Die Klau­sen­burg
von
Ludwig Tieck

 

 

»Selbst die schöns­te Ge­gend hat Ge­spens­ter, die durch un­ser Herz schrei­ten, sie kann so selt­sa­me Ah­nun­gen, so ver­wirr­te Schat­ten durch un­se­re Fan­ta­sie ja­gen, daß wir ihr ent­flie­hen und uns in das Ge­tüm­mel der Welt hin­ein ret­ten möch­ten …« So ent­steht nach den Wor­ten des Ro­man­ti­kers Lud­wig Tieck (1773-1853) das Wun­der­ba­re in der Poe­sie, aus dem al­le ro­man­ti­sche Dich­tung er­wächst, »in­dem wir die un­ge­heu­re Lee­re, das furcht­ba­re Cha­os mit Ge­stal­ten be­völ­kern«. Und so be­mäch­tigt sich die­ser ab­grün­di­gen Mär­chen­welt auch das Grau­si­ge und Schreck­li­che, das Selt­sa­me, Gro­tes­ke und Dä­mo­ni­sche. Mär­chen wie ›Der blon­de Eck­bert‹ und der ›Ru­nen­berg‹ (1802) ha­ben nichts mehr mit der Nai­vi­tät des Volks­mär­chens ge­mein­sam und füh­ren be­reits in das ent­frem­de­te Grau­en zwi­schen Traum und Wahn­sinn. Das Sam­mel­werk ›Phan­ta­sus‹ (1812-1816) lei­te­te in Tiecks rea­lis­ti­sche Spät­zeit über, in der die No­vel­len­form vor­herrscht. Sei­ne zahl­rei­chen spä­ten No­vel­len ver­mit­teln ei­ne sich im Ge­sprächs­s­til ent­wi­ckeln­de rea­lis­ti­sche Welt­sicht, die den­noch nicht Tiecks ins Bi­zar­re und Ge­spens­ti­sche ab­schwei­fen­de Fan­ta­sie gänz­lich ver­leug­nen kann. Ei­ne ech­te ›Ge­spens­ter-Ge­schich­te‹ ist ›Die Klau­sen­burg‹ aus dem Jah­re 1837.

 

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Es war fast Mit­ter­nacht. Sie wird heut nicht mehr kom­men, sag­te der jun­ge Graf, das Schloß liegt ihr zu fern, das Wet­ter ist un­ge­wiß, die We­ge sind nicht die bes­ten.

Und, rief der jun­ge An­selm, was wet­ten wir, daß sie den­noch er­scheint, trotz al­len Ih­ren Be­fürch­tun­gen? denn sie reist gern in der Nacht, sie hat es ver­spro­chen und setzt al­les an ihr Wort.

Wet­ten? ant­wor­te­te Graf Theo­dor, ich bin kein Freund da­von, aber ich wün­sche, daß Ih­re Vor­her­sa­gung, Ba­ron, die Sie so dreist aus­spre­chen, in Er­fül­lung geht; denn wir ge­win­nen al­le, wenn Sie recht be­hal­ten.

Und tritt der Fall nicht im­mer ein? rief der hoch­mü­ti­ge An­selm mit schnödem To­ne.

Wenn Sie Ih­rer Sa­che so über­aus ge­wiß sind, rief Theo­dor ihm ent­ge­gen, so tun Sie we­nigs­tens un­recht, Wet­ten an­zu­bie­ten.

An­selm sag­te: wenn Sie es scheu­en, Geld zu wa­gen, so lie­ße sich ja auch die Fra­ge an­ders stel­len.

The­dor stand auf, als wenn er dem Re­den­den nä­her tre­ten woll­te, die Wir­tin des Hau­ses aber, wel­che die­sen Un­ge­stüm der bei­den jun­gen hoch­fah­ren­den Män­ner fürch­te­te, be­gü­tig­te sie bei­de, in­dem sie das Ge­spräch auf an­de­re Ge­gen­stän­de rich­te­te. Sie for­der­te einen ält­li­chen, klei­nen Mann auf, in der Ge­schich­te, wel­che zu­fäl­lig war un­ter­bro­chen wor­den, fort­zu­fah­ren, doch die­ser sag­te mit ei­ner schlau­en Mie­ne: Ver­ehr­te Ba­ro­nin, es möch­te in die­sem Au­gen­bli­cke zu spät sein, denn vom Ta­le her­auf hö­re ich schon ein Post­horn klin­gen, und jetzt möch­te ich auch dar­auf wet­ten, daß in we­ni­ger als ei­ner Vier­tel­stun­de die schö­ne Si­do­nie hier im Saa­le ste­hen wird.

Sie hö­ren? sag­te Theo­dor; ich ver­neh­me nichts, und es ist nur ei­ne Ein­bil­dung von Ih­nen.

Herr Ober­forst­meis­ter, rief der klei­ne Mann, al­len Re­spekt vor Ih­ren Ta­len­ten und den Ga­ben al­ler hier An­we­sen­den, was aber Oh­ren be­trifft, so mei­ne ich, daß kei­ner der Ver­ehr­ten hier sich in Fein­heit noch Grö­ße der­sel­ben mit den mei­ni­gen wird mes­sen kön­nen: und dar­um hö­re ich so rich­tig in die Fer­ne hin­ein.

Al­le lach­ten, denn sie kann­ten die Art und Wei­se des Al­ten, des­sen Scherz dar­in be­stand, sich im­mer sel­ber preis­zu­ge­ben, und Blö­ßen und Feh­ler an sich zu er­sin­nen, die je­der an­de­re, auch wenn er an ih­nen litt, ge­flis­sent­lich ab­leug­ne­te. Ein sol­cher Ge­sell­schaf­ter ist im­mer be­liebt, weil er kei­ner Ei­tel­keit in den Weg tritt, und sich ge­schmei­chelt fühlt, wenn man über ihn lacht. Der al­te Frei­herr Blom­berg hat­te aber recht, denn so wie der Rei­se­wa­gen lang­sam den stei­len Berg hin­an­fuhr, hör­ten al­le das mah­nen­de Post­horn, bald schwä­cher, bald deut­li­cher, je nach­dem der Weg sich krümm­te, oder der Wind die Tö­ne über den Wald hin ver­weh­te. Die Wir­tin schell­te, und die Be­dien­ten eil­ten hin­aus, um den ed­len, wohl­be­kann­ten Gast zu emp­fan­gen.

Wer wet­tet jetzt mit mir, rief der al­te Blom­berg laut, daß Fräu­lein Si­do­nie an­kommt?

In­dem al­le mit Hei­ter­keit dem Al­ten Bei­fall zu­nick­ten, stand An­selm has­tig auf und rief: so wett’ ich denn hun­dert Du­ka­ten, daß sie in die­ser Vier­tel­stun­de noch nicht kommt!

So! rief Blom­berg und hielt die Hand hin, in wel­che An­selm ein­schlug. In­dem sich al­le noch ver­wun­dert und die bei­den tö­rich­ten Men­schen fast mit höh­ni­schen Blicken an­schau­ten, ris­sen die Die­ner die Tü­ren auf, und ei­ne große, mit vie­len Klei­dern und Tü­chern ver­hüll­te Ge­stalt folg­te ih­nen lang­sam und laut flu­chend. Da al­le fast er­schra­ken, nahm der Frem­de Rei­se­müt­ze, Kopf­tuch und Man­tel ab, und ein al­tes, blas­ses Ge­sicht kam zum Vor­schein, wel­ches al­len, im ers­ten Au­gen­blick, ganz un­be­kannt schi­en. Er sah sich et­was scheu im Saa­le um und rief dann: Nun? mir ist, als wenn ich hier ganz un­er­war­tet käme! Kein Mensch will mir will­kom­men! sa­gen? Und mei­ne Nich­te Si­do­nie ist auch noch nicht hier?

Ei, Graf Blin­den! rief die Wir­tin jetzt aus, und eil­te auf ihn zu: wie kom­men Sie zu uns? wir hat­ten Sie nicht er­war­tet. Und frei­lich ha­ben Sie sich in den fünf Jah­ren ver­än­dert, in wel­chen ich Sie nicht ge­se­hen ha­be.

Das läßt sich den­ken, sag­te der Al­te und nahm in ei­nem Ses­sel be­hag­lich Platz, in­des sich die üb­ri­ge Ge­sell­schaft um ihn her stell­te. Ich bin eben erst von ei­ner sehr schwe­ren Krank­heit ge­ne­sen, ich rei­se in das Bad, und woll­te mich bei Ih­nen, Cou­si­ne, ein paar Ta­ge aus­ru­hen. Und ganz ähn­lich sieht das mei­ner Si­do­nie, daß sie mich nicht ge­mel­det hat, wie ich ihr doch auf­trug, denn sie weiß es schon seit ei­ner Wo­che, daß ich her­kom­men will.

Für den al­ten, von der Rei­se er­schöpf­ten Mann wur­de so­gleich Glüh­wein zu­be­rei­tet, und der al­te Blom­berg hatte des­sen kein Hehl, wie ver­drieß­lich er dar­über sei, daß er so ge­gen al­le Wahr­schein­lich­keit sein Geld ver­lo­ren hatte. Der schon über­mü­ti­ge An­selm tri­um­phier­te jetzt um so mehr, und als der An­ge­kom­me­ne die son­der­ba­re Sa­che ver­nahm, neck­te er den klei­nen Mann mit sei­ner ver­lo­re­nen Wet­te so sehr, daß Blom­berg end­lich aus­rief: Nun will ich aber be­schwö­ren, daß un­se­re ei­gen­sin­ni­ge Si­do­nie heu­te gar nicht mehr an­langt! Sie setzt et­was dar­ein, al­les im­mer an­ders zu tun, als die üb­ri­gen Men­schen, oder als man es er­war­ten darf.

Das weiß der Him­mel, sag­te Blin­den, in­dem er sich am hei­ßen Wei­ne er­quick­te; das hat kei­ner so sehr emp­fun­den als ich, so lang ich ihr Vor­mund war. Sie hat ein wah­res Stu­di­um dar­aus ge­macht, de­nen Men­schen, wel­che sie ih­re Freun­de nennt, das Le­ben sau­er zu ma­chen. Gna­de Gott dem Ärms­ten, der sich ein­mal zu ih­rem Lieb­ha­ber auf­wer­fen möch­te, oder noch schlim­mer, wen sie ein­mal zu lie­ben vor­ge­ben soll­te. Lie­ber Ga­lee­renskla­ve sein.

Al­ler Bli­cke wen­de­ten sich in schar­fer Be­ob­ach­tung zu­gleich auf den jun­gen Gra­fen Theo­dor, und An­selm, der kei­ne Ge­le­gen­heit ver­mied, sei­nen Über­mut zu zei­gen, lach­te laut. Theo­dor, der schon ge­reizt war, ging auf den la­chen­den jun­gen Mann mit dro­hen­dem Au­ge zu, in­dem er über­laut frag­te: Darf man wis­sen oder er­fah­ren, was Sie zu die­sem über­mä­ßi­gen Ge­läch­ter be­wegt?

Nichts an­ders, er­wi­der­te An­selm ganz tro­cken, als die Be­trach­tung, daß es doch im­mer wie­der die Lie­be ist, die al­les ver­wirrt und in Be­we­gung setzt. So dach­te ich denn eben, wie hübsch sich die, so oft nur all­zu lang­wei­li­ge po­li­ti­sche Ge­schich­te aus­neh­men müs­se, wenn man sie ein­mal von die­ser Sei­te dar­stell­te, und al­le je­ne un­sicht­ba­ren Fä­den sicht­bar mach­te, die der so­ge­nann­te Amor knüpft und löst, häu­fig die erns­tes­ten Mi­nis­ter und Herr­scher an der Na­se führt oder gän­gelt, und, wie oft, hin­ter der Mas­ke spielt, die der be­tro­ge­nen Welt ein ganz ehr­ba­res Ge­sicht ent­ge­gen rich­tet.

Das ist ja schon ge­nug ge­sche­hen, sag­te der al­te Blom­berg, was Sie da wün­schen. Sie sind nur, jun­ger Herr, in Me­moi­ren und Klatsch­ge­schich­ten zu we­nig be­le­sen. Was will man nicht al­les von Franz dem Ers­ten, dem Drit­ten und Vier­ten Hein­rich, den Me­di­cä­ern, Lud­wig dem Vier­zehn­ten, von ei­ni­gen spa­ni­schen Ty­ran­nen und dem eng­li­schen Carl und Ja­kob dem Zwei­ten wis­sen. Wie vie­les auch wahr ist, so ha­ben doch man­che Zun­gen, die nur läs­tern mö­gen, ge­ra­de da­durch die Sa­chen ent­stellt, daß sie bloß die Aus­schwei­fung als Mo­tiv und Ver­knüp­fung al­ler Be­ge­ben­heit er­zähl­ten.

Sehr wahr! rief der al­te Blin­den: und wenn wir al­le hier, die Bes­ten im Saa­le nicht aus­ge­nom­men, Re­gen­ten wä­ren, wie vie­le Lü­gen wür­de man von uns er­zäh­len, da wir schon in un­serm Pri­vat­stan­de der Ver­leum­dung nicht ent­ge­hen kön­nen. Er­in­nern Sie sich, lie­ber Blom­berg, was Ih­re Nei­der in Ih­rer Ju­gend sich hin­ter­rücks zu­raun­ten, was man über mich läs­ter­te, ja un­se­re ehr­wür­di­ge Wir­tin wur­de nicht ver­schont, und es gibt ja bö­se Men­schen ge­nug, zu de­nen ich selbst in man­chen Stun­den ge­hö­re, die Si­don­chen eben­falls scharf her­neh­men.

Da die Ba­ro­nin sah, daß Theo­dor schon wie­der auf­fah­ren woll­te, such­te sie das Ge­spräch auf einen an­dern Ge­gen­stand zu len­ken, in­dem sie sag­te: Aber Graf Blom­berg könn­te uns doch die Ge­schich­te zu En­de er­zäh­len, die gra­de beim in­ter­essan­tes­ten Punk­te ab­ge­bro­chen wur­de.

Graf Blin­den, wel­cher nicht er­mü­det schi­en, frag­te nach der Ge­schich­te und Blom­berg sag­te: Lie­ber Freund, es ist ei­ne Art von Ge­spens­ter­hi­stör­chen, ei­ne der Er­zäh­lun­gen, in wel­chen die gu­ten red­li­chen Geis­ter eben so ver­leum­det und ver­klatscht wer­den, wie re­gie­ren­de Häup­ter oder an­ge­se­he­ne Men­schen. So, daß es scheint, es gibt nir­gend­wo Ru­he und Si­cher­heit vor die­ser all­ge­mei­nen Ver­läs­te­rung.

Wenn es die Geis­ter von nam­haf­ten Leu­ten sind, ant­wor­te­te Blin­den, so ist es leicht je­nen Ab­ge­stor­be­nen ver­drieß­lich, sind es aber nur all­ge­mei­ne an­ony­me Ge­spens­ter, so hat es gar nichts zu be­deu­ten. Und am En­de, was ist das Schlimms­te, was man ih­nen nach­sa­gen kann? Daß sie um­gehn, kei­ne Ru­he im Gra­be fin­den, noch et­was des Hie­si­gen an Neid, Bos­heit, Geiz, oder so was mit hin­über ge­nom­men ha­ben, und sich nun so lan­ge schüt­teln müs­sen, bis al­le die­se Schla­cken von ih­nen ab­fal­len. Was ist dar­an nun Be­son­de­res?

Ei! Ei! er­wi­der­te Blom­berg, bos­haft la­chend, – hät­ten Sie nur, teu­rer Mann, noch Ih­re ehe­ma­li­ge Kor­pu­lenz und je­ne Fröm­mig­keit, mit wel­cher ich Sie vor zwan­zig Jah­ren ge­kannt ha­be, und Sie sä­ßen me­di­tie­rend in Ih­rem Lehn­ses­sel, und plötz­lich – plötz­lich –

Nun, rief Blin­den – ma­chen Sie mir nicht ban­ge – ich bin noch ner­ven­schwach von mei­ner Krank­heit her. –

Und plötz­lich hät­ten Sie furcht­ba­re Krämp­fe, und fluch­ten und läs­ter­ten ganz ge­gen Ih­re ge­wohn­te Wei­se, und zwei­fel­ten an Gott und Mensch und Schick­sal, und be­trü­gen sich in al­len Ih­ren Ma­nie­ren wie der aus­ge­mach­tes­te Athe­ist, und wä­ren, mit ei­nem Wor­te es zu sa­gen, plötz­lich ein ganz gott­lo­ser Kerl ge­wor­den –

Ach! rief Blin­den, – das sind so von Ih­ren Al­bern­hei­ten! Ich müß­te ja von zwan­zig Teu­feln be­ses­sen sein.

Ja­wohl, sag­te Blom­berg ganz ge­las­sen, so glaub­te man sonst in der alt­frän­ki­schen Art un­se­rer Vor­fah­ren, aber durch die neue­ren und si­che­ren Ent­de­ckun­gen des tie­ri­schen Ma­gne­tis­mus –

Ich will nichts von sol­chen Bru­ta­li­tä­ten wis­sen, sag­te Blin­den.

Hilft nichts, fuhr Blom­berg fort, wir mö­gen uns sträu­ben, so­viel wir wol­len, so nimmt uns doch oft, oh­ne uns zu fra­gen, die­se geis­ti­ge Vieh­heit, oder ver­vieh­te Geist­heit mit. Und in die­sem Zu­stan­de, in wel­chem wir durch Bret­ter, Mau­ern und Tür­me, so wie in Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft hin­ein­se­hen kön­nen, sind wir doch so schwach, daß Ver­stor­be­ne, die sich schon seit zwei-, drei­hun­dert Jah­ren jen­seits mit ih­ren Zwei­feln und Gott­lo­sig­kei­ten quä­len, in uns, oh­ne nur an­zu­fra­gen, hin­ein­stei­gen mö­gen, um in un­serm We­sen ihr Sün­den­le­ben wei­ter zu füh­ren, und sich all­ge­mach dann von un­se­rem Geis­te und un­se­rer from­men Über­zeu­gung be­keh­ren zu las­sen. Dies, Freun­de, ist ei­ne der in­ter­essan­tes­ten und auch wich­tigs­ten Ent­de­ckun­gen der neu­ern Ta­ge. Es ist ei­ne neu­mo­di­sche An­wen­dung des vor­ma­li­gen Ein­quar­tie­rungs-Sys­tems, und es ist nicht zu be­rech­nen, wie­viel ein sol­cher Gast, oder meh­re­re sei­nes Ge­lich­ters von mei­nen gu­ten und red­li­chen Ei­gen­schaf­ten, den un­ent­behr­lichs­ten Über­zeu­gun­gen und den edels­ten Ge­sin­nun­gen mir weg­zeh­ren, wenn sie ein­mal mei­ne Hos­pi­ta­li­tät so ge­walt­sam in An­spruch ge­nom­men ha­ben.

Und die­se Toll­heit, frag­te Blin­den, wä­re au­then­tisch ve­ri­fi­ziert?

So­gar phi­lo­so­phisch ar­gu­men­tiert, ant­wor­te­te je­ner, und ver­klau­su­liert. Da­ge­gen kön­nen nun Zwei­fel­sucht und Phi­lis­te­rei nicht mehr auf­kom­men. In den An­na­len der Mensch­heit macht die­se Ent­de­ckung ei­ne Epo­che, und es bleibt nur zu über­le­gen, wel­che Maß­re­geln man ge­gen der­glei­chen Über­rum­pe­lung tref­fen kön­ne. Die Phi­lo­so­phie wird nun zu­nächst ent­de­cken müs­sen, wie wir auf psy­cho­lo­gi­schem We­ge und in kör­per­li­cher Rück­sicht durch Di­ät un­sern Geist und Leib in ei­ne Fes­tung ver­wan­deln mö­gen, um uns vor der­lei Über­fäl­len si­cher zu stel­len. Denn es ist ja be­greif­lich, bei den Tau­sen­den von va­gie­ren­den und va­cie­ren­den See­len ehe­ma­li­ger ar­ger Sün­der, wel­chen Ap­pe­tit die­se be­kom­men, wenn sie so stil­le, fet­te, from­me und in sich be­hag­li­che Men­schen-Krea­tu­ren se­hen, sich in die­se hin­ein­zu­stür­zen, um sie zu Bos­hei­ten an­zu­trei­ben, oder sich gleich­sam in de­ren re­li­gi­ösen Ge­füh­len und ed­len Stim­mun­gen zu ba­den und ab­zu­küh­len. So wer­den wir nach der Rei­he Ker­ker und Zucht­haus, wo die­ses ver­bre­che­ri­sche Ge­sin­del sei­ne Straf­zeit ab­sitzt, und wel­ches ge­bes­sert und zum ewi­gen Le­ben reif aus uns wie­der hin­aus­stürzt. Und wir ha­ben das Nach­sehn.

Es schi­en, als wenn Graf Blin­den um ei­ne Ant­wort ver­le­gen wä­re, und Theo­dor, wel­cher nur halb auf die Re­den Blom­bergs hin­ge­hört hat­te, er­in­ner­te die­sen, sei­ne Ge­schich­te zu be­schlie­ßen, de­ren En­de die Ba­ro­nin, die Wir­tin des Hau­ses, auch mit Neu­gier er­war­te­te. – Blin­den frag­te, wo­von die Re­de sei, und Theo­dor nahm das Wort: Ich will Ih­nen kürz­lich das wie­der­ho­len, was uns Freund Blom­berg vor­ge­tra­gen hat, da­mit Sie we­nigs­tens den Zu­sam­men­hang be­grei­fen.

Es wer­den jetzt un­ge­fähr fünf­zig Jahr sein, daß ei­ne rei­che Fa­mi­lie hier oben im Ge­bir­ge wohn­te. Es ist nicht weit von hier, wo man noch die Trüm­mer des ehe­ma­li­gen Schlos­ses sieht, wel­ches vom Ge­wit­ter und Feu­er zer­stört, im Krie­ge ganz ver­wüs­tet wur­de, und jetzt nur noch zu­wei­len von Jä­gern oder ver­irr­ten Wan­de­rern be­sucht wird. Die Leu­te der Ge­gend nen­nen die Rui­ne die Klau­sen­burg. Geht man den ein­sa­men Fuß­steig hin­an, durch den Fich­ten­wald, und klet­tert dann die weg­lo­se Klip­pe hin­auf, so steht man vor ei­nem al­ten, fest ver­schlos­se­nen To­re, des­sen Mau­ern der le­ben­di­ge Fel­sen bil­det. Au­ßen am To­re ist von Ei­sen ei­ne Stan­ge mit ei­nem Grif­fe, als wenn die­se eher­ne Li­nie mit ei­ner Glo­cke hin­ter dem To­re zu­sam­men­hin­ge. Als ich ein­mal auf der Jagd dort­hin ge­kom­men war, zog ich an die­ser Ei­sen­stan­ge, aber kein Laut ließ sich von in­nen auf die­se Mah­nung ver­neh­men. Da nie­mand, als nur mit Be­schwer, zu die­ser ein­sa­men Stel­le ge­lan­gen kann, und es von der an­dern Sei­te we­gen der Ab­grün­de und schrof­fen Klip­pen fast un­mög­lich ist, hin­über­zu­klet­tern, so sind im Mun­de des ge­mei­nen Man­nes vie­le Sa­gen und Mär­chen von die­ser selt­sa­men Klau­sen­burg, de­ren Über­res­te wirk­lich einen ge­spens­ti­schen An­blick dar­bie­ten.

Nun leb­te vor län­ger als hun­dert Jah­ren, so er­zählt man sich näm­lich, ein sehr rei­cher Mann dort, der wohl­tä­tig, flei­ßig und da­her von Freun­den und Un­ter­ta­nen sehr ge­liebt war. Er hat­te sich schon früh aus dem Staats­diens­te zu­rück­ge­zo­gen, um ganz der Be­wirt­schaf­tung sei­ner Gü­ter le­ben zu kön­nen, de­ren er ver­schie­de­ne im Ge­bir­ge hier be­saß, samt Berg­wer­ken, Glas­hüt­ten und Ei­sen­schmel­ze­rei­en, die er aus sei­nen großen Fors­ten mit Vor­teil be­ar­bei­ten konn­te. War die­ser Mann von sei­nen Un­ter­ge­be­nen ge­liebt, so wur­de er auch von vie­len sei­nes Stan­des ge­haßt und be­nei­det, von de­nen die Klü­ge­ren ihm zürn­ten, weil er sie ver­mied, und sie wohl ein­sa­hen, daß er sie ih­res Un­fleißes we­gen nur ge­ring schät­ze: die Ein­fäl­ti­gen glaub­ten aber, und er­klär­ten es un­ver­hoh­len, Graf Mo­ritz ha­be ein Bünd­nis mit dem Sa­tan ge­schlos­sen, und des­halb ge­lin­ge ihm al­les so über Er­war­ten.

So al­bern dies Ge­schwätz war, so tat es dem flei­ßi­gen Man­ne doch in je­ner frü­hen Zeit Scha­den: denn die Jah­re la­gen noch nicht so gar fern, als man we­gen He­xe­rei und Pakt mit dem Bö­sen Män­ner und Frau­en auf dem Schei­ter­hau­fen ver­brann­te. Der Graf al­so zog sich miß­mu­tig im­mer mehr in sich und die ein­sa­me Klau­sen­burg zu­rück, und ihm war nur wohl, wenn er sich von Ge­schäf­ten mit ver­stän­di­gen Berg­leu­ten, Ma­schi­nen­meis­tern oder Ge­lehr­ten un­ter­hal­ten konn­te. Da er es wuß­te, mit wel­chem Miß­trau­en ihn die al­ten Pries­ter be­trach­te­ten, die sei­nen Kirch­spie­len vor­stan­den, so zeig­te er sich auch nur sel­ten in der Kir­che, was aber auch nichts da­zu bei­trug, sei­nen Ruf in der Um­ge­gend zu ver­bes­sern.

Es füg­te sich, daß ei­ne Hor­de von Zi­geu­nern, die da­mals noch ziem­lich un­ge­stört in Deutsch­land um­her­schwärm­ten, in die­se Ge­gend ge­riet. Die Fürs­ten des Lan­des und die Re­gie­rung wa­ren un­schlüs­sig und saum­se­lig, dem Un­fug zu steu­ern, meh­re­re Gren­zen ver­ei­nig­ten sich in der Nä­he, und so ge­sch­ah es, daß die­ses Volk un­ge­straft, selbst un­be­wacht sein Un­we­sen trei­ben konnte. Wo sie nichts ge­schenkt er­hiel­ten, raub­ten sie; wo man sich ih­nen wi­der­set­zen woll­te, brann­ten in der Nacht Scheu­nen ab, und so gin­gen, da das Feu­er um sich griff, zwei Dör­fer zu­grun­de. Da ver­ei­nig­te sich Mo­ritz mit ei­ni­gen sei­ner Nach­barn, wel­che Ent­schlos­sen­heit zeig­ten, und mit die­sen ver­folg­te und straf­te er das Ge­sin­del aus eig­ner Macht­voll­kom­men­heit. Ge­fäng­niss­tra­fe, Gei­ße­lung, Hun­ger und Schlä­ge wur­den an­ge­wen­det, oh­ne die Ge­rich­te wei­ter zu be­mü­hen, und nur ei­ni­ge der über­wie­se­nen Mord­bren­ner schick­te er nach der Stadt, da­mit sie dort nach dem Zeu­gen­ver­hö­re, und ih­res Ver­bre­chens über­wie­sen, am Le­ben ge­straft wer­den möch­ten.

Der Graf hielt sich für den Wohl­tä­ter des Lan­des. Wie ge­kränkt muß­te er sich al­so füh­len, als sei­ne Nei­der und Ver­leum­der ge­ra­de die­se Um­stän­de be­nutz­ten, ihn der schwär­zes­ten Ver­bre­chen, der ab­scheu­lichs­ten Un­bil­den zu be­schul­di­gen. Die­sem Un­dank wuß­te er nichts als einen stil­len Zorn und ei­ne viel­leicht zu groß­mü­ti­ge Ver­ach­tung ent­ge­gen­zu­set­zen. Denn, wenn der ed­le Mann im­mer schweigt, so ge­winnt bei Ein­fäl­ti­gen und Cha­rak­ter­lo­sen Ver­leum­dung und Lü­ge um so mehr Glau­ben. Konn­te er sein Herz nicht zwin­gen, sei­nen Geg­nern durch Ge­spräch, Er­zäh­lung, Aus­ein­an­der­set­zung der Um­stän­de in den Weg zu tre­ten, so fühl­te er sich ganz ent­waff­net, als er ent­deck­te, wie sehr er in sei­ner eig­nen Fa­mi­lie und von dem We­sen, was ihm am nächs­ten stand, ver­kannt wur­de. Er hat­te spät erst sich ver­mählt, und die Gat­tin lag jetzt krank, weil sie ihm vor ei­ni­gen Ta­gen einen Sohn ge­bo­ren hat­te. Mit der lei­den­den Frau konn­te er nicht strei­ten oder ihr hef­tig ant­wor­ten, als sie ihm we­gen sei­ner Grau­sam­keit Vor­wür­fe mach­te, die er ge­gen schuld­lo­se ar­me Men­schen aus­übe, die wohl sein Mit­lei­den, aber kei­ne un­mensch­li­che Ver­fol­gung ver­dien­ten. Als ihm im Vor­zim­mer ei­ni­ge Ba­sen das­sel­be, nur in ge­mei­ne­ren Aus­drücken sag­ten, moch­te er sei­nen lan­ge ver­hal­te­nen Grimm nicht län­ger zu­rück­hal­ten, sei­ne zor­nig schel­ten­den Ant­wor­ten, sei­ne Flü­che wa­ren so hef­tig, die Ge­bär­den des ge­reiz­ten Man­nes so über­mensch­lich, daß die al­ten schwat­zen­den Wei­ber al­le Fas­sung ver­lo­ren und ei­ner Ohn­macht na­he wa­ren. Er ließ sie, da­mit die kran­ke Gat­tin nicht al­les von ih­nen so­gleich wie­der er­füh­re, mit Ge­walt auf ein andres Gut brin­gen und ritt dann in das tie­fe Ge­bir­ge hin­ein, teils um sich am An­bli­cke der er­ha­be­nen Na­tur zu zer­streu­en und zu stär­ken, teils um sich wie­der zu sei­nem Streif­zu­ge zu be­ge­ben und als An­füh­rer ge­gen die Ban­de der Zi­geu­ner zu zie­hen. Wie er­staun­te er aber, als er vom Ober­förs­ter er­fuhr, daß je­ne Edel­leu­te, die sich mit ihm die­sem Krie­ge ge­gen die Land­strei­cher un­ter­zo­gen hat­ten, al­le oh­ne wei­te­re An­zei­gen ent­wi­chen und auf ih­re Schlös­ser zu­rück­ge­kehrt sei­en.

Er ließ sich nicht ir­ren, und es ge­lang ihm, wie­der ei­ni­ge der Bö­se­wich­ter zu fan­gen, die sich gro­ber Miss­e­ta­ten schul­dig ge­macht hat­ten. Er be­fahl, sie ge­fes­selt in einen si­chern Ker­ker zu wer­fen. Als er, da er al­le Leu­te ent­fernt hat­te, ein­sam und ge­dan­ken­voll nach der Klau­sen­burg zu­rück­ritt, emp­fing ihn am To­re des Schlos­ses sein al­ter Kas­tel­lan und übergab ihm ein großes Schrei­ben, wel­ches aus der Stadt und von der Re­gie­rung ein­ge­lau­fen war. Mit ahn­den­dem Ver­druß öff­ne­te er das Pa­ket, war aber doch von dem In­hal­te des­sel­ben über­rascht, so daß sich sein Zorn bis zur Wut, ja fast bis zur Ra­se­rei stei­ger­te. Die Brie­fe ent­hiel­ten nichts we­ni­ger als ei­ne pein­li­che An­kla­ge auf Mord und Hoch­ver­rat, in­dem der Graf sich durch Will­kür und An­füh­rung ei­ner be­waff­neten Schar, der Re­gie­rung als Re­bell ge­gen­über­ge­stellt ha­be. Fast be­wußt­los ließ er die­se un­sin­ni­gen Brie­fe fal­len, sam­mel­te sich dann mit Ge­walt und ging nach sei­nem Zim­mer, um nach ei­ni­ger Zeit die­se An­kla­ge ru­hi­ger zu über­le­sen und zu be­den­ken, wie er sich ihr ent­ge­gens­tellen sol­le. In­dem er vor dem Schlaf­zim­mer sei­ner Ge­mah­lin vor­bei­ging, hör­te er drin­nen re­den und ihm un­be­kann­te Stim­men. Has­tig öff­ne­te er die Tür, und was er jetzt er­blick­te, dar­auf war er frei­lich nicht vor­be­rei­tet. Zwei schmut­zi­ge, in Lum­pen ge­klei­de­te al­te Zi­geu­ne­rin­nen sa­ßen an dem Bett der Kran­ken, und pro­phe­zei­ten die­ser ihr Schick­sal, in­dem sie wi­der­lich ih­re häß­li­chen Ge­sich­ter ver­zerr­ten. Mit Recht ent­setz­te sich die Wöch­ne­rin, als sie ih­ren Ge­mahl ein­tre­ten sah, denn was er jetzt tat, war un­mensch­lich. Wut er­griff ihn, und er wuß­te nicht, was er tat. Bei den grei­sen lan­gen Haa­ren faß­te er die Pro­phe­tin­nen, riß sie zur Tür und warf sie die ho­he stei­le Trep­pe hin­ab. Sei­ne Leu­te lie­fen zu­sam­men. Die­sen be­fahl er, sie un­ten an der stei­ner­nen Säu­le fest­zu­bin­den, ih­nen den Rücken zu ent­blö­ßen und sie so lan­ge und so hef­tig mit Peit­schen zu züch­ti­gen, bis den Die­nern sei­ner Grau­sam­keit die Kräf­te ent­wi­chen. So ge­sch­ah es. Er hat­te sich in sein Zim­mer ein­ge­schlos­sen, und als er zu sich kam, er­starr­te er selbst über sich, zu wel­cher Un­mensch­lich­keit er sich ha­be hin­rei­ßen las­sen. Durch ein lau­tes Po­chen an der Tür wur­de er aus sei­nen Ge­dan­ken auf­ge­schreckt. Er öff­ne­te, und mit al­len Zei­chen der Angst trat ein Die­ner her­ein, wel­cher sag­te: O mein gnä­di­ger Graf, ich fürch­te­te, Sie sei­en krank, wohl gar tot, denn ich klop­fe schon lan­ge, und Sie müs­sen mich nicht ge­hört ha­ben. – Was willst du? – Die äl­tes­te, ant­wor­te­te der Die­ner, von den gars­ti­gen He­xen will Sie durch­aus auf ei­ne Mi­nu­te spre­chen, be­vor sie das Schloß ver­läßt. Sie läßt sich durch­aus nicht ab­wei­sen, und die här­tes­ten Dro­hun­gen und Flü­che fruch­ten bei dem al­ten Wei­be nichts. – So ließ der Graf denn die Ge­miß­han­del­te in sein Zim­mer her­auf­stei­gen. Der An­blick der Ar­men war zum Ent­set­zen: der Graf selbst schau­der­te zu­rück. Ganz mit Blut be­ron­nen, Ge­sicht und Ar­me zer­schla­gen, ei­ne tie­fe Wun­de am Kopfe, die man noch nicht ver­bun­den hat­te: so trat sie vor ihn. Ich dan­ke dir, so fing sie an zu spre­chen, mein gü­ti­ger Bru­der, für dei­ne christ­li­che Freund­lich­keit, die ich in dei­nem Schlos­se ge­nos­sen ha­be. Ja wohl bist du ein tu­gend­haf­ter Mann, ein Ver­fol­ger des Las­ters, ein un­par­tei­ischer Rich­ter und Be­straf­er der Unta­ten. Nicht wahr, ein Ra­cheen­gel im Dienst dei­nes Gottes? Ist es dir denn be­kannt, weich­her­zi­ger Mensch, wes­halb wir am Bet­te dei­nes Wei­bes sa­ßen? Ja, wir hat­ten ihr ge­wahr­sagt, aber ei­gent­lich woll­ten wir dich spre­chen, und du warst nicht in dei­nem gast­li­chen Hau­se. Wir hat­ten den Wunsch, uns von der Ban­de zu tren­nen, und ein be­schei­de­nes ehr­li­ches Un­ter­kom­men zu su­chen. Wir ken­nen den Schlupf­win­kel, wo sich der Haupt-An­füh­rer ver­steckt hält, je­ner so weit be­rüch­tig­te Mord­bren­ner, den du so lan­ge ver­geb­lich ge­sucht hast: den woll­ten wir dir ver­ra­ten. Aber du bist är­ger, als der Ver­ruch­tes­te in un­se­rer Ban­de, und da du uns so vie­le Lie­be heu­te be­wie­sen hast, so wird auch da­für der Fluch auf dich und dei­ne Fa­mi­lie fal­len, und auf dei­ne Nach­kom­men bis in das drit­te und vier­te Glied hin­ab! –

Der Graf, der schon längst sei­nen Jäh­zorn und sei­ne Über­ei­lung be­reu­te, woll­te die furcht­ba­re Al­te be­sänf­ti­gen, er sprach ihr güt­lich zu und reich­te ihr, um sie zu ver­söh­nen, sei­ne Bör­se, die mit Gold an­ge­füllt war. Einen gif­ti­gen Blick tat die Al­te wie gie­rig auf das Gold, und warf dann mit den Zäh­nen knir­schend den Beu­tel dem Gra­fen vor die Fü­ße. Der Mam­mon da, schrie sie, hät­te mich und mei­ne ar­me Schwes­ter glück­lich ge­macht, aber jetzt nach dem Mit­tags­mah­le, das du uns ge­ge­ben hast, will ich lie­ber die Rin­de der Bäu­me na­gen, als von dei­ner ver­ma­le­dei­ten Hand die­sen Reich­tum neh­men. – So fuhr sie fort und war sinn­reich und er­fin­de­risch in Flü­chen, die sie aus­sprach, und in Qua­len und Un­glücks­fäl­len, die sie ihm und sei­nem Hau­se ver­kün­dig­te. Als sie ge­en­digt hat­te, ging sie wan­kend die stei­ner­ne Trep­pe wie­der hin­un­ter, und al­les Ge­sin­de floh vor ihr wie vor ei­nem Ge­spenst.

Von die­sem Au­gen­bli­cke war der Graf ein ver­wan­del­ter Mann. Sei­ne Kraft war ge­bro­chen. Er leb­te seit­dem wie ein Träu­men­der, der kei­nen Wil­len hat oder einen Ent­schluß fas­sen kann. Sei­ne Um­ge­bung konn­te nicht er­fah­ren, ob es ihn tief er­schüt­ter­te, als sei­ne Ge­mah­lin in der Mit­ter­nacht nach die­sem ver­häng­nis­vol­len Ta­ge starb. Sel­ten hör­te man ihn von jetzt an spre­chen oder einen Laut, selbst Seuf­zer oder Kla­gen aus­sto­ßen. Er küm­mer­te sich um nichts mehr, und es schi­en ihm gleich­gül­tig, als die Re­gie­rung sein größ­tes Gut ein­zog, um ihn als Re­bel­len und Übel­tä­ter zu be­stra­fen. In die­ser Stim­mung sei­nes Ge­mü­tes gab er sich ganz in die Hän­de je­ner Pries­ter, die er vor­her so auf­fal­lend ver­mie­den hatte; er be­such­te die Kir­che flei­ßig und be­te­te mit In­brunst. Er sah sich nicht um, wenn die an­dern hin­ter ihm her­rie­fen: Da kriecht der al­te Bö­se­wicht, der Lan­des­ver­rä­ter, der Mör­der und Re­bell wie­der in das Got­tes­haus hin­ein! So be­nutz­ten denn ei­ni­ge Ver­wand­te sei­nen Blöd­sinn, um ihm in ei­nem Pro­zeß ein zwei­tes großes Gut zu ent­rei­ßen, und es hat­te fast den An­schein, als wenn sei­nem ein­zi­gen Er­ben, ei­nem schö­nen Kna­ben, nichts von den großen Be­sit­zun­gen sei­ner Vor­fah­ren üb­rig­blei­ben wür­de, wenn sich nicht ein ver­stän­di­ger Vor­mund des Kin­des mit al­ler Kraft an­ge­nom­men hät­te.

So­weit, be­schloß Theo­dor sei­nen Be­richt, hat uns Freund Blom­berg vor­her die Ge­schich­te vor­ge­tra­gen, als er von Ge­sprä­chen, und spä­ter durch Ih­re An­kunft, Graf Blin­den, un­ter­bro­chen wur­de.

Man hat­te un­ter­des­sen Er­fri­schun­gen um­her­ge­ge­ben, und der Al­te sag­te: Wol­len wir die Fort­set­zung nicht doch auf mor­gen ver­spa­ren? Die Wir­tin stimm­te am lau­tes­ten die­sem Vor­schla­ge bei, in­dem sie aus­rief: Mir ist es lie­ber, denn da noch die Re­de von Ge­spens­tern sein soll, so brau­che ich mich we­nigs­tens heut nicht mehr zu fürch­ten.

Man trenn­te sich, und Theo­dor und An­selm be­stie­gen ih­re Pfer­de, um noch in der Nacht in ver­schie­de­nen Rich­tun­gen nach ih­rer Hei­mat zu keh­ren.

 

Am fol­gen­den Ta­ge war die schö­ne Si­do­nie wirk­lich an­ge­langt. So wie ihr Cha­rak­ter sich im­mer zeig­te, blieb sie sich auch hier ge­treu, denn sie sag­te ih­ren äl­te­ren Ver­wand­ten kei­ne Ent­schul­di­gung dar­über, wes­halb sie nicht frü­her er­schie­nen sei; man nahm nur aus ih­ren Er­zäh­lun­gen ab, daß Lau­nen und Ei­gen­sinn sie un­ter­wegs län­ger auf­ge­hal­ten hat­ten. Die­se zu­fäl­li­gen Mit­tei­lun­gen muß­ten der ehe­ma­li­ge Vor­mund so­wie die Tan­te für Recht­fer­ti­gung ih­res Be­tra­gens gel­ten las­sen.

Es ist ei­ne aus­ge­mach­te Sa­che, fing der Frei­herr Blom­berg nach Ti­sche an, daß wir auf Rei­sen ei­gent­lich nie­mals wis­sen kön­nen, wo­hin wir ge­ra­ten wer­den. Es sind nicht im­mer die Pfer­de al­lein, wel­che kei­ne Ver­nunft an­neh­men, son­dern Po­stil­lo­ne, ja Post­meis­ter sind zu­wei­len noch schlim­mer, des Wet­ters, der ver­dor­be­nen We­ge und zer­bro­che­nen Rä­der gar nicht ein­mal zu ge­den­ken. Und wie es Un­glück gibt, so oft auch im Elend selbst ein un­be­greif­li­ches Glück. Es ist noch nicht so lan­ge her, daß ein Vet­ter von mir mit sei­ner jun­gen Frau und ei­nem klei­nen Kin­de drü­ben auf mei­nem klei­nen Gu­te an­kam, und der Wa­gen fiel im Ho­fe so­gleich um, in­dem sie ab­stei­gen woll­ten. Aber kein Wun­der, denn er hat­te nur drei Rä­der. Wir er­staun­ten nur, daß die Rei­sen­den nicht frü­her um­ge­wor­fen hat­ten, und noch un­be­greif­li­cher wur­de die Sa­che, als die Die­ner im Wal­de, ei­ne Vier­tel­mei­le hin­ein, das feh­len­de Rad an ei­nem Bau­me ganz nach­läs­sig an­ge­lehnt fan­den. So hat­te sich al­so der Wa­gen, oh­ne daß ir­gend­wer den Man­gel be­merk­te, von selbst im Gleich­ge­wich­te ge­hal­ten, und die Freun­de wa­ren un­be­schä­digt an­ge­langt. Und doch dürf­te kei­ner des­halb ein vier­tes Rad am Wa­gen für so über­flüs­sig hal­ten, wie je­nes be­rüch­tig­te fünf­te. In mei­ner Ju­gend war ich ein­mal ge­zwun­gen, in den kür­zes­ten Win­ter­ta­gen ei­ne ziem­lich wei­te Rei­se beim ab­scheu­lichs­ten Wet­ter zu ma­chen. Einen ei­ge­nen Wa­gen be­saß ich nicht, und so muß­te ich mich mit je­nen Fuhr­wer­ken be­hel­fen, die mir die Post­meis­ter ga­ben, und die oft nichts we­ni­ger als be­quem wa­ren und ein selt­sa­mes Aus­se­hen hat­ten. So­lan­ge ich in der wohl­ha­ben­den men­schen­vol­len Ge­gend reis­te, war es noch er­träg­lich. Aber nun ge­riet ich in Hei­de­ge­gen­den, wo Dör­fer und Städ­te fehl­ten und Man­gel vollauf war. Mit der zu­neh­men­den Käl­te ver­wan­del­te sich nun der Re­gen in Schnee, wel­cher in Un­ge­heu­ern Mas­sen aus den Wol­ken nie­der­fiel, und We­ge, Ge­sträu­che, Grä­ben und al­le Kenn­zei­chen, an de­nen man sich ori­en­tie­ren konn­te, ver­deck­te. Weil es in die­sem Land­stri­che kei­ne Chaus­seen und große Heer­stra­ßen gab, war das Fort­kom­men mit tau­send Schwie­rig­kei­ten ver­knüpft und Ge­duld war das not­wen­digs­te Ta­lent, um wei­ter­zu­ge­lan­gen und aus­zu­hal­ten.

Hübsch und be­hag­lich wohn­te es sich in der Nacht bei ei­nem jun­gen Post­meis­ter, der sich erst seit kur­z­em in die­ser Wüs­te­nei ein­ge­rich­tet hat­te. Wir schwatz­ten beim Abend­tisch, in­dem wir gu­ten Wein tran­ken, fröh­lich mit­ein­an­der. Er woll­te am fol­gen­den Ta­ge sei­ne Braut in sein Haus füh­ren, die schon un­ter­wegs war, um mit den El­tern des Mäd­chens die Hoch­zeit im ziem­lich großen Hau­se zu fei­ern. Mein Herr, sag­te er zu mir, in­dem ich zu Bet­te ge­hen woll­te, wenn Sie den Rat ei­nes Wohl­mei­nen­den an­neh­men wol­len, so blei­ben Sie we­nigs­tens mor­gen hier bei uns, und neh­men an un­se­rer Freu­de teil. Sie ha­ben selbst den Sturm ge­hört, wel­cher sich seit ei­ni­gen Stun­den auf­ge­macht hat, er treibt die Schnee­mas­sen hin und her, und kein Weg läßt sich un­ter­schei­den.

Ich kann Ih­nen lei­der nur einen klei­nen, ganz of­fe­nen Wa­gen ge­ben, und die nächs­te Sta­ti­on ist weit, vier Mei­len von hier. Da­zu kommt noch, daß ein jun­ger un­er­fahr­ner Bur­sche Sie füh­ren muß, denn die äl­te­ren sind fort, mir El­tern und Braut ab­zu­ho­len. Sie spa­ren Zeit und ge­win­nen, wenn Sie es sich we­nigs­tens die­sen einen Tag bei mir ge­fal­len las­sen.

Mein gu­ter Herr, ant­wor­te­te ich, ich wür­de Ihr gü­ti­ges An­er­bie­ten an­neh­men, wenn ich nicht all­zu­sehr pres­siert wä­re. Ein Freund er­war­tet mich auf der nächs­ten Sta­ti­on, dem ich mein Wort ver­pfän­det ha­be, un­fehl­bar ein­zu­tref­fen. Ich darf nicht aus­blei­ben. Mei­ne Ge­schäf­te sind von der Art, daß ich mit mei­nem Ver­wand­ten auch so­gleich von dort in der größ­ten Schnel­le wei­ter rei­sen muß.

Der Wirt, in­dem er mir gu­te Nacht bot, sah mich, wie et­was miß­trau­isch, von der Sei­te an, als wenn er mei­nen Ver­si­che­run­gen kei­nen rech­ten Glau­ben zu­stell­te. Und er war mit sei­nem Arg­wohn auch auf kei­nem ganz un­rech­ten We­ge. Denn, mit Men­schen­kennt­nis aus­ge­rüs­tet, wie ich da­mals mir zu­trau­te, nahm ich al­les, was der Mann mir sag­te, nur für Vor­wand und List, um mich län­ger in sei­nem Hau­se zu be­hal­ten. Er hat­te be­mer­ken kön­nen, daß ich das Geld nicht son­der­lich ach­te­te, ich moch­te ihm als reich er­schei­nen, wo­für man in der Ju­gend so ger­ne gilt, ich hat­te ihn ge­zwun­gen, mit mir ei­ne Fla­sche und mehr von sei­nem teu­ers­ten Wei­ne zu lee­ren, ich hatte ein leck­res Abendes­sen be­stellt, wel­ches er mit mir ver­zeh­ren muß­te.

Da­bei dünk­te ich mich nicht we­nig po­li­tisch, als ich schon um fünf Uhr, lan­ge vor Ta­ge, al­les im Hau­se mun­ter mach­te und nach ge­nos­se­nem Früh­stück, beim Schein der La­ter­nen, mei­nen dürf­ti­gen Wa­gen be­stieg. Ich lach­te in­ner­lich, in­dem ich von mei­nem Wirt Ab­schied nahm, der auch schon mun­ter war, und dem jun­gen blon­den Po­stil­lon al­le mög­li­che Vor­sicht emp­fahl. Vom Schnee war ei­ne ge­wis­se däm­mern­de Hel­le ver­brei­tet, und als wir im Frei­en wa­ren, frag­te ich den jun­gen Men­schen, ob er sich ge­traue, mich bis zur Mit­tags­zeit auf je­ne Sta­ti­on zu lie­fern, und ob er auch des Weges recht kun­dig sei. Er lach­te und sag­te: Gna­den, ich bin ja von dort ge­bür­tig und ha­be den Weg, seit ich hier in Dienst ste­he, schon über zwan­zig­mal ge­macht. – Wie wünsch­te ich mir sel­ber zu mei­ner Klug­heit und Kon­se­quenz Glück, als ich die­se tröst­li­chen Wor­te ver­nahm.

Es ging auch al­lem An­schein nach recht gut, we­nigs­tens im An­fan­ge, und ich trös­te­te mich um so mehr, daß mit ein­bre­chen­der Hel­le und dem Ta­ges­licht je­de Be­schwer völ­lig müs­se über­wun­den sein. Mein Po­stil­lon sang, pfiff und blies ab­wech­selnd, was auch da­zu bei­trug, mei­nen Sinn zu er­hei­tern. Jetzt ka­men wir in ein Fich­ten­ge­hölz, in dem der käl­te­re Mor­gen­wind uns an­blies und die Däm­me­rung et­was lich­ter wur­de. Von ei­ner Stra­ße oder ei­nem We­ge war nir­gends et­was zu se­hen, denn der Schnee hat­te al­le Spu­ren ver­deckt. Als wir wei­ter­ka­men, fiel von neu­em Schnee, und mit dem sto­ßen­den Win­de wur­de er so hin- und her­ge­wir­belt, und nach al­len Rich­tun­gen ge­streut und ge­trie­ben, daß ich in mei­nem wi­der­wär­ti­gen of­fe­nen Fuhr­werk bald al­les Be­wußt­sein ver­lor. Wenn der Schnee so stoß­wei­se mir ent­ge­gen­schlug, das Ge­sicht er­käl­te­te und die Au­gen blen­de­te, so war es völ­lig un­er­träg­lich. Wir kön­nen es al­le schon be­merkt ha­ben, daß ein sol­ches Wet­ter, auch ab­ge­se­hen von Frost und Schmerz, selbst ei­ne be­täu­ben­de Kraft hat, ei­ne Schwin­del er­re­gen­de, so daß man an sol­chem Ta­ge auf vie­le Mi­nu­ten oft das Be­wußt­sein ganz ei­gent­lich ver­liert. Das be­geg­ne­te uns denn auch, und ehe ich mich des­sen ver­sah, hat­te mein Po­stil­lon mich, als wir wie­der im Frei­en wa­ren, in einen tie­fen Gra­ben ge­wor­fen. Wir hat­ten ihn nicht be­merkt, und der ver­hül­len­de Schnee gab nach. Es kos­te­te An­stren­gung und Schweiß, das Fuhr­werk wie­der in die Hö­he und aus dem Gra­ben zu brin­gen, und als es ge­lun­gen war und ich mei­nen Sitz wie­der ein­ge­nom­men, war ich ei­gent­lich um nichts bes­ser dar­an. Fast kam mir schon die Reue, daß ich der Ein­la­dung des ver­stän­di­gen Post­meis­ters nicht nach­ge­ge­ben hat­te, doch nahm ich Zu­flucht zum Stol­ze und ei­ner kon­se­quen­ten Aus­dau­er. So krab­bel­ten wir wei­ter, und mein jun­ger Fuhr­mann schi­en auch von sei­nem fro­hen Mu­te nach und nach et­was ein­zu­bü­ßen.

Um nicht zu um­ständ­lich zu wer­den, sa­ge ich nur, daß wir lang­sam for­tirr­ten, daß die Pfer­de im tie­fen Schnee bald mü­de wur­den, daß nach mei­ner Rech­nung und we­ni­gen Be­sin­nung die Mit­tags­stun­de schon vor­über sein muß­te, denn ich hat­te ver­ges­sen, mei­ne Uhr am Mor­gen auf­zu­ziehn, und im Ne­bel und im­mer­wäh­ren­den Schnee­ge­stö­ber konn­te man vom Stan­de der Son­ne nichts er­fah­ren. Mich hun­ger­te, mei­ne Be­täu­bung ging end­lich in ei­ne Schläf­rig­keit über, ge­gen die ich an­kämp­fen muß­te, um nicht am En­de gar zu er­frie­ren.

Es dürf­te mir schwer wer­den, ir­gend von dem Re­chen­schaft ab­zu­le­gen, was ich in die­sen Stun­den dach­te, denn mein Geist schlief wirk­lich, wenn ich auch mei­nen Kör­per noch so not­dürf­tig wach er­hielt. End­lich kam es mir vor, als wenn sich die Luft zum Dun­keln an­schick­te, we­nigs­tens wur­den Ne­bel und Schnee noch di­cker. Kei­ne Spur von Woh­nung oder Men­schen. Die Pfer­de wa­ren ganz matt, und nach mei­ner träu­me­ri­schen Rech­nung moch­ten wir dem Abend na­he sein. Der jun­ge Po­stil­lon war ab­ge­stie­gen, um an den Strän­gen et­was zu knüp­fen, die beim deut­schen Fuhr­we­sen im­mer­dar schlecht und in Un­ord­nung sind. Als ich mich zu ihm hin­beug­te, um mit ihm zu spre­chen und et­was Tröst­li­ches zu er­fah­ren, sah ich zu mei­nem Schre­cken, daß der Bur­sche ganz un­ver­hoh­len wein­te, und end­lich gar laut schluchz­te. Was ist dir? – Ach! gnä­di­ger Herr, lau­te­te sei­ne Ant­wort, mit den Pfer­den, und auch mit uns, ist es völ­lig aus. Wir sind schon stun­den­lang auf kei­nem ge­bahn­ten We­ge mehr. Es hat mich ei­ner be­hext, ich weiß nicht, wo wir sind. Ich bin in die Wil­de­wahl hin­ein­ge­ra­ten. So nann­te er, nach sei­ner Bau­ern­spra­che, uns­re Ver­ir­rung.

Aber was an­fan­gen? – Wenn uns der Hei­land nicht durch ein Wun­der er­ret­tet, so müs­sen wir hier um­kom­men. – Mut ge­faßt, Klei­ner! heut früh warst du so dreist und lus­tig. – Ja, da­mals war ich noch nicht ver­hext. – Wir kön­nen hier aber nicht bis zum Früh­ling hal­ten. – Ach Gott! wir müs­sen hier um­kom­men. Und die hei­ßen Trä­nen roll­ten wie­der in den Schnee.

Ich sah, daß der Bur­sche al­le Fas­sung ver­lo­ren hat­te. Zum Glück hat­te ich noch einen Rest von süßem Wein bei mir, wo­mit ich den schon ganz Ver­zwei­feln­den stärk­te, und so setz­te er sich, et­was er­mu­tigt, auf den Bock, um auf gut Glück oder schlimm Un­glück wei­ter­zu­fah­ren, in­dem die Däm­me­rung, und bald dar­auf auch die Fins­ter­nis, wirk­lich her­ein­brach.

Ich war jetzt we­ni­ger be­täubt. Mit der größ­ten An­stren­gung horch­te ich um­her, ob der Laut ei­nes Men­schen, das Bel­len ei­nes Hun­des mein Ohr trä­fe. Aber al­les war still wie die to­te Mit­ter­nacht. Fast muß­te ich sor­gen, daß die Pfer­de, die im­mer häu­fi­ger stol­per­ten, ohn­mäch­tig nie­der­sin­ken möch­ten. Ich sprach, so gut es sich bei dem Ge­tö­se des Win­des tun ließ, mit mei­nem Fuhr­mann, da­mit er nicht ein­sch­lie­fe, oder von neu­em in sein trost­lo­ses Wei­nen ver­fie­le. Mei­ne Si­tua­ti­on war in der Tat kei­ne be­nei­dens­wer­te, und in stump­fer Re­si­gna­ti­on war ich so tief ge­sun­ken, daß ich schon auf den an­dern Mor­gen zu hof­fen be­gann, ob­gleich ich es wuß­te, daß die Nacht nur seit kur­z­em be­gon­nen hat­te.

Ei­ne Art von Schim­mer ver­brei­te­te in der schwar­zen Nacht der fal­len­de und lie­gen­de Schnee; die­ses Auf­däm­mern diente aber mehr, Au­gen und Sin­ne zu ver­wir­ren, als zu ir­gend­ei­nem Se­hen zu ver­hel­fen.

End­lich, so bil­de­te ich mir ein, hör­te ich et­was, wie aus wei­ter Fer­ne: es schi­en auch et­was Dunkles, Fes­tes sich in die Luft hin­ein zu er­stre­cken. So war es auch, denn wir ge­rie­ten nun wie­der in einen Wald. Im­mer ei­ne Art von Ge­winn, wenn wir die Nacht doch ein­mal im Frei­en zu­brin­gen soll­ten. Je­ne Leu­te, die auch wohl nur ein­ge­bil­det wa­ren, lie­ßen sich nun aber nicht mehr ver­neh­men.

Nach­dem wir ei­ne Wei­le noch fort­ge­stol­pert wa­ren, zeig­te sich wirk­lich ein Licht­lein ganz, ganz fer­ne. Ich woll­te erst mei­nen Au­gen nicht trau­en, aber der Po­stil­lon ent­deck­te es eben­falls. – – –

Hier wur­de der Er­zäh­ler un­ter­bro­chen, denn An­selm, so wie Theo­dor, die eben vom Pfer­de ge­stie­gen wa­ren, tra­ten ein. Theo­dor wur­de rot vor Freu­de, als er die schö­ne Si­do­nie er­blick­te. Er be­grüß­te sie so leb­haft und lei­den­schaft­lich, daß die Wir­tin lä­chel­te und Blin­den her­zu­trat, um eben­falls dem jun­gen Mann Will­kom­men zu sa­gen und ihm die Hand zu bie­ten.

Sie kom­men einen Au­gen­blick zu früh, mei­ne wer­ten Gäs­te, sag­te die Ba­ro­nin, denn so­eben ist un­ser Blom­berg bei der Ent­wick­lung ei­ner in­ter­essan­ten Ge­spens­ter­ge­schich­te, die er selbst er­lebt ha­ben will.

Man setz­te sich wie­der, und Blom­berg gab ver­wun­dert von sich: Ge­spens­ter­ge­schich­te?

Nun ja, fiel Si­do­nie ein, was kann denn nur das rät­sel­haf­te fer­ne Licht an­ders sein als die er­leuch­te­te Kam­mer ei­ner El­fe oder das Be­gräb­nis ei­nes wun­der­bar Er­mor­de­ten, des­sen Ge­spenst dort im Schein der Irr­lich­ter um­irrt und Bu­ße tut oder sei­nen Mör­der auf schau­er­li­che Wei­se an­kla­gen will.

Sie ha­ben recht, sag­te Blom­berg la­chend, so soll­te ei­gent­lich der Re­gel nach die Ge­schich­te fort­fah­ren, und mein Po­stil­lon schi­en auch der­sel­ben Mei­nung zu sein; denn hat­te er bis jetzt nur im stil­len ge­schluchzt, so fing er jetzt vor Grau­sen und Ent­set­zen laut zu heu­len an und woll­te an­fangs mei­nen Fra­gen und Er­mah­nun­gen kein Ge­hör ge­ben.

Im­mer rief der jun­ge Mensch, als wir nä­her ka­men: Nun sind wir ver­lo­ren! Lau­ter He­xen und Ge­spens­ter! Das ist nicht die Sta­ti­on! Wir sind in ei­nem frem­den Welt­tei­le!

Ich konn­te ihn nur mit Mü­he da­hin brin­gen, daß er die tod­mü­den Pfer­de stär­ker an­trieb, denn er zit­ter­te und wein­te.

Mei­ne Neu­gier­de ward ge­spann­ter, als wir nä­her ka­men. Es schi­en mir ein großes Haus, wel­ches mir, hell er­leuch­tet, ent­ge­genglänz­te. Mei­ne Fan­ta­sie, in­dem ich von den viel­stün­di­gen Lei­den al­le mei­ne Kräf­te er­schöpft fühl­te, bil­de­te aus der brei­ten Mas­se bald einen großen feen­ar­ti­gen Pa­last, ich sah Säu­len und glän­zen­de Bal­ko­ne, wun­der­li­che Zin­nen und Tür­me, nebst al­len Zu­be­hören ei­nes Zau­ber­schlos­ses. Nicht lan­ge, so ver­nahm ich Mu­sik. Ganz wun­der­ba­re Tö­ne schlu­gen an mein Ohr, und ich rüt­tel­te mich end­lich ge­walt­sam auf, weil ich furchte­te, ich sei ein­ge­schla­fen und al­les nur ein Traum. –

Nun, sag­te Graf Blin­den; schlieft Ihr wirk­lich, Freund? Nichts we­ni­ger, ant­wor­te­te Blom­berg, al­les war wirk­lich. Wirk­lich? rief die Wir­tin mit großem Er­stau­nen aus.

Wenn ich sa­ge al­les, sag­te der Frei­herr la­chend, so mei­ne ich da­mit, wie je­ner Het­man der Ko­sa­ken, ei­ni­ges und al­so bei wei­tem nicht al­les. Das hell er­leuch­te­te große Haus blieb, die Mu­sik ver­schwand eben­falls nicht, wohl aber die präch­ti­gen Bal­ko­ne, die kö­nig­li­chen Säu­len, die ro­man­ti­schen Tür­me und Zin­nen des Mit­tel­al­ters, wel­che sich in ganz all­täg­li­che Schorn­stei­ne ver­wan­del­ten.

Aber so sa­gen Sie doch end­lich, was es nun war! rief Blin­den.

Mich wun­dert’s nur, sag­te Blom­berg ganz ru­hig, daß Sie es noch nicht er­ra­ten ha­ben. – Ich war freu­dig und be­ru­higt, daß ich wie­der zu Men­schen ge­riet, moch­ten es auch sein, wel­che es woll­ten, da mei­ne Not den höchs­ten Grad er­reicht hat­te, und ich je­ner un­er­träg­li­chen, völ­lig hilflo­sen Ein­sam­keit ent­ron­nen war. Es war mir da­her nur er­freu­lich, als mir aus der Tür des Hau­ses je­ner Post­meis­ter mit ei­nem sa­ti­ri­schen Lä­cheln ent­ge­gen­trat, den ich heut mor­gen so über­aus früh und in has­ti­ger Ge­schäf­tig­keit ver­las­sen hat­te. Wir wa­ren in die­sen vier­zehn Stun­den müh­se­lig im Krei­se rund­um ge­fah­ren, um zer­schla­gen, er­fro­ren, ganz ver­hun­gert und über­mü­det da wie­der an­zu­lan­gen, wo wir un­se­re Rei­se be­gon­nen hat­ten. Sie hät­ten es be­que­mer ha­ben kön­nen, sag­te der gut­mü­ti­ge Mann, in­dem er mich we­gen mei­nes Un­glücks, zu­gleich aber auch sei­ne hin­fäl­li­gen Pfer­de be­dau­er­te. Ich muß­te, da man auf mich nicht mehr ge­rech­net hat­te, in ei­nem klei­nen Stüb­chen mich ein­rich­ten, und erst am fol­gen­den Ta­ge konn­te ich, aus­ge­ruht, mei­nen An­teil an den Freu­den der Hoch­zeit neh­men. Ich war aber nun so klug, daß ich das schlech­te Wet­ter aus­to­ben ließ, und oh­ne mich zu über­ei­len, erst nach vier Ta­gen wei­ter­reis­te. Ein al­ter, er­fah­re­ner Po­stil­lon brach­te mich zur nächs­ten Sta­ti­on.

So wa­ren wir denn, sag­te die Wir­tin, ge­täuscht, in­dem wir ei­ne Ge­spens­ter­ge­schich­te er­war­te­ten. Wir dür­fen Ih­nen aber je­ne nicht schen­ken, de­ren Er­zäh­lung Sie noch nicht vollen­det ha­ben, und wel­che neu­lich Graf Theo­dor dem Hin­zu­ge­kom­me­nen er­läu­ter­te.

Man setz­te sich in einen Halb­kreis, und die über­mü­tige Si­do­nie sag­te: Wenn ich auch we­nig oder nichts von je­nem Vor­fal­le weiß und so mit­ten hin­ein­ge­ra­te, so will ich den­noch In­ter­es­se neh­men, denn Ge­spens­ter und al­les, was da­mit zu­sam­men­hängt, sind mei­ne Pas­si­on.

Recht so! rief An­selm aus, kann man doch nicht wis­sen, ob wir nicht al­le noch ein­mal um­gehn wer­den, denn kei­nem steht es an der Stirn ge­schrie­ben, ob er nicht aus ei­nes Bäckers Toch­ter oder Sohn zur Eu­le wird.

O ihr jun­ges Volk! sag­te der al­te kran­ke Blin­den mit ei­nem tie­fen Seuf­zer: euch fällt es doch nie­mals ein, daß ihr schon vor dem To­de zu Ge­spens­tern wer­den müßt; denn was ist der hilflo­se, mür­ri­sche, run­zel­vol­le Greis an­ders, wenn man das Bild je­nes blü­hen­den Jüng­lings zu­rück­ruft, wel­ches er vor vier­zig oder fünf­zig Jah­ren dar­stell­te. Wie wird un­ser Si­don­chen aus­sehn, wenn sie acht­zig Jahr alt wer­den soll­te.

Ich bit­te mir einen an­dern Dis­kurs aus! wie manch­mal der Wie­ner sagt, – rief Si­do­nie ganz emp­find­lich; Vor­mün­der dür­fen un­höf­lich sein, und von die­sem er­lo­sche­nen Recht ma­chen Sie noch im­mer Ge­brauch.

Al­so denn, rief der kran­ke Graf, zu je­nen wirk­li­chen, ech­ten Ge­spens­tern, lie­ber Blom­berg, um uns von den ima­gi­nären ab­zu­wen­den. Ih­re idea­li­schen sind viel­leicht an­ge­neh­mer.

Blom­berg fing an: Sie wis­sen al­so, teu­re Freun­de, wie Graf Mo­ritz mehr und mehr ver­arm­te und sei­nen Nach­kom­men nur we­nig von je­nem großen Ver­mö­gen hin­ter­ließ, wel­ches ihm durch Erb­schaft zu­ge­fal­len war. Krie­ge bra­chen auch ein, doch er­hielt sich der nächs­te Be­sit­zer der Klau­sen­burg und sei­ne Fa­mi­lie und war in der Nachbar­schaft an­ge­se­hen und ge­ach­tet. Fleiß, Glück, die Heirat mit ei­nem wohl­ha­ben­den Fräu­lein brach­ten ihn wie­der em­por. Und so ge­lang es den Be­mü­hun­gen je­nes Er­ben, daß sein Schloß noch ei­ni­ge fünf­zig oder sech­zig Jah­re mit sei­nem al­ter­tüm­li­chen Schmuck in uns­rer Nach­bar­schaft glänz­te, daß Freun­de und Ver­wand­te ihn gern be­such­ten, und daß er sei­nem ein­zi­gen Soh­ne, als er starb, die üb­rig­ge­blie­be­nen Gü­ter im gu­ten Zu­stan­de und noch be­deu­ten­de ba­re Sum­men hin­ter­las­sen konn­te. Je­ner Fluch der Zi­geu­ne­rin­nen schi­en al­so gänz­lich be­sei­tigt, er­lo­schen oder ein­ge­schla­fen zu sein. Der Graf und sein Sohn hät­ten die frü­he­re Be­ge­ben­heit völ­lig ver­ges­sen, von dem Flu­che mö­gen sie auch viel­leicht nichts er­fah­ren ha­ben.

Ich war ein mun­te­rer Kna­be, als ich die Be­kannt­schaft mit dem letz­ten jun­gen Er­ben, Franz, dort auf der Klau­sen­burg mach­te. Die­ser Franz; et­wa um ein Jahr äl­ter als ich, war hei­ter, schön, lie­bens­wür­dig, die Freu­de sei­nes Va­ters, je­nes tä­ti­gen Man­nes, der den Glanz sei­ner Fa­mi­lie zum Teil wie­der her­ge­stellt hat­te. Da mein Va­ter nur ei­ni­ge Mei­len von hier auf sei­nem Gu­te wohn­te, so kam ich oft von den jen­sei­ti­gen Ber­gen nach der Klau­sen­burg her­über, und ha­be auch oft Ih­rer Frau Mut­ter, mei­ne gnä­di­ge Ba­ro­nin, mei­ne Auf­war­tung ge­macht, zu­wei­len auch, als ein un­ge­zo­ge­ner Jun­ge, hier vie­len Un­fug ge­trie­ben.

Ich war da­mals noch nicht ge­bo­ren, sag­te die Wir­tin.

In je­nen Ta­gen, sag­te Graf Blin­den, bin ich nie­mals in die­se Berg­ge­gen­den ge­kom­men.

Die­ser mein Spiel­ka­me­rad, Franz, fuhr Ba­ron Blom­berg fort, er­wuchs nicht nur zur Freu­de sei­nes Va­ters, son­dern al­ler Men­schen. Er war schön, wit­zig, be­liebt, ge­schickt als Tän­zer und Rei­ter, und im Fech­ten konn­te sich nie­mand mit ihm mes­sen. Er hat­te sich dem Fürs­ten vor­stel­len las­sen, des­sen Gunst er auch durch sein hei­te­res We­sen ge­wann und in des­sen Dienst war er nach we­ni­gen Jah­ren zum Rat em­por­ge­stie­gen. We­ni­gen Men­schen auf Er­den schi­en ein so glück­li­ches Los be­rei­tet zu sein. Al­le Müt­ter und Tan­ten in der Nach­bar­schaft sa­hen und wünsch­ten in ihm auch den künf­ti­gen Mann ih­rer Töch­ter und Nich­ten, und in der Stadt war er auf den Bällen der ver­göt­ter­te und ver­zo­ge­ne Held der jun­gen Mäd­chen so­wie der Ge­gen­stand des Nei­des und der Ver­fol­gung al­ler männ­li­chen Stut­zer. Man be­griff es nicht, daß der jun­ge Mann so lan­ge mit sei­ner Wahl zö­ger­te, und lan­ge woll­te man den Ge­rüch­ten, die dar­über um­lie­fen, kei­nen Glau­ben schen­ken. Es hieß näm­lich, es ha­be sich ein Ver­ständ­nis mit der Toch­ter des Fürs­ten an­ge­spon­nen. Die bei­den Lie­ben­den war­te­ten al­so, so er­zähl­te man sich im Ver­trau­en, auf ir­gend­ei­nen Zu­fall, auf ei­ne Be­ge­ben­heit, die ih­nen zum Glück aus­schla­gen möch­te, um öf­fent­lich ih­re ge­gen­sei­ti­ge Lei­den­schaft und ih­re Wün­sche zu be­ken­nen. Die­ser Fall er­eig­ne­te sich aber nicht, und Jah­re um Jah­re ver­gin­gen, und mit ih­nen er­lo­schen die Ge­rüch­te und je­ne man­nig­fal­ti­gen Deu­tun­gen der viel­klu­gen Po­li­ti­ker.

Plötz­lich, als kein Mensch mehr die­ser Sa­che dach­te, ward mein Ju­gend­freund durch die Un­gna­de sei­nes Fürs­ten vom Ho­fe und aus der Stadt ver­bannt. Al­le sei­ne ehe­ma­li­gen Freun­de wi­chen von ihm zu­rück. Noch schlim­mer, daß ihm die von oben be­schütz­te Schi­ka­ne einen ge­fähr­li­chen Pro­zeß an den Hals warf, der ihn mit dem Ver­lust sei­nes gan­zen Ver­mö­gens be­droh­te. So sah sich der ge­schmei­chel­te, be­wun­der­te und von al­ler Welt ge­lieb­kos­te Franz in der schlimms­ten La­ge und muß­te sich ge­ste­hen, daß sein Le­bens­lauf be­schlos­sen und al­le glän­zen­den Aus­sich­ten für im­mer ver­dun­kelt sei­en.

Ich sah ihn um die­se Zeit wie­der. Er er­trug sein Un­glück wie ein Mann. Noch war er ju­gend­lich schön, und die Hei­ter­keit sei­nes Hu­mors hat­te nur we­nig ge­lit­ten. Wir be­reis­ten die hie­si­ge Ge­gend, und da die Klau­sen­burg fast schon ei­ne Rui­ne ge­wor­den war, so hat­te er nicht gar weit da­von, am Ab­hän­ge ei­nes Ber­ges, sich ein nied­li­ches Haus ge­baut, von wel­chem er der schöns­ten Aus­sicht ge­noß. Es ist das­sel­be, das ei­ne hal­be Mei­le von hier liegt und jetzt dem al­ten kran­ken Förs­ter, dem ver­arm­ten Matt­hi­as, ge­hört.

Je­nes, rief plötz­lich Theo­dor aus, vor dem so­ge­nann­ten Ei­ben­stei­ge?

Das­sel­be, ant­wor­te­te Blom­berg.

Das­sel­be? wie­der­hol­te Theo­dor fast me­cha­nisch und wie in Ge­dan­ken ver­lo­ren.

Aber, warf An­selm leb­haft ein, – was küm­mern uns alle die­se Din­ge? Sor­gen wir doch lie­ber, daß die ein­lei­ten­de Er­zäh­lung zu En­de kommt, da­mit wir nun an den An­fang der Ge­spens­ter­ge­schich­te ge­lan­gen. Das neue Haus, wel­ches wir, wie ich glau­be, al­le ken­nen, ist eben das neue Haus, und je­ne ver­al­te­te Klau­sen­burg ist das Ge­spens­ter­nest. Und von die­sem soll­ten wir et­was mehr er­fah­ren.

Sie ma­chen mich ir­re, sag­te Blom­berg ver­drieß­lich, denn wenn ich erst wei­ter vor­ge­rückt bin und im Na­men und der Per­son mei­nes Freun­des Franz er­zäh­len wer­de, darf ich noch we­ni­ger un­ter­bro­chen wer­den und muß mich noch mehr vor Zer­streu­ung hü­ten. –

Al­so, ich fand die­sen Franz ziem­lich hei­ter und ver­stän­dig. Er ver­mied es, von sei­nen frü­he­ren Ver­hält­nis­sen zu spre­chen, doch war er ei­nes Abends sehr ge­rührt, als ihm ein Brief den Tod der jun­gen Fürs­tin mel­de­te, die am ge­bro­che­nen Her­zen ver­schie­den war, oder die, wie man spä­ter be­haup­ten woll­te, will­kür­lich ih­ren Tod ge­sucht hat­te, weil sie die Last ei­nes ver­bit­ter­ten Le­bens nicht mehr er­tra­gen konn­te.

Ich sah wohl, daß ei­ne stil­le Me­lan­cho­lie mei­nen Freund in den meis­ten Stun­den be­herrsch­te, in­des­sen war er nicht ge­müts­krank, es zeig­ten sich bei ihm kei­ne Spu­ren von Le­bens­über­druß; so daß ich hof­fen durf­te, sein Un­glück und die Schick­sa­le, die er er­lebt hat­te, wür­den da­zu die­nen, sei­nen Cha­rak­ter zu läu­tern und ihm die ech­te Hal­tung zu ge­ben, die auch dem Un­an­ge­foch­te­nen not­wen­dig ist, wie viel­mehr dem, wel­cher schwe­re Prü­fun­gen durch­zu­ge­hen hat.

Es leb­te da­mals ein ver­wil­der­tes al­tes Weib in den hie­si­gen Ge­gen­den und trieb sich bet­telnd und halb­wahn­sin­nig in den Dör­fern her­um. Die Vor­neh­me­ren nann­ten sie scher­zend nur die Si­byl­le, und die ge­mei­nen Leu­te tru­gen kein Be­den­ken, sie ge­ra­de­zu für ei­ne He­xe aus­zu­ge­ben. Man wuß­te nicht ei­gent­lich, wo sie wohn­te, auch moch­te sie wohl kei­ne Hüt­te oder ei­ne ihr zu­ge­hö­ri­ge Ein­kehr be­sit­zen, weil man sie stets auf den Land­stra­ßen traf und sie al­lent­hal­ben in der Pro­vinz um­her­schwärm­te. Ei­ni­ge al­te Jä­gers­leu­te woll­ten be­haup­ten, sie sei noch ein Nach­kom­me je­ner be­rüch­tig­ten Zi­geu­ner­ban­de, wel­che Graf Mo­ritz vor Jah­ren ver­folgt und zer­streut hat­te.

In­dem wir in ei­nem schö­nen Bu­chen­wal­de in Ge­sprä­chen wan­deln, die uns ganz von der Au­ßen­welt ab­ziehn, steht plötz­lich, bei ei­ner Wen­dung des Fuß­stei­ges, die­se al­te häß­li­che Si­byl­le vor uns. Wir wa­ren ver­wun­dert, aber auf kei­ne Wei­se er­schreckt, denn wir wa­ren bei­de in ei­ner hei­tern Stim­mung. Als wir die fre­che Bett­le­rin la­chend mit ei­ni­gen Mün­zen be­schenkt hat­ten, kam sie, nach­dem sie schon fort­ge­sprun­gen war, in Ei­le zu­rück, in­dem sie sag­te: Wollt ihr denn für eu­er Geld nichts pro­phe­zeit ha­ben? – Wenn es was Gu­tes ist, er­wi­der­te ich, so kannst du dir noch ei­ni­ge Gro­schen ver­die­nen. Ich hielt ihr die Hand hin, die sie mit Auf­merk­sam­keit be­trach­te­te und dann höh­nisch sag­te: Ihr habt, gu­ter Ge­sell, ei­ne ganz mi­se­ra­ble Hand, an der je­der, auch der bes­te Pro­phet, zu­schan­den wer­den muß. So ein mit­tel­mä­ßi­ges Ge­schöpf, wie Ihr es seid, ist mir in mei­nem gan­zen Le­ben noch nicht vor­ge­kom­men: we­der klug noch dumm, we­der bö­se noch gut, we­der glück­lich noch un­glück­lich. Oh­ne Lei­den­schaf­ten, Geist, Tu­gend oder Bos­heit, seid Ihr so recht ei­ner der ABC-Schü­ler von un­sers Herr­gotts dum­men Jun­gen, und Ihr wer­det nicht ein­mal das klei­ne Ver­dienst ha­ben, je­mals in Eu­rem Le­ben Eu­re ei­ge­ne Er­bärm­lichkeit ein­zu­se­hen. Aus der elen­den Hand und dem nichts­sa­gen­den Ge­sicht ist gar nichts zu pro­phe­zei­en, denn ein sol­cher trock­ner Baum­schwamm, wenn er nicht erst prä­pa­riert und ge­beizt ist, kann kei­nen Fun­ken in sich auf­neh­men: so könnt Ihr, Hans von Un­be­deu­tend, in Eu­rer stump­fen Na­tur auch nichts er­le­ben. –

Hier er­hob sich im Saa­le von al­len Zu­hö­ren­den ein lau­tes Ge­läch­ter. Daß Sie die­se Re­zen­si­on so aus­wen­dig be­hal­ten ha­ben, sag­te An­selm, macht Ih­nen al­le Eh­re. – Nun, ist denn die­se Pro­phe­zei­ung in Er­fül­lung ge­gan­gen?

Der gut­mü­ti­ge Blom­berg hat­te mit den üb­ri­gen ge­lacht und sag­te nun et­was emp­find­lich: Jetzt, Herr Ba­ron, sind bei uns die­se Wahr­sa­ger aus­ge­stor­ben, sonst könn­ten sich un­se­re jun­gen Leu­te auch Rat ho­len, um an Selbst­kennt­nis zu­zu­neh­men. Ich tra­ge die­se un­be­deu­ten­de Be­ge­ben­heit als Ge­schichts­schrei­ber mit der ge­hö­ri­gen Treue vor, und es kann da­bei von der Kri­tik mei­nes eig­nen Selbst nicht die Re­de sein.

Sehr wahr, sag­te die freund­li­che Wir­tin: Sie, Ba­ron, sind die Gü­te selbst; und wenn man so über sich selbst zu scher­zen ver­steht, so ha­ben die jun­gen Leu­te kei­ne Ur­sach, aus die­sem Scherz Ernst ma­chen zu wol­len.

Ich glau­be gar nicht, sag­te Si­do­nie mit ge­spitz­tem Tone, daß das al­te Weib so zu un­serm Freun­de ge­spro­chen hat, son­dern ich mei­ne viel­mehr, er im­pro­vi­siert die­sen Panegy­ri­kus, da­mit wir ihm al­le wi­der­spre­chen und sein Lob in den lau­tes­ten Tö­nen sin­gen sol­len.

Dann hat er sich aber über die Ma­ßen ver­rech­net, meine schnip­pi­sche Schön­heit, sag­te Graf Blin­den, denn ein sol­ches bei­fäl­li­ges La­chen, wie er es er­regt hat, kann gewiß nicht für Wi­der­spruch gel­ten. Fah­ren Sie fort, Freund.

Blom­berg er­zähl­te: Mein Freund Franz lach­te nicht über mei­ne Cha­rak­te­ris­tik und die Aus­sprü­che des al­ten Wei­bes, son­dern weil er mich lieb­te, ward er im Ge­gen­teil bö­se und fuhr sie mit hef­ti­gen Re­dens­ar­ten an. Eben­so un­bil­lig, als über die Wor­te der al­ten Vet­tel Scha­den­freu­de zu emp­fin­den! Sie hör­te ihm ganz ru­hig zu und sag­te dann: Warum so bö­se? Wenn Ihr mir für mei­ne Be­mü­hung und Weis­heit nicht noch et­was schen­ken wollt, so laßt mich ru­hig gehn. Denn die Men­schen kön­nen es frei­lich nicht gut ver­tra­gen, wenn man ih­nen so ihr ei­ge­nes In­ne­res an das Ta­ges­licht zieht. Was kann ich denn da­für, daß in dei­nem Freun­de da nicht mehr und Bes­se­res steckt? Er ist nicht mein Sohn, noch mein Zög­ling. – Sehn Sie, mei­ne Freun­de und Zu­hö­rer, so woll­te die Wahr­sa­ge­rin ih­re vo­ri­ge Grob­heit durch ei­ne neue gut­ma­chen und recht­fer­ti­gen. – Franz war auch wie­der be­sänf­tigt und gab der Bett­le­rin einen Du­ka­ten, in­dem er sag­te: Pflegt Euch, Al­te: wo wohnt und hau­set Ihr?

Wo ich bin, ant­wor­te­te sie, mein Dach wech­selt so oft, daß ich nicht sa­gen kann, wie es aus­sieht: nicht sel­ten ist es of­fen, und mein Ka­me­rad der Sturm­wind. Na­tur nen­nen sie’s, wo die Men­schen nichts hin­ge­baut ha­ben. Aber ich dan­ke und muß Euch Eu­re Freund­lich­keit ver­gel­ten. – Mit Ge­walt faß­te sie schnell die wi­der­stre­ben­de Hand des Freun­des, hielt sie zwi­schen den knö­cher­nen Fin­gern fest und be­trach­te­te sie lan­ge, dann ließ sie den Arm mit ei­nem tie­fen Seuf­zer fal­len und sag­te mit ei­nem To­ne, der tie­fe Trau­er aus­drück­te: Sohn! Sohn! Ei, du stammst aus ei­nem bö­sen Blut, von schlim­men Vor­fah­ren ein schlim­mer Sproß. Aber zum Glück bist du der letz­te dei­nes Stam­mes, denn dei­ne Kin­der wür­den noch schlim­mer wer­den. Was ein­mal bö­se an­ge­fan­gen hat, muß auch ein bö­ses En­de ge­win­nen. Ei! Ei! und dei­ne Phy­sio­gno­mie! Dei­ne Mie­nen! Dein gan­zes Ge­sicht! Ist mir doch fast zu­mu­te, als wenn ich einen Mör­der vor mir sä­he. Ja, ja! Du hast ein jun­ges, schö­nes und vor­neh­mes Mäd­chen um­ge­bracht. Auf ih­rem Ster­be­bet­te hat sie lan­ge mit Gram und Angst ge­run­gen. Könnt ihr denn nicht treu sein und eu­re Schwü­re hal­ten, ihr Bö­se­wich­ter? Nicht Mes­ser, De­gen und Flin­te tö­ten und schnei­den. Auch Bli­cke, auch sü­ße Wor­te: o die ver­füh­re­ri­schen Re­den und all das lü­gen­haf­te Schön­tun! Nun bricht die glän­zen­de Hül­le zu­sam­men und wird der Ver­we­sung ge­ge­ben, die erst eu­er dum­mes Au­ge blen­de­te. Schön­heit! o du un­glück­se­li­ge Ga­be des Him­mels! Und auch du, Mord­ge­sell, bist schön ge­nug, um noch an­de­re um­zu­brin­gen. Die Flü­che des Va­ters ver­fol­gen dich nun. Du magst nun hier im Wal­de, oder in dei­nen schön ta­pe­zier­ten Stu­ben sein. Meinst du nicht, fühlst du es nicht, wie sie, recht aus dem Her­zen kom­mend, das Un­glück und Elend auf dich hin­we­hen, wie der Sturm­wind die dür­ren Blät­ter in die Tie­fe des Ge­bir­ges hin­streut? Wo ist dei­ne Ru­he, dein Glück, dein Ver­trau­en? Al­les zer­stiebt wie Flug­sand in der dür­ren Ebe­ne; kei­ne Frucht kann hier Wur­zel fas­sen.

Mit ei­nem Ma­le jauchz­te die Wahn­sin­ni­ge laut auf und lief schrei­end und wi­der­wär­tig sin­gend in den dich­tes­ten Wald hin­ein. Als ich mich um­sah, er­schrak ich, denn mein Freund war to­ten­bleich ge­wor­den; er zit­ter­te so hef­tig, daß er sich auf einen Gras­hü­gel wie ohn­mäch­tig nie­der­set­zen muß­te. Ich setz­te mich zu ihm und such­te ihn zu trös­ten und zu be­ru­hi­gen. Ist die­se Be­ses­se­ne, rief er aus, von der Wahr­heit be­geis­tert? Sieht sie wirk­lich Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft? Oder sind es nur wahn­sin­ni­ge Lau­te, die sie in tie­ri­scher Ge­dan­ken­lo­sig­keit her­aus­stößt? Und wenn dies ist, – sind die­se zu­sam­men­ge­wür­fel­ten Wor­te nicht viel­leicht die ech­ten Ora­kel al­ler Zei­ten ge­we­sen.

Er über­ließ sich den Trä­nen und lau­ten Weh­kla­gen, er rief jetzt laut in die Lüf­te, was er bis da­hin so sorg­sam in sei­nem In­ners­ten ge­heim­nis­voll ver­schlos­sen hielt. Ja Fluch, Fluch! rief er aus, al­lem Ta­lent, der Re­de, der An­mut und al­len Ga­ben, die uns ein scha­den­fro­hes Schick­sal mit­teilt, um uns und an­de­re zu ver­der­ben! Könnt’ ich nicht dem ers­ten ih­rer freund­li­chen Bli­cke aus dem We­ge gehn? Warum ließ ich mich be­tö­ren, Blick mit Blick und nach­her Wort mit Wort zu er­wi­dern? Ja, sie war lie­bens­wert, edel und schön, aber in mei­nem Her­zen er­hob sich mit den bes­se­ren Ge­füh­len auch die Ei­tel­keit, daß ge­ra­de sie, die höchs­te, es war, die mich so aus­zeich­ne­te. Nun trat ich nä­her, dreis­ter, be­stimm­ter, und mein ge­läu­ter­tes, hoch­ge­stimm­tes Ge­fühl über­rasch­te und ge­wann sie. Sie schenk­te mir ihr Ver­trau­en. Ihr Herz war so schon und groß; ach! al­le die­se Ju­gend­ge­füh­le so zart und in­nig; es war ein Pa­ra­dies, was sich uns bei­den auf­tat. Wir glaub­ten, kin­disch ge­nug, es kön­ne kein hö­he­res Glück auf die­ser Er­de uns ge­bo­ten wer­den, die­se himm­li­sche Ge­gen­wart, der Mo­ment ge­nüg­te uns. Nun er­wach­te aber in mei­nem Her­zen die Lei­den­schaft. Das hat­te sie nicht er­war­tet, sie er­schrak und zog sich zu­rück. Das sta­chel­te mei­ne Ei­gen­lie­be, ich fühl­te mich un­glück­lich, zer­stört, der Krank­heit na­he. Das er­barm­te sie, sie kam mir wie­der nä­her. Durch ei­ne ver­trau­te Kam­mer­frau ward es uns mög­lich, uns oft oh­ne Zeu­gen zu sehn und zu spre­chen. Un­ser Ver­ständ­nis war in­ni­ger, uns­re Lie­be ge­wis­ser und zärt­li­cher, aber da die­se Ge­füh­le in Wor­te ge­faßt und be­wuß­ter aus­ge­spro­chen wur­den, so war auch auf im­mer­dar je­ner pa­ra­die­si­sche Hauch, je­ner über­ir­di­sche Duft ver­schwun­den. Es war ein Glück, aber ein an­de­res, ir­di­scher, freund­li­cher, ver­trau­li­cher, aber nicht von je­ner Ma­gie um­ge­ben, die mich in der frü­he­ren Zeit ent­zückt hat­te, so daß ich mich wohl oft im stil­len fra­gen konn­te: Bist du denn glück­lich? – Ach! mein Freund! in­dem wir uns oft sa­hen – wie­viel Ent­würfe, tö­rich­te und wahn­sin­ni­ge, wur­den da ge­macht! Es war von un­se­rer Zu­kunft die Re­de, an wel­che der schwär­me­nd Lie­ben­de in den ers­ten Zei­ten sei­ner Ent­zückung nie­mals denkt. Ein­mal schi­en ei­ne Ge­le­gen­heit sich an­zu­bie­ten, sie zur Eh­re des Hau­ses zu ver­mäh­len. Da er­wach­te Wut und bö­ser Ha­der in mir. Sie ward von mei­nem Zorn bis in das in­ners­te Herz miß­han­delt, da es schi­en, als wenn sie die­ser glän­zen­den Ver­bin­dung nicht ab­ge­neigt wä­re. Ich war schlecht in mei­ner Lei­den­schaft, und tief fühl­te sie mei­ne Ent­ar­tung, mehr in ih­rer Lie­be um mei­net­wil­len, als ih­rer Schmer­zen we­gen. Oh, sie hat die­ses Bild mei­ner Ra­se­rei nie­mals wie­der in ih­rer See­le ver­til­gen kön­nen. Um mir die Schmer­zen gut zu ma­chen und mich ganz zu ver­söh­nen, stieg sie zu mei­nem ge­rin­gern wil­dern We­sen her­ab. Uns­re Her­zen hat­ten sich wie­der ganz aus­ge­söhnt, aber mit Sehn­sucht sah ich aus den schwe­fel­gel­ben Ge­wit­ter­wol­ken, die mich jetzt um­ga­ben, nach je­ner Him­mels­klar­heit zu­rück, die mich an­fangs so blen­dend an­ge­strahlt hat­te. Wir leb­ten in un­serm Dün­kel wie Ver­lob­te und träum­ten von un­se­rer Ver­mäh­lung, von un­er­war­te­tem Glück, von Freu­den al­ler Art und Wen­dun­gen des Schick­sals, die nie­mals ein­tref­fen konn­ten. Aber wir tapp­ten im Ne­bel um­her und hiel­ten das Un­mög­lichs­te für na­he und na­tür­lich.

Die­se An­ge­wöh­nung in uns­rer Lie­be ver­tilg­te all­ge­mach die nö­ti­ge Vor­sicht. Die Au­gen der Spä­her er­wach­ten und schärf­ten sich an uns­rer Un­vor­sich­tig­keit. Ge­rüch­te ent­stan­den, die den Herrn selbst viel­leicht nie­mals er­reicht hät­ten, wenn nicht sein ei­ge­ner Blick un­ser Ver­hält­nis ge­ahn­det und er­ra­ten hät­te. Nun ver­nahm er auf sei­ne hal­b­en Fra­gen mehr, als er wis­sen woll­te, und weit mehr, als mit der Wahr­heit ver­träg­lich war. Er ließ mich zu sich kom­men, ganz al­lein in sein Ka­bi­nett. An die­sem fei­er­li­chen Abend ent­hüll­te sich mir die Schön­heit sei­ner großen See­le. Oh­ne mir Vor­wür­fe zu ma­chen, maß er sich selbst die nächs­te Schuld mei­ner An­ma­ßung bei, daß er mich mit zu großem Ver­trau­en fast wie einen Sohn be­han­delt ha­be, daß er für mich so viel vom Her­kom­men und der Eti­ket­te nach­ge­las­sen, daß er sich sel­ber tö­richt ge­freut, daß sei­ne Toch­ter durch mei­nen Um­gang sich bil­den und von mir ler­nen kön­ne. Als er erns­ter wur­de, und ich dem er­schüt­ter­ten Va­ter der Wahr­heit ge­mäß bei mei­ner Eh­re und bei Gott be­teu­ern konn­te, daß un­se­re Lei­den­schaft uns zu kei­nem Ver­bre­chen hin­ge­ris­sen ha­be, daß un­ser Ge­ni­us uns nicht ver­las­sen, ward er wie­der mil­de und sag­te und ver­bot mir nur, was ich mir sel­ber sa­gen konn­te. Ich durf­te die Toch­ter nie­mals wie­der heim­lich sehn; ich soll­te durch Ver­stand und Cha­rak­ter sie all­ge­mach von die­ser kran­ken Lei­den­schaft hei­len, die ich tö­richt in ihr ent­zün­det hat­te, und mich da­durch sei­nes Ver­trau­ens und sei­ner Lie­be von neu­em wür­dig ma­chen.

Mir war, so fuhr Franz fort, plötz­lich wie ei­ne De­cke von mei­nem An­ge­sicht ge­nom­men. Ich kann wohl sa­gen, daß durch die­se ei­ne Un­ter­re­dung mein gan­zes We­sen ver­wan­delt war. Die Wahr­heit, die Wirk­lich­keit war nun end­lich mit sie­gen­der Ge­walt auf mich ein­ge­drun­gen. Man­che Le­ben­spe­ri­oden sind ei­nem leb­haf­ten, wun­der­sa­men Trau­me zu ver­glei­chen, man er­wacht zur Nüch­tern­heit, aber man fühlt sich doch er­wacht.

O mein Freund, die­se Wahr­heit aber war oder er­zeug­te mir die Höl­le. Mein Geist gab dem edeln Va­ter in al­len Din­gen nach, er hat­te recht, im voll­kom­mens­ten Sin­ne des Wor­tes. Wenn ich Ju­lia­ne be­wun­der­te und ih­ren Wert er­kann­te, wenn sie mir Freun­din war, und ich ihr wich­tig ge­nug, daß ich ihr Da­sein er­hö­hen konn­te, – was hat­te das mit der Lei­den­schaft, mit dem Rin­gen nach ih­rem Be­sitz zu tun? Von die­ser Über­zeu­gung war ich jetzt durch­drun­gen und die­ses Ge­fühl tat mir wohl. Wie an­ders aber war es mit ihr! Wen­den sich die Ver­hält­nis­se so, so wer­den in der Re­gel dann die Frau­en in das ver­zeh­ren­de Feu­er der Lei­den­schaft tre­ten. Wel­che Brie­fe er­hielt ich von ihr, nach­dem ich ihr mei­nen Ent­schluß und den Rat, sich der Not­wen­dig­keit zu fü­gen, mit­ge­teilt hat­te! Ich sag­te ihr fast nur die­sel­ben Sa­chen, die ich frü­her, als mein Un­ge­stüm in sie drang, aus ih­rem schö­nen Mun­de ge­hört hat­te. Aber ihr Ohr war jetzt ein an­de­res als da­mals. Taub je­dem Rat, ge­fühl­los je­der Freund­lich­keit, un­zu­gäng­lich je­der Über­zeu­gung, hör­te sie nur die wil­den Ein­ge­bun­gen ih­rer Lei­den­schaft. Mei­ne Ver­nunft schi­en ihr Feig­heit, mei­ne Re­si­gna­ti­on nann­te sie Nie­der­träch­tig­keit. Sie, ein­zig und al­lein, sie soll­te bei die­ser Fra­ge, die jetzt in mei­nem Her­zen war er­ör­tert wor­den, be­rück­sich­tigt wer­den. Kurz, sie spiel­te jetzt die­sel­be Rol­le, die ich ihr frü­her dar­ge­stellt hat­te. Da ich auf mein Be­tra­gen spä­ter mit Reue und Be­schä­mung blick­te, so glaub­te ich, durch ru­hi­ges Be­har­ren sie auf den­sel­ben Punkt all­ge­mach füh­ren zu kön­nen. Aber mei­ne Hoff­nung er­füll­te sich nicht. Selt­sam, daß ich jetzt des­halb ge­ängs­tigt war, weil ich das im über­vol­len Maß be­saß, was ich ehe­mals für mein höchs­tes Glück ge­hal­ten hät­te: und daß sich jetzt mein in­nigs­ter Wunsch nur er­streck­te, sie zur Ru­he, ja Käl­te und Gleich­gül­tig­keit zu­rück­füh­ren zu kön­nen. So wun­der­lich be­han­deln uns oft­mals die Göt­ter in Aus­tei­lung ih­rer Ga­ben. Mei­ne Brie­fe ver­letz­ten sie, so sah ich aus ih­ren Ant­wor­ten, im­mer tiefer. So kam es denn, daß ich selbst wün­schen muß­te, wie­der ein­mal ei­ne ver­trau­te Un­ter­re­dung mit ihr in ein­sa­mer Abend- oder Nacht­stun­de ha­ben zu kön­nen, de­ren mir ehe­mals so vie­le zu­teil ge­wor­den wa­ren. Es ge­lang durch Be­ste­chung, Bit­te, Er­nied­ri­gung. Aber, o Him­mel! wie war die­se Ju­lia­ne ei­ne an­de­re als je­ne, die mich ehe­mals ent­zückt und be­geis­tert hat­te! Sie glich in ih­rem Schmerz, ver­letz­tem Ge­fühl und be­lei­dig­tem Stolz ei­ner ra­sen­den Bac­chan­tin. Ich sag­te mir, so wie ich zu ihr trat: Zu die­sem Bil­de al­so hat sie dei­ne Lie­be, Ei­tel­keit und Re­de­kunst er­nied­rigt! O ihr Män­ner, die ihr durch eu­re Kraft die­se wei­chen We­sen zu En­geln er­he­ben oder zu wild­sin­ni­gen Trun­ke­nen ver­wan­deln könnt! Doch die­se Be­trach­tun­gen ka­men zu spät. Wa­ren ih­re Brie­fe schon lei­den­schaft­lich ge­we­sen, so wa­ren die Re­den ih­res Mun­des noch viel un­ge­stü­mer und stür­mi­scher. Nur mei­ne Lie­be, nichts wei­ter in der gan­zen wei­ten Welt ver­lang­te sie. Für sie gab es kei­ne Rück­sich­ten mehr. Flucht in die Welt hin­ein, Ver­let­zung ih­res Rufs, Krän­kung des Va­ters und ih­res Hau­ses, al­les war ihr jetzt recht und er­wünscht. Ich er­schrak vor die­sem Tau­mel, der kei­ne Scheu mehr an­er­ken­nen woll­te. Je mil­der ich war, je mehr ich ihr die un­ab­weis­li­che Not­wen­dig­keit deut­lich ma­chen woll­te, um so wahn­sin­ni­ger ward ih­re Re­de und Ge­bär­de. Gleich woll­te sie mit mir ent­fliehn. Es be­durf­te nur, das fühl­te ich, des aus­ge­spro­che­nen Wunsches, so er­gab sie sich mir in die­sem Tau­mel ganz und un­be­dingt. Ich war im tiefs­ten Her­zen elend, ja ver­nich­tet in al­len mei­nen Kräf­ten.

Ich er­fuhr, daß der Fürst nur in An­deu­tun­gen mit ihr ge­spro­chen hat­te: das Wich­tigs­te wuß­te sie nur aus mei­nen Brie­fen. Sie schalt auf mich, ih­ren Va­ter und das Schick­sal, und erst, als sie einen Strom von Trä­nen ver­gos­sen hat­te, war sie et­was mehr be­ru­higt. Ich muß­te ihr ver­spre­chen, nach ei­ni­gen Ta­gen wie­der­zu­kom­men, um dann die Mit­tel zu un­se­rer Flucht ver­ab­re­den zu kön­nen. Al­so war es nun so weit ge­kom­men, daß ich mich vor die­ser an­ge­be­te­ten Ju­lia­ne fürch­ten, ja daß ich sie ver­ach­ten muß­te. Und doch war sie die­sel­be, und nur die­se un­se­li­ge Lei­den­schaft, die ich aus mei­nem Her­zen in das ih­ri­ge ge­gos­sen hat­te, mach­te sie zu die­sem furcht­ba­ren Wahn­bil­de. Ich zit­ter­te, sie wie­der zu se­hen. Ich wuß­te nicht mehr, wel­che Wor­te ich ihr sa­gen, wel­chen Auf­schub, oder wel­che Ent­schul­di­gung ich er­sin­nen soll­te. Ei­ni­ge Wo­chen ver­gin­gen so, in de­nen wir nur Brie­fe wech­sel­ten. Um zu en­di­gen: ich ging wie­der zu ihr. Sie schi­en mir krank, aber noch in der­sel­ben Auf­re­gung, die kei­ne ver­nünf­ti­gen Grün­de zu­las­sen woll­te. Sie hat­te einen Wa­gen be­sorgt, ih­re Ju­we­len ver­packt, an der Gren­ze An­stal­ten ge­trof­fen, Päs­se an­ge­schafft, Be­schüt­zer in fer­nen Ge­gen­den in An­spruch ge­nom­men, kurz al­les ge­tan, was der Wahn­sinn ei­ner un­be­grenz­ten Lie­be nur im­mer un­ter­neh­men mag. Ich be­han­del­te sie als Kran­ke, die um sich nicht weiß, und gab ihr in al­len Aus­schwei­fun­gen recht und lob­te al­le ih­re höchst wun­der­li­chen Plä­ne. So glaub­te sie dann mit mir ei­nig zu sein, und in acht Ta­gen, wäh­rend ei­ner glän­zen­den Mas­ke­ra­de, in­dem al­le Men­schen be­schäf­tigt und zu­gleich un­kennt­lich wa­ren, woll­ten wir ent­fliehn. Ich be­wil­lig­te al­les, um sie nur für den Au­gen­blick zu be­ru­hi­gen, nahm mir aber im stil­len vor, den Hof und die Stadt zu ver­las­sen. In­dem wir noch so un­se­re höchst ver­nünf­ti­gen Pro­jek­te ver­han­del­ten, ge­wahr­te ich plötz­lich den Fürs­ten hin­ter mir, der schon ei­ne ge­rau­me Zeit un­se­rer Un­ter­re­dung zu­ge­hört hat­te. Die Sze­ne, wel­che nun vor­fiel, mag ich nicht be­schrei­ben. Des Va­ters Zorn über­stieg al­le Gren­zen, weil er mich wort­brü­chig vor­fand und der Über­zeu­gung war, ich sei ganz mit dem wil­den Pla­ne sei­ner Toch­ter ein­ver­stan­den. Sie warf sich zu sei­nen Fü­ßen; ganz dem frü­he­ren schö­nen Bil­de un­ähn­lich, war sie, wie von Fe­dern ei­ne me­cha­ni­sche Fi­gur in ge­walt­sa­me Be­we­gung ge­setzt wird, ei­ne Ge­stalt, de­ren Le­ben sich nur in den krampf­haf­tes­ten Ge­bär­den kund tut. Es ist zu ver­wun­dern, daß man man­che Mo­men­te über­lebt. – Ich ward ver­bannt, muß­te in die Ein­sam­keit ent­fliehn und hör­te lan­ge nichts von der Stadt und den dor­ti­gen Be­ge­ben­hei­ten, weil ich al­le Men­schen ver­mied. Als ich wie­der zur Be­sin­nung kam und den An­blick von Freun­den er­tra­gen konn­te, ver­nahm ich denn, daß sie an ei­ner un­heil­ba­ren Krank­heit lei­de und von ih­ren Ärz­ten schon auf­ge­ge­ben sei. Wie wun­der­lich spielt das Schick­sal mit dem Men­schen und al­len mensch­li­chen Ab­sich­ten. In die­ser höchs­ten Not, so sag­te man mir, hät­te mir der Va­ter gern sei­ne Toch­ter ge­ge­ben, wenn er da­durch sein ge­lieb­tes Kind nur hät­te ret­ten kön­nen. Er woll­te sich über die Mei­nung der Welt und über die Ein­re­de sei­ner Fa­mi­lie hin­weg­set­zen, wenn ihm durch die­sen fes­ten Ent­schluß sei­ne Ju­lia­ne nur kön­ne ge­ret­tet wer­den, durch de­ren Krank­heit er erst er­fah­ren hat­te, wie er sie lie­be, wie sie mit sei­nem Her­zen ver­wach­sen sei. – Al­les war um­sonst, sie starb in Schmer­zen und nach mir ru­fend, und der trost­lo­se Va­ter rief mir sei­ne Flü­che nach, die mich auch ein­ho­len wer­den, o ja, so wie ih­re Ver­wün­schun­gen.

– So un­ge­fähr äu­ßer­te sich da­mals die Lei­den­schaft mei­nes un­glück­li­chen Freun­des. Er er­zähl­te mir noch zum Be­schluß, daß sein gan­zes Ver­mö­gen ver­lo­ren­ge­he, wenn sich nicht ein Do­ku­ment vor­fän­de, das er schon seit lan­gem su­che, aber nir­gends, in kei­nem sei­ner Schrän­ke ent­de­cken kön­ne.

Es gibt Lei­den, bei de­nen es tö­richt ist, nur den Ver­such zu ma­chen, um Trost ein­zu­spre­chen. Sol­che Schmer­zen müs­sen sich selbst durch­le­ben, sie ge­hö­ren zum Men­schen, und wer ih­nen nicht er­liegt, wer sie über­steht, wird spä­ter­hin ein­se­hen, daß die­se ho­he Schu­le durch­zu­ar­bei­ten zu sei­nem Hei­le not­wen­dig war.

Ich bin über­zeugt, sag­te mein Freund nach ei­ni­gen Ta­gen, als ich von ihm Ab­schied nahm, daß die­se Flü­che, die­se Pro­phe­zei­un­gen der Fu­rie mich fin­den wer­den. Mein Le­ben wird sich in Krank­heit, Elend, Wahn­sinn und Ar­mut ver­zeh­ren. Der Geist der Ab­ge­schie­de­nen wird auf mei­nem Pfa­de in mei­ne Fuß­tap­fen tre­ten und Gift sä­en, wo viel­leicht noch ei­ne Freu­de auf­sprie­ßen möch­te. –

Jetzt fing ich an zu trös­ten und aus al­len Ge­gen­den Hoff­nung und Be­ru­hi­gung her­bei­zu­ru­fen, weil der­glei­chen Be­fürch­tun­gen nur all­ge­mein poe­ti­sche sind, die sich be­kämp­fen las­sen. Die Hoff­nung ist we­nigs­tens noch un­end­li­cher, als die weit­um­grei­fen­de Ahn­dung die­ser ge­spens­ti­schen Furcht. – Wir trenn­ten uns, und ich er­fuhr lan­ge nichts von mei­nem Franz. Ich war im Aus­lan­de und kehr­te erst nach ei­ni­gen Jah­ren zu­rück.

Wir hat­ten uns nicht ge­schrie­ben, und als ich nun wie­der in mei­nem Wohn­sit­ze mich be­hag­lich fand, wie über­rasch­te und er­freu­te mich sein ers­ter Brief. Kei­ne Spur mehr der al­ten Lei­den; al­les war ver­ges­sen. Durch die Zeit und das Glück war mein Franz zu ei­nem wahr­haft neu­en Men­schen ge­wor­den. – Er schrieb mir näm­lich von sei­ner be­vor­ste­hen­den Hoch­zeit. Das schöns­te Mäd­chen der Pro­vinz, jung, hei­ter und un­schul­dig, hat­te ihm ih­re Lie­be zu­ge­wen­det: er hat­te an dem­sel­ben Ta­ge, nach Jah­ren, je­nes ihm so wich­ti­ge Do­ku­ment auf­ge­fun­den, als das schöns­te Braut­ge­schenk sei­nes vollen­de­ten Glücks. Je­ne trü­be Zeit, so mel­de­te er mir, sei in sei­nem Geis­te nun völ­lig er­lo­schen, ei­ne neue Ju­gend blü­he ihm auf und er fan­ge jetzt erst an zu le­ben. In acht Ta­gen sollte sei­ne Hoch­zeit ge­fei­ert wer­den, und er lud mich drin­gend ein, zu ihm zu kom­men, um Zeu­ge sei­nes Glückes zu sein.

Gern wä­re ich die­sem Ru­fe ge­folgt, wenn mich nicht mein Oheim, der auf dem Ster­be­bet­te lag, vier­zig Mei­len weit von hier hin­weg ge­ru­fen hät­te. Der Fürst, der un­sern Freund am meis­ten haß­te und ver­folg­te, war auch seit­dem ge­stor­ben, und so ließ es sich denn nach al­ler mensch­li­chen Aus­sicht und Be­rech­nung so an, daß al­les Ah­nungs­vol­le, Dro­hen­de, Un­heil­brin­gen­de ver­löscht, ein­ge­schla­fen und ver­ges­sen sei und sich Geis­ter des Glückes und der Lust vor den Le­bens­wa­gen un­sers Freun­des span­nen wür­den. –

Hier schwieg der Er­zäh­ler, und Graf Blin­den frag­te: Ist denn da­mit die Ge­schich­te aus?

Wie Sie wol­len, ant­wor­te­te Blom­berg.

Wie Sie wol­len? rief Si­do­nie hef­tig: Sie sind mit Ih­ren weit aus­grei­fen­den Re­den un­aus­steh­lich, wenn jetzt nicht noch ganz an­de­re Sa­chen kom­men.

Ich will mich erst am Tee er­qui­cken, er­wi­der­te Blom­berg ru­hig, nach­her, wenn der Abend so recht still ge­wor­den ist, wol­len wir se­hen, ob die Ge­schich­te noch ei­ne Fort­set­zung zu­läßt.

Wenn die üb­ri­gen nur neu­gie­rig schie­nen, so konn­ten al­le be­mer­ken, daß sich der jun­ge Graf Theo­dor in der größ­ten Span­nung und Auf­re­gung be­fand. An­selm wand­te von die­sem kein Au­ge und schi­en ei­ne Art von Scha­den­freu­de zu emp­fin­den, daß Theo­dor von der Er­zäh­lung so er­grif­fen war. Er wech­sel­te Bli­cke mit der stets leb­haf­ten Si­do­nie, die auch den Gra­fen Theo­dor mit ih­ren schö­nen Au­gen prüf­te, als wenn die­se Be­ge­ben­hei­ten, die vor­ge­tra­gen wa­ren, auf ihn ei­ne be­son­de­re Be­zie­hung hät­ten.

Als man sich um den Tee­tisch ver­sam­melt hat­te, suchte Theo­dor der schö­nen Si­do­nie na­he­zu­kom­men.

Er sprach lei­se und sehr eif­rig mit ihr und Graf Blin­den be­ob­ach­te­te in­des­sen An­selm, der still und fein über die­se leb­haf­te Un­ter­re­dung lä­chel­te. Wie kann man nur so drin­gend sein? sag­te Si­do­nie end­lich laut.

Wo­von ist denn die Re­de? frag­te der al­te Blin­den; wenn es er­laubt ist, sich da­nach zu er­kun­di­gen.

Mein jun­ger Freund, sag­te Si­do­nie, will mich be­rau­ben, und for­dert mit Un­ge­stüm ei­ne mei­ner Lo­cken, die ich ihm, wie er be­haup­tet, schon seit lan­gem ver­spro­chen ha­be.

Sie kön­nen es nicht leug­nen, Si­do­nie, sag­te Theo­dor mit lau­ter Stim­me, und ich muß mein Recht be­haup­ten, da aus mei­ner Pri­vat­an­ge­le­gen­heit ein­mal ein öf­fent­li­cher Pro­zeß ge­macht wor­den ist.

Wol­len Sie mich zum Schieds­rich­ter an­neh­men? frag­te jetzt An­selm mit la­chen­der Stim­me.

Sie, Ba­ron, am we­nigs­ten, ant­wor­te­te Theo­dor mit ei­ni­ger Bit­ter­keit: Sie möch­ten zu sehr Par­tei wer­den. Auch ist es wohl pas­sen­der, wenn die schö­ne Si­do­nie selbst und al­lein das Rich­ter­amt ver­tritt.

Es wird sich al­les fin­den, sprach Si­do­nie, nur müs­sen wir nichts über­ei­len wol­len. Wenn der Rich­ter frei und hei­ter stim­men soll, so muß man ihm nicht durch An­drang und Vor­wür­fe die hei­te­re Lau­ne ver­der­ben.

Die Wir­tin, wel­che das Ver­hält­nis der bei­den jun­gen Leu­te kann­te, und wie sehr Theo­dor ei­ne Ver­bin­dung mit Si­do­nie wünsch­te, such­te durch ei­ne Er­zäh­lung al­le zu zer­streu­en, weil sie im­mer­dar An­selms ei­fer­süch­ti­gen Un­ge­stüm fürch­te­te, der sich kei­ne Mü­he gab, sei­ne ziem­lich feind­li­che Stim­mung ge­gen Theo­dor zu ver­ber­gen.

Mit dem Abend trat ein son­der­ba­res Wet­ter ein. Dunkle Wol­ken jag­ten sich durch den Him­mel, plötz­li­che Fins­ter­nis wech­sel­te mit Hel­le; zu­wei­len klatsch­te der Re­gen ge­gen die Fens­ter, dann ver­nahm man wie­der Win­des­brau­sen, wel­ches über die Wäl­der da­hin­fuhr. Das ist ei­ne schau­er­li­che Wit­te­rung, sag­te Blin­den, die paßt so recht, daß man sich am Ka­min et­was gräß­li­che Ge­schich­ten er­zählt. Wenn man auf den großen Teich da un­ten hin­blickt, der nur von Zeit zu Zeit sicht­bar wird, so hat er auch, wie der Wind sto­ßend drü­ber hin­kräu­selt, vor in­ni­gem Schau­er ei­ne Gän­se­haut. Lie­ber Blom­berg, jetzt wä­re die rech­te Stun­de, Ih­re Ge­schich­te zu en­di­gen.

Die Be­dien­ten hat­ten bei der naß­kal­ten Wit­te­rung ein Feu­er im großen Ka­min ge­macht, wel­ches jetzt laut knis­ternd hell auf­lo­der­te. An­selm sprach heim­lich mit Si­do­nie, und jetzt be­ob­ach­te­te Theo­dor ih­re Bli­cke und Mie­nen. In­dem er sich nah­te, sag­te das Fräu­lein: Nach­her, lie­ber Theo­dor, spre­chen wir mit­ein­an­der, las­sen Sie jetzt den Ba­ron in sei­ner Er­zäh­lung fort­fah­ren, und ich wünsch­te nur, daß er uns recht zu fürch­ten macht, denn ich lie­be der­glei­chen.

In wah­ren Ge­schich­ten, warf An­selm da­zwi­schen, wo­für sich die­se doch aus­gibt, kommt der­glei­chen nicht vor. Denn was wir bis jetzt von die­ser Zi­geu­ne­rin, der Si­byl­le, dem vä­ter­li­chen Fluch und der­glei­chen mehr ver­nom­men ha­ben, macht kei­nen großen Ein­druck. Al­les die­ser Art ist nur von ei­ner zwei­deu­ti­gen Wir­kung, denn der Le­ser oder Zu­hö­rer muß dem Er­zäh­ler schon mit gu­tem, ja so­gar dem bes­ten Wil­len ent­ge­gen­kom­men, da­mit nur ei­ne Täu­schung, ge­schwei­ge ein tiefer er­schüt­tern­der Ein­druck mög­lich wer­de. Je­ne Poe­si­en und Mär­chen aber, die dar­auf aus­ge­hen, uns Schau­der und Ent­set­zen zu er­re­gen, ver­ab­scheue ich ge­ra­de­zu, und sie wa­ren mir schon in mei­ner Kind­heit ver­haßt. Gibt es et­was Un­sin­ni­ge­res, als daß ich mir frei­wil­lig ein Ge­fühl er­re­ge, wel­ches mich pei­nigt, ängs­tigt und quält? Ich ver­lan­ge von der Dich­tung, daß sie mich in einen be­hag­li­chen Zu­stand ver­set­ze, der mich die Wir­ren und Ängs­te des wirk­li­chen Le­bens ver­ges­sen macht. Dar­um rüh­ren mich auch je­ne fan­tas­ti­schen Mär­chen nie­mals.

Weil es Ih­nen wohl an Fan­ta­sie ge­bricht, ver­setz­te Theo­dor. Wer bloß Schreck und Angst emp­fin­det, und wem in je­nem sü­ßen Grau­en sich nicht das Rät­sel des Le­bens in ei­nem halb­ver­ständ­li­chen Wun­der dar­legt, der kann frei­lich zu je­ner geis­ti­gen Re­gi­on kei­ne Ein­laß­kar­te be­kom­men.

Da ge­ra­ten wir, sag­te An­selm höh­nisch, frei­lich auf je­ne bahn­lo­sen Schmugg­ler-Pfa­de, auf wel­chen so vie­le äs­the­ti­sche Con­tre­ban­diers ver­däch­ti­ge und ver­bo­te­ne Wa­re aus dem Ge­biet des Un­sinns in das Land der Ver­nunft hin­über­pa­schen wol­len.

Theo­dor woll­te wie­der­um ant­wor­ten, aber die al­te Ba­ro­nin nahm das Wort, in­dem sie freund­lich sag­te: Mei­ne Freun­de, wir Frau­en ver­ste­hen nichts von die­sen ge­lehr­ten Dis­pu­ten, Sie müs­sen uns er­lau­ben, uns an der­glei­chen wie die Kin­der zu er­göt­zen. O es ist gar so hübsch, in gu­ter Ge­sell­schaft sich so recht zu fürch­ten, vor dem Schat­ten an der Wand zu er­schre­cken, uns bei je­dem Ge­räusch um­zu­se­hen und end­lich mit Grau­en und Angst in das Bett zu stei­gen. Wird man recht über­mannt, so muß wohl gar un­ter al­ler­hand Vor­wän­den die Kam­mer­jung­fer in der­sel­ben Stu­be schla­fen, und man spricht und fragt, um sich zu über­zeu­gen, daß sie noch da ist. Wir ster­b­lichen Men­schen ha­ben gar selt­sa­me und gar man­nig­fal­tige Ver­gnü­gun­gen, und wen soll man dar­um schel­ten, daß wir so ein­ge­rich­tet sind?

Mei­ne Freun­de, fing Blom­berg jetzt, in­dem sich al­le in der Ge­gend des Ka­mins nie­der­ge­las­sen hat­ten und das Zim­mer nur von zwei Ker­zen und dem fla­ckern­den Feu­er er­hellt war, mit ei­ni­ger Fei­er­lich­keit an: wie mei­ne Er­zäh­lung wir­ken, ob sie in­ter­essant sein mag, kann ich nicht ver­bür­gen, ich kann nur be­kräf­ti­gen, daß ich sie für wahr hal­te, und daß ich, wie Sie ge­sehn ha­ben, ei­ni­ges da­von sel­ber mit er­lebt ha­be. Wie man es aus­le­gen, in­wie­fern man mir glau­ben mag, wel­che Kon­se­quen­zen man dar­aus zie­hen will, ob die­ser und je­ner es für Er­fin­dung er­klä­ren möch­te, al­les dies küm­mert mich nicht son­der­lich. –

Der Auf­ent­halt bei mei­nem tod­kran­ken Oheim zog sich in die Län­ge. Sei­ne Qual währ­te län­ger, als sei­ne Ärz­te es ver­mu­tet hat­ten, und es war mir be­ru­hi­gend, daß mei­ne Ge­gen­wart ihm so trös­tend und hilf­reich sein konn­te. Als er ge­stor­ben war, hat­te ich viel zu tun, sei­ne Ver­las­sen­schaft zu ord­nen, mich mit den üb­ri­gen Ver­wand­ten, da mir ein Teil des Ver­mö­gens zu­fiel, zu ei­ni­gen und al­les so ein­zu­rich­ten, daß wir al­le be­frie­digt und oh­ne Streit aus­ein­an­der­gin­gen. Über die­se An­ge­le­gen­heit, da das Ge­schäft zu­gleich ver­schie­de­ne Rei­sen not­wen­dig mach­te, war mehr als ein Jahr, fast acht­zehn Mo­na­te wa­ren dar­über ver­flos­sen. Die Rei­sen hat­ten mich weit von die­ser Ge­gend hin­weg ge­führt, und ge­steh’ ich es nur, in die­sen Ver­hält­nis­sen und im Drang der Ge­schäf­te hat­te ich mei­nen Franz so gut wie ver­ges­sen. Er hat­te mir nichts ge­schrie­ben, ich hat­te nichts von ihm ver­nom­men, und so war ich denn über­zeugt, daß es ihm gut ge­he, daß er ver­hei­ra­tet sei und sich in sei­ner neu­en Le­bens­bahn glück­lich füh­le. Ich mach­te hier­auf, weil ich ein­mal der Schweiz na­he war, noch in die­ser ei­ne Rei­se zu mei­nem Ver­gnü­gen, und be­such­te nach­her ein Bad am Rhein, zu wel­chem mir mein Dok­tor schon seit län­ge­rer Zeit ge­ra­ten hat­te.

Hier über­ließ ich mich den Zer­streu­un­gen und ge­noß auf Spa­zier­gän­gen die schö­ne Na­tur. Mir war lan­ge nicht so wohl ge­we­sen. In­dem ich an der Wirts­ta­fel die Bade­lis­te zu­fäl­lig in die Hand neh­me, se­he ich, daß mein Freund Franz schon seit acht Ta­gen im Ba­de sich mit sei­ner Gat­tin auf­hält. Ich ver­wun­der­te mich sehr dar­über, daß er mich nicht so­gleich auf­ge­sucht hat­te, da ihm in der Lis­te mein Na­me doch auf­ge­fal­len sein muß­te. In­des­sen sag­te ich zu mir sel­ber, er hat die Blät­ter viel­leicht nicht mit Auf­merk­sam­keit ge­le­sen, er hat mich nicht nen­nen hö­ren, er ist viel­leicht ernst­haft krank und sieht nur we­ni­ge Ge­sell­schaft. So be­ru­higt, such­te ich ihn in sei­ner Woh­nung auf, und man sag­te mir, er sei nicht zu Hau­se. Ich hof­fe, ihn auf dem Spa­zier­gan­ge zu tref­fen, aber ich wer­de ihn nir­gends ge­wahr. Als ich am fol­gen­den Ta­ge wie­der bei ihm Vor­fra­ge, – die­sel­be Ant­wort – er sei aus­ge­gan­gen. Ich ge­be mei­ne Kar­te ab, mit dem Er­su­chen, er sol­le zu mir kom­men oder schi­cken, um wel­che Zeit er mei­nen Be­such an­neh­men wol­le. Ich er­fah­re nichts. Früh ge­he ich wie­der bei ihm vor, und der Be­dien­te sagt mir wie­der mit ei­nem be­küm­mer­ten Ge­sicht, sein Herr sei schon aus­ge­gan­gen.

Nun sah ich wohl ein, daß Franz mich nicht spre­chen wol­le und daß er sich vor mir ver­leug­nen las­se. Ich ging al­le mei­ne Er­in­ne­run­gen durch, ob und wie ich ihn kön­ne be­lei­digt ha­ben, aber auch bei der über­stren­gen Nach­for­schung fand sich auch nicht der kleins­te Fle­cken, in Hin­sicht sei­ner, in mei­nem Ge­wis­sen. Ich schrieb ihm al­so einen et­was emp­find­li­chen Brief, und for­der­te es, nicht bloß als Zei­chen der Freund­schaft, son­dern der Ach­tung zu­gleich, die er sich selbst schul­dig sei, daß er mei­nen Be­such an­neh­men sol­le und müs­se.

Man öff­ne­te mir, als ich wie­der vor der Tür er­schi­en. Als ich im Zim­mer ei­ne Wei­le ge­war­tet hat­te, kommt aus der Schlaf­kam­mer ein Frem­der her­ein, kein Mann, son­dern ein wan­ken­des, zit­tern­des Ge­rip­pe, mit ein­ge­fal­le­nem lei­chen­blas­sen Ant­litz, das, wenn nicht die bren­nen­den Au­gen ge­we­sen, man für einen To­ten­schä­del hät­te hal­ten kön­nen. Großer Gott! rief ich mit Ent­set­zen aus, denn ich er­kann­te nun in die­sem Ge­spenst mei­nen Franz, die­sen ehe­mals so schö­nen, so lie­bens­wür­di­gen Mann.

Ich war er­schre­ckend in einen Ses­sel ge­sun­ken, und er setz­te sich jetzt eben­falls zu mir nie­der, nahm mei­ne Hand in sei­ne dür­re, und sag­te: Ja, so, mein Blom­berg, sehn wir uns wie­der, und du be­greifst jetzt wohl, warum ich dir die­sen trau­ri­gen An­blick er­spa­ren woll­te. Ja, Freund, al­le je­ne Flü­che sind in Er­fül­lung ge­gan­gen, das Elend hat mich ein­ge­holt, so rüs­tig ich ihm auch vor­an­ge­eilt war, ich bin zum To­de krank, mei­ne jun­ge Frau, die ein Mus­ter­bild der Schön­heit war, nicht min­der, ich bin ein Bett­ler, und al­les ist vor­über.

Ich konn­te mich im­mer noch von mei­nem Er­stau­nen nicht er­ho­len; nach je­nem ei­si­gen, ers­ten Schre­cken trat jetzt das tiefs­te Mit­lei­den, ein un­aus­sprech­li­ches Er­bar­men in mei­ne See­le, und der un­glück­li­che Freund sah mei­ne Trä­nen flie­ßen. Aber wie, wie ist al­les dies mög­lich ge­wor­den? rief ich aus, sprich! er­zäh­le! tei­le dich dei­nem Freun­de mit. – Ver­scho­ne mich, sag­te er mit mat­ter Stimme, wer­fen wir einen Vor­hang über al­le die­se Trau­er, denn was kann es dir from­men, das Wie und Warum zu er­fah­ren. Du wür­dest nicht be­grei­fen, nicht glauben und noch we­ni­ger kann dein Rat und Trost et­was hel­fen.

Ich konn­te nichts er­wi­dern, sein Elend schi­en so groß, daß er viel­leicht voll­kom­men recht hat­te. Re­den, Er­zäh­lun­gen und Kla­gen sind oft nur Sta­cheln in der To­des­wun­de. Ich bat ihn, mich mit sei­ner Frau be­kanntz­u­ma­chen. Er führ­te sie her­ein, sie war eben­so lei­dend wie er, aber man sah, daß sie schön muß­te ge­we­sen sein. Sie war groß und edel ge­baut, ihr blau­es Au­ge war von ei­ner durch­drin­gen­den Klar­heit und ih­re Stim­me hat­te den lieb­lichs­ten und see­len­volls­ten Klang. Nach we­ni­gen Ge­sprä­chen nahm ich Ab­schied, weil der Dok­tor her­ein­trat, und ich be­dang mir nur aus, daß Franz den Freund künf­tig nicht mehr ab­wei­sen dür­fe.

Ru­he war mir nö­tig, mich zu sam­meln, und ich such­te den ein­sams­ten Platz auf, um mich in mei­nen Ge­dan­ken und Ge­füh­len wie­der zu fin­den. Wie son­der­bar er­schi­en mir in die­sen Au­gen­bli­cken das mensch­li­che Le­ben, Lie­be, Freund­schaft, Tod und Ge­sund­heit. In mei­ner Träu­me­rei wur­de ich durch ei­ne freund­li­che Stim­me un­ter­bro­chen, die mich an­re­de­te. Es war der Ba­de­arzt, ein gut­mü­ti­ger, nicht mehr jun­ger Mann, wel­cher sich zu mir setz­te. Ich ha­be er­fah­ren, be­gann er, daß Sie ein Ju­gend­freund un­sers ar­men Kran­ken sind, und ich ha­be Sie auf­ge­sucht, um mit Ih­nen über sei­nen eben­so kläg­li­chen als rät­sel­haf­ten Zu­stand zu spre­chen. Mir ist noch kei­ne ähn­li­che Krank­heit vor­ge­kom­men, ich ver­ste­he sie nicht, und des­halb tap­pe ich auch nur mit mei­nen Mit­teln im Dun­keln, und weiß auch nicht, ob ihm das hie­si­ge Was­ser ir­gend heil­sam sein kann, ihm oder der kran­ken Frau, die an dem­sel­ben Lei­den da­hin­schwin­det. Ich ha­be kei­nen Na­men für die­ses Fie­ber der Aus­zeh­rung, wel­ches al­len bis­he­ri­gen Ge­set­zen spot­tet. Nach man­chen Stun­den möch­te ich sie bei­de für wahn­sin­nig hal­ten, wenn sich nicht die Ver­nunft in ih­nen un­wi­der­leg­lich of­fen­barte. Soll­te ihr Ver­stand aber auch nicht ver­letzt sein, so un­ter­liegt es doch kei­nem Zwei­fel, daß bei­de ge­müts­krank sind. Und das Schlimms­te ist, daß der Graf nicht spricht und er­zählt, son­dern im Ge­gen­teil al­len Fra­gen über sei­nen Zu­stand, je­der Er­ör­te­rung über die Ur­sa­che, den An­fang des­sel­ben, ängst­lich aus­weicht. Er­zür­nen kann und mag ich ihn nicht, und mei­ne Fra­gen und For­schun­gen ha­ben ihn schon ei­ni­ge­mal auf­ge­bracht, und doch scheint es mir nö­tig, die Ge­schich­te der Krank­heit von ihm zu er­fah­ren. Und das ist mei­ne Bit­te an Sie, ge­ehr­ter Herr, daß Sie, als sein Ver­trau­ter, Ih­ren Ein­fluß auf ihn da­hin wen­den, daß er Ih­nen und mir die Ent­ste­hung sei­nes Übels be­kennt. Er­fah­re ich die­se, so ist es viel­leicht erst mög­lich, ihm und der Frau Hil­fe zu ver­schaf­fen. Kommt die Krank­heit aus dem Geis­te, wie ich fast schon über­zeugt bin, so kann der Arzt nur et­was aus­rich­ten, wenn er im Ver­trau­en ist; wird ihm die­ses ver­sagt, so kann er nicht nur durch sei­ne Vor­schrif­ten, selbst durch ein un­be­hü­te­tes Wort zum Mör­der wer­den. Ich be­schwö­re Sie al­so, al­les zu tun, da­mit der Lei­den­de sich uns er­öff­ne.

Ich ver­sprach, zu ver­su­chen, was der ver­nünf­ti­ge Mann ver­lang­te, denn ich sel­ber hat­te mir schon das­sel­be sa­gen müs­sen. Als ich aber dem Freun­de am fol­gen­den Ta­ge des­halb Vor­stel­lun­gen mach­te, fand ich die Auf­ga­be viel schwie­ri­ger, als ich sie mir ge­dacht hat­te, denn er war in die­sem Punk­te un­zu­gäng­lich. Erst als ich mei­nen Bit­ten Trä­nen zu­ge­sell­te, als die lei­den­de Frau end­lich selbst auf mei­ne Sei­te trat, weil der Wunsch in ihr le­ben­dig war, daß der Arzt ih­rem Gat­ten hel­fen möch­te, gab er nach; doch be­dang er sich aus, daß, was er uns vor­tra­gen wer­de, im stil­len Zim­mer bei mir ge­sche­hen müs­se, von kei­nem Die­ner ge­stört, denn er kön­ne sei­ner Frau nicht zu­mu­ten, bei der Er­zäh­lung zu­ge­gen oder nur in der Nä­he zu sein.

So ward es auch ein­ge­rich­tet. Mein Gar­ten­stüb­chen war so still und ein­sam, daß kei­ne Stö­rung zu be­sor­gen war, nach dem mä­ßi­gen Abendes­sen sen­de­te ich die Die­ner fort und be­fahl, mich je­dem mög­li­chen Be­such zu ver­leug­nen. Bei der Kran­ken blie­ben ih­re Kam­mer­frau­en; und ei­ne Da­me war auf mein Ge­such so freund­lich, ihr in Ab­we­sen­heit des Man­nes et­was Leich­tes und Er­freu­li­ches vor­zu­le­sen.

Nun sa­ßen wir al­so in mei­nem trau­ten Zim­mer­chen, beim Schei­ne zwei­er Ker­zen, in­des­sen drau­ßen vor dem Fens­ter die Bäu­me im Som­mer­win­de lieb­lich säu­sel­ten.

Aber jetzt, ge­ehr­te Freun­de, sag­te der Ba­ron Blom­berg mit er­höh­ter Stim­me, ma­che ich von der Frei­heit Ge­brauch, im Na­men mei­nes Freun­des selbst und nicht in der drit­ten Per­son zu er­zäh­len. Ich schrieb da­mals je­nes selt­sa­me Be­kennt­nis so­gleich nie­der, des­halb sind mir noch jetzt al­le Um­stän­de ge­gen­wär­tig. Ich ha­be bis­her die­se Er­zäh­lung noch nie­mand mit­ge­teilt, jetzt, nach so man­chem ver­floß­nen Jah­re, kann sie, in die­sem Krei­se vor­ge­tra­gen, kei­nen An­stoß er­re­gen, oder ir­gend je­mand auch nur einen leich­ten Ver­druß ver­ur­sa­chen. –

Theo­dor stand auf und putz­te die Ker­zen, An­selm leg­te Schei­te Holz in den Ka­min, die Wir­tin setz­te sich be­gie­rig in ih­ren Lehn­ses­sel zu­recht, Si­do­nie sah er­war­tend um sich, und der kran­ke Graf Blin­den nahm das Ba­rett vom Haupt, um noch bes­ser hö­ren zu kön­nen.

Al­so denn, be­gann Blom­berg, der kran­ke Freund saß auf mei­ner Stu­be im So­fa, der Arzt und ich wa­ren ihm ge­gen­über, und lang­sam, oft pau­sie­rend, weil ihm das Spre­chen sau­er wur­de und er mehr wie ein­mal der Ru­he be­durf­te, be­gann Franz auf fol­gen­de Art, denn in sei­ner Per­son er­zäh­le ich, und ich zie­he es vor, un­mit­tel­bar aus der Er­inne­rung zu spre­chen, statt je­ne Blät­ter Ih­nen vor­zu­le­sen. –

– Ja, mein Freund Blom­berg, krank und ster­bend siehst Du mich wie­der, eben so elend ist mei­ne Gat­tin, die noch vor zwei Jah­ren ein Mus­ter­bild der Ge­sund­heit und Schön­heit war.

Die Klau­sen­burg ist zur wüs­ten Rui­ne ge­wor­den, die uns ei­ni­ge­mal so traut und hei­misch be­wir­te­te, Ge­wit­ter und Brand ha­ben sie zer­stört, und was von Holz­werk und brauch­ba­ren Stei­nen üb­rig­b­lieb, ha­ben mei­ne grau­sa­men Gläu­bi­ger, mir zum Hoh­ne, her­aus­ge­ris­sen und für ge­rin­ges Geld ver­kauft. Du weißt es, mein Freund, wel­cher Glau­be oder Aber­glau­be mich ver­folgt, doch braucht da­von un­ser lie­ber Arzt nichts zu er­fah­ren, denn dies hat äu­ßer­lich kei­nen Ein­fluß auf mein nächs­tes Schick­sal, auch ha­be ich von mei­nen neues­ten Be­ge­ben­hei­ten so viel Son­der­ba­res vor­zu­tra­gen, daß es hin­rei­chen wird, den ge­lehr­ten Dok­tor mehr als voll­kom­men zu über­zeu­gen, daß ich wahn­sin­nig sei. –

Bei die­ser Ein­lei­tung be­geg­ne­ten sich mei­ne Bli­cke mit den for­schen­den des Arz­tes, dann be­trach­te­ten wir bei­de wie­der prü­fend den blei­chen Kran­ken, wel­cher jetzt mit grö­ße­rer Leb­haf­tig­keit al­so fort­fuhr: –

So jung ich auch noch war, so hat­te ich mein Le­ben doch schon auf­ge­ge­ben, denn ich hielt es für völ­lig be­schlos­sen. Wie aber zu­wei­len wohl die Kraft ei­nes schö­nen Früh­lings einen ab­ge­stor­be­nen Baum von neu­em be­lebt, daß sei­ne Zwei­ge wie­der grü­nen, und aus dem Lau­be ei­ne Blü­te wie­der­um her­vor­quillt, so be­geg­ne­te es auch mir. In men­schen­feind­li­cher Stim­mung reis­te ich im Lan­de um­her und ver­weil­te in ei­ner klei­nen Stadt, wel­che in ei­ner an­mu­ti­gen Ge­gend liegt und in wel­cher ich, als ich mei­ne Brie­fe ab­gab, in­ter­essan­te Men­schen ken­nen­lern­te. Ein freund­li­cher Mann, ein sehr weit­läu­fi­ger Ver­wand­ter, führ­te mich in das Haus ein, wo ich mei­ne teu­re Eli­sa­beth zum ers­ten Ma­le sah, und schon beim zwei­ten Be­such mein Herz und mei­ne Ru­he ver­lo­ren hat­te. Wo­zu Be­schrei­bung von Rei­zen und Voll­kom­men­hei­ten, wel­che ver­schwun­den sind? Ich war be­zau­bert und schmei­chel­te mir bald, daß man mei­ne Ge­füh­le ver­stand, und nach ei­ni­ger Zeit, daß man sie viel­leicht er­wi­dern kön­ne. Eli­sa­beth leb­te im Hau­se ei­ner al­ten Tan­te, bei­de wa­ren nicht wohl­ha­bend, aber von gu­tem al­ten Adel. Ich setz­te mich über das Ge­schwätz und die Ver­wun­de­rung der Klein­städ­ter hin­weg, daß ich so lan­ge in die­sem un­be­deu­ten­den Or­te ver­weil­te, wo es we­der ein Thea­ter gab, um mich zu zer­streu­en, noch große, glän­zen­de As­sem­bleen oder Fes­te und Bäl­le, um mich zu be­schäf­ti­gen. Ich war so glück­lich, daß ich nur den Tag und die Stun­de ge­noß. Die Fa­mi­lie war sehr mu­si­ka­lisch, Eli­sa­beth ei­ne wah­re Vir­tuo­sin auf dem For­te­pia­no, ih­re Stim­me war ge­bil­det, voll und schön, und sie über­rasch­te mich freund­lich da­durch, daß sie mei­nen viel­leicht ein­sei­ti­gen Ge­schmack für äl­te­re Mu­sik mit mir teil­te. Wohl­laut, Kunst, freund­li­che Bli­cke der schöns­ten Au­gen, al­les be­zau­ber­te mich so, daß Wo­chen wie Ta­ge und Ta­ge wie Stun­den in die­sem poe­ti­schen Tau­mel ver­schwan­den.

Ich sprach von der Fa­mi­lie. Auch die Tan­te war mu­si­ka­lisch und ac­com­pa­gnier­te uns auf dem In­stru­ment, wenn wir bei­de san­gen. Es tat mir ne­ben­her auch wohl, mich mei­ner Ta­len­te wie­der be­wußt zu wer­den, wel­che zu üben ich seit lan­ger Zeit ver­nach­läs­sigt hat­te.

Ja­wohl, Ta­len­te, Lie­bens­wür­dig­keit, ge­sel­li­ge Ga­ben, Fein­heit des Be­tra­gens usw. – so fuhr Franz nach ei­ner Pau­se fort, in wel­cher er ganz in sich ver­sun­ken schi­en – die­se Ei­tel­keit, die­se Vor­zü­ge zu be­sit­zen, ha­ben von je mich und an­de­re un­glück­lich ge­macht. – Wenn ich nun von der Fa­mi­lie spre­che, so muß ich jetzt von ei­ner äl­teren Schwes­ter Eli­sa­beths, von Er­nes­ti­ne re­den. Die El­tern mei­ner Ge­lieb­ten wa­ren schon früh ge­stor­ben. Sie hat­ten, ent­fernt von je­ner klei­nen Stadt, in ei­ner Re­si­denz ge­lebt, und, wie man es so nennt, ein großes Haus ge­macht. Dies ge­sch­ah, oh­ne ihr Ver­mö­gen zu Ra­te zu zie­hen, und so wa­ren sie schon früh ver­schul­det und ver­armt. Wo die­se Ver­wir­rung ein­reißt, wo die Not des Au­gen­blicks im­mer wie­der die Si­cher­heit von Ta­gen und Wo­chen ver­schlingt, da ha­ben die we­nigs­ten Men­schen Stär­ke und Hal­tung ge­nug, um in dem Stur­me des wie­der­keh­ren­den Wir­bel­win­des das Steu­er fest­zu­hal­ten. Und so war denn in die­sen zer­stör­ten Haus­halt die wil­des­te und re­gel­lo­ses­te Wirt­schaft ein­ge­ris­sen. Die El­tern zer­streu­ten sich nicht nur an Gast­mäh­lern, Putz und Schau­spie­len, son­dern ge­wis­ser­ma­ßen selbst an neu­en und son­der­ba­ren Un­glücks­fäl­len. Auf die­se Wei­se be­schäf­tig­te sie ih­re äl­tes­te Toch­ter Er­nes­ti­ne. Das ar­me We­sen war als drei­jäh­ri­ges Kind bei Ge­le­gen­hei­ten ei­nes wüs­ten, to­ben­den Ge­la­ges, wo nie­mand auf die Klei­ne ach­te­te, über ei­ne Fla­sche star­ken Ge­trän­kes ge­ra­ten, hat­te die be­täu­ben­de Flüs­sig­keit in sich ge­schlürft und war dann trun­ken, oh­ne es zu wis­sen, ei­ne ho­he Trep­pe hin­un­ter­ge­stürzt. Das Un­glück war kaum be­merkt wor­den, und als man es nach­her in­ne wur­de, nahm man die Sa­che leicht­sin­nig. Der Arzt, ein lus­ti­ger Freund des Hau­ses, scherz­te mehr über den Vor­fall, als daß er die rich­ti­gen Heil­mit­tel an­ge­wen­det hät­te, und so zeig­ten sich denn am Kin­de die Fol­gen bald, die es spä­ter­hin der Lieb­lo­sig­keit sei­ner El­tern mit Recht zur Last le­gen konn­te. Brust­kno­chen und Rück­grat wa­ren ver­scho­ben, so wie die Ar­me wuchs, wuchs sie im­mer mehr in die Miß­ge­stalt hin­ein. Sie war ziem­lich groß, aber um so auf­fal­len­der war ihr dop­pel­ter Hö­cker, die Ar­me wa­ren über­mä­ßig dürr, so wie die Hän­de, Fin­ger und Ar­me von ei­ner er­schre­cken­den Län­ge. Auch der hoch aus­ge­streck­te Kör­per war dürr, und das Ge­sicht vom son­der­bars­ten Aus­druck. Die klei­nen leb­haf­ten und klu­gen Au­gen konn­ten kaum un­ter der Kno­chen­wöl­bung der Stirn und der breit­ge­quetsch­ten Na­se her­vor­bli­cken, das Kinn war lang und die Wan­gen ein­ge­fal­len. So war die Un­glück­se­li­ge ei­ne son­der­ba­re Fo­lie für ih­re Schwes­ter Eli­sa­beth. Die Tan­te, als sie von dem gänz­li­chen Ver­fall des Hau­ses hör­te, war hin­zu­ge­tre­ten und hat­te ge­hol­fen, so­viel ih­re be­schränk­ten Kräf­te ver­moch­ten. So ward die jün­ge­re Toch­ter ge­ret­tet und blieb ge­sund, in­dem die Schwes­ter des Man­nes schon vor dem To­de der El­tern bei­de Kin­der zu sich nahm, um sie zu er­zie­hen und aus­zu­bil­den. Die kör­per­li­che Pfle­ge kam für Er­nes­ti­ne zu spät, aber ihr Geist ward ge­bil­det, ih­re Ta­len­te wur­den ge­weckt. Sie zeig­te sich ver­stän­dig, lernte leicht und be­hielt, was sie ge­faßt hat­te. Sie über­traf of­fen­bar die Schwes­ter an Witz und Ge­gen­wart des Geis­tes. Da sie gern phi­lo­so­phi­sche Schrif­ten las, so üb­te sie ihr Ur­teil und zeig­te einen so durch­drin­gen­den schar­fen Ver­stand, daß selbst Män­ner oft vor ih­ren ke­cken und schrof­fen Ur­tei­len er­schra­ken. Denn da Schön­heit und An­mut sie nicht mit ih­rem Ge­schlecht ver­ban­den, so üb­te sie nicht sel­ten ei­ne Ge­walt aus, die mehr als männ­lich war. Was aber an das Wun­der­ba­re grenz­te, war ihr großes mu­si­ka­li­sches Ta­lent. Nie­mals hat­te ich so das For­te­pia­no be­han­deln hö­ren. Al­le Schwie­rig­kei­ten ver­schwan­den, und sie lach­te nur, wenn man ihr von schwe­ren Pas­sa­gen sprach. Frei­lich half es der Un­glück­se­li­gen sehr, daß ih­re Hand und Fin­ger­span­nung al­les über­traf, was ge­sun­den Kla­vier­spie­lern mög­lich ist. Sie war aber auch in der Kunst des Sat­zes er­fah­ren und kom­po­nier­te mit Leich­tig­keit große Mu­sik­stücke, die wir dann oft zu ih­rem Er­göt­zen aus­führ­ten.

Konn­te ein sol­ches We­sen nicht auf ihm eig­ne Art glück­lich sein? Ge­wiß, wenn sie sich re­si­gnier­te, wenn sie ver­ges­sen konn­te, daß sie ein Weib sei. Un­glück­li­cher­wei­se ver­ga­ßen es al­le Män­ner, die in ih­re Nä­he ka­men, sie aber konn­te sich über die­se Gren­ze bis zur Männ­lich­keit oder Ge­schlecht­lo­sig­keit nicht er­he­ben.

Die­ses selt­sa­me We­sen zog mich durch sei­ne Vor­zü­ge so­wie durch sei­ne Wi­der­wär­tig­keit auf ei­ne ei­ge­ne Wei­se an.

Wir mu­si­zier­ten, ich sang ih­re Kom­po­si­tio­nen, und wenn sie so auf­ge­regt war, blick­te aus dem klei­nen Au­ge ein wun­der­bar poe­ti­scher Geist, wie ein ver­hüll­ter, zum Stau­be er­nied­rig­ter En­gel mit ei­nem freund­li­chen und doch er­schre­cken­dem Glän­ze. Ich ver­gaß fast im­mer, daß sie die Schwes­ter mei­ner Eli­sa­beth sei.

Eli­sa­beth hat­te frü­her schon ei­ni­ge Frei­er ab­ge­wie­sen, die sich sehr ernst­lich um sie be­wor­ben hat­ten. Als ich ein­mal un­an­ge­mel­det in das Vor­zim­mer trat, hör­te ich die bei­den Schwes­tern leb­haft spre­chen, und mein Na­me wur­de ge­nannt. Die­sen wirst du doch et­wa nicht an­neh­men? rief Er­nes­ti­ne: er sagt dir und uns nicht zu; sehr reich soll er auch nicht sein: aber er ist so hoch­mü­tig, so in sich selbst ge­nüg­sam, so von sei­ner Vor­treff­lich­keit über­zeugt und durch­drun­gen, daß er mir Wi­der­wil­len er­regt, so wie er nur zu uns tritt. Du nennst ihn lie­bens­wür­dig? edel? Recht­ha­be­risch, ei­gen­sin­nig ist er, und glau­be mir, sei­ne Geis­tes­ga­ben sind nicht von dem Ge­wicht, wie du sie an­zu­schla­gen scheinst.

Eli­sa­beth nahm mit sanf­ter Stim­me mei­ne Ver­tei­di­gung, aber je­ne er­ör­ter­te al­les Schlim­me mei­ner Na­tur nur um so mehr und ging das Re­gis­ter al­ler mei­ner Feh­ler durch. Da so sehr von mir die Re­de ge­we­sen war, woll­te ich nicht so­gleich hin­ein­tre­ten, um sie nicht zu be­schä­men, und so hat­te ich ge­gen mein Er­war­ten ent­deckt, wel­chen Wi­der­wil­len die äl­te­re Schwes­ter ge­gen mich ge­faßt hat­te. Ich nahm mir vor, durch Freund­lich­keit und Wohl­wol­len die Un­glück­li­che mit mir aus­zu­söh­nen, de­ren Le­ben so we­nig Reiz und Freu­de hat­te. Als man sich be­ru­higt hat­te, trat ich ein und wir nah­men so­gleich, wo­durch ich mei­ne Ver­le­gen­heit am bes­ten ver­barg, uns­re mu­si­ka­li­schen Übun­gen vor, so wie die Tan­te ge­kom­men war.

Nach ei­ni­gen Be­su­chen ge­lang es mir wirk­lich, Er­nes­ti­ne freund­li­cher zu stim­men. Wenn sie mit mir al­lein war, ver­tief­ten wir uns zu­wei­len in die ernst­haf­tes­ten Ge­sprä­che, und ich muß­te ih­ren Geist wie ih­re Kennt­nis­se be­wun­dern. Ich muß­te ihr bei­stim­men, wenn sie in man­cher Stun­de von je­nen Män­nern mit Ver­ach­tung sprach, die am Wei­be ein­zig und al­lein den flüch­ti­gen und wan­del­ba­ren Reiz ach­ten und lie­ben, der mit der Ju­gend ver­schwin­det. Sie schalt auch nicht un­gern auf die Mäd­chen, die so häu­fig sich nur als Er­schei­nung ge­ben und nur als sol­che gleich­sam als Mo­de­pup­pen oder Klei­der­hal­ter ge­fal­len wol­len. Sie ent­fal­te­te oh­ne Af­fek­ta­ti­on den Reich­tum ih­res Ge­müts, ein tie­fes Ge­fühl, groß­ar­ti­ge Ge­dan­ken, so daß ich, über die­se mäch­ti­ge See­le in Be­wun­de­rung auf­ge­löst, mich kaum ih­rer ver­krüp­pel­ten Ge­stalt mehr er­in­ner­te. Sie drück­te mir freund­lich die Hand und schi­en ganz glück­lich, wenn wir ei­ne Stun­de so weg­ge­schwatzt hat­ten. Ich freu­te mich eben­falls, als ich zu be­mer­ken glaub­te, wie ih­re Freund­schaft zu mir mit je­dem Ta­ge wuchs.

Es fiel mir als ei­ne Schwach­heit mei­ner Ge­lieb­ten auf, daß sie mit die­ser Ver­trau­lich­keit un­zu­frie­den war. Ich be­griff die­se klein­li­che Ei­fer­sucht nicht und ta­del­te sie im stil­len als zu große weib­li­che Schwä­che. Mir war es im Ge­gen­teil er­wünscht, wenn mir Er­nes­ti­ne jetzt deut­li­che Be­wei­se ih­res Wohl­wol­lens gab, wenn mein Ein­tre­ten sie er­freu­te, wenn sie ein Buch, ein Mu­sik­stück für mich zu­recht­ge­legt hat­te oder mir sag­te, wie sie sich schon auf ein Ge­spräch mit mir über einen wich­ti­gen Ge­gen­stand vor­be­rei­tet ha­be. Die­se ech­te Freund­schaft schi­en mir so wün­schens­wert, daß ich mich schon im vor­aus freu­te, wie sie in der Ehe die schöns­te Er­gän­zung der Lie­be im ge­gen­sei­ti­gen Ver­trau­en bil­den wür­de. Die Tan­te hat­te mei­ne Ver­bin­dung mit Eli­sa­beth ge­bil­ligt, die Ver­lo­bung war jetzt ge­fei­ert. Bei die­ser war Er­nes­ti­ne nicht zu­ge­gen, denn sie war an die­sem Ta­ge krank. Ich sah sie auch am fol­gen­den Ta­ge nicht, und als ich sie auf­su­chen woll­te, sag­te mei­ne Braut: Laß sie noch, Lie­ber, sie ist so au­ßer sich, daß es bes­ser ist, ih­re Lei­denschaft aus­to­ben zu las­sen. – Was ist denn be­geg­net? fragte ich er­staunt. – Son­der­bar, ant­wor­te­te Eli­sa­beth, daß du es nicht schon seit lan­gem be­merkt hast, wel­che glü­hen­de Lie­be zu dir sie er­grif­fen hat. – Ich war stumm vor Schreck und Er­stau­nen. Dies Wort er­schüt­ter­te mich um so mehr, weil ich, selt­sam ge­nug, ei­ne Lei­den­schaft in die­sem ver­stän­di­gen We­sen für ganz un­mög­lich ge­hal­ten hat­te. Als wenn die Lei­den­schaft nicht im­mer­dar ge­gen Mög­lich­keit, Wahr­heit, Na­tur und Ver­nunft an­renn­te, wenn die­se sich ihr wi­der­set­zen wol­len, wie ich es ja selbst, auf ähn­li­che Wei­se, in mei­nem ei­ge­nen Le­ben er­fah­ren hat­te.

Ja, fuhr Eli­sa­beth fort, fast zur näm­li­chen Zeit, als du erst in un­ser Haus tra­test, be­merk­te ich die­se Hin­nei­gung zu dir. Deut­li­cher zeig­te sich ih­re Vor­lie­be, als du an­fingst, mich aus­zu­zeich­nen, als du mir freund­lich wur­dest und ich dir mein Ver­trau­en schenk­te. Lan­ge Zeit ver­barg sie ih­re Nei­gung un­ter ei­nem vor­ge­ge­be­nen Haß, ei­ne Ver­stel­lung, die mich nicht täu­schen konn­te. O Ge­lieb­ter, der Geist und die Ge­füh­le, En­thu­si­as­mus und Lei­den­schaf­ten die­ses wun­der­ba­ren We­sens sind von so un­ge­heu­rer Kraft und In­nig­keit, daß ich sie, seit ich zur Be­sin­nung kam, eben­so sehr be­wun­dern muß­te, wie ich sie fürch­te und vor ih­rer Rie­sen­stär­ke er­schre­cke. Als ich vor Jah­ren mei­nen Un­ter­richt in der Mu­sik nahm und nach dem Zeug­nis mei­nes Leh­rers ra­sche Fort­schrit­te mach­te, lach­te sie nur über mein kin­di­sches We­sen, wie sie es nann­te. Sie hat­te frü­her nicht dar­an ge­dacht, Mu­sik zu trei­ben, jetzt warf sie sich mit Hef­tig­keit auf die­se Kunst. Tag und Nacht üb­te sie, der Leh­rer ge­nüg­te ihr nicht, sie be­nutz­te die An­we­sen­heit ei­nes be­rühm­ten Kom­po­nis­ten und ward sei­ne Schü­le­rin. Ich be­griff die­se geis­ti­ge wie kör­per­li­che Kraft nicht, daß sie Tag und Nacht, fast oh­ne Schlaf und oh­ne et­was zu ge­nie­ßen, im­mer nur mit un­er­müd­li­chem Ei­fer der Übung ih­rer Kunst sich wid­men konn­te. Nun lern­te sie den Satz, und der Meis­ter lob­te und be­wun­der­te sie. Es währ­te nicht lan­ge, so ta­del­te sie den Leh­rer, sie mein­te, sein Vor­trag sei nicht feu­rig, nicht en­thu­sias­tisch, er in Kom­po­si­tio­nen nicht ori­gi­nell und lei­den­schaft­lich ge­nug. Er gab sich ge­fan­gen und ihr recht. Al­le Men­schen, pfleg­te sie wohl zu sa­gen, lie­gen im­mer­dar im hal­b­en Schlaf, sie sind fast im­mer wie be­täubt und bei­nah der Pflan­ze ähn­lich und ver­wandt, die auch wächst, blüht und schön ist, Ge­ruch aus­streut und Kräf­te be­sitzt, oh­ne dar­um zu wis­sen. Was müß­ten die Men­schen ver­mö­gen, wenn sie in ih­rem wa­chen Zu­stan­de wahr­haft wach­ten! – Und so gab sie sich denn auch der Phi­lo­so­phie hin, las me­di­zi­ni­sche, ana­to­mi­sche und an­de­re Bü­cher, die sonst den Frau­en zu ge­lehrt oder wi­der­wär­tig sind. Wir al­le, auch ih­re Be­kann­ten, muß­ten sie an­stau­nen. Und so, lie­ber Franz, wird sie ge­wiß auch in die­ser Lei­den­schaft der Lie­be ra­sen und sich zu­grun­de rich­ten.

Eli­sa­beth schil­der­te mir nun auch wirk­lich al­le je­ne Aus­schwei­fun­gen, die sie be­gan­gen, als sie von un­se­rer Ver­lo­bung ge­hört hat­te; sie woll­te erst sich und nach­her die Schwes­ter um­brin­gen; dann wie­der hat­te sie ge­sagt, sie wür­de mich zu zwin­gen wis­sen, daß ich sie lie­be und Eli­sa­beth ver­las­se, denn sie sei ver­stän­di­ger und bes­ser als je­ne. –

Hier, sag­te Blom­berg, mach­te Franz in sei­ner Er­zäh­lung ei­ne Pau­se, um et­was aus­zu­ru­hen, und fuhr dann so fort: – Daß die­se Nach­rich­ten mich be­trüb­ten, ist na­tür­lich, ich fühl­te ja auch, wie un­klug ich ge­han­delt hat­te, mich Er­nes­ti­ne so freund­lich zu nä­hern, daß ich mich be­müht hat­te, sie zu ge­win­nen. Et­was be­ru­higt war ich, als mir Eli­sa­beth nach ei­ni­gen Ta­gen er­zähl­te, wie die Schwes­ter ihr un­ter vie­len Trä­nen al­les ab­ge­be­ten ha­be, was sie im Zorn ge­spro­chen, wie sie sie be­schwo­ren, mir nichts von die­sen Ver­ir­run­gen mit­zu­tei­len, und wie sie nur dar­um fle­hent­lich bit­te, uns nach un­serm künf­ti­gen Wohn­sitz be­glei­ten zu dür­fen, weil sie es nicht fas­se, wie sie oh­ne mei­ne und der Schwes­ter Ge­sell­schaft, oh­ne un­se­re Ge­sprä­che und mu­si­ka­li­schen Übun­gen noch le­ben kön­ne.

So wur­den denn Plä­ne ge­macht, Ein­rich­tun­gen ge­trof­fen, die Tan­te be­glei­tet uns und wir ka­men auf der Klau­sen­burg an, um hier, von we­ni­gen Ver­trau­ten um­ge­ben, ei­ne klei­ne, stil­le Hoch­zeit zu fei­ern, da Eli­sa­beth von je al­lem Prunk und Ge­räusch bei­nah über­trie­ben ab­hold war. Ich hat­te ei­ni­ge Zim­mer und den Saal in der Klausen­burg, so gut es sich tun ließ, ein­rich­ten las­sen, denn der größ­te Teil des al­ten Ge­bäu­des war schon Rui­ne. Eli­sa­beth aber hat­te ei­ne poe­ti­sche Vor­lie­be für al­te Schlös­ser, ein­sa­me Ge­birgs­ge­gen­den und die ge­schicht­li­chen oder poe­ti­schen Sa­gen, die sich an die­se knüp­fen. Nach der Hoch­zeit woll­ten wir dann das na­he­ge­le­ge­ne neue Haus am Ei­ben­steig be­ziehn, und nur ge­le­gent­lich uns ta­ge- oder stun­den­lang in der Klau­sen­burg auf­hal­ten.

Wir kom­men an, das Tor wird uns auf­ge­tan, und das ers­te, was uns im Ho­fe aus den Efeu­ran­ken, die die ho­hen Mau­ern hin­auf­wach­sen, ent­ge­gen­springt, ist je­ne tol­le, al­te Si­byl­le, die du, Freund Blom­berg, vor ei­ni­gen Jah­ren hast ken­nen­ge­lernt. Mei­ne Frau er­schrak und ich schau­der­te. Ge­grüßt! Ge­grüßt! schrie die Al­te, in­dem sie wi­der­wär­tig her­um­hüpf­te, da kommt der Men­schen­wür­ger, der Mäd­chen­mör­der, und bringt sei­ne bei­den Bräu­te mit, die er um­brin­gen wird. – Wie kommst du hier­her? schrie ich auf. – Sie muß, sag­te der Tür­hü­ter, von jen­seits die Klip­pen hin­un­ter­ge­klet­tert sein, die die letz­te Mau­er des klei­nen Gar­tens da­hin­ten for­mie­ren, und sich nach­her in den Ge­sträu­chen und Rui­nen ver­steckt ha­ben. – Ja­wohl! Ja­wohl, kreisch­te die wi­der­wär­ti­ge Al­te, da wohnt sich’s gut. – So sehr wir er­schro­cken wa­ren, so lus­tig schi­en Er­nes­ti­ne, denn sie hör­te nicht auf zu la­chen.

Wäh­rend der Ta­ge, in wel­chen wir das Fest be­gin­gen, zeig­te sich Er­nes­ti­ne nicht, sie war ver­schwun­den, und wir wa­ren sehr um sie be­sorgt, sen­de­ten Leu­te aus, sie zu su­chen, als sie am drit­ten Ta­ge zu Fuß hei­ter und fröh­lich zu­rück­kam. Sie er­zähl­te, daß sie dem Hange im Ge­bir­ge um­her­zu­strei­fen, nicht ha­be wi­der­ste­hen kön­nen, da sie von Ju­gend auf der­glei­chen ge­wünscht. – Aber so al­lein, oh­ne es uns zu sa­gen? sprach Eli­sa­beth. – Al­lein? ant­wor­te­te sie, nein, ich bin im­mer in Ge­sell­schaft ge­we­sen, mit je­ner al­ten Pro­phe­tin, die ihr so un­freund­lich weg­ge­schickt habt. Da ha­be ich auch ganz neue Sa­chen ge­lernt, die ich noch in kei­nem Bu­che fand; wir sind recht gu­te Freun­de ge­worden.

Eli­sa­beth und ich sa­hen uns mit großen Au­gen an. Ich faß­te den Glau­ben, oh­ne ihn aus­zu­spre­chen, Er­nes­ti­ne sei wahn­sin­nig ge­wor­den. – So un­heim­lich, grau­en­haft war der Ein­tritt in uns­re Woh­nung, so trau­ri­ge Vor­be­deu­tun­gen ka­men uns ent­ge­gen, daß ich, trotz mei­nes Glückes, kein Ver­trau­en zum Le­ben, und Eli­sa­beth kei­ne si­che­re Hei­ter­keit ge­win­nen konn­te.

Sonst füg­ten wir uns und ge­nos­sen die Ge­gen­wart und die Schön­heit der Wäl­der und Ber­ge. Mit den we­ni­gen Gäs­ten hat­te uns auch die Tan­te ver­las­sen, und wir konn­ten in fro­her Ei­nig­keit uns in der schö­nen Ein­sam­keit ge­nü­gen, wenn ich nicht be­merkt hät­te, daß Eli­sa­beth sich von ih­rer Schwes­ter zu­rück­zog, so sehr es die Um­stän­de nur er­laub­ten. Als ich sie dar­über zur Re­de stell­te, sag­te sie nach ei­ni­gem Zö­gern: Liebs­ter, ich fürch­te mich vor ihr, die Er­nes­ti­ne ist bos­haft ge­wor­den, wo­zu sie ehe­mals gar kei­ne An­la­ge hat­te. Wo sie mich är­gern, wo sie et­was ver­der­ben, ja selbst was Ge­fähr­li­ches her­bei füh­ren kann, so daß ich er­schre­cke, stol­pe­re oder wohl fal­le, wenn von oben Stei­ne nie­der­stür­zen, wie neu­lich die Gar­di­ne mei­nes Bet­tes brann­te, dem sie mit dem Licht zu na­he ge­kom­men war, zeigt sie im­mer die größ­te Scha­den­freu­de. Sie selbst hat es mir mit La­chen er­zählt, daß man in der Pro­vinz da­von spre­che, wie Rei­sen­de und Förs­ter an ein­sa­men Stel­len, bei Mond­schein und Mor­gen­däm­me­rung zwei Ge­spens­ter woll­ten wahr­ge­nom­men ha­ben, die sie auch als schreck­li­che frat­zen­haf­te We­sen be­schrie­ben. Sie sei es nebst je­ner Pro­phe­tin ge­we­sen, und sie wün­sche nur, daß in ei­nem Blat­te der Vor­fall er­zählt wür­de, da­mit sie im Druck, mit ih­res Na­mens Un­ter­schrift, als Er­nes­ti­ne, Fräu­lein von Jertz, die Lü­ge von den Ge­spens­tern wi­der­le­gen und aus­sa­gen kön­ne, daß sie die ei­ne Spa­zier­gän­ge­rin war. Ist das al­les nicht fürch­terlich?

Lie­bes Kind, sag­te ich jetzt, ich will dir ver­trau­en, wie ich glau­ben muß, sie sei wahn­sin­nig ge­wor­den. – Ist je­de lei­den­schaft­li­che Bos­heit et­was andres als Wahn­sinn? be­merk­te hier­auf Eli­sa­beth ganz rich­tig.

Wir ver­lie­ßen mit dem Herbst die Klau­sen­burg, um das neue be­que­me Haus zu be­zie­hen. Denn zu mei­nem Er­schre­cken ent­deck­te ich ei­ne An­la­ge zur Me­lan­cho­lie an mei­ner Gat­tin, für wel­che die Ein­sam­keit dort nicht heil­sam war. Wir gin­gen einst durch die al­ten Zim­mer, durch den ziem­lich er­halt­nen go­ti­schen Saal, und in­dem uns­re Trit­te im ein­sa­men Ge­mach wi­der­hall­ten, zuck­te mei­ne Gat­tin plötz­lich zu­sam­men und schau­der­te. Ich frag­te. O es ist grau­sig hier, sprach sie zit­ternd, ich ha­be das Ge­fühl, als wenn Ge­spens­ter un­sicht­bar hier um­gin­gen. – Ich er­schrak, und der Ge­dan­ke sah mich mit grau­en Au­gen ei­nes Un­ge­tüms an: daß auch der Ver­stand mei­ner Eli­sa­beth viel­leicht wie der der Schwes­ter möch­te ge­lit­ten ha­ben.

Als wir in dem neu­en Hau­se am Ei­ben­stei­ge wohn­ten, ver­miß­ten wir oft Er­nes­ti­ne und er­fuh­ren, daß sie in der Klau­sen­burg und in den Rui­nen des al­ten Schlos­ses ver­wei­le. Da es ein­mal zu die­ser Miß­hel­lig­keit ge­die­hen war, hat­te ich so­wohl wie die Frau ein bes­se­res Ge­fühl, wenn wir die Ar­me nicht bei uns sa­hen. Aber wie ver­schie­den war mein Le­ben doch von je­nem, wie ich es mir vor­ge­bil­det hat­te, als ich um die Hand mei­ner Eli­sa­beth warb!

Noch an­de­res häus­li­ches Un­glück ge­seil­te sich zu un­se­ren Lei­den, um un­sern Gram zu ver­meh­ren. Je­nes Do­ku­ment, wel­ches ei­gent­lich mein Ver­mö­gen, mein Da­sein be­grün­de­te, je­ner Be­weis, daß Sum­men be­zahlt sei­en und ich noch wel­che zu for­dern hat­te, al­le die­se Ak­ten und Pa­pie­re, die schon nach dem To­de des Gra­fen Mo­ritz wa­ren als Be­wei­stü­mer in An­spruch ge­nom­men wor­den, die­se wich­ti­gen Blät­ter, die ich nach lan­gem mü­he­vol­len Su­chen wie­der ge­fun­den und die ich nur kürz­lich noch in Hän­den ge­habt hat­te, wa­ren ver­schwun­den. Ich hat­te sie im­mer auf­merk­sam be­hü­tet und ver­schlos­sen ge­hal­ten, ich hat­te sie jetzt mei­nem Ad­vo­ka­ten aus­lie­fern und sel­ber mit die­sen höchst wich­ti­gen Be­wei­sen, die mir mei­ne Gü­ter frei mach­ten und wie­der schaff­ten, nach der Stadt rei­sen wol­len. Und sie wa­ren fort, und wie ich dach­te und sann, konn­te ich we­der er­grün­den, ja selbst kei­ne Spur auf­fin­den, wie es mög­lich ge­we­sen, sie mir zu ent­wen­den. Als ich end­lich in mei­ner Her­zens­angst mei­ner Frau mei­ne Sor­ge mit­tei­le, ist sie schein­bar ganz ru­hig und sagt mit kal­ter Stim­me und Fas­sung: Und du kannst noch zwei­feln? Ich kann es nicht. Er­nes­ti­ne hat einen Au­gen­blick dei­ner Ab­we­sen­heit, des off­nen Pul­tes, oder wer weiß wel­ches au­gen­blick­li­che Ver­ges­sen be­nutzt, um die­se Pa­pie­re dir zu rau­ben.

Nicht mög­lich! rief ich im Ent­set­zen. – Mög­lich? wie­der­hol­te sie; was ist ihr un­mög­lich? – Da die­se Do­ku­men­te fehl­ten, ging je­ner ur­al­te Pro­zeß nur sehr lang­sam vor­wärts, und ich konn­te es mir sel­ber sa­gen, daß ich ihn durch­aus ver­lie­ren müs­se, wenn es ir­gend­ein­mal zur Ent­schei­dung käme. Ich be­nutz­te da­her ei­ne Ge­le­gen­heit, als ihn die Ge­rich­te selbst nie­der­zu­schla­gen vor­schlu­gen, um den wah­ren Be­scheid auf künf­ti­ge Jah­re mög­lich zu ma­chen. Ich konn­te aber nicht un­ter­las­sen, Er­nes­ti­ne zu be­fra­gen und ihr mei­nen Ver­dacht mit­zu­tei­len. Die Haa­re rich­te­ten sich mir em­por über die Art und Wei­se, wie sie die­se An­mu­tung, die je­des un­schul­di­ge Herz em­pö­ren muß­te, auf­nahm. Als ich mei­ne Ver­le­gen­heit über­wun­den und ihr die Sa­che vor­ge­tra­gen hat­te, fing sie so laut und hef­tig an zu la­chen, daß ich al­le Fas­sung ver­lor. Als ich mich ge­sam­melt hat­te und in sie drang, mir zu ant­wor­ten, sag­te sie mit schnei­den­der Käl­te: Mein gu­ter Herr Schwa­ger, hier sind, wie Sie selbst, trotz Ih­rer Bor­niert­heit, ein­se­hen, nur zwei Fäl­le mög­lich. Ent­we­der ich bin schul­dig, oder un­schul­dig. Nicht wahr? Wenn ich den Raub be­gan­gen ha­be, so muß­te ich durch wich­ti­ge Ur­sa­chen be­wo­gen sein, oder durch Bos­heit, oder was es sei, zu die­ser Hand­lung ge­sta­chelt. Und dann soll­te ich sa­gen: ja, ich ha­be es ge­tan, neh­men Sie es doch ja nicht übel? Sie müs­sen selbst ge­stehn, das wä­re düm­mer als dumm. Wenn ich al­so blöd­sin­nig wä­re, hät­te ich es viel­leicht so oh­ne al­le Ab­sicht ge­tan, um das Kü­chen­feu­er da­mit an­zu­zün­den, oder auch weil mir die ro­ten Sie­gel ge­fie­len, und ich sprä­che nun: da neh­men Sie die hüb­schen Pa­pie­re zu­rück, weil ich se­he, daß sie einen Wert für den lieb­wer­ten Herrn Gra­fen ha­ben. Blöd­sin­nig aber bin ich bis da­to noch nicht, und wenn ich bos­haft bin, so bin ich na­tür­lich nicht so ein­fäl­tig, die Sa­che ein­zu­ge­ste­hen. Oder aber, der zwei­te Fall, ich bin un­schul­dig. Und Herr Schwa­ger, wi­der­spre­chen Sie ja nicht, dann sind Sie der Gim­pel, die­se so ganz un­ge­zie­men­den Fra­gen an mich zu tun.

Ich konn­te dem ge­spens­ti­schen We­sen nichts ant­wor­ten. Als ich in uns­rer Ein­sam­keit jetzt gar nicht mehr mei­ne Eli­sa­beth beim For­te­pia­no be­schäf­tigt sah, das ich ei­gens für sie vom Aus­lan­de hat­te kom­men las­sen, und ich sie dar­über zur Re­de stell­te, sag­te sie kla­gend: Lie­ber, wenn ich nicht töd­li­chen Ver­druß ha­ben will, darf ich nicht mehr spie­len. – Wie­so? – Weil mir es Er­nes­ti­ne ver­bo­ten hat. Sie sagt, in ei­nem Hau­se, wo ei­ne sol­che große Vir­tuo­sin wie sie sel­ber le­be, kön­ne sie nicht zu­ge­ben, daß ir­gend je­mand an­ders auch nur einen Ton an­zu­schla­gen wa­ge. – Die­se An­ma­ßung ging über al­le Ge­duld hin­aus. – Ich lief nach ih­rem Zim­mer hin­über und for­der­te sie im iro­ni­schen To­ne auf, mir et­was vor­zu­spie­len, da sie es an­dern schwa­chen Sterb­li­chen nicht er­lau­ben wol­le, das In­stru­ment an­zu­rüh­ren. Sie folg­te mir laut la­chend. Und es ist wahr, sie spiel­te mit sol­cher Meis­ter­schaft, daß mein Zorn sich in Be­wun­de­rung und Ent­zücken ver­wan­deln muß­te. – Nun? sag­te sie ganz ernsthaft, als sie ge­en­digt hat­te; das kann man in sei­nem Hause ha­ben, den Ge­nuß, nach wel­chem Ken­ner fünf­zig Mei­len her­rei­sen wür­den; – und doch kann man sich auch mit je­ner Stüm­pe­rei, die­sem Hin- und Her­klap­pen und Tap­sen un­fä­hi­ger Fin­ger zu­frie­den­stel­len? O ihr Tö­rich­ten und Aber­wit­zi­gen! Da schwat­zen sie von Kunst, die Schä­ker, und mei­nen den Dunst, nur nip­pen kön­nen sie vom Him­mel­strank, und das Wun­der wird in ih­ren gro­ben Hän­den zum Plun­der und Zun­der. Wenn mich nicht das Le­ben im­mer­dar an­ekel­te, wenn die Men­schen mir nicht wi­der­wär­tig wä­ren, wür­de ich gar nicht mehr zu la­chen auf­hö­ren.

Seit­dem spiel­te sie oft mit uns und er­laub­te höchs­tens Eli­sa­beth und mir, zu sin­gen, ob­gleich sie be­haup­te­te, daß wir we­der Schu­le noch Me­tho­de be­sä­ßen. So ging der Win­ter hin. Ich war schon arm und hat­te die Aus­sicht vor mir, ganz zum Bett­ler zu wer­den, Eli­sa­beth krän­kelte, und mir war die Hei­ter­keit des Le­bens ver­schwun­den.

Es war fast ei­ne Er­leich­te­rung un­se­res Da­seins zu nen­nen, als mit dem na­hen­den Früh­ling Er­nes­ti­ne krank und krän­ker und end­lich gar bett­lä­ge­rig wur­de. Sie ward, so wie ih­re Krank­heit zu­nahm, im­mer un­leid­li­cher. Am meis­ten zürn­te sie dar­über, daß sie nicht nach der Klau­sen­burg konn­te, wel­che sie sehr lieb ge­won­nen. An ei­nem war­men Ta­ge ließ ich sie hin­fah­ren, und sie kram­te lan­ge in den Ge­mä­chern, trieb sich lan­ge zwi­schen den Rui­nen und den Ge­sträu­chen um­her und kam uns dann viel krän­ker zu­rück, als sie uns ver­las­sen hat­te. –

Franz ruh­te wie­der ei­ne ge­rau­me Zeit und fuhr dann so fort: Jetzt sah man wohl, daß die Ar­me nicht wie­der auf­kom­men wür­de. Der Dok­tor mein­te, er be­grif­fe die Krank­heit und den Zu­stand der Lei­den­den nicht, denn die Le­bens­kraft sei bei ihr so stark, daß al­le je­ne Sym­pto­me, die sonst einen na­hen Tod ver­kün­dig­ten, bei ihr sich nicht zeig­ten, und sie wahr­schein­lich bald ge­ne­sen wür­de. Aber nach ei­ni­gen Ta­gen ließ er al­le Hoff­nung fah­ren.

Wir sa­hen ei­gent­lich ei­ner ru­hi­ge­ren Zu­kunft ent­ge­gen. Wenn uns die Un­glück­li­che auch dau­er­te, so konn­ten wir es uns doch nicht ab­leug­nen, daß sie stö­rend in un­ser Le­ben und das Glück uns­rer Lie­be hin­ein­ge­bro­chen war. Wir hör­ten, sie lie­ge im Ster­ben, und da sie beim Arzt und ih­ren Pfle­gern es sich ei­gens be­dun­gen hat­te, daß wir sie nicht be­läs­ti­gen soll­ten, so hat­ten wir uns fern­ge­hal­ten. Jetzt ver­lang­te sie plötz­lich drin­gend, mich zu se­hen, be­dang sich aber da­bei aus, daß die Schwes­ter nicht zu­ge­gen sein dür­fe. Ich ging hin­über und sag­te, so wie ich ein­trat: Lie­be Freun­din, Sie wol­len ge­wiß so gut sein, mir je­ne Do­ku­men­te wie­der aus­zu­lie­fern, die Sie, um mich zu ne­cken, aus mei­nem Pul­te ge­nom­men ha­ben. Sie sah mich be­deu­tend mit den ster­ben­den Au­gen an, die jetzt viel grö­ßer und ver­klär­ter als vor­mals leuch­te­ten. In ih­rem Blick war et­was so Selt­sa­mes, Leuch­ten­des, Grün­fun­keln­des, daß man nichts Ent­setz­li­ches, Un­be­greif­li­ches zu se­hen braucht, wenn man der­glei­chen er­blickt hat. Ha­ben Sie, Schwa­ger, sag­te sie nach ei­ner Pau­se, im­mer noch die­se Nar­ren­pos­sen im Kopfe? Doch frei­lich, lebt je­der so hin, wie er le­ben kann. Setzt Euch, Freund; füg­te sie dann mit ei­ner ver­ächt­li­chen Mie­ne hin­zu, und ich ließ mich an ih­rem Bett nie­der.

Ihr glaubt, fing sie dann mit ei­nem wi­der­wär­tig schar­fen To­ne an, ihr wer­det mich jetzt los. O täuscht euch ja nicht, und schmei­chelt euch nicht all­zu­früh. Ster­ben, Le­ben, Nicht­sein, Fort­dau­er. Wel­che un­nüt­zen und nichts­sa­gen­den Wor­te! Ich war fast noch ein Kind, als ich la­chen muß­te, wenn die Men­schen sich so um ih­re Fort­dau­er nach dem To­de ängs­tig­ten. Da schlep­pen sie Be­wei­se auf Be­wei­se zu­sam­men und zim­mern sie turm­hoch hin­auf, Wahr­schein­lich­kei­ten und Wün­sche, Bit­ten und Ge­be­te, des Ewi­gen Barm­her­zig­keit und wie so man­che gu­te lie­be An­la­gen in ih­nen hier dies­seits, wie sie es nen­nen, un­mög­lich aus­ge­bil­det, ge­schwei­ge zur Rei­fe ge­bracht wer­den könn­ten, – und al­le die An­stal­ten nur, um ih­re nie­der­träch­ti­ge Feig­heit, ih­re Furcht vor dem To­de et­was zu be­schwich­ti­gen. Die Arm­se­li­gen! Wenn ich mich samm­le, mir nach al­len Rich­tun­gen hin mei­ner viel­fäl­ti­gen Kräf­te be­wußt wer­de, und der Ewig­keit, dem Schöp­fer und den Mil­lio­nen Geis­tern der Vor­zeit und Zu­kunft ent­ge­gen­ru­fe: Ich will un­s­terb­lich sein! ich will! was braucht’s da wei­ter, und wel­che All­macht kann ein­schrei­ten, um mei­nen ewi­gen all­mäch­ti­gen Wil­len zu ver­nich­ten? Was braucht der Mensch, der ir­gend Be­sin­nung hat, noch für ei­ne an­de­re Ge­währ, daß er un­s­terb­lich und ewig sei? Wie, auf wel­che Art, – das ist ei­ne an­de­re Fra­ge. Welch Pos­sen­spiel und wel­che Frat­ze, wel­cher bun­te Haar­beu­tel, welch höcker­ar­ti­ges La­by­rinth von Ein­ge­wei­den und Lie­bes­or­ga­nen uns wie­der ein­ge­setzt wird, wel­che Eti­ket­te und Hof­sit­te von Häß­lich­keit und Schön­heit ein­ge­führt mag wer­den, das steht da­hin, da, ins Un­end­li­che, Dumm-Wei­se, Ge­re­gel­te, Ab­ge­schmack­te und ewig Tol­le hin­ein wie al­les. – Aber, ihr gu­ten Freun­de, wie mei­ne ei­ge­ne Kraft, oh­ne wei­te­res, mich un­s­terb­lich er­hält, so kann die­sel­be Stär­ke und der­sel­be Wil­len­strotz mich zu euch zu­rück­füh­ren, wann und wie oft ich will. Glaubt es mir nur, ihr Nar­ren, die Ge­spens­ter, wie ihr sie nennt, sind nicht ge­ra­de die schlimms­ten oder schwächs­ten Geis­ter. Man­cher möch­te gern wie­der­kom­men, aber er hat dort eben­so we­nig Cha­rak­ter als hier. Und du Aus­bün­di­ger, Schel­mi­scher, Eit­ler, Lie­bens­wür­di­ger, Ta­len­trei­cher, du Tu­gend­knos­pe, du Schön­heits-Mäk­ler, – daß ich dich so in­nigst, in­nigst ha­be lie­ben müs­sen, müs­sen, trotz dem in­ners­ten Kern mei­ner See­le, der mir sag­te, daß du es nicht ver­dien­test, – dir glat­thäu­ti­gem, ge­ra­de ge­wach­se­nem Men­schen­tier wer­de ich im­mer, das kannst du mir glau­ben, ganz na­he sein. Denn die­se Lie­be, Ei­fer­sucht, die­se Wut nach dir und dei­nem At­men und dei­nem Ge­spräch wird mich nach der Er­de hin­rei­ßen und das wird, wie sich ein From­mer aus­drücken wür­de, mein Fe­ge­feu­er sein. Al­so, oh­ne Ab­schied, auf Wie­der­sehn!

Sie reich­te mir die kal­te To­ten­hand. Als sie ver­schie­den war, ging ich zu Eli­sa­beth, hü­te­te mich aber wohl, ihr von den tol­len Fan­tasi­en der Ver­stor­be­nen et­was mit­zu­tei­len, da ih­re Ner­ven oh­ne­dies schon auf ängs­ti­gen­de Wei­se auf­ge­regt wa­ren und sie oft an Krämp­fen litt.

Ich leb­te jetzt mit mei­ner Gat­tin in stil­ler Ru­he und in ei­ner länd­li­chen Ein­sam­keit, die wohl schön wer­den konn­te, trotz un­se­rer Ver­ar­mung, wenn ich nicht hät­te be­mer­ken müs­sen, daß die krän­keln­de me­lan­cho­li­sche Stim­mung Eli­sa­beths im Zu­neh­men sei. Sie ward blaß und ma­ger, wenn ich in ihr Zim­mer trat, fand ich sie oft in Trä­nen. Sie sag­te, sie wis­se selbst nicht, was ihr feh­le, sie sei im­mer­dar ge­rührt, oh­ne sa­gen zu kön­nen wes­halb, wenn sie al­lein sei, füh­le sie sich so un­heim­lich, es sei ihr schreck­lich, daß die Schwes­ter in die­ser wahn­sin­ni­gen Lei­den­schaft ha­be ster­ben müs­sen, und oft, wenn sie im Zim­mer al­lein sit­ze, in die Kam­mer tre­te, sei es, als wenn Er­nes­ti­ne na­he ste­he, ihr dün­ke, sie hö­re den Gang, sie spü­re den Atem we­hen, als woll­ten Bli­cke aus der lee­ren Luft drin­gen.

Ich be­ru­hig­te sie, ich war viel mit ihr, um sie nicht al­lein zu las­sen, ich las ihr vor, wir gin­gen aus und be­such­ten zu­wei­len die Be­kann­ten in der Nach­bar­schaft. Sie ward ru­hi­ger, er­hol­te sich, und ih­re schö­ne Far­be be­gann all­ge­mach wie­der­zu­keh­ren. Als ich ein­mal mich un­wohl fühl­te, und sie mir ei­ne in­ter­essan­te Ge­schich­te vor­las, in­dem ich be­hag­lich auf dem So­fa aus­ge­streckt ruh­te, sag­te ich: Wie schön und wohl­klin­gend ist dei­ne Stim­me, willst du denn nicht ein­mal wie­der sin­gen? Du hast seit lan­gem al­le dei­ne Mu­sik­bü­cher nicht auf­ge­schla­gen, dein Kla­vier bleibt auch ver­schlos­sen, und die schö­nen Fin­ger­chen wer­den am En­de ganz un­ge­lenk wer­den. –

Du weißt, ant­wor­te­te sie mir, wie mir in den letz­ten Mo­na­ten die Schwes­ter es ge­ra­de­zu ver­bot, Mu­sik zu trei­ben, wir muß­ten ih­rer Krank­heit nach­ge­ben und so ha­be ich mich wirk­lich ent­wöhnt. – Sin­ge jetzt, rief ich, durch die Neu­heit des Ge­nus­ses wird er mir um so grö­ßer sein. – Wir such­ten ein heitres, wohl­ge­fäl­li­ges Mu­sik­stück aus, um dem Trüb­sinn ganz aus dem We­ge zu gehn, und mit wahr­haft himm­li­scher Stim­me er­goß Eli­sa­beth die kla­ren lich­ten Tö­ne, die be­see­li­gend durch mein Herz gin­gen. Auf ein­mal stock­te sie und fiel wie­der in je­nes hef­ti­ge, krampf­haf­te Wei­nen, das mich schon so oft er­schreckt hat­te. Ich kann nicht, rief sie tief be­wegt, al­le die­se Tö­ne stehn wie feind­se­lig ge­gen mich auf: im­mer füh­le ich die Schwes­ter ganz in mei­ner Nä­he, ihr Ge­wand rauscht an dem mei­ni­gen, ihr Zür­nen ent­setzt mich. – Ich fühl­te es deut­lich, mein und ihr Le­ben sei ge­bro­chen.

Un­ser Dok­tor, ein ver­stän­di­ger Mann, war zu­gleich un­ser Freund. Als sie ihm al­le die­se Ge­füh­le, ihr Zit­tern und die Angst be­kann­te, die in ih­rem In­nern fast im­mer­dar ar­bei­te­ten und ih­re Ge­sund­heit aus­höhlten, wand­te er al­le Mit­tel an, um sie kör­per­lich und geis­tig zu be­ru­hi­gen. Sein red­li­cher und ver­nünf­ti­ger Zu­spruch tat gu­te Wir­kung, auch sei­ne Me­di­ka­men­te schie­nen heil­sam. So wa­ren wir denn, als es Som­mer war, viel im Frei­en. Wir wa­ren zu ei­nem Be­kann­ten auf des­sen Gut ge­fah­ren, und er hat­te die Ab­sicht, auf sei­nem Schlos­se von Freun­den und ein­zel­nen Vir­tuo­sen ein mu­si­ka­li­sches Fest zu ge­ben. Mei­ne Frau, de­ren großes Ta­lent be­kannt war, hat­te sich an­hei­schig ge­macht, auch zu spie­len und zu sin­gen, denn sie war in der frem­den Um­ge­bung, ge­schmei­chelt von vie­len Män­nern und Frau­en, ein­mal wie­der in ei­ner fröh­li­chen Stim­mung. Mir war es um so lie­ber, da un­ser Arzt es mit zu den Vor­schrif­ten sei­ner Di­ät rech­ne­te, daß sie al­len die­sen dunklen Ge­füh­len und die­ser hy­po­chond­ren Ängst­lich­keit mit Ge­walt wi­der­strei­ten müs­se. Sie hat­te sich vor­ge­nom­men, ihm Fol­ge zu leis­ten. Recht hei­ter und ver­gnügt kehr­ten wir in un­ser Häus­chen zu­rück. Eli­sa­beth ging mit Ei­fer die schwe­ren Mu­sik­stücke durch, und ich freu­te mich, daß sie auf die­sem We­ge ih­re fri­sche Ju­gend viel­leicht wie­der­fin­den möch­te.

Nach ei­ni­gen Ta­gen las ich einen an­ge­kom­me­nen Brief, als plötz­lich die Tür auf­ge­ris­sen wird und mir Eli­sa­beth to­ten­bleich und wie ster­bend in die Ar­me stürzt. Was ist dir? ru­fe ich, vom tiefs­ten Ent­set­zen er­grif­fen. Ihr Au­ge irr­te wild um­her, ihr Herz klopf­te, als wenn es die Brust zer­spren­gen woll­te, sie konn­te lan­ge Atem und Stim­me nicht wie­der­fin­den. O Him­mel! rief sie end­lich, und je­des Wort war vom Aus­druck des Grau­sens be­glei­tet, – drin­nen, als ich mich übe, – ganz hei­ter ge­stimmt bin – zu­fäl­lig wer­fe ich den Blick in den Spie­gel – und ich se­he hin­ter mir Er­nes­ti­ne, – die mich mit je­nem Lä­cheln, dem selt­sa­men, an­schaut, die lan­gen dür­ren Ar­me über der Brust ge­fal­tet. Ich weiß nicht, ob sie noch dort ist, ich be­grei­fe nicht, wie ich hier­her ge­kom­men bin. –

Ich übergab sie ih­rer Kam­mer­frau, sie leg­te sich zu Bett, nach dem Dok­tor ward ei­lig ge­sen­det. Ich ging in das an­de­re Zim­mer hin­über. Die No­ten­bü­cher la­gen un­ter dem Kla­vier ver­streut, Eli­sa­beth muß­te sie im Schre­cken her­un­ter­ge­ris­sen ha­ben.

Was hal­fen Ver­nunft, Scherz und Trost, Di­ät und Me­di­ka­men­te ge­gen den vollen­de­ten Wahn­sinn? So sag­te ich zu mir sel­ber, und doch muß­te ich je­ner Wor­te der Ster­ben­den ge­den­ken, mit de­nen sie uns ge­droht hat­te.

Man hör­te auf dem Schlos­se, daß mei­ne Frau krank ge­wor­den sei. Dies droh­te das Mu­sik­fest zu stö­ren. Die Frau des Hau­ses kam al­so mit ei­ner Sän­ge­rin nach ei­ni­gen Ta­gen sel­ber zu uns, um sich nach dem Be­fin­den Eli­sa­beths zu er­kun­di­gen. Da wir nicht ein­mal dem Dok­tor von je­ner Er­schei­nung et­was ge­sagt hat­ten, die Eli­sa­beth woll­te ge­sehn ha­ben, so spra­chen wir noch we­ni­ger zu Frem­den von die­ser selt­sa­men Be­ge­ben­heit. Mei­ne Frau war wie­der auf und hat­te sich, dem An­schein nach, völ­lig von ih­rem Schre­cken er­holt. Man er­ging sich al­so mit den Be­su­chen­den in un­serm klei­nen Gar­ten, sprach vom Fest, und end­lich woll­ten sich die Ba­ro­nin und je­ne Sän­ge­rin ein Ge­sang­stück ein­üben, in Ge­gen­wart mei­ner Frau, um ih­ren Rat an­zu­hö­ren, wenn sie auch viel­leicht nicht sel­ber mit­sin­gen kön­ne. Wir kehr­ten al­so in das Zim­mer zu­rück und da es schon spät ge­wor­den, wur­den die Ker­zen an­ge­zün­det. Die Sän­ge­rin saß vor dem Kla­vier, um den Ge­sang zu be­glei­ten; ne­ben die­ser rechts die Ba­ro­nin vor dem No­ten­bu­che; ne­ben die­ser, et­was rück­wärts, hat­te ich mich ge­setzt, und mei­ne Frau saß links, na­he an der Sän­ge­rin. Wir muß­ten im Du­ett die Stim­me die­ser so­wie den Ge­sang der Ba­ro­nes­se be­wun­dern. Die Mu­sik ward im­mer leb­haf­ter und lei­den­schaft­li­cher, und ich hat­te es schon ein­mal ver­fehlt, das Blatt der Da­me zur rech­ten Zeit um­zu­schla­gen. In­dem die Sei­te wie­der zu En­de geht, legt sich ein lan­ger, knö­cher­ner Fin­ger auf das Mu­sik­buch, die Me­lo­die be­wegt sich fort, und das Blatt wird schnell und a tem­po um­ge­schla­gen. Ich se­he zu­rück, und die schreck­li­che Er­nes­ti­ne steht dicht an mir, hin­ter der Ba­ro­nin. Ich weiß nicht, wie ich die Fas­sung be­hal­te, prü­fend, bei­nah kalt das ent­setz­li­che Ge­spenst zu be­trach­ten. Sie lä­chel­te mich an, mit je­ner bos­haf­ten Mie­ne, die auch im Le­ben ihr Ge­sicht so wi­der­wär­tig ent­stel­len konn­te. Sie war in ih­rem ge­wöhn­li­chen Haus­klei­de, die Au­gen feu­rig, das Ge­sicht krei­de­weiß. Ich ver­senk­te mich fast mit Ge­nuß in ein dunkles Grau­en, blieb stumm und war nur froh, daß Eli­sa­beth die Er­schei­nung nicht be­merk­te. Plötz­lich ein Angst­schrei, und mei­ne Frau stürzt ohn­mäch­tig nie­der, in­dem der dür­re Fin­ger eben wie­der das No­ten­blatt um­schla­gen will. Die Mu­sik war na­tür­lich zu En­de, mei­ne Frau fie­ber­krank, und die Frem­den fuh­ren nach dem Schlos­se zu­rück. Sie hät­ten nichts Un­heim­li­ches ge­sehn und be­merkt. –

– Hier mach­te der Kran­ke wie­der ei­ne Pau­se. Der Ba­de­arzt sah mich be­deut­sam an und schüt­tel­te den Kopf. Und Sie ha­ben, frag­te er dann, auch jetzt Ih­rem Dok­tor nichts von die­ser Ge­spens­ter-Er­schei­nung ge­sagt?

Nein, er­wi­der­te Franz, nen­nen Sie es Scham, Furcht vor sei­nem kal­ten und schar­fen Men­schen­ver­stän­de, tau­fen Sie mei­ne Schwä­che, wie Sie wol­len, ge­nug, ich konn­te es nicht über mich ge­win­nen, ihm die­se Mit­tei­lung zu ma­chen.

Es war aber sehr not­wen­dig, sag­te der Arzt, denn wie konn­te er oh­ne die­se Nach­wei­sung Ih­re Krank­heit rich­tig be­ur­tei­len?

Seit dem, fing Franz mit mat­ter Stim­me wie­der an, war es so gut wie be­schlos­sen, je­ne Ge­gend zu ver­las­sen, weil wir hof­fen konn­ten, daß uns das wil­de Ge­spenst nicht jen­seits der Ber­ge und Flüs­se ver­fol­gen wer­de. Aber im Hau­se sa­hen wir sie nun oft, am meis­ten im Mu­sik­zim­mer. An ei­nem Mor­gen war der Dok­tor bei uns. Er setz­te sich an das Kla­vier und spiel­te so in Ge­dan­ken hin ei­ni­ge Pas­sa­gen. Plötz­lich stand die Ent­setz­li­che wie­der am Ses­sel mei­ner Frau und leg­te die­ser die dür­re, kal­te Hand auf die Schul­ter. Krämp­fe, Ohn­mach­ten wa­ren wie­der­um die Fol­ge.

Und hat sie Ihr Dok­tor dies­mal auch ge­sehn?

Nein, sag­te Franz, er hat­te der Er­schei­nung den Rücken zu­ge­kehrt. Aber ich sah sie deut­lich, am hel­len Ta­ge, und nach­her wie oft. Es durf­te ei­ner nur die Tas­ten des Flü­gels be­rüh­ren, so stand sie da, so daß es wie ei­ne Ci­ta­ti­on war, einen Ton an­zu­schla­gen. Als ich ein­mal wie­der die al­te Klau­sen­burg be­such­te, saß sie dort auf ei­nem Stein und sah mich groß an. So ver­folgt, ge­ängs­tigt, in ste­ter Furcht, in be­stän­di­gem Schau­der und Angst sind wir zum To­de reif ge­wor­den, und der Arzt hat uns end­lich, selbst ver­zwei­felnd und oh­ne Rat und Hil­fe hier­her ge­sen­det, ob die hie­si­gen Bä­der viel­leicht un­se­rer ganz zer­stör­ten Ge­sund­heit wie­der auf­hel­fen könn­ten. Aber bis jetzt se­he ich auch noch nicht den min­des­ten Er­folg. Und wer steht uns da­für, daß das Ge­spenst sich auch nicht hier ein­mal zeigt? Sie will uns ver­nich­ten, und ih­rem star­ken Wil­len ist das Un­be­greif­lichs­te mög­lich. Ich glau­be, wir dürf­ten nur es wa­gen, auch hier in die­ser Ent­fer­nung ein Lied zu sin­gen oder ei­ne So­na­te zu spie­len, so stän­de sie wie­der un­ter uns.

Da­für ste­he ich Ih­nen, ge­ehr­ter Herr Graf, rief der Dok­tor jetzt mit fes­ter Stim­me aus, ei­nem sol­chen bos­haf­ten Un­tier weiß uns­re me­di­zi­ni­sche Po­li­zei am bes­ten die We­ge zu wei­sen.

Wir sorg­ten jetzt da­für, daß der Kran­ke in ei­ner Sänf­te nach sei­ner Woh­nung ge­bracht wur­de, und ich be­glei­te­te den ver­stän­di­gen Arzt.

 

Und hier­mit ist die Er­zäh­lung zu En­de? frag­te Si­do­nie.

Sie ha­ben Ihr Wort ge­löst, teu­rer Freund, fing die al­te Ba­ro­nin an: je­nes Grau­en, das ich so gern ha­be, ha­ben Sie er­regt, und die Er­zäh­lung hat sich end­lich wirk­lich zu ei­ner Ge­spens­ter­ge­schich­te ge­stal­tet. Und Franz und Eli­sa­beth? Sind sie ge­stor­ben? War noch ei­ne Hei­lung mög­lich?

Es wird Zeit, schla­fen zu ge­hen, fiel Blin­den ein, soll­te die Er­zäh­lung noch nicht ganz zu En­de sein, so ma­chen Sie es nur kurz, lie­ber Blom­berg.

Nein! noch nicht schla­fen! rief die Wir­tin mit lie­bens­wür­di­gem Zorn, wir müs­sen nun noch ei­ne Wei­le bei­sam­men blei­ben, um die­ses Grau­en zu über­win­den und zu ver­ges­sen. Ha­ben Sie, Ba­ron Blom­berg, noch et­was zu be­rich­ten, so len­ken Sie wie­der ein.

Ich bin zag­haft, sag­te der al­te Mann, den Schluß zu be­rich­ten. Doch es sei! – In­dem ich durch die stil­le Nacht mit dem Ba­de­arzt durch die fins­tern Baum­gän­ge da­hin­wan­del­te, sag­te die­ser: Ge­ehr­ter Herr, wir sind bei­de so auf­ge­regt, daß wir doch jetzt nicht mehr schla­fen kön­nen. Be­glei­ten Sie mich auf mein Zim­mer, ein kräf­ti­ger aro­ma­ti­scher Car­di­nal soll uns mun­ter er­hal­ten, und ich will Ih­nen dort mei­ne Ge­dan­ken über uns­re bei­den Kran­ken mit­tei­len, an de­ren Ge­ne­sung ich jetzt, nach die­sen Er­zäh­lun­gen, zum ers­ten Ma­le glau­be. Ich möch­te ver­si­chern, daß ich sie nach zwei Mo­na­ten ziem­lich ge­sund zu­rück­schi­cken wer­de.

Ich er­staun­te, denn ich hat­te mei­nen Ju­gend­freund völ­lig auf­ge­ge­ben. Das stark ge­würz­te Ge­tränk mach­te uns völ­lig mun­ter und der Dok­tor sprach: Die­se See­len­krank­heit Ih­res Freun­des ist mir ei­ne der in­ter­essan­tes­ten psy­cho­lo­gi­schen Er­schei­nun­gen, die mir nur be­kannt ge­wor­den sind. Er so­wie sei­ne Frau sind von ei­nem selt­sa­men Wahn­sinn be­fan­gen, und wenn es uns ge­lingt, die­sen erst zu stö­ren, dann zu schwä­chen und zu ver­dun­keln und end­lich ganz zu ver­trei­ben, so wird sich auch die kör­per­li­che Ge­ne­sung ganz von selbst ein­stel­len. – Oh­ne Ih­ren Freund frü­her ge­kannt zu ha­ben, kann ich mir aus sei­nen Mit­tei­lun­gen sei­nen Cha­rak­ter und sei­ne Schick­sa­le ge­nau und wahr kon­stru­ie­ren. Er ist von Na­tur ein gu­ter, wei­cher Mensch, et­was zu weich, und wie al­le Men­schen die­ser Art der Ei­tel­keit mehr als die stär­ke­ren aus­ge­setzt. Er ist schön ge­we­sen und lie­bens­wür­dig, hat Ta­len­te und Sua­da be­ses­sen und war so al­lent­hal­ben will­kom­men, wo er sich nur zei­gen moch­te. Al­lent­hal­ben be­liebt und ge­schmei­dig, mag er man­chem schö­nen Kin­de Kopf und Herz ver­dreht ha­ben. Nun kam ihm sei­ne schö­ne Gat­tin ent­ge­gen, er will sich zum Ehe­man­ne um­ge­stal­ten, und sei­ne reiz­ba­re ner­ven­schwa­che Frau freut sich, den lie­bens­wür­di­gen, fei­nen Mann den ih­ri­gen nen­nen zu kön­nen. Wie es den Schwär­me­n­den im­mer­dar er­geht, so auch hier. Sie fin­den das über­schweng­li­che Glück in der Ehe nicht, wel­ches sie er­war­tet ha­ben, und ei­ne lei­se Ver­stim­mung legt sich über die zar­ten Ner­ven­sai­ten, die mit Un­ge­duld neue Schwin­gun­gen er­war­ten. Die häß­li­che ver­wach­se­ne Schwes­ter emp­fin­det, wie fast al­le Per­so­nen die­ser Art, Neid und Miß­gunst ge­gen die vor­ge­zo­ge­ne, ge­schmei­chel­te und ge­lieb­kos­te Braut und Gat­tin. Sie läßt deut­lich ih­ren Wi­der­wil­len mer­ken und ge­steht, daß sie den jun­gen Edel­mann has­se. Der lie­bens­wür­di­ge Her­zens­be­zwin­ger setzt nun al­le sei­ne Küns­te dar­an, auch die­se Wi­der­spens­ti­ge zu über­wäl­ti­gen. Es ge­lingt ihm, und die ar­me Ge­täusch­te glaubt wohl gar Emp­fin­dun­gen in ihm er­regt zu ha­ben, in­des­sen er nur sei­ne Ei­tel­keit einen Tri­umph fei­ern läßt. Die­se Herz­lo­sig­keit muß­te die un­glück­li­che Er­nes­ti­ne krän­ken und em­pö­ren. Ei­ne in­ne­re Wut ver­zehrt sie, sie wird ein Op­fer ih­rer un­glück­li­chen Lei­den­schaft, und im Ster­ben spricht sie je­ne Dro­hung aus, die Ehe­gat­ten auf al­le Wei­se zu ver­fol­gen. Dies ist of­fen­ba­rer Wahn­sinn. Es ist ei­ne schon al­te Be­mer­kung, daß die­ser oft im Blu­te steckt, und Ver­wand­te, Brü­der, Schwes­tern und Kin­der da­von er­grif­fen wer­den, wenn er sich in ei­nem Glied der Fa­mi­lie ma­ni­fes­tiert. So auch hier. Der zärt­li­che Graf ist wohl auch nicht so ganz ver­schwie­gen ge­gen sei­ne Gat­tin ge­we­sen: sie krän­kelt schon, sie brü­tet über Ge­dan­ken und schleicht mit neu­gie­ri­ger Auf­merk­sam­keit dun­keln Ge­füh­len ih­rer Ner­ven nach, – was ist na­tür­li­cher, als daß sie bei der ers­ten Ge­le­gen­heit die miß­ge­stal­te­te Schwes­ter zu se­hen glaubt? Die Angst der Frau teilt sich ihm mit, die bö­se Lau­ne über Un­glück hat sei­ne Fan­ta­sie ge­stei­gert, und er sieht eben­falls die Ge­spens­terer­schei­nung. So geht es denn fort, bis bei­de sich aus rei­ner Fan­ta­sie bei­na­he ver­nich­tet ha­ben. Zer­stört man die­se bö­se Ein­bil­dung, so wer­den sie ge­sund.

Liebs­ter Dok­tor, er­wi­der­te ich, ich kann nicht sa­gen, ob ich einen zu vor­wie­gen­den Hang zum Aber­glau­ben ha­be, aber Ih­re Grün­de ge­nü­gen mir nicht. So vie­les, was uns Sa­ge und Schrift auf­be­wahrt, kann in die­sem son­der­ba­ren Ge­bie­te, so ver­nünf­tig man sich auch ent­ge­gen­setzt, nicht bloß Fan­ta­sie oder Er­fin­dung sein. Es gibt wohl Stim­mun­gen, Krank­hei­ten, Ner­ven­zu­stän­de, in wel­chen die­sem oder je­nem et­was sicht­bar wird, was sich al­len üb­ri­gen ver­hüllt. Was ist Geist? Was sol­len wir uns bei dem Wort vor­stel­len? Ist uns die Ei­gen­schaft, das Ta­lent oder die Kraft be­kannt, wel­che die­se Mil­lio­nen ver­schie­den­ar­ti­ger See­len nach Ab­strei­fung der ir­di­schen Hül­le be­sit­zen? Was die­ser und je­ner star­ke Geist durch Macht sei­nes Wil­lens, oder äns­ti­gen­de Reue, oder süß mar­tern­des Heim­weh für Mög­lich­keit fin­det, aus Ima­gi­na­ti­on wie­der ei­ne schein­ba­re Hül­le zu bil­den, wie er sie vor­mals trug?

Und wenn Sie ganz recht hät­ten, was wä­re da­mit für Sie ge­won­nen? rief der eif­ri­ge Dok­tor. Wenn ein Ver­stimm­ter, Auf­ge­reg­ter et­was sieht, so sieht er ja doch nur im­mer sei­ne ei­ge­ne Fan­ta­sie, sei­ne ei­ge­nen in­ne­ren Ge­stal­ten, die sich nun sicht­bar vor sein kör­per­li­ches Au­ge hin­stel­len. Das be­geg­net je­dem zu­wei­len. Man hat am Mor­gen einen leb­haf­ten Traum. Man er­wacht plötz­lich und sieht noch einen Au­gen­blick das Kind, nach dem man sich sehn­te, die Li­lie oder Ro­se, an der man sich er­freu­te, den al­ten Freund, der hun­dert Mei­len ent­fernt ist, vor sich. Es ist wohl noch nie vor­ge­kom­men, daß einem der vie­len Geis­ter­se­her sein grei­ser Va­ter oder Groß­va­ter als Jüng­ling oder Bräu­ti­gam, der Mör­der als Kna­be in Un­schuld, das wil­de Ge­spenst ei­ner al­ten Gift­mi­sche­rin als blü­hen­de Jung­frau er­schie­nen ist. Warum wech­seln denn die­se Ge­spens­ter nicht ein­mal ih­re Ge­stal­ten?

Weil sie viel­leicht, warf ich ein, ih­re Ima­gi­na­ti­on nur in ih­rem letz­ten Zu­stan­de, der ih­nen noch am nächs­ten liegt, aus­prä­gen kön­nen.

Ah was! rief der un­ge­dul­di­ge Mann, ge­ben Sie sich lie­ber ru­hig ge­fan­gen, als daß Sie so un­be­hag­lich im Net­ze zap­peln. Hel­fen Sie mir lie­ber bei der Hei­lung Ih­res Freun­des.

Und die Art und Wei­se?

Nur durch et­was Ge­walt­sa­mes kann ein glück­li­cher An­fang ge­macht wer­den. Glau­ben Sie mir, in den in­ners­ten Tie­fen un­sers Ge­mü­tes wächst noch im­mer et­was von je­nem Un­kraut der Ei­tel­keit, von dem wir uns ger­ne weis­ma­chen, daß es nur in der äu­ßers­ten Ober­flä­che, um zu wu­chern, sei­nen Bo­den an­trä­fe. Auch im Schreck, im To­des­ent­set­zen, in mar­tern­der Krank­heit kit­zelt uns das Be­wußt­sein: du er­lebst doch bei al­le dem was Apar­tes, du siehst Er­schei­nun­gen, die dich ängs­ti­gen. Man geht wei­ter: man wünscht sie wie­der zu sehn und lockt sie gleich­sam her­vor. Das schmieg­sa­me, füg­sa­me in­ne­re We­sen, die fast un­be­greif­li­che Fan­ta­sie ge­horcht, und wie­der steht ein sol­cher Po­panz vor uns. – Stehn Sie mir al­so dar­in bei, die Kran­ken zu über­re­den und zu stim­men, daß ent­we­der im Zim­mer des Gra­fen oder bei Ih­nen Mu­sik ge­macht wer­de, schaf­fen wir ein For­te­pia­no an, und da die kran­ke Eli­sa­beth nicht sin­gen kann, so wird sie uns we­nigs­tens ei­ne So­na­te spie­len. Da­mit die bei­den Wahn­sin­ni­gen kei­nen Skan­dal er­re­gen, wenn sie viel­leicht doch von ih­rem Wirr­sal be­fan­gen wer­den, so muß nie­mand Frem­des zu­ge­gen sein, nur Sie und ich und höchs­tens die Kam­mer­frau, falls die Grä­fin sich doch wie­der ver­ges­sen soll­te. Es wird aber in mei­ner Ge­gen­wart, da ich mein ge­sun­des Au­ge al­lent­hal­ben wer­de her­um­schwei­fen las­sen, nicht ge­schehn. Da­durch wer­den die Kran­ken Si­cher­heit und Be­ru­hi­gung ge­win­nen, und wir fah­ren dann je­den Tag fort und brau­chen im­mer stär­ke­re Mit­tel, um die ir­re Fan­ta­sie zu ku­rie­ren.

Und, wenn nicht, – sag­te ich, mit fast furcht­sa­mem Aus­druck.

Nun, beim Him­mel, rief der un­ter­setz­te Mann mit lau­tem La­chen, wenn ich, oh­ne vor­her et­was viel ge­trun­ken zu ha­ben, et­was se­he, – nun so –

So?

So will ich ein Narr sein und blei­ben, Ba­ron, wie wir es denn, beim Licht be­se­hen, al­le von Hau­se aus schon sind.

So ver­lie­ßen wir uns, und es kos­te­te viel Über­re­dung, mei­nen angst­vol­len Freund da­hin zu brin­gen, daß er zu die­sem be­vor­ste­hen­den Ex­pe­ri­ment sei­ne Ein­wil­li­gung gab. Die Frau war, zu mei­nem Er­stau­nen, viel leich­ter ge­won­nen. Sie sag­te nicht un­ver­nünf­tig: Ich füh­le es, mein Le­ben ist be­schlos­sen, al­le Hil­fe ist ver­geb­lich, je nä­her der Tod, mir um so lie­ber. Kann ein neu­er Schreck mich wie ein Blitz nie­der­schmet­tern, um so er­wünsch­ter. Und tritt das Er­eig­nis, das ich für mög­lich hal­te, gar nicht ein, nun so sind mei­ne letz­ten Ta­ge we­nigs­tens von die­ser Furcht und dem angst­vol­len Grau­en be­freit, ich kann mich un­ter­hal­ten und zer­streu­en, und in der Hand der All­macht liegt es dann, ob ich und mein Gat­te noch wie­der Hoff­nung auf Ge­ne­sung fas­sen sol­len.

Man setz­te den drit­ten Tag für die Mu­sik fest, und zwar die spä­te­re Abend­stun­de, weil Eli­sa­beth, wie so man­che Fie­ber­kran­ke, sich um die­se Zeit am stärks­ten fühl­te, sich auch da­durch die Nacht ab­kürz­te, in­dem sie erst in der Re­gel ge­gen Mor­gen ih­ren Schlaf fand. Ein For­te­pia­no war al­so auf das Zim­mer ge­schafft wor­den, mehr Ker­zen als nö­tig wa­ren brann­ten, auch die Schlaf­kam­mer, die un­mit­tel­bar an das Wohn­zim­mer stieß, war hell er­leuch­tet wor­den, da­mit kein rät­sel­haf­ter Schat­ten sich ir­gend­wo im Dun­kel er­zeu­gen kön­ne. Im Wohn­zim­mer stand au­ßer Ses­sel und So­fa noch ein ei­gent­li­ches Ru­he­bett, auf wel­chem die Kran­ke sich oft bei Ta­ge aus­streck­te. Das For­te­pia­no war an ei­ne Wand zwi­schen zwei Fens­ter ge­stellt, die die Aus­sicht auf Gär­ten und nicht gar fer­ne Wein­hü­gel hat­ten. Nach dem Tee hat­te man die Tür des Ein­gangs ver­schlos­sen und die Auf­wär­ter und Die­ner für die­sen Abend ver­ab­schie­det. Die jun­ge star­ke Kam­mer­frau war zu­ge­gen, und wir al­le er­such­ten sie, sich ja recht mun­ter zu er­hal­ten.

Eli­sa­beth saß am Flü­gel. Der Dok­tor stand seit­wärts ne­ben ihr, um sie und Zim­mer und Schlaf­stu­be zu­gleich be­ob­ach­ten zu kön­nen, ich saß und stand ab­wech­selnd auf der an­dern Sei­te der Kran­ken; Franz ging im Schlaf­rock und wei­chen Pan­tof­feln lei­se hin­ter der Spie­len­den hin und her, und die rüs­ti­ge Kam­mer­frau lehn­te an der off­nen Tür des Schlaf­zim­mers.

Eli­sa­beth spiel­te erst matt, un­ge­wiß und ängst­lich. Bald aber riß sie die Schön­heit der Kom­po­si­ti­on und das Be­wußt­sein ih­res Tal­ents hin, und sie trug mit Prä­zi­si­on und Feu­er das hu­mo­ris­ti­sche, me­lo­di­en­rei­che Werk vor.

Ihr Au­ge glänz­te, ih­re Wan­ge rö­te­te sich beim Spiel, und ein see­len­vol­les Lä­cheln schweb­te auf dem vor­mals schö­nen Mun­de. Der Arzt warf mir tri­um­phie­ren­de Bli­cke zu, und da die Räu­me so hell und hel­ler wie am Ta­ge wa­ren, so konn­te man Mie­ne und Ge­sichts­zug ei­nes je­den deut­lich er­ken­nen. Al­le lob­ten die Spie­le­rin, und der Arzt, der sich vor­be­rei­tet hat­te, gab ihr et­was zur Stär­kung. Sie selbst war wie neu­ge­bo­ren und ge­stand, daß sie sich seit ei­nem Jahr nicht so wohl ge­fühlt ha­be. Der lei­den­de Franz war ent­zückt, und sei­ne feuch­ten Bli­cke spra­chen Hoff­nung aus.

So ward denn, mit der­sel­ben An­ord­nung, zum zwei­ten Mu­sik­stück ge­schrit­ten. Eli­sa­beth spiel­te noch si­che­rer und leich­ter. Bra­vo und Ap­plaus be­glei­te­ten sie, – da plötz­lich – ließ sich ein ent­setz­li­cher Auf­schrei hö­ren – wie soll ich ihn be­schrei­ben? – nie war mein Ohr von sol­chem gräß­li­chen Ton zer­ris­sen wor­den – erst nach­her ward ich in­ne, daß Franz ihn aus­ge­sto­ßen hat­te – und – die Lich­ter brann­ten blau, aber doch blieb es hell ge­nug – welch Schau­spiel! Franz mit schäu­men­dem Mun­de und weit her­vor­ge­trie­be­nen Au­gen hielt sich mit ei­nem ent­setz­li­chen Ge­spenst um­faßt. Er rang mit der dür­ren scheuß­li­chen Ge­stalt. Du oder ich! schrie er jetzt, und sie um­klam­mer­te ihn mit den dür­ren Ar­men so fest, drück­te den krum­men ver­wach­se­nen Kör­per so fest an den sei­ni­gen, preß­te ihr blei­ches Ant­litz so fest auf sei­ne Brust, daß wir al­le es hör­ten, wie in die­sem Rin­gen sei­ne Ge­bei­ne er­krach­ten. Die Kam­mer­frau war zu Eli­sa­beth ge­sprun­gen, wel­che in Ohn­macht lag. Der Arzt und ich ka­men her­bei, als der Kran­ke das Ge­spenst wie mit Rie­sen­kraft auf das Ru­he­bett nie­der­warf, wel­ches von dem schwe­ren Fall in sei­nen Fu­gen knack­te. Er stand auf­recht. Wie ei­ne Wol­ke, wie ei­ne dunkle De­cke lag es auf dem Bett und als wir nun ganz na­he tra­ten, war auch je­der Schein ver­schwun­den. –

Franz fühl­te sich nun wie in al­len Ge­bei­nen zer­brochen, sei­ne letz­te Kraft war ver­nich­tet, er war nach dreien Ta­gen ver­schie­den, und der Arzt fand blaue Fle­cken auf Rip­pen und Brust­bein. Sie er­wach­te aus ih­ren ir­ren Fan­tasi­en nicht wie­der und folg­te zwei Ta­ge spä­ter dem ge­lieb­ten un­glück­li­chen Gat­ten in sein frü­hes Grab. –

Nun? frag­te ich den Arzt, als wir uns wie­der vom Schre­cken, der Trau­er und der Be­täu­bung et­was er­holt hat­ten. Die Kur ist nicht ge­ra­ten. Sie, der Kalt­blü­ti­ge, ha­ben ge­sehn, wo­ge­gen Sie erst mit vol­ler Über­zeu­gung schwo­ren. Ein Bild Ih­res In­nern oder des mei­ni­gen, da wir Er­nes­ti­ne nie ge­se­hen ha­ben, war es ge­wiß nicht: den Kran­ken sa­hen und hör­ten wir mit dem Ge­spens­te rin­gen. Ei­ne in­ne­re Fan­ta­sie hat ihm, dem Ge­stor­be­nen, ge­wiß Brust und Rip­pen nicht so er­kra­chen ma­chen.

O mein schö­nes Sys­tem! seufz­te der Dok­tor; da ent­steht nun ei­ne schreck­li­che Lücke, ein her­ber Wi­der­spruch mit al­len mei­nen Über­zeu­gun­gen und Er­fah­run­gen, die ich wahr­lich nicht zu ver­söh­nen oder zu er­gän­zen weiß. Aber, mein teu­rer ver­stän­di­ger Freund, im Na­men der Mensch­heit und bei de­ren Wohl be­schwö­re ich Sie, hal­ten Sie ja die gan­ze Sa­che ge­heim, ver­schwei­gen Sie ge­gen je­der­mann die Ge­schich­te, denn sonst er­öff­nen wir ja dem Aber­glau­ben Tü­ren und To­re. Der Mensch­heit und der Wis­sen­schaf­ten we­gen müs­sen wir die selt­sa­me Ge­schich­te ver­tu­schen.

So ha­be ich denn auch bis jetzt ge­schwie­gen, denn dies ist das ers­te­mal, daß ich Ih­nen hier die­se wun­der­ba­re Ge­spens­ter­ge­schich­te er­zählt ha­be.

– Es ent­stand ei­ne lan­ge Pau­se. End­lich sag­te Graf Blin­den: Und Sie ha­ben wirk­lich die Sa­che so ge­sehn?

Wie ich sie er­zählt ha­be, ant­wor­te­te Blom­berg, und das kann ich vor je­dem Ge­richt, wenn es nö­tig wä­re, be­schwö­ren. Aber, bes­ter Graf, Ge­spens­ter kann man nicht un­ter die Lu­pe und das Mi­kro­skop brin­gen und sie noch we­ni­ger se­zie­ren und ana­to­mie­ren. Ich sah das Ge­spenst, wie man es be­schrie­ben hat­te, auf dem Ru­he­bet­te war es nur noch ei­ne un­kennt­li­che Mas­se und bald dar­auf völ­lig ver­schwun­den. Die Nutz­an­wen­dung und Mo­ral der Sache über­las­se ich an­dern, und ich selbst wün­sche auch nicht, ei­ne sol­che Er­fah­rung zum zwei­ten Ma­le zu ma­chen.

Ich könn­te mich wohl ent­schlie­ßen, sag­te der jun­ge Theo­dor, mit die­ser Geis­ter­welt in Ver­bin­dung zu tre­ten, denn je­de Er­fah­rung, die wir ma­chen, be­rei­chert uns­re See­le, und ei­ne so selt­sa­me, den­ke ich mir, muß die merk­wür­digs­ten Fol­gen er­zeu­gen.

Gar kei­ne, rief Blom­berg, der­glei­chen bleibt ganz ein­zeln stehn und er­klärt we­der vor­wärts noch rück­wärts ir­gend et­was. Wer nicht ganz be­son­ders zum Den­ken und Phi­lo­so­phie­ren aus­ge­rüs­tet ist, hü­te sich ja vor dem Kon­se­quenz-Ma­chen. Ein Ein­fall bleibt un­schul­dig oder geist­reich, aber die schlimms­ten aber­wit­zi­gen Sys­te­me ha­ben sich im­mer aus ganz rich­ti­gen Wahr­neh­mun­gen ent­wi­ckelt. Ei­ne stil­le frag­men­ta­ri­sche Dumm­heit bleibt un­schäd­lich, aber aus dem Bes­ten, Wahrs­ten und Rich­tigs­ten ha­ben geist­rei­che Män­ner wohl schon das Ab­sur­des­te durch stren­ge Kon­se­quenz und lo­gi­sche Kunst her­ge­lei­tet.

Mag sein, ant­wor­te­te Theo­dor, ich ha­be aber ge­wiß auch nicht un­recht, wenn ich be­haup­te, daß das Ge­lüst nach ei­ner Be­kannt­schaft mit über- oder doch au­ßer­ir­di­schen We­sen ein na­tür­li­ches und ver­zeih­li­ches sei, und ich wüß­te nicht, was ich dar­um gä­be, um auf ir­gend­ei­ne Wei­se in je­ne Zir­kel ein­ge­führt zu wer­den.

Theo­dor! rief jetzt Si­do­nie und er­hob sich von ih­rem Sitz, Sie wer­ben um mei­ne Gunst und um mei­ne Hand. Ich darf es hier wohl ge­stehn, weil al­le Welt es weiß. Sie ha­ben mir im­mer ei­ne Pro­be Ih­res Mu­tes ge­ben, Sie ha­ben im­mer et­was für mich tun wol­len. Sie wis­sen, die Sa­ge geht, daß beim Voll­mond in der Mit­ter­nacht es ge­fähr­lich sei, je­ne Ei­sen­stan­ge dort vor der Klau­sen­burg an­zu­zie­hen, die ehe­mals mit der Glo­cke den Pfört­ner rief. Wir ha­ben Voll­mond, in zwei Stun­den ist Mit­ter­nacht, ver­su­chen Sie Ihr Heil, und wenn Sie mor­gen zu­rück­kom­men, so sol­len Sie min­des­tens als Un­ter­pfand je­ne Haar­lo­cke emp­fan­gen, um wel­che Sie mich drin­gend ge­be­ten ha­ben.

Nicht mehr? sag­te der jun­ge Mann la­chend; mor­gen in der Frü­he sehn Sie mich wie­der, nur be­kla­ge ich im vor­aus, daß ich nichts wer­de zu er­zäh­len ha­ben.

Er ging, weil die Zeit ihn dräng­te, denn die Rui­ne war fast ei­ne Stun­de ent­fernt. Als er das Zim­mer ver­las­sen hat­te, sag­te An­selm: Mich wun­dert’s, Blom­berg, daß Sie in sei­ner Ge­gen­wart die­se Fa­mi­li­en­ge­schich­ten er­zähl­ten: er ist ja durch ei­ne Sei­ten­li­nie ein Nef­fe des letz­ten Gra­fen Franz, und wenn der so lan­ge schwe­ben­de Pro­zeß zu sei­nen Guns­ten ent­schie­den, wenn je­nes ver­lo­re­ne Do­ku­ment sich wie­der fin­den soll­te, so wür­de er die be­deu­ten­den Gü­ter er­ben und ein rei­cher Ka­va­lier sein.

Blom­berg schlug sich mit der fla­chen Hand hef­tig vor die Stirn und rief aus: O ver­damm­te, ver­damm­te Ver­geß­lich­keit! Dar­um wur­de er auch ei­ni­ge­mal so nach­den­kend. Frei­lich mag ihn die­ses und je­nes ver­letzt ha­ben, doch kommt in al­len die­sen Er­zäh­lun­gen nichts vor, was ihn be­lei­di­gen konn­te. – Ja, er könn­te reich wer­den, wenn je­ne dunklen Punk­te sich auf­klär­ten. Aber er wird es auch oh­ne­dies in sei­ner jet­zi­gen Stel­lung. Die Mi­nis­ter und der Fürst selbst zei­gen dem jun­gen Mann das größ­te Ver­trau­en, und oh­ne Zwei­fel wird er es weit brin­gen.

Man sprach noch hin und her, und An­selm vor­züg­lich war in eif­ri­gen Ge­sprä­chen mit Si­do­nie. Es fiel den üb­ri­gen nicht auf, weil er für ei­fer­süch­tig und für den Ne­ben­buh­ler Theo­dors galt. An­selm ver­ließ das Schloß, und die üb­ri­gen be­ga­ben sich oh­ne Furcht zur Ru­he und in ih­re ein­sa­men Kam­mern, weil sie durch die letz­ten Ge­sprä­che wie­der ge­hö­rig wa­ren ab­ge­kühlt wor­den.

 

In je­nem neu­ern Hau­se am so­ge­nann­ten Ei­ben­stei­ge, wel­ches Franz und sei­ne kran­ke Gat­tin ei­ni­ge Zeit be­wohnt hat­ten, hielt sich jetzt der al­te Förs­ter Matt­hi­as auf, wel­cher schon seit zwei Jah­ren an der Gicht er­krankt fast im­mer auf sei­nem Bet­te lag. So lan­ge war es un­ge­fähr, daß Theo­dor durch die Gunst des Erb­prin­zen sei­ne Stel­le als Ober­jä­ger­meis­ter oder Vor­stand al­ler Fors­ten im klei­nen Lan­de er­hal­ten hat­te. Die­sen be­que­men Platz, wo das Ge­schäft des Al­ten oh­ne Nach­teil von jun­gen Bur­schen be­sorgt wer­den konn­te, hat­te Theo­dor dem Kran­ken aus Wohl­wol­len ge­ge­ben, da­mit er und sei­ne Toch­ter Hann­chen oh­ne Not und Sor­ge le­ben könn­ten.

Hann­chen war fast im­mer mit dem Va­ter be­schäf­tigt. Bald sang sie ihm et­was, bald las sie ihm vor, dann er­zähl­te sie ihm Ge­schich­ten oder was sie er­fah­ren hat­te, sie be­rei­te­te selbst die Spei­sen, die sei­ne Krank­heit not­wen­dig mach­te, und zeig­te ihm im­mer­dar, um ihn zu zer­streu­en, die größ­te Hei­ter­keit, wenn sie auch selbst an ei­nem stil­len Kum­mer litt.

Jetzt war, weil der Va­ter schon schlief, im an­dern großen Zim­mer ein jun­ger Mann bei ihr, der sie fast täg­lich be­such­te. Ei­ne Mei­le von dort war ihm durch Theo­dor ei­ne ein­träg­li­che Förs­ter­stel­le ge­wor­den, und frü­her hat­te er bei Matt­hi­as, Hann­chens Va­ter, die Jä­ge­rei er­lernt.

Ich kann nicht fort, sag­te er jetzt, be­vor Sie mir nicht, lie­bes Hann­chen, ein freund­li­ches Wort ge­sagt ha­ben.

Lie­ber Herr Wer­ner, ant­wor­te­te Hann­chen, ich bin Ih­re wah­re Freun­din, Sie ha­ben es selbst ge­sehn, wie ich mich über Ih­re Be­för­de­rung, über je­ne ein­träg­li­che Stel­le ge­freut ha­be, die Sie schon, so jung noch, ver­wal­ten; die an­sehn­li­che Erb­schaft, die Ih­nen neu­lich zu­fiel, macht mich glück­lich. Was wol­len Sie mehr?

Sie wis­sen es recht gut, sag­te der Jüng­ling. Aber frei­lich, ich weiß es wohl, ich be­grei­fe es auch, daß Ihr Herz im­mer noch da­hin hängt, so un­recht, un­dank­bar, ja schlecht sich auch der jun­ge Mann ge­gen Sie und Ih­ren Va­ter be­nom­men hat.

Hann­chen war glü­hend rot ge­wor­den und rief jetzt im Un­wil­len: Lud­wig! Sie ma­chen mich bö­se. Graf Theo­dor ist edel, mein Va­ter hat ihm al­les zu dan­ken, er hat auch Ihr Glück ge­grün­det. Nein, mein Freund, wir müs­sen nicht un­ge­recht sein. Es gibt Din­ge im Le­ben, die wir Schick­sal nen­nen müs­sen. Ich kann mich über den jun­gen Gra­fen nicht be­kla­gen, als daß er lie­bens­wür­dig ist und mit sü­ßen Re­den, Bli­cken und sei­ner An­mut mein jun­ges un­er­fah­re­nes Herz ver­strick­te und ver­wun­de­te. Er hat mir nie­mals mit aus­drück­li­chen Wor­ten ge­sagt, daß er mich lie­be, noch we­ni­ger hat er um mei­ne Hand ge­wor­ben. Er war oft hier, im­mer freund­lich, zutä­tig; nach­her ist er weg­ge­blie­ben. Wes­halb soll ich denn al­so auf ihn schel­ten?

O lie­bes Hann­chen, rief der Jüng­ling aus, Sie füh­ren sei­ne Ver­tei­di­gung nur schlecht. Braucht ein Mann von Eh­re das Wort ge­ra­de aus­zu­spre­chen, wenn er weiß und fühlt, was recht ist und sich ge­ziemt? Einen sol­chen bin­det ein be­deu­ten­der Blick, ein zärt­li­cher Hän­de­druck, ein Seuf­zer und ein zar­tes Ge­dicht weit mehr als den trock­nen All­tags­men­schen aus­ge­spro­che­nes Wort und Schwur. Die Lie­be zwei­er ed­len We­sen ist kei­ne Ver­hand­lung.

Er ist Graf, sag­te das Mäd­chen, und ich ei­ne Bür­ger­li­che.

Um so schlim­mer, rief Lud­wig, de­sto mehr muß­te er sich zu­sam­men­neh­men, da­mit sei­ne Zärt­lich­keit und schein­ba­re Hin­ge­bung kei­ne Wün­sche und Hoff­nun­gen er­reg­te. Ich ha­be es ja selbst mit an­ge­se­hen, wie er mit Ih­nen um­ging. Wie ein Bräu­ti­gam mit sei­ner Braut, und zwar mit ei­ner sol­chen Er­ge­bung, als wenn Sie die Vor­neh­me und er der ein­fa­che Bür­gers­mann wä­re. Er hat Ih­nen Brief­chen, Ge­dicht­chen zu­ge­steckt, er hat Ih­re Lie­be und Zu­nei­gung nicht miß­ver­ste­hen kön­nen. Sehn Sie, dar­um blei­be ich bei mei­nem Satz, er hat schlecht an Ih­nen ge­han­delt.

Sie wol­len mich durch­aus zum Wei­nen brin­gen, sag­te Hann­chen, und dann sa­gen Sie doch wie­der, daß Sie mir gut sind.

Weil ich Ih­nen gut bin, rief Lud­wig, so über­mensch­lich gut, daß ich es in or­di­näre Wor­te gar nicht fas­sen kann. Das ist ja eben mein Elend, daß ich mei­ne Re­den nicht so zu set­zen weiß wie der Herr Theo­dor. Und warum, wes­halb hat er Ihr schö­nes Herz so leicht­sin­nig auf­ge­ge­ben? Nicht aus Hoch­mut, nein, so schlecht will ich von ihm nicht den­ken, son­dern aus ei­ner elen­den Schwach­heit. Ja frei­lich wird dar­aus un­ser Schick­sal zu­sam­men­ge­floch­ten, uns­re Stra­fe, uns­re Gei­ßel, wenn wir je­dem Ge­lüs­te nach­ge­ben, wenn wir uns von je­dem Schim­mer blen­den las­sen. Bö­se wird sie es ihm dan­ken, die Ko­kot­te, die ihn mit ih­rem schö­nen An­ge­sicht und den blon­den Lo­cken so ge­fes­selt hat, so den Ver­stand und die Au­gen be­ne­belt, daß er nicht mehr aus und ein, und nicht mehr Weiß von Schwarz zu un­ter­schei­den weiß. Und die­se Si­do­nie, – die­se Falsche – sie kann kei­nen Men­schen lie­ben. Erst hat sie sich mit dem Ba­ron An­selm her­um­ge­schleppt, im vo­ri­gen Jah­re, wie sie auch zum Be­su­che hier war, nun ist ihr der nicht mehr gut ge­nug. Vom Gra­fen Theo­dor den­ken al­le, daß er noch ein­mal ei­ne große Rol­le spie­len wird, dar­um muß der jetzt mit ihr den Vort­anz hal­ten.

Man sagt ja, fiel Hann­chen ein –

Ja, es heißt, sag­te Lud­wig, die Ver­lo­bung wür­de bald er­klärt wer­den. Wenn nicht un­ter­des ein noch Vor­neh­merer sich mel­det. Nun Glück zu! – Und Sie, Hann­chen, Sie ver­schmä­hen ein ehr­li­ches, treu­es Herz, weil – ach! ich weiß nicht, was ich re­de.

Wie ka­men Sie nur heut von je­ner Sei­te? frag­te Hann­chen, um nur ein an­de­res Ge­spräch auf die Bahn zu brin­gen.

Ich hät­te bald den Hals ge­bro­chen, sag­te Lud­wig halb la­chend. Sie wis­sen ja, wie mich die schö­ne Si­do­nie manch­mal zum Bo­ten­lau­fen braucht oder miß­braucht. Und ich bin eben­so ein Narr wie der Theo­dor, daß ich ihr so in al­lem Fol­ge leis­te. Aber es ist wahr, wenn sie einen so bit­tend an­sieht, so kann man ihr nichts ab­schla­gen. Ich hat­te schon einen Brief für sie, einen wich­ti­gen, wie es hieß, von ei­ner al­ten Bür­gers­frau da un­ten im Städt­chen, was dort im Grun­de liegt, ein ein­sa­mes fa­ta­les Nest. Weiß der Hen­ker, was die al­te und jun­ge He­xe für Ge­heim­nis­se mit­ein­an­der ha­ben und warum ich mich zum Zwi­schen­trä­ger brau­chen las­se. Aber kurz­um, wie ich den Brief hin­auf­brach­te, bat Si­don­chen so schön und sag­te, sie könn­te sich kei­nem als mir al­lein an­ver­trau­en, und die­ser Gang nach dem dum­men Städt­chen soll­te auch mein letz­ter Gang sein. So läßt man sich denn im­mer wie­der be­schwat­zen, und ich neh­me ih­ren Brief an, das Ant­wort­schrei­ben an die al­te Ger­traud. Die Schö­ne sagt mir denn so mit ih­rem al­ler­liebs­ten Lä­cheln recht viel Sü­ßes, daß sie wohl wis­se, wie sie mich nicht be­loh­nen kön­ne, wie es schimpf­lich sei, mir, dem wohl­ha­ben­den Man­ne, et­wa Geld an­zu­bie­ten, sie wol­le mir bei Ge­le­gen­heit ei­ne Bör­se stri­cken oder mit eig­nen Hän­den ei­ne schö­ne Wes­te sti­cken, wo­bei ich ih­rer ge­den­ken sol­le, und so wei­ter. Kurz, ich ging in dem schlech­ten Re­genwet­ter und bei dem Win­de, und är­ger­te mich nur der fa­tale wei­te Weg, der an man­chen Stel­len, wenn es reg­net, grund­los ist. Da fiel mir denn ein, daß, wenn man den Wald und die Klip­pen hin­ter dem al­ten Nest, der Klau­sen­burg, hin­auf­klimmt, man zwei gan­ze Stun­den nä­her geht, auch von dort aus, über den Hoch­wald, auf den Fuß­stei­gen die We­ge stei­ler, aber bes­ser sind, als dort un­ten im Moor­grun­de. Ge­dacht, ge­tan. Ich ren­ne hier vor­bei, und da der Re­gen wie­der an­fängt, ist es mir lieb, hin­ter der al­ten Klau­sen­burg mich durch den Wald und über die al­ten Stei­ne hin­weg, em­por­zu­quä­len. Aber der Bu­chen­wald schütz­te mich doch ziem­lich vor dem Re­gen. Nun war es schon fins­ter ge­wor­den, da wir aber Mond­schein ha­ben, war mir Tag und Nacht gleich. Wie ich nun oben bin, tritt der Teu­fel selbst sicht­bar auf mich zu.

Was sa­gen Sie, Lud­wig? sag­te Hann­chen be­tre­ten.

Nun, nun, ant­wor­te­te er, das heißt nur: so zu sa­gen; es ist nur so ei­ne Re­dens­art. Denn wie ich da dro­ben stand und mich un­ter ei­ner Bu­che vor dem Re­gen nie­der­duck­te, fiel mir ein: Hann­chen ist nicht glück­lich, Hann­chen wird mich doch viel­leicht nie­mals lie­ben, sie hängt nun ein­mal an dem Theo­dor. Wie nun, wenn ich die­sen Brief Si­do­nies, die ver­däch­ti­ge Kor­re­spon­denz, dem jun­gen Gra­fen aus­lie­fer­te? Viel­leicht, daß er die schö­ne Ver­füh­re­rin dann fah­ren lie­ße und zu mei­nem Hann­chen zu­rück­kehr­te. Se­hen Sie, sol­che ver­teu­fel­te Ein­fäl­le hat der ehr­lichs­te Mensch auch zu­zei­ten. Aber, dach­te ich wie­der, wenn das Schrei­ben nur Lie­bes und Gu­tes ent­hält, das ihr wohl gar Eh­re macht? Und wird er als Edel­mann wohl den Brief so ge­ra­de­hin auf­rei­ßen? Viel­leicht wenn er ihn un­ge­sehn so auf der Stra­ße fän­de, aber nicht, wenn er ihn aus mei­ner Hand be­kommt, und ich nun sein Mit­wis­ser bin. Er läuft mit dem Schrei­ben viel­leicht so ge­ra­de zur Si­do­nie hin und sagt ihr, welch ein Spitz­bu­be ich bin. Ja, ja, zur Schel­me­rei ge­hört auch Ge­schick und we­nigs­tens ei­ne Art von Si­cher­heit, daß sie zum Ehr­li­chen hin aus­schla­gen könn­te. Frei­lich al­so, wenn ich wüß­te, was in dem fa­ta­len Brief stün­de, dann wä­re es ei­ne ganz an­de­re Sa­che. Wenn der Herr Theo­dor da­durch et­was recht Bos­haf­tes er­füh­re, wenn sich ein Kom­plott ent­deck­te, – wenn – wenn – und mein Seel, da nes­teln mei­ne Fin­ger schon an dem Sie­gel her­um, und ich bin auch ganz na­he dar­an, das Pet­schaft ent­zwei­zu­bre­chen.

Herr Wer­ner! rief Hann­chen, vor Schre­cken blaß ge­wor­den; ein ver­sie­gel­ter Brief! Von ei­ner Per­son, die ge­ra­de in Sie so großes Zu­trau­en ge­setzt hat­te. Viel­leicht in ei­ner wich­ti­gen Sa­che. Der Sie ver­spro­chen hat­ten, al­les ge­nau zu be­sor­gen.

Sie ha­ben ganz recht, her­zi­ges Kind, er­wi­der­te der jun­ge Mann. Der Teu­fel selbst ist manch­mal in ei­ner ehr­li­chen Lau­ne und reißt in eig­ner Per­son das Hand­geld dem ar­men Sün­der und Höl­len-Re­kru­ten wie­der weg. So mach­te er es mit mir. Mit ei­nem­mal lag ne­ben dem ro­ten Sie­gel, hart an mei­nem Fin­ger ein dür­rer, des­sen To­ten­käl­te ich fühl­te. Wie ich auf­sah, stand ein ab­scheu­li­ches häß­li­ches Weib vor mir, buck­lig, mit grü­nen Au­gen und ver­zerr­ten Mie­nen. Die­se hob jetzt ih­re lan­gen dür­ren Ar­me dro­hend ge­gen mich auf und schrie: Was machst du da, mein Sohn? – Ich bin nicht Eu­er Sohn! rief ich in Schreck und Bos­heit, was wollt Ihr von mir?

Brief auf­bre­chen? schrie sie wie­der und faß­te mich an. Ich wehr­te mich und stemm­te mich ge­gen einen Baum. Nun ward es mir deut­lich, daß sie mir sel­ber den Brief weg­neh­men woll­te, und sie hat­te ihn schon in ih­rer klap­per­dür­ren Hand. Aber ich wehr­te sie ge­wal­tig ab, und so ris­sen wir uns hin und her, so daß der Brief da­bei zu Scha­den kam, ich fühl­te, wie er auf­ge­gan­gen war, und mit ei­nem­mal ra­schel­te das Blatt hin­un­ter in die al­ten Rui­nen der Klau­sen­burg hin­ein, denn über die­ser stan­den wir dicht und hart am Ab­grund in un­se­rer Bal­ge­rei. So wie ich mir noch das fre­che Weibs­bild recht aus­schel­ten will, ist sie auch schon auf und da­von. Ich kann nicht be­grei­fen, wo sie ge­blie­ben ist, so daß ich fast wie der ge­mei­ne Mann dar­an glau­ben möch­te, daß dort Ge­spens­ter um­gehn. Nun liegt der auf­ge­ris­se­ne Brief da drun­ten, wer weiß zwi­schen wel­chem Stein, Moos und Gras; mor­gen früh bei Ta­ge will ich nur gleich in das al­te Schloß und nach­su­chen. Fin­de ich ihn nicht, so muß ich al­les der Si­do­nie be­ken­nen, oder auch, wenn ich ihn so auf­ge­ris­sen wie­der an­tref­fe.

Aber, lie­ber Herr Wer­ner, Sie le­sen ihn dann nicht; nicht wahr?

Ge­wiß nicht, Hann­chen, sag­te der jun­ge Mann, Sie ha­ben ganz recht, und ich blei­be im­mer nur ein un­nüt­zer Bur­sche. – Nun will ich al­so da­hin­ten in der Wald­schenke über­nach­ten, da­mit ich mor­gen früh ge­nug auf den Bei­nen bin.

Man hör­te aus dem in­nern Zim­mer ei­ne Klin­gel. Mein Va­ter be­darf mei­ner Hil­fe, sag­te das Mäd­chen: der Him­mel ge­lei­te Sie, lie­ber Lud­wig.

Schla­fen Sie ge­sund, sag­te der Bur­sche: ich se­he wohl, daß Sie mir nie­mals gut wer­den kön­nen. Die letz­ten Worte sag­te er, in­dem er schon in der Tü­re war.

 

Nach­den­kend und von selt­sa­men Emp­fin­dun­gen be­wegt, war Theo­dor un­ten am Fu­ße des Schlos­ses an­ge­langt. In die­sem Zu­sam­men­hange hat­te er noch nie­mals die selt­sa­me Ge­schich­te sei­ner Vor­fah­ren und An­ver­wand­ten ge­kannt. Sei­ne Ju­gend ging noch ein­mal in sei­nem Ge­mü­te auf, und mit Trau­er und Ban­gen dach­te er an sei­ne Zu­kunft. Nun fiel ihm wie­der ein, wo­hin er ge­he und wes­halb, und die­se Auf­ga­be, wel­che ihm ei­ne ver­ehr­te Ge­lieb­te zu­ge­teilt hat­te, er­schi­en ihm lä­cher­lich und läp­pisch. Viel­leicht, sag­te er zu sich selbst, hat sie Men­schen dort­hin ge­sen­det, die mich er­schre­cken sol­len, denn ih­rem Leicht­sinn und Über­mu­te ist al­les mög­lich. Sie will mich wohl gar dem Spott ei­nes An­selm preis­ge­ben, je­nem Wi­der­wär­ti­gen, mit dem sie im­mer so vie­le Ge­heim­nis­se hat, selbst dann, wenn sie mir schmei­chelt und freund­lich ge­gen mich ist. Ich muß mich ge­gen al­les waff­nen.

Die Nacht war selt­sam wech­selnd. Bald hell, bald fins­ter: die Wol­ken jag­ten sich durch den Him­mel, san­ken bald in die schwar­zen Wäl­der an den ho­hen Berg­wän­den hin­ein, bald er­ho­ben sich von der an­dern Sei­te neue mäch­ti­ge Rauch­säu­len, um als Wol­ken em­por­zu­schwe­ben. Oft trieb der Re­gen, dann stürm­te der Wind, und nun trat wie­der ei­ne sanf­te, fei­er­li­che Stil­le ein. Soll­te dies ein Bild von mei­nem Le­ben sein? frag­te sich Theo­dor. Mein Wunsch war im­mer, recht ein­fach da­hin­zu­wan­deln, mir und we­ni­gen Ver­trau­ten ge­nü­gend, oh­ne Furcht und oh­ne aus­schwei­fen­de Hoff­nung, – aber frei­lich, dann hät­te ich nicht in den Zau­ber­kreis die­ser Si­do­nie ge­ra­ten müs­sen. Sie wird viel­leicht mein Le­ben glän­zend, aber auch stür­misch ma­chen.

In den Er­zäh­lun­gen die­ses Abends war er aber auch an je­nes Haus am Ei­ben­stei­ge ge­mahnt wor­den, in wel­chem er so vie­le glück­li­che Stun­den ver­lebt hat­te. Ihn quäl­te die Er­in­ne­rung an das ein­fa­che lie­bens­wür­di­ge Mäd­chen, und er konn­te mit sich nicht ei­nig wer­den, ob er ihr Un­recht ge­tan ha­be oder nicht. Aber schon die­ser Zwei­fel, sag­te er, be­weist dann, daß ich sie in ih­rem schö­nen Ver­trau­en ver­letzt ha­be.

Er war jetzt der Woh­nung Hann­chens na­he ge­kom­men. Der Him­mel hat­te sich wie­der ver­fins­tert. Er sah das Licht durch ih­re Fens­ter glän­zen. In die­ser Ein­sam­keit, die den fer­nen An­woh­nern des Ge­bir­ges, den Förs­tern, Jä­gers­män­nern und Berg­leu­ten so si­cher schi­en, ver­schloß man die Häu­ser nicht ängst­lich, und so hat­te auch Hann­chen die Lä­den vor den ho­hen brei­ten Fens­tern, die tief zum Fuß­steig nie­der­gin­gen, nicht vor­ge­scho­ben. So stell­te sich Theo­dor dicht an das Fens­ter und ver­wun­der­te sich dar­über, daß das Mäd­chen noch nicht zu Bett ge­gan­gen sei. Er sah in die wohl­be­kann­te Stu­be hin­ein, al­les drin war noch so, wie sonst, Ses­sel und Arm­stuhl, Tisch und Schrank stan­den noch an der­sel­ben Stel­le, und er sehn­te sich mit Rüh­rung und süßem Schmerz in die­sen be­hag­li­chen Raum hin­ein. Es stand nur ein Licht auf dem al­ten run­den Tisch von Ei­chen­holz, und die Schnup­pe war lang und fins­ter, denn Hann­chen saß am Ti­sche und ach­te­te, tief ver­sun­ken, nicht dar­auf, das Licht zu put­zen. Theo­dor er­götz­te sich an dem lieb­li­chen Bil­de, das wie ein schö­nes Ge­mäl­de von Schal­ken sich ihm zeig­te. Die gan­ze Stu­be war fins­ter, und nur ih­re Fi­gur und ein klei­ner Raum in ih­rer Nä­he mä­ßig er­leuch­tet. Sie hat­te sich schon zu Bett le­gen wol­len und war halb ent­klei­det, der schö­ne wei­ße Bu­sen zeig­te sich halb, und lan­ge vol­le Flachs­haa­re schweb­ten her­ab und ver­deck­ten Schul­ter und Hals auf der einen Sei­te: das fei­ne Händ­chen hielt, mit dem El­len­bo­gen auf den Tisch ge­stützt, den Kopf und die ge­krümm­ten Fin­ger hat­ten sich in das di­cke, nie­der­flie­ßen­de Haar ver­wi­ckelt. Sie las eif­rig ein Blatt und war so ver­tieft, daß sie dar­über die Fin­stre des nie­der­ge­brann­ten Lich­tes nicht be­merk­te. Noch nie war die Ge­stalt, das An­ge­sicht und der Aus­druck des Mäd­chens dem Jüng­ling so schön er­schie­nen, aber zu­gleich mit die­ser lie­ben­den Be­wun­de­rung emp­fand er ei­ne selt­sa­me Ei­fer­sucht, denn er hat­te von dem Wer­ben Lud­wig Wer­ners ge­hört und war über­zeugt, daß die­ses Blatt, in wel­chem das lie­be blaue Au­ge so ver­tieft war, ein zärt­li­cher Brief ih­res Ver­lob­ten war. In­dem warf ei­ne Sturm­wol­ke einen Re­gen­guß plötz­lich nie­der, und er klopf­te mit der Hand an die Schei­be. Sie er­schrak, und ihr ers­tes war, das teu­re Blatt tief in ih­rem Bu­sen zu ver­ber­gen, dann warf sie die schim­mern­den Haa­re durch ei­ne hef­ti­ge Be­we­gung des Kopf­es zu­rück, band schnell das Mie­der zu und eil­te an das Fens­ter. Las­sen Sie mich nur auf einen Au­gen­blick ein, rief der jun­ge Mann, bis die­ser Re­gen­guß vor­über ist, ich will Sie dann nicht län­ger be­un­ru­hi­gen. – Sie ver­schwand und öff­ne­te die Haus­tür. Als sie in das Zim­mer ge­tre­ten wa­ren, sag­te sie, die Hän­de im Er­stau­nen zu­sam­menschla­gend: Ei, lie­ber Gott! Graf Theo­dor wie­der ein­mal in un­se­rer Stu­be! Sie ging an den Tisch, um das Licht zu put­zen, und Theo­dor sah sich al­lent­hal­ben um, be­trach­te­te die Flin­ten an der Wand, die al­te Uhr und setz­te sich dann ge­dan­ken­voll an den Tisch. Er konn­te wohl be­mer­ken, wie auf­ge­regt Hann­chen war und in wel­cher Be­we­gung sie sich be­fand. Set­zen Sie sich zu mir, Sie herz­lichs­tes Kind, sag­te er zu ihr, so gut ist es mir lan­ge nicht ge­wor­den. Sie wuß­te nicht, was sie ant­wor­ten soll­te, und die­se kind­li­che Ver­le­gen­heit mach­te ih­re Er­schei­nung noch lieb­li­cher. Theo­dor rück­te ihr nä­her und faß­te ih­re Hand mit der sei­ni­gen. Sie zit­tern ja, Hann­chen, sag­te er dann. – Es ist kal­tes Re­gen­wet­ter, ant­wor­te­te sie und schon tief in der Nacht. – Ja­wohl, und Ih­nen graut wohl manch­mal hier in der Ein­sam­keit, fuhr er fort: ge­ben Sie mir das an­de­re lie­be Händ­chen auch. So hielt er kriegs­lis­tig die bei­den Hän­de des Mäd­chens in sei­ner star­ken lin­ken Hand, und in­dem sie ihn mit fra­gen­den Bli­cken an­sah, griff er nach dem Blat­te, das so schön ver­wahrt war, ent­fal­te­te es und las. – O Theo­dor! sag­te das schö­ne Kind wei­nend, das war sehr, sehr un­recht von Ih­nen. Sie ging weit von ihm weg und setz­te sich in den ferns­ten Win­kel, das Köpf­chen mit ih­ren Hän­den be­de­ckend. Aber wie ward ihm, als er jetzt eins sei­ner Ge­dich­te las, die er vor ei­nem Jahre im Früh­ling ein­mal dem un­schul­di­gen Mäd­chen in ei­ner trau­li­chen Stun­de ge­ge­ben hat­te. Er sah es wohl, wie oft das Blatt war ge­le­sen wor­den, ei­ni­ge Buch­sta­ben wa­ren halb ver­löscht, viel­leicht von Trä­nen, viel­leicht auch weg­ge­küßt, und er selbst ließ jetzt, von plötz­li­cher Rüh­rung ge­walt­sam er­grif­fen, ei­ne große Trä­ne auf das Blatt fal­len.

Er riß die Uhr her­aus und sah, daß er nun, sein wun­der­li­ches Ver­spre­chen zu er­fül­len, ei­len müs­se. Er sprang auf, ging zu Hann­chen, gab das Blatt ih­rer zit­tern­den Hand zu­rück und sag­te dann mit der zärt­lichs­ten Stim­me: Bit­te! bit­te! nicht bö­se. Sie stand auf und sah ihn mit wei­nen­dem Au­ge durch­drin­gend an. Er konn­te sich nicht be­zwin­gen und nahm sie in die Ar­me und drück­te einen herz­li­chen Kuß auf ih­re Lip­pen, dann, oh­ne ein Wort zu sa­gen, eil­te er hin­aus und rann­te auf dem Fuß­stei­ge fort, um zu rech­ter Zeit vor der al­ten Pfor­te der Klau­sen­burg an­zu­lan­gen.

In­dem er da­vor stand, hör­te er un­ten im tie­fen Ta­le die Glo­cke des Dor­fes zwölf schla­gen. Er zog ge­dan­ken­los an dem Ei­sen­drah­te, der wie ver­höh­nend aus al­ter Zeit an der moos­be­wach­se­nen Mau­er nie­der­hing. Aber er kam auf un­er­war­te­te Wei­se zum Be­wußt­sein, denn ein son­der­ba­rer Ton er­klang laut gel­lend im In­nern, das Ge­tön hall­te noch in die Fer­ne hin­ein, aus die­ser er­wach­te ei­ne zwei­te Glo­cke, und nach die­ser noch ent­fern­ter ei­ne drit­te, al­le so selt­sam geis­ter­haft, daß ihn ein Schau­er er­faß­te.

Jetzt öff­ne­te sich das Tor, er trat hin­ein: ein al­tes ge­bück­tes Müt­ter­chen stand mit ei­ner La­ter­ne da, er schritt in den Hof, und das Tor ward hin­ter ihm wie­der ver­schlos­sen.

 

– Theo­dor kam aber am fol­gen­den Ta­ge nicht auf das Schloß zu­rück. Es schi­en, als wol­le er al­le Ver­bin­dung mit sei­ner be­jahr­ten Ver­wand­ten, der freund­li­chen Ba­ro­nes­se, ganz auf­ge­ben, denn er ließ sich dort in meh­re­ren Wo­chen nicht er­bli­cken. Da­ge­gen fiel ganz un­er­war­tet ei­ne große Ver­än­de­rung mit Si­do­nie vor. Sie hat­te, wie man glaub­te, von Theo­dor schon am fol­gen­den Mor­gen ein großes Brief­pa­ket er­hal­ten. Sie er­brach es in Ge­gen­wart der üb­ri­gen Gäs­te und war schon nach dem ers­ten flüch­ti­gen An­blick der Blät­ter au­ßer al­ler Fas­sung. Dies muß­te um so mehr auf­fal­len, da sie sonst in al­len La­gen des Le­bens einen un­er­schüt­ter­li­chen Gleich­mut be­wie­sen hat­te. Sie war jetzt so er­schüt­tert, daß sie oh­ne al­len Vor­wand die Ge­sell­schaft ver­ließ und sich in ih­rem Zim­mer ver­schloß. Die Tan­te war so neu­gie­rig, wie sie noch nie ge­we­sen war, um zu wis­sen, was die­se au­ßer­or­dent­li­che Ver­än­de­rung der Nich­te ha­be ver­ur­sa­chen kön­nen. Blin­den war gleich­gül­tig und Blom­berg, wel­cher den Zu­sam­men­hang zu ah­nen schi­en, woll­te kei­ne Ver­mu­tung oder Mei­nung von sich ge­ben.

Si­do­nie hat­te in größ­ter Ei­le einen rei­ten­den Bo­ten ab­ge­sen­det, oh­ne zu sa­gen, wo­hin. Er muß­te aber, so sah man, zu An­selm ge­eilt sein, weil die­ser sich schon vor Ti­sche ein­stell­te und lan­ge mit Si­do­nie, ob­gleich das Wet­ter nicht an­ge­nehm war, im Gar­ten am Ab­hän­ge des Ber­ges in den leb­haf­tes­ten Ge­sprä­chen auf und nie­der wan­del­te und sich end­lich so­gar mit ihr in den al­ten Pa­vil­lon be­gab, der we­gen sei­ner Bau­fäl­lig­keit sonst nicht gern be­sucht wur­de. Nach zwei Ta­gen ver­ließ Si­do­nie in Be­glei­tung des Gra­fen Blin­den der noch ein­mal die Rol­le des Vor­mun­des über­neh­men muß­te, mit An­selm das Schloß, und kaum war ei­ne Wo­che ver­flos­sen, so mel­de­ten bei­de ih­re Ver­lo­bung und Ver­mäh­lung. Sie ver­lie­ßen aber die Land­schaft und kauf­ten sich in ei­ner weit ent­le­ge­nen Ge­gend an. Auch er­fuhr man, daß aus je­ner klei­nen Stadt, wel­che ab­seits im Ta­le lag, ei­ne al­te Frau ih­nen ge­folgt war, wel­che die Ver­pfle­ge­rin ei­nes klei­nen ein­jäh­ri­gen Kin­des ge­we­sen, des­sen Her­kunft nie­mand wuß­te.

So gab es in der Pro­vinz viel über je­ne so auf­fal­len­den Ver­än­de­run­gen zu re­den. Auch Graf Theo­dor gab Stoff zum Ver­wun­dern. Er hat­te je­ne ver­schwun­de­nen Do­ku­men­te auf­ge­fun­den, und ei­ne rei­che Erb­schaft war ihm zu­ge­fal­len. Beim re­gie­ren­den Fürs­ten galt er mehr als je, sein Ge­halt war ver­mehrt und ihm ein grö­ße­rer Wir­kungs­kreis an­ge­wie­sen wor­den. Mit dem Erb­prin­zen war er eben­falls in­ni­ger be­freun­det, und bei­de Fürs­ten lob­ten ihn, daß er sein Ver­hält­nis mit Si­do­nie so be­stimmt und schnell auf­ge­löst ha­be. Der al­te Herr war be­son­ders dar­über er­freut, daß die ver­däch­ti­ge Schö­ne das Land ganz ver­las­sen hat­te, weil es ihr schon ein­mal ge­lun­gen war, sei­nen Sohn durch ih­re Rei­ze zu fes­seln. Das Er­stau­nen der klei­nen Pro­vinz stieg noch hö­her, als Graf Theo­dor, nach­dem al­les be­sei­tigt war, sei­ne Ver­mäh­lung mit ei­nem ar­men und bür­ger­li­chen Mäd­chen er­klär­te, und Hann­chen, die Förs­ter­s­toch­ter, auch vom wohl­wol­len­den Re­gen­ten mit Gna­de auf­ge­nom­men wur­de.

Die­ses schö­ne lie­ben­de Ge­müt wur­de für ih­re Treue durch die höchs­te Glück­se­lig­keit über­rascht und über al­le ih­re Wün­sche und Träu­me durch die Wirk­lich­keit er­ho­ben. An je­nem Abend, als Theo­dor sei­ne ehe­ma­li­ge Ge­lieb­te noch so spät be­such­te, hat­te er ge­fühlt, wie­viel er vor­mals an die­sem rei­nen Her­zen, an die­sem kind­li­chen We­sen be­ses­sen hat­te.

Nach zwei Mo­na­ten kam Graf Theo­dor mit sei­ner jun­gen Ge­mah­lin wie­der auf das Schloß der al­ten Ba­ro­nin, um ei­ni­ge Wo­chen bei ihr in der schö­nen Ge­birgs­ge­gend zu woh­nen. Er fand nur den al­ten gut­mü­ti­gen Blom­berg bei ihr. Die al­te Ver­wand­te be­han­del­te das schö­ne lie­bens­wür­di­ge Hann­chen mit der zärt­lichs­ten Freund­lich­keit, und Blom­berg war über die Wen­dung ent­zückt, wel­che das Schick­sal sei­nes Freun­des Theo­dor ge­nom­men hat­te.

Da wir nun hier im ver­trau­ten Krei­se sit­zen, fing der Al­te an, da es wie­der Abend ge­wor­den ist und kein Be­dien­ter und noch we­ni­ger ein Be­such uns jetzt stö­ren wird, so könn­ten Sie, mein Freund, uns wohl mit­tei­len, was Ih­nen in je­ner Nacht, als Sie uns ver­lie­ßen, in der Klau­sen­burg be­geg­net ist, oder ob Ih­nen gar nichts zu­stieß, das der Re­de ver­lohn­te. Doch will mich be­dün­ken, als ha­be je­ne Nacht Ihr Le­ben ent­schie­den.

So ist es, sag­te Theo­dor, und da gut­mü­ti­ge Freun­de mir zu­hö­ren, so will ich auch er­zäh­len, was mir be­geg­net ist, doch ver­lan­ge ich selbst von Ih­nen nicht, daß Sie mir un­be­dingt glau­ben, und bit­te des­halb, daß mei­ne Mit­tei­lung nicht über Ih­re Lip­pen kom­men mö­ge.

In ei­ner son­der­ba­ren Stim­mung ver­ließ ich dies Haus, um die Pro­be zu be­ste­hen, die mir lä­cher­lich dünk­te. Si­do­nies Be­tra­gen hat­te mich ver­letzt, und ich konn­te mein In­ne­res nicht deut­lich er­grün­den, ob ich sie wirk­lich liebe. Als ich, von ei­nem Platz­re­gen über­rascht, zu Hann­chen ein­trat, er­wach­te mei­ne vor­ma­li­ge, ech­te Lie­be in ih­rer gan­zen Kraft, und ich wur­de völ­lig ver­wirrt. So kam ich an das ver­wüs­te­te Schloß und trat in der Mit­ter­nacht vor die Pfor­te. Schon als Kind hat­te ich zu­wei­len an je­nem Ei­sen­draht ge­zo­gen und so we­nig, wie and­re Neu­gie­ri­ge, ei­ne Wir­kung ver­spürt. Miß­mu­tig griff mei­ne Hand in den Ring, ich zog scharf – und ein lau­ter, wun­der­li­cher Ton er­klang, den ich nicht be­schrei­ben kann. Er wie­der­hol­te sich in der Fer­ne und dann wie­der in grö­ße­rer Wei­te, und das al­te ver­ros­te­te Tor tat sich auf. Ich trat hin­ein, es ver­schloß sich hin­ter mir, und ich war mit ei­nem al­ten blas­sen Müt­ter­chen al­lein, die mir mit ei­ner La­ter­ne in das Ge­sicht leuch­te­te, dann wink­te sie mir, ihr zu fol­gen. Und von jetzt an, wie soll ich den Zu­stand be­schrei­ben, wel­cher mich jetzt be­herrsch­te? Es war kei­ne Be­täu­bung, aber auch kein deut­li­ches Be­wußt­sein. Fast wie ein Tau­mel oder Rausch oder ei­ne An­nä­he­rung zum Schlum­mer. Und so folg­te ich der krum­men Al­ten. Der Hof war aber nicht der Hof; das Ge­sträuch, die Moos­wän­de, der Efeu und das wil­de Ge­strüpp zwi­schen dem um­her­lie­gen­den Ge­stein wa­ren ver­schwun­den, wir wan­del­ten durch al­te ho­he Zim­mer und Sä­le. In dem einen Zim­mer war ein Bett und auf dem Tisch ei­ne bren­nen­de Ker­ze. Die blas­se Al­te ver­ließ mich. Das dunkle Ge­mach war spar­sam er­hellt, und der Mond schi­en bleich durch das trü­be Fens­ter. In ei­ner Ni­sche des Zim­mers stand die Büs­te ei­nes al­ten Man­nes, wie aus Mar­mor ge­ar­bei­tet. In­dem ich mich so um­se­he, schrei­tet das auf mich zu, wel­ches ich für ein stei­ner­nes Brust­bild ge­hal­ten hat­te. Ich bin dein Vor­fahr Mo­ritz, sag­te die hoch­auf­ge­rich­te­te Ge­stalt, und mein Grau­en vor ihm war nur schwach und ver­schwand. Du sollst Frie­de und Ru­he ge­nie­ßen, und so wer­den wir al­le die Ru­he fin­den. So tön­te es dumpf, mir aber ver­ständ­lich, aus sei­nem krei­de­wei­ßen Mun­de. Er wink­te, und hin­ter dem Ses­sel wi­ckel­te sich ei­ne scheuß­li­che Ge­stalt her­vor, ganz so im An­sehn, wie uns je­ne Er­nes­ti­ne be­schrie­ben wur­de. Sie hat­te einen off­nen Brief in der Hand: Lies! krächz­te sie, und ich er­griff mit zit­tern­dem Un­ge­stüm das Blatt. – Öff­ne den Schrank! sag­te der Al­te. Sie tat es und nahm vie­le Pa­pie­re her­vor. – Ich nahm sie. Ver­söhnt! rie­fen bei­de, und zwei hol­de Ge­stal­ten, die der Al­te Franz und Eli­sa­beth nann­te, schweb­ten vor­über. – Rund um­her stan­den jetzt vie­le blei­che Er­schei­nun­gen, die Wän­de und Fens­ter zu ver­de­cken schie­nen. Al­les schwirr­te, flüs­ter­te, lis­pel­te mir wie Flü­gel­schlag, wie ein fei­nes Brau­sen und Säu­seln da­zwi­schen. So weit reicht mein Be­wußt­sein, mei­ne letz­te schwa­che Er­in­ne­rung war, daß ich mir ein­bil­de­te, ich sei auf das Bett ge­sun­ken.

Ein Frost er­weck­te mich. Es war kla­rer Mor­gen, und ich lag auf ei­nem Stein in der Rui­ne, der vom Re­gen und Mor­gen­tau naß war. Ich hät­te jetzt al­les für Traum er­klärt, wenn ich nicht je­ne lang ver­miß­ten Do­ku­men­te, die mir das Er­be zu­si­cher­ten, in Hän­den ge­hal­ten hät­te so­wie je­nen Brief, den mir die ver­zerr­te Ge­stalt auf den Be­fehl mei­nes Ahn­herrn über­ge­ben hat­te. Er war von Si­do­nie und ent­deck­te mir ein in­ni­ges Ver­hält­nis mit An­selm und wie man künf­tig mei­ne Schwach­heit und mei­nen Ein­fluß auf den jun­gen Fürs­ten hat­te miß­brau­chen wol­len. In­dem ich noch las, sann und staun­te, ar­bei­te­te sich der jun­ge Forst­mann Wer­ner durch die Klip­pen und Ge­sträu­che, um je­nen Brief zu su­chen, den ihm am Abend, wie er er­zähl­te, ein Ge­spenst ent­ris­sen hat­te.

Ich schick­te die­sen Bo­ten mit je­nem Schrei­ben und ei­nem Brie­fe von mei­ner Hand an Si­do­nie zu­rück. Ich ging zu Hann­chen, von dort in die Re­si­denz und al­les füg­te sich zu mei­nem Glück.

Jetzt wer­de ich je­ne al­te ver­wüs­te­te Klau­sen­burg wie­der auf­bau­en, die We­ge dort her­stel­len und mit der Frau, mei­nem al­ten Schwie­ger­va­ter, mei­nen zu­künf­ti­gen Kin­dern und so lie­ben Freun­den, wie Sie bei­de es mir sind, recht oft und lan­ge dort hau­sen und im Ge­nuß der Lie­be und Freund­schaft so glück­lich sein, wie es uns sterb­li­chen Men­schen nur ir­gend ver­gönnt ist.

So schloß Theo­dor sei­nen Be­richt, und al­les er­füll­te sich spä­ter­hin so, wie er es ge­wünscht und ge­sagt hat­te.