr ver­dros­sen we­gen des lä­cher­li­chen Oui­ja-Bret­tes, da es fast die ganze Frei­zeit von Mo­ni­ca Single­ton zu be­an­spru­chen und ihren stets re­gen Hun­ger nach Er­leb­nis­sen vollauf zu be­frie­digen schi­en. Ich ver­such­te da­mals ge­ra­de ei­ne Ro­man­ze mit ihr an­zu­fan­gen – ei­ne lan­ge Sai­son auf Tour­nee wirkt mit der Zeit töd­lich lang­wei­lig und oh­ne ei­ni­gen Her­zens­kitzel recht frus­trie­rend – und für ei­ne Wei­le sah es so aus, als mach­te ich Fort­schrit­te. Aber als dann das Oui­ja auf­kam, fühl­te ich mich wie ein lä­cher­li­cher Gül­dens­tern, der sich nach ei­ner un­er­reich­ba­ren und un­sicht­ba­ren Ophe­lia ver­zehrt. Und ge­nau das wa­ren die Rol­len, die ich und sie in Ham­let spiel­ten.

Ich ver­fluch­te das idio­ti­sche Brett mit sei­nen kin­dischen Eck­fi­gu­ren, grin­sen­den Son­nen und schmun­zelnden Mon­den und windzer­zaus­ten Geis­tern, aber dann ent­frem­de­te ich mich Mo­ni­ca noch mehr, als ich sie frag­te, warum es nicht Nein-Nein-Brett an­statt Ja-Ja-Brett hieß? Hieß es so, drang ich wei­ter in sie, weil al­le Spi­ri­tis­ten stets das Po­si­ti­ve be­to­nen und sich wie ein Pack schwan­zwe­deln­der Ja-Sa­ger be­neh­men? – Ja, wir sind hier; ja, wir sind Ihr On­kel Har­ry; ja, wir sind glück­lich in die­sem Flug­zeug; ja, wir ha­ben einen Dok­tor un­ter uns, der den Schmerz in Ih­rer Brust dia­gno­s­ti­zie­ren wird, und so wei­ter.

Da­nach sprach Mo­ni­ca ei­ne Wo­che lang nicht mehr mit mir.

Ich wä­re so­gar noch de­pri­mier­ter ge­we­sen, wenn nicht Props mir er­klärt hät­te, daß sich kein Mann aus Fleisch und Blut mit den Geis­tern in der Ein­bil­dung ei­nes Mädchens mes­sen kön­ne, da ein­ge­bil­de­te Geis­ter al­le Vor­züge und Voll­kom­men­hei­ten be­sä­ßen, von de­nen ein Mäd­chen träumt. Aber al­le Mäd­chen wür­den ei­nes Ta­ges der Geister mü­de, viel­leicht nicht in ih­rer Fan­ta­sie, aber ganz ge­wiß um ih­res Kör­pers wil­len. Dies ge­sch­ah, der Gott­heit sei Dank, in mei­nem und Mo­ni­cas Fall recht bald, je­doch erst in dem Au­gen­blick, da wir ei­ne schreck­li­che, haar­sträu­ben­de Er­fah­rung mach­ten – ei­ne Nacht des Ent­setzens vor der Nacht der Lie­be. Bis da­hin flo­rier­te das Ouija. Der Prin­zi­pal und die rest­li­chen Mit­glie­der un­se­rer Truppe muß­ten auf die ei­ne oder die an­de­re Art und Wei­se da­mit fer­tig wer­den, bis dann je­ner drei­tä­gi­ge Auf­ent­halt in Wol­ver­ton kam, wo das glei­cher­ma­ßen trau­rig und un­heim­lich an­mu­ten­de al­te Thea­ter un­se­re drei Oui­ja-Da­men in Ver­su­chung führ­te, das Brett zu be­fra­gen, wer nun ei­gent­lich der Geist wä­re, der den ge­spens­ti­schen Ort heim­such­te: die Plan­chet­te buch­sta­bier­te den Na­men S.H.A.K.E.S.P.E.A.R.E …

Aber ich grei­fe den Er­eig­nis­sen vor­aus. Ich ha­be au­ßer Mo­ni­ca, Props und dem Prin­zi­pal noch nicht ein­mal un­se­re Trup­pe vor­ge­stellt – und ich ha­be auch noch nicht den letz­ten der drei cha­rak­te­ri­siert. Wir nen­nen Gil­bert Us­her aus rei­ner Ach­tung und Zu­nei­gung den Prin­zi­pal. Er ist ei­ner aus der letz­ten Gar­de der al­ten Schau­spie­ler-Ma­na­ger. Er hat zwar nicht den Na­men ei­nes Giel­gud oder Oli­vi­er oder Evans oder Ri­chard­son, aber er hat den­noch die meis­te Zeit sei­nes Le­bens da­mit ver­bracht, Sha­ke­s­pea­re am Le­ben zu er­hal­ten, in­dem er – wie es Ben­son einst tat – Sha­ke­s­pea­res ma­gi­sches, a-re­li­gi­öses Evan­ge­li­um in den ent­fern­tes­ten Re­gio­nen der Welt, in den Do­mi­ni­ons und in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ver­brei­tete. Un­se­re an­de­ren Schau­spie­ler ha­ben sich noch kei­nen großen Na­men ge­macht – ich wei­ge­re mich, Ih­nen mei­nen ei­ge­nen Na­men zu ver­ra­ten! –, aber mit Aus­nah­me mei­ner un­be­deu­ten­den Per­son sind sie al­le gu­te Tour­nee-Schau­spie­ler ge­wor­den oder aus­ge­schie­den, falls es ih­nen nicht ge­lang, dies in der ers­ten Sai­son zu schaf­fen. Stra­pa­zi­ös lan­ge Spiel­zei­ten, viel un­be­que­mes Rei­sen und klei­ne Ga­gen sind un­ser Schick­sal.

Be­sag­te Spiel­zeit war bis zu je­nem ver­trau­ten Punkt ge­die­hen, an dem sich die Stücke glatt her­un­ter­spie­len und je­der ein biß­chen mü­der ist, als er es sich selbst ein­ge­steht. Dann setzt meist Ru­he­lo­sig­keit ein. Ro­bert Den­nis, un­ser jüngs­ter Schau­spie­ler, schrieb mor­gens im Ho­tel an ei­nem Ro­man über das Thea­ter­le­ben, wie er sag­te. Der ar­me al­te Gu­thrie Boyd hat­te wie­der zu trin­ken be­gon­nen, und er trank nach ei­ner Ab­sti­nenz von zwei Mo­na­ten, die je­den er­staunt hat­te, wie­der viel zu­viel. Fran­cis Far­ley Scott, un­ser Star, ließ es sich nicht neh­men, uns im­mer wie­der dar­auf hin­zu­wei­sen, daß er ge­ra­de im Be­griff ste­he, für das nächs­te Jahr auf ei­ge­ne Faust ein Sha­ke­s­pea­re-Re­per­toiren­sem­ble zu orga­ni­sie­ren. Er fing kon­spi­ra­ti­ve Ge­sprä­che mit Ger­tru­de Grain­ger an, un­se­rem weib­li­chen Star, und zog dau­ernd einen nach dem an­de­ren von uns bei­sei­te, um uns hy­po­the­ti­sche An­ge­bo­te zu ma­chen, wo­bei er es stets ver­mied, die ge­naue Hö­he der Ga­gen zu nen­nen. F.F. ist ge­nau­so alt wie der Prin­zi­pal, der na­tür­lich un­ser wirk­li­cher Star ist, und er hat au­ßer dem Ta­lent der Selbst­ver­blen­dung und ei­ner ir­gend­wie gran­dio­sen, ein­drucks­vol­len Art der Dar­stel­lung kaum an­de­re Ta­len­te. Er sieht statt­lich wie ein Opern­te­nor aus, ist ganz kahl und führt des­halb im­mer ein Sor­ti­ment von drei­ßig Tou­pets in al­len Far­ben von rot bis grau­me­liert mit sich, die er mit scham­lo­ser Un­ge­zwun­gen­heit wech­selt – er trägt sie nicht nur auf der Büh­ne, son­dern auch au­ßer­halb des Thea­ters. Es macht ihm nichts aus, daß die Trup­pe al­les über sei­ne künst­li­che bun­te Haar­pracht weiß, denn wir sind Teil sei­ner Welt der Il­lu­sio­nen, und er ist fest da­von über­zeugt, daß die thea­ter­be­geis­ter­ten Da­men des Or­tes, de­nen er den Hof macht, nichts da­von be­mer­ken oder auf je­den Fall die Täu­schung ach­ten.

Je­des Jahr plant F.F. ei­ne ei­ge­ne Trup­pe zu grün­den – es ist ein fes­ter Brauch mit­ten in je­der Spiel­zeit –, und je­des Jahr wird nichts dar­aus, denn er ist eben­so faul und un­prak­tisch wie ein­ge­bil­det. Doch F.F. glaubt fest dar­an, daß er al­le Sha­ke­s­pea­re-Rol­len oder gar al­le auf ein­mal spie­len kann, wenn es dar­auf an­kommt; die ein­zi­ge F.F. Scott-Trup­pe, die ihn wirk­lich be­frie­di­gen könn­te, wä­re wahr­schein­lich ei­ne, in der er als ein­zi­ger Schau­spie­ler auf­trä­te – ein ein­zi­ger und ein­zig­ar­ti­ger Sha­ke­s­pea­re-Mo­no­log. Tat­säch­lich ist F.F. nur in ei­ner Hin­sicht nicht faul, und zwar in sei­nem Ei­fer, in je­dem Stück so­viel Rol­len wie mög­lich zu über­neh­men. F.F.’s jähr­li­che In­tri­gen küm­mern den Prin­zi­pal kei­nen Deut – er war­tet viel­mehr je­des­mal nach­sich­tig auf F.F. um ihn dann mit ein­dring­li­chem Blick zu fi­xie­ren und mit rau­her Stim­me zu fra­gen, ob er sich nicht sei­ner­seits der Scott-Trup­pe an­schlie­ßen dür­fe.

Und ich hoff­te na­tür­lich, daß jetzt auch Mo­ni­ca Single­ton auf­hö­ren wür­de, die ex­qui­si­tes­te Nai­ve zu spie­len, die je­mals Sha­ke­s­pea­res Weg ge­kreuzt hat­te. (Ich ver­mute, daß sie ih­re Rol­len so­gar im Schlaf noch prob­te, ob­wohl ich mei­len­weit da­von ent­fernt war, dies ge­nau wis­sen zu kön­nen.) Es war end­lich an der Zeit, daß sie No­tiz von mir nahm und nicht nur Vor­tei­le aus mei­nen de­vo­ten Auf­merk­sam­kei­ten zog.

Aber dann kauf­te die al­te Sy­bil Ja­me­son das Oui­ja-Brett, und Ger­tru­de Grain­ger zwang ei­ne un­wil­li­ge Mo­ni­ca, ih­re Fin­ger­spit­zen mit de­nen der an­de­ren ›nur so zum Spaß‹ auf die Plan­chet­te zu le­gen. Am nächs­ten Tag ließ Ger­tru­de ei­ni­gen von uns mit ge­heim­nis­tue­ri­scher Stim­me wis­sen, daß Mo­ni­ca ein ganz er­staun­li­ches, frei­lich noch un­ter­ent­wi­ckel­tes me­dia­les Ta­lent ha­be. Ihr selbst sei so et­was noch nicht be­geg­net. Von da an war das Mäd­chen süch­tig auf Oui­ja. Ar­me Mo­ni­ca! Ich be­fürch­te­te, sie wür­de ir­gend­wann aus ih­rer selbst­au­fer­leg­ten Sha­ke­s­pea­re-Dis­zi­plin aus­bre­chen, und es war schlimm ge­nug, daß es dann we­gen des Bret­tes ge­sch­ah und nicht mei­net­we­gen. Aus die­sem Grun­de dem fa­ta­len Brett zu grol­len, war ei­gent­lich voll­kom­men über­flüs­sig, denn Mo­ni­ca hät­te auch mit Ro­bert Den­nis auf und da­von ge­hen kön­nen, was un­end­lich viel schlim­mer ge­we­sen wä­re, ob­wohl wir nie ganz si­cher wa­ren, was sein Ge­schlecht be­traf. In die­ser Hin­sicht war ich auch Ger­tru­des nicht ganz si­cher und er­litt Ago­ni­en un­säg­li­cher Ei­fer­sucht, wenn sie mei­ne An­ge­be­te­te in ih­ren Bann­kreis zog.

Al­lein die Vor­stel­lung, wie sich Ger­tru­des ver­we­ge­nes Knie un­ter dem Oui­ja-Brett ge­gen Mo­ni­cas Knie preß­te, mach­te mich ra­send. Glück­li­cher­wei­se agier­ten Sy­bils kno­chi­ge Knie als An­stands­da­men da­zwi­schen.

F.F. der na­tür­lich auch ei­fer­süch­tig war, weil die­ses neue Spiel­zeug Be­sitz von Ger­tru­des Geist er­grif­fen hat­te und ih­rer bei­der jähr­li­che In­tri­gen emp­find­lich stör­te, deu­te­te ziem­lich gif­tig an, daß Mo­ni­ca ei­nes je­ner hab­gie­ri­gen Mäd­chen sein müs­se, die An­spruch auf al­les er­he­ben, was sie in die Fin­ger krie­gen, ob es nun ein Mann oder ei­ne Plan­chet­te sei. Aber Props sag­te mir, er wür­de al­les dar­auf wet­ten, daß Ger­tru­de und Sy­bil die ers­ten zu­fäl­li­gen Fin­ger­be­we­gun­gen Mo­ni­cas auf­merk­sam re­gis­triert hät­ten, um das un­er­fah­re­ne Mäd­chen, ge­schick­ten Tän­zern gleich, nach ih­rem ei­ge­nen Wil­len zu füh­ren, wäh­rend Mo­ni­ca glau­ben soll­te, sie sei es, die Ger­tru­de und Sy­bil füh­re. Manch­mal mein­te ich, daß F.F. recht hat­te, manch­mal stimm­te ich Props zu. Bis­wei­len dach­te ich so­gar, Mo­ni­ca be­sit­ze tat­säch­lich ei­ne über­na­tür­li­che Ga­be, ob­wohl ich ge­wöhn­lich nicht an der­ar­ti­ge Din­ge glau­be, und die­ser Ge­dan­ke er­schreck­te mich zu­tiefst, denn ei­ne sol­che Per­son wä­re je­der­zeit im­stan­de, einen le­ben­den Mann um ei­nes Geis­tes wil­len zu ver­las­sen. Sie war ein so sen­si­ti­ves, fein­füh­li­ges Mäd­chen, und doch so feu­rig! Aber im­mer, wenn sie die Plan­chet­te be­rühr­te, trat in ih­re Au­gen solch ein lee­rer Blick, als wä­re ihr Geist tief in ih­re Fin­ger­spit­zen ge­fah­ren oder bis zu den En­den von Zeit und Raum ent­wi­chen. Ein­mal la­sen die drei mein Cha­rak­ter­bild aus dem Brett her­aus, das mich durch sei­ne Ge­nau­ig­keit be­stürz­te. Das glei­che ge­sch­ah mit ei­ni­gen an­de­ren Leu­ten aus un­se­rer Trup­pe. Na­tür­lich könn­ten Schau­spie­ler, ziem­lich gu­te Cha­rak­ter­ana­ly­ti­ker sein, sag­te Props, wenn sie nicht so ver­damm­te Ego­zen­tri­ker wä­ren.

Nach Cha­rak­ter­ana­ly­sen und Zu­kunfts­vor­her­sa­gen zeig­ten un­se­re drei He­xen­schwes­tern plötz­lich In­ter­es­se für die Rein­kar­na­ti­on, und so­gleich be­gan­nen sie, dies­be­züg­lich das Brett zu be­fra­gen, um uns spä­ter zu er­zäh­len, was für be­rühm­te oder völ­lig un­be­deu­ten­de Men­schen wir in den ver­gan­ge­nen Le­ben ge­we­sen sei­en. Ich war nicht über­rascht, aus ih­rem Mun­de zu hö­ren, daß Ger­trude Grain­ger die Kö­ni­gin Boa­di­cea ge­we­sen sei. In Sy­bil Ja­me­son, ver­nahm ich, hät­ten wir ei­ne Rein­kar­na­ti­on der Kas­san­dra vor uns, wäh­rend Mo­ni­ca in ih­rem frü­he­ren Le­ben ein­mal die wahn­sin­ni­ge Kö­ni­gin Jo­han­na von Ka­sti­li­en und spä­ter ei­ne hys­te­ri­sche Pa­ti­en­tin Ja­nets an der Sal­pe­trie­re ge­we­sen sei – Din­ge, die mich mehr ir­ri­tierten und er­schreck­ten, als sie es hät­ten tun dür­fen. Props ha­be als ägyp­ti­scher Sil­ber­schmied un­ter Hats­hep­sud und später als Die­ner bei Sa­mu­el Pe­pys ge­lebt – er hör­te sich dies ent­zückt ki­chernd an. Gu­thrie Boyd be­kam den Im­pe­ra­tor Clau­di­us zu­ge­wie­sen, wäh­rend Ro­bert Den­nis sich mit Ca­li­gu­la zu­frie­den ge­ben muß­te. Aus ir­gend­ei­nem un­er­find­li­chen Grun­de sei ich so­wohl John Wil­kes Booth als auch Lam­bert Sim­nel ge­we­sen, was mich in höchs­tem Ma­ße ver­un­si­cher­te, denn ich sah in der Er­mor­dung ei­nes ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten kei­ne Ro­man­ze, son­dern al­len­falls ei­ne Neu­ro­se. Die Tat­sa­che, daß sich bei­de – Booth und Sim­nel – als Schau­spie­ler ver­sucht hat­ten, als Schmie­ren­schau­spie­ler über­dies, be­stürz­te mich am meis­ten. Erst sehr viel spä­ter be­kann­te mir Mo­ni­ca, daß das Brett wahr­schein­lich die­se Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen habe, weil ich einen solch ›tra­gi­schen, ge­fähr­li­chen, nie­der­ge­schla­ge­nen Blick‹ ge­zeigt hät­te – ei­ne Ent­hül­lung, die mich über­rasch­te und die mir zu­gleich schmei­chel­te.

Auch Fran­cis Far­ley Scott war ge­schmei­chelt, als er hör­te, daß er ein­mal Hein­rich VIII. ge­we­sen sei. Er stell­te sich al­le Ehe­frau­en Hein­richs vor und trug nach die­ser Abend­vor­stel­lung sein gold­blon­des Tou­pet, bis Ger­tru­de, Sy­bil und Mo­ni­ca uns wis­sen lie­ßen, daß der Prin­zi­pal ei­ne Rein­kar­na­ti­on von kei­nem ge­rin­ge­ren als Wil­liam Sha­ke­s­pea­re höchst­per­sön­lich sei. Das mach­te F.F. so ei­fer­süch­tig, daß er sich so­fort am Re­qui­si­ten­tisch nie­der­ließ, einen Fe­der­kiel er­griff und uns in ei­nem ge­lun­ge­nen Im­promp­tu vor­spiel­te, wie Sha­ke­s­pea­re sei­nen Ham­let-Mo­no­log ›Sein oder Nicht­sein‹ dich­te­te. Es war ei­ne sehr wir­kungs­vol­le Vor­stel­lung, wenn­gleich von be­trächt­lich mehr Stirn­ge­fur­che, Au­gen­ge­rol­le und Stimm­auf­wand be­glei­tet, als Wil­ly S. ur­sprüng­lich wohl selbst auf­ge­wendet ha­ben moch­te. Als F.F. auf­hör­te, ap­plau­dier­te so­gar der Prin­zi­pal, der ne­ben Props un­be­ob­ach­tet im Schat­ten ge­stan­den und die Sze­ne be­ob­ach­tet hat­te.

Der Prin­zi­pal wies die Idee, ei­ne Rein­kar­na­ti­on von Sha­ke­s­pea­re zu sein, spöt­tisch ent­rüs­tet von sich. Er sagte, daß Wil­ly S. soll­te er je­mals ei­ne Rein­kar­na­ti­on er­le­ben, bei ei­nem welt­be­rühm­ten Dra­ma­ti­ker am bes­ten auf­ge­ho­ben sei, und ge­ra­de­zu ide­al wä­re es, wenn die­ser heim­lich in sei­ner Frei­zeit zu­gleich für sei­nen Nachruhm als der Welt größ­ter Wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­soph sorg­te, Hin­wei­se auf sei­ne Iden­ti­tät ein­zig und al­lein in Form ma­the­ma­ti­scher Glei­chun­gen hin­ter­las­send – in der Art et­wa, wie man spä­ter hin­ter Sha­ke­s­pea­re Ba­con oder die Ba­co­nia­ner ver­mu­te­te. Doch mei­ne ich, daß Gil­bert Usher, wenn man schon je­man­den für ei­ne Rein­kar­na­ti­on Sha­ke­s­pea­res such­te, ge­wiß kei­ne schlech­te Wahl ge­we­sen wä­re. Denn der Prin­zi­pal ist eben­so vor­nehm und selbst­los, wie Sha­ke­s­pea­re selbst es ge­we­sen sein muß­te – an­sons­ten wä­re wohl nie­mals die­se lä­cher­li­che Ba­con-Ox­ford-Mar­lo­we-Eli­z­abeth – ›Wer schrieb nun ei­gent­lich Sha­ke­s­pea­res Dra­men?‹ – Kon­tro­ver­se ent­stan­den. Der Prin­zi­pal denkt in mil­der Me­lan­cho­lie an Sha­ke­s­pea­re, ob­wohl er um­gäng­li­cher und trotz sei­ner Jah­re ath­le­ti­scher ist, als man sich Sha­ke­s­pea­re ge­mein­hin vor­stellt. Und er ist über die Ma­ßen frei­ge­big, be­son­ders ge­gen­über al­ten Schau­spie­lern, die bes­se­re Ta­ge ge­se­hen ha­ben.

Was letz­te­res be­traf, so war ihm in die­ser Spiel­zeit der Miß­griff pas­siert, Gu­thrie Boyd für ei­ni­ge der schwie­rige­ren Rol­len zu en­ga­gie­ren, ein­schließ­lich ei­ni­ger Rollen, die ge­wöhn­lich F.F. spiel­te: Bru­tus, Othel­lo und da­ne­ben Dun­can in Mac­beth, Kent in King Le­ar und den Geist in Ham­let. Gu­thrie war ein lär­men­der, schwer trin­ken­der Bär von ei­nem Schau­spie­ler, der sich in Aus­tra­li­en als Sha­ke­s­pea­re-Dar­stel­ler einen ge­wis­sen Ruf er­wor­ben und mit Er­folg ei­ni­ges von sei­ner Re­pu­ta­ti­on in den Wes­ten her­über­ge­schmug­gelt hat­te. Es fiel ihm nicht be­son­ders schwer, sein Brül­len zu mä­ßi­gen, sei­ne Ge­füh­le wa­ren im­mer ein­fach und auf­rich­tig, wenn auch et­was ex­plo­siv ge­we­sen – und schließ­lich ging er so­gar für ei­ni­ge Jah­re nach Hol­ly­wood. Aber da man ihm meist nur stu­pi­de Film­rol­len über­ließ, trank er im­mer mehr. Sei­ne Frau ließ sich von ihm schei­den. Sei­ne Kin­der sag­ten sich von ihm los. Er hei­ra­te­te ein Star­let, aber auch die­ses trenn­te sich bald von ihm. Dann ver­schwand er für ei­ni­ge Zeit.

Nach ei­ni­gen Jah­ren traf ihn zu­fäl­lig un­ser Prin­zi­pal. Gu­thrie tin­gel­te da­mals ge­ra­de durch Ka­na­da, nur noch ein Schat­ten sei­nes frü­he­ren Selbst, aber es war noch im­mer ge­nug Sub­stanz in die­sem Schat­ten ver­bor­gen – und Boyd trank nicht. Der Prin­zi­pal be­schloß al­so, ihm ei­ne Chan­ce bei sich zu ge­ben, ob­wohl Har­ry Gross­man, der Ma­na­ger, strikt da­ge­gen war. Wäh­rend der Pro­ben und der ers­ten Auf­füh­rungs­mo­na­te war es wun­der­bar zu be­ob­ach­ten, wie der al­te Gu­thrie Boyd zu sich selbst fand, so als wä­re Sha­ke­s­pea­re ei­ne be­le­ben­de Me­di­zin für ihn.

Es mag tö­richt oder sen­ti­men­tal klin­gen, so et­was zu sa­gen, aber Sie ken­nen ja mei­ne Mei­nung, Sha­ke­s­pea­re sei für al­le und al­les gut. Ich weiß von kei­nem Schau­spie­ler, mich selbst aus­ge­nom­men, des­sen Cha­rak­ter nicht durch Sha­ke­s­pea­re ge­stärkt, des­sen Welt­bild durch ihn nicht er­wei­tert wor­den wä­re. Ich ha­be ge­hört, daß Gil­bert Us­her, be­vor er Sha­ke­s­pea­re-Dar­stel­ler wur­de, ein sehr ru­he­lo­ser, ehr­gei­zi­ger und kri­ti­scher Mann ge­we­sen sei, nicht oh­ne Bos­heit, aber Sha­ke­s­pea­re scheint ihn mil­de ge­stimmt zu ha­ben, wie er auch Props’ Phi­lo­so­phie ge­glät­tet und ihm ein Le­bens­ziel ge­wie­sen hat. In der Tat den­ke ich manch­mal, daß al­les, was das bri­ti­sche Volk an zi­vi­li­sier­ter Ge­las­sen­heit be­sitzt – die­ser klei­nen, aber durch­aus rea­len Fä­hig­keit, über sich selbst zu la­chen – haupt­säch­lich auf sein großes Glück zu­rück­zu­füh­ren ist, daß Wil­liam in ei­ner sei­ner Schau­spiel­trup­pen ge­bo­ren wor­den ist.

Aber ich woll­te ge­ra­de be­rich­ten, wie Gu­thrie Boyd ent­ge­gen un­ser al­ler Er­war­tun­gen in die­sen ers­ten Wo­chen er­staun­lich gut spiel­te, so daß wir kaum noch den Atem an­zu­hal­ten oder über ihn die Na­se zu rümp­fen brauch­ten. Sein Bru­tus war künst­le­risch aus­ge­wo­gen, sein Kent vor­treff­lich ge­lun­gen – die­se Rol­le lag ihm be­son­ders –, und re­gel­mä­ßig er­hielt er be­geis­ter­te Kri­ti­ken für sei­nen Geist in Ham­let. Ich glau­be, daß in all den Jah­ren des le­ben­den To­des, die er als Al­ko­ho­li­ker durch­lit­ten hat­te, in ihm ein tief emp­fun­de­nes Ver­ständ­nis für Ein­sam­keit und Ver­zweif­lung er­wacht war, das er, wahr­schein­lich un­be­wußt, bei der In­ter­pre­ta­ti­on die­ser klei­nen Rol­le mit großer Wir­kung ein­zu­set­zen wuß­te. Gu­thrie Boyd in der Rol­le des Geis­tes war wirk­lich ei­ne höchst ein­drucks­vol­le Ge­stalt, so­gar vom Äu­ße­ren her. Das Ko­stüm ist denk­bar ein­fach: ein großer, die gan­ze Fi­gur ein­hül­len­der Um­hang, der bis zum Bo­den reicht, dann ein mäch­ti­ger, schwer­fäl­li­ger Helm mit ei­ner win­zi­gen, bat­te­rie­be­trie­be­nen Lam­pe in sei­ner Spit­ze, um einen schwa­chen grün­li­chen Schim­mer auf die Ge­sichts­zü­ge des Geis­tes zu wer­fen, und über dem Helm einen grü­nen Schlei­er aus Nes­sel­tuch, der im Par­kett wie Ne­bel aus­sieht. Un­ter dem Um­hang trug er ei­ne Gar­ni­tur al­ter Büh­nen­waf­fen, aber das ist nicht wich­tig, denn im Not­fall kam er auch oh­ne sie aus.

Bis zu sei­nem Auf­tritt schal­te­te der Geist sein Helm­licht nicht an, aus Furcht, von ir­gend­ei­ner Ecke im Zu­schau­er­raum aus ge­se­hen zu wer­den; heu­te läßt er we­gen je­nes Aber­glau­bens, von dem ich be­reits ge­spro­chen habe, den Nes­sel­tuch­schlei­er erst in letz­ter Se­kun­de fal­len. Aber als Gu­thrie Boyd die Rol­le spiel­te, exis­tier­te die­ses Ver­bot noch nicht, und ich er­in­ne­re mich leb­haft dar­an, wie er in den Ku­lis­sen stand und auf sei­nen Auf­tritt war­te­te: ei­ne große, bä­ren­star­ke, rät­sel­haf­te Ge­stalt, so we­nig über­na­tür­lich wie ein bu­schi­ges, sie­ben Fuß ho­hes Im­mer­grün, das von ei­ner grau­en Per­sen­ning be­deckt war.

Aber wenn Gu­thrie das win­zi­ge Licht ein­schal­te­te, leise und ge­schmei­dig auf die Büh­ne trat und sei­ne hoh­le, leicht ge­quält klin­gen­de Stim­me er­hob, über­fiel al­le ein schreck­li­ches, grau­en­er­re­gen­des Schau­dern, das so­gar uns hin­ter der Büh­ne in sei­nen Bann schlug, als hör­ten wir Wor­te, die in Wirk­lich­keit über die schwar­zen, un­end­li­chen Golf­strö­me aus dem Jen­seits zu uns her­über­tön­ten.

Auf je­den Fall war Gu­thrie ein großer Geist und viel­leicht so­gar ein biß­chen bes­ser als in sei­nen an­de­ren Rol­len – zu­min­dest in die­sen ers­ten Wo­chen, als er noch nicht trank. Er schi­en sehr glück­lich über sein ge­lun­ge­nes Co­me­back zu sein, ob­wohl uns aus sei­nen Au­gen bis­wei­len ir­gend et­was Schwe­res und To­tes an­starr­te: Der al­te Al­ko­ho­li­ker frag­te sich of­fen­bar, was all die­ser er­mü­den­de, nüch­ter­ne Un­sinn ei­gent­lich zu be­deu­ten ha­be. Er freu­te sich ganz be­son­ders auf un­se­ren drei­tä­gi­gen Auf­ent­halt in Wol­ver­ton, der da­mals noch zwei Mo­na­te ent­fernt in der Zu­kunft lag. Der Grund war, daß sei­ne bei­den Kin­der, die in­zwi­schen na­tür­lich längst ver­hei­ra­tet wa­ren, in Wol­ver­ton leb­ten. Ich bin si­cher, daß er großen Wert dar­auf leg­te, ih­nen in ei­ge­ner Per­son sei­ne Re­ha­bi­li­ta­ti­on vor Au­gen zu füh­ren, in der Hoff­nung, auf die­se Wei­se ei­ne Ver­söh­nung her­bei­zu­füh­ren.

Aber dann kam sei­ne ers­te Vor­stel­lung als Othel­lo. (Der Prin­zi­pal, un­ser ei­gent­li­cher Star, spiel­te im­mer den Ja­go, ei­ne ge­nau­so große, aber eben nicht die Ti­tel­rol­le.) Gu­thrie war na­tür­lich schon zu alt für den Othel­lo, und au­ßer­dem stand es mit sei­ner Ge­sund­heit nicht zum Bes­ten – die Zeit des Trin­kens hat­te ih­ren Tri­but ge­for­dert, die Pro­ben­ar­beit und die ers­ten all­abend­li­chen Auf­trit­te in acht ver­schie­de­nen Stücken nach Jah­ren fern vom Thea­ter hat­ten ihn er­schöpft. Aber ir­gend­wie bro­del­te der al­te Vul­kan im­mer noch in ihm, und er gab sich al­le Mü­he, ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Auf­füh­rung zu­stan­de kommen zu las­sen. Am nächs­ten Mor­gen schwärm­ten die Zei­tungen von ihm, und ei­ne Be­spre­chung stell­te ihn so­gar über den Prin­zi­pal.

Das war es, un­glück­li­cher­wei­se. Die Glo­rie sei­nes Tri­um­phes war zu­viel für ihn. Am nächs­ten Abend – wie­der als Othel­lo – war er be­trun­ken wie ein Stink­tier. Zwar er­in­ner­te er sich noch der meis­ten sei­ner Ver­se, aber er ver­has­pel­te sich des öf­te­ren und tor­kel­te hin und her. Um nicht hin­zu­fal­len, stütz­te er sich mit schwe­rer Hand auf die Schul­tern sei­ner Mit­spie­ler, ja er ver­gaß so­gar wäh­rend der ers­ten zwei Ak­te, sei­ne falschen Zäh­ne ein­zu­set­zen, so daß sei­ne Stim­me brei­ig klang. Um das Maß voll zu ma­chen, be­gann er in der letz­ten Sze­ne noch, Ger­tru­de Grain­ger zu wür­gen, bis die be­reits bläu­lich an­ge­lau­fe­ne Des­de­mo­na, vom Pu­bli­kum un­ge­se­hen, ihm ein Knie in die Weich­tei­le stieß; dann, nach­dem er sich selbst er­sto­chen hat­te, warf er den Re­qui­si­ten­dolch hoch in die Luft, der in zwei trä­gen Um­dre­hun­gen wie­der her­un­ter­kam und in den Büh­nen­bret­tern ste­cken­blieb. Die stump­fe Dolch­spit­ze bohr­te sich tief in das wei­che Holz des Büh­nen­bo­dens, kei­ne drei Fuß von Mo­ni­ca ent­fernt, die Ja­gos Frau Emi­lia spiel­te und an die­sem Punkt des Dra­mas be­reits tot auf der Büh­ne lag, er­mor­det von ih­rem schur­ki­schen Gat­ten – und die wirk­lich tot hät­te sein kön­nen, wenn der Dolch nur ei­ner et­was an­de­ren Flug­bahn ge­folgt wä­re.

Da ei­ne drit­te Vor­stel­lung des Othel­lo für den fol­gen­den Abend an­ge­kün­digt war, hat­te der Prin­zi­pal kei­ne an­de­re Wahl, als Gu­thrie durch Fran­cis Far­ley Scott zu er­set­zen, der nach sei­ner ei­ge­nen An­sicht den Othel­lo oh­ne­hin bes­ser spiel­te und kaum sei­ne Be­frie­di­gung darüber un­ter­drücken konn­te, sei­ne an­ge­stamm­te Rol­le wieder zu­rück­ero­bert zu ha­ben. F.F. ein plüschwei­cher, las­ziv drein­bli­cken­der Mohr, spiel­te die Rol­le oh­ne ei­ne zu­sätz­li­che Pro­be in der Tat so gut, daß ein Kri­ti­ker, der die ers­te und drit­te Auf­füh­rung mit­ein­an­der ver­glich, be­wun­dernd an­merk­te, daß wir nach Be­lie­ben große Rol­len aus­tau­schen konn­ten. Er war of­fen­bar der Mei­nung, dies ge­schä­he al­lein aus dem Grun­de, un­se­re Vir­tuo­si­tät zu de­mons­trie­ren. Selbst­ver­ständ­lich las der Prin­zi­pal Gu­thrie die Le­vi­ten und schick­te ihn zu ei­nem Arzt, der ihm auch oh­ne Souf­fleur we­gen sei­nes Trin­kens und sei­nes schwa­chen Her­zens einen großen Schre­cken ein­jag­te. Gu­thrie hät­te sich si­cher­lich bald von sei­nem Rück­fall er­holt, wenn er nicht zwei Ta­ge spä­ter, als wir Ju­li­us Cae­sar spiel­ten, den Ent­schluß ge­faßt hät­te, sich mit ei­ner wahr­haft auf­rüt­teln­den Vor­stel­lung zu emp­feh­len. Er bell­te und grunz­te und roll­te mit den Au­gen wie in sei­ner bes­ten aus­tra­li­schen Schmie­ren­zeit. Sei­ne op­ti­mis­ti­sche Selbst­zu­frie­den­heit zwi­schen den Sze­nen war schreck­lich an­zu­se­hen. Ge­wiß, die Vor­stel­lung war gar nicht so schlecht, aber al­le Kri­ti­ker mach­ten ihn nie­der, und ei­ner von ih­nen sag­te so­gar: »Gu­thrie Boyd spiel­te Bru­tus – ein Bün­del von Vo­ka­len, in ei­ne To­ga ein­gehüllt.« Da­nach war Gu­thrie von mor­gens bis nachts be­sof­fen. Der Prin­zi­pal muß­te ihm den Bru­tus weg­neh­men, den wie­der F.F. spiel­te, aber er wä­re nicht der Prin­zi­pal ge­we­sen, wenn er ihn ganz fal­len­ge­las­sen hät­te. Er teil­te ihn für ei­ne Rei­he klei­ne­rer Rol­len in Othel­lo und Ju­li­us Cae­sar ein und über­trug mir und Joe Ru­bens und manch­mal auch Props die Auf­ga­be, den ar­men al­ten Trun­ken­bold im Au­ge zu be­hal­ten, um si­cher­zu­ge­hen, daß er ei­ne halbe Stun­de vor Be­ginn der Vor­stel­lung ins Thea­ter kam – wenn mög­lich, nicht all­zu be­sof­fen. Oft spiel­te er den Geist oder den Do­gen von Ve­ne­dig in sei­nen Stra­ßen­klei­dern un­ter dem Um­hang oder der Sam­tro­be, aber er spiel­te sie. Und es wa­ren vie­le Näch­te, in de­nen Joe und ich un­se­re Run­den durch die Hälf­te al­ler ört­li­chen Bars mach­ten, be­vor wir ihn end­lich auf­ga­bel­ten. Der Prin­zi­pal nann­te Joe Ru­bens und mich manch­mal spöt­tisch ›das ame­ri­ka­ni­sche Ele­ment‹ in sei­ner Trup­pe, aber gleich­zei­tig ver­ließ er sich auf uns: Ich ha­be ge­wiß nichts da­ge­gen, so ab­ge­stem­pelt zu wer­den, denn es ist ei­ne Freu­de, mit ihm zu ar­bei­ten.

All dies scheint mei­ner Fest­stel­lung zu wi­der­spre­chen, daß sich in die­ser Zeit die Stücke wie von selbst spiel­ten und Mo­no­to­nie sich aus­zu­brei­ten be­gann. Aber in ei­ner Thea­ter­trup­pe läuft im­mer ir­gend et­was schief, an­sons­ten gin­ge es nicht mit rech­ten Din­gen zu.

An­de­rer­seits führ­te sich Gu­thrie gar nicht mehr so schlimm auf, nach­dem er den Othel­lo und den Bru­tus vom Hals hat­te. Klei­ne­re Rol­len und so­gar den Kent konn­te er im­mer spie­len, ob er nun nüch­tern oder be­trun­ken war. Kö­nig Dun­can zum Bei­spiel und der Do­ge im Kauf­mann von Ve­ne­dig sind auch in be­trun­ke­nem Zu­stand noch leicht zu spie­len, weil der Schau­spie­ler im­mer ein paar Die­ner zur Sei­te hat, die sei­ne Schrit­te len­ken kön­nen, wenn er schwankt, und die ihn so­gar fest­hal­ten kön­nen, falls es nö­tig sein soll­te – was sich bis­wei­len als ein äu­ßerst dra­ma­ti­scher Ef­fekt her­aus­ge­stellt hat, der be­son­ders ge­eig­net ist, die Un­si­cher­heit des ho­hen Al­ters zu un­ter­strei­chen.

Und ir­gend­wie schaff­te es Gu­thrie auch wei­ter­hin, den Geist in ge­wohn­ter Meis­ter­schaft dar­zu­stel­len und da­für ge­le­gent­lich An­er­ken­nung zu fin­den. In der Tat be­stand Sy­bil Ja­me­son dar­auf, daß der stets be­trun­ke­ne Gu­thrie jetzt in der Rol­le des Geis­tes ei­ne Spur bes­ser sei. Und Gu­thrie selbst sprach un­ent­wegt von un­se­rem drei­tä­gi­gen Auf­ent­halt in Wol­ver­ton, ob­wohl sich jetzt eben­so oft dunkle Be­sorg­nis in die vä­ter­li­chen Er­war­tun­gen mischte. Nun, die­ser drei­tä­gi­ge Auf­ent­halt kam wirk­lich. Wir er­reich­ten Wol­ver­ton an ei­nem spiel­frei­en Tag. Zur Über­ra­schung der meis­ten von uns, aber be­son­ders zur Über­ra­schung Gu­thries, stan­den sein Sohn und sei­ne Toch­ter am Bahn­steig, um ihn mit ih­ren ent­spre­chen­den Gat­ten und al­len ih­ren Kin­dern und ei­ner großen Schar von Freun­den will­kom­men zu hei­ßen. Als sie ihn ent­deckt hat­ten, bra­chen sie in fre­ne­ti­sche Be­grü­ßungs­schreie aus.

Spä­ter fand ich her­aus, daß Sy­bil Ja­me­son, die Gu­thries Fa­mi­lie kann­te, al­le gu­ten Kri­ti­ken nach Wol­ver­ton ge­schickt hat­te, wes­we­gen sie ganz be­gie­rig dar­auf wa­ren, end­lich mit ihm Ver­söh­nung zu fei­ern und sich ihm ge­gen­über so lär­mend wie mög­lich zu be­neh­men. Als er die Ge­sich­ter sei­ner Kin­der und En­kel­kin­der sah und fest­stell­te, daß die Schreie ihm gal­ten, wur­de der al­te Gu­thrie ganz rot im Ge­sicht und strahl­te. Sie schar­ten sich um ihn und schlepp­ten ihn für einen Abend zum Fei­ern da­von.

Am nächs­ten Tag hör­te ich von Sy­bil, die sie mit­ge­nom­men hat­ten, daß al­les sehr schön ver­lau­fen sei. Er hat­te zwar wie ein Fisch ge­trun­ken, aber sich in be­wun­derns­wer­ter Wei­se un­ter Kon­trol­le ge­hal­ten. Nie­mand au­ßer ihr hat­te et­was be­merkt. Gu­thries Ver­söh­nung mit je­der­mann, voll­kom­men Frem­de ein­ge­schlos­sen, hat­te al­ler Her­zen er­wärmt. Sein Schwie­ger­sohn, ein streit­süch­ti­ger Kerl, war är­ger­lich ge­wor­den, als er hör­te, daß Gu­thrie am drit­ten Abend nicht mehr den Bru­tus spie­len durf­te, und er er­klär­te rund­her­aus, daß Gil­bert Us­her auf sei­nen präch­ti­gen Schwie­ger­va­ter ei­fer­süch­tig sei. Al­les war längst ver­ge­ben. Daß sie so­gar ver­sucht hat­ten, die al­te Sy­bil zu Gu­thrie ins Bett zu le­gen, mag der ro­man­ti­schen Vor­stel­lung ent­sprun­gen sein, je­der Schau­spie­ler müs­se selbst­ver­ständ­lich ei­ne Ge­lieb­te ha­ben. All das war na­tür­lich sehr schön für Gu­thrie und in ei­ner ge­wis­sen Wei­se auch für Sy­bil, doch ich ver­mu­te, daß nach zwei Mo­na­ten un­un­ter­bro­che­ner, kaum kon­trol­lier­ter Trun­ken­heit die nächt­li­che Aus­schwei­fung un­ge­fähr das Schlimms­te war, was man dem an­ge­grif­fe­nen Her­zen des auf­ge­dun­se­nen al­ten Jun­gen hät­te an­tun kön­nen.

Am ers­ten Abend be­glei­te­te ich Joe Ru­bens und Props zum Wol­ver­to­ner Thea­ter, um mich zu ver­ge­wis­sern, ob die Büh­nen­bil­der rich­tig auf­ge­stellt und die Ko­stüm­kisten al­le si­cher an­ge­kom­men und auf­be­wahrt wa­ren. Joe ist un­ser Büh­nen­meis­ter. Er war in sei­ner Ju­gend Pro­fi­bo­xer und hat seit­dem ei­ne ein­ge­schla­ge­ne Na­se. In der Mei­nung, daß ein Schau­spie­ler al­les wis­sen müs­se, hat­te ich ein­mal da­mit be­gon­nen, bei ihm Box­stun­den zu neh­men, aber wäh­rend der drit­ten Stun­de mar­schier­te ich in einen mat­ten rech­ten Ha­ken hin­ein, der mich zwar nicht di­rekt um­warf, aber ich hör­te noch sechs Stun­den spä­ter das leich­te Dröh­nen von Glo­cken in mei­nem Kopf. Das war das En­de mei­ner Kar­rie­re als Faust­kämp­fer. Joe ist da­ne­ben auch ein sehr an­pas­sungs­fä­hi­ger Schau­spie­ler; er schwärmt von sei­ner ei­ge­nen Ge­nia­li­tät, und in den Staa­ten kommt es oft vor, daß er wäh­rend des Weih­nachts­mo­nats in großen Kauf­häu­sern einen Job als Ni­ko­laus of­fe­riert be­kommt.

Das ›Mon­arch‹ – so hieß das Thea­ter, in dem wir spie­len soll­ten – war ein la­by­rin­thi­sches al­tes Ge­bäu­de, sehr fins­ter hin­ter der Büh­ne, aber mit ei­nem großen Ka­nin­chen­bau von schmut­zi­gen klei­nen Gar­de­ro­ben und so­gar ei­ner Re­qui­si­ten­kam­mer links von der Büh­ne, die wie ein L ge­formt ist. Ih­re lee­ren Re­ga­le wa­ren dick mit Staub be­deckt.

Jah­re­lang hat­te im ›Mon­arch‹ kei­ne Show mehr statt­ge­fun­den, wie ich den ver­gil­ben­den Pla­ka­ten ent­neh­men konn­te, die ich von den An­schlag­ta­feln her­un­ter­riß und durch ein ein­fa­ches: HEU­TE ABEND UM 8.30: HAM­LET er­setz­te. Und dann be­merk­te ich in dem kal­ten un­zu­läng­li­chen Licht ein paar win­zi­ge dunkle Schat­ten, die sich vom Hän­ge­bo­den her­ab­fal­len lie­ßen und in wei­ten schnel­len Krei­sen her­um­schweb­ten, auch in den Zu­schau­er­raum hin­aus, da der Vor­hang auf war. Fle­der­mäu­se, stell­te ich ent­setzt fest – das ›Mon­arch‹ war wirk­lich schon halb­wegs durch das Fried­hof­stor hin­durch. Die Fle­der­mäu­se wür­den recht gut zu Mac­beth pas­sen, ver­such­te ich mir ein­zu­re­den, aber we­ni­ger gut zum Kauf­mann von Ve­ne­dig, wäh­rend sie bei Ham­let we­der hilf­reich noch hin­der­lich sein wür­den, vor­aus­ge­setzt, sie lie­ßen sich nicht in nächt­li­chen Kampf­for­ma­tio­nen her­ab­fal­len; es wä­re doch sehr zu be­grü­ßen, wenn sie sich für die Dau­er der Geis­ters­ze­nen ru­hig ver­hiel­ten.

Ich bin si­cher, daß der Prin­zi­pal be­schlos­sen hat­te, in Wol­ver­ton mit Ham­let zu er­öff­nen, um Gu­thrie die bes­te Chan­ce für einen er­folg­rei­chen Ein­stand in der Hei­mat­stadt sei­ner Kin­der zu ge­ben.

»Es ist ein ziem­lich ver­wun­sche­nes Haus«, stell­te Billy Simp­son be­geis­tert fest. »Ich wet­te, die Mäd­chen wer­den ei­ni­ge sel­te­ne Geis­ter hier fin­den, wenn sie ihr Brett be­ar­bei­ten.«

Er konn­te zu die­sem Zeit­punkt nicht ah­nen, wie recht er da­mit hat­te. »Bru­ce!« rief Joe Ru­bens mir zu. »Wir soll­ten viel­leicht ein paar Rat­ten­fal­len kau­fen und im Thea­ter aus­le­gen. Et­was huscht dau­ernd hin­ter dem Vor­hang her­um.« Aber als ich am nächs­ten Abend ei­ne Stun­de vor Be­ginn der Vor­stel­lung durch die knar­ren­de, di­cke Me­tall­büh­nen­tür das ›Mon­arch‹ be­trat, war das Ge­bäu­de ge­fegt und ober­fläch­lich ge­rei­nigt wor­den. Die ›Ham­let‹-Ku­lis­sen sa­hen nicht mehr so düs­ter und schreck­lich aus, ob­wohl man den Vor­hang noch nicht her­un­ter­ge­las­sen hat­te und das Haus mit sei­nen lee­ren Sitz­rei­hen und den bei­den matt­grü­nen Lam­pen am Ausgang nur schwach be­leuch­tet war. Es gab noch ei­ne klei­ne Lam­pe an der Büh­nen­rampe rechts und ei­ne an­de­re Licht­quel­le auf der lin­ken Büh­nen­sei­te hin­ter den Ku­lis­sen. Nie­mand au­ßer mir war im Thea­ter.

Ich ging äu­ßerst be­hut­sam quer über die dunkle Büh­ne, um nicht über ein Ka­bel zu stol­pern. Wie­der spür­te ich je­nes elek­tri­sie­ren­de Ge­fühl, das mich so oft in ei­nem lee­ren Thea­ter am Abend vor ei­ner Auf­füh­rung be­fällt. Nur kam dies­mal ir­gend et­was hin­zu, das mir einen Schau­er über den Rücken jag­te. Ich glau­be, es war nicht so sehr der Ge­dan­ke an die Fle­der­mäu­se, die jetzt, für mich un­sicht­bar, über mei­nem Haupt schwe­ben konn­ten, ih­re fast un­hör­ba­ren schril­len Trom­pe­ten­schreie aus­sto­ßend, es war auch nicht der Ge­dan­ke an die Rat­ten, die mich, hin­ter Kis­ten und Platt­for­men ver­bor­gen, viel­leicht aus ih­ren Schlitzau­gen be­ob­ach­te­ten. Vor knapp ei­ner Stun­de hat­te mir Joe näm­lich ge­sagt, daß die von ihm noch letz­te Nacht auf­ge­stell­ten Fal­len heu­te leer ge­we­sen sei­en.

Nein, es war viel­mehr, als hät­ten sich al­le Ge­stal­ten Sha­ke­s­pea­res un­sicht­bar um mich ver­sam­melt. Ich stell­te mir Ro­sa­lin­de und Fal­staff und Pro­spe­ro vor, wie sie mich Arm in Arm lä­chelnd be­ob­ach­te­ten. Und Sei­te an Sei­te, aber oh­ne zu lä­cheln und auch nicht Arm in Arm: Mac­beth und Ja­go und Ri­chard III.

Ich schritt durch die ge­gen­über­lie­gen­den Ku­lis­sen, wo un­ter ei­nem trü­ben Licht Bil­ly Simp­son mit den ›Hamlet‹-Re­qui­si­ten an sei­nem Tisch saß: den Schä­deln, Flo­ret­ten, La­ter­nen, Geld­ta­schen, Ophe­li­as Blu­men und all dem an­de­ren Kram. Es war selt­sam, daß Props schon so früh al­les fer­tig hat­te, und ein we­nig selt­sam war auch, daß er al­lein war, denn Props hat die für einen Schau­spie­ler un­ge­wöhn­li­che Ei­gen­art, sich über­all Freun­de zu ma­chen. Bei ihm wa­ren Po­li­zis­ten, Blu­men­frau­en, Zei­tungs­jun­gen und Tramps, die sich als ar­me Schau­spie­ler aus­ga­ben, bes­tens auf­ge­ho­ben. Er lud sie so­gar zu sich hin­ter die Büh­ne ein – ein Bruch der Re­geln, den der Prin­zi­pal in­des er­laub­te, weil Props ein so sen­si­bler Kerl war. Er war ein großer Men­schen­freund, und vor al­lem ein Freund der ein­fa­chen Men­schen. Er hät­te einen gu­ten Schrift­stel­ler ab­ge­ge­ben, wenn man ein­mal von sei­nem her­vor­ste­chen­den Man­gel an dra­ma­ti­schem Flair und Er­zähl­ge­schick ab­sieht – er war viel zu weit­schwei­fig, was wohl mit sei­nem Be­ruf zu­sam­men­hing. Jetzt saß er über sei­nen Tisch ge­beugt in der Re­qui­si­ten­kam­mer mit den lee­ren Re­ga­len und starr­te mich höh­nisch an. Auf sei­ne ho­he Stirn fiel mat­tes Licht, sein spit­zes Kinn lag im Schat­ten und sei­ne großen Au­gen husch­ten zwi­schen Licht und Dun­kel un­ru­hig hin und her. Ge­wöhn­lich grüß­te er je­den so­fort, aber heu­te abend blieb er stumm, und das paß­te zu der Il­lu­si­on.

»Props«, sag­te ich, »durch die­ses Thea­ter weht ein über­na­tür­li­cher Hauch.« Sein Aus­druck blieb un­ver­än­dert, aber er zog fei­er­lich die Luft ein, warf sei­nen Kopf in den Nacken und streck­te sein spit­zes Kinn in das Licht, was die Il­lu­si­on im Nu zer­stör­te.

»Staub«, sag­te er dann. »Staub, al­ter Plüsch, Ku­lis­sen, Schweiß, Ge­la­ti­ne, Pu­der und ein leich­ter Ge­ruch nach Whis­ky. Aber das Über­na­tür­li­che … nein, ich kann es nicht rie­chen. Wenn nicht …« Und er schnüf­fel­te wie­der, schüt­tel­te aber sei­nen Kopf. Ich lä­chel­te über sei­nen Ma­te­ria­lis­mus. Der Hin­weis auf den Whis­ky schi­en aus der Luft ge­grif­fen zu sein, da ich nicht ge­trun­ken hat­te, Props nie­mals trank und Gu­thrie Boyd nir­gend­wo zu se­hen war. Props hat für sen­so­ri­sche De­tails ein un­fehl­ba­res Ge­dächt­nis, be­son­ders für Ein­zel­hei­ten, die auf mensch­li­che Ge­wohn­hei­ten schlie­ßen las­sen. Viel­leicht ist er des­halb so ver­ses­sen auf De­tails, weil er Sym­pa­thie für al­le Hoff­nun­gen und Schwä­chen der Men­schen emp­fin­det, so­gar für die tri­vi­als­ten, wie mei­ne selbst­süch­ti­ge Ver­narrt­heit in Mo­ni­ca.

»Ich mei­ne nicht einen wirk­li­chen Ge­ruch, Bil­ly«, sagte ich zu ihm, »aber ich füh­le und spü­re et­was, das heu­te nacht pas­sie­ren könn­te.« Er nick­te fei­er­lich. Bei ir­gend­ei­nem an­de­ren hät­te ich mich jetzt ge­fragt, ob er nicht ein we­nig be­trun­ken sei. Dann sag­te er: »Du warst auf der Büh­ne. Du weißt, die Science-Fic­ti­on-Schrift­stel­ler haben dort ei­ne Wet­te ver­lo­ren. Wir ha­ben be­reits jetzt Zeit­ma­schi­nen. Thea­ter. Thea­ter sind Zeit­ma­schi­nen und auch Raum­schif­fe. Sie neh­men die Leu­te auf Rei­sen durch die Zu­kunft und durch die Ver­gan­gen­heit und sonst­wo­hin mit – ja, und wenn sie es gut ge­nug ma­chen, dann ge­wäh­ren sie noch Ein­blick in Him­mel und Höl­le.«

Ich nick­te nach­sich­tig. Mit solch gro­tes­ken Fan­tasi­en ver­sucht Props der Ein­tö­nig­keit zu ent­flie­hen.

»Nun«, sag­te ich, »wir wol­len hof­fen, daß Gu­thrie an Bord des Raum­schif­fes kommt, be­vor sich der Vor­hang hebt. Wir müs­sen uns heu­te abend ganz dar­auf ver­las­sen, daß sei­ne Kin­der ver­nünf­tig ge­nug sind, ihn hier in­takt ab­zu­lie­fern. Was durch­aus nicht si­cher ist, wenn man Sy­bils Wor­ten über sie Glau­ben schen­ken darf.«

Props starr­te mich wie ei­ne Eu­le an und schüt­tel­te lang­sam sei­nen Kopf. »Gu­thrie ist vor zehn Mi­nu­ten hier ein­ge­trof­fen«, sag­te er, »und sah nicht be­trun­ke­ner aus als ge­wöhn­lich.«

»Das er­leich­tert mich«, sag­te ich und mein­te es auch so.

»Die Mäd­chen hal­ten ei­ne Oui­ja-Sit­zung ab«, fuhr er fort, als ob er da­zu aus­er­se­hen sei, über uns je­der­zeit Be­richt zu er­stat­ten. »Sie ha­ben ge­nau­so wie du das Über­na­tür­li­che hier ge­ro­chen, und sie be­fra­gen das Brett nach dem Na­men des Ver­bre­chers.« Dann bück­te er sich.

Ich nick­te. Der Licht­schein aus Ger­tru­de Grain­gers Gar­de­ro­be be­stärk­te mich dar­in, daß die Da­men dort am Oui­ja-Brett sa­ßen. Props tauch­te wie­der aus sei­ner gebück­ten Stel­lung auf und hielt ei­ne klei­ne Fla­sche Whisky in sei­ner Hand. Ich glau­be nicht, daß mich ein ge­la­de­ner Re­vol­ver so sehr ver­blüfft hät­te. Er öff­ne­te den Ver­schluß.

»Der Prin­zi­pal kommt ge­ra­de«, sag­te er ru­hig, als er die Büh­nen­tür knar­ren hör­te. »Jetzt sind be­reits sie­ben von uns im Thea­ter.« Lang­sam trank er einen großen Schluck Whis­ky und schraub­te dann die Fla­sche mit einer so na­tür­li­chen Hand­be­we­gung wie­der zu, als wür­de er all­abend­lich nichts an­de­res tun. Ich glotz­te ihn kom­men­tar­los an. Was er da ge­ra­de tat, war ganz ein­fach un­er­hört für Bil­ly Simp­son.

In die­sem Au­gen­blick ver­nahm ich einen schar­fen Schrei und das Klop­fen auf dün­nes Holz. Dann hör­te ich ir­gend et­was Me­tal­li­sches gel­lend her­un­ter­fal­len und has­ten­de Schrit­te. Ich lief so schnell ich konn­te zur Tür von Ger­tru­de Grain­gers Gar­de­ro­be, oh­ne mich dar­um zu küm­mern, ob ich in der Dun­kel­heit über Ka­bel stol­per­te.

Ich riß die Tür auf und sah beim hel­len Schein der Glüh­bir­nen, die den Spie­gel ein­rahm­ten, Ger­tru­de und Sy­bil eng zu­sam­men­sit­zend, das Oui­ja-Brett um­ge­stürzt vor ih­nen auf dem Bo­den. Blaß und mit star­rem Blick preß­te sich Mo­ni­ca an Ger­tru­des Ko­stü­me, die auf ei­nem Stän­der hin­gen, als woll­te sie sich hin­ter ih­nen ver­stecken. Sie schi­en mich nicht zu be­mer­ken. Das dun­kel­grü­ne, schwe­re Bro­kat­ko­stüm, das Ger­tru­de als Kö­ni­gin in Ham­let trägt, un­ter­strich Mo­ni­cas Bläs­se. Al­le drei tru­gen im­mer noch ih­re Stra­ßen­klei­dung.

Ich ging auf Mo­ni­ca zu, leg­te einen Arm um sie und er­griff ih­re Hand. Sie war kalt wie Eis. Mo­ni­ca stand er­starrt vor mir.

Wäh­rend­des­sen er­hob sich Ger­tru­de und er­klär­te in hoch­mü­ti­gen Tö­nen, was ich Ih­nen schon frü­her er­zählt ha­be: daß sie das Brett be­fragt hät­ten, wer der Geist sei, der heu­te nacht das ›Mon­arch‹ heim­su­chen wür­de, und daß die Plan­chet­te den Na­men Sha­ke­s­pea­res buch­sta­biert hät­te.

»Ich weiß nicht, warum dich das so auf­regt, mei­ne Lie­be«, füg­te sie mür­risch hin­zu. »Es ist doch nur na­tür­lich, wenn sein Geist die Vor­stel­lun­gen sei­ner Stücke be­sucht.«

Ich spür­te, wie sich der schlan­ke Kör­per in mei­nem Arm ein we­nig ent­spann­te. Das er­leich­ter­te mich. In mei­ner Ei­gen­sucht freu­te es mich so­gar, einen Arm um sie le­gen zu dür­fen, selbst un­ter so öf­fent­li­chen und we­nig amou­rö­sen Um­stän­den, wäh­rend zur glei­chen Zeit mein al­ber­ner Ver­stand et­was ganz an­de­res dach­te. Wenn Props mich nun be­lo­gen hät­te, als er sag­te, daß Gu­thrie nicht be­trun­ke­ner als ge­wöhn­lich im Thea­ter an­ge­kom­men sei (die­ser neue Props, der har­ten Whis­ky im Thea­ter trank, konn­te ja auch lü­gen, ver­mu­te­te ich) – warum konn­ten wir uns dann bei der heu­ti­gen Abend­auf­füh­rung nicht gleich Wil­liam Sha­ke­s­pea­res selbst be­die­nen. Schließ­lich war der Geist in Ham­let die ein­zi­ge Rol­le in all sei­nen Dra­men, die Sha­ke­s­pea­re höchst­per­sön­lich auf der Büh­ne ge­spielt ha­ben soll. »Ich weiß nicht, warum das jetzt ge­ra­de mir wie­der ge­schieht«, sag­te Mo­ni­ca plötz­lich, in­dem sie hef­tig ih­ren Kopf schüt­tel­te, als woll­te sie ihn wie­der klar be­kom­men. Schließ­lich er­kann­te sie mich und ver­such­te so­gleich, sich von mir zu lö­sen, ließ aber dann mei­nen Arm gnä­digst auf ih­rer Schul­ter lie­gen.

Die nächs­te Stim­me, wel­che sprach, war die des Prin­zi­pals. Er stand mit ei­nem leich­ten Lä­cheln im Tür­rah­men, Props blick­te über sei­ne Schul­ter. Der Prin­zi­pal sag­te sanft, wäh­rend ein selt­sa­mer Glanz in sei­nen Au­gen fla­cker­te: »Ich mei­ne, wir soll­ten uns da­mit be­gnü­gen, Sha­ke­s­pea­res Dra­men zu neu­em Le­ben zu er­we­cken, oh­ne uns über den Au­tor den Kopf zu zer­bre­chen. Es ist hart ge­nug, Sha­ke­s­pea­re zu spie­len.« Er ging mit sei­nen gra­zi­len, ganz na­tür­lich an­mu­ten­den Be­we­gun­gen einen Schritt nach vorn, ließ sich auf die Knie fal­len und hob das her­un­ter­ge­fal­le­ne Brett samt Plan­chet­te auf. »Auf al­le Fäl­le möch­te ich das Brett für heu­te in Ge­wahr­sam neh­men. Füh­len Sie sich jetzt et­was bes­ser, Miß Single­ton?« frag­te er, als er sich wie­der er­ho­ben hat­te.

»Ja, ganz gut«, ant­wor­te­te sie flüs­ternd, be­frei­te sich aus mei­nen Ar­men und ent­zog sich mir ziem­lich schnell.

Der Prin­zi­pal nick­te freund­lich. Ger­tru­de Grain­ger sah ihn kalt an und gab sich of­fen­bar al­le Mü­he, ihm nicht ei­ni­ge Ge­häs­sig­kei­ten ins Ge­sicht zu schleu­dern. Sy­bil Ja­me­son blick­te zu Bo­den. Sie sah be­stürzt und im höchs­ten Ma­ße ver­wirrt aus. Ich ver­ließ mit dem Prin­zi­pal die Gar­de­ro­be und er­zähl­te ihm, daß Gu­thrie Boyd laut Props heu­te schon sehr früh ins Thea­ter ge­kom­men sei. Im Au­gen­blick kam es mir ziem­lich al­bern vor, Props’ Auf­rich­tig­keit in Zwei­fel zu zie­hen, wenn­gleich die­ser Drink eben ein un­er­klär­li­ches Rät­sel blieb. Props sag­te noch, daß Gu­thrie et­was geis­tes­ab­we­send ge­wirkt ha­be, aber im­mer­hin war er hier.

Der Prin­zi­pal nick­te ob die­ser Nach­richt dank­bar mit dem Kopf, dann ließ er schnup­pernd sei­ne Na­se wan­dern und run­zel­te be­sorgt die Stirn. Ich war nicht si­cher, ob er die Al­ko­hol­fah­ne ge­ro­chen hat­te und jetzt ger­ne wis­sen woll­te, wem von uns bei­den sie ge­hör­te – viel­leicht ge­hör­te sie auch ei­ner der Da­men, und na­tür­lich ließ sich die Mög­lich­keit nicht aus­schlie­ßen, daß Gu­thrie vor kur­z­em hier vor­bei­ge­gan­gen war.

»Wür­den Sie bit­te für ei­ne Se­kun­de mit in mei­ne Gar­de­ro­be kom­men?« frag­te er mich.

In der An­nah­me, daß er mich für den Trun­ken­bold hielt, folg­te ich ihm und über­leg­te mir be­reits krampf­haft, was ich ihm ant­wor­ten soll­te – viel­leicht wä­re es am bes­ten, ein­fach schwei­gend sei­ne vä­ter­li­chen Er­mah­nun­gen über mich er­ge­hen zu las­sen –, aber als er dann die Lich­ter an­knips­te und ich die Tür ge­schlos­sen hat­te, war sei­ne ers­te Fra­ge: »Sie sind in Miß Single­ton ver­liebt, nicht wahr, Bru­ce?«

Als ich oh­ne zu zö­gern nick­te, so über­rum­pelt war ich, fuhr er mit sanf­ter, aber nach­drück­li­cher Stim­me fort: »Warum hö­ren Sie dann nicht auf, sich wie ein Narr zu be­neh­men? Ver­su­chen Sie doch end­lich, sie zu er­obern! Es mag den An­schein ha­ben, als dul­de ich kei­ne Lie­bes­af­fä­ren in mei­ner Trup­pe, aber in die­sem Fall scheint es mir doch die bes­te Lö­sung, mit die­sen Oui­ja-Sit­zun­gen Schluß zu ma­chen, die dem Mäd­chen sicht­lich scha­den.«

Ich ver­si­cher­te ihm grin­send, daß es mir ein Ver­gnü­gen sei, sei­nem Rat­schlag zu fol­gen, fest ent­schlos­sen, so­gleich die In­itia­ti­ve zu er­grei­fen.

Er grins­te zu­rück, warf das fa­ta­le In­stru­ment auf die Couch, doch dann hol­te er es wie­der und leg­te das Oui­ja sorg­fäl­tig auf sei­nen lan­gen Gar­de­ro­ben­tisch, be­vor er mir ei­ne zwei­te Fra­ge stell­te.

»Was hal­ten Sie von den Din­gen, die mit die­sem Brett ge­sche­hen, Bru­ce?«

»Nun ja«, ant­wor­te­te ich, »was zu­letzt ge­sch­ah, hat auch mich ei­ni­ger­ma­ßen er­schreckt – ich ver­mu­te …« Und dann er­zähl­te ich ihm, wie ich die Ge­gen­wart der Sha­ke­s­pea­re­schen Ge­stal­ten im Dun­keln zum Grei­fen na­he ge­spürt ha­be. »Aber das Gan­ze ist na­tür­lich blü­hen­der Un­sinn«, schloß ich und ver­such­te wie­der zu grin­sen.

Dies­mal grins­te er nicht zu­rück.

»Vor ei­ni­gen Wo­chen«, dräng­te es mich zu sa­gen, »be­ein­druck­te mich ei­ne ih­rer Ide­en, ob­wohl Sie selbst we­nig be­ein­druckt schie­nen. Ich hof­fe, Sie den­ken jetzt nicht, daß ich Ih­nen schmei­cheln will, Mr. Us­her. Ich spre­che von der Idee, daß Sie ei­ne Rein­kar­na­ti­on Wil­liam Sha­ke­s­pea­res sein könn­ten.«

Er lach­te hoch­er­freut. »Es ist doch klar«, sag­te er dar­auf­hin, »daß Sie den Un­ter­schied zwi­schen ei­nem Schau­spie­ler und ei­nem Dra­ma­ti­ker jetzt noch nicht ken­nen, Bru­ce. Sha­ke­s­pea­re, wie er sei­nen Kopf zu­rück­wirft, ro­man­tisch ein­her­stol­zie­rend, sein Schwert her­um­wir­belnd, Kör­per und Stim­me je­dem Ge­fühl an­pas­send, das man ihm ent­ge­gen­bringt? O nein! Ich ge­be zu, es ist durch­aus mög­lich, daß er den Geist ge­spielt hat – ei­ne Rol­le, die nicht mehr Ta­lent er­for­dert, als still­zu­ste­hen und wie aus dem Gra­be zu tö­nen.«

Lä­chelnd hielt er in­ne. »Nein«, fuhr er fort, »es gibt nur ei­ne Per­son in un­se­rer Trup­pe, die man sich als Rein­kar­na­ti­on Sha­ke­s­pea­res vor­stel­len könn­te – und das ist Bil­ly Simp­son. Ja, ich mei­ne Props. Er kann zu­hö­ren und weiß, wie man mit Men­schen um­geht und sich auf sie ein­stellt. Sein Geist ist wie ei­ne Rat­ten­fal­le, in der sich die ge­rings­te Re­gung, je­der Duft und je­des Ge­räusch des Le­bens fängt. Und er hat einen schar­fen ana­ly­ti­schen Ver­stand. Oh, er weiß, daß es ihm an poe­ti­schem Ta­lent man­gelt, aber ich bin nicht si­cher, ob ei­ne Rein­kar­na­ti­on Sha­ke­s­pea­res sehr poe­tisch sein wür­de. Ich glau­be viel­mehr, daß er min­des­tens ein Dut­zend Le­ben ge­braucht hat, um ge­nü­gend Ma­te­ri­al für ei­ne der Ge­stal­ten zu­sam­men­zu­be­kom­men, der er dra­ma­ti­sche Form gab. Emp­fin­den Sie die Vor­stel­lung von ei­nem stum­men, al­ler Glo­rie ent­klei­de­ten Sha­ke­s­pea­re nicht schmerz­lich, der sein gan­zes be­schei­de­nes Le­ben da­mit ver­bringt, den nö­ti­gen Stoff für ei­ne ein­zi­ge, dann al­ler­dings ein­zig­ar­ti­ge Ex­plo­si­on zu sam­meln? Den­ken Sie doch ein­mal dar­über nach. Ich ha­be mir schon Ge­dan­ken we­gen die­ser, wie ich mei­ne, fas­zi­nie­ren­den Vor­stel­lung ge­macht. Da­bei kris­tal­li­sier­te sich ganz na­tür­lich je­nes Ge­fühl her­aus, das mich im­mer be­fällt, wenn ich Bil­ly Simp­son hin­ter sei­nem Re­qui­si­ten­tisch be­ob­ach­te. Und dann hat Props ge­nau das hoch­stir­ni­ge Poe­ten-Leh­rer-Ge­sicht, das so sehr je­nem Ge­sicht Sha­ke­s­pea­res gleicht, wie wir es aus den post­hu­men Gra­phi­ken, Holz­schnit­ten und Por­träts ken­nen. Warum auch nicht – so­gar ih­re In­itia­len sind iden­tisch. Ein höchst son­der­ba­res und un­heim­li­ches Ge­fühl.«

Dann stell­te mir der Prin­zi­pal ei­ne drit­te Fra­ge: »Er hat heu­te abend ge­trun­ken, nicht wahr? Ich mei­ne Props, nicht Gu­thrie.«

Ich ant­wor­te­te nichts, aber mein Ge­sichts­aus­druck schi­en mich ver­ra­ten zu ha­ben – zu­min­dest bei ei­nem so ver­sier­ten Ken­ner mi­mi­scher Nu­an­cen wie dem Prin­zi­pal –, denn er sag­te lä­chelnd: »Des­halb brau­chen Sie nicht be­un­ru­higt zu sein. Ich bin ihm nicht bö­se. Ich er­in­ne­re mich nur an ei­ne an­de­re Ge­le­gen­heit, bei der sich Props im Thea­ter Mut an­trank, und da­für bin ich ihm noch heu­te dank­bar.« In sein schma­les Ge­sicht trat ein nach­denk­li­cher Aus­druck: »Es war lan­ge vor Ih­rer Zeit, um ge­nau zu sein, es war die ers­te Sai­son, in der ich mit ei­ner ei­ge­nen Trup­pe auf­trat. Ich hat­te nicht ein­mal ge­nug Geld, um die Pla­ka­te beim Dru­cker zu be­zah­len. Es war mehr als frag­lich, ob sich der Vor­hang zur ers­ten Auf­füh­rung he­ben wür­de. Mo­na­te­lang war die Si­tua­ti­on äu­ßerst kri­tisch. Dann, mit­ten in der Sai­son, be­gann uns auch noch das Pech zu ver­fol­gen – zwei Näch­te lang lag dich­ter Ne­bel über der Stadt, in der wir ge­ra­de spiel­ten, die Grip­pe gras­sier­te, und Har­vey Wil­kins Sha­ke­s­pea­re-Com­pa­ny war uns zwei Wo­chen vor­aus. Als wir in der nächs­ten Stadt spiel­ten, stell­te sich her­aus, daß der Vor­ver­kauf sehr zäh an­lief, kein Wun­der, mein Na­me war dort un­be­kannt, und das Thea­ter er­freu­te sich kei­ner großen Be­liebt­heit. Mir wur­de klar, daß ich die Trup­pe aus­be­zah­len muß­te, so­lan­ge über­haupt noch et­was Geld in der Kas­se war, da­mit mei­ne Schau­spie­ler nach Hau­se fah­ren konn­ten. In die­ser Nacht er­wi­sch­te ich Props beim Sau­fen, aber ich hat­te nicht das Herz, ihm des­we­gen Vor­wür­fe zu ma­chen – in der Tat glaub­te ich nicht, daß ich da­mals ir­gend je­man­den hät­te ta­deln kön­nen, mich selbst na­tür­lich aus­ge­nom­men, wenn er sich an die­sem Abend einen Rausch an­ge­trun­ken hät­te. Aber dann ka­men wäh­rend der Vor­stel­lung die Schau­spie­ler und Büh­nen­ar­bei­ter, die mit uns reis­ten, von sich aus zu mir in die Gar­de­ro­be und sag­ten, sie wür­den für wei­te­re zwei Wo­chen gern oh­ne Ga­ge ar­bei­ten, wenn ich der Mei­nung sei, daß wir auf die­se Wei­se un­se­re Ver­lus­te wie­der ein­spie­len könn­ten. Nun ja, ich nahm ihr An­ge­bot selbst­ver­ständ­lich an. Dann be­ka­men wir präch­ti­ges Wet­ter und fan­den ein paar Or­te, die nach Sha­ke­s­pea­re ge­ra­de­zu hun­ger­ten. Die Din­ge rück­ten wie­der ins rech­te Lot, und noch vor En­de der Spiel­zeit konn­te ich die fäl­li­gen Ga­gen aus­be­zah­len. Spä­ter ent­deck­te ich, daß Props sie zu die­sem Schritt über­re­det hat­te.«

Gil­bert Us­her blick­te mich aus feuch­ten Au­gen an, sei­ne Lip­pen zuck­ten: »Al­lein hät­te ich es nie­mals ge­schafft, denn mei­ne Trup­pe war in die­ser ers­ten Sai­son noch ziem­lich un­po­pu­lär. Au­ßer­dem hat­te ich die Schau­spie­ler viel zu hart an­ge­faßt und war un­fä­hig ge­we­sen, mei­nen Sar­kas­mus zu zü­geln. Auch hat­te ich da­mals noch nicht ge­lernt, je­man­den um Hil­fe zu bitten, als ich Hil­fe drin­gend nö­tig hat­te. Aber Bil­ly Simp­son tat, was in sei­ner Macht stand, ob­wohl er da­zu all sei­nen Mut zu­sam­men­neh­men muß­te. Sie wis­sen ja, daß er ge­wöhn­lich recht flink mit der Zun­ge ist, vor al­lem, wenn er freund­li­che Zu­hö­rer hat. Aber wenn ihm et­was Au­ßer­or­dent­li­ches ab­ver­langt wird, muß er sich of­fen­sicht­lich erst Mut antrin­ken. Ich fra­ge mich …«

Sei­ne Stim­me ver­stumm­te, er stell­te sich vor den Spie­gel, band sei­ne Kra­wat­te ab und sag­te brüsk: »Es ist bes­ser, Sie zie­hen sich jetzt um, Bru­ce. Und küm­mern Sie sich bit­te um Gu­thrie.«

Als ich die Ei­sen­stu­fen zu mei­ner Gar­de­ro­be hin­auf­eil­te und da­bei fast mit Ro­bert Den­nis zu­sam­men­ge­sto­ßen wä­re, schos­sen mir selt­sa­me Ge­dan­ken durch den Kopf. Kaum hat­te ich mich in das Ko­stüm des Gül­dens­tern ge­wor­fen, als Ro­bert zu mir kam, der den Laer­tes spiel­te und des­halb spä­ter auf­trat. Wenn Ham­let auf dem Spiel­plan stand, brauch­te er sich nicht be­son­ders zu be­ei­len. Im üb­ri­gen lag uns bei­den dar­an, so we­nig Zeit wie mög­lich in der Gar­de­ro­be zu ver­brin­gen.

Be­vor ich wie­der hin­un­ter­ging, sah ich noch ein­mal nach Gu­thrie Boyd, den ich je­doch nicht an­traf. Aber in sei­ner Gar­de­ro­be brann­te Licht, und ich konn­te dar­in nichts be­mer­ken, was zum Ko­stüm des Geis­tes ge­hör­te – un­mög­lich, den großen Helm zu über­se­hen! –, und so nahm ich an, daß er schon vor mir hin­un­ter­ge­gan­gen war.

Nur noch ei­ne hal­be Stun­de. Der Vor­hang war noch zu, aber im Zu­schau­er­raum brann­ten schon die Lich­ter, und auch die Büh­ne war jetzt hel­ler be­leuch­tet. Von der Trup­pe war kaum je­mand zu se­hen. Ich ent­deck­te Props, der auf sei­nem Stuhl hin­ter dem Re­qui­si­ten­tisch saß und ge­nau­so aus­sah wie im­mer – viel­leicht be­deu­te­te der Drink nur ei­ne vor­über­ge­hen­de Ent­glei­sung und nicht gleich­zei­tig ein alar­mie­ren­des Kri­sen­sym­ptom un­se­rer Trup­pe.

Nach Gu­thrie zu su­chen hielt ich für über­flüs­sig. Wenn er sich recht­zei­tig um­ge­klei­det hat, steht er meist ir­gend­wo in ei­ner dunklen Ecke und wünscht nichts sehn­li­cher, als al­lein ge­las­sen zu wer­den – mag sein, um noch einen Schluck zu trin­ken, das wird es sein, da liegt wohl der Hund be­gra­ben. Manch­mal be­sucht er dann auch Sy­bil in ih­rer Gar­de­ro­be.

Ich be­merk­te Mo­ni­ca, die auf ei­nem Kof­fer na­he dem Schalt­brett im hin­te­ren Teil des Büh­nen­raums saß, der in hel­les Licht ge­taucht war. Sie sah himm­lisch zart in ih­rer blon­den Ophe­lia-Pe­rücke aus, wie ein strah­len­der Früh­lings­tag, was ihr hell­grü­nes Ko­stüm al­ler­liebst be­ton­te. Ich er­in­ner­te mich mei­nes froh­ge­mu­ten Ver­spre­chens dem Prin­zi­pal ge­gen­über, beug­te mich zu ihr her­un­ter und frag­te sie in al­ler Of­fen­heit, was es mit dem Oui­ja-Brett nun wirk­lich auf sich ha­be.

Ehr­lich ge­sagt, ich war hoch­er­freut, daß es ne­ben dem Thea­ter­spie­len noch et­was gab, wor­über ich mit ihr spre­chen konn­te, oh­ne ihr auf die Ner­ven zu ge­hen.

Sie war sehr auf­ge­regt und zu­gleich selt­sam geis­tes­ab­we­send, ihr Blick irr­te un­ru­hig hin und her und ver­lor sich in der Fer­ne, um gleich dar­auf wie­der ganz nah zu sein. Mei­ne Fra­gen brach­ten sie nicht aus der Fas­sung, in Wirk­lich­keit schie­nen sie ihr ganz will­kom­men zu sein; an­de­rer­seits moch­te sie mir nicht ver­ra­ten, warum sie der letz­te Na­me auf dem Brett so er­schreckt hat­te. Sie sei in einen tran­ce­ar­ti­gen Zu­stand ver­fal­len, wäh­rend sie das Brett be­frag­te, und dann hät­te sie plötz­lich laut auf­ge­schri­en, oh­ne rich­tig zu be­grei­fen, was sie nun ei­gent­lich so ent­setzt ha­be. Was dann ge­sche­hen sei, wis­se sie nicht mehr.

»Ei­nes weiß ich aber si­cher, Bru­ce: Ich wer­de das Brett nie mehr zu Ra­te zie­hen.«

»Das klingt sehr ver­nünf­tig«, sag­te ich et­was zu­rück­hal­tend, da­mit sie nicht merk­te, wie sehr mich das freu­te. In­zwi­schen hat­te sie auch auf­ge­hört, mit ih­ren Bli­cken das Dun­kel zu durch­boh­ren, als könn­te je­den Au­gen­blick ei­ne Ge­stalt dar­aus auf­tau­chen, die nicht in das Stück ge­hör­te und hin­ter der Büh­ne nichts zu su­chen hat­te.

»Vie­len Dank«, sag­te sie, ih­re Hand auf die mei­ne le­gend, »daß Sie so schnell ge­kom­men sind. Ich weiß, ich ha­be mich idio­tisch be­nom­men.« Ich war ge­ra­de im Be­griff, die Ge­le­gen­heit beim Schopf zu pa­cken und ihr zu ge­ste­hen, daß ich in mei­ner Ver­liebt­heit ein­zig und al­lein ih­ret­we­gen so schnell her­bei­ge­eilt sei, aber in die­sem Au­gen­blick ka­men Joe Ru­bens und der Prin­zi­pal, der be­reits das ›Ham­let‹-Schwarz an­ge­legt hat­te, um mir mit­zu­tei­len, daß man we­der Gu­thrie Boyd noch sein Ko­stüm ir­gend­wo im Thea­ter ha­be fin­den kön­nen.

Joe hat­te von Sy­bil die Te­le­fon­num­mern von Gu­thries Kin­dern er­fah­ren und ver­such­te sie jetzt an­zu­ru­fen. Bei der ers­ten Num­mer, die er wähl­te, mel­de­te sich nie­mand, aber bei der zwei­ten hat­te er mehr Glück. Ei­ne weib­li­che Stim­me, wahr­schein­lich ei­nes der En­kel­kin­der, teil­te ihm mit, daß al­le zu Gu­thrie Boyd in Ham­let ge­gan­gen sei­en.

Da Joe be­reits sei­ne schwe­re Pan­zer­rüs­tung für den Mar­cel­lus trug, wuß­te ich, daß der Prin­zi­pal mich aus­er­se­hen hat­te. Al­so rann­te ich die Trep­pe hin­auf, setz­te mei­nen Hut auf, zog mei­nen Man­tel an, warf einen flüch­ti­gen Blick auf mei­ne Arm­band­uhr und ver­ließ das Thea­ter, vor­bei an Ro­bert Den­nis, der den wah­ren Grund mei­ner Missi­on durch­schau­te und mir riet, es zu­erst in den schä­bi­gen Bars zu ver­su­chen. Auf mei­nem Weg durch die in der Nä­he des Thea­ters ge­le­ge­nen Bars trös­te­te mich der Ge­dan­ke, daß nie­mand einen Blick auf mein ei­ge­nes Ko­stüm wer­fen wür­de, wenn ich den be­sof­fe­nen Geist von Ham­lets Va­ter tat­säch­lich fin­den soll­te. Kurz vor Be­ginn der Vor­stel­lung kam ich ins Thea­ter zu­rück. Ich war we­der Gu­thrie noch ir­gend­ei­ner Men­schen­see­le be­geg­net, die den großen Mann ge­se­hen hät­te, iri­schen Whis­ky sau­fend, an­ge­tan mit ei­nem Win­ter­man­tel, in der Hand al­te Waf­fen und auf dem Helm ein grü­nes Licht, das einen geis­ter­haf­ten Schim­mer auf sein Ge­sicht warf.

Jen­seits der Ram­pe ver­klang die Ou­ver­tü­re in ei­nem düs­te­ren Fi­na­le. Die Büh­ne war voll­kom­men dun­kel. Auf der Sei­te, wo der Geist auf- und ab­tritt, stritt man sich flüs­ternd. Noch im Hut und Man­tel rann­te ich quer über die Büh­ne, vor­bei an den matt­blau an­ge­strahl­ten Zin­nen von Hel­sin­gör, und traf auf den Prin­zi­pal, ne­ben dem Joe Ru­bens und John Mc­Car­thy stan­den. Letz­te­rer war of­fen­sicht­lich be­reit, als Geist auf der Büh­ne auf­zu­tre­ten, denn er trug über sei­ner For­tin­bras-Rüs­tung einen schwar­zen Um­hang und grü­ne Schlei­er.

Nicht weit von ih­nen ent­fernt stand Fran­cis Far­ley Scott in ei­nem ähn­li­chen Auf­zug, oh­ne Rüs­tung, aber in einen Um­hang ge­klei­det, der weit ge­nug war, um dar­un­ter sein Kö­nigs­ko­stüm zu ver­ber­gen, auf dem Kopf einen Helm, der noch be­ein­dru­cken­der war als der Johns.

Ih­re Ge­stal­ten ho­ben sich dun­kel vor den bläu­li­chen Ku­lis­sen des Schlos­ses Hel­sin­gör ab. Wir fünf wa­ren die ein­zi­gen auf die­ser Sei­te der Büh­ne. F.F. fleh­te ges­ti­ku­lie­rend um die Er­laub­nis, so­wohl den Geist als auch den Kö­nig Clau­di­us spie­len zu dür­fen, da er die Rol­le bes­ser be­herr­sche als John und, was wohl das wich­tigs­te war, Gu­thries Stim­me per­fekt ge­nug nach­ah­men kön­ne, um so­gar des­sen Kin­der zu täu­schen und auf die­se Wei­se viel­leicht ih­re Il­lu­sio­nen über ih­ren Va­ter zu be­wah­ren. Sy­bil hat­te durch ein Loch im Vor­hang ge­späht und al­le ge­se­hen, die ges­tern abend da­bei­ge­we­sen wa­ren. Gu­thries Kin­der und ih­re Freun­de und Be­kann­ten hiel­ten die gan­ze zwei­te, drit­te und vier­te Rei­he im Par­kett be­setzt, un­ge­niert plau­dernd und strah­lend vor Be­geis­te­rung und Auf­re­gung.

Es ist nicht über­trie­ben, wenn ich be­haup­te, daß der Prin­zi­pal sehr auf­ge­bracht über F.F. war, aber auch et­was ge­rührt, was den letz­ten Teil sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on be­traf. Mit sen­ti­men­tal-he­ro­i­schen Er­klä­run­gen die­ser Art pfleg­te F.F. oft sei­nen un­still­ba­ren Hun­ger nach per­sön­li­chem Ruhm zu ka­schie­ren. Wahr­schein­lich glaub­te er so­gar, was er sag­te.

John Mc­Car­thy füg­te sich be­reit­wil­lig den An­ord­nun­gen des Prin­zi­pals. Er ist ein Schau­spie­ler, der sich um in­ne­re Drang­sa­le nichts schert, es sei denn, es han­delt sich dar­um, ge­nau buch­zu­füh­ren über die Stun­den sei­nes Schla­fes und über je­den Pen­ny, den er aus­gibt. Auf der Büh­ne in­des kann John mit na­tür­li­cher Leich­tig­keit Ge­füh­le ver­kör­pern, die er an­sons­ten zu füh­len voll­kom­men au­ßer­stan­de ist.

Der Prin­zi­pal brach­te F.F. mit ei­ner ener­gi­schen Ges­te zum Schwei­gen und schick­te sich ge­ra­de an, einen Ent­schluß zu fas­sen, als ich ei­ne sechs­te Per­son in den Ku­lis­sen na­he un­se­rer Grup­pe ste­hen sah, ei­ne schwar­ze Ge­stalt, die aus­sah wie ein in Se­gel­tuch ge­wi­ckel­ter Christ­baum, mit ei­nem großen Helm auf dem Kopf, der trotz des Schlei­ers dar­über kei­nen Zwei­fel an sei­ner Be­stim­mung zuließ. Ich pack­te den Prin­zi­pal am Arm und deu­te­te stumm auf die Fi­gur. Die­ser stieß einen der­ben Fluch aus, ging auf die Fi­gur zu und sag­te, sich ver­le­gen räus­pernd: »Gu­thrie, du al­ter Hun­de­sohn, kannst du denn über­haupt noch auf­tre­ten?«

Die Fi­gur grunz­te be­stä­ti­gend.

Joe Ru­bens zog ei­ne Gri­mas­se, die so­viel wie ›Show Busi­neß‹ be­deu­te­te, dann griff er sich einen Speer vom Gar­de­ro­ben­tisch und eil­te, kurz be­vor sich der Vor­hang hob, quer über die Büh­ne, um sei­nen Auf­tritt als Mar­cel­lus nicht zu ver­säu­men. Die ers­ten Ver­se des Dra­mas er­tön­ten, zu­erst noch et­was laut, aber at­mo­sphä­risch wun­der­bar dicht, dann lei­ser, be­klem­men­der:

»Wer da?«

»Nein, mir ant­wor­tet: steht und gebt Euch kund.«

»Lang le­be der Kö­nig!«

»Ber­nar­do?«

»Er selbst.«

»Ihr kommt ge­wis­sen­haft auf Eu­re Stun­de.«

»Es schlug schon zwölf; mach dich zu Bett, Fran­cis­co.«

»Dank für die Ab­lö­sung! ‘s ist bit­ter kalt, und mir ist schlimm zu­mut.«

»War Eu­re Wa­che ru­hig?«

»Al­les mau­se­still.«

Mit ei­nem re­si­gnie­ren­den Schul­ter­zu­cken setz­te sich John Mc­Car­thy nie­der. F.F. tat das­sel­be, al­ler­dings mit ei­ner ganz an­de­ren Ges­te: ver­bit­tert ball­te er die Fäus­te. Die Sze­ne war sehr ko­misch. Zwei Geis­ter sa­ßen in den Ku­lis­sen und be­ob­ach­te­ten einen drit­ten Geist, der auf sei­nen Auf­tritt war­te­te. Ich knöpf­te mei­nen Man­tel auf, zog ihn aus und hing ihn über mei­nen lin­ken Arm.

Die bei­den ers­ten Er­schei­nun­gen des Geis­tes sind völ­lig stumm. Er be­tritt die Büh­ne, zeigt sich den Sol­da­ten und verschwin­det wie­der. Den­noch ap­plau­dier­te das Pu­bli­kum – die zwei­te, drit­te und vier­te Rei­he, so schi­en es, grüß­te ih­ren pa­tri­ar­cha­li­schen Hel­den. Gu­thrie fiel nicht zu Bo­den, ja, er ging so­gar auf­recht, was viel­leicht auf den Ap­plaus zu­rück­zu­füh­ren war.

Au­ßer­ge­wöhn­lich war ein­zig die Tat­sa­che, daß er ver­ges­sen hat­te, das klei­ne grü­ne Licht in sei­nem Helm an­zu­schal­ten. Aber das war ei­ne Nach­läs­sig­keit, die bei sei­nem ers­ten Auf­tritt nicht ins Ge­wicht fiel. Als er wie­der ab­trat und sich in ei­ne dunkle Büh­nen­e­cke ver­zie­hen woll­te, rann­te ich zu ihm hin­über und flüs­ter­te ihm zu, daß sei­ne Lam­pe nicht brann­te. Durch den un­durch­sich­ti­gen grü­nen Schlei­er schlug mir als Ant­wort ei­ne Whis­kyfah­ne ent­ge­gen, an­sons­ten gab er mir grun­zend zu er­ken­nen, daß er es ers­tens be­reits wuß­te, daß die Lam­pe zwei­tens noch funk­tio­nier­te und daß er sich drit­tens dar­an er­in­nern wür­de, sie beim nächs­ten Ma­le an­zu­schal­ten.

Nach die­sem Auf­tritt schlich ich über die Büh­ne, wo ge­ra­de die Sze­ne im Staats­zim­mer des Schlos­ses ein­gerich­tet wur­de. Joe Ru­bens hielt mich fest und sag­te, Guthries Lam­pe sei nicht ein­ge­schal­tet ge­we­sen, wor­auf ich ihm ent­geg­ne­te, daß ich Gu­thrie schon dar­auf auf­merk­sam ge­macht hät­te.

»Wo, um Him­mels­wil­len, hat er sich denn die gan­ze Zeit über rum­ge­trie­ben?«

»Ich weiß es nicht.«

In der zwei­ten Sze­ne trat F.F. der sich in­zwi­schen der Geis­te­ru­ten­si­li­en ent­le­digt hat­te, als Kö­nig auf, ei­ne Rolle, die er fast im­mer spiel­te, sei­ne bes­te üb­ri­gens. Ger­tru­de Grain­ger als Kö­ni­gin wirk­te ne­ben ihm sehr ma­je­stä­tisch. Zag­haft rühr­te sich wie­der et­was Ap­plaus, denn un­ser Prin­zi­pal be­trat im schwar­zen ›Ham­let‹-Wams die Bühne, um un­ge­fähr zum sie­ben­hun­derts­ten Ma­le Sha­ke­s­pea­res längs­te und größ­te Rol­le zu spie­len. Mo­ni­ca, die im­mer noch auf ih­rem Kof­fer na­he dem Schalt­pult saß, sah un­ter ih­rem Ma­ke-up blas­ser denn je aus. Ich fal­te­te mei­nen Man­tel zu­sam­men und be­deu­te­te ihr wort­los, ihn als Kis­sen zu be­nut­zen. Dann setz­te ich mich ne­ben sie, sie nahm mei­ne Hand, und so ver­folg­ten wir das Spiel vor den Ku­lis­sen.

»Füh­len Sie sich bes­ser?« frag­te ich sie nach ei­ner Wei­le flüs­ternd. Sie schüt­tel­te den Kopf. Dann beug­te sie sich zu mir her­über, wo­bei ihr Mund fast mein Ohr be­rühr­te, und wis­per­te ganz auf­ge­regt: »Bru­ce, ich ha­be Angst. Die­ses Thea­ter ist nicht ganz ge­heu­er. Ich glau­be ein­fach nicht, daß es Gu­thrie war, der den Geist ge­spielt hat.«

»Na­tür­lich war er es«, flüs­ter­te ich zu­rück. »Ich ha­be ja mit ihm ge­spro­chen.«

»Ha­ben Sie sein Ge­sicht ge­se­hen?« frag­te sie.

»Nein, aber ich konn­te sei­ne Fah­ne rie­chen!« Dann er­zähl­te ich ihr die Sa­che mit der Helm­lam­pe und fuhr fort: »Fran­cis und John hat­ten sich bei­de schon als Geis­ter ver­klei­det, als plötz­lich Gu­thrie er­schi­en. Mag sein, daß Sie einen von ih­nen ge­se­hen ha­ben, be­vor die Sze­ne be­gann, und das brach­te Sie auf die Idee, je­mand an­de­rer als Gu­thrie sei auf­ge­tre­ten.«

Sy­bil Ja­me­son sah an­kla­gend zu mir her­über, weil ich of­fen­bar zu laut ge­spro­chen hat­te. Dar­auf­hin kam Mo­nica noch nä­her mit ih­rem Mund her­an, so daß ih­re Lip­pen fast mein Ohr be­rühr­ten.

»Ich ha­be nichts da­ge­gen, wenn je­mand an­de­rer den Geist spielt«, flüs­ter­te sie kaum hör­bar, »wirk­lich nicht, Bru­ce, aber in die­sem Thea­ter geht et­was um …«

»Sie soll­ten die­sen Oui­ja-Un­sinn ver­ges­sen«, sag­te ich ein we­nig zu scharf. »Ste­hen Sie jetzt bit­te auf«, füg­te ich noch schnell hin­zu, denn der Vor­hang ging eben über der zwei­ten Sze­ne nie­der; es war höchs­te Zeit für Mo­ni­ca, de­ren Auf­tritt mit Laer­tes und Po­lo­ni­us un­mit­tel­bar be­vor­stand.

Ich war­te­te, bis sie auf der Büh­ne war und ih­re ers­ten Ver­se ge­spro­chen hat­te. Ob­wohl ich si­cher war, daß ihr ih­re über­reiz­ten Ner­ven einen Streich ge­spielt hat­ten, lie­ßen mich ih­re un­heim­li­chen Be­ob­ach­tun­gen er­schau­ern. Was mich wie­der­um auf den Ge­dan­ken brach­te, noch ein­mal mit Gu­thrie zu spre­chen und mir sein Ge­sicht an­zu­se­hen. Wäh­rend ich äu­ßerst be­hut­sam ging, da­mit sich der Vor­hang nicht bausch­te, ließ mich plötz­lich ei­ne Sze­ne vor Ver­blüf­fung sprach­los in­ne­hal­ten, die ich schon ein­mal ge­se­hen hat­te, als ich von mei­nem Gang durch die Bars zu­rück­ge­kom­men war. Nur war die Büh­ne jetzt hell er­leuch­tet. Props saß hin­ter sei­nem Re­qui­si­ten­tisch und be­ob­ach­te­te al­les sehr auf­merk­sam. Hin­ter ihm sah ich wie­der Fran­cis Far­ley Scott und John Mc­Car­thy in ih­ren im­pro­vi­sier­ten Geist-Ko­stü­men, und bei ih­nen stan­den wie­der der Prin­zi­pal und Joe, al­le in einen hef­ti­gen, nur für Lip­pen­le­ser ver­ständ­li­chen Streit ver­wi­ckelt, der dies­mal aber viel has­ti­ger aus­ge­tra­gen wur­de.

Es wur­de mir schnell klar, daß Gu­thrie wie­der ver­schwun­den sein muß­te. Als ich auf die Strei­ten­den zu­ging, schoß mir der al­ber­ne Ge­dan­ke durch den Kopf, daß Gu­thrie letzt­end­lich doch noch das Loch ent­deckt ha­ben könn­te, durch das je­der Al­ko­ho­li­ker lie­bend gern ver­schwin­den wür­de, um die Pau­sen zwi­schen den lei­der nun ein­mal not­wen­di­gen Auf­trit­ten in der re­el­len Welt trin­kend aus­zu­fül­len.

Plötz­lich rann­te Do­nald Tryer, un­ser Ho­ra­tio, an mir vor­bei auf den Prin­zi­pal zu und teil­te ihm keu­chend mit, daß er Gu­thrie we­der in ei­ner Gar­de­ro­be noch sonst ir­gend­wo im Büh­nen­raum auf­stö­bern könn­te.

In die­sem Au­gen­blick fiel der Vor­hang. Die Ku­lis­sen, vor de­nen Ophe­lia und die an­de­ren agiert hat­ten, wur­den hoch­ge­zo­gen und ga­ben den Blick auf die Zin­nen Hel­sin­görs wie­der frei. Die hel­le Be­leuch­tung wur­de auf das mit­ter­nächt­li­che Blau der ers­ten Sze­ne her­ab­ge­dämpft, so daß man mo­men­tan fast über­haupt nichts er­ken­nen konnte. Ich hör­te den Prin­zi­pal mit größ­tem Nach­druck sa­gen: »Sie spie­len den Geist.« Dann has­te­ten er und Joe und Don auf ih­re Plät­ze, um sich für ih­ren ei­ge­nen Auf­tritt be­reit­zu­hal­ten. Se­kun­den spä­ter ging der Vor­hang trä­ge zi­schend in die Hö­he, und ich hör­te den Prin­zi­pal mit voll­tö­nen­der Stim­me re­zi­tie­ren:

»Die Luft geht scharf, es ist ent­setz­lich kalt.«

Dann Don als Ho­ra­tio:

»‘s ist ei­ne schnei­den­de und stren­ge Luft.«

In­zwi­schen hat­ten sich mei­ne Au­gen an das Dun­kel ge­wöhnt, und ich sah Fran­cis Far­ley Scott und John Mc­Car­thy Sei­te an Sei­te in der Ku­lis­se, durch die der Geist auf die Büh­ne tritt. Sie schie­nen noch im­mer zu strei­ten, denn je­der der bei­den bil­de­te sich ein, der Prin­zi­pal hät­te in der Dun­kel­heit auf ihn ge­deu­tet. Was F.F. be­traf, so war es na­tür­lich je­der­zeit mög­lich, daß er sich nur die­sen An­schein gab. Die Vor­stel­lung von Zwil­lings­geis­tern, die Arm in Arm die Büh­ne be­tre­ten, droh­te mei­nen über­reiz­ten, für Ko­mik sehr emp­find­li­chen Ver­stand ins Schleu­dern zu brin­gen. Dann tauch­te hin­ter ih­nen je­doch wie­der die mäch­ti­ge Ge­stalt mit ver­schlei­er­tem Helm auf – die Ge­schich­te wie­der­holt sich eben. Auch Scott und Mc­Car­thy muß­ten sie ge­se­hen ha­ben, denn sie blie­ben ab­rupt ste­hen, be­vor ich mit mei­ner Hand die Schul­ter des drit­ten Geis­tes be­rüh­ren konn­te. »Gu­thrie, sind Sie in Ord­nung?« frag­te ich flüs­ternd. Ich weiß, man darf einen Schau­spie­ler vor sei­nem Auf­tritt nicht er­schre­cken, es war sehr tö­richt von mir, aber die Er­in­ne­rung an Mo­ni­cas pa­ni­sche Angst und die ban­ge Fra­ge, wo Gu­thrie sich wohl ver­steckt hat­te, mach­ten mich völ­lig kopf­los.

In die­sem Au­gen­blick hör­te ich die Stim­me Ho­ra­ti­os:

»O seht, mein Prinz, er kommt.«

Gu­thrie ent­zog sich so­gleich mei­nem leich­ten Griff, trat auf die Büh­ne, oh­ne sich auch nur um­zu­dre­hen – und ließ mich schau­dernd zu­rück. Denn bei der Be­rüh­rung sei­nes rau­hen, steif­lei­ner­nen Man­tels hat­te ich an­stel­le von Gu­thries brei­ten Schul­tern nur et­was Kör­per­lo­ses ge­spürt. Ich ver­such­te mir ein­zu­re­den, daß es an Gu­thries Um­hang ge­le­gen ha­ben kön­ne, der bei je­der Be­we­gung ein we­nig von sei­nen Schul­tern weg­stand. Ir­gend et­was in die­ser Art muß­te ich mir ja ein­re­den. Dann dreh­te ich mich um. John Mc­Car­thy und F.F. stan­den vor dem Gar­de­ro­ben­tisch, zwei dunkle Ge­stal­ten, die mir einen neu­en Schreck ver­setz­ten, was wohl auf mei­ne über­spann­ten Ner­ven zu­rück­zu­füh­ren war. Hin­ter den Ku­lis­sen ver­bor­gen be­ob­ach­te­te ich das Ge­sche­hen auf der Büh­ne.

Der Prin­zi­pal lag auf den Kni­en, wäh­rend er sei­nen De­gen mit dem Heft nach oben wie ein Kreuz hielt und sei­ne lan­ge Re­de be­gann:

»En­gel und Bo­ten Got­tes, steht uns bei!« …

Und na­tür­lich hat­te der Geist sei­nen Um­hang so eng um sich ge­schlun­gen, daß man nicht se­hen konn­te, was dar­un­ter ver­bor­gen war. Das klei­ne grü­ne Licht in sei­nem Helm war noch im­mer nicht ein­ge­schal­tet. Für mich war es schreck­lich, daß der klei­ne thea­tra­li­sche Ef­fekt bei der heu­ti­gen Vor­stel­lung fehl­te, weil ich mir nichts sehn­li­cher wünsch­te, als Gu­thries ver­wüs­te­tes al­tes Ge­sicht zu se­hen, um end­lich Ge­wiß­heit zu er­lan­gen. Gleich­zei­tig nis­te­te in mei­ner al­ber­nen Fan­ta­sie die bi­zar­re Vor­stel­lung, wie Gu­thries streit­süch­ti­ger Schwie­ger­sohn ver­är­gert die um ihn Ver­sam­mel­ten an­zisch­te, daß Gil­bert Us­her so ei­fer­süch­tig auf sei­nen Schwie­ger­va­ter sei, daß er ihm nicht ein­mal er­lau­be, sein Ge­sicht auf der Büh­ne zu zei­gen.

In der fol­gen­den Sze­ne, wo der Geist al­lein mit Ham­let auf der Büh­ne ist, herrsch­te fünf Se­kun­den lang voll­kom­me­ne Fins­ter­nis. Erst dann sprach der Geist sei­ne ers­ten Ver­se:

»Hör an!«

Und:

»Schon naht sich mei­ne Stun­de,/Da ich den schwef­li­gen, qual­vol­len Flam­men/Mich über­ge­ben muß.«

Falls ir­gend je­mand von uns be­fürch­tet hat­te, der Geist kön­ne sei­nen Text ver­ges­sen ha­ben oder sei so be­trun­ken, daß er nur noch lall­te, so wa­ren die­se Sor­gen im Nu ver­flo­gen. Die Ver­se wur­den mit größ­ter Au­to­ri­tät und Wir­kung ge­spro­chen. Ich war ziem­lich si­cher, daß ich Gu­thries ei­ge­ne Stim­me hör­te. Er spiel­te an die­sem Abend so­gar bes­ser als sonst und in­ter­pre­tier­te die Rol­le noch di­stan­zier­ter, welt­fer­ner, al­lem Er­den­le­ben hoff­nungs­los ent­frem­det.

Im Zu­schau­er­raum herrsch­te To­ten­stil­le. Ich spür­te, wie Fran­cis Far­ley Scott, der sei­ne Schul­ter an mich preß­te, vor Angst zit­ter­te.

Je­des Wort, das der Geist sprach, war wie ein an­de­rer Geist, er­hob sich in die Luft und hing schwe­bend über uns, be­vor es in die Ewig­keit ent­schwand. »Ich bin Dei­nes Va­ters Geist: Ver­dammt auf ei­ne Zeit­lang, nachts zu wan­dern …«

Die Wor­te wa­ren kaum ver­k­lun­gen, da fiel mir ein, daß Gu­thrie ja tot sein konn­te und nun sein Geist ge­kom­men sei, um ei­ne al­ler­letz­te Vor­stel­lung zu ge­ben. Ein schau­der­haf­ter, un­mög­li­cher Ge­dan­ke, aber dann er­in­ner­te ich mich, daß Mo­ni­ca ähn­li­che oder gar noch schreck­li­che­re Ge­dan­ken pei­nig­ten. Ich muß­te un­be­dingt zu ihr ge­hen.

Wäh­rend die Wor­te des Geis­tes sich em­por­schwan­gen – wun­der­ba­re schwarz­ge­fie­der­te Vö­gel –, lief ich wie­der ein­mal hin­ter der Büh­ne her­um. Auf der rech­ten Sei­te stan­den F.F. und John noch ge­nau­so da, wie ich sie ver­las­sen hat­te, be­we­gungs­lo­se Sche­men, er­starrt und ge­fes­selt.

Mo­ni­ca hat­te sich von dem Schalt­pult ent­fernt und stand jetzt, ein we­nig ge­bückt, na­he dem Schein­wer­fer, der ein dif­fu­ses blau­es Licht auf den Vor­hang warf.

Ich ging zu ihr hin­über, als der Geist ge­ra­de von der Büh­ne ab­trat und sich rück­wärts ent­lang des Licht­ke­gels be­weg­te, oh­ne in ihn hin­ein­zu­tre­ten, sei­ne letz­ten Wor­te spre­chend, die noch schreck­li­cher und ein­sa­mer klan­gen, als ich sie je­mals zu­vor ge­hört hat­te:

»… Le­be wohl mit eins:

Der Glüh­wurm zeigt, daß sich die Frü­he naht,

Und sein un­wirk­sam Feu­er be­ginnt zu blas­sen.

Ade! Ade! Ade! Ge­den­ke mein!«

Es ver­gin­gen ein, zwei Se­kun­den, ehe im glei­chen Au­gen­blick an zwei ver­schie­de­nen Stel­len Lärm aus­brach: Mo­ni­ca schrie gel­lend auf, wäh­rend gleich­zei­tig im Par­kett und auf den Rän­gen don­nern­der Ap­plaus los­bran­de­te, an­ge­heizt von Gu­thries Leu­ten, aber dies­mal das gan­ze Pu­bli­kum mit­rei­ßend. Mei­ner Mei­nung nach war es der größ­te Bei­fall, den der Geist in der gan­zen Thea­ter­ge­schich­te je­mals be­kom­men hat. In der Tat war mir vor­her nie zu Oh­ren ge­kom­men, daß sich sei­net­we­gen ex­tra ei­ne Hand ge­rührt hät­te. Es war si­cher die un­pas­sends­te Stel­le zum Klat­schen, wenn ich auch zu­ge­be, daß die Vor­stel­lung den Bei­fall durch­aus ver­dient hat. Aber die At­mo­sphä­re war zer­stört, und der an­hal­ten­de Ap­plaus nahm der Sze­ne viel von ih­rem be­droh­li­chen Cha­rak­ter.

Mo­ni­cas Schrei er­stick­te in den Bei­falls­wo­gen, so daß nur ich und ei­ni­ge an­de­re aus der Trup­pe ihn hö­ren konn­ten.

Zu­erst dach­te ich, ich selbst sei die Ur­sa­che für den Schrei ge­we­sen, weil ich sie ganz plötz­lich, wie zu­vor Gu­thrie, von hin­ten an­ge­faßt hat­te. Aber an­statt zu er­schre­cken, dreh­te sie sich um und klam­mer­te sich an mich. Ger­tru­de Grain­ger und Sy­bil Ja­me­son nah­men sich ih­rer für­sorg­lich an und ver­such­ten sie zu be­ru­hi­gen.

Der Bei­fall war ab­ge­klun­gen. Der Prin­zi­pal, Don und Joe ta­ten ihr Bes­tes, um die Si­tua­ti­on zu ret­ten, wäh­rend aus den Schein­wer­fern ein ro­sa­ro­ter Licht­schein auf die Büh­ne fiel: Die Däm­me­rung brach über Hel­sin­gör her­ein. Schließ­lich be­herrsch­te sich Mo­ni­ca und er­zähl­te uns in has­tig her­vor­ge­sto­ße­nen Wor­ten, was sie zum Schrei­en ge­bracht hat­te. Der Geist, sag­te sie, sei für einen kur­z­en Au­gen­blick an den Rand des blau­en Licht­ke­gels ge­tre­ten, und da­bei hät­te sie durch sei­nen Schlei­er ein Ge­sicht ge­se­hen, das dem Ge­sicht Sha­ke­s­pea­res aufs Haar glich. Ja, so sei es ge­we­sen. Spä­ter ge­riet ih­re Si­cher­heit et­was ins Wan­ken, aber als sie uns das er­zähl­te, war sie noch ab­solut si­cher, daß sie Sha­ke­s­pea­re höchst­per­sön­lich und nie­mand an­de­ren ge­se­hen ha­be.

Ich mach­te die Er­fah­rung, daß man nicht ent­setzt auf­schreit oder sich nach au­ßen hin be­son­ders ex­al­tiert be­nimmt, wenn man so et­was hört. Es bringt einen eher zum Schwei­gen. Aber ich fühl­te mich ziem­lich elend, wäh­rend gleich­zei­tig mei­ne Ver­är­ge­rung we­gen des Ouija-Bret­tes wie­der wuchs. In der Tat war ich zu­tiefst er­regt und oben­drein ver­dros­sen und ge­reizt, so als hät­te ei­ne rie­sen­wüch­si­ge Krea­tur die Spiel­zeug­welt mei­nes Uni­ver­sums in Un­ord­nung ge­bracht.

Sy­bil und Ger­tru­de schi­en es ge­nau­so zu er­ge­hen. Wir wa­ren we­gen die­ser gan­zen Sa­che al­le sehr be­stürzt, und auch Mo­ni­ca war auf ih­re Wei­se ein­ge­schüch­tert. Gleich wür­de der Vor­hang nach je­ner Sze­ne fal­len, mit der der ers­te Akt en­det. Dann wür­den auch die Büh­nen­lich­ter auf­leuch­ten.

Als der Vor­hang schließ­lich fiel – mit ei­ner wei­te­ren Run­de Ap­plaus von jen­seits der Ram­pe – und wir über die Büh­ne gin­gen, Mo­ni­ca dicht ne­ben mir, denn mein Arm lag noch im­mer auf ih­rer Schul­ter, da hör­ten wir einen er­stick­ten männ­li­chen Schre­ckens­schrei, der uns ent­setz­te und zur Ei­le an­trieb. Un­ge­fähr zur glei­chen Zeit wa­ren fast ein Dut­zend Per­so­nen auf der lin­ken Büh­nen­sei­te ver­sam­melt, un­ter ih­nen na­tür­lich der Prin­zi­pal und die an­de­ren, die auf der Büh­ne ge­we­sen wa­ren.

F.F. und Props stan­den in der Tür zur Re­qui­si­ten­kam­mer und blick­ten in den ver­steck­ten Teil des L-för­mi­gen Raum­es hin­ab. So­gar von der Sei­te sa­hen die bei­den recht mit­ge­nom­men aus. Dann knie­te sich F.F. nie­der und ver­schwand aus mei­nem Ge­sichts­feld, wäh­rend Props sich in ge­krümm­ter Hal­tung über ihn beug­te.

Als wir uns mit hoch­ge­r­eck­ten Hälsen um Props dräng­ten, um einen Blick zu er­ha­schen – ich war un­ter den ers­ten und stand di­rekt ne­ben dem Prin­zi­pal –, sa­hen wir et­was, das nur einen ein­zi­gen Schluß zuließ: Die­ser Geist wür­de nie mehr vor den Vor­hang tre­ten und sich für den Ap­plaus be­dan­ken kön­nen, der noch im­mer aus dem Zu­schau­er­raum her­auf­bran­de­te, ob­wohl die Haus­lich­ter für die ers­te Pau­se be­reits an sein muß­ten.

Gu­thrie Boyd lag in sei­nen Stra­ßen­klei­dern auf dem Rücken. Sein Ge­sicht sah grau aus, sei­ne Au­gen blick­ten starr. Um ihn her­um ver­streut la­gen der Um­hang des Geis­tes, der Schlei­er, der Helm und ei­ne lee­re Whis­kyfla­sche.

Zwi­schen den bei­den un­mit­tel­bar auf­ein­an­der­fol­gen­den Er­schüt­te­run­gen – Mo­ni­cas Ent­hül­lung und die Ent­de­ckung des Leich­nams in der Re­qui­si­ten­kam­mer – hat­te sich ein Zu­stand der Er­schöp­fung mei­nes Den­kens be­mäch­tigt. Mo­ni­cas hilflo­ser, un­gläu­big stau­nen­der Ge­sichts­aus­druck ver­riet mir, daß sie das glei­che wie ich fühl­te. Ich ver­such­te, die Din­ge wie­der in­ein­an­der­zu­fü­gen, aber sie woll­ten ein­fach nicht mehr zu­sam­men­pas­sen.

F.F. schau­te uns über sei­ne Schul­ter hin­weg an. »Er at­met nicht mehr«, sag­te er, »ich fürch­te, er ist tot.« Dann be­gann er, Boyds Kra­wat­te auf­zu­bin­den, sein Hemd auf­zu­knöp­fen und sei­nen Kopf auf den zu­sam­men­ge­roll­ten Um­hang zu bet­ten. Er reich­te uns die Whis­kyfla­sche zu­rück, de­ren sich Joe schleu­nigst ent­le­dig­te.

Der Prin­zi­pal schick­te je­man­den nach ei­nem Arzt, und in­ner­halb von zwei Mi­nu­ten brach­te Har­ry Gross­man einen aus dem Pu­bli­kum her­auf, der sei­ne Platz­num­mer und sein Köf­fer­chen an der Abend­kas­se hin­ter­las­sen hat­te.

Er war ein klei­ner Mann – kaum die Hälf­te von Gu­thrie – und vor Schreck fast ge­lähmt, aber er ver­such­te sich ge­ra­de des­halb mit größ­ter pro­fes­sio­nel­ler Wür­de auf­recht­zu­hal­ten, als wir ihm Platz mach­ten und uns hinter ihm zu­sam­mendräng­ten.

Er be­stä­tig­te F.F.’s Dia­gno­se und er­hob sich schnell wie­der, nach­dem er sich für ein paar Se­kun­den bei Gu­thrie nie­der­ge­kniet hat­te. Dann sag­te er sehr has­tig zum Prin­zi­pal, so als wür­den ihm die Wor­te ent­ge­gen sei­ner ge­wohn­ten be­ruf­li­chen Zu­rück­hal­tung über­ra­schend ent­schlüp­fen: »Mr. Us­her, wenn ich nicht selbst Zeu­ge ge­we­sen wä­re, daß die­ser Mann so­eben ei­ne groß­ar­ti­ge schau­spie­le­ri­sche Leis­tung voll­bracht hat, wür­de ich den­ken, er ist seit ei­ner Stun­de oder län­ger tot.«

Er sprach so lei­se, daß ihn nur we­ni­ge ver­stan­den, aber ich ver­stand ihn, und auch Mo­ni­ca schi­en ihn ver­stan­den zu ha­ben. Und das war die drit­te große Er­schüt­te­rung – ich stell­te mir für einen Au­gen­blick das grau­en­haf­te Bild vor, wie Gu­thrie Boyds Geist oder ir­gend­ein an­de­res We­sen sei­nen to­ten Kör­per zwang, die­se letz­te Auf­füh­rung durch­zu­ste­hen. Wie­der ein­mal ver­such­te ich ver­geb­lich, die ein­zel­nen Tei­le die­ses nächt­li­chen Mys­te­ri­ums rich­tig in­ein­an­der­zu­fü­gen. Der klei­ne Dok­tor blick­te uns lan­ge und ver­wirrt an. »Ich ver­mu­te, er hat den Um­hang über sei­nen Stra­ßen­klei­dern ge­tra­gen?« Er mach­te ei­ne Pau­se, be­vor er uns frag­te: »Er hat doch den Geist ge­spielt?« Der Prin­zi­pal und ei­ni­ge an­de­re nick­ten, aber ich ver­mu­te, F.F. hat­te ihm einen selt­sa­men Blick zu­ge­wor­fen, denn der Dok­tor räus­per­te sich und sag­te: »Ich muß den Mann so schnell wie mög­lich bei bes­se­rem Licht und an ge­eig­ne­te­rem Ort ge­nau­er un­ter­su­chen. Gibt es hier …?« Der Prin­zi­pal schlug ihm die Couch in sei­ner Gar­de­ro­be vor, und der Dok­tor be­stimm­te Joe Ru­bens, John Mc­Car­thy und Fran­cis Far­ley Scott da­zu, den Leich­nam zu tra­gen. Den Rest von uns bat er, zu­rück­zu­tre­ten.

Just in die­sem Au­gen­blick ge­sch­ah et­was, das al­le Stücke die­ses nächt­li­chen Mys­te­ri­ums wie­der auf ih­ren an­ge­stamm­ten Platz fal­len ließ – je­den­falls für mich und auch für Mo­ni­ca, wenn ich die Art und Wei­se rich­tig deu­te­te, wie ih­re Hand in der mei­nen zit­ter­te und sich dann fest um mei­ne Hand schloß. Wir wa­ren jetzt im Be­sitz des Schlüs­sels zu den un­heim­li­chen Er­eig­nis­sen. Ich wer­de Ih­nen aber erst er­zäh­len, von wel­chem Schlüs­sel ich spre­che, wenn ich die En­den die­ser Ge­schich­te zu­sam­men­ge­knüpft ha­be.

Der zwei­te Akt wur­de un­ge­fähr ei­ne Mi­nu­te hin­aus­ge­zö­gert, aber dann hiel­ten wir den Zeit­plan ein und brach­ten so­gar ei­ne bes­se­re Vor­stel­lung zu­stan­de als ge­wöhn­lich – ich kann mich nicht er­in­nern, die Fried­hofs-Sze­ne je­mals so in­ten­siv er­lebt zu ha­ben.

Be­vor ich mei­nen ei­ge­nen ers­ten Auf­tritt hat­te, riß mir Joe Ru­bens mei­nen Hut vom Kopf, den ich die gan­ze Zeit über auf hat­te. Ich spiel­te den Gül­dens­tern mit ei­ner Arm­band­uhr, aber ich kann mir nicht vor­stel­len, daß ir­gend je­mand da­von No­tiz nahm.

F.F. spiel­te die letz­te Er­schei­nung des Geis­tes als Stim­me jen­seits der Büh­ne. Er imi­tier­te Gu­thries Stim­me recht gut, ei­ne ge­spens­ti­sche Stim­me, aber das ver­langt ja die Rol­le.

Be­vor das Dra­ma zu En­de ging, hat­te der Dok­tor ent­schie­den, daß Gu­thrie an Herz­ver­sa­gen ge­stor­ben sei. Kein Wort von sei­nem Al­ko­ho­lis­mus. Als der Vor­hang nach dem letz­ten Akt fiel, in­for­mier­te Har­ry Gross­man Sohn und Toch­ter und brach­te sie mit hin­ter die Büh­ne. An­ge­sichts der Tat­sa­che, daß sie sich um den al­ten Jun­gen mehr als ein Jahr­zehnt lang nicht ge­küm­mert hat­ten, wa­ren sie jetzt ziem­lich zer­knirscht. An­de­rer­seits schie­nen sie es zu ge­nie­ßen, ei­nem so großen und fei­er­li­chen Er­eig­nis bei­woh­nen zu dür­fen, vor al­lem Gu­thries streit­süch­ti­ger Schwie­ger­sohn. Am nächs­ten Mor­gen brach­ten die bei­den Zei­tun­gen von Wol­ver­ton Schlag­zei­len über das Er­eig­nis. Gu­thrie hat als Geist nie so­viel Auf­se­hen er­regt. Die merk­wür­di­gen Um­stän­de sorg­ten da­für, daß die Pres­se­mel­dung rund um die Welt ging.

Am Nach­mit­tag des drit­ten Ta­ges fand die Be­er­di­gung statt, we­ni­ge Stun­den vor un­se­rer letz­ten Auf­füh­rung in Wol­ver­ton. Die gan­ze Trup­pe nahm ge­mein­sam mit Gu­thries An­ge­hö­ri­gen und vie­len an­de­ren Wol­ver­to­nern dar­an teil. Die al­te Sy­bil brach am Gra­be zu­sam­men und schluchz­te hem­mungs­los.

Es mag ein biß­chen ge­fühl­los klin­gen, aber es war für uns doch recht an­ge­nehm, daß Gu­thrie ge­ra­de hier ge­stor­ben war, denn es spar­te uns den Är­ger, die Ver­wand­ten zu be­nach­rich­ti­gen und al­ler Wahr­schein­lich­keit auch noch für das Be­gräb­nis zu sor­gen. Und für den al­ten Gu­thrie be­deu­te­te es ein letz­tes großes Fi­na­le. Je­der­mann au­ßer­halb der Trup­pe hielt ihn für einen He­ros und Mär­ty­rer nach dem Mot­to: Die Show muß wei­ter­ge­hen. Und na­tür­lich wuß­ten auch wir, daß er in ei­nem tiefe­ren Sin­ne das auch ge­we­sen war.

Wir muß­ten bei der Rol­len­ver­tei­lung im­pro­vi­sie­ren, um die Lücke zu fül­len, die Gu­thrie in den Dra­men hin­ter­las­sen hat­te, so daß der Prin­zi­pal nicht gleich einen neu­en Schau­spie­ler zu en­ga­gie­ren brauch­te. Für mich, und ich glau­be auch für Mo­ni­ca, ge­stal­te­te sich der Rest der Spiel­zeit sehr an­ge­nehm. Ger­tru­de und Sy­bil muß­ten nun ih­re Ver­an­stal­tun­gen am Oui­ja-Brett al­lein fort­set­zen.

Und jetzt wer­de ich Ih­nen er­zäh­len, was es mit dem klei­nen Um­stand auf sich hat, der mir und Mo­ni­ca ei­ne be­frie­di­gen­de Lö­sung die­ses nächt­li­chen Mys­te­ri­ums be­scher­te.

Sie wer­den be­merkt ha­ben, daß Props dar­in ver­wi­ckelt war. Als ich ihn dar­auf­hin an­sprach, sag­te er scheu, daß er mir in die­sem Punk­te nicht wei­ter­hel­fen kön­ne. Er war ja ei­ne Zeit­lang dem un­er­klär­li­chen Zwang ver­fal­len ge­we­sen, sich be­trin­ken zu müs­sen, und sein Ver­stand hat­te voll­kom­men aus­ge­setzt, schon vor Be­ginn der Vor­stel­lung bis hin zu dem Au­gen­blick, wo er am En­de des ers­ten Ak­tes zu­sam­men mit F.F. an Gu­thries Leich­nam stand. Er er­in­ner­te sich nicht an den Oui­ja-Schre­cken oder an ir­gend­ein Wort, das er zu mir über Thea­ter und Zeit­ma­schi­nen ge­sagt hat­te.

F.F. er­zähl­te uns, daß er Props nach dem letz­ten Auf­tritt des Geis­tes ge­se­hen ha­be, wie er – in der Dun­kel­heit nur va­ge er­kenn­bar – in die lee­re Re­qui­si­ten­kam­mer ge­schlurft sei, wo sie ein we­nig spä­ter Gu­thrie am Bo­den lie­gend ge­fun­den hat­ten. Ich glau­be, daß der selt­sa­me Blick, den F.F. – die­ser rea­li­tättrun­ke­ne al­te Schuft – dem Dok­tor zu­warf, nichts an­de­res an­deu­ten soll­te, als daß er selbst den Geist ge­spielt ha­be. Lei­der konn­te ich ihn des­we­gen nicht zur Re­de stel­len.

Aber nun zu dem klei­nen Um­stand: Als sie Gu­thries Leich­nam fort­tru­gen und der Dok­tor den Rest von uns bat, zu­rück­zu­tre­ten, da dreh­te sich Props ge­hor­sam um, rich­te­te sich auf und warf Mo­ni­ca und mir einen viel­sa­gen­den Blick zu. Er schi­en vol­ler Mit­leid, lä­chel­te ernst und ver­wan­del­te sich für einen kur­z­en Au­gen­blick in den ewi­gen Be­ob­ach­ter der Le­bens­büh­ne, für den die­se kleine Tra­gö­die nur ein Teil­chen im un­end­lich grö­ße­ren, end­los in­ter­es­sie­ren­den Le­bens­plan war.

Es däm­mer­te mir in die­sem Mo­ment, daß Props es ge­we­sen sein konn­te, denn wäh­rend un­se­rer Su­che hat­te er mit größ­ter Auf­merk­sam­keit den Ein­gang zur lee­ren Re­qui­si­ten­kam­mer be­ob­ach­tet. Man kann das Ko­stüm des Geis­tes ja in Se­kun­den­schnel­le aus- oder an­zie­hen (ob­wohl Props’ Schul­tern einen Um­hang wie den von Gu­thrie kaum zu fül­len ver­mö­gen), und dann fiel mir noch ein, daß ich Props und den Geist kurz vor oder wäh­rend der Vor­stel­lung nie gleich­zei­tig ge­se­hen hat­te. Na­tür­lich, Gu­thrie war we­ni­ge Mi­nu­ten vor mir an­ge­kom­men … und ge­stor­ben … und Props, er­mu­tigt durch das Trin­ken, hat­te sei­ne Rol­le über­nom­men!

Wie Props mir spä­ter er­zähl­te, hat­te Mo­ni­ca so­fort ge­wußt, daß es sein hoch­stir­ni­ges Ge­sicht war, auf das sie durch den grü­nen Schlei­er einen flüch­ti­gen Blick hatte wer­fen kön­nen.

In die­ser Nacht wa­ren al­so vier Geis­ter auf der Büh­ne ge­we­sen – John Mc­Car­thy, Fran­cis Far­ley Scott, Gu­thrie Boyd und ein vier­ter, der die Rol­le wirk­lich ge­spielt hat. Ob Props nun einen Black­out hat­te oder nicht – er kann­te die Ver­se von den vie­len, vie­len ›Ham­let‹-Auf­füh­run­gen aus­wen­dig, de­nen er in sei­nem Le­ben schon bei­ge­wohnt hat­te, viel­leicht auch von be­gra­be­nen Er­in­ne­run­gen aus der Zeit, da er die Rol­le in den Ta­gen der Kö­ni­gin Eli­z­abeth I. ver­kör­pert hat­te – und folg­lich hat­te Bil­ly (oder Wil­ly) Simp­son oder ein­fach Wil­ly S. den Geist ge­spielt. Denn ein gu­ter Schau­spie­ler springt im Not­fall au­to­ma­tisch für einen an­de­ren ein.