Vier Geister in
›Hamlet‹
von
Fritz Leiber
Fritz Leiber wurde 1910 als Sohn des gleichnamigen Stummfilmstars und Shakespeare-Darstellers geboren. Er studierte an der Universität in Chicago, promovierte in Philologie und begann Erzählungen für Kinder zu schreiben. Während der Zeit der großen Depression schloß sich Leiber der herumziehenden Schauspieltruppe seines Vaters an – er kennt also das Milieu bestens, das er in seiner ›Hamlet‹-Paraphrase beschreibt –, und spielte in einigen Hollywood-Filmen kleine und kleinste Nebenrollen. Dann gab er die Schauspielerei auf und versuchte es mit Schreiben. 1939 begann er in dem amerikanischen Magazin ›Weird Tales‹ fantastische Geschichten zu veröffentlichen.
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Schauspieler sind wahrscheinlich deshalb so abergläubisch, weil der Zufall eine gewichtige Rolle beim Erfolg einer Theaterproduktion spielt – und weil wir in unserer Lebensweise und Denkart ein wenig näher mit den Zigeunern verwandt sind als andere Leute. So bringt es zum Beispiel Unglück, auf der Bühne Pfauenfedern zu tragen, bei den Proben die letzte Zeile eines Stückes zu deklamieren und in der Garderobe zu pfeifen (wer der Tür am nächsten steht, wird gefeuert) oder gar die Nationalhymne im Zug zu singen (eine kanadische Theatertruppe ist auf diese Weise bankrott gegangen).
Shakespeare-Darsteller bilden von dieser Regel keine Ausnahme. Sie haben sich lediglich den einen oder anderen Extra-Aberglauben zu eigen gemacht, etwa jenen, demzufolge es streng untersagt ist, die Verse der drei Hexen oder irgend etwas anderes aus Macbeth zu rezitieren, es sei denn bei Aufführungen, Proben oder anderen legitimen Anlässen.
In unserer Theatertruppe, der ›Governor’s Company‹ gilt die Regel, daß der Geist in Hamlet seinen grünen Schleier aus Nesseltuch erst dann über sein behelmtes Gesicht fallen lassen darf, wenn sein Auftritt unmittelbar bevorsteht. Hamlets toter Vater darf also nicht verschleiert in den dunklen Kulissen stehen.
Dieser letzte Aberglaube erinnert an einen Vorfall, der sich vor nicht allzu langer Zeit ereignete – eine echte Geistergeschichte. Manchmal denke ich, es ist die größte Geistergeschichte der Welt – zwar nicht in der geschwätzigen und armseligen Art, wie ich sie erzähle, beileibe nicht, sondern vor allem wegen ihrer wunderbaren Atmosphäre und Ausstrahlung.
Es ist nicht nur eine wahre Erzählung aus dem Bereich des Übersinnlichen, sondern mehr noch eine Geschichte über Geister und Menschen: dies vor allem.
Der gespenstische Teil der Geschichte zeigt sich gleich in höchst trauriger Weise: Drei unserer Schauspielerinnen (also praktisch alle Damen einer Shakespeare-Truppe) pflegten sich in der Stunde, bevor der Vorhang aufgeht, und manchmal auch während der Aufführungen, wenn sie allzu lang auf ihren Auftritt warten mußten, mit Sitzungen am Ouija-Brett{1} zu beschäftigen. Sie gingen so sehr in dieser Beschäftigung auf und plapperten so aufgeregt durcheinander angesichts der Enthüllungen, welche das Brett ihnen vorbuchstabierte – drei – oder viermal verpaßten sie deswegen sogar ihren Auftritt –, daß der Prinzipal ihnen sicherlich verboten hätte, das Brett ins Theater mitzubringen, wenn er nicht ein selten toleranter Prinzipal gewesen wäre. Ich bin sicher, daß er mehr als einmal versucht war, das Verbot trotzdem auszusprechen, und er hätte es auch getan, wenn nicht Props ihn darauf aufmerksam gemacht hätte, daß sich unsere drei Damen ohne Publikum in der Stille eines Hotelzimmers vermutlich gar nichts aus den Ouija-Sitzungen machen würden.
Props – das ist unser Requisitenmeister Billy Simpson – war fasziniert von der Besessenheit unserer Damen, so wie er von jeder Neuigkeit fasziniert ist, und er wäre durchaus imstande gewesen, unser Shakespeare-Tabu zu durchbrechen und die drei Hexen auf sie herabzubeschwören, wenn Props auch nur das geringste Gespür für die Sprache Shakespeares gehabt hätte. In der Tat ist Props der einzige in unserer Truppe, der niemals auch nur die kleinste Rolle übernimmt. Er würde nicht einmal einen stummen Speer auf die Bühne tragen. Aber Props hat andere Talente, die diesen Mangel spielend ausgleichen – er kann in zwei Stunden eine Büste von Pompejus aus Pappmache anfertigen oder einen kaputten Reißverschluß reparieren. Damit sind seine Talente noch nicht einmal erschöpft.
Was mich selbst betrifft, so war ich sehr verdrossen wegen des lächerlichen Ouija-Brettes, da es fast die ganze Freizeit von Monica Singleton zu beanspruchen und ihren stets regen Hunger nach Erlebnissen vollauf zu befriedigen schien. Ich versuchte damals gerade eine Romanze mit ihr anzufangen – eine lange Saison auf Tournee wirkt mit der Zeit tödlich langweilig und ohne einigen Herzenskitzel recht frustrierend – und für eine Weile sah es so aus, als machte ich Fortschritte. Aber als dann das Ouija aufkam, fühlte ich mich wie ein lächerlicher Güldenstern, der sich nach einer unerreichbaren und unsichtbaren Ophelia verzehrt. Und genau das waren die Rollen, die ich und sie in Hamlet spielten.
Ich verfluchte das idiotische Brett mit seinen kindischen Eckfiguren, grinsenden Sonnen und schmunzelnden Monden und windzerzausten Geistern, aber dann entfremdete ich mich Monica noch mehr, als ich sie fragte, warum es nicht Nein-Nein-Brett anstatt Ja-Ja-Brett hieß? Hieß es so, drang ich weiter in sie, weil alle Spiritisten stets das Positive betonen und sich wie ein Pack schwanzwedelnder Ja-Sager benehmen? – Ja, wir sind hier; ja, wir sind Ihr Onkel Harry; ja, wir sind glücklich in diesem Flugzeug; ja, wir haben einen Doktor unter uns, der den Schmerz in Ihrer Brust diagnostizieren wird, und so weiter.
Danach sprach Monica eine Woche lang nicht mehr mit mir.
Ich wäre sogar noch deprimierter gewesen, wenn nicht Props mir erklärt hätte, daß sich kein Mann aus Fleisch und Blut mit den Geistern in der Einbildung eines Mädchens messen könne, da eingebildete Geister alle Vorzüge und Vollkommenheiten besäßen, von denen ein Mädchen träumt. Aber alle Mädchen würden eines Tages der Geister müde, vielleicht nicht in ihrer Fantasie, aber ganz gewiß um ihres Körpers willen. Dies geschah, der Gottheit sei Dank, in meinem und Monicas Fall recht bald, jedoch erst in dem Augenblick, da wir eine schreckliche, haarsträubende Erfahrung machten – eine Nacht des Entsetzens vor der Nacht der Liebe. Bis dahin florierte das Ouija. Der Prinzipal und die restlichen Mitglieder unserer Truppe mußten auf die eine oder die andere Art und Weise damit fertig werden, bis dann jener dreitägige Aufenthalt in Wolverton kam, wo das gleichermaßen traurig und unheimlich anmutende alte Theater unsere drei Ouija-Damen in Versuchung führte, das Brett zu befragen, wer nun eigentlich der Geist wäre, der den gespenstischen Ort heimsuchte: die Planchette buchstabierte den Namen S.H.A.K.E.S.P.E.A.R.E …
Aber ich greife den Ereignissen voraus. Ich habe außer Monica, Props und dem Prinzipal noch nicht einmal unsere Truppe vorgestellt – und ich habe auch noch nicht den letzten der drei charakterisiert. Wir nennen Gilbert Usher aus reiner Achtung und Zuneigung den Prinzipal. Er ist einer aus der letzten Garde der alten Schauspieler-Manager. Er hat zwar nicht den Namen eines Gielgud oder Olivier oder Evans oder Richardson, aber er hat dennoch die meiste Zeit seines Lebens damit verbracht, Shakespeare am Leben zu erhalten, indem er – wie es Benson einst tat – Shakespeares magisches, a-religiöses Evangelium in den entferntesten Regionen der Welt, in den Dominions und in den Vereinigten Staaten verbreitete. Unsere anderen Schauspieler haben sich noch keinen großen Namen gemacht – ich weigere mich, Ihnen meinen eigenen Namen zu verraten! –, aber mit Ausnahme meiner unbedeutenden Person sind sie alle gute Tournee-Schauspieler geworden oder ausgeschieden, falls es ihnen nicht gelang, dies in der ersten Saison zu schaffen. Strapaziös lange Spielzeiten, viel unbequemes Reisen und kleine Gagen sind unser Schicksal.
Besagte Spielzeit war bis zu jenem vertrauten Punkt gediehen, an dem sich die Stücke glatt herunterspielen und jeder ein bißchen müder ist, als er es sich selbst eingesteht. Dann setzt meist Ruhelosigkeit ein. Robert Dennis, unser jüngster Schauspieler, schrieb morgens im Hotel an einem Roman über das Theaterleben, wie er sagte. Der arme alte Guthrie Boyd hatte wieder zu trinken begonnen, und er trank nach einer Abstinenz von zwei Monaten, die jeden erstaunt hatte, wieder viel zuviel. Francis Farley Scott, unser Star, ließ es sich nicht nehmen, uns immer wieder darauf hinzuweisen, daß er gerade im Begriff stehe, für das nächste Jahr auf eigene Faust ein Shakespeare-Repertoirensemble zu organisieren. Er fing konspirative Gespräche mit Gertrude Grainger an, unserem weiblichen Star, und zog dauernd einen nach dem anderen von uns beiseite, um uns hypothetische Angebote zu machen, wobei er es stets vermied, die genaue Höhe der Gagen zu nennen. F.F. ist genauso alt wie der Prinzipal, der natürlich unser wirklicher Star ist, und er hat außer dem Talent der Selbstverblendung und einer irgendwie grandiosen, eindrucksvollen Art der Darstellung kaum andere Talente. Er sieht stattlich wie ein Operntenor aus, ist ganz kahl und führt deshalb immer ein Sortiment von dreißig Toupets in allen Farben von rot bis graumeliert mit sich, die er mit schamloser Ungezwungenheit wechselt – er trägt sie nicht nur auf der Bühne, sondern auch außerhalb des Theaters. Es macht ihm nichts aus, daß die Truppe alles über seine künstliche bunte Haarpracht weiß, denn wir sind Teil seiner Welt der Illusionen, und er ist fest davon überzeugt, daß die theaterbegeisterten Damen des Ortes, denen er den Hof macht, nichts davon bemerken oder auf jeden Fall die Täuschung achten.
Jedes Jahr plant F.F. eine eigene Truppe zu gründen – es ist ein fester Brauch mitten in jeder Spielzeit –, und jedes Jahr wird nichts daraus, denn er ist ebenso faul und unpraktisch wie eingebildet. Doch F.F. glaubt fest daran, daß er alle Shakespeare-Rollen oder gar alle auf einmal spielen kann, wenn es darauf ankommt; die einzige F.F. Scott-Truppe, die ihn wirklich befriedigen könnte, wäre wahrscheinlich eine, in der er als einziger Schauspieler aufträte – ein einziger und einzigartiger Shakespeare-Monolog. Tatsächlich ist F.F. nur in einer Hinsicht nicht faul, und zwar in seinem Eifer, in jedem Stück soviel Rollen wie möglich zu übernehmen. F.F.’s jährliche Intrigen kümmern den Prinzipal keinen Deut – er wartet vielmehr jedesmal nachsichtig auf F.F. um ihn dann mit eindringlichem Blick zu fixieren und mit rauher Stimme zu fragen, ob er sich nicht seinerseits der Scott-Truppe anschließen dürfe.
Und ich hoffte natürlich, daß jetzt auch Monica Singleton aufhören würde, die exquisiteste Naive zu spielen, die jemals Shakespeares Weg gekreuzt hatte. (Ich vermute, daß sie ihre Rollen sogar im Schlaf noch probte, obwohl ich meilenweit davon entfernt war, dies genau wissen zu können.) Es war endlich an der Zeit, daß sie Notiz von mir nahm und nicht nur Vorteile aus meinen devoten Aufmerksamkeiten zog.
Aber dann kaufte die alte Sybil Jameson das Ouija-Brett, und Gertrude Grainger zwang eine unwillige Monica, ihre Fingerspitzen mit denen der anderen ›nur so zum Spaß‹ auf die Planchette zu legen. Am nächsten Tag ließ Gertrude einigen von uns mit geheimnistuerischer Stimme wissen, daß Monica ein ganz erstaunliches, freilich noch unterentwickeltes mediales Talent habe. Ihr selbst sei so etwas noch nicht begegnet. Von da an war das Mädchen süchtig auf Ouija. Arme Monica! Ich befürchtete, sie würde irgendwann aus ihrer selbstauferlegten Shakespeare-Disziplin ausbrechen, und es war schlimm genug, daß es dann wegen des Brettes geschah und nicht meinetwegen. Aus diesem Grunde dem fatalen Brett zu grollen, war eigentlich vollkommen überflüssig, denn Monica hätte auch mit Robert Dennis auf und davon gehen können, was unendlich viel schlimmer gewesen wäre, obwohl wir nie ganz sicher waren, was sein Geschlecht betraf. In dieser Hinsicht war ich auch Gertrudes nicht ganz sicher und erlitt Agonien unsäglicher Eifersucht, wenn sie meine Angebetete in ihren Bannkreis zog.
Allein die Vorstellung, wie sich Gertrudes verwegenes Knie unter dem Ouija-Brett gegen Monicas Knie preßte, machte mich rasend. Glücklicherweise agierten Sybils knochige Knie als Anstandsdamen dazwischen.
F.F. der natürlich auch eifersüchtig war, weil dieses neue Spielzeug Besitz von Gertrudes Geist ergriffen hatte und ihrer beider jährliche Intrigen empfindlich störte, deutete ziemlich giftig an, daß Monica eines jener habgierigen Mädchen sein müsse, die Anspruch auf alles erheben, was sie in die Finger kriegen, ob es nun ein Mann oder eine Planchette sei. Aber Props sagte mir, er würde alles darauf wetten, daß Gertrude und Sybil die ersten zufälligen Fingerbewegungen Monicas aufmerksam registriert hätten, um das unerfahrene Mädchen, geschickten Tänzern gleich, nach ihrem eigenen Willen zu führen, während Monica glauben sollte, sie sei es, die Gertrude und Sybil führe. Manchmal meinte ich, daß F.F. recht hatte, manchmal stimmte ich Props zu. Bisweilen dachte ich sogar, Monica besitze tatsächlich eine übernatürliche Gabe, obwohl ich gewöhnlich nicht an derartige Dinge glaube, und dieser Gedanke erschreckte mich zutiefst, denn eine solche Person wäre jederzeit imstande, einen lebenden Mann um eines Geistes willen zu verlassen. Sie war ein so sensitives, feinfühliges Mädchen, und doch so feurig! Aber immer, wenn sie die Planchette berührte, trat in ihre Augen solch ein leerer Blick, als wäre ihr Geist tief in ihre Fingerspitzen gefahren oder bis zu den Enden von Zeit und Raum entwichen. Einmal lasen die drei mein Charakterbild aus dem Brett heraus, das mich durch seine Genauigkeit bestürzte. Das gleiche geschah mit einigen anderen Leuten aus unserer Truppe. Natürlich könnten Schauspieler, ziemlich gute Charakteranalytiker sein, sagte Props, wenn sie nicht so verdammte Egozentriker wären.
Nach Charakteranalysen und Zukunftsvorhersagen zeigten unsere drei Hexenschwestern plötzlich Interesse für die Reinkarnation, und sogleich begannen sie, diesbezüglich das Brett zu befragen, um uns später zu erzählen, was für berühmte oder völlig unbedeutende Menschen wir in den vergangenen Leben gewesen seien. Ich war nicht überrascht, aus ihrem Munde zu hören, daß Gertrude Grainger die Königin Boadicea gewesen sei. In Sybil Jameson, vernahm ich, hätten wir eine Reinkarnation der Kassandra vor uns, während Monica in ihrem früheren Leben einmal die wahnsinnige Königin Johanna von Kastilien und später eine hysterische Patientin Janets an der Salpetriere gewesen sei – Dinge, die mich mehr irritierten und erschreckten, als sie es hätten tun dürfen. Props habe als ägyptischer Silberschmied unter Hatshepsud und später als Diener bei Samuel Pepys gelebt – er hörte sich dies entzückt kichernd an. Guthrie Boyd bekam den Imperator Claudius zugewiesen, während Robert Dennis sich mit Caligula zufrieden geben mußte. Aus irgendeinem unerfindlichen Grunde sei ich sowohl John Wilkes Booth als auch Lambert Simnel gewesen, was mich in höchstem Maße verunsicherte, denn ich sah in der Ermordung eines amerikanischen Präsidenten keine Romanze, sondern allenfalls eine Neurose. Die Tatsache, daß sich beide – Booth und Simnel – als Schauspieler versucht hatten, als Schmierenschauspieler überdies, bestürzte mich am meisten. Erst sehr viel später bekannte mir Monica, daß das Brett wahrscheinlich diese Entscheidungen getroffen habe, weil ich einen solch ›tragischen, gefährlichen, niedergeschlagenen Blick‹ gezeigt hätte – eine Enthüllung, die mich überraschte und die mir zugleich schmeichelte.
Auch Francis Farley Scott war geschmeichelt, als er hörte, daß er einmal Heinrich VIII. gewesen sei. Er stellte sich alle Ehefrauen Heinrichs vor und trug nach dieser Abendvorstellung sein goldblondes Toupet, bis Gertrude, Sybil und Monica uns wissen ließen, daß der Prinzipal eine Reinkarnation von keinem geringeren als William Shakespeare höchstpersönlich sei. Das machte F.F. so eifersüchtig, daß er sich sofort am Requisitentisch niederließ, einen Federkiel ergriff und uns in einem gelungenen Impromptu vorspielte, wie Shakespeare seinen Hamlet-Monolog ›Sein oder Nichtsein‹ dichtete. Es war eine sehr wirkungsvolle Vorstellung, wenngleich von beträchtlich mehr Stirngefurche, Augengerolle und Stimmaufwand begleitet, als Willy S. ursprünglich wohl selbst aufgewendet haben mochte. Als F.F. aufhörte, applaudierte sogar der Prinzipal, der neben Props unbeobachtet im Schatten gestanden und die Szene beobachtet hatte.
Der Prinzipal wies die Idee, eine Reinkarnation von Shakespeare zu sein, spöttisch entrüstet von sich. Er sagte, daß Willy S. sollte er jemals eine Reinkarnation erleben, bei einem weltberühmten Dramatiker am besten aufgehoben sei, und geradezu ideal wäre es, wenn dieser heimlich in seiner Freizeit zugleich für seinen Nachruhm als der Welt größter Wissenschaftler und Philosoph sorgte, Hinweise auf seine Identität einzig und allein in Form mathematischer Gleichungen hinterlassend – in der Art etwa, wie man später hinter Shakespeare Bacon oder die Baconianer vermutete. Doch meine ich, daß Gilbert Usher, wenn man schon jemanden für eine Reinkarnation Shakespeares suchte, gewiß keine schlechte Wahl gewesen wäre. Denn der Prinzipal ist ebenso vornehm und selbstlos, wie Shakespeare selbst es gewesen sein mußte – ansonsten wäre wohl niemals diese lächerliche Bacon-Oxford-Marlowe-Elizabeth – ›Wer schrieb nun eigentlich Shakespeares Dramen?‹ – Kontroverse entstanden. Der Prinzipal denkt in milder Melancholie an Shakespeare, obwohl er umgänglicher und trotz seiner Jahre athletischer ist, als man sich Shakespeare gemeinhin vorstellt. Und er ist über die Maßen freigebig, besonders gegenüber alten Schauspielern, die bessere Tage gesehen haben.
Was letzteres betraf, so war ihm in dieser Spielzeit der Mißgriff passiert, Guthrie Boyd für einige der schwierigeren Rollen zu engagieren, einschließlich einiger Rollen, die gewöhnlich F.F. spielte: Brutus, Othello und daneben Duncan in Macbeth, Kent in King Lear und den Geist in Hamlet. Guthrie war ein lärmender, schwer trinkender Bär von einem Schauspieler, der sich in Australien als Shakespeare-Darsteller einen gewissen Ruf erworben und mit Erfolg einiges von seiner Reputation in den Westen herübergeschmuggelt hatte. Es fiel ihm nicht besonders schwer, sein Brüllen zu mäßigen, seine Gefühle waren immer einfach und aufrichtig, wenn auch etwas explosiv gewesen – und schließlich ging er sogar für einige Jahre nach Hollywood. Aber da man ihm meist nur stupide Filmrollen überließ, trank er immer mehr. Seine Frau ließ sich von ihm scheiden. Seine Kinder sagten sich von ihm los. Er heiratete ein Starlet, aber auch dieses trennte sich bald von ihm. Dann verschwand er für einige Zeit.
Nach einigen Jahren traf ihn zufällig unser Prinzipal. Guthrie tingelte damals gerade durch Kanada, nur noch ein Schatten seines früheren Selbst, aber es war noch immer genug Substanz in diesem Schatten verborgen – und Boyd trank nicht. Der Prinzipal beschloß also, ihm eine Chance bei sich zu geben, obwohl Harry Grossman, der Manager, strikt dagegen war. Während der Proben und der ersten Aufführungsmonate war es wunderbar zu beobachten, wie der alte Guthrie Boyd zu sich selbst fand, so als wäre Shakespeare eine belebende Medizin für ihn.
Es mag töricht oder sentimental klingen, so etwas zu sagen, aber Sie kennen ja meine Meinung, Shakespeare sei für alle und alles gut. Ich weiß von keinem Schauspieler, mich selbst ausgenommen, dessen Charakter nicht durch Shakespeare gestärkt, dessen Weltbild durch ihn nicht erweitert worden wäre. Ich habe gehört, daß Gilbert Usher, bevor er Shakespeare-Darsteller wurde, ein sehr ruheloser, ehrgeiziger und kritischer Mann gewesen sei, nicht ohne Bosheit, aber Shakespeare scheint ihn milde gestimmt zu haben, wie er auch Props’ Philosophie geglättet und ihm ein Lebensziel gewiesen hat. In der Tat denke ich manchmal, daß alles, was das britische Volk an zivilisierter Gelassenheit besitzt – dieser kleinen, aber durchaus realen Fähigkeit, über sich selbst zu lachen – hauptsächlich auf sein großes Glück zurückzuführen ist, daß William in einer seiner Schauspieltruppen geboren worden ist.
Aber ich wollte gerade berichten, wie Guthrie Boyd entgegen unser aller Erwartungen in diesen ersten Wochen erstaunlich gut spielte, so daß wir kaum noch den Atem anzuhalten oder über ihn die Nase zu rümpfen brauchten. Sein Brutus war künstlerisch ausgewogen, sein Kent vortrefflich gelungen – diese Rolle lag ihm besonders –, und regelmäßig erhielt er begeisterte Kritiken für seinen Geist in Hamlet. Ich glaube, daß in all den Jahren des lebenden Todes, die er als Alkoholiker durchlitten hatte, in ihm ein tief empfundenes Verständnis für Einsamkeit und Verzweiflung erwacht war, das er, wahrscheinlich unbewußt, bei der Interpretation dieser kleinen Rolle mit großer Wirkung einzusetzen wußte. Guthrie Boyd in der Rolle des Geistes war wirklich eine höchst eindrucksvolle Gestalt, sogar vom Äußeren her. Das Kostüm ist denkbar einfach: ein großer, die ganze Figur einhüllender Umhang, der bis zum Boden reicht, dann ein mächtiger, schwerfälliger Helm mit einer winzigen, batteriebetriebenen Lampe in seiner Spitze, um einen schwachen grünlichen Schimmer auf die Gesichtszüge des Geistes zu werfen, und über dem Helm einen grünen Schleier aus Nesseltuch, der im Parkett wie Nebel aussieht. Unter dem Umhang trug er eine Garnitur alter Bühnenwaffen, aber das ist nicht wichtig, denn im Notfall kam er auch ohne sie aus.
Bis zu seinem Auftritt schaltete der Geist sein Helmlicht nicht an, aus Furcht, von irgendeiner Ecke im Zuschauerraum aus gesehen zu werden; heute läßt er wegen jenes Aberglaubens, von dem ich bereits gesprochen habe, den Nesseltuchschleier erst in letzter Sekunde fallen. Aber als Guthrie Boyd die Rolle spielte, existierte dieses Verbot noch nicht, und ich erinnere mich lebhaft daran, wie er in den Kulissen stand und auf seinen Auftritt wartete: eine große, bärenstarke, rätselhafte Gestalt, so wenig übernatürlich wie ein buschiges, sieben Fuß hohes Immergrün, das von einer grauen Persenning bedeckt war.
Aber wenn Guthrie das winzige Licht einschaltete, leise und geschmeidig auf die Bühne trat und seine hohle, leicht gequält klingende Stimme erhob, überfiel alle ein schreckliches, grauenerregendes Schaudern, das sogar uns hinter der Bühne in seinen Bann schlug, als hörten wir Worte, die in Wirklichkeit über die schwarzen, unendlichen Golfströme aus dem Jenseits zu uns herübertönten.
Auf jeden Fall war Guthrie ein großer Geist und vielleicht sogar ein bißchen besser als in seinen anderen Rollen – zumindest in diesen ersten Wochen, als er noch nicht trank. Er schien sehr glücklich über sein gelungenes Comeback zu sein, obwohl uns aus seinen Augen bisweilen irgend etwas Schweres und Totes anstarrte: Der alte Alkoholiker fragte sich offenbar, was all dieser ermüdende, nüchterne Unsinn eigentlich zu bedeuten habe. Er freute sich ganz besonders auf unseren dreitägigen Aufenthalt in Wolverton, der damals noch zwei Monate entfernt in der Zukunft lag. Der Grund war, daß seine beiden Kinder, die inzwischen natürlich längst verheiratet waren, in Wolverton lebten. Ich bin sicher, daß er großen Wert darauf legte, ihnen in eigener Person seine Rehabilitation vor Augen zu führen, in der Hoffnung, auf diese Weise eine Versöhnung herbeizuführen.
Aber dann kam seine erste Vorstellung als Othello. (Der Prinzipal, unser eigentlicher Star, spielte immer den Jago, eine genauso große, aber eben nicht die Titelrolle.) Guthrie war natürlich schon zu alt für den Othello, und außerdem stand es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten – die Zeit des Trinkens hatte ihren Tribut gefordert, die Probenarbeit und die ersten allabendlichen Auftritte in acht verschiedenen Stücken nach Jahren fern vom Theater hatten ihn erschöpft. Aber irgendwie brodelte der alte Vulkan immer noch in ihm, und er gab sich alle Mühe, eine ausgezeichnete Aufführung zustande kommen zu lassen. Am nächsten Morgen schwärmten die Zeitungen von ihm, und eine Besprechung stellte ihn sogar über den Prinzipal.
Das war es, unglücklicherweise. Die Glorie seines Triumphes war zuviel für ihn. Am nächsten Abend – wieder als Othello – war er betrunken wie ein Stinktier. Zwar erinnerte er sich noch der meisten seiner Verse, aber er verhaspelte sich des öfteren und torkelte hin und her. Um nicht hinzufallen, stützte er sich mit schwerer Hand auf die Schultern seiner Mitspieler, ja er vergaß sogar während der ersten zwei Akte, seine falschen Zähne einzusetzen, so daß seine Stimme breiig klang. Um das Maß voll zu machen, begann er in der letzten Szene noch, Gertrude Grainger zu würgen, bis die bereits bläulich angelaufene Desdemona, vom Publikum ungesehen, ihm ein Knie in die Weichteile stieß; dann, nachdem er sich selbst erstochen hatte, warf er den Requisitendolch hoch in die Luft, der in zwei trägen Umdrehungen wieder herunterkam und in den Bühnenbrettern steckenblieb. Die stumpfe Dolchspitze bohrte sich tief in das weiche Holz des Bühnenbodens, keine drei Fuß von Monica entfernt, die Jagos Frau Emilia spielte und an diesem Punkt des Dramas bereits tot auf der Bühne lag, ermordet von ihrem schurkischen Gatten – und die wirklich tot hätte sein können, wenn der Dolch nur einer etwas anderen Flugbahn gefolgt wäre.
Da eine dritte Vorstellung des Othello für den folgenden Abend angekündigt war, hatte der Prinzipal keine andere Wahl, als Guthrie durch Francis Farley Scott zu ersetzen, der nach seiner eigenen Ansicht den Othello ohnehin besser spielte und kaum seine Befriedigung darüber unterdrücken konnte, seine angestammte Rolle wieder zurückerobert zu haben. F.F. ein plüschweicher, lasziv dreinblickender Mohr, spielte die Rolle ohne eine zusätzliche Probe in der Tat so gut, daß ein Kritiker, der die erste und dritte Aufführung miteinander verglich, bewundernd anmerkte, daß wir nach Belieben große Rollen austauschen konnten. Er war offenbar der Meinung, dies geschähe allein aus dem Grunde, unsere Virtuosität zu demonstrieren. Selbstverständlich las der Prinzipal Guthrie die Leviten und schickte ihn zu einem Arzt, der ihm auch ohne Souffleur wegen seines Trinkens und seines schwachen Herzens einen großen Schrecken einjagte. Guthrie hätte sich sicherlich bald von seinem Rückfall erholt, wenn er nicht zwei Tage später, als wir Julius Caesar spielten, den Entschluß gefaßt hätte, sich mit einer wahrhaft aufrüttelnden Vorstellung zu empfehlen. Er bellte und grunzte und rollte mit den Augen wie in seiner besten australischen Schmierenzeit. Seine optimistische Selbstzufriedenheit zwischen den Szenen war schrecklich anzusehen. Gewiß, die Vorstellung war gar nicht so schlecht, aber alle Kritiker machten ihn nieder, und einer von ihnen sagte sogar: »Guthrie Boyd spielte Brutus – ein Bündel von Vokalen, in eine Toga eingehüllt.« Danach war Guthrie von morgens bis nachts besoffen. Der Prinzipal mußte ihm den Brutus wegnehmen, den wieder F.F. spielte, aber er wäre nicht der Prinzipal gewesen, wenn er ihn ganz fallengelassen hätte. Er teilte ihn für eine Reihe kleinerer Rollen in Othello und Julius Caesar ein und übertrug mir und Joe Rubens und manchmal auch Props die Aufgabe, den armen alten Trunkenbold im Auge zu behalten, um sicherzugehen, daß er eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung ins Theater kam – wenn möglich, nicht allzu besoffen. Oft spielte er den Geist oder den Dogen von Venedig in seinen Straßenkleidern unter dem Umhang oder der Samtrobe, aber er spielte sie. Und es waren viele Nächte, in denen Joe und ich unsere Runden durch die Hälfte aller örtlichen Bars machten, bevor wir ihn endlich aufgabelten. Der Prinzipal nannte Joe Rubens und mich manchmal spöttisch ›das amerikanische Element‹ in seiner Truppe, aber gleichzeitig verließ er sich auf uns: Ich habe gewiß nichts dagegen, so abgestempelt zu werden, denn es ist eine Freude, mit ihm zu arbeiten.
All dies scheint meiner Feststellung zu widersprechen, daß sich in dieser Zeit die Stücke wie von selbst spielten und Monotonie sich auszubreiten begann. Aber in einer Theatertruppe läuft immer irgend etwas schief, ansonsten ginge es nicht mit rechten Dingen zu.
Andererseits führte sich Guthrie gar nicht mehr so schlimm auf, nachdem er den Othello und den Brutus vom Hals hatte. Kleinere Rollen und sogar den Kent konnte er immer spielen, ob er nun nüchtern oder betrunken war. König Duncan zum Beispiel und der Doge im Kaufmann von Venedig sind auch in betrunkenem Zustand noch leicht zu spielen, weil der Schauspieler immer ein paar Diener zur Seite hat, die seine Schritte lenken können, wenn er schwankt, und die ihn sogar festhalten können, falls es nötig sein sollte – was sich bisweilen als ein äußerst dramatischer Effekt herausgestellt hat, der besonders geeignet ist, die Unsicherheit des hohen Alters zu unterstreichen.
Und irgendwie schaffte es Guthrie auch weiterhin, den Geist in gewohnter Meisterschaft darzustellen und dafür gelegentlich Anerkennung zu finden. In der Tat bestand Sybil Jameson darauf, daß der stets betrunkene Guthrie jetzt in der Rolle des Geistes eine Spur besser sei. Und Guthrie selbst sprach unentwegt von unserem dreitägigen Aufenthalt in Wolverton, obwohl sich jetzt ebenso oft dunkle Besorgnis in die väterlichen Erwartungen mischte. Nun, dieser dreitägige Aufenthalt kam wirklich. Wir erreichten Wolverton an einem spielfreien Tag. Zur Überraschung der meisten von uns, aber besonders zur Überraschung Guthries, standen sein Sohn und seine Tochter am Bahnsteig, um ihn mit ihren entsprechenden Gatten und allen ihren Kindern und einer großen Schar von Freunden willkommen zu heißen. Als sie ihn entdeckt hatten, brachen sie in frenetische Begrüßungsschreie aus.
Später fand ich heraus, daß Sybil Jameson, die Guthries Familie kannte, alle guten Kritiken nach Wolverton geschickt hatte, weswegen sie ganz begierig darauf waren, endlich mit ihm Versöhnung zu feiern und sich ihm gegenüber so lärmend wie möglich zu benehmen. Als er die Gesichter seiner Kinder und Enkelkinder sah und feststellte, daß die Schreie ihm galten, wurde der alte Guthrie ganz rot im Gesicht und strahlte. Sie scharten sich um ihn und schleppten ihn für einen Abend zum Feiern davon.
Am nächsten Tag hörte ich von Sybil, die sie mitgenommen hatten, daß alles sehr schön verlaufen sei. Er hatte zwar wie ein Fisch getrunken, aber sich in bewundernswerter Weise unter Kontrolle gehalten. Niemand außer ihr hatte etwas bemerkt. Guthries Versöhnung mit jedermann, vollkommen Fremde eingeschlossen, hatte aller Herzen erwärmt. Sein Schwiegersohn, ein streitsüchtiger Kerl, war ärgerlich geworden, als er hörte, daß Guthrie am dritten Abend nicht mehr den Brutus spielen durfte, und er erklärte rundheraus, daß Gilbert Usher auf seinen prächtigen Schwiegervater eifersüchtig sei. Alles war längst vergeben. Daß sie sogar versucht hatten, die alte Sybil zu Guthrie ins Bett zu legen, mag der romantischen Vorstellung entsprungen sein, jeder Schauspieler müsse selbstverständlich eine Geliebte haben. All das war natürlich sehr schön für Guthrie und in einer gewissen Weise auch für Sybil, doch ich vermute, daß nach zwei Monaten ununterbrochener, kaum kontrollierter Trunkenheit die nächtliche Ausschweifung ungefähr das Schlimmste war, was man dem angegriffenen Herzen des aufgedunsenen alten Jungen hätte antun können.
Am ersten Abend begleitete ich Joe Rubens und Props zum Wolvertoner Theater, um mich zu vergewissern, ob die Bühnenbilder richtig aufgestellt und die Kostümkisten alle sicher angekommen und aufbewahrt waren. Joe ist unser Bühnenmeister. Er war in seiner Jugend Profiboxer und hat seitdem eine eingeschlagene Nase. In der Meinung, daß ein Schauspieler alles wissen müsse, hatte ich einmal damit begonnen, bei ihm Boxstunden zu nehmen, aber während der dritten Stunde marschierte ich in einen matten rechten Haken hinein, der mich zwar nicht direkt umwarf, aber ich hörte noch sechs Stunden später das leichte Dröhnen von Glocken in meinem Kopf. Das war das Ende meiner Karriere als Faustkämpfer. Joe ist daneben auch ein sehr anpassungsfähiger Schauspieler; er schwärmt von seiner eigenen Genialität, und in den Staaten kommt es oft vor, daß er während des Weihnachtsmonats in großen Kaufhäusern einen Job als Nikolaus offeriert bekommt.
Das ›Monarch‹ – so hieß das Theater, in dem wir spielen sollten – war ein labyrinthisches altes Gebäude, sehr finster hinter der Bühne, aber mit einem großen Kaninchenbau von schmutzigen kleinen Garderoben und sogar einer Requisitenkammer links von der Bühne, die wie ein L geformt ist. Ihre leeren Regale waren dick mit Staub bedeckt.
Jahrelang hatte im ›Monarch‹ keine Show mehr stattgefunden, wie ich den vergilbenden Plakaten entnehmen konnte, die ich von den Anschlagtafeln herunterriß und durch ein einfaches: HEUTE ABEND UM 8.30: HAMLET ersetzte. Und dann bemerkte ich in dem kalten unzulänglichen Licht ein paar winzige dunkle Schatten, die sich vom Hängeboden herabfallen ließen und in weiten schnellen Kreisen herumschwebten, auch in den Zuschauerraum hinaus, da der Vorhang auf war. Fledermäuse, stellte ich entsetzt fest – das ›Monarch‹ war wirklich schon halbwegs durch das Friedhofstor hindurch. Die Fledermäuse würden recht gut zu Macbeth passen, versuchte ich mir einzureden, aber weniger gut zum Kaufmann von Venedig, während sie bei Hamlet weder hilfreich noch hinderlich sein würden, vorausgesetzt, sie ließen sich nicht in nächtlichen Kampfformationen herabfallen; es wäre doch sehr zu begrüßen, wenn sie sich für die Dauer der Geisterszenen ruhig verhielten.
Ich bin sicher, daß der Prinzipal beschlossen hatte, in Wolverton mit Hamlet zu eröffnen, um Guthrie die beste Chance für einen erfolgreichen Einstand in der Heimatstadt seiner Kinder zu geben.
»Es ist ein ziemlich verwunschenes Haus«, stellte Billy Simpson begeistert fest. »Ich wette, die Mädchen werden einige seltene Geister hier finden, wenn sie ihr Brett bearbeiten.«
Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, wie recht er damit hatte. »Bruce!« rief Joe Rubens mir zu. »Wir sollten vielleicht ein paar Rattenfallen kaufen und im Theater auslegen. Etwas huscht dauernd hinter dem Vorhang herum.« Aber als ich am nächsten Abend eine Stunde vor Beginn der Vorstellung durch die knarrende, dicke Metallbühnentür das ›Monarch‹ betrat, war das Gebäude gefegt und oberflächlich gereinigt worden. Die ›Hamlet‹-Kulissen sahen nicht mehr so düster und schrecklich aus, obwohl man den Vorhang noch nicht heruntergelassen hatte und das Haus mit seinen leeren Sitzreihen und den beiden mattgrünen Lampen am Ausgang nur schwach beleuchtet war. Es gab noch eine kleine Lampe an der Bühnenrampe rechts und eine andere Lichtquelle auf der linken Bühnenseite hinter den Kulissen. Niemand außer mir war im Theater.
Ich ging äußerst behutsam quer über die dunkle Bühne, um nicht über ein Kabel zu stolpern. Wieder spürte ich jenes elektrisierende Gefühl, das mich so oft in einem leeren Theater am Abend vor einer Aufführung befällt. Nur kam diesmal irgend etwas hinzu, das mir einen Schauer über den Rücken jagte. Ich glaube, es war nicht so sehr der Gedanke an die Fledermäuse, die jetzt, für mich unsichtbar, über meinem Haupt schweben konnten, ihre fast unhörbaren schrillen Trompetenschreie ausstoßend, es war auch nicht der Gedanke an die Ratten, die mich, hinter Kisten und Plattformen verborgen, vielleicht aus ihren Schlitzaugen beobachteten. Vor knapp einer Stunde hatte mir Joe nämlich gesagt, daß die von ihm noch letzte Nacht aufgestellten Fallen heute leer gewesen seien.
Nein, es war vielmehr, als hätten sich alle Gestalten Shakespeares unsichtbar um mich versammelt. Ich stellte mir Rosalinde und Falstaff und Prospero vor, wie sie mich Arm in Arm lächelnd beobachteten. Und Seite an Seite, aber ohne zu lächeln und auch nicht Arm in Arm: Macbeth und Jago und Richard III.
Ich schritt durch die gegenüberliegenden Kulissen, wo unter einem trüben Licht Billy Simpson mit den ›Hamlet‹-Requisiten an seinem Tisch saß: den Schädeln, Floretten, Laternen, Geldtaschen, Ophelias Blumen und all dem anderen Kram. Es war seltsam, daß Props schon so früh alles fertig hatte, und ein wenig seltsam war auch, daß er allein war, denn Props hat die für einen Schauspieler ungewöhnliche Eigenart, sich überall Freunde zu machen. Bei ihm waren Polizisten, Blumenfrauen, Zeitungsjungen und Tramps, die sich als arme Schauspieler ausgaben, bestens aufgehoben. Er lud sie sogar zu sich hinter die Bühne ein – ein Bruch der Regeln, den der Prinzipal indes erlaubte, weil Props ein so sensibler Kerl war. Er war ein großer Menschenfreund, und vor allem ein Freund der einfachen Menschen. Er hätte einen guten Schriftsteller abgegeben, wenn man einmal von seinem hervorstechenden Mangel an dramatischem Flair und Erzählgeschick absieht – er war viel zu weitschweifig, was wohl mit seinem Beruf zusammenhing. Jetzt saß er über seinen Tisch gebeugt in der Requisitenkammer mit den leeren Regalen und starrte mich höhnisch an. Auf seine hohe Stirn fiel mattes Licht, sein spitzes Kinn lag im Schatten und seine großen Augen huschten zwischen Licht und Dunkel unruhig hin und her. Gewöhnlich grüßte er jeden sofort, aber heute abend blieb er stumm, und das paßte zu der Illusion.
»Props«, sagte ich, »durch dieses Theater weht ein übernatürlicher Hauch.« Sein Ausdruck blieb unverändert, aber er zog feierlich die Luft ein, warf seinen Kopf in den Nacken und streckte sein spitzes Kinn in das Licht, was die Illusion im Nu zerstörte.
»Staub«, sagte er dann. »Staub, alter Plüsch, Kulissen, Schweiß, Gelatine, Puder und ein leichter Geruch nach Whisky. Aber das Übernatürliche … nein, ich kann es nicht riechen. Wenn nicht …« Und er schnüffelte wieder, schüttelte aber seinen Kopf. Ich lächelte über seinen Materialismus. Der Hinweis auf den Whisky schien aus der Luft gegriffen zu sein, da ich nicht getrunken hatte, Props niemals trank und Guthrie Boyd nirgendwo zu sehen war. Props hat für sensorische Details ein unfehlbares Gedächtnis, besonders für Einzelheiten, die auf menschliche Gewohnheiten schließen lassen. Vielleicht ist er deshalb so versessen auf Details, weil er Sympathie für alle Hoffnungen und Schwächen der Menschen empfindet, sogar für die trivialsten, wie meine selbstsüchtige Vernarrtheit in Monica.
»Ich meine nicht einen wirklichen Geruch, Billy«, sagte ich zu ihm, »aber ich fühle und spüre etwas, das heute nacht passieren könnte.« Er nickte feierlich. Bei irgendeinem anderen hätte ich mich jetzt gefragt, ob er nicht ein wenig betrunken sei. Dann sagte er: »Du warst auf der Bühne. Du weißt, die Science-Fiction-Schriftsteller haben dort eine Wette verloren. Wir haben bereits jetzt Zeitmaschinen. Theater. Theater sind Zeitmaschinen und auch Raumschiffe. Sie nehmen die Leute auf Reisen durch die Zukunft und durch die Vergangenheit und sonstwohin mit – ja, und wenn sie es gut genug machen, dann gewähren sie noch Einblick in Himmel und Hölle.«
Ich nickte nachsichtig. Mit solch grotesken Fantasien versucht Props der Eintönigkeit zu entfliehen.
»Nun«, sagte ich, »wir wollen hoffen, daß Guthrie an Bord des Raumschiffes kommt, bevor sich der Vorhang hebt. Wir müssen uns heute abend ganz darauf verlassen, daß seine Kinder vernünftig genug sind, ihn hier intakt abzuliefern. Was durchaus nicht sicher ist, wenn man Sybils Worten über sie Glauben schenken darf.«
Props starrte mich wie eine Eule an und schüttelte langsam seinen Kopf. »Guthrie ist vor zehn Minuten hier eingetroffen«, sagte er, »und sah nicht betrunkener aus als gewöhnlich.«
»Das erleichtert mich«, sagte ich und meinte es auch so.
»Die Mädchen halten eine Ouija-Sitzung ab«, fuhr er fort, als ob er dazu ausersehen sei, über uns jederzeit Bericht zu erstatten. »Sie haben genauso wie du das Übernatürliche hier gerochen, und sie befragen das Brett nach dem Namen des Verbrechers.« Dann bückte er sich.
Ich nickte. Der Lichtschein aus Gertrude Graingers Garderobe bestärkte mich darin, daß die Damen dort am Ouija-Brett saßen. Props tauchte wieder aus seiner gebückten Stellung auf und hielt eine kleine Flasche Whisky in seiner Hand. Ich glaube nicht, daß mich ein geladener Revolver so sehr verblüfft hätte. Er öffnete den Verschluß.
»Der Prinzipal kommt gerade«, sagte er ruhig, als er die Bühnentür knarren hörte. »Jetzt sind bereits sieben von uns im Theater.« Langsam trank er einen großen Schluck Whisky und schraubte dann die Flasche mit einer so natürlichen Handbewegung wieder zu, als würde er allabendlich nichts anderes tun. Ich glotzte ihn kommentarlos an. Was er da gerade tat, war ganz einfach unerhört für Billy Simpson.
In diesem Augenblick vernahm ich einen scharfen Schrei und das Klopfen auf dünnes Holz. Dann hörte ich irgend etwas Metallisches gellend herunterfallen und hastende Schritte. Ich lief so schnell ich konnte zur Tür von Gertrude Graingers Garderobe, ohne mich darum zu kümmern, ob ich in der Dunkelheit über Kabel stolperte.
Ich riß die Tür auf und sah beim hellen Schein der Glühbirnen, die den Spiegel einrahmten, Gertrude und Sybil eng zusammensitzend, das Ouija-Brett umgestürzt vor ihnen auf dem Boden. Blaß und mit starrem Blick preßte sich Monica an Gertrudes Kostüme, die auf einem Ständer hingen, als wollte sie sich hinter ihnen verstecken. Sie schien mich nicht zu bemerken. Das dunkelgrüne, schwere Brokatkostüm, das Gertrude als Königin in Hamlet trägt, unterstrich Monicas Blässe. Alle drei trugen immer noch ihre Straßenkleidung.
Ich ging auf Monica zu, legte einen Arm um sie und ergriff ihre Hand. Sie war kalt wie Eis. Monica stand erstarrt vor mir.
Währenddessen erhob sich Gertrude und erklärte in hochmütigen Tönen, was ich Ihnen schon früher erzählt habe: daß sie das Brett befragt hätten, wer der Geist sei, der heute nacht das ›Monarch‹ heimsuchen würde, und daß die Planchette den Namen Shakespeares buchstabiert hätte.
»Ich weiß nicht, warum dich das so aufregt, meine Liebe«, fügte sie mürrisch hinzu. »Es ist doch nur natürlich, wenn sein Geist die Vorstellungen seiner Stücke besucht.«
Ich spürte, wie sich der schlanke Körper in meinem Arm ein wenig entspannte. Das erleichterte mich. In meiner Eigensucht freute es mich sogar, einen Arm um sie legen zu dürfen, selbst unter so öffentlichen und wenig amourösen Umständen, während zur gleichen Zeit mein alberner Verstand etwas ganz anderes dachte. Wenn Props mich nun belogen hätte, als er sagte, daß Guthrie nicht betrunkener als gewöhnlich im Theater angekommen sei (dieser neue Props, der harten Whisky im Theater trank, konnte ja auch lügen, vermutete ich) – warum konnten wir uns dann bei der heutigen Abendaufführung nicht gleich William Shakespeares selbst bedienen. Schließlich war der Geist in Hamlet die einzige Rolle in all seinen Dramen, die Shakespeare höchstpersönlich auf der Bühne gespielt haben soll. »Ich weiß nicht, warum das jetzt gerade mir wieder geschieht«, sagte Monica plötzlich, indem sie heftig ihren Kopf schüttelte, als wollte sie ihn wieder klar bekommen. Schließlich erkannte sie mich und versuchte sogleich, sich von mir zu lösen, ließ aber dann meinen Arm gnädigst auf ihrer Schulter liegen.
Die nächste Stimme, welche sprach, war die des Prinzipals. Er stand mit einem leichten Lächeln im Türrahmen, Props blickte über seine Schulter. Der Prinzipal sagte sanft, während ein seltsamer Glanz in seinen Augen flackerte: »Ich meine, wir sollten uns damit begnügen, Shakespeares Dramen zu neuem Leben zu erwecken, ohne uns über den Autor den Kopf zu zerbrechen. Es ist hart genug, Shakespeare zu spielen.« Er ging mit seinen grazilen, ganz natürlich anmutenden Bewegungen einen Schritt nach vorn, ließ sich auf die Knie fallen und hob das heruntergefallene Brett samt Planchette auf. »Auf alle Fälle möchte ich das Brett für heute in Gewahrsam nehmen. Fühlen Sie sich jetzt etwas besser, Miß Singleton?« fragte er, als er sich wieder erhoben hatte.
»Ja, ganz gut«, antwortete sie flüsternd, befreite sich aus meinen Armen und entzog sich mir ziemlich schnell.
Der Prinzipal nickte freundlich. Gertrude Grainger sah ihn kalt an und gab sich offenbar alle Mühe, ihm nicht einige Gehässigkeiten ins Gesicht zu schleudern. Sybil Jameson blickte zu Boden. Sie sah bestürzt und im höchsten Maße verwirrt aus. Ich verließ mit dem Prinzipal die Garderobe und erzählte ihm, daß Guthrie Boyd laut Props heute schon sehr früh ins Theater gekommen sei. Im Augenblick kam es mir ziemlich albern vor, Props’ Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen, wenngleich dieser Drink eben ein unerklärliches Rätsel blieb. Props sagte noch, daß Guthrie etwas geistesabwesend gewirkt habe, aber immerhin war er hier.
Der Prinzipal nickte ob dieser Nachricht dankbar mit dem Kopf, dann ließ er schnuppernd seine Nase wandern und runzelte besorgt die Stirn. Ich war nicht sicher, ob er die Alkoholfahne gerochen hatte und jetzt gerne wissen wollte, wem von uns beiden sie gehörte – vielleicht gehörte sie auch einer der Damen, und natürlich ließ sich die Möglichkeit nicht ausschließen, daß Guthrie vor kurzem hier vorbeigegangen war.
»Würden Sie bitte für eine Sekunde mit in meine Garderobe kommen?« fragte er mich.
In der Annahme, daß er mich für den Trunkenbold hielt, folgte ich ihm und überlegte mir bereits krampfhaft, was ich ihm antworten sollte – vielleicht wäre es am besten, einfach schweigend seine väterlichen Ermahnungen über mich ergehen zu lassen –, aber als er dann die Lichter anknipste und ich die Tür geschlossen hatte, war seine erste Frage: »Sie sind in Miß Singleton verliebt, nicht wahr, Bruce?«
Als ich ohne zu zögern nickte, so überrumpelt war ich, fuhr er mit sanfter, aber nachdrücklicher Stimme fort: »Warum hören Sie dann nicht auf, sich wie ein Narr zu benehmen? Versuchen Sie doch endlich, sie zu erobern! Es mag den Anschein haben, als dulde ich keine Liebesaffären in meiner Truppe, aber in diesem Fall scheint es mir doch die beste Lösung, mit diesen Ouija-Sitzungen Schluß zu machen, die dem Mädchen sichtlich schaden.«
Ich versicherte ihm grinsend, daß es mir ein Vergnügen sei, seinem Ratschlag zu folgen, fest entschlossen, sogleich die Initiative zu ergreifen.
Er grinste zurück, warf das fatale Instrument auf die Couch, doch dann holte er es wieder und legte das Ouija sorgfältig auf seinen langen Garderobentisch, bevor er mir eine zweite Frage stellte.
»Was halten Sie von den Dingen, die mit diesem Brett geschehen, Bruce?«
»Nun ja«, antwortete ich, »was zuletzt geschah, hat auch mich einigermaßen erschreckt – ich vermute …« Und dann erzählte ich ihm, wie ich die Gegenwart der Shakespeareschen Gestalten im Dunkeln zum Greifen nahe gespürt habe. »Aber das Ganze ist natürlich blühender Unsinn«, schloß ich und versuchte wieder zu grinsen.
Diesmal grinste er nicht zurück.
»Vor einigen Wochen«, drängte es mich zu sagen, »beeindruckte mich eine ihrer Ideen, obwohl Sie selbst wenig beeindruckt schienen. Ich hoffe, Sie denken jetzt nicht, daß ich Ihnen schmeicheln will, Mr. Usher. Ich spreche von der Idee, daß Sie eine Reinkarnation William Shakespeares sein könnten.«
Er lachte hocherfreut. »Es ist doch klar«, sagte er daraufhin, »daß Sie den Unterschied zwischen einem Schauspieler und einem Dramatiker jetzt noch nicht kennen, Bruce. Shakespeare, wie er seinen Kopf zurückwirft, romantisch einherstolzierend, sein Schwert herumwirbelnd, Körper und Stimme jedem Gefühl anpassend, das man ihm entgegenbringt? O nein! Ich gebe zu, es ist durchaus möglich, daß er den Geist gespielt hat – eine Rolle, die nicht mehr Talent erfordert, als stillzustehen und wie aus dem Grabe zu tönen.«
Lächelnd hielt er inne. »Nein«, fuhr er fort, »es gibt nur eine Person in unserer Truppe, die man sich als Reinkarnation Shakespeares vorstellen könnte – und das ist Billy Simpson. Ja, ich meine Props. Er kann zuhören und weiß, wie man mit Menschen umgeht und sich auf sie einstellt. Sein Geist ist wie eine Rattenfalle, in der sich die geringste Regung, jeder Duft und jedes Geräusch des Lebens fängt. Und er hat einen scharfen analytischen Verstand. Oh, er weiß, daß es ihm an poetischem Talent mangelt, aber ich bin nicht sicher, ob eine Reinkarnation Shakespeares sehr poetisch sein würde. Ich glaube vielmehr, daß er mindestens ein Dutzend Leben gebraucht hat, um genügend Material für eine der Gestalten zusammenzubekommen, der er dramatische Form gab. Empfinden Sie die Vorstellung von einem stummen, aller Glorie entkleideten Shakespeare nicht schmerzlich, der sein ganzes bescheidenes Leben damit verbringt, den nötigen Stoff für eine einzige, dann allerdings einzigartige Explosion zu sammeln? Denken Sie doch einmal darüber nach. Ich habe mir schon Gedanken wegen dieser, wie ich meine, faszinierenden Vorstellung gemacht. Dabei kristallisierte sich ganz natürlich jenes Gefühl heraus, das mich immer befällt, wenn ich Billy Simpson hinter seinem Requisitentisch beobachte. Und dann hat Props genau das hochstirnige Poeten-Lehrer-Gesicht, das so sehr jenem Gesicht Shakespeares gleicht, wie wir es aus den posthumen Graphiken, Holzschnitten und Porträts kennen. Warum auch nicht – sogar ihre Initialen sind identisch. Ein höchst sonderbares und unheimliches Gefühl.«
Dann stellte mir der Prinzipal eine dritte Frage: »Er hat heute abend getrunken, nicht wahr? Ich meine Props, nicht Guthrie.«
Ich antwortete nichts, aber mein Gesichtsausdruck schien mich verraten zu haben – zumindest bei einem so versierten Kenner mimischer Nuancen wie dem Prinzipal –, denn er sagte lächelnd: »Deshalb brauchen Sie nicht beunruhigt zu sein. Ich bin ihm nicht böse. Ich erinnere mich nur an eine andere Gelegenheit, bei der sich Props im Theater Mut antrank, und dafür bin ich ihm noch heute dankbar.« In sein schmales Gesicht trat ein nachdenklicher Ausdruck: »Es war lange vor Ihrer Zeit, um genau zu sein, es war die erste Saison, in der ich mit einer eigenen Truppe auftrat. Ich hatte nicht einmal genug Geld, um die Plakate beim Drucker zu bezahlen. Es war mehr als fraglich, ob sich der Vorhang zur ersten Aufführung heben würde. Monatelang war die Situation äußerst kritisch. Dann, mitten in der Saison, begann uns auch noch das Pech zu verfolgen – zwei Nächte lang lag dichter Nebel über der Stadt, in der wir gerade spielten, die Grippe grassierte, und Harvey Wilkins Shakespeare-Company war uns zwei Wochen voraus. Als wir in der nächsten Stadt spielten, stellte sich heraus, daß der Vorverkauf sehr zäh anlief, kein Wunder, mein Name war dort unbekannt, und das Theater erfreute sich keiner großen Beliebtheit. Mir wurde klar, daß ich die Truppe ausbezahlen mußte, solange überhaupt noch etwas Geld in der Kasse war, damit meine Schauspieler nach Hause fahren konnten. In dieser Nacht erwischte ich Props beim Saufen, aber ich hatte nicht das Herz, ihm deswegen Vorwürfe zu machen – in der Tat glaubte ich nicht, daß ich damals irgend jemanden hätte tadeln können, mich selbst natürlich ausgenommen, wenn er sich an diesem Abend einen Rausch angetrunken hätte. Aber dann kamen während der Vorstellung die Schauspieler und Bühnenarbeiter, die mit uns reisten, von sich aus zu mir in die Garderobe und sagten, sie würden für weitere zwei Wochen gern ohne Gage arbeiten, wenn ich der Meinung sei, daß wir auf diese Weise unsere Verluste wieder einspielen könnten. Nun ja, ich nahm ihr Angebot selbstverständlich an. Dann bekamen wir prächtiges Wetter und fanden ein paar Orte, die nach Shakespeare geradezu hungerten. Die Dinge rückten wieder ins rechte Lot, und noch vor Ende der Spielzeit konnte ich die fälligen Gagen ausbezahlen. Später entdeckte ich, daß Props sie zu diesem Schritt überredet hatte.«
Gilbert Usher blickte mich aus feuchten Augen an, seine Lippen zuckten: »Allein hätte ich es niemals geschafft, denn meine Truppe war in dieser ersten Saison noch ziemlich unpopulär. Außerdem hatte ich die Schauspieler viel zu hart angefaßt und war unfähig gewesen, meinen Sarkasmus zu zügeln. Auch hatte ich damals noch nicht gelernt, jemanden um Hilfe zu bitten, als ich Hilfe dringend nötig hatte. Aber Billy Simpson tat, was in seiner Macht stand, obwohl er dazu all seinen Mut zusammennehmen mußte. Sie wissen ja, daß er gewöhnlich recht flink mit der Zunge ist, vor allem, wenn er freundliche Zuhörer hat. Aber wenn ihm etwas Außerordentliches abverlangt wird, muß er sich offensichtlich erst Mut antrinken. Ich frage mich …«
Seine Stimme verstummte, er stellte sich vor den Spiegel, band seine Krawatte ab und sagte brüsk: »Es ist besser, Sie ziehen sich jetzt um, Bruce. Und kümmern Sie sich bitte um Guthrie.«
Als ich die Eisenstufen zu meiner Garderobe hinaufeilte und dabei fast mit Robert Dennis zusammengestoßen wäre, schossen mir seltsame Gedanken durch den Kopf. Kaum hatte ich mich in das Kostüm des Güldenstern geworfen, als Robert zu mir kam, der den Laertes spielte und deshalb später auftrat. Wenn Hamlet auf dem Spielplan stand, brauchte er sich nicht besonders zu beeilen. Im übrigen lag uns beiden daran, so wenig Zeit wie möglich in der Garderobe zu verbringen.
Bevor ich wieder hinunterging, sah ich noch einmal nach Guthrie Boyd, den ich jedoch nicht antraf. Aber in seiner Garderobe brannte Licht, und ich konnte darin nichts bemerken, was zum Kostüm des Geistes gehörte – unmöglich, den großen Helm zu übersehen! –, und so nahm ich an, daß er schon vor mir hinuntergegangen war.
Nur noch eine halbe Stunde. Der Vorhang war noch zu, aber im Zuschauerraum brannten schon die Lichter, und auch die Bühne war jetzt heller beleuchtet. Von der Truppe war kaum jemand zu sehen. Ich entdeckte Props, der auf seinem Stuhl hinter dem Requisitentisch saß und genauso aussah wie immer – vielleicht bedeutete der Drink nur eine vorübergehende Entgleisung und nicht gleichzeitig ein alarmierendes Krisensymptom unserer Truppe.
Nach Guthrie zu suchen hielt ich für überflüssig. Wenn er sich rechtzeitig umgekleidet hat, steht er meist irgendwo in einer dunklen Ecke und wünscht nichts sehnlicher, als allein gelassen zu werden – mag sein, um noch einen Schluck zu trinken, das wird es sein, da liegt wohl der Hund begraben. Manchmal besucht er dann auch Sybil in ihrer Garderobe.
Ich bemerkte Monica, die auf einem Koffer nahe dem Schaltbrett im hinteren Teil des Bühnenraums saß, der in helles Licht getaucht war. Sie sah himmlisch zart in ihrer blonden Ophelia-Perücke aus, wie ein strahlender Frühlingstag, was ihr hellgrünes Kostüm allerliebst betonte. Ich erinnerte mich meines frohgemuten Versprechens dem Prinzipal gegenüber, beugte mich zu ihr herunter und fragte sie in aller Offenheit, was es mit dem Ouija-Brett nun wirklich auf sich habe.
Ehrlich gesagt, ich war hocherfreut, daß es neben dem Theaterspielen noch etwas gab, worüber ich mit ihr sprechen konnte, ohne ihr auf die Nerven zu gehen.
Sie war sehr aufgeregt und zugleich seltsam geistesabwesend, ihr Blick irrte unruhig hin und her und verlor sich in der Ferne, um gleich darauf wieder ganz nah zu sein. Meine Fragen brachten sie nicht aus der Fassung, in Wirklichkeit schienen sie ihr ganz willkommen zu sein; andererseits mochte sie mir nicht verraten, warum sie der letzte Name auf dem Brett so erschreckt hatte. Sie sei in einen tranceartigen Zustand verfallen, während sie das Brett befragte, und dann hätte sie plötzlich laut aufgeschrien, ohne richtig zu begreifen, was sie nun eigentlich so entsetzt habe. Was dann geschehen sei, wisse sie nicht mehr.
»Eines weiß ich aber sicher, Bruce: Ich werde das Brett nie mehr zu Rate ziehen.«
»Das klingt sehr vernünftig«, sagte ich etwas zurückhaltend, damit sie nicht merkte, wie sehr mich das freute. Inzwischen hatte sie auch aufgehört, mit ihren Blicken das Dunkel zu durchbohren, als könnte jeden Augenblick eine Gestalt daraus auftauchen, die nicht in das Stück gehörte und hinter der Bühne nichts zu suchen hatte.
»Vielen Dank«, sagte sie, ihre Hand auf die meine legend, »daß Sie so schnell gekommen sind. Ich weiß, ich habe mich idiotisch benommen.« Ich war gerade im Begriff, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und ihr zu gestehen, daß ich in meiner Verliebtheit einzig und allein ihretwegen so schnell herbeigeeilt sei, aber in diesem Augenblick kamen Joe Rubens und der Prinzipal, der bereits das ›Hamlet‹-Schwarz angelegt hatte, um mir mitzuteilen, daß man weder Guthrie Boyd noch sein Kostüm irgendwo im Theater habe finden können.
Joe hatte von Sybil die Telefonnummern von Guthries Kindern erfahren und versuchte sie jetzt anzurufen. Bei der ersten Nummer, die er wählte, meldete sich niemand, aber bei der zweiten hatte er mehr Glück. Eine weibliche Stimme, wahrscheinlich eines der Enkelkinder, teilte ihm mit, daß alle zu Guthrie Boyd in Hamlet gegangen seien.
Da Joe bereits seine schwere Panzerrüstung für den Marcellus trug, wußte ich, daß der Prinzipal mich ausersehen hatte. Also rannte ich die Treppe hinauf, setzte meinen Hut auf, zog meinen Mantel an, warf einen flüchtigen Blick auf meine Armbanduhr und verließ das Theater, vorbei an Robert Dennis, der den wahren Grund meiner Mission durchschaute und mir riet, es zuerst in den schäbigen Bars zu versuchen. Auf meinem Weg durch die in der Nähe des Theaters gelegenen Bars tröstete mich der Gedanke, daß niemand einen Blick auf mein eigenes Kostüm werfen würde, wenn ich den besoffenen Geist von Hamlets Vater tatsächlich finden sollte. Kurz vor Beginn der Vorstellung kam ich ins Theater zurück. Ich war weder Guthrie noch irgendeiner Menschenseele begegnet, die den großen Mann gesehen hätte, irischen Whisky saufend, angetan mit einem Wintermantel, in der Hand alte Waffen und auf dem Helm ein grünes Licht, das einen geisterhaften Schimmer auf sein Gesicht warf.
Jenseits der Rampe verklang die Ouvertüre in einem düsteren Finale. Die Bühne war vollkommen dunkel. Auf der Seite, wo der Geist auf- und abtritt, stritt man sich flüsternd. Noch im Hut und Mantel rannte ich quer über die Bühne, vorbei an den mattblau angestrahlten Zinnen von Helsingör, und traf auf den Prinzipal, neben dem Joe Rubens und John McCarthy standen. Letzterer war offensichtlich bereit, als Geist auf der Bühne aufzutreten, denn er trug über seiner Fortinbras-Rüstung einen schwarzen Umhang und grüne Schleier.
Nicht weit von ihnen entfernt stand Francis Farley Scott in einem ähnlichen Aufzug, ohne Rüstung, aber in einen Umhang gekleidet, der weit genug war, um darunter sein Königskostüm zu verbergen, auf dem Kopf einen Helm, der noch beeindruckender war als der Johns.
Ihre Gestalten hoben sich dunkel vor den bläulichen Kulissen des Schlosses Helsingör ab. Wir fünf waren die einzigen auf dieser Seite der Bühne. F.F. flehte gestikulierend um die Erlaubnis, sowohl den Geist als auch den König Claudius spielen zu dürfen, da er die Rolle besser beherrsche als John und, was wohl das wichtigste war, Guthries Stimme perfekt genug nachahmen könne, um sogar dessen Kinder zu täuschen und auf diese Weise vielleicht ihre Illusionen über ihren Vater zu bewahren. Sybil hatte durch ein Loch im Vorhang gespäht und alle gesehen, die gestern abend dabeigewesen waren. Guthries Kinder und ihre Freunde und Bekannten hielten die ganze zweite, dritte und vierte Reihe im Parkett besetzt, ungeniert plaudernd und strahlend vor Begeisterung und Aufregung.
Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, daß der Prinzipal sehr aufgebracht über F.F. war, aber auch etwas gerührt, was den letzten Teil seiner Argumentation betraf. Mit sentimental-heroischen Erklärungen dieser Art pflegte F.F. oft seinen unstillbaren Hunger nach persönlichem Ruhm zu kaschieren. Wahrscheinlich glaubte er sogar, was er sagte.
John McCarthy fügte sich bereitwillig den Anordnungen des Prinzipals. Er ist ein Schauspieler, der sich um innere Drangsale nichts schert, es sei denn, es handelt sich darum, genau buchzuführen über die Stunden seines Schlafes und über jeden Penny, den er ausgibt. Auf der Bühne indes kann John mit natürlicher Leichtigkeit Gefühle verkörpern, die er ansonsten zu fühlen vollkommen außerstande ist.
Der Prinzipal brachte F.F. mit einer energischen Geste zum Schweigen und schickte sich gerade an, einen Entschluß zu fassen, als ich eine sechste Person in den Kulissen nahe unserer Gruppe stehen sah, eine schwarze Gestalt, die aussah wie ein in Segeltuch gewickelter Christbaum, mit einem großen Helm auf dem Kopf, der trotz des Schleiers darüber keinen Zweifel an seiner Bestimmung zuließ. Ich packte den Prinzipal am Arm und deutete stumm auf die Figur. Dieser stieß einen derben Fluch aus, ging auf die Figur zu und sagte, sich verlegen räuspernd: »Guthrie, du alter Hundesohn, kannst du denn überhaupt noch auftreten?«
Die Figur grunzte bestätigend.
Joe Rubens zog eine Grimasse, die soviel wie ›Show Busineß‹ bedeutete, dann griff er sich einen Speer vom Garderobentisch und eilte, kurz bevor sich der Vorhang hob, quer über die Bühne, um seinen Auftritt als Marcellus nicht zu versäumen. Die ersten Verse des Dramas ertönten, zuerst noch etwas laut, aber atmosphärisch wunderbar dicht, dann leiser, beklemmender:
»Wer da?«
»Nein, mir antwortet: steht und gebt Euch kund.«
»Lang lebe der König!«
»Bernardo?«
»Er selbst.«
»Ihr kommt gewissenhaft auf Eure Stunde.«
»Es schlug schon zwölf; mach dich zu Bett, Francisco.«
»Dank für die Ablösung! ‘s ist bitter kalt, und mir ist schlimm zumut.«
»War Eure Wache ruhig?«
»Alles mausestill.«
Mit einem resignierenden Schulterzucken setzte sich John McCarthy nieder. F.F. tat dasselbe, allerdings mit einer ganz anderen Geste: verbittert ballte er die Fäuste. Die Szene war sehr komisch. Zwei Geister saßen in den Kulissen und beobachteten einen dritten Geist, der auf seinen Auftritt wartete. Ich knöpfte meinen Mantel auf, zog ihn aus und hing ihn über meinen linken Arm.
Die beiden ersten Erscheinungen des Geistes sind völlig stumm. Er betritt die Bühne, zeigt sich den Soldaten und verschwindet wieder. Dennoch applaudierte das Publikum – die zweite, dritte und vierte Reihe, so schien es, grüßte ihren patriarchalischen Helden. Guthrie fiel nicht zu Boden, ja, er ging sogar aufrecht, was vielleicht auf den Applaus zurückzuführen war.
Außergewöhnlich war einzig die Tatsache, daß er vergessen hatte, das kleine grüne Licht in seinem Helm anzuschalten. Aber das war eine Nachlässigkeit, die bei seinem ersten Auftritt nicht ins Gewicht fiel. Als er wieder abtrat und sich in eine dunkle Bühnenecke verziehen wollte, rannte ich zu ihm hinüber und flüsterte ihm zu, daß seine Lampe nicht brannte. Durch den undurchsichtigen grünen Schleier schlug mir als Antwort eine Whiskyfahne entgegen, ansonsten gab er mir grunzend zu erkennen, daß er es erstens bereits wußte, daß die Lampe zweitens noch funktionierte und daß er sich drittens daran erinnern würde, sie beim nächsten Male anzuschalten.
Nach diesem Auftritt schlich ich über die Bühne, wo gerade die Szene im Staatszimmer des Schlosses eingerichtet wurde. Joe Rubens hielt mich fest und sagte, Guthries Lampe sei nicht eingeschaltet gewesen, worauf ich ihm entgegnete, daß ich Guthrie schon darauf aufmerksam gemacht hätte.
»Wo, um Himmelswillen, hat er sich denn die ganze Zeit über rumgetrieben?«
»Ich weiß es nicht.«
In der zweiten Szene trat F.F. der sich inzwischen der Geisterutensilien entledigt hatte, als König auf, eine Rolle, die er fast immer spielte, seine beste übrigens. Gertrude Grainger als Königin wirkte neben ihm sehr majestätisch. Zaghaft rührte sich wieder etwas Applaus, denn unser Prinzipal betrat im schwarzen ›Hamlet‹-Wams die Bühne, um ungefähr zum siebenhundertsten Male Shakespeares längste und größte Rolle zu spielen. Monica, die immer noch auf ihrem Koffer nahe dem Schaltpult saß, sah unter ihrem Make-up blasser denn je aus. Ich faltete meinen Mantel zusammen und bedeutete ihr wortlos, ihn als Kissen zu benutzen. Dann setzte ich mich neben sie, sie nahm meine Hand, und so verfolgten wir das Spiel vor den Kulissen.
»Fühlen Sie sich besser?« fragte ich sie nach einer Weile flüsternd. Sie schüttelte den Kopf. Dann beugte sie sich zu mir herüber, wobei ihr Mund fast mein Ohr berührte, und wisperte ganz aufgeregt: »Bruce, ich habe Angst. Dieses Theater ist nicht ganz geheuer. Ich glaube einfach nicht, daß es Guthrie war, der den Geist gespielt hat.«
»Natürlich war er es«, flüsterte ich zurück. »Ich habe ja mit ihm gesprochen.«
»Haben Sie sein Gesicht gesehen?« fragte sie.
»Nein, aber ich konnte seine Fahne riechen!« Dann erzählte ich ihr die Sache mit der Helmlampe und fuhr fort: »Francis und John hatten sich beide schon als Geister verkleidet, als plötzlich Guthrie erschien. Mag sein, daß Sie einen von ihnen gesehen haben, bevor die Szene begann, und das brachte Sie auf die Idee, jemand anderer als Guthrie sei aufgetreten.«
Sybil Jameson sah anklagend zu mir herüber, weil ich offenbar zu laut gesprochen hatte. Daraufhin kam Monica noch näher mit ihrem Mund heran, so daß ihre Lippen fast mein Ohr berührten.
»Ich habe nichts dagegen, wenn jemand anderer den Geist spielt«, flüsterte sie kaum hörbar, »wirklich nicht, Bruce, aber in diesem Theater geht etwas um …«
»Sie sollten diesen Ouija-Unsinn vergessen«, sagte ich ein wenig zu scharf. »Stehen Sie jetzt bitte auf«, fügte ich noch schnell hinzu, denn der Vorhang ging eben über der zweiten Szene nieder; es war höchste Zeit für Monica, deren Auftritt mit Laertes und Polonius unmittelbar bevorstand.
Ich wartete, bis sie auf der Bühne war und ihre ersten Verse gesprochen hatte. Obwohl ich sicher war, daß ihr ihre überreizten Nerven einen Streich gespielt hatten, ließen mich ihre unheimlichen Beobachtungen erschauern. Was mich wiederum auf den Gedanken brachte, noch einmal mit Guthrie zu sprechen und mir sein Gesicht anzusehen. Während ich äußerst behutsam ging, damit sich der Vorhang nicht bauschte, ließ mich plötzlich eine Szene vor Verblüffung sprachlos innehalten, die ich schon einmal gesehen hatte, als ich von meinem Gang durch die Bars zurückgekommen war. Nur war die Bühne jetzt hell erleuchtet. Props saß hinter seinem Requisitentisch und beobachtete alles sehr aufmerksam. Hinter ihm sah ich wieder Francis Farley Scott und John McCarthy in ihren improvisierten Geist-Kostümen, und bei ihnen standen wieder der Prinzipal und Joe, alle in einen heftigen, nur für Lippenleser verständlichen Streit verwickelt, der diesmal aber viel hastiger ausgetragen wurde.
Es wurde mir schnell klar, daß Guthrie wieder verschwunden sein mußte. Als ich auf die Streitenden zuging, schoß mir der alberne Gedanke durch den Kopf, daß Guthrie letztendlich doch noch das Loch entdeckt haben könnte, durch das jeder Alkoholiker liebend gern verschwinden würde, um die Pausen zwischen den leider nun einmal notwendigen Auftritten in der reellen Welt trinkend auszufüllen.
Plötzlich rannte Donald Tryer, unser Horatio, an mir vorbei auf den Prinzipal zu und teilte ihm keuchend mit, daß er Guthrie weder in einer Garderobe noch sonst irgendwo im Bühnenraum aufstöbern könnte.
In diesem Augenblick fiel der Vorhang. Die Kulissen, vor denen Ophelia und die anderen agiert hatten, wurden hochgezogen und gaben den Blick auf die Zinnen Helsingörs wieder frei. Die helle Beleuchtung wurde auf das mitternächtliche Blau der ersten Szene herabgedämpft, so daß man momentan fast überhaupt nichts erkennen konnte. Ich hörte den Prinzipal mit größtem Nachdruck sagen: »Sie spielen den Geist.« Dann hasteten er und Joe und Don auf ihre Plätze, um sich für ihren eigenen Auftritt bereitzuhalten. Sekunden später ging der Vorhang träge zischend in die Höhe, und ich hörte den Prinzipal mit volltönender Stimme rezitieren:
»Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt.«
Dann Don als Horatio:
»‘s ist eine schneidende und strenge Luft.«
Inzwischen hatten sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt, und ich sah Francis Farley Scott und John McCarthy Seite an Seite in der Kulisse, durch die der Geist auf die Bühne tritt. Sie schienen noch immer zu streiten, denn jeder der beiden bildete sich ein, der Prinzipal hätte in der Dunkelheit auf ihn gedeutet. Was F.F. betraf, so war es natürlich jederzeit möglich, daß er sich nur diesen Anschein gab. Die Vorstellung von Zwillingsgeistern, die Arm in Arm die Bühne betreten, drohte meinen überreizten, für Komik sehr empfindlichen Verstand ins Schleudern zu bringen. Dann tauchte hinter ihnen jedoch wieder die mächtige Gestalt mit verschleiertem Helm auf – die Geschichte wiederholt sich eben. Auch Scott und McCarthy mußten sie gesehen haben, denn sie blieben abrupt stehen, bevor ich mit meiner Hand die Schulter des dritten Geistes berühren konnte. »Guthrie, sind Sie in Ordnung?« fragte ich flüsternd. Ich weiß, man darf einen Schauspieler vor seinem Auftritt nicht erschrecken, es war sehr töricht von mir, aber die Erinnerung an Monicas panische Angst und die bange Frage, wo Guthrie sich wohl versteckt hatte, machten mich völlig kopflos.
In diesem Augenblick hörte ich die Stimme Horatios:
»O seht, mein Prinz, er kommt.«
Guthrie entzog sich sogleich meinem leichten Griff, trat auf die Bühne, ohne sich auch nur umzudrehen – und ließ mich schaudernd zurück. Denn bei der Berührung seines rauhen, steifleinernen Mantels hatte ich anstelle von Guthries breiten Schultern nur etwas Körperloses gespürt. Ich versuchte mir einzureden, daß es an Guthries Umhang gelegen haben könne, der bei jeder Bewegung ein wenig von seinen Schultern wegstand. Irgend etwas in dieser Art mußte ich mir ja einreden. Dann drehte ich mich um. John McCarthy und F.F. standen vor dem Garderobentisch, zwei dunkle Gestalten, die mir einen neuen Schreck versetzten, was wohl auf meine überspannten Nerven zurückzuführen war. Hinter den Kulissen verborgen beobachtete ich das Geschehen auf der Bühne.
Der Prinzipal lag auf den Knien, während er seinen Degen mit dem Heft nach oben wie ein Kreuz hielt und seine lange Rede begann:
»Engel und Boten Gottes, steht uns bei!« …
Und natürlich hatte der Geist seinen Umhang so eng um sich geschlungen, daß man nicht sehen konnte, was darunter verborgen war. Das kleine grüne Licht in seinem Helm war noch immer nicht eingeschaltet. Für mich war es schrecklich, daß der kleine theatralische Effekt bei der heutigen Vorstellung fehlte, weil ich mir nichts sehnlicher wünschte, als Guthries verwüstetes altes Gesicht zu sehen, um endlich Gewißheit zu erlangen. Gleichzeitig nistete in meiner albernen Fantasie die bizarre Vorstellung, wie Guthries streitsüchtiger Schwiegersohn verärgert die um ihn Versammelten anzischte, daß Gilbert Usher so eifersüchtig auf seinen Schwiegervater sei, daß er ihm nicht einmal erlaube, sein Gesicht auf der Bühne zu zeigen.
In der folgenden Szene, wo der Geist allein mit Hamlet auf der Bühne ist, herrschte fünf Sekunden lang vollkommene Finsternis. Erst dann sprach der Geist seine ersten Verse:
»Hör an!«
Und:
»Schon naht sich meine Stunde,/Da ich den schwefligen, qualvollen Flammen/Mich übergeben muß.«
Falls irgend jemand von uns befürchtet hatte, der Geist könne seinen Text vergessen haben oder sei so betrunken, daß er nur noch lallte, so waren diese Sorgen im Nu verflogen. Die Verse wurden mit größter Autorität und Wirkung gesprochen. Ich war ziemlich sicher, daß ich Guthries eigene Stimme hörte. Er spielte an diesem Abend sogar besser als sonst und interpretierte die Rolle noch distanzierter, weltferner, allem Erdenleben hoffnungslos entfremdet.
Im Zuschauerraum herrschte Totenstille. Ich spürte, wie Francis Farley Scott, der seine Schulter an mich preßte, vor Angst zitterte.
Jedes Wort, das der Geist sprach, war wie ein anderer Geist, erhob sich in die Luft und hing schwebend über uns, bevor es in die Ewigkeit entschwand. »Ich bin Deines Vaters Geist: Verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandern …«
Die Worte waren kaum verklungen, da fiel mir ein, daß Guthrie ja tot sein konnte und nun sein Geist gekommen sei, um eine allerletzte Vorstellung zu geben. Ein schauderhafter, unmöglicher Gedanke, aber dann erinnerte ich mich, daß Monica ähnliche oder gar noch schrecklichere Gedanken peinigten. Ich mußte unbedingt zu ihr gehen.
Während die Worte des Geistes sich emporschwangen – wunderbare schwarzgefiederte Vögel –, lief ich wieder einmal hinter der Bühne herum. Auf der rechten Seite standen F.F. und John noch genauso da, wie ich sie verlassen hatte, bewegungslose Schemen, erstarrt und gefesselt.
Monica hatte sich von dem Schaltpult entfernt und stand jetzt, ein wenig gebückt, nahe dem Scheinwerfer, der ein diffuses blaues Licht auf den Vorhang warf.
Ich ging zu ihr hinüber, als der Geist gerade von der Bühne abtrat und sich rückwärts entlang des Lichtkegels bewegte, ohne in ihn hineinzutreten, seine letzten Worte sprechend, die noch schrecklicher und einsamer klangen, als ich sie jemals zuvor gehört hatte:
»… Lebe wohl mit eins:
Der Glühwurm zeigt, daß sich die Frühe naht,
Und sein unwirksam Feuer beginnt zu blassen.
Ade! Ade! Ade! Gedenke mein!«
Es vergingen ein, zwei Sekunden, ehe im gleichen Augenblick an zwei verschiedenen Stellen Lärm ausbrach: Monica schrie gellend auf, während gleichzeitig im Parkett und auf den Rängen donnernder Applaus losbrandete, angeheizt von Guthries Leuten, aber diesmal das ganze Publikum mitreißend. Meiner Meinung nach war es der größte Beifall, den der Geist in der ganzen Theatergeschichte jemals bekommen hat. In der Tat war mir vorher nie zu Ohren gekommen, daß sich seinetwegen extra eine Hand gerührt hätte. Es war sicher die unpassendste Stelle zum Klatschen, wenn ich auch zugebe, daß die Vorstellung den Beifall durchaus verdient hat. Aber die Atmosphäre war zerstört, und der anhaltende Applaus nahm der Szene viel von ihrem bedrohlichen Charakter.
Monicas Schrei erstickte in den Beifallswogen, so daß nur ich und einige andere aus der Truppe ihn hören konnten.
Zuerst dachte ich, ich selbst sei die Ursache für den Schrei gewesen, weil ich sie ganz plötzlich, wie zuvor Guthrie, von hinten angefaßt hatte. Aber anstatt zu erschrecken, drehte sie sich um und klammerte sich an mich. Gertrude Grainger und Sybil Jameson nahmen sich ihrer fürsorglich an und versuchten sie zu beruhigen.
Der Beifall war abgeklungen. Der Prinzipal, Don und Joe taten ihr Bestes, um die Situation zu retten, während aus den Scheinwerfern ein rosaroter Lichtschein auf die Bühne fiel: Die Dämmerung brach über Helsingör herein. Schließlich beherrschte sich Monica und erzählte uns in hastig hervorgestoßenen Worten, was sie zum Schreien gebracht hatte. Der Geist, sagte sie, sei für einen kurzen Augenblick an den Rand des blauen Lichtkegels getreten, und dabei hätte sie durch seinen Schleier ein Gesicht gesehen, das dem Gesicht Shakespeares aufs Haar glich. Ja, so sei es gewesen. Später geriet ihre Sicherheit etwas ins Wanken, aber als sie uns das erzählte, war sie noch absolut sicher, daß sie Shakespeare höchstpersönlich und niemand anderen gesehen habe.
Ich machte die Erfahrung, daß man nicht entsetzt aufschreit oder sich nach außen hin besonders exaltiert benimmt, wenn man so etwas hört. Es bringt einen eher zum Schweigen. Aber ich fühlte mich ziemlich elend, während gleichzeitig meine Verärgerung wegen des Ouija-Brettes wieder wuchs. In der Tat war ich zutiefst erregt und obendrein verdrossen und gereizt, so als hätte eine riesenwüchsige Kreatur die Spielzeugwelt meines Universums in Unordnung gebracht.
Sybil und Gertrude schien es genauso zu ergehen. Wir waren wegen dieser ganzen Sache alle sehr bestürzt, und auch Monica war auf ihre Weise eingeschüchtert. Gleich würde der Vorhang nach jener Szene fallen, mit der der erste Akt endet. Dann würden auch die Bühnenlichter aufleuchten.
Als der Vorhang schließlich fiel – mit einer weiteren Runde Applaus von jenseits der Rampe – und wir über die Bühne gingen, Monica dicht neben mir, denn mein Arm lag noch immer auf ihrer Schulter, da hörten wir einen erstickten männlichen Schreckensschrei, der uns entsetzte und zur Eile antrieb. Ungefähr zur gleichen Zeit waren fast ein Dutzend Personen auf der linken Bühnenseite versammelt, unter ihnen natürlich der Prinzipal und die anderen, die auf der Bühne gewesen waren.
F.F. und Props standen in der Tür zur Requisitenkammer und blickten in den versteckten Teil des L-förmigen Raumes hinab. Sogar von der Seite sahen die beiden recht mitgenommen aus. Dann kniete sich F.F. nieder und verschwand aus meinem Gesichtsfeld, während Props sich in gekrümmter Haltung über ihn beugte.
Als wir uns mit hochgereckten Hälsen um Props drängten, um einen Blick zu erhaschen – ich war unter den ersten und stand direkt neben dem Prinzipal –, sahen wir etwas, das nur einen einzigen Schluß zuließ: Dieser Geist würde nie mehr vor den Vorhang treten und sich für den Applaus bedanken können, der noch immer aus dem Zuschauerraum heraufbrandete, obwohl die Hauslichter für die erste Pause bereits an sein mußten.
Guthrie Boyd lag in seinen Straßenkleidern auf dem Rücken. Sein Gesicht sah grau aus, seine Augen blickten starr. Um ihn herum verstreut lagen der Umhang des Geistes, der Schleier, der Helm und eine leere Whiskyflasche.
Zwischen den beiden unmittelbar aufeinanderfolgenden Erschütterungen – Monicas Enthüllung und die Entdeckung des Leichnams in der Requisitenkammer – hatte sich ein Zustand der Erschöpfung meines Denkens bemächtigt. Monicas hilfloser, ungläubig staunender Gesichtsausdruck verriet mir, daß sie das gleiche wie ich fühlte. Ich versuchte, die Dinge wieder ineinanderzufügen, aber sie wollten einfach nicht mehr zusammenpassen.
F.F. schaute uns über seine Schulter hinweg an. »Er atmet nicht mehr«, sagte er, »ich fürchte, er ist tot.« Dann begann er, Boyds Krawatte aufzubinden, sein Hemd aufzuknöpfen und seinen Kopf auf den zusammengerollten Umhang zu betten. Er reichte uns die Whiskyflasche zurück, deren sich Joe schleunigst entledigte.
Der Prinzipal schickte jemanden nach einem Arzt, und innerhalb von zwei Minuten brachte Harry Grossman einen aus dem Publikum herauf, der seine Platznummer und sein Köfferchen an der Abendkasse hinterlassen hatte.
Er war ein kleiner Mann – kaum die Hälfte von Guthrie – und vor Schreck fast gelähmt, aber er versuchte sich gerade deshalb mit größter professioneller Würde aufrechtzuhalten, als wir ihm Platz machten und uns hinter ihm zusammendrängten.
Er bestätigte F.F.’s Diagnose und erhob sich schnell wieder, nachdem er sich für ein paar Sekunden bei Guthrie niedergekniet hatte. Dann sagte er sehr hastig zum Prinzipal, so als würden ihm die Worte entgegen seiner gewohnten beruflichen Zurückhaltung überraschend entschlüpfen: »Mr. Usher, wenn ich nicht selbst Zeuge gewesen wäre, daß dieser Mann soeben eine großartige schauspielerische Leistung vollbracht hat, würde ich denken, er ist seit einer Stunde oder länger tot.«
Er sprach so leise, daß ihn nur wenige verstanden, aber ich verstand ihn, und auch Monica schien ihn verstanden zu haben. Und das war die dritte große Erschütterung – ich stellte mir für einen Augenblick das grauenhafte Bild vor, wie Guthrie Boyds Geist oder irgendein anderes Wesen seinen toten Körper zwang, diese letzte Aufführung durchzustehen. Wieder einmal versuchte ich vergeblich, die einzelnen Teile dieses nächtlichen Mysteriums richtig ineinanderzufügen. Der kleine Doktor blickte uns lange und verwirrt an. »Ich vermute, er hat den Umhang über seinen Straßenkleidern getragen?« Er machte eine Pause, bevor er uns fragte: »Er hat doch den Geist gespielt?« Der Prinzipal und einige andere nickten, aber ich vermute, F.F. hatte ihm einen seltsamen Blick zugeworfen, denn der Doktor räusperte sich und sagte: »Ich muß den Mann so schnell wie möglich bei besserem Licht und an geeigneterem Ort genauer untersuchen. Gibt es hier …?« Der Prinzipal schlug ihm die Couch in seiner Garderobe vor, und der Doktor bestimmte Joe Rubens, John McCarthy und Francis Farley Scott dazu, den Leichnam zu tragen. Den Rest von uns bat er, zurückzutreten.
Just in diesem Augenblick geschah etwas, das alle Stücke dieses nächtlichen Mysteriums wieder auf ihren angestammten Platz fallen ließ – jedenfalls für mich und auch für Monica, wenn ich die Art und Weise richtig deutete, wie ihre Hand in der meinen zitterte und sich dann fest um meine Hand schloß. Wir waren jetzt im Besitz des Schlüssels zu den unheimlichen Ereignissen. Ich werde Ihnen aber erst erzählen, von welchem Schlüssel ich spreche, wenn ich die Enden dieser Geschichte zusammengeknüpft habe.
Der zweite Akt wurde ungefähr eine Minute hinausgezögert, aber dann hielten wir den Zeitplan ein und brachten sogar eine bessere Vorstellung zustande als gewöhnlich – ich kann mich nicht erinnern, die Friedhofs-Szene jemals so intensiv erlebt zu haben.
Bevor ich meinen eigenen ersten Auftritt hatte, riß mir Joe Rubens meinen Hut vom Kopf, den ich die ganze Zeit über auf hatte. Ich spielte den Güldenstern mit einer Armbanduhr, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß irgend jemand davon Notiz nahm.
F.F. spielte die letzte Erscheinung des Geistes als Stimme jenseits der Bühne. Er imitierte Guthries Stimme recht gut, eine gespenstische Stimme, aber das verlangt ja die Rolle.
Bevor das Drama zu Ende ging, hatte der Doktor entschieden, daß Guthrie an Herzversagen gestorben sei. Kein Wort von seinem Alkoholismus. Als der Vorhang nach dem letzten Akt fiel, informierte Harry Grossman Sohn und Tochter und brachte sie mit hinter die Bühne. Angesichts der Tatsache, daß sie sich um den alten Jungen mehr als ein Jahrzehnt lang nicht gekümmert hatten, waren sie jetzt ziemlich zerknirscht. Andererseits schienen sie es zu genießen, einem so großen und feierlichen Ereignis beiwohnen zu dürfen, vor allem Guthries streitsüchtiger Schwiegersohn. Am nächsten Morgen brachten die beiden Zeitungen von Wolverton Schlagzeilen über das Ereignis. Guthrie hat als Geist nie soviel Aufsehen erregt. Die merkwürdigen Umstände sorgten dafür, daß die Pressemeldung rund um die Welt ging.
Am Nachmittag des dritten Tages fand die Beerdigung statt, wenige Stunden vor unserer letzten Aufführung in Wolverton. Die ganze Truppe nahm gemeinsam mit Guthries Angehörigen und vielen anderen Wolvertonern daran teil. Die alte Sybil brach am Grabe zusammen und schluchzte hemmungslos.
Es mag ein bißchen gefühllos klingen, aber es war für uns doch recht angenehm, daß Guthrie gerade hier gestorben war, denn es sparte uns den Ärger, die Verwandten zu benachrichtigen und aller Wahrscheinlichkeit auch noch für das Begräbnis zu sorgen. Und für den alten Guthrie bedeutete es ein letztes großes Finale. Jedermann außerhalb der Truppe hielt ihn für einen Heros und Märtyrer nach dem Motto: Die Show muß weitergehen. Und natürlich wußten auch wir, daß er in einem tieferen Sinne das auch gewesen war.
Wir mußten bei der Rollenverteilung improvisieren, um die Lücke zu füllen, die Guthrie in den Dramen hinterlassen hatte, so daß der Prinzipal nicht gleich einen neuen Schauspieler zu engagieren brauchte. Für mich, und ich glaube auch für Monica, gestaltete sich der Rest der Spielzeit sehr angenehm. Gertrude und Sybil mußten nun ihre Veranstaltungen am Ouija-Brett allein fortsetzen.
Und jetzt werde ich Ihnen erzählen, was es mit dem kleinen Umstand auf sich hat, der mir und Monica eine befriedigende Lösung dieses nächtlichen Mysteriums bescherte.
Sie werden bemerkt haben, daß Props darin verwickelt war. Als ich ihn daraufhin ansprach, sagte er scheu, daß er mir in diesem Punkte nicht weiterhelfen könne. Er war ja eine Zeitlang dem unerklärlichen Zwang verfallen gewesen, sich betrinken zu müssen, und sein Verstand hatte vollkommen ausgesetzt, schon vor Beginn der Vorstellung bis hin zu dem Augenblick, wo er am Ende des ersten Aktes zusammen mit F.F. an Guthries Leichnam stand. Er erinnerte sich nicht an den Ouija-Schrecken oder an irgendein Wort, das er zu mir über Theater und Zeitmaschinen gesagt hatte.
F.F. erzählte uns, daß er Props nach dem letzten Auftritt des Geistes gesehen habe, wie er – in der Dunkelheit nur vage erkennbar – in die leere Requisitenkammer geschlurft sei, wo sie ein wenig später Guthrie am Boden liegend gefunden hatten. Ich glaube, daß der seltsame Blick, den F.F. – dieser realitättrunkene alte Schuft – dem Doktor zuwarf, nichts anderes andeuten sollte, als daß er selbst den Geist gespielt habe. Leider konnte ich ihn deswegen nicht zur Rede stellen.
Aber nun zu dem kleinen Umstand: Als sie Guthries Leichnam forttrugen und der Doktor den Rest von uns bat, zurückzutreten, da drehte sich Props gehorsam um, richtete sich auf und warf Monica und mir einen vielsagenden Blick zu. Er schien voller Mitleid, lächelte ernst und verwandelte sich für einen kurzen Augenblick in den ewigen Beobachter der Lebensbühne, für den diese kleine Tragödie nur ein Teilchen im unendlich größeren, endlos interessierenden Lebensplan war.
Es dämmerte mir in diesem Moment, daß Props es gewesen sein konnte, denn während unserer Suche hatte er mit größter Aufmerksamkeit den Eingang zur leeren Requisitenkammer beobachtet. Man kann das Kostüm des Geistes ja in Sekundenschnelle aus- oder anziehen (obwohl Props’ Schultern einen Umhang wie den von Guthrie kaum zu füllen vermögen), und dann fiel mir noch ein, daß ich Props und den Geist kurz vor oder während der Vorstellung nie gleichzeitig gesehen hatte. Natürlich, Guthrie war wenige Minuten vor mir angekommen … und gestorben … und Props, ermutigt durch das Trinken, hatte seine Rolle übernommen!
Wie Props mir später erzählte, hatte Monica sofort gewußt, daß es sein hochstirniges Gesicht war, auf das sie durch den grünen Schleier einen flüchtigen Blick hatte werfen können.
In dieser Nacht waren also vier Geister auf der Bühne gewesen – John McCarthy, Francis Farley Scott, Guthrie Boyd und ein vierter, der die Rolle wirklich gespielt hat. Ob Props nun einen Blackout hatte oder nicht – er kannte die Verse von den vielen, vielen ›Hamlet‹-Aufführungen auswendig, denen er in seinem Leben schon beigewohnt hatte, vielleicht auch von begrabenen Erinnerungen aus der Zeit, da er die Rolle in den Tagen der Königin Elizabeth I. verkörpert hatte – und folglich hatte Billy (oder Willy) Simpson oder einfach Willy S. den Geist gespielt. Denn ein guter Schauspieler springt im Notfall automatisch für einen anderen ein.