Die
Klausenburg
von
Ludwig Tieck
»Selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahnungen, so verwirrte Schatten durch unsere Fantasie jagen, daß wir ihr entfliehen und uns in das Getümmel der Welt hinein retten möchten …« So entsteht nach den Worten des Romantikers Ludwig Tieck (1773-1853) das Wunderbare in der Poesie, aus dem alle romantische Dichtung erwächst, »indem wir die ungeheure Leere, das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern«. Und so bemächtigt sich dieser abgründigen Märchenwelt auch das Grausige und Schreckliche, das Seltsame, Groteske und Dämonische. Märchen wie ›Der blonde Eckbert‹ und der ›Runenberg‹ (1802) haben nichts mehr mit der Naivität des Volksmärchens gemeinsam und führen bereits in das entfremdete Grauen zwischen Traum und Wahnsinn. Das Sammelwerk ›Phantasus‹ (1812-1816) leitete in Tiecks realistische Spätzeit über, in der die Novellenform vorherrscht. Seine zahlreichen späten Novellen vermitteln eine sich im Gesprächsstil entwickelnde realistische Weltsicht, die dennoch nicht Tiecks ins Bizarre und Gespenstische abschweifende Fantasie gänzlich verleugnen kann. Eine echte ›Gespenster-Geschichte‹ ist ›Die Klausenburg‹ aus dem Jahre 1837.
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Es war fast Mitternacht. Sie wird heut nicht mehr kommen, sagte der junge Graf, das Schloß liegt ihr zu fern, das Wetter ist ungewiß, die Wege sind nicht die besten.
Und, rief der junge Anselm, was wetten wir, daß sie dennoch erscheint, trotz allen Ihren Befürchtungen? denn sie reist gern in der Nacht, sie hat es versprochen und setzt alles an ihr Wort.
Wetten? antwortete Graf Theodor, ich bin kein Freund davon, aber ich wünsche, daß Ihre Vorhersagung, Baron, die Sie so dreist aussprechen, in Erfüllung geht; denn wir gewinnen alle, wenn Sie recht behalten.
Und tritt der Fall nicht immer ein? rief der hochmütige Anselm mit schnödem Tone.
Wenn Sie Ihrer Sache so überaus gewiß sind, rief Theodor ihm entgegen, so tun Sie wenigstens unrecht, Wetten anzubieten.
Anselm sagte: wenn Sie es scheuen, Geld zu wagen, so ließe sich ja auch die Frage anders stellen.
Thedor stand auf, als wenn er dem Redenden näher treten wollte, die Wirtin des Hauses aber, welche diesen Ungestüm der beiden jungen hochfahrenden Männer fürchtete, begütigte sie beide, indem sie das Gespräch auf andere Gegenstände richtete. Sie forderte einen ältlichen, kleinen Mann auf, in der Geschichte, welche zufällig war unterbrochen worden, fortzufahren, doch dieser sagte mit einer schlauen Miene: Verehrte Baronin, es möchte in diesem Augenblicke zu spät sein, denn vom Tale herauf höre ich schon ein Posthorn klingen, und jetzt möchte ich auch darauf wetten, daß in weniger als einer Viertelstunde die schöne Sidonie hier im Saale stehen wird.
Sie hören? sagte Theodor; ich vernehme nichts, und es ist nur eine Einbildung von Ihnen.
Herr Oberforstmeister, rief der kleine Mann, allen Respekt vor Ihren Talenten und den Gaben aller hier Anwesenden, was aber Ohren betrifft, so meine ich, daß keiner der Verehrten hier sich in Feinheit noch Größe derselben mit den meinigen wird messen können: und darum höre ich so richtig in die Ferne hinein.
Alle lachten, denn sie kannten die Art und Weise des Alten, dessen Scherz darin bestand, sich immer selber preiszugeben, und Blößen und Fehler an sich zu ersinnen, die jeder andere, auch wenn er an ihnen litt, geflissentlich ableugnete. Ein solcher Gesellschafter ist immer beliebt, weil er keiner Eitelkeit in den Weg tritt, und sich geschmeichelt fühlt, wenn man über ihn lacht. Der alte Freiherr Blomberg hatte aber recht, denn so wie der Reisewagen langsam den steilen Berg hinanfuhr, hörten alle das mahnende Posthorn, bald schwächer, bald deutlicher, je nachdem der Weg sich krümmte, oder der Wind die Töne über den Wald hin verwehte. Die Wirtin schellte, und die Bedienten eilten hinaus, um den edlen, wohlbekannten Gast zu empfangen.
Wer wettet jetzt mit mir, rief der alte Blomberg laut, daß Fräulein Sidonie ankommt?
Indem alle mit Heiterkeit dem Alten Beifall zunickten, stand Anselm hastig auf und rief: so wett’ ich denn hundert Dukaten, daß sie in dieser Viertelstunde noch nicht kommt!
So! rief Blomberg und hielt die Hand hin, in welche Anselm einschlug. Indem sich alle noch verwundert und die beiden törichten Menschen fast mit höhnischen Blicken anschauten, rissen die Diener die Türen auf, und eine große, mit vielen Kleidern und Tüchern verhüllte Gestalt folgte ihnen langsam und laut fluchend. Da alle fast erschraken, nahm der Fremde Reisemütze, Kopftuch und Mantel ab, und ein altes, blasses Gesicht kam zum Vorschein, welches allen, im ersten Augenblick, ganz unbekannt schien. Er sah sich etwas scheu im Saale um und rief dann: Nun? mir ist, als wenn ich hier ganz unerwartet käme! Kein Mensch will mir willkommen! sagen? Und meine Nichte Sidonie ist auch noch nicht hier?
Ei, Graf Blinden! rief die Wirtin jetzt aus, und eilte auf ihn zu: wie kommen Sie zu uns? wir hatten Sie nicht erwartet. Und freilich haben Sie sich in den fünf Jahren verändert, in welchen ich Sie nicht gesehen habe.
Das läßt sich denken, sagte der Alte und nahm in einem Sessel behaglich Platz, indes sich die übrige Gesellschaft um ihn her stellte. Ich bin eben erst von einer sehr schweren Krankheit genesen, ich reise in das Bad, und wollte mich bei Ihnen, Cousine, ein paar Tage ausruhen. Und ganz ähnlich sieht das meiner Sidonie, daß sie mich nicht gemeldet hat, wie ich ihr doch auftrug, denn sie weiß es schon seit einer Woche, daß ich herkommen will.
Für den alten, von der Reise erschöpften Mann wurde sogleich Glühwein zubereitet, und der alte Blomberg hatte dessen kein Hehl, wie verdrießlich er darüber sei, daß er so gegen alle Wahrscheinlichkeit sein Geld verloren hatte. Der schon übermütige Anselm triumphierte jetzt um so mehr, und als der Angekommene die sonderbare Sache vernahm, neckte er den kleinen Mann mit seiner verlorenen Wette so sehr, daß Blomberg endlich ausrief: Nun will ich aber beschwören, daß unsere eigensinnige Sidonie heute gar nicht mehr anlangt! Sie setzt etwas darein, alles immer anders zu tun, als die übrigen Menschen, oder als man es erwarten darf.
Das weiß der Himmel, sagte Blinden, indem er sich am heißen Weine erquickte; das hat keiner so sehr empfunden als ich, so lang ich ihr Vormund war. Sie hat ein wahres Studium daraus gemacht, denen Menschen, welche sie ihre Freunde nennt, das Leben sauer zu machen. Gnade Gott dem Ärmsten, der sich einmal zu ihrem Liebhaber aufwerfen möchte, oder noch schlimmer, wen sie einmal zu lieben vorgeben sollte. Lieber Galeerensklave sein.
Aller Blicke wendeten sich in scharfer Beobachtung zugleich auf den jungen Grafen Theodor, und Anselm, der keine Gelegenheit vermied, seinen Übermut zu zeigen, lachte laut. Theodor, der schon gereizt war, ging auf den lachenden jungen Mann mit drohendem Auge zu, indem er überlaut fragte: Darf man wissen oder erfahren, was Sie zu diesem übermäßigen Gelächter bewegt?
Nichts anders, erwiderte Anselm ganz trocken, als die Betrachtung, daß es doch immer wieder die Liebe ist, die alles verwirrt und in Bewegung setzt. So dachte ich denn eben, wie hübsch sich die, so oft nur allzu langweilige politische Geschichte ausnehmen müsse, wenn man sie einmal von dieser Seite darstellte, und alle jene unsichtbaren Fäden sichtbar machte, die der sogenannte Amor knüpft und löst, häufig die ernstesten Minister und Herrscher an der Nase führt oder gängelt, und, wie oft, hinter der Maske spielt, die der betrogenen Welt ein ganz ehrbares Gesicht entgegen richtet.
Das ist ja schon genug geschehen, sagte der alte Blomberg, was Sie da wünschen. Sie sind nur, junger Herr, in Memoiren und Klatschgeschichten zu wenig belesen. Was will man nicht alles von Franz dem Ersten, dem Dritten und Vierten Heinrich, den Medicäern, Ludwig dem Vierzehnten, von einigen spanischen Tyrannen und dem englischen Carl und Jakob dem Zweiten wissen. Wie vieles auch wahr ist, so haben doch manche Zungen, die nur lästern mögen, gerade dadurch die Sachen entstellt, daß sie bloß die Ausschweifung als Motiv und Verknüpfung aller Begebenheit erzählten.
Sehr wahr! rief der alte Blinden: und wenn wir alle hier, die Besten im Saale nicht ausgenommen, Regenten wären, wie viele Lügen würde man von uns erzählen, da wir schon in unserm Privatstande der Verleumdung nicht entgehen können. Erinnern Sie sich, lieber Blomberg, was Ihre Neider in Ihrer Jugend sich hinterrücks zuraunten, was man über mich lästerte, ja unsere ehrwürdige Wirtin wurde nicht verschont, und es gibt ja böse Menschen genug, zu denen ich selbst in manchen Stunden gehöre, die Sidonchen ebenfalls scharf hernehmen.
Da die Baronin sah, daß Theodor schon wieder auffahren wollte, suchte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, indem sie sagte: Aber Graf Blomberg könnte uns doch die Geschichte zu Ende erzählen, die grade beim interessantesten Punkte abgebrochen wurde.
Graf Blinden, welcher nicht ermüdet schien, fragte nach der Geschichte und Blomberg sagte: Lieber Freund, es ist eine Art von Gespensterhistörchen, eine der Erzählungen, in welchen die guten redlichen Geister eben so verleumdet und verklatscht werden, wie regierende Häupter oder angesehene Menschen. So, daß es scheint, es gibt nirgendwo Ruhe und Sicherheit vor dieser allgemeinen Verlästerung.
Wenn es die Geister von namhaften Leuten sind, antwortete Blinden, so ist es leicht jenen Abgestorbenen verdrießlich, sind es aber nur allgemeine anonyme Gespenster, so hat es gar nichts zu bedeuten. Und am Ende, was ist das Schlimmste, was man ihnen nachsagen kann? Daß sie umgehn, keine Ruhe im Grabe finden, noch etwas des Hiesigen an Neid, Bosheit, Geiz, oder so was mit hinüber genommen haben, und sich nun so lange schütteln müssen, bis alle diese Schlacken von ihnen abfallen. Was ist daran nun Besonderes?
Ei! Ei! erwiderte Blomberg, boshaft lachend, – hätten Sie nur, teurer Mann, noch Ihre ehemalige Korpulenz und jene Frömmigkeit, mit welcher ich Sie vor zwanzig Jahren gekannt habe, und Sie säßen meditierend in Ihrem Lehnsessel, und plötzlich – plötzlich –
Nun, rief Blinden – machen Sie mir nicht bange – ich bin noch nervenschwach von meiner Krankheit her. –
Und plötzlich hätten Sie furchtbare Krämpfe, und fluchten und lästerten ganz gegen Ihre gewohnte Weise, und zweifelten an Gott und Mensch und Schicksal, und betrügen sich in allen Ihren Manieren wie der ausgemachteste Atheist, und wären, mit einem Worte es zu sagen, plötzlich ein ganz gottloser Kerl geworden –
Ach! rief Blinden, – das sind so von Ihren Albernheiten! Ich müßte ja von zwanzig Teufeln besessen sein.
Jawohl, sagte Blomberg ganz gelassen, so glaubte man sonst in der altfränkischen Art unserer Vorfahren, aber durch die neueren und sicheren Entdeckungen des tierischen Magnetismus –
Ich will nichts von solchen Brutalitäten wissen, sagte Blinden.
Hilft nichts, fuhr Blomberg fort, wir mögen uns sträuben, soviel wir wollen, so nimmt uns doch oft, ohne uns zu fragen, diese geistige Viehheit, oder verviehte Geistheit mit. Und in diesem Zustande, in welchem wir durch Bretter, Mauern und Türme, so wie in Vergangenheit und Zukunft hineinsehen können, sind wir doch so schwach, daß Verstorbene, die sich schon seit zwei-, dreihundert Jahren jenseits mit ihren Zweifeln und Gottlosigkeiten quälen, in uns, ohne nur anzufragen, hineinsteigen mögen, um in unserm Wesen ihr Sündenleben weiter zu führen, und sich allgemach dann von unserem Geiste und unserer frommen Überzeugung bekehren zu lassen. Dies, Freunde, ist eine der interessantesten und auch wichtigsten Entdeckungen der neuern Tage. Es ist eine neumodische Anwendung des vormaligen Einquartierungs-Systems, und es ist nicht zu berechnen, wieviel ein solcher Gast, oder mehrere seines Gelichters von meinen guten und redlichen Eigenschaften, den unentbehrlichsten Überzeugungen und den edelsten Gesinnungen mir wegzehren, wenn sie einmal meine Hospitalität so gewaltsam in Anspruch genommen haben.
Und diese Tollheit, fragte Blinden, wäre authentisch verifiziert?
Sogar philosophisch argumentiert, antwortete jener, und verklausuliert. Dagegen können nun Zweifelsucht und Philisterei nicht mehr aufkommen. In den Annalen der Menschheit macht diese Entdeckung eine Epoche, und es bleibt nur zu überlegen, welche Maßregeln man gegen dergleichen Überrumpelung treffen könne. Die Philosophie wird nun zunächst entdecken müssen, wie wir auf psychologischem Wege und in körperlicher Rücksicht durch Diät unsern Geist und Leib in eine Festung verwandeln mögen, um uns vor derlei Überfällen sicher zu stellen. Denn es ist ja begreiflich, bei den Tausenden von vagierenden und vacierenden Seelen ehemaliger arger Sünder, welchen Appetit diese bekommen, wenn sie so stille, fette, fromme und in sich behagliche Menschen-Kreaturen sehen, sich in diese hineinzustürzen, um sie zu Bosheiten anzutreiben, oder sich gleichsam in deren religiösen Gefühlen und edlen Stimmungen zu baden und abzukühlen. So werden wir nach der Reihe Kerker und Zuchthaus, wo dieses verbrecherische Gesindel seine Strafzeit absitzt, und welches gebessert und zum ewigen Leben reif aus uns wieder hinausstürzt. Und wir haben das Nachsehn.
Es schien, als wenn Graf Blinden um eine Antwort verlegen wäre, und Theodor, welcher nur halb auf die Reden Blombergs hingehört hatte, erinnerte diesen, seine Geschichte zu beschließen, deren Ende die Baronin, die Wirtin des Hauses, auch mit Neugier erwartete. – Blinden fragte, wovon die Rede sei, und Theodor nahm das Wort: Ich will Ihnen kürzlich das wiederholen, was uns Freund Blomberg vorgetragen hat, damit Sie wenigstens den Zusammenhang begreifen.
Es werden jetzt ungefähr fünfzig Jahr sein, daß eine reiche Familie hier oben im Gebirge wohnte. Es ist nicht weit von hier, wo man noch die Trümmer des ehemaligen Schlosses sieht, welches vom Gewitter und Feuer zerstört, im Kriege ganz verwüstet wurde, und jetzt nur noch zuweilen von Jägern oder verirrten Wanderern besucht wird. Die Leute der Gegend nennen die Ruine die Klausenburg. Geht man den einsamen Fußsteig hinan, durch den Fichtenwald, und klettert dann die weglose Klippe hinauf, so steht man vor einem alten, fest verschlossenen Tore, dessen Mauern der lebendige Felsen bildet. Außen am Tore ist von Eisen eine Stange mit einem Griffe, als wenn diese eherne Linie mit einer Glocke hinter dem Tore zusammenhinge. Als ich einmal auf der Jagd dorthin gekommen war, zog ich an dieser Eisenstange, aber kein Laut ließ sich von innen auf diese Mahnung vernehmen. Da niemand, als nur mit Beschwer, zu dieser einsamen Stelle gelangen kann, und es von der andern Seite wegen der Abgründe und schroffen Klippen fast unmöglich ist, hinüberzuklettern, so sind im Munde des gemeinen Mannes viele Sagen und Märchen von dieser seltsamen Klausenburg, deren Überreste wirklich einen gespenstischen Anblick darbieten.
Nun lebte vor länger als hundert Jahren, so erzählt man sich nämlich, ein sehr reicher Mann dort, der wohltätig, fleißig und daher von Freunden und Untertanen sehr geliebt war. Er hatte sich schon früh aus dem Staatsdienste zurückgezogen, um ganz der Bewirtschaftung seiner Güter leben zu können, deren er verschiedene im Gebirge hier besaß, samt Bergwerken, Glashütten und Eisenschmelzereien, die er aus seinen großen Forsten mit Vorteil bearbeiten konnte. War dieser Mann von seinen Untergebenen geliebt, so wurde er auch von vielen seines Standes gehaßt und beneidet, von denen die Klügeren ihm zürnten, weil er sie vermied, und sie wohl einsahen, daß er sie ihres Unfleißes wegen nur gering schätze: die Einfältigen glaubten aber, und erklärten es unverhohlen, Graf Moritz habe ein Bündnis mit dem Satan geschlossen, und deshalb gelinge ihm alles so über Erwarten.
So albern dies Geschwätz war, so tat es dem fleißigen Manne doch in jener frühen Zeit Schaden: denn die Jahre lagen noch nicht so gar fern, als man wegen Hexerei und Pakt mit dem Bösen Männer und Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Der Graf also zog sich mißmutig immer mehr in sich und die einsame Klausenburg zurück, und ihm war nur wohl, wenn er sich von Geschäften mit verständigen Bergleuten, Maschinenmeistern oder Gelehrten unterhalten konnte. Da er es wußte, mit welchem Mißtrauen ihn die alten Priester betrachteten, die seinen Kirchspielen vorstanden, so zeigte er sich auch nur selten in der Kirche, was aber auch nichts dazu beitrug, seinen Ruf in der Umgegend zu verbessern.
Es fügte sich, daß eine Horde von Zigeunern, die damals noch ziemlich ungestört in Deutschland umherschwärmten, in diese Gegend geriet. Die Fürsten des Landes und die Regierung waren unschlüssig und saumselig, dem Unfug zu steuern, mehrere Grenzen vereinigten sich in der Nähe, und so geschah es, daß dieses Volk ungestraft, selbst unbewacht sein Unwesen treiben konnte. Wo sie nichts geschenkt erhielten, raubten sie; wo man sich ihnen widersetzen wollte, brannten in der Nacht Scheunen ab, und so gingen, da das Feuer um sich griff, zwei Dörfer zugrunde. Da vereinigte sich Moritz mit einigen seiner Nachbarn, welche Entschlossenheit zeigten, und mit diesen verfolgte und strafte er das Gesindel aus eigner Machtvollkommenheit. Gefängnisstrafe, Geißelung, Hunger und Schläge wurden angewendet, ohne die Gerichte weiter zu bemühen, und nur einige der überwiesenen Mordbrenner schickte er nach der Stadt, damit sie dort nach dem Zeugenverhöre, und ihres Verbrechens überwiesen, am Leben gestraft werden möchten.
Der Graf hielt sich für den Wohltäter des Landes. Wie gekränkt mußte er sich also fühlen, als seine Neider und Verleumder gerade diese Umstände benutzten, ihn der schwärzesten Verbrechen, der abscheulichsten Unbilden zu beschuldigen. Diesem Undank wußte er nichts als einen stillen Zorn und eine vielleicht zu großmütige Verachtung entgegenzusetzen. Denn, wenn der edle Mann immer schweigt, so gewinnt bei Einfältigen und Charakterlosen Verleumdung und Lüge um so mehr Glauben. Konnte er sein Herz nicht zwingen, seinen Gegnern durch Gespräch, Erzählung, Auseinandersetzung der Umstände in den Weg zu treten, so fühlte er sich ganz entwaffnet, als er entdeckte, wie sehr er in seiner eignen Familie und von dem Wesen, was ihm am nächsten stand, verkannt wurde. Er hatte spät erst sich vermählt, und die Gattin lag jetzt krank, weil sie ihm vor einigen Tagen einen Sohn geboren hatte. Mit der leidenden Frau konnte er nicht streiten oder ihr heftig antworten, als sie ihm wegen seiner Grausamkeit Vorwürfe machte, die er gegen schuldlose arme Menschen ausübe, die wohl sein Mitleiden, aber keine unmenschliche Verfolgung verdienten. Als ihm im Vorzimmer einige Basen dasselbe, nur in gemeineren Ausdrücken sagten, mochte er seinen lange verhaltenen Grimm nicht länger zurückhalten, seine zornig scheltenden Antworten, seine Flüche waren so heftig, die Gebärden des gereizten Mannes so übermenschlich, daß die alten schwatzenden Weiber alle Fassung verloren und einer Ohnmacht nahe waren. Er ließ sie, damit die kranke Gattin nicht alles von ihnen sogleich wieder erführe, mit Gewalt auf ein andres Gut bringen und ritt dann in das tiefe Gebirge hinein, teils um sich am Anblicke der erhabenen Natur zu zerstreuen und zu stärken, teils um sich wieder zu seinem Streifzuge zu begeben und als Anführer gegen die Bande der Zigeuner zu ziehen. Wie erstaunte er aber, als er vom Oberförster erfuhr, daß jene Edelleute, die sich mit ihm diesem Kriege gegen die Landstreicher unterzogen hatten, alle ohne weitere Anzeigen entwichen und auf ihre Schlösser zurückgekehrt seien.
Er ließ sich nicht irren, und es gelang ihm, wieder einige der Bösewichter zu fangen, die sich grober Missetaten schuldig gemacht hatten. Er befahl, sie gefesselt in einen sichern Kerker zu werfen. Als er, da er alle Leute entfernt hatte, einsam und gedankenvoll nach der Klausenburg zurückritt, empfing ihn am Tore des Schlosses sein alter Kastellan und übergab ihm ein großes Schreiben, welches aus der Stadt und von der Regierung eingelaufen war. Mit ahndendem Verdruß öffnete er das Paket, war aber doch von dem Inhalte desselben überrascht, so daß sich sein Zorn bis zur Wut, ja fast bis zur Raserei steigerte. Die Briefe enthielten nichts weniger als eine peinliche Anklage auf Mord und Hochverrat, indem der Graf sich durch Willkür und Anführung einer bewaffneten Schar, der Regierung als Rebell gegenübergestellt habe. Fast bewußtlos ließ er diese unsinnigen Briefe fallen, sammelte sich dann mit Gewalt und ging nach seinem Zimmer, um nach einiger Zeit diese Anklage ruhiger zu überlesen und zu bedenken, wie er sich ihr entgegenstellen solle. Indem er vor dem Schlafzimmer seiner Gemahlin vorbeiging, hörte er drinnen reden und ihm unbekannte Stimmen. Hastig öffnete er die Tür, und was er jetzt erblickte, darauf war er freilich nicht vorbereitet. Zwei schmutzige, in Lumpen gekleidete alte Zigeunerinnen saßen an dem Bett der Kranken, und prophezeiten dieser ihr Schicksal, indem sie widerlich ihre häßlichen Gesichter verzerrten. Mit Recht entsetzte sich die Wöchnerin, als sie ihren Gemahl eintreten sah, denn was er jetzt tat, war unmenschlich. Wut ergriff ihn, und er wußte nicht, was er tat. Bei den greisen langen Haaren faßte er die Prophetinnen, riß sie zur Tür und warf sie die hohe steile Treppe hinab. Seine Leute liefen zusammen. Diesen befahl er, sie unten an der steinernen Säule festzubinden, ihnen den Rücken zu entblößen und sie so lange und so heftig mit Peitschen zu züchtigen, bis den Dienern seiner Grausamkeit die Kräfte entwichen. So geschah es. Er hatte sich in sein Zimmer eingeschlossen, und als er zu sich kam, erstarrte er selbst über sich, zu welcher Unmenschlichkeit er sich habe hinreißen lassen. Durch ein lautes Pochen an der Tür wurde er aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Er öffnete, und mit allen Zeichen der Angst trat ein Diener herein, welcher sagte: O mein gnädiger Graf, ich fürchtete, Sie seien krank, wohl gar tot, denn ich klopfe schon lange, und Sie müssen mich nicht gehört haben. – Was willst du? – Die älteste, antwortete der Diener, von den garstigen Hexen will Sie durchaus auf eine Minute sprechen, bevor sie das Schloß verläßt. Sie läßt sich durchaus nicht abweisen, und die härtesten Drohungen und Flüche fruchten bei dem alten Weibe nichts. – So ließ der Graf denn die Gemißhandelte in sein Zimmer heraufsteigen. Der Anblick der Armen war zum Entsetzen: der Graf selbst schauderte zurück. Ganz mit Blut beronnen, Gesicht und Arme zerschlagen, eine tiefe Wunde am Kopfe, die man noch nicht verbunden hatte: so trat sie vor ihn. Ich danke dir, so fing sie an zu sprechen, mein gütiger Bruder, für deine christliche Freundlichkeit, die ich in deinem Schlosse genossen habe. Ja wohl bist du ein tugendhafter Mann, ein Verfolger des Lasters, ein unparteiischer Richter und Bestrafer der Untaten. Nicht wahr, ein Racheengel im Dienst deines Gottes? Ist es dir denn bekannt, weichherziger Mensch, weshalb wir am Bette deines Weibes saßen? Ja, wir hatten ihr gewahrsagt, aber eigentlich wollten wir dich sprechen, und du warst nicht in deinem gastlichen Hause. Wir hatten den Wunsch, uns von der Bande zu trennen, und ein bescheidenes ehrliches Unterkommen zu suchen. Wir kennen den Schlupfwinkel, wo sich der Haupt-Anführer versteckt hält, jener so weit berüchtigte Mordbrenner, den du so lange vergeblich gesucht hast: den wollten wir dir verraten. Aber du bist ärger, als der Verruchteste in unserer Bande, und da du uns so viele Liebe heute bewiesen hast, so wird auch dafür der Fluch auf dich und deine Familie fallen, und auf deine Nachkommen bis in das dritte und vierte Glied hinab! –
Der Graf, der schon längst seinen Jähzorn und seine Übereilung bereute, wollte die furchtbare Alte besänftigen, er sprach ihr gütlich zu und reichte ihr, um sie zu versöhnen, seine Börse, die mit Gold angefüllt war. Einen giftigen Blick tat die Alte wie gierig auf das Gold, und warf dann mit den Zähnen knirschend den Beutel dem Grafen vor die Füße. Der Mammon da, schrie sie, hätte mich und meine arme Schwester glücklich gemacht, aber jetzt nach dem Mittagsmahle, das du uns gegeben hast, will ich lieber die Rinde der Bäume nagen, als von deiner vermaledeiten Hand diesen Reichtum nehmen. – So fuhr sie fort und war sinnreich und erfinderisch in Flüchen, die sie aussprach, und in Qualen und Unglücksfällen, die sie ihm und seinem Hause verkündigte. Als sie geendigt hatte, ging sie wankend die steinerne Treppe wieder hinunter, und alles Gesinde floh vor ihr wie vor einem Gespenst.
Von diesem Augenblicke war der Graf ein verwandelter Mann. Seine Kraft war gebrochen. Er lebte seitdem wie ein Träumender, der keinen Willen hat oder einen Entschluß fassen kann. Seine Umgebung konnte nicht erfahren, ob es ihn tief erschütterte, als seine Gemahlin in der Mitternacht nach diesem verhängnisvollen Tage starb. Selten hörte man ihn von jetzt an sprechen oder einen Laut, selbst Seufzer oder Klagen ausstoßen. Er kümmerte sich um nichts mehr, und es schien ihm gleichgültig, als die Regierung sein größtes Gut einzog, um ihn als Rebellen und Übeltäter zu bestrafen. In dieser Stimmung seines Gemütes gab er sich ganz in die Hände jener Priester, die er vorher so auffallend vermieden hatte; er besuchte die Kirche fleißig und betete mit Inbrunst. Er sah sich nicht um, wenn die andern hinter ihm herriefen: Da kriecht der alte Bösewicht, der Landesverräter, der Mörder und Rebell wieder in das Gotteshaus hinein! So benutzten denn einige Verwandte seinen Blödsinn, um ihm in einem Prozeß ein zweites großes Gut zu entreißen, und es hatte fast den Anschein, als wenn seinem einzigen Erben, einem schönen Knaben, nichts von den großen Besitzungen seiner Vorfahren übrigbleiben würde, wenn sich nicht ein verständiger Vormund des Kindes mit aller Kraft angenommen hätte.
Soweit, beschloß Theodor seinen Bericht, hat uns Freund Blomberg vorher die Geschichte vorgetragen, als er von Gesprächen, und später durch Ihre Ankunft, Graf Blinden, unterbrochen wurde.
Man hatte unterdessen Erfrischungen umhergegeben, und der Alte sagte: Wollen wir die Fortsetzung nicht doch auf morgen versparen? Die Wirtin stimmte am lautesten diesem Vorschlage bei, indem sie ausrief: Mir ist es lieber, denn da noch die Rede von Gespenstern sein soll, so brauche ich mich wenigstens heut nicht mehr zu fürchten.
Man trennte sich, und Theodor und Anselm bestiegen ihre Pferde, um noch in der Nacht in verschiedenen Richtungen nach ihrer Heimat zu kehren.
Am folgenden Tage war die schöne Sidonie wirklich angelangt. So wie ihr Charakter sich immer zeigte, blieb sie sich auch hier getreu, denn sie sagte ihren älteren Verwandten keine Entschuldigung darüber, weshalb sie nicht früher erschienen sei; man nahm nur aus ihren Erzählungen ab, daß Launen und Eigensinn sie unterwegs länger aufgehalten hatten. Diese zufälligen Mitteilungen mußten der ehemalige Vormund sowie die Tante für Rechtfertigung ihres Betragens gelten lassen.
Es ist eine ausgemachte Sache, fing der Freiherr Blomberg nach Tische an, daß wir auf Reisen eigentlich niemals wissen können, wohin wir geraten werden. Es sind nicht immer die Pferde allein, welche keine Vernunft annehmen, sondern Postillone, ja Postmeister sind zuweilen noch schlimmer, des Wetters, der verdorbenen Wege und zerbrochenen Räder gar nicht einmal zu gedenken. Und wie es Unglück gibt, so oft auch im Elend selbst ein unbegreifliches Glück. Es ist noch nicht so lange her, daß ein Vetter von mir mit seiner jungen Frau und einem kleinen Kinde drüben auf meinem kleinen Gute ankam, und der Wagen fiel im Hofe sogleich um, indem sie absteigen wollten. Aber kein Wunder, denn er hatte nur drei Räder. Wir erstaunten nur, daß die Reisenden nicht früher umgeworfen hatten, und noch unbegreiflicher wurde die Sache, als die Diener im Walde, eine Viertelmeile hinein, das fehlende Rad an einem Baume ganz nachlässig angelehnt fanden. So hatte sich also der Wagen, ohne daß irgendwer den Mangel bemerkte, von selbst im Gleichgewichte gehalten, und die Freunde waren unbeschädigt angelangt. Und doch dürfte keiner deshalb ein viertes Rad am Wagen für so überflüssig halten, wie jenes berüchtigte fünfte. In meiner Jugend war ich einmal gezwungen, in den kürzesten Wintertagen eine ziemlich weite Reise beim abscheulichsten Wetter zu machen. Einen eigenen Wagen besaß ich nicht, und so mußte ich mich mit jenen Fuhrwerken behelfen, die mir die Postmeister gaben, und die oft nichts weniger als bequem waren und ein seltsames Aussehen hatten. Solange ich in der wohlhabenden menschenvollen Gegend reiste, war es noch erträglich. Aber nun geriet ich in Heidegegenden, wo Dörfer und Städte fehlten und Mangel vollauf war. Mit der zunehmenden Kälte verwandelte sich nun der Regen in Schnee, welcher in Ungeheuern Massen aus den Wolken niederfiel, und Wege, Gesträuche, Gräben und alle Kennzeichen, an denen man sich orientieren konnte, verdeckte. Weil es in diesem Landstriche keine Chausseen und große Heerstraßen gab, war das Fortkommen mit tausend Schwierigkeiten verknüpft und Geduld war das notwendigste Talent, um weiterzugelangen und auszuhalten.
Hübsch und behaglich wohnte es sich in der Nacht bei einem jungen Postmeister, der sich erst seit kurzem in dieser Wüstenei eingerichtet hatte. Wir schwatzten beim Abendtisch, indem wir guten Wein tranken, fröhlich miteinander. Er wollte am folgenden Tage seine Braut in sein Haus führen, die schon unterwegs war, um mit den Eltern des Mädchens die Hochzeit im ziemlich großen Hause zu feiern. Mein Herr, sagte er zu mir, indem ich zu Bette gehen wollte, wenn Sie den Rat eines Wohlmeinenden annehmen wollen, so bleiben Sie wenigstens morgen hier bei uns, und nehmen an unserer Freude teil. Sie haben selbst den Sturm gehört, welcher sich seit einigen Stunden aufgemacht hat, er treibt die Schneemassen hin und her, und kein Weg läßt sich unterscheiden.
Ich kann Ihnen leider nur einen kleinen, ganz offenen Wagen geben, und die nächste Station ist weit, vier Meilen von hier. Dazu kommt noch, daß ein junger unerfahrner Bursche Sie führen muß, denn die älteren sind fort, mir Eltern und Braut abzuholen. Sie sparen Zeit und gewinnen, wenn Sie es sich wenigstens diesen einen Tag bei mir gefallen lassen.
Mein guter Herr, antwortete ich, ich würde Ihr gütiges Anerbieten annehmen, wenn ich nicht allzusehr pressiert wäre. Ein Freund erwartet mich auf der nächsten Station, dem ich mein Wort verpfändet habe, unfehlbar einzutreffen. Ich darf nicht ausbleiben. Meine Geschäfte sind von der Art, daß ich mit meinem Verwandten auch sogleich von dort in der größten Schnelle weiter reisen muß.
Der Wirt, indem er mir gute Nacht bot, sah mich, wie etwas mißtrauisch, von der Seite an, als wenn er meinen Versicherungen keinen rechten Glauben zustellte. Und er war mit seinem Argwohn auch auf keinem ganz unrechten Wege. Denn, mit Menschenkenntnis ausgerüstet, wie ich damals mir zutraute, nahm ich alles, was der Mann mir sagte, nur für Vorwand und List, um mich länger in seinem Hause zu behalten. Er hatte bemerken können, daß ich das Geld nicht sonderlich achtete, ich mochte ihm als reich erscheinen, wofür man in der Jugend so gerne gilt, ich hatte ihn gezwungen, mit mir eine Flasche und mehr von seinem teuersten Weine zu leeren, ich hatte ein leckres Abendessen bestellt, welches er mit mir verzehren mußte.
Dabei dünkte ich mich nicht wenig politisch, als ich schon um fünf Uhr, lange vor Tage, alles im Hause munter machte und nach genossenem Frühstück, beim Schein der Laternen, meinen dürftigen Wagen bestieg. Ich lachte innerlich, indem ich von meinem Wirt Abschied nahm, der auch schon munter war, und dem jungen blonden Postillon alle mögliche Vorsicht empfahl. Vom Schnee war eine gewisse dämmernde Helle verbreitet, und als wir im Freien waren, fragte ich den jungen Menschen, ob er sich getraue, mich bis zur Mittagszeit auf jene Station zu liefern, und ob er auch des Weges recht kundig sei. Er lachte und sagte: Gnaden, ich bin ja von dort gebürtig und habe den Weg, seit ich hier in Dienst stehe, schon über zwanzigmal gemacht. – Wie wünschte ich mir selber zu meiner Klugheit und Konsequenz Glück, als ich diese tröstlichen Worte vernahm.
Es ging auch allem Anschein nach recht gut, wenigstens im Anfange, und ich tröstete mich um so mehr, daß mit einbrechender Helle und dem Tageslicht jede Beschwer völlig müsse überwunden sein. Mein Postillon sang, pfiff und blies abwechselnd, was auch dazu beitrug, meinen Sinn zu erheitern. Jetzt kamen wir in ein Fichtengehölz, in dem der kältere Morgenwind uns anblies und die Dämmerung etwas lichter wurde. Von einer Straße oder einem Wege war nirgends etwas zu sehen, denn der Schnee hatte alle Spuren verdeckt. Als wir weiterkamen, fiel von neuem Schnee, und mit dem stoßenden Winde wurde er so hin- und hergewirbelt, und nach allen Richtungen gestreut und getrieben, daß ich in meinem widerwärtigen offenen Fuhrwerk bald alles Bewußtsein verlor. Wenn der Schnee so stoßweise mir entgegenschlug, das Gesicht erkältete und die Augen blendete, so war es völlig unerträglich. Wir können es alle schon bemerkt haben, daß ein solches Wetter, auch abgesehen von Frost und Schmerz, selbst eine betäubende Kraft hat, eine Schwindel erregende, so daß man an solchem Tage auf viele Minuten oft das Bewußtsein ganz eigentlich verliert. Das begegnete uns denn auch, und ehe ich mich dessen versah, hatte mein Postillon mich, als wir wieder im Freien waren, in einen tiefen Graben geworfen. Wir hatten ihn nicht bemerkt, und der verhüllende Schnee gab nach. Es kostete Anstrengung und Schweiß, das Fuhrwerk wieder in die Höhe und aus dem Graben zu bringen, und als es gelungen war und ich meinen Sitz wieder eingenommen, war ich eigentlich um nichts besser daran. Fast kam mir schon die Reue, daß ich der Einladung des verständigen Postmeisters nicht nachgegeben hatte, doch nahm ich Zuflucht zum Stolze und einer konsequenten Ausdauer. So krabbelten wir weiter, und mein junger Fuhrmann schien auch von seinem frohen Mute nach und nach etwas einzubüßen.
Um nicht zu umständlich zu werden, sage ich nur, daß wir langsam fortirrten, daß die Pferde im tiefen Schnee bald müde wurden, daß nach meiner Rechnung und wenigen Besinnung die Mittagsstunde schon vorüber sein mußte, denn ich hatte vergessen, meine Uhr am Morgen aufzuziehn, und im Nebel und immerwährenden Schneegestöber konnte man vom Stande der Sonne nichts erfahren. Mich hungerte, meine Betäubung ging endlich in eine Schläfrigkeit über, gegen die ich ankämpfen mußte, um nicht am Ende gar zu erfrieren.
Es dürfte mir schwer werden, irgend von dem Rechenschaft abzulegen, was ich in diesen Stunden dachte, denn mein Geist schlief wirklich, wenn ich auch meinen Körper noch so notdürftig wach erhielt. Endlich kam es mir vor, als wenn sich die Luft zum Dunkeln anschickte, wenigstens wurden Nebel und Schnee noch dicker. Keine Spur von Wohnung oder Menschen. Die Pferde waren ganz matt, und nach meiner träumerischen Rechnung mochten wir dem Abend nahe sein. Der junge Postillon war abgestiegen, um an den Strängen etwas zu knüpfen, die beim deutschen Fuhrwesen immerdar schlecht und in Unordnung sind. Als ich mich zu ihm hinbeugte, um mit ihm zu sprechen und etwas Tröstliches zu erfahren, sah ich zu meinem Schrecken, daß der Bursche ganz unverhohlen weinte, und endlich gar laut schluchzte. Was ist dir? – Ach! gnädiger Herr, lautete seine Antwort, mit den Pferden, und auch mit uns, ist es völlig aus. Wir sind schon stundenlang auf keinem gebahnten Wege mehr. Es hat mich einer behext, ich weiß nicht, wo wir sind. Ich bin in die Wildewahl hineingeraten. So nannte er, nach seiner Bauernsprache, unsre Verirrung.
Aber was anfangen? – Wenn uns der Heiland nicht durch ein Wunder errettet, so müssen wir hier umkommen. – Mut gefaßt, Kleiner! heut früh warst du so dreist und lustig. – Ja, damals war ich noch nicht verhext. – Wir können hier aber nicht bis zum Frühling halten. – Ach Gott! wir müssen hier umkommen. Und die heißen Tränen rollten wieder in den Schnee.
Ich sah, daß der Bursche alle Fassung verloren hatte. Zum Glück hatte ich noch einen Rest von süßem Wein bei mir, womit ich den schon ganz Verzweifelnden stärkte, und so setzte er sich, etwas ermutigt, auf den Bock, um auf gut Glück oder schlimm Unglück weiterzufahren, indem die Dämmerung, und bald darauf auch die Finsternis, wirklich hereinbrach.
Ich war jetzt weniger betäubt. Mit der größten Anstrengung horchte ich umher, ob der Laut eines Menschen, das Bellen eines Hundes mein Ohr träfe. Aber alles war still wie die tote Mitternacht. Fast mußte ich sorgen, daß die Pferde, die immer häufiger stolperten, ohnmächtig niedersinken möchten. Ich sprach, so gut es sich bei dem Getöse des Windes tun ließ, mit meinem Fuhrmann, damit er nicht einschliefe, oder von neuem in sein trostloses Weinen verfiele. Meine Situation war in der Tat keine beneidenswerte, und in stumpfer Resignation war ich so tief gesunken, daß ich schon auf den andern Morgen zu hoffen begann, obgleich ich es wußte, daß die Nacht nur seit kurzem begonnen hatte.
Eine Art von Schimmer verbreitete in der schwarzen Nacht der fallende und liegende Schnee; dieses Aufdämmern diente aber mehr, Augen und Sinne zu verwirren, als zu irgendeinem Sehen zu verhelfen.
Endlich, so bildete ich mir ein, hörte ich etwas, wie aus weiter Ferne: es schien auch etwas Dunkles, Festes sich in die Luft hinein zu erstrecken. So war es auch, denn wir gerieten nun wieder in einen Wald. Immer eine Art von Gewinn, wenn wir die Nacht doch einmal im Freien zubringen sollten. Jene Leute, die auch wohl nur eingebildet waren, ließen sich nun aber nicht mehr vernehmen.
Nachdem wir eine Weile noch fortgestolpert waren, zeigte sich wirklich ein Lichtlein ganz, ganz ferne. Ich wollte erst meinen Augen nicht trauen, aber der Postillon entdeckte es ebenfalls. – – –
Hier wurde der Erzähler unterbrochen, denn Anselm, so wie Theodor, die eben vom Pferde gestiegen waren, traten ein. Theodor wurde rot vor Freude, als er die schöne Sidonie erblickte. Er begrüßte sie so lebhaft und leidenschaftlich, daß die Wirtin lächelte und Blinden herzutrat, um ebenfalls dem jungen Mann Willkommen zu sagen und ihm die Hand zu bieten.
Sie kommen einen Augenblick zu früh, meine werten Gäste, sagte die Baronin, denn soeben ist unser Blomberg bei der Entwicklung einer interessanten Gespenstergeschichte, die er selbst erlebt haben will.
Man setzte sich wieder, und Blomberg gab verwundert von sich: Gespenstergeschichte?
Nun ja, fiel Sidonie ein, was kann denn nur das rätselhafte ferne Licht anders sein als die erleuchtete Kammer einer Elfe oder das Begräbnis eines wunderbar Ermordeten, dessen Gespenst dort im Schein der Irrlichter umirrt und Buße tut oder seinen Mörder auf schauerliche Weise anklagen will.
Sie haben recht, sagte Blomberg lachend, so sollte eigentlich der Regel nach die Geschichte fortfahren, und mein Postillon schien auch derselben Meinung zu sein; denn hatte er bis jetzt nur im stillen geschluchzt, so fing er jetzt vor Grausen und Entsetzen laut zu heulen an und wollte anfangs meinen Fragen und Ermahnungen kein Gehör geben.
Immer rief der junge Mensch, als wir näher kamen: Nun sind wir verloren! Lauter Hexen und Gespenster! Das ist nicht die Station! Wir sind in einem fremden Weltteile!
Ich konnte ihn nur mit Mühe dahin bringen, daß er die todmüden Pferde stärker antrieb, denn er zitterte und weinte.
Meine Neugierde ward gespannter, als wir näher kamen. Es schien mir ein großes Haus, welches mir, hell erleuchtet, entgegenglänzte. Meine Fantasie, indem ich von den vielstündigen Leiden alle meine Kräfte erschöpft fühlte, bildete aus der breiten Masse bald einen großen feenartigen Palast, ich sah Säulen und glänzende Balkone, wunderliche Zinnen und Türme, nebst allen Zubehören eines Zauberschlosses. Nicht lange, so vernahm ich Musik. Ganz wunderbare Töne schlugen an mein Ohr, und ich rüttelte mich endlich gewaltsam auf, weil ich furchtete, ich sei eingeschlafen und alles nur ein Traum. –
Nun, sagte Graf Blinden; schlieft Ihr wirklich, Freund? Nichts weniger, antwortete Blomberg, alles war wirklich. Wirklich? rief die Wirtin mit großem Erstaunen aus.
Wenn ich sage alles, sagte der Freiherr lachend, so meine ich damit, wie jener Hetman der Kosaken, einiges und also bei weitem nicht alles. Das hell erleuchtete große Haus blieb, die Musik verschwand ebenfalls nicht, wohl aber die prächtigen Balkone, die königlichen Säulen, die romantischen Türme und Zinnen des Mittelalters, welche sich in ganz alltägliche Schornsteine verwandelten.
Aber so sagen Sie doch endlich, was es nun war! rief Blinden.
Mich wundert’s nur, sagte Blomberg ganz ruhig, daß Sie es noch nicht erraten haben. – Ich war freudig und beruhigt, daß ich wieder zu Menschen geriet, mochten es auch sein, welche es wollten, da meine Not den höchsten Grad erreicht hatte, und ich jener unerträglichen, völlig hilflosen Einsamkeit entronnen war. Es war mir daher nur erfreulich, als mir aus der Tür des Hauses jener Postmeister mit einem satirischen Lächeln entgegentrat, den ich heut morgen so überaus früh und in hastiger Geschäftigkeit verlassen hatte. Wir waren in diesen vierzehn Stunden mühselig im Kreise rundum gefahren, um zerschlagen, erfroren, ganz verhungert und übermüdet da wieder anzulangen, wo wir unsere Reise begonnen hatten. Sie hätten es bequemer haben können, sagte der gutmütige Mann, indem er mich wegen meines Unglücks, zugleich aber auch seine hinfälligen Pferde bedauerte. Ich mußte, da man auf mich nicht mehr gerechnet hatte, in einem kleinen Stübchen mich einrichten, und erst am folgenden Tage konnte ich, ausgeruht, meinen Anteil an den Freuden der Hochzeit nehmen. Ich war aber nun so klug, daß ich das schlechte Wetter austoben ließ, und ohne mich zu übereilen, erst nach vier Tagen weiterreiste. Ein alter, erfahrener Postillon brachte mich zur nächsten Station.
So waren wir denn, sagte die Wirtin, getäuscht, indem wir eine Gespenstergeschichte erwarteten. Wir dürfen Ihnen aber jene nicht schenken, deren Erzählung Sie noch nicht vollendet haben, und welche neulich Graf Theodor dem Hinzugekommenen erläuterte.
Man setzte sich in einen Halbkreis, und die übermütige Sidonie sagte: Wenn ich auch wenig oder nichts von jenem Vorfalle weiß und so mitten hineingerate, so will ich dennoch Interesse nehmen, denn Gespenster und alles, was damit zusammenhängt, sind meine Passion.
Recht so! rief Anselm aus, kann man doch nicht wissen, ob wir nicht alle noch einmal umgehn werden, denn keinem steht es an der Stirn geschrieben, ob er nicht aus eines Bäckers Tochter oder Sohn zur Eule wird.
O ihr junges Volk! sagte der alte kranke Blinden mit einem tiefen Seufzer: euch fällt es doch niemals ein, daß ihr schon vor dem Tode zu Gespenstern werden müßt; denn was ist der hilflose, mürrische, runzelvolle Greis anders, wenn man das Bild jenes blühenden Jünglings zurückruft, welches er vor vierzig oder fünfzig Jahren darstellte. Wie wird unser Sidonchen aussehn, wenn sie achtzig Jahr alt werden sollte.
Ich bitte mir einen andern Diskurs aus! wie manchmal der Wiener sagt, – rief Sidonie ganz empfindlich; Vormünder dürfen unhöflich sein, und von diesem erloschenen Recht machen Sie noch immer Gebrauch.
Also denn, rief der kranke Graf, zu jenen wirklichen, echten Gespenstern, lieber Blomberg, um uns von den imaginären abzuwenden. Ihre idealischen sind vielleicht angenehmer.
Blomberg fing an: Sie wissen also, teure Freunde, wie Graf Moritz mehr und mehr verarmte und seinen Nachkommen nur wenig von jenem großen Vermögen hinterließ, welches ihm durch Erbschaft zugefallen war. Kriege brachen auch ein, doch erhielt sich der nächste Besitzer der Klausenburg und seine Familie und war in der Nachbarschaft angesehen und geachtet. Fleiß, Glück, die Heirat mit einem wohlhabenden Fräulein brachten ihn wieder empor. Und so gelang es den Bemühungen jenes Erben, daß sein Schloß noch einige fünfzig oder sechzig Jahre mit seinem altertümlichen Schmuck in unsrer Nachbarschaft glänzte, daß Freunde und Verwandte ihn gern besuchten, und daß er seinem einzigen Sohne, als er starb, die übriggebliebenen Güter im guten Zustande und noch bedeutende bare Summen hinterlassen konnte. Jener Fluch der Zigeunerinnen schien also gänzlich beseitigt, erloschen oder eingeschlafen zu sein. Der Graf und sein Sohn hätten die frühere Begebenheit völlig vergessen, von dem Fluche mögen sie auch vielleicht nichts erfahren haben.
Ich war ein munterer Knabe, als ich die Bekanntschaft mit dem letzten jungen Erben, Franz, dort auf der Klausenburg machte. Dieser Franz; etwa um ein Jahr älter als ich, war heiter, schön, liebenswürdig, die Freude seines Vaters, jenes tätigen Mannes, der den Glanz seiner Familie zum Teil wieder hergestellt hatte. Da mein Vater nur einige Meilen von hier auf seinem Gute wohnte, so kam ich oft von den jenseitigen Bergen nach der Klausenburg herüber, und habe auch oft Ihrer Frau Mutter, meine gnädige Baronin, meine Aufwartung gemacht, zuweilen auch, als ein ungezogener Junge, hier vielen Unfug getrieben.
Ich war damals noch nicht geboren, sagte die Wirtin.
In jenen Tagen, sagte Graf Blinden, bin ich niemals in diese Berggegenden gekommen.
Dieser mein Spielkamerad, Franz, fuhr Baron Blomberg fort, erwuchs nicht nur zur Freude seines Vaters, sondern aller Menschen. Er war schön, witzig, beliebt, geschickt als Tänzer und Reiter, und im Fechten konnte sich niemand mit ihm messen. Er hatte sich dem Fürsten vorstellen lassen, dessen Gunst er auch durch sein heiteres Wesen gewann und in dessen Dienst war er nach wenigen Jahren zum Rat emporgestiegen. Wenigen Menschen auf Erden schien ein so glückliches Los bereitet zu sein. Alle Mütter und Tanten in der Nachbarschaft sahen und wünschten in ihm auch den künftigen Mann ihrer Töchter und Nichten, und in der Stadt war er auf den Bällen der vergötterte und verzogene Held der jungen Mädchen sowie der Gegenstand des Neides und der Verfolgung aller männlichen Stutzer. Man begriff es nicht, daß der junge Mann so lange mit seiner Wahl zögerte, und lange wollte man den Gerüchten, die darüber umliefen, keinen Glauben schenken. Es hieß nämlich, es habe sich ein Verständnis mit der Tochter des Fürsten angesponnen. Die beiden Liebenden warteten also, so erzählte man sich im Vertrauen, auf irgendeinen Zufall, auf eine Begebenheit, die ihnen zum Glück ausschlagen möchte, um öffentlich ihre gegenseitige Leidenschaft und ihre Wünsche zu bekennen. Dieser Fall ereignete sich aber nicht, und Jahre um Jahre vergingen, und mit ihnen erloschen die Gerüchte und jene mannigfaltigen Deutungen der vielklugen Politiker.
Plötzlich, als kein Mensch mehr dieser Sache dachte, ward mein Jugendfreund durch die Ungnade seines Fürsten vom Hofe und aus der Stadt verbannt. Alle seine ehemaligen Freunde wichen von ihm zurück. Noch schlimmer, daß ihm die von oben beschützte Schikane einen gefährlichen Prozeß an den Hals warf, der ihn mit dem Verlust seines ganzen Vermögens bedrohte. So sah sich der geschmeichelte, bewunderte und von aller Welt geliebkoste Franz in der schlimmsten Lage und mußte sich gestehen, daß sein Lebenslauf beschlossen und alle glänzenden Aussichten für immer verdunkelt seien.
Ich sah ihn um diese Zeit wieder. Er ertrug sein Unglück wie ein Mann. Noch war er jugendlich schön, und die Heiterkeit seines Humors hatte nur wenig gelitten. Wir bereisten die hiesige Gegend, und da die Klausenburg fast schon eine Ruine geworden war, so hatte er nicht gar weit davon, am Abhänge eines Berges, sich ein niedliches Haus gebaut, von welchem er der schönsten Aussicht genoß. Es ist dasselbe, das eine halbe Meile von hier liegt und jetzt dem alten kranken Förster, dem verarmten Matthias, gehört.
Jenes, rief plötzlich Theodor aus, vor dem sogenannten Eibensteige?
Dasselbe, antwortete Blomberg.
Dasselbe? wiederholte Theodor fast mechanisch und wie in Gedanken verloren.
Aber, warf Anselm lebhaft ein, – was kümmern uns alle diese Dinge? Sorgen wir doch lieber, daß die einleitende Erzählung zu Ende kommt, damit wir nun an den Anfang der Gespenstergeschichte gelangen. Das neue Haus, welches wir, wie ich glaube, alle kennen, ist eben das neue Haus, und jene veraltete Klausenburg ist das Gespensternest. Und von diesem sollten wir etwas mehr erfahren.
Sie machen mich irre, sagte Blomberg verdrießlich, denn wenn ich erst weiter vorgerückt bin und im Namen und der Person meines Freundes Franz erzählen werde, darf ich noch weniger unterbrochen werden und muß mich noch mehr vor Zerstreuung hüten. –
Also, ich fand diesen Franz ziemlich heiter und verständig. Er vermied es, von seinen früheren Verhältnissen zu sprechen, doch war er eines Abends sehr gerührt, als ihm ein Brief den Tod der jungen Fürstin meldete, die am gebrochenen Herzen verschieden war, oder die, wie man später behaupten wollte, willkürlich ihren Tod gesucht hatte, weil sie die Last eines verbitterten Lebens nicht mehr ertragen konnte.
Ich sah wohl, daß eine stille Melancholie meinen Freund in den meisten Stunden beherrschte, indessen war er nicht gemütskrank, es zeigten sich bei ihm keine Spuren von Lebensüberdruß; so daß ich hoffen durfte, sein Unglück und die Schicksale, die er erlebt hatte, würden dazu dienen, seinen Charakter zu läutern und ihm die echte Haltung zu geben, die auch dem Unangefochtenen notwendig ist, wie vielmehr dem, welcher schwere Prüfungen durchzugehen hat.
Es lebte damals ein verwildertes altes Weib in den hiesigen Gegenden und trieb sich bettelnd und halbwahnsinnig in den Dörfern herum. Die Vornehmeren nannten sie scherzend nur die Sibylle, und die gemeinen Leute trugen kein Bedenken, sie geradezu für eine Hexe auszugeben. Man wußte nicht eigentlich, wo sie wohnte, auch mochte sie wohl keine Hütte oder eine ihr zugehörige Einkehr besitzen, weil man sie stets auf den Landstraßen traf und sie allenthalben in der Provinz umherschwärmte. Einige alte Jägersleute wollten behaupten, sie sei noch ein Nachkomme jener berüchtigten Zigeunerbande, welche Graf Moritz vor Jahren verfolgt und zerstreut hatte.
Indem wir in einem schönen Buchenwalde in Gesprächen wandeln, die uns ganz von der Außenwelt abziehn, steht plötzlich, bei einer Wendung des Fußsteiges, diese alte häßliche Sibylle vor uns. Wir waren verwundert, aber auf keine Weise erschreckt, denn wir waren beide in einer heitern Stimmung. Als wir die freche Bettlerin lachend mit einigen Münzen beschenkt hatten, kam sie, nachdem sie schon fortgesprungen war, in Eile zurück, indem sie sagte: Wollt ihr denn für euer Geld nichts prophezeit haben? – Wenn es was Gutes ist, erwiderte ich, so kannst du dir noch einige Groschen verdienen. Ich hielt ihr die Hand hin, die sie mit Aufmerksamkeit betrachtete und dann höhnisch sagte: Ihr habt, guter Gesell, eine ganz miserable Hand, an der jeder, auch der beste Prophet, zuschanden werden muß. So ein mittelmäßiges Geschöpf, wie Ihr es seid, ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen: weder klug noch dumm, weder böse noch gut, weder glücklich noch unglücklich. Ohne Leidenschaften, Geist, Tugend oder Bosheit, seid Ihr so recht einer der ABC-Schüler von unsers Herrgotts dummen Jungen, und Ihr werdet nicht einmal das kleine Verdienst haben, jemals in Eurem Leben Eure eigene Erbärmlichkeit einzusehen. Aus der elenden Hand und dem nichtssagenden Gesicht ist gar nichts zu prophezeien, denn ein solcher trockner Baumschwamm, wenn er nicht erst präpariert und gebeizt ist, kann keinen Funken in sich aufnehmen: so könnt Ihr, Hans von Unbedeutend, in Eurer stumpfen Natur auch nichts erleben. –
Hier erhob sich im Saale von allen Zuhörenden ein lautes Gelächter. Daß Sie diese Rezension so auswendig behalten haben, sagte Anselm, macht Ihnen alle Ehre. – Nun, ist denn diese Prophezeiung in Erfüllung gegangen?
Der gutmütige Blomberg hatte mit den übrigen gelacht und sagte nun etwas empfindlich: Jetzt, Herr Baron, sind bei uns diese Wahrsager ausgestorben, sonst könnten sich unsere jungen Leute auch Rat holen, um an Selbstkenntnis zuzunehmen. Ich trage diese unbedeutende Begebenheit als Geschichtsschreiber mit der gehörigen Treue vor, und es kann dabei von der Kritik meines eignen Selbst nicht die Rede sein.
Sehr wahr, sagte die freundliche Wirtin: Sie, Baron, sind die Güte selbst; und wenn man so über sich selbst zu scherzen versteht, so haben die jungen Leute keine Ursach, aus diesem Scherz Ernst machen zu wollen.
Ich glaube gar nicht, sagte Sidonie mit gespitztem Tone, daß das alte Weib so zu unserm Freunde gesprochen hat, sondern ich meine vielmehr, er improvisiert diesen Panegyrikus, damit wir ihm alle widersprechen und sein Lob in den lautesten Tönen singen sollen.
Dann hat er sich aber über die Maßen verrechnet, meine schnippische Schönheit, sagte Graf Blinden, denn ein solches beifälliges Lachen, wie er es erregt hat, kann gewiß nicht für Widerspruch gelten. Fahren Sie fort, Freund.
Blomberg erzählte: Mein Freund Franz lachte nicht über meine Charakteristik und die Aussprüche des alten Weibes, sondern weil er mich liebte, ward er im Gegenteil böse und fuhr sie mit heftigen Redensarten an. Ebenso unbillig, als über die Worte der alten Vettel Schadenfreude zu empfinden! Sie hörte ihm ganz ruhig zu und sagte dann: Warum so böse? Wenn Ihr mir für meine Bemühung und Weisheit nicht noch etwas schenken wollt, so laßt mich ruhig gehn. Denn die Menschen können es freilich nicht gut vertragen, wenn man ihnen so ihr eigenes Inneres an das Tageslicht zieht. Was kann ich denn dafür, daß in deinem Freunde da nicht mehr und Besseres steckt? Er ist nicht mein Sohn, noch mein Zögling. – Sehn Sie, meine Freunde und Zuhörer, so wollte die Wahrsagerin ihre vorige Grobheit durch eine neue gutmachen und rechtfertigen. – Franz war auch wieder besänftigt und gab der Bettlerin einen Dukaten, indem er sagte: Pflegt Euch, Alte: wo wohnt und hauset Ihr?
Wo ich bin, antwortete sie, mein Dach wechselt so oft, daß ich nicht sagen kann, wie es aussieht: nicht selten ist es offen, und mein Kamerad der Sturmwind. Natur nennen sie’s, wo die Menschen nichts hingebaut haben. Aber ich danke und muß Euch Eure Freundlichkeit vergelten. – Mit Gewalt faßte sie schnell die widerstrebende Hand des Freundes, hielt sie zwischen den knöchernen Fingern fest und betrachtete sie lange, dann ließ sie den Arm mit einem tiefen Seufzer fallen und sagte mit einem Tone, der tiefe Trauer ausdrückte: Sohn! Sohn! Ei, du stammst aus einem bösen Blut, von schlimmen Vorfahren ein schlimmer Sproß. Aber zum Glück bist du der letzte deines Stammes, denn deine Kinder würden noch schlimmer werden. Was einmal böse angefangen hat, muß auch ein böses Ende gewinnen. Ei! Ei! und deine Physiognomie! Deine Mienen! Dein ganzes Gesicht! Ist mir doch fast zumute, als wenn ich einen Mörder vor mir sähe. Ja, ja! Du hast ein junges, schönes und vornehmes Mädchen umgebracht. Auf ihrem Sterbebette hat sie lange mit Gram und Angst gerungen. Könnt ihr denn nicht treu sein und eure Schwüre halten, ihr Bösewichter? Nicht Messer, Degen und Flinte töten und schneiden. Auch Blicke, auch süße Worte: o die verführerischen Reden und all das lügenhafte Schöntun! Nun bricht die glänzende Hülle zusammen und wird der Verwesung gegeben, die erst euer dummes Auge blendete. Schönheit! o du unglückselige Gabe des Himmels! Und auch du, Mordgesell, bist schön genug, um noch andere umzubringen. Die Flüche des Vaters verfolgen dich nun. Du magst nun hier im Walde, oder in deinen schön tapezierten Stuben sein. Meinst du nicht, fühlst du es nicht, wie sie, recht aus dem Herzen kommend, das Unglück und Elend auf dich hinwehen, wie der Sturmwind die dürren Blätter in die Tiefe des Gebirges hinstreut? Wo ist deine Ruhe, dein Glück, dein Vertrauen? Alles zerstiebt wie Flugsand in der dürren Ebene; keine Frucht kann hier Wurzel fassen.
Mit einem Male jauchzte die Wahnsinnige laut auf und lief schreiend und widerwärtig singend in den dichtesten Wald hinein. Als ich mich umsah, erschrak ich, denn mein Freund war totenbleich geworden; er zitterte so heftig, daß er sich auf einen Grashügel wie ohnmächtig niedersetzen mußte. Ich setzte mich zu ihm und suchte ihn zu trösten und zu beruhigen. Ist diese Besessene, rief er aus, von der Wahrheit begeistert? Sieht sie wirklich Vergangenheit und Zukunft? Oder sind es nur wahnsinnige Laute, die sie in tierischer Gedankenlosigkeit herausstößt? Und wenn dies ist, – sind diese zusammengewürfelten Worte nicht vielleicht die echten Orakel aller Zeiten gewesen.
Er überließ sich den Tränen und lauten Wehklagen, er rief jetzt laut in die Lüfte, was er bis dahin so sorgsam in seinem Innersten geheimnisvoll verschlossen hielt. Ja Fluch, Fluch! rief er aus, allem Talent, der Rede, der Anmut und allen Gaben, die uns ein schadenfrohes Schicksal mitteilt, um uns und andere zu verderben! Könnt’ ich nicht dem ersten ihrer freundlichen Blicke aus dem Wege gehn? Warum ließ ich mich betören, Blick mit Blick und nachher Wort mit Wort zu erwidern? Ja, sie war liebenswert, edel und schön, aber in meinem Herzen erhob sich mit den besseren Gefühlen auch die Eitelkeit, daß gerade sie, die höchste, es war, die mich so auszeichnete. Nun trat ich näher, dreister, bestimmter, und mein geläutertes, hochgestimmtes Gefühl überraschte und gewann sie. Sie schenkte mir ihr Vertrauen. Ihr Herz war so schon und groß; ach! alle diese Jugendgefühle so zart und innig; es war ein Paradies, was sich uns beiden auftat. Wir glaubten, kindisch genug, es könne kein höheres Glück auf dieser Erde uns geboten werden, diese himmlische Gegenwart, der Moment genügte uns. Nun erwachte aber in meinem Herzen die Leidenschaft. Das hatte sie nicht erwartet, sie erschrak und zog sich zurück. Das stachelte meine Eigenliebe, ich fühlte mich unglücklich, zerstört, der Krankheit nahe. Das erbarmte sie, sie kam mir wieder näher. Durch eine vertraute Kammerfrau ward es uns möglich, uns oft ohne Zeugen zu sehn und zu sprechen. Unser Verständnis war inniger, unsre Liebe gewisser und zärtlicher, aber da diese Gefühle in Worte gefaßt und bewußter ausgesprochen wurden, so war auch auf immerdar jener paradiesische Hauch, jener überirdische Duft verschwunden. Es war ein Glück, aber ein anderes, irdischer, freundlicher, vertraulicher, aber nicht von jener Magie umgeben, die mich in der früheren Zeit entzückt hatte, so daß ich mich wohl oft im stillen fragen konnte: Bist du denn glücklich? – Ach! mein Freund! indem wir uns oft sahen – wieviel Entwürfe, törichte und wahnsinnige, wurden da gemacht! Es war von unserer Zukunft die Rede, an welche der schwärmend Liebende in den ersten Zeiten seiner Entzückung niemals denkt. Einmal schien eine Gelegenheit sich anzubieten, sie zur Ehre des Hauses zu vermählen. Da erwachte Wut und böser Hader in mir. Sie ward von meinem Zorn bis in das innerste Herz mißhandelt, da es schien, als wenn sie dieser glänzenden Verbindung nicht abgeneigt wäre. Ich war schlecht in meiner Leidenschaft, und tief fühlte sie meine Entartung, mehr in ihrer Liebe um meinetwillen, als ihrer Schmerzen wegen. Oh, sie hat dieses Bild meiner Raserei niemals wieder in ihrer Seele vertilgen können. Um mir die Schmerzen gut zu machen und mich ganz zu versöhnen, stieg sie zu meinem geringern wildern Wesen herab. Unsre Herzen hatten sich wieder ganz ausgesöhnt, aber mit Sehnsucht sah ich aus den schwefelgelben Gewitterwolken, die mich jetzt umgaben, nach jener Himmelsklarheit zurück, die mich anfangs so blendend angestrahlt hatte. Wir lebten in unserm Dünkel wie Verlobte und träumten von unserer Vermählung, von unerwartetem Glück, von Freuden aller Art und Wendungen des Schicksals, die niemals eintreffen konnten. Aber wir tappten im Nebel umher und hielten das Unmöglichste für nahe und natürlich.
Diese Angewöhnung in unsrer Liebe vertilgte allgemach die nötige Vorsicht. Die Augen der Späher erwachten und schärften sich an unsrer Unvorsichtigkeit. Gerüchte entstanden, die den Herrn selbst vielleicht niemals erreicht hätten, wenn nicht sein eigener Blick unser Verhältnis geahndet und erraten hätte. Nun vernahm er auf seine halben Fragen mehr, als er wissen wollte, und weit mehr, als mit der Wahrheit verträglich war. Er ließ mich zu sich kommen, ganz allein in sein Kabinett. An diesem feierlichen Abend enthüllte sich mir die Schönheit seiner großen Seele. Ohne mir Vorwürfe zu machen, maß er sich selbst die nächste Schuld meiner Anmaßung bei, daß er mich mit zu großem Vertrauen fast wie einen Sohn behandelt habe, daß er für mich so viel vom Herkommen und der Etikette nachgelassen, daß er sich selber töricht gefreut, daß seine Tochter durch meinen Umgang sich bilden und von mir lernen könne. Als er ernster wurde, und ich dem erschütterten Vater der Wahrheit gemäß bei meiner Ehre und bei Gott beteuern konnte, daß unsere Leidenschaft uns zu keinem Verbrechen hingerissen habe, daß unser Genius uns nicht verlassen, ward er wieder milde und sagte und verbot mir nur, was ich mir selber sagen konnte. Ich durfte die Tochter niemals wieder heimlich sehn; ich sollte durch Verstand und Charakter sie allgemach von dieser kranken Leidenschaft heilen, die ich töricht in ihr entzündet hatte, und mich dadurch seines Vertrauens und seiner Liebe von neuem würdig machen.
Mir war, so fuhr Franz fort, plötzlich wie eine Decke von meinem Angesicht genommen. Ich kann wohl sagen, daß durch diese eine Unterredung mein ganzes Wesen verwandelt war. Die Wahrheit, die Wirklichkeit war nun endlich mit siegender Gewalt auf mich eingedrungen. Manche Lebensperioden sind einem lebhaften, wundersamen Traume zu vergleichen, man erwacht zur Nüchternheit, aber man fühlt sich doch erwacht.
O mein Freund, diese Wahrheit aber war oder erzeugte mir die Hölle. Mein Geist gab dem edeln Vater in allen Dingen nach, er hatte recht, im vollkommensten Sinne des Wortes. Wenn ich Juliane bewunderte und ihren Wert erkannte, wenn sie mir Freundin war, und ich ihr wichtig genug, daß ich ihr Dasein erhöhen konnte, – was hatte das mit der Leidenschaft, mit dem Ringen nach ihrem Besitz zu tun? Von dieser Überzeugung war ich jetzt durchdrungen und dieses Gefühl tat mir wohl. Wie anders aber war es mit ihr! Wenden sich die Verhältnisse so, so werden in der Regel dann die Frauen in das verzehrende Feuer der Leidenschaft treten. Welche Briefe erhielt ich von ihr, nachdem ich ihr meinen Entschluß und den Rat, sich der Notwendigkeit zu fügen, mitgeteilt hatte! Ich sagte ihr fast nur dieselben Sachen, die ich früher, als mein Ungestüm in sie drang, aus ihrem schönen Munde gehört hatte. Aber ihr Ohr war jetzt ein anderes als damals. Taub jedem Rat, gefühllos jeder Freundlichkeit, unzugänglich jeder Überzeugung, hörte sie nur die wilden Eingebungen ihrer Leidenschaft. Meine Vernunft schien ihr Feigheit, meine Resignation nannte sie Niederträchtigkeit. Sie, einzig und allein, sie sollte bei dieser Frage, die jetzt in meinem Herzen war erörtert worden, berücksichtigt werden. Kurz, sie spielte jetzt dieselbe Rolle, die ich ihr früher dargestellt hatte. Da ich auf mein Betragen später mit Reue und Beschämung blickte, so glaubte ich, durch ruhiges Beharren sie auf denselben Punkt allgemach führen zu können. Aber meine Hoffnung erfüllte sich nicht. Seltsam, daß ich jetzt deshalb geängstigt war, weil ich das im übervollen Maß besaß, was ich ehemals für mein höchstes Glück gehalten hätte: und daß sich jetzt mein innigster Wunsch nur erstreckte, sie zur Ruhe, ja Kälte und Gleichgültigkeit zurückführen zu können. So wunderlich behandeln uns oftmals die Götter in Austeilung ihrer Gaben. Meine Briefe verletzten sie, so sah ich aus ihren Antworten, immer tiefer. So kam es denn, daß ich selbst wünschen mußte, wieder einmal eine vertraute Unterredung mit ihr in einsamer Abend- oder Nachtstunde haben zu können, deren mir ehemals so viele zuteil geworden waren. Es gelang durch Bestechung, Bitte, Erniedrigung. Aber, o Himmel! wie war diese Juliane eine andere als jene, die mich ehemals entzückt und begeistert hatte! Sie glich in ihrem Schmerz, verletztem Gefühl und beleidigtem Stolz einer rasenden Bacchantin. Ich sagte mir, so wie ich zu ihr trat: Zu diesem Bilde also hat sie deine Liebe, Eitelkeit und Redekunst erniedrigt! O ihr Männer, die ihr durch eure Kraft diese weichen Wesen zu Engeln erheben oder zu wildsinnigen Trunkenen verwandeln könnt! Doch diese Betrachtungen kamen zu spät. Waren ihre Briefe schon leidenschaftlich gewesen, so waren die Reden ihres Mundes noch viel ungestümer und stürmischer. Nur meine Liebe, nichts weiter in der ganzen weiten Welt verlangte sie. Für sie gab es keine Rücksichten mehr. Flucht in die Welt hinein, Verletzung ihres Rufs, Kränkung des Vaters und ihres Hauses, alles war ihr jetzt recht und erwünscht. Ich erschrak vor diesem Taumel, der keine Scheu mehr anerkennen wollte. Je milder ich war, je mehr ich ihr die unabweisliche Notwendigkeit deutlich machen wollte, um so wahnsinniger ward ihre Rede und Gebärde. Gleich wollte sie mit mir entfliehn. Es bedurfte nur, das fühlte ich, des ausgesprochenen Wunsches, so ergab sie sich mir in diesem Taumel ganz und unbedingt. Ich war im tiefsten Herzen elend, ja vernichtet in allen meinen Kräften.
Ich erfuhr, daß der Fürst nur in Andeutungen mit ihr gesprochen hatte: das Wichtigste wußte sie nur aus meinen Briefen. Sie schalt auf mich, ihren Vater und das Schicksal, und erst, als sie einen Strom von Tränen vergossen hatte, war sie etwas mehr beruhigt. Ich mußte ihr versprechen, nach einigen Tagen wiederzukommen, um dann die Mittel zu unserer Flucht verabreden zu können. Also war es nun so weit gekommen, daß ich mich vor dieser angebeteten Juliane fürchten, ja daß ich sie verachten mußte. Und doch war sie dieselbe, und nur diese unselige Leidenschaft, die ich aus meinem Herzen in das ihrige gegossen hatte, machte sie zu diesem furchtbaren Wahnbilde. Ich zitterte, sie wieder zu sehen. Ich wußte nicht mehr, welche Worte ich ihr sagen, welchen Aufschub, oder welche Entschuldigung ich ersinnen sollte. Einige Wochen vergingen so, in denen wir nur Briefe wechselten. Um zu endigen: ich ging wieder zu ihr. Sie schien mir krank, aber noch in derselben Aufregung, die keine vernünftigen Gründe zulassen wollte. Sie hatte einen Wagen besorgt, ihre Juwelen verpackt, an der Grenze Anstalten getroffen, Pässe angeschafft, Beschützer in fernen Gegenden in Anspruch genommen, kurz alles getan, was der Wahnsinn einer unbegrenzten Liebe nur immer unternehmen mag. Ich behandelte sie als Kranke, die um sich nicht weiß, und gab ihr in allen Ausschweifungen recht und lobte alle ihre höchst wunderlichen Pläne. So glaubte sie dann mit mir einig zu sein, und in acht Tagen, während einer glänzenden Maskerade, indem alle Menschen beschäftigt und zugleich unkenntlich waren, wollten wir entfliehn. Ich bewilligte alles, um sie nur für den Augenblick zu beruhigen, nahm mir aber im stillen vor, den Hof und die Stadt zu verlassen. Indem wir noch so unsere höchst vernünftigen Projekte verhandelten, gewahrte ich plötzlich den Fürsten hinter mir, der schon eine geraume Zeit unserer Unterredung zugehört hatte. Die Szene, welche nun vorfiel, mag ich nicht beschreiben. Des Vaters Zorn überstieg alle Grenzen, weil er mich wortbrüchig vorfand und der Überzeugung war, ich sei ganz mit dem wilden Plane seiner Tochter einverstanden. Sie warf sich zu seinen Füßen; ganz dem früheren schönen Bilde unähnlich, war sie, wie von Federn eine mechanische Figur in gewaltsame Bewegung gesetzt wird, eine Gestalt, deren Leben sich nur in den krampfhaftesten Gebärden kund tut. Es ist zu verwundern, daß man manche Momente überlebt. – Ich ward verbannt, mußte in die Einsamkeit entfliehn und hörte lange nichts von der Stadt und den dortigen Begebenheiten, weil ich alle Menschen vermied. Als ich wieder zur Besinnung kam und den Anblick von Freunden ertragen konnte, vernahm ich denn, daß sie an einer unheilbaren Krankheit leide und von ihren Ärzten schon aufgegeben sei. Wie wunderlich spielt das Schicksal mit dem Menschen und allen menschlichen Absichten. In dieser höchsten Not, so sagte man mir, hätte mir der Vater gern seine Tochter gegeben, wenn er dadurch sein geliebtes Kind nur hätte retten können. Er wollte sich über die Meinung der Welt und über die Einrede seiner Familie hinwegsetzen, wenn ihm durch diesen festen Entschluß seine Juliane nur könne gerettet werden, durch deren Krankheit er erst erfahren hatte, wie er sie liebe, wie sie mit seinem Herzen verwachsen sei. – Alles war umsonst, sie starb in Schmerzen und nach mir rufend, und der trostlose Vater rief mir seine Flüche nach, die mich auch einholen werden, o ja, so wie ihre Verwünschungen.
– So ungefähr äußerte sich damals die Leidenschaft meines unglücklichen Freundes. Er erzählte mir noch zum Beschluß, daß sein ganzes Vermögen verlorengehe, wenn sich nicht ein Dokument vorfände, das er schon seit langem suche, aber nirgends, in keinem seiner Schränke entdecken könne.
Es gibt Leiden, bei denen es töricht ist, nur den Versuch zu machen, um Trost einzusprechen. Solche Schmerzen müssen sich selbst durchleben, sie gehören zum Menschen, und wer ihnen nicht erliegt, wer sie übersteht, wird späterhin einsehen, daß diese hohe Schule durchzuarbeiten zu seinem Heile notwendig war.
Ich bin überzeugt, sagte mein Freund nach einigen Tagen, als ich von ihm Abschied nahm, daß diese Flüche, diese Prophezeiungen der Furie mich finden werden. Mein Leben wird sich in Krankheit, Elend, Wahnsinn und Armut verzehren. Der Geist der Abgeschiedenen wird auf meinem Pfade in meine Fußtapfen treten und Gift säen, wo vielleicht noch eine Freude aufsprießen möchte. –
Jetzt fing ich an zu trösten und aus allen Gegenden Hoffnung und Beruhigung herbeizurufen, weil dergleichen Befürchtungen nur allgemein poetische sind, die sich bekämpfen lassen. Die Hoffnung ist wenigstens noch unendlicher, als die weitumgreifende Ahndung dieser gespenstischen Furcht. – Wir trennten uns, und ich erfuhr lange nichts von meinem Franz. Ich war im Auslande und kehrte erst nach einigen Jahren zurück.
Wir hatten uns nicht geschrieben, und als ich nun wieder in meinem Wohnsitze mich behaglich fand, wie überraschte und erfreute mich sein erster Brief. Keine Spur mehr der alten Leiden; alles war vergessen. Durch die Zeit und das Glück war mein Franz zu einem wahrhaft neuen Menschen geworden. – Er schrieb mir nämlich von seiner bevorstehenden Hochzeit. Das schönste Mädchen der Provinz, jung, heiter und unschuldig, hatte ihm ihre Liebe zugewendet: er hatte an demselben Tage, nach Jahren, jenes ihm so wichtige Dokument aufgefunden, als das schönste Brautgeschenk seines vollendeten Glücks. Jene trübe Zeit, so meldete er mir, sei in seinem Geiste nun völlig erloschen, eine neue Jugend blühe ihm auf und er fange jetzt erst an zu leben. In acht Tagen sollte seine Hochzeit gefeiert werden, und er lud mich dringend ein, zu ihm zu kommen, um Zeuge seines Glückes zu sein.
Gern wäre ich diesem Rufe gefolgt, wenn mich nicht mein Oheim, der auf dem Sterbebette lag, vierzig Meilen weit von hier hinweg gerufen hätte. Der Fürst, der unsern Freund am meisten haßte und verfolgte, war auch seitdem gestorben, und so ließ es sich denn nach aller menschlichen Aussicht und Berechnung so an, daß alles Ahnungsvolle, Drohende, Unheilbringende verlöscht, eingeschlafen und vergessen sei und sich Geister des Glückes und der Lust vor den Lebenswagen unsers Freundes spannen würden. –
Hier schwieg der Erzähler, und Graf Blinden fragte: Ist denn damit die Geschichte aus?
Wie Sie wollen, antwortete Blomberg.
Wie Sie wollen? rief Sidonie heftig: Sie sind mit Ihren weit ausgreifenden Reden unausstehlich, wenn jetzt nicht noch ganz andere Sachen kommen.
Ich will mich erst am Tee erquicken, erwiderte Blomberg ruhig, nachher, wenn der Abend so recht still geworden ist, wollen wir sehen, ob die Geschichte noch eine Fortsetzung zuläßt.
Wenn die übrigen nur neugierig schienen, so konnten alle bemerken, daß sich der junge Graf Theodor in der größten Spannung und Aufregung befand. Anselm wandte von diesem kein Auge und schien eine Art von Schadenfreude zu empfinden, daß Theodor von der Erzählung so ergriffen war. Er wechselte Blicke mit der stets lebhaften Sidonie, die auch den Grafen Theodor mit ihren schönen Augen prüfte, als wenn diese Begebenheiten, die vorgetragen waren, auf ihn eine besondere Beziehung hätten.
Als man sich um den Teetisch versammelt hatte, suchte Theodor der schönen Sidonie nahezukommen.
Er sprach leise und sehr eifrig mit ihr und Graf Blinden beobachtete indessen Anselm, der still und fein über diese lebhafte Unterredung lächelte. Wie kann man nur so dringend sein? sagte Sidonie endlich laut.
Wovon ist denn die Rede? fragte der alte Blinden; wenn es erlaubt ist, sich danach zu erkundigen.
Mein junger Freund, sagte Sidonie, will mich berauben, und fordert mit Ungestüm eine meiner Locken, die ich ihm, wie er behauptet, schon seit langem versprochen habe.
Sie können es nicht leugnen, Sidonie, sagte Theodor mit lauter Stimme, und ich muß mein Recht behaupten, da aus meiner Privatangelegenheit einmal ein öffentlicher Prozeß gemacht worden ist.
Wollen Sie mich zum Schiedsrichter annehmen? fragte jetzt Anselm mit lachender Stimme.
Sie, Baron, am wenigsten, antwortete Theodor mit einiger Bitterkeit: Sie möchten zu sehr Partei werden. Auch ist es wohl passender, wenn die schöne Sidonie selbst und allein das Richteramt vertritt.
Es wird sich alles finden, sprach Sidonie, nur müssen wir nichts übereilen wollen. Wenn der Richter frei und heiter stimmen soll, so muß man ihm nicht durch Andrang und Vorwürfe die heitere Laune verderben.
Die Wirtin, welche das Verhältnis der beiden jungen Leute kannte, und wie sehr Theodor eine Verbindung mit Sidonie wünschte, suchte durch eine Erzählung alle zu zerstreuen, weil sie immerdar Anselms eifersüchtigen Ungestüm fürchtete, der sich keine Mühe gab, seine ziemlich feindliche Stimmung gegen Theodor zu verbergen.
Mit dem Abend trat ein sonderbares Wetter ein. Dunkle Wolken jagten sich durch den Himmel, plötzliche Finsternis wechselte mit Helle; zuweilen klatschte der Regen gegen die Fenster, dann vernahm man wieder Windesbrausen, welches über die Wälder dahinfuhr. Das ist eine schauerliche Witterung, sagte Blinden, die paßt so recht, daß man sich am Kamin etwas gräßliche Geschichten erzählt. Wenn man auf den großen Teich da unten hinblickt, der nur von Zeit zu Zeit sichtbar wird, so hat er auch, wie der Wind stoßend drüber hinkräuselt, vor innigem Schauer eine Gänsehaut. Lieber Blomberg, jetzt wäre die rechte Stunde, Ihre Geschichte zu endigen.
Die Bedienten hatten bei der naßkalten Witterung ein Feuer im großen Kamin gemacht, welches jetzt laut knisternd hell aufloderte. Anselm sprach heimlich mit Sidonie, und jetzt beobachtete Theodor ihre Blicke und Mienen. Indem er sich nahte, sagte das Fräulein: Nachher, lieber Theodor, sprechen wir miteinander, lassen Sie jetzt den Baron in seiner Erzählung fortfahren, und ich wünschte nur, daß er uns recht zu fürchten macht, denn ich liebe dergleichen.
In wahren Geschichten, warf Anselm dazwischen, wofür sich diese doch ausgibt, kommt dergleichen nicht vor. Denn was wir bis jetzt von dieser Zigeunerin, der Sibylle, dem väterlichen Fluch und dergleichen mehr vernommen haben, macht keinen großen Eindruck. Alles dieser Art ist nur von einer zweideutigen Wirkung, denn der Leser oder Zuhörer muß dem Erzähler schon mit gutem, ja sogar dem besten Willen entgegenkommen, damit nur eine Täuschung, geschweige ein tiefer erschütternder Eindruck möglich werde. Jene Poesien und Märchen aber, die darauf ausgehen, uns Schauder und Entsetzen zu erregen, verabscheue ich geradezu, und sie waren mir schon in meiner Kindheit verhaßt. Gibt es etwas Unsinnigeres, als daß ich mir freiwillig ein Gefühl errege, welches mich peinigt, ängstigt und quält? Ich verlange von der Dichtung, daß sie mich in einen behaglichen Zustand versetze, der mich die Wirren und Ängste des wirklichen Lebens vergessen macht. Darum rühren mich auch jene fantastischen Märchen niemals.
Weil es Ihnen wohl an Fantasie gebricht, versetzte Theodor. Wer bloß Schreck und Angst empfindet, und wem in jenem süßen Grauen sich nicht das Rätsel des Lebens in einem halbverständlichen Wunder darlegt, der kann freilich zu jener geistigen Region keine Einlaßkarte bekommen.
Da geraten wir, sagte Anselm höhnisch, freilich auf jene bahnlosen Schmuggler-Pfade, auf welchen so viele ästhetische Contrebandiers verdächtige und verbotene Ware aus dem Gebiet des Unsinns in das Land der Vernunft hinüberpaschen wollen.
Theodor wollte wiederum antworten, aber die alte Baronin nahm das Wort, indem sie freundlich sagte: Meine Freunde, wir Frauen verstehen nichts von diesen gelehrten Disputen, Sie müssen uns erlauben, uns an dergleichen wie die Kinder zu ergötzen. O es ist gar so hübsch, in guter Gesellschaft sich so recht zu fürchten, vor dem Schatten an der Wand zu erschrecken, uns bei jedem Geräusch umzusehen und endlich mit Grauen und Angst in das Bett zu steigen. Wird man recht übermannt, so muß wohl gar unter allerhand Vorwänden die Kammerjungfer in derselben Stube schlafen, und man spricht und fragt, um sich zu überzeugen, daß sie noch da ist. Wir sterblichen Menschen haben gar seltsame und gar mannigfaltige Vergnügungen, und wen soll man darum schelten, daß wir so eingerichtet sind?
Meine Freunde, fing Blomberg jetzt, indem sich alle in der Gegend des Kamins niedergelassen hatten und das Zimmer nur von zwei Kerzen und dem flackernden Feuer erhellt war, mit einiger Feierlichkeit an: wie meine Erzählung wirken, ob sie interessant sein mag, kann ich nicht verbürgen, ich kann nur bekräftigen, daß ich sie für wahr halte, und daß ich, wie Sie gesehn haben, einiges davon selber mit erlebt habe. Wie man es auslegen, inwiefern man mir glauben mag, welche Konsequenzen man daraus ziehen will, ob dieser und jener es für Erfindung erklären möchte, alles dies kümmert mich nicht sonderlich. –
Der Aufenthalt bei meinem todkranken Oheim zog sich in die Länge. Seine Qual währte länger, als seine Ärzte es vermutet hatten, und es war mir beruhigend, daß meine Gegenwart ihm so tröstend und hilfreich sein konnte. Als er gestorben war, hatte ich viel zu tun, seine Verlassenschaft zu ordnen, mich mit den übrigen Verwandten, da mir ein Teil des Vermögens zufiel, zu einigen und alles so einzurichten, daß wir alle befriedigt und ohne Streit auseinandergingen. Über diese Angelegenheit, da das Geschäft zugleich verschiedene Reisen notwendig machte, war mehr als ein Jahr, fast achtzehn Monate waren darüber verflossen. Die Reisen hatten mich weit von dieser Gegend hinweg geführt, und gesteh’ ich es nur, in diesen Verhältnissen und im Drang der Geschäfte hatte ich meinen Franz so gut wie vergessen. Er hatte mir nichts geschrieben, ich hatte nichts von ihm vernommen, und so war ich denn überzeugt, daß es ihm gut gehe, daß er verheiratet sei und sich in seiner neuen Lebensbahn glücklich fühle. Ich machte hierauf, weil ich einmal der Schweiz nahe war, noch in dieser eine Reise zu meinem Vergnügen, und besuchte nachher ein Bad am Rhein, zu welchem mir mein Doktor schon seit längerer Zeit geraten hatte.
Hier überließ ich mich den Zerstreuungen und genoß auf Spaziergängen die schöne Natur. Mir war lange nicht so wohl gewesen. Indem ich an der Wirtstafel die Badeliste zufällig in die Hand nehme, sehe ich, daß mein Freund Franz schon seit acht Tagen im Bade sich mit seiner Gattin aufhält. Ich verwunderte mich sehr darüber, daß er mich nicht sogleich aufgesucht hatte, da ihm in der Liste mein Name doch aufgefallen sein mußte. Indessen sagte ich zu mir selber, er hat die Blätter vielleicht nicht mit Aufmerksamkeit gelesen, er hat mich nicht nennen hören, er ist vielleicht ernsthaft krank und sieht nur wenige Gesellschaft. So beruhigt, suchte ich ihn in seiner Wohnung auf, und man sagte mir, er sei nicht zu Hause. Ich hoffe, ihn auf dem Spaziergange zu treffen, aber ich werde ihn nirgends gewahr. Als ich am folgenden Tage wieder bei ihm Vorfrage, – dieselbe Antwort – er sei ausgegangen. Ich gebe meine Karte ab, mit dem Ersuchen, er solle zu mir kommen oder schicken, um welche Zeit er meinen Besuch annehmen wolle. Ich erfahre nichts. Früh gehe ich wieder bei ihm vor, und der Bediente sagt mir wieder mit einem bekümmerten Gesicht, sein Herr sei schon ausgegangen.
Nun sah ich wohl ein, daß Franz mich nicht sprechen wolle und daß er sich vor mir verleugnen lasse. Ich ging alle meine Erinnerungen durch, ob und wie ich ihn könne beleidigt haben, aber auch bei der überstrengen Nachforschung fand sich auch nicht der kleinste Flecken, in Hinsicht seiner, in meinem Gewissen. Ich schrieb ihm also einen etwas empfindlichen Brief, und forderte es, nicht bloß als Zeichen der Freundschaft, sondern der Achtung zugleich, die er sich selbst schuldig sei, daß er meinen Besuch annehmen solle und müsse.
Man öffnete mir, als ich wieder vor der Tür erschien. Als ich im Zimmer eine Weile gewartet hatte, kommt aus der Schlafkammer ein Fremder herein, kein Mann, sondern ein wankendes, zitterndes Gerippe, mit eingefallenem leichenblassen Antlitz, das, wenn nicht die brennenden Augen gewesen, man für einen Totenschädel hätte halten können. Großer Gott! rief ich mit Entsetzen aus, denn ich erkannte nun in diesem Gespenst meinen Franz, diesen ehemals so schönen, so liebenswürdigen Mann.
Ich war erschreckend in einen Sessel gesunken, und er setzte sich jetzt ebenfalls zu mir nieder, nahm meine Hand in seine dürre, und sagte: Ja, so, mein Blomberg, sehn wir uns wieder, und du begreifst jetzt wohl, warum ich dir diesen traurigen Anblick ersparen wollte. Ja, Freund, alle jene Flüche sind in Erfüllung gegangen, das Elend hat mich eingeholt, so rüstig ich ihm auch vorangeeilt war, ich bin zum Tode krank, meine junge Frau, die ein Musterbild der Schönheit war, nicht minder, ich bin ein Bettler, und alles ist vorüber.
Ich konnte mich immer noch von meinem Erstaunen nicht erholen; nach jenem eisigen, ersten Schrecken trat jetzt das tiefste Mitleiden, ein unaussprechliches Erbarmen in meine Seele, und der unglückliche Freund sah meine Tränen fließen. Aber wie, wie ist alles dies möglich geworden? rief ich aus, sprich! erzähle! teile dich deinem Freunde mit. – Verschone mich, sagte er mit matter Stimme, werfen wir einen Vorhang über alle diese Trauer, denn was kann es dir frommen, das Wie und Warum zu erfahren. Du würdest nicht begreifen, nicht glauben und noch weniger kann dein Rat und Trost etwas helfen.
Ich konnte nichts erwidern, sein Elend schien so groß, daß er vielleicht vollkommen recht hatte. Reden, Erzählungen und Klagen sind oft nur Stacheln in der Todeswunde. Ich bat ihn, mich mit seiner Frau bekanntzumachen. Er führte sie herein, sie war ebenso leidend wie er, aber man sah, daß sie schön mußte gewesen sein. Sie war groß und edel gebaut, ihr blaues Auge war von einer durchdringenden Klarheit und ihre Stimme hatte den lieblichsten und seelenvollsten Klang. Nach wenigen Gesprächen nahm ich Abschied, weil der Doktor hereintrat, und ich bedang mir nur aus, daß Franz den Freund künftig nicht mehr abweisen dürfe.
Ruhe war mir nötig, mich zu sammeln, und ich suchte den einsamsten Platz auf, um mich in meinen Gedanken und Gefühlen wieder zu finden. Wie sonderbar erschien mir in diesen Augenblicken das menschliche Leben, Liebe, Freundschaft, Tod und Gesundheit. In meiner Träumerei wurde ich durch eine freundliche Stimme unterbrochen, die mich anredete. Es war der Badearzt, ein gutmütiger, nicht mehr junger Mann, welcher sich zu mir setzte. Ich habe erfahren, begann er, daß Sie ein Jugendfreund unsers armen Kranken sind, und ich habe Sie aufgesucht, um mit Ihnen über seinen ebenso kläglichen als rätselhaften Zustand zu sprechen. Mir ist noch keine ähnliche Krankheit vorgekommen, ich verstehe sie nicht, und deshalb tappe ich auch nur mit meinen Mitteln im Dunkeln, und weiß auch nicht, ob ihm das hiesige Wasser irgend heilsam sein kann, ihm oder der kranken Frau, die an demselben Leiden dahinschwindet. Ich habe keinen Namen für dieses Fieber der Auszehrung, welches allen bisherigen Gesetzen spottet. Nach manchen Stunden möchte ich sie beide für wahnsinnig halten, wenn sich nicht die Vernunft in ihnen unwiderleglich offenbarte. Sollte ihr Verstand aber auch nicht verletzt sein, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß beide gemütskrank sind. Und das Schlimmste ist, daß der Graf nicht spricht und erzählt, sondern im Gegenteil allen Fragen über seinen Zustand, jeder Erörterung über die Ursache, den Anfang desselben, ängstlich ausweicht. Erzürnen kann und mag ich ihn nicht, und meine Fragen und Forschungen haben ihn schon einigemal aufgebracht, und doch scheint es mir nötig, die Geschichte der Krankheit von ihm zu erfahren. Und das ist meine Bitte an Sie, geehrter Herr, daß Sie, als sein Vertrauter, Ihren Einfluß auf ihn dahin wenden, daß er Ihnen und mir die Entstehung seines Übels bekennt. Erfahre ich diese, so ist es vielleicht erst möglich, ihm und der Frau Hilfe zu verschaffen. Kommt die Krankheit aus dem Geiste, wie ich fast schon überzeugt bin, so kann der Arzt nur etwas ausrichten, wenn er im Vertrauen ist; wird ihm dieses versagt, so kann er nicht nur durch seine Vorschriften, selbst durch ein unbehütetes Wort zum Mörder werden. Ich beschwöre Sie also, alles zu tun, damit der Leidende sich uns eröffne.
Ich versprach, zu versuchen, was der vernünftige Mann verlangte, denn ich selber hatte mir schon dasselbe sagen müssen. Als ich aber dem Freunde am folgenden Tage deshalb Vorstellungen machte, fand ich die Aufgabe viel schwieriger, als ich sie mir gedacht hatte, denn er war in diesem Punkte unzugänglich. Erst als ich meinen Bitten Tränen zugesellte, als die leidende Frau endlich selbst auf meine Seite trat, weil der Wunsch in ihr lebendig war, daß der Arzt ihrem Gatten helfen möchte, gab er nach; doch bedang er sich aus, daß, was er uns vortragen werde, im stillen Zimmer bei mir geschehen müsse, von keinem Diener gestört, denn er könne seiner Frau nicht zumuten, bei der Erzählung zugegen oder nur in der Nähe zu sein.
So ward es auch eingerichtet. Mein Gartenstübchen war so still und einsam, daß keine Störung zu besorgen war, nach dem mäßigen Abendessen sendete ich die Diener fort und befahl, mich jedem möglichen Besuch zu verleugnen. Bei der Kranken blieben ihre Kammerfrauen; und eine Dame war auf mein Gesuch so freundlich, ihr in Abwesenheit des Mannes etwas Leichtes und Erfreuliches vorzulesen.
Nun saßen wir also in meinem trauten Zimmerchen, beim Scheine zweier Kerzen, indessen draußen vor dem Fenster die Bäume im Sommerwinde lieblich säuselten.
Aber jetzt, geehrte Freunde, sagte der Baron Blomberg mit erhöhter Stimme, mache ich von der Freiheit Gebrauch, im Namen meines Freundes selbst und nicht in der dritten Person zu erzählen. Ich schrieb damals jenes seltsame Bekenntnis sogleich nieder, deshalb sind mir noch jetzt alle Umstände gegenwärtig. Ich habe bisher diese Erzählung noch niemand mitgeteilt, jetzt, nach so manchem verfloßnen Jahre, kann sie, in diesem Kreise vorgetragen, keinen Anstoß erregen, oder irgend jemand auch nur einen leichten Verdruß verursachen. –
Theodor stand auf und putzte die Kerzen, Anselm legte Scheite Holz in den Kamin, die Wirtin setzte sich begierig in ihren Lehnsessel zurecht, Sidonie sah erwartend um sich, und der kranke Graf Blinden nahm das Barett vom Haupt, um noch besser hören zu können.
Also denn, begann Blomberg, der kranke Freund saß auf meiner Stube im Sofa, der Arzt und ich waren ihm gegenüber, und langsam, oft pausierend, weil ihm das Sprechen sauer wurde und er mehr wie einmal der Ruhe bedurfte, begann Franz auf folgende Art, denn in seiner Person erzähle ich, und ich ziehe es vor, unmittelbar aus der Erinnerung zu sprechen, statt jene Blätter Ihnen vorzulesen. –
– Ja, mein Freund Blomberg, krank und sterbend siehst Du mich wieder, eben so elend ist meine Gattin, die noch vor zwei Jahren ein Musterbild der Gesundheit und Schönheit war.
Die Klausenburg ist zur wüsten Ruine geworden, die uns einigemal so traut und heimisch bewirtete, Gewitter und Brand haben sie zerstört, und was von Holzwerk und brauchbaren Steinen übrigblieb, haben meine grausamen Gläubiger, mir zum Hohne, herausgerissen und für geringes Geld verkauft. Du weißt es, mein Freund, welcher Glaube oder Aberglaube mich verfolgt, doch braucht davon unser lieber Arzt nichts zu erfahren, denn dies hat äußerlich keinen Einfluß auf mein nächstes Schicksal, auch habe ich von meinen neuesten Begebenheiten so viel Sonderbares vorzutragen, daß es hinreichen wird, den gelehrten Doktor mehr als vollkommen zu überzeugen, daß ich wahnsinnig sei. –
Bei dieser Einleitung begegneten sich meine Blicke mit den forschenden des Arztes, dann betrachteten wir beide wieder prüfend den bleichen Kranken, welcher jetzt mit größerer Lebhaftigkeit also fortfuhr: –
So jung ich auch noch war, so hatte ich mein Leben doch schon aufgegeben, denn ich hielt es für völlig beschlossen. Wie aber zuweilen wohl die Kraft eines schönen Frühlings einen abgestorbenen Baum von neuem belebt, daß seine Zweige wieder grünen, und aus dem Laube eine Blüte wiederum hervorquillt, so begegnete es auch mir. In menschenfeindlicher Stimmung reiste ich im Lande umher und verweilte in einer kleinen Stadt, welche in einer anmutigen Gegend liegt und in welcher ich, als ich meine Briefe abgab, interessante Menschen kennenlernte. Ein freundlicher Mann, ein sehr weitläufiger Verwandter, führte mich in das Haus ein, wo ich meine teure Elisabeth zum ersten Male sah, und schon beim zweiten Besuch mein Herz und meine Ruhe verloren hatte. Wozu Beschreibung von Reizen und Vollkommenheiten, welche verschwunden sind? Ich war bezaubert und schmeichelte mir bald, daß man meine Gefühle verstand, und nach einiger Zeit, daß man sie vielleicht erwidern könne. Elisabeth lebte im Hause einer alten Tante, beide waren nicht wohlhabend, aber von gutem alten Adel. Ich setzte mich über das Geschwätz und die Verwunderung der Kleinstädter hinweg, daß ich so lange in diesem unbedeutenden Orte verweilte, wo es weder ein Theater gab, um mich zu zerstreuen, noch große, glänzende Assembleen oder Feste und Bälle, um mich zu beschäftigen. Ich war so glücklich, daß ich nur den Tag und die Stunde genoß. Die Familie war sehr musikalisch, Elisabeth eine wahre Virtuosin auf dem Fortepiano, ihre Stimme war gebildet, voll und schön, und sie überraschte mich freundlich dadurch, daß sie meinen vielleicht einseitigen Geschmack für ältere Musik mit mir teilte. Wohllaut, Kunst, freundliche Blicke der schönsten Augen, alles bezauberte mich so, daß Wochen wie Tage und Tage wie Stunden in diesem poetischen Taumel verschwanden.
Ich sprach von der Familie. Auch die Tante war musikalisch und accompagnierte uns auf dem Instrument, wenn wir beide sangen. Es tat mir nebenher auch wohl, mich meiner Talente wieder bewußt zu werden, welche zu üben ich seit langer Zeit vernachlässigt hatte.
Jawohl, Talente, Liebenswürdigkeit, gesellige Gaben, Feinheit des Betragens usw. – so fuhr Franz nach einer Pause fort, in welcher er ganz in sich versunken schien – diese Eitelkeit, diese Vorzüge zu besitzen, haben von je mich und andere unglücklich gemacht. – Wenn ich nun von der Familie spreche, so muß ich jetzt von einer älteren Schwester Elisabeths, von Ernestine reden. Die Eltern meiner Geliebten waren schon früh gestorben. Sie hatten, entfernt von jener kleinen Stadt, in einer Residenz gelebt, und, wie man es so nennt, ein großes Haus gemacht. Dies geschah, ohne ihr Vermögen zu Rate zu ziehen, und so waren sie schon früh verschuldet und verarmt. Wo diese Verwirrung einreißt, wo die Not des Augenblicks immer wieder die Sicherheit von Tagen und Wochen verschlingt, da haben die wenigsten Menschen Stärke und Haltung genug, um in dem Sturme des wiederkehrenden Wirbelwindes das Steuer festzuhalten. Und so war denn in diesen zerstörten Haushalt die wildeste und regelloseste Wirtschaft eingerissen. Die Eltern zerstreuten sich nicht nur an Gastmählern, Putz und Schauspielen, sondern gewissermaßen selbst an neuen und sonderbaren Unglücksfällen. Auf diese Weise beschäftigte sie ihre älteste Tochter Ernestine. Das arme Wesen war als dreijähriges Kind bei Gelegenheiten eines wüsten, tobenden Gelages, wo niemand auf die Kleine achtete, über eine Flasche starken Getränkes geraten, hatte die betäubende Flüssigkeit in sich geschlürft und war dann trunken, ohne es zu wissen, eine hohe Treppe hinuntergestürzt. Das Unglück war kaum bemerkt worden, und als man es nachher inne wurde, nahm man die Sache leichtsinnig. Der Arzt, ein lustiger Freund des Hauses, scherzte mehr über den Vorfall, als daß er die richtigen Heilmittel angewendet hätte, und so zeigten sich denn am Kinde die Folgen bald, die es späterhin der Lieblosigkeit seiner Eltern mit Recht zur Last legen konnte. Brustknochen und Rückgrat waren verschoben, so wie die Arme wuchs, wuchs sie immer mehr in die Mißgestalt hinein. Sie war ziemlich groß, aber um so auffallender war ihr doppelter Höcker, die Arme waren übermäßig dürr, so wie die Hände, Finger und Arme von einer erschreckenden Länge. Auch der hoch ausgestreckte Körper war dürr, und das Gesicht vom sonderbarsten Ausdruck. Die kleinen lebhaften und klugen Augen konnten kaum unter der Knochenwölbung der Stirn und der breitgequetschten Nase hervorblicken, das Kinn war lang und die Wangen eingefallen. So war die Unglückselige eine sonderbare Folie für ihre Schwester Elisabeth. Die Tante, als sie von dem gänzlichen Verfall des Hauses hörte, war hinzugetreten und hatte geholfen, soviel ihre beschränkten Kräfte vermochten. So ward die jüngere Tochter gerettet und blieb gesund, indem die Schwester des Mannes schon vor dem Tode der Eltern beide Kinder zu sich nahm, um sie zu erziehen und auszubilden. Die körperliche Pflege kam für Ernestine zu spät, aber ihr Geist ward gebildet, ihre Talente wurden geweckt. Sie zeigte sich verständig, lernte leicht und behielt, was sie gefaßt hatte. Sie übertraf offenbar die Schwester an Witz und Gegenwart des Geistes. Da sie gern philosophische Schriften las, so übte sie ihr Urteil und zeigte einen so durchdringenden scharfen Verstand, daß selbst Männer oft vor ihren kecken und schroffen Urteilen erschraken. Denn da Schönheit und Anmut sie nicht mit ihrem Geschlecht verbanden, so übte sie nicht selten eine Gewalt aus, die mehr als männlich war. Was aber an das Wunderbare grenzte, war ihr großes musikalisches Talent. Niemals hatte ich so das Fortepiano behandeln hören. Alle Schwierigkeiten verschwanden, und sie lachte nur, wenn man ihr von schweren Passagen sprach. Freilich half es der Unglückseligen sehr, daß ihre Hand und Fingerspannung alles übertraf, was gesunden Klavierspielern möglich ist. Sie war aber auch in der Kunst des Satzes erfahren und komponierte mit Leichtigkeit große Musikstücke, die wir dann oft zu ihrem Ergötzen ausführten.
Konnte ein solches Wesen nicht auf ihm eigne Art glücklich sein? Gewiß, wenn sie sich resignierte, wenn sie vergessen konnte, daß sie ein Weib sei. Unglücklicherweise vergaßen es alle Männer, die in ihre Nähe kamen, sie aber konnte sich über diese Grenze bis zur Männlichkeit oder Geschlechtlosigkeit nicht erheben.
Dieses seltsame Wesen zog mich durch seine Vorzüge sowie durch seine Widerwärtigkeit auf eine eigene Weise an.
Wir musizierten, ich sang ihre Kompositionen, und wenn sie so aufgeregt war, blickte aus dem kleinen Auge ein wunderbar poetischer Geist, wie ein verhüllter, zum Staube erniedrigter Engel mit einem freundlichen und doch erschreckendem Glänze. Ich vergaß fast immer, daß sie die Schwester meiner Elisabeth sei.
Elisabeth hatte früher schon einige Freier abgewiesen, die sich sehr ernstlich um sie beworben hatten. Als ich einmal unangemeldet in das Vorzimmer trat, hörte ich die beiden Schwestern lebhaft sprechen, und mein Name wurde genannt. Diesen wirst du doch etwa nicht annehmen? rief Ernestine: er sagt dir und uns nicht zu; sehr reich soll er auch nicht sein: aber er ist so hochmütig, so in sich selbst genügsam, so von seiner Vortrefflichkeit überzeugt und durchdrungen, daß er mir Widerwillen erregt, so wie er nur zu uns tritt. Du nennst ihn liebenswürdig? edel? Rechthaberisch, eigensinnig ist er, und glaube mir, seine Geistesgaben sind nicht von dem Gewicht, wie du sie anzuschlagen scheinst.
Elisabeth nahm mit sanfter Stimme meine Verteidigung, aber jene erörterte alles Schlimme meiner Natur nur um so mehr und ging das Register aller meiner Fehler durch. Da so sehr von mir die Rede gewesen war, wollte ich nicht sogleich hineintreten, um sie nicht zu beschämen, und so hatte ich gegen mein Erwarten entdeckt, welchen Widerwillen die ältere Schwester gegen mich gefaßt hatte. Ich nahm mir vor, durch Freundlichkeit und Wohlwollen die Unglückliche mit mir auszusöhnen, deren Leben so wenig Reiz und Freude hatte. Als man sich beruhigt hatte, trat ich ein und wir nahmen sogleich, wodurch ich meine Verlegenheit am besten verbarg, unsre musikalischen Übungen vor, so wie die Tante gekommen war.
Nach einigen Besuchen gelang es mir wirklich, Ernestine freundlicher zu stimmen. Wenn sie mit mir allein war, vertieften wir uns zuweilen in die ernsthaftesten Gespräche, und ich mußte ihren Geist wie ihre Kenntnisse bewundern. Ich mußte ihr beistimmen, wenn sie in mancher Stunde von jenen Männern mit Verachtung sprach, die am Weibe einzig und allein den flüchtigen und wandelbaren Reiz achten und lieben, der mit der Jugend verschwindet. Sie schalt auch nicht ungern auf die Mädchen, die so häufig sich nur als Erscheinung geben und nur als solche gleichsam als Modepuppen oder Kleiderhalter gefallen wollen. Sie entfaltete ohne Affektation den Reichtum ihres Gemüts, ein tiefes Gefühl, großartige Gedanken, so daß ich, über diese mächtige Seele in Bewunderung aufgelöst, mich kaum ihrer verkrüppelten Gestalt mehr erinnerte. Sie drückte mir freundlich die Hand und schien ganz glücklich, wenn wir eine Stunde so weggeschwatzt hatten. Ich freute mich ebenfalls, als ich zu bemerken glaubte, wie ihre Freundschaft zu mir mit jedem Tage wuchs.
Es fiel mir als eine Schwachheit meiner Geliebten auf, daß sie mit dieser Vertraulichkeit unzufrieden war. Ich begriff diese kleinliche Eifersucht nicht und tadelte sie im stillen als zu große weibliche Schwäche. Mir war es im Gegenteil erwünscht, wenn mir Ernestine jetzt deutliche Beweise ihres Wohlwollens gab, wenn mein Eintreten sie erfreute, wenn sie ein Buch, ein Musikstück für mich zurechtgelegt hatte oder mir sagte, wie sie sich schon auf ein Gespräch mit mir über einen wichtigen Gegenstand vorbereitet habe. Diese echte Freundschaft schien mir so wünschenswert, daß ich mich schon im voraus freute, wie sie in der Ehe die schönste Ergänzung der Liebe im gegenseitigen Vertrauen bilden würde. Die Tante hatte meine Verbindung mit Elisabeth gebilligt, die Verlobung war jetzt gefeiert. Bei dieser war Ernestine nicht zugegen, denn sie war an diesem Tage krank. Ich sah sie auch am folgenden Tage nicht, und als ich sie aufsuchen wollte, sagte meine Braut: Laß sie noch, Lieber, sie ist so außer sich, daß es besser ist, ihre Leidenschaft austoben zu lassen. – Was ist denn begegnet? fragte ich erstaunt. – Sonderbar, antwortete Elisabeth, daß du es nicht schon seit langem bemerkt hast, welche glühende Liebe zu dir sie ergriffen hat. – Ich war stumm vor Schreck und Erstaunen. Dies Wort erschütterte mich um so mehr, weil ich, seltsam genug, eine Leidenschaft in diesem verständigen Wesen für ganz unmöglich gehalten hatte. Als wenn die Leidenschaft nicht immerdar gegen Möglichkeit, Wahrheit, Natur und Vernunft anrennte, wenn diese sich ihr widersetzen wollen, wie ich es ja selbst, auf ähnliche Weise, in meinem eigenen Leben erfahren hatte.
Ja, fuhr Elisabeth fort, fast zur nämlichen Zeit, als du erst in unser Haus tratest, bemerkte ich diese Hinneigung zu dir. Deutlicher zeigte sich ihre Vorliebe, als du anfingst, mich auszuzeichnen, als du mir freundlich wurdest und ich dir mein Vertrauen schenkte. Lange Zeit verbarg sie ihre Neigung unter einem vorgegebenen Haß, eine Verstellung, die mich nicht täuschen konnte. O Geliebter, der Geist und die Gefühle, Enthusiasmus und Leidenschaften dieses wunderbaren Wesens sind von so ungeheurer Kraft und Innigkeit, daß ich sie, seit ich zur Besinnung kam, ebenso sehr bewundern mußte, wie ich sie fürchte und vor ihrer Riesenstärke erschrecke. Als ich vor Jahren meinen Unterricht in der Musik nahm und nach dem Zeugnis meines Lehrers rasche Fortschritte machte, lachte sie nur über mein kindisches Wesen, wie sie es nannte. Sie hatte früher nicht daran gedacht, Musik zu treiben, jetzt warf sie sich mit Heftigkeit auf diese Kunst. Tag und Nacht übte sie, der Lehrer genügte ihr nicht, sie benutzte die Anwesenheit eines berühmten Komponisten und ward seine Schülerin. Ich begriff diese geistige wie körperliche Kraft nicht, daß sie Tag und Nacht, fast ohne Schlaf und ohne etwas zu genießen, immer nur mit unermüdlichem Eifer der Übung ihrer Kunst sich widmen konnte. Nun lernte sie den Satz, und der Meister lobte und bewunderte sie. Es währte nicht lange, so tadelte sie den Lehrer, sie meinte, sein Vortrag sei nicht feurig, nicht enthusiastisch, er in Kompositionen nicht originell und leidenschaftlich genug. Er gab sich gefangen und ihr recht. Alle Menschen, pflegte sie wohl zu sagen, liegen immerdar im halben Schlaf, sie sind fast immer wie betäubt und beinah der Pflanze ähnlich und verwandt, die auch wächst, blüht und schön ist, Geruch ausstreut und Kräfte besitzt, ohne darum zu wissen. Was müßten die Menschen vermögen, wenn sie in ihrem wachen Zustande wahrhaft wachten! – Und so gab sie sich denn auch der Philosophie hin, las medizinische, anatomische und andere Bücher, die sonst den Frauen zu gelehrt oder widerwärtig sind. Wir alle, auch ihre Bekannten, mußten sie anstaunen. Und so, lieber Franz, wird sie gewiß auch in dieser Leidenschaft der Liebe rasen und sich zugrunde richten.
Elisabeth schilderte mir nun auch wirklich alle jene Ausschweifungen, die sie begangen, als sie von unserer Verlobung gehört hatte; sie wollte erst sich und nachher die Schwester umbringen; dann wieder hatte sie gesagt, sie würde mich zu zwingen wissen, daß ich sie liebe und Elisabeth verlasse, denn sie sei verständiger und besser als jene. –
Hier, sagte Blomberg, machte Franz in seiner Erzählung eine Pause, um etwas auszuruhen, und fuhr dann so fort: – Daß diese Nachrichten mich betrübten, ist natürlich, ich fühlte ja auch, wie unklug ich gehandelt hatte, mich Ernestine so freundlich zu nähern, daß ich mich bemüht hatte, sie zu gewinnen. Etwas beruhigt war ich, als mir Elisabeth nach einigen Tagen erzählte, wie die Schwester ihr unter vielen Tränen alles abgebeten habe, was sie im Zorn gesprochen, wie sie sie beschworen, mir nichts von diesen Verirrungen mitzuteilen, und wie sie nur darum flehentlich bitte, uns nach unserm künftigen Wohnsitz begleiten zu dürfen, weil sie es nicht fasse, wie sie ohne meine und der Schwester Gesellschaft, ohne unsere Gespräche und musikalischen Übungen noch leben könne.
So wurden denn Pläne gemacht, Einrichtungen getroffen, die Tante begleitet uns und wir kamen auf der Klausenburg an, um hier, von wenigen Vertrauten umgeben, eine kleine, stille Hochzeit zu feiern, da Elisabeth von je allem Prunk und Geräusch beinah übertrieben abhold war. Ich hatte einige Zimmer und den Saal in der Klausenburg, so gut es sich tun ließ, einrichten lassen, denn der größte Teil des alten Gebäudes war schon Ruine. Elisabeth aber hatte eine poetische Vorliebe für alte Schlösser, einsame Gebirgsgegenden und die geschichtlichen oder poetischen Sagen, die sich an diese knüpfen. Nach der Hochzeit wollten wir dann das nahegelegene neue Haus am Eibensteig beziehn, und nur gelegentlich uns tage- oder stundenlang in der Klausenburg aufhalten.
Wir kommen an, das Tor wird uns aufgetan, und das erste, was uns im Hofe aus den Efeuranken, die die hohen Mauern hinaufwachsen, entgegenspringt, ist jene tolle, alte Sibylle, die du, Freund Blomberg, vor einigen Jahren hast kennengelernt. Meine Frau erschrak und ich schauderte. Gegrüßt! Gegrüßt! schrie die Alte, indem sie widerwärtig herumhüpfte, da kommt der Menschenwürger, der Mädchenmörder, und bringt seine beiden Bräute mit, die er umbringen wird. – Wie kommst du hierher? schrie ich auf. – Sie muß, sagte der Türhüter, von jenseits die Klippen hinuntergeklettert sein, die die letzte Mauer des kleinen Gartens dahinten formieren, und sich nachher in den Gesträuchen und Ruinen versteckt haben. – Jawohl! Jawohl, kreischte die widerwärtige Alte, da wohnt sich’s gut. – So sehr wir erschrocken waren, so lustig schien Ernestine, denn sie hörte nicht auf zu lachen.
Während der Tage, in welchen wir das Fest begingen, zeigte sich Ernestine nicht, sie war verschwunden, und wir waren sehr um sie besorgt, sendeten Leute aus, sie zu suchen, als sie am dritten Tage zu Fuß heiter und fröhlich zurückkam. Sie erzählte, daß sie dem Hange im Gebirge umherzustreifen, nicht habe widerstehen können, da sie von Jugend auf dergleichen gewünscht. – Aber so allein, ohne es uns zu sagen? sprach Elisabeth. – Allein? antwortete sie, nein, ich bin immer in Gesellschaft gewesen, mit jener alten Prophetin, die ihr so unfreundlich weggeschickt habt. Da habe ich auch ganz neue Sachen gelernt, die ich noch in keinem Buche fand; wir sind recht gute Freunde geworden.
Elisabeth und ich sahen uns mit großen Augen an. Ich faßte den Glauben, ohne ihn auszusprechen, Ernestine sei wahnsinnig geworden. – So unheimlich, grauenhaft war der Eintritt in unsre Wohnung, so traurige Vorbedeutungen kamen uns entgegen, daß ich, trotz meines Glückes, kein Vertrauen zum Leben, und Elisabeth keine sichere Heiterkeit gewinnen konnte.
Sonst fügten wir uns und genossen die Gegenwart und die Schönheit der Wälder und Berge. Mit den wenigen Gästen hatte uns auch die Tante verlassen, und wir konnten in froher Einigkeit uns in der schönen Einsamkeit genügen, wenn ich nicht bemerkt hätte, daß Elisabeth sich von ihrer Schwester zurückzog, so sehr es die Umstände nur erlaubten. Als ich sie darüber zur Rede stellte, sagte sie nach einigem Zögern: Liebster, ich fürchte mich vor ihr, die Ernestine ist boshaft geworden, wozu sie ehemals gar keine Anlage hatte. Wo sie mich ärgern, wo sie etwas verderben, ja selbst was Gefährliches herbei führen kann, so daß ich erschrecke, stolpere oder wohl falle, wenn von oben Steine niederstürzen, wie neulich die Gardine meines Bettes brannte, dem sie mit dem Licht zu nahe gekommen war, zeigt sie immer die größte Schadenfreude. Sie selbst hat es mir mit Lachen erzählt, daß man in der Provinz davon spreche, wie Reisende und Förster an einsamen Stellen, bei Mondschein und Morgendämmerung zwei Gespenster wollten wahrgenommen haben, die sie auch als schreckliche fratzenhafte Wesen beschrieben. Sie sei es nebst jener Prophetin gewesen, und sie wünsche nur, daß in einem Blatte der Vorfall erzählt würde, damit sie im Druck, mit ihres Namens Unterschrift, als Ernestine, Fräulein von Jertz, die Lüge von den Gespenstern widerlegen und aussagen könne, daß sie die eine Spaziergängerin war. Ist das alles nicht fürchterlich?
Liebes Kind, sagte ich jetzt, ich will dir vertrauen, wie ich glauben muß, sie sei wahnsinnig geworden. – Ist jede leidenschaftliche Bosheit etwas andres als Wahnsinn? bemerkte hierauf Elisabeth ganz richtig.
Wir verließen mit dem Herbst die Klausenburg, um das neue bequeme Haus zu beziehen. Denn zu meinem Erschrecken entdeckte ich eine Anlage zur Melancholie an meiner Gattin, für welche die Einsamkeit dort nicht heilsam war. Wir gingen einst durch die alten Zimmer, durch den ziemlich erhaltnen gotischen Saal, und indem unsre Tritte im einsamen Gemach widerhallten, zuckte meine Gattin plötzlich zusammen und schauderte. Ich fragte. O es ist grausig hier, sprach sie zitternd, ich habe das Gefühl, als wenn Gespenster unsichtbar hier umgingen. – Ich erschrak, und der Gedanke sah mich mit grauen Augen eines Ungetüms an: daß auch der Verstand meiner Elisabeth vielleicht wie der der Schwester möchte gelitten haben.
Als wir in dem neuen Hause am Eibensteige wohnten, vermißten wir oft Ernestine und erfuhren, daß sie in der Klausenburg und in den Ruinen des alten Schlosses verweile. Da es einmal zu dieser Mißhelligkeit gediehen war, hatte ich sowohl wie die Frau ein besseres Gefühl, wenn wir die Arme nicht bei uns sahen. Aber wie verschieden war mein Leben doch von jenem, wie ich es mir vorgebildet hatte, als ich um die Hand meiner Elisabeth warb!
Noch anderes häusliches Unglück geseilte sich zu unseren Leiden, um unsern Gram zu vermehren. Jenes Dokument, welches eigentlich mein Vermögen, mein Dasein begründete, jener Beweis, daß Summen bezahlt seien und ich noch welche zu fordern hatte, alle diese Akten und Papiere, die schon nach dem Tode des Grafen Moritz waren als Beweistümer in Anspruch genommen worden, diese wichtigen Blätter, die ich nach langem mühevollen Suchen wieder gefunden und die ich nur kürzlich noch in Händen gehabt hatte, waren verschwunden. Ich hatte sie immer aufmerksam behütet und verschlossen gehalten, ich hatte sie jetzt meinem Advokaten ausliefern und selber mit diesen höchst wichtigen Beweisen, die mir meine Güter frei machten und wieder schafften, nach der Stadt reisen wollen. Und sie waren fort, und wie ich dachte und sann, konnte ich weder ergründen, ja selbst keine Spur auffinden, wie es möglich gewesen, sie mir zu entwenden. Als ich endlich in meiner Herzensangst meiner Frau meine Sorge mitteile, ist sie scheinbar ganz ruhig und sagt mit kalter Stimme und Fassung: Und du kannst noch zweifeln? Ich kann es nicht. Ernestine hat einen Augenblick deiner Abwesenheit, des offnen Pultes, oder wer weiß welches augenblickliche Vergessen benutzt, um diese Papiere dir zu rauben.
Nicht möglich! rief ich im Entsetzen. – Möglich? wiederholte sie; was ist ihr unmöglich? – Da diese Dokumente fehlten, ging jener uralte Prozeß nur sehr langsam vorwärts, und ich konnte es mir selber sagen, daß ich ihn durchaus verlieren müsse, wenn es irgendeinmal zur Entscheidung käme. Ich benutzte daher eine Gelegenheit, als ihn die Gerichte selbst niederzuschlagen vorschlugen, um den wahren Bescheid auf künftige Jahre möglich zu machen. Ich konnte aber nicht unterlassen, Ernestine zu befragen und ihr meinen Verdacht mitzuteilen. Die Haare richteten sich mir empor über die Art und Weise, wie sie diese Anmutung, die jedes unschuldige Herz empören mußte, aufnahm. Als ich meine Verlegenheit überwunden und ihr die Sache vorgetragen hatte, fing sie so laut und heftig an zu lachen, daß ich alle Fassung verlor. Als ich mich gesammelt hatte und in sie drang, mir zu antworten, sagte sie mit schneidender Kälte: Mein guter Herr Schwager, hier sind, wie Sie selbst, trotz Ihrer Borniertheit, einsehen, nur zwei Fälle möglich. Entweder ich bin schuldig, oder unschuldig. Nicht wahr? Wenn ich den Raub begangen habe, so mußte ich durch wichtige Ursachen bewogen sein, oder durch Bosheit, oder was es sei, zu dieser Handlung gestachelt. Und dann sollte ich sagen: ja, ich habe es getan, nehmen Sie es doch ja nicht übel? Sie müssen selbst gestehn, das wäre dümmer als dumm. Wenn ich also blödsinnig wäre, hätte ich es vielleicht so ohne alle Absicht getan, um das Küchenfeuer damit anzuzünden, oder auch weil mir die roten Siegel gefielen, und ich spräche nun: da nehmen Sie die hübschen Papiere zurück, weil ich sehe, daß sie einen Wert für den liebwerten Herrn Grafen haben. Blödsinnig aber bin ich bis dato noch nicht, und wenn ich boshaft bin, so bin ich natürlich nicht so einfältig, die Sache einzugestehen. Oder aber, der zweite Fall, ich bin unschuldig. Und Herr Schwager, widersprechen Sie ja nicht, dann sind Sie der Gimpel, diese so ganz ungeziemenden Fragen an mich zu tun.
Ich konnte dem gespenstischen Wesen nichts antworten. Als ich in unsrer Einsamkeit jetzt gar nicht mehr meine Elisabeth beim Fortepiano beschäftigt sah, das ich eigens für sie vom Auslande hatte kommen lassen, und ich sie darüber zur Rede stellte, sagte sie klagend: Lieber, wenn ich nicht tödlichen Verdruß haben will, darf ich nicht mehr spielen. – Wieso? – Weil mir es Ernestine verboten hat. Sie sagt, in einem Hause, wo eine solche große Virtuosin wie sie selber lebe, könne sie nicht zugeben, daß irgend jemand anders auch nur einen Ton anzuschlagen wage. – Diese Anmaßung ging über alle Geduld hinaus. – Ich lief nach ihrem Zimmer hinüber und forderte sie im ironischen Tone auf, mir etwas vorzuspielen, da sie es andern schwachen Sterblichen nicht erlauben wolle, das Instrument anzurühren. Sie folgte mir laut lachend. Und es ist wahr, sie spielte mit solcher Meisterschaft, daß mein Zorn sich in Bewunderung und Entzücken verwandeln mußte. – Nun? sagte sie ganz ernsthaft, als sie geendigt hatte; das kann man in seinem Hause haben, den Genuß, nach welchem Kenner fünfzig Meilen herreisen würden; – und doch kann man sich auch mit jener Stümperei, diesem Hin- und Herklappen und Tapsen unfähiger Finger zufriedenstellen? O ihr Törichten und Aberwitzigen! Da schwatzen sie von Kunst, die Schäker, und meinen den Dunst, nur nippen können sie vom Himmelstrank, und das Wunder wird in ihren groben Händen zum Plunder und Zunder. Wenn mich nicht das Leben immerdar anekelte, wenn die Menschen mir nicht widerwärtig wären, würde ich gar nicht mehr zu lachen aufhören.
Seitdem spielte sie oft mit uns und erlaubte höchstens Elisabeth und mir, zu singen, obgleich sie behauptete, daß wir weder Schule noch Methode besäßen. So ging der Winter hin. Ich war schon arm und hatte die Aussicht vor mir, ganz zum Bettler zu werden, Elisabeth kränkelte, und mir war die Heiterkeit des Lebens verschwunden.
Es war fast eine Erleichterung unseres Daseins zu nennen, als mit dem nahenden Frühling Ernestine krank und kränker und endlich gar bettlägerig wurde. Sie ward, so wie ihre Krankheit zunahm, immer unleidlicher. Am meisten zürnte sie darüber, daß sie nicht nach der Klausenburg konnte, welche sie sehr lieb gewonnen. An einem warmen Tage ließ ich sie hinfahren, und sie kramte lange in den Gemächern, trieb sich lange zwischen den Ruinen und den Gesträuchen umher und kam uns dann viel kränker zurück, als sie uns verlassen hatte. –
Franz ruhte wieder eine geraume Zeit und fuhr dann so fort: Jetzt sah man wohl, daß die Arme nicht wieder aufkommen würde. Der Doktor meinte, er begriffe die Krankheit und den Zustand der Leidenden nicht, denn die Lebenskraft sei bei ihr so stark, daß alle jene Symptome, die sonst einen nahen Tod verkündigten, bei ihr sich nicht zeigten, und sie wahrscheinlich bald genesen würde. Aber nach einigen Tagen ließ er alle Hoffnung fahren.
Wir sahen eigentlich einer ruhigeren Zukunft entgegen. Wenn uns die Unglückliche auch dauerte, so konnten wir es uns doch nicht ableugnen, daß sie störend in unser Leben und das Glück unsrer Liebe hineingebrochen war. Wir hörten, sie liege im Sterben, und da sie beim Arzt und ihren Pflegern es sich eigens bedungen hatte, daß wir sie nicht belästigen sollten, so hatten wir uns ferngehalten. Jetzt verlangte sie plötzlich dringend, mich zu sehen, bedang sich aber dabei aus, daß die Schwester nicht zugegen sein dürfe. Ich ging hinüber und sagte, so wie ich eintrat: Liebe Freundin, Sie wollen gewiß so gut sein, mir jene Dokumente wieder auszuliefern, die Sie, um mich zu necken, aus meinem Pulte genommen haben. Sie sah mich bedeutend mit den sterbenden Augen an, die jetzt viel größer und verklärter als vormals leuchteten. In ihrem Blick war etwas so Seltsames, Leuchtendes, Grünfunkelndes, daß man nichts Entsetzliches, Unbegreifliches zu sehen braucht, wenn man dergleichen erblickt hat. Haben Sie, Schwager, sagte sie nach einer Pause, immer noch diese Narrenpossen im Kopfe? Doch freilich, lebt jeder so hin, wie er leben kann. Setzt Euch, Freund; fügte sie dann mit einer verächtlichen Miene hinzu, und ich ließ mich an ihrem Bett nieder.
Ihr glaubt, fing sie dann mit einem widerwärtig scharfen Tone an, ihr werdet mich jetzt los. O täuscht euch ja nicht, und schmeichelt euch nicht allzufrüh. Sterben, Leben, Nichtsein, Fortdauer. Welche unnützen und nichtssagenden Worte! Ich war fast noch ein Kind, als ich lachen mußte, wenn die Menschen sich so um ihre Fortdauer nach dem Tode ängstigten. Da schleppen sie Beweise auf Beweise zusammen und zimmern sie turmhoch hinauf, Wahrscheinlichkeiten und Wünsche, Bitten und Gebete, des Ewigen Barmherzigkeit und wie so manche gute liebe Anlagen in ihnen hier diesseits, wie sie es nennen, unmöglich ausgebildet, geschweige zur Reife gebracht werden könnten, – und alle die Anstalten nur, um ihre niederträchtige Feigheit, ihre Furcht vor dem Tode etwas zu beschwichtigen. Die Armseligen! Wenn ich mich sammle, mir nach allen Richtungen hin meiner vielfältigen Kräfte bewußt werde, und der Ewigkeit, dem Schöpfer und den Millionen Geistern der Vorzeit und Zukunft entgegenrufe: Ich will unsterblich sein! ich will! was braucht’s da weiter, und welche Allmacht kann einschreiten, um meinen ewigen allmächtigen Willen zu vernichten? Was braucht der Mensch, der irgend Besinnung hat, noch für eine andere Gewähr, daß er unsterblich und ewig sei? Wie, auf welche Art, – das ist eine andere Frage. Welch Possenspiel und welche Fratze, welcher bunte Haarbeutel, welch höckerartiges Labyrinth von Eingeweiden und Liebesorganen uns wieder eingesetzt wird, welche Etikette und Hofsitte von Häßlichkeit und Schönheit eingeführt mag werden, das steht dahin, da, ins Unendliche, Dumm-Weise, Geregelte, Abgeschmackte und ewig Tolle hinein wie alles. – Aber, ihr guten Freunde, wie meine eigene Kraft, ohne weiteres, mich unsterblich erhält, so kann dieselbe Stärke und derselbe Willenstrotz mich zu euch zurückführen, wann und wie oft ich will. Glaubt es mir nur, ihr Narren, die Gespenster, wie ihr sie nennt, sind nicht gerade die schlimmsten oder schwächsten Geister. Mancher möchte gern wiederkommen, aber er hat dort ebenso wenig Charakter als hier. Und du Ausbündiger, Schelmischer, Eitler, Liebenswürdiger, Talentreicher, du Tugendknospe, du Schönheits-Mäkler, – daß ich dich so innigst, innigst habe lieben müssen, müssen, trotz dem innersten Kern meiner Seele, der mir sagte, daß du es nicht verdientest, – dir glatthäutigem, gerade gewachsenem Menschentier werde ich immer, das kannst du mir glauben, ganz nahe sein. Denn diese Liebe, Eifersucht, diese Wut nach dir und deinem Atmen und deinem Gespräch wird mich nach der Erde hinreißen und das wird, wie sich ein Frommer ausdrücken würde, mein Fegefeuer sein. Also, ohne Abschied, auf Wiedersehn!
Sie reichte mir die kalte Totenhand. Als sie verschieden war, ging ich zu Elisabeth, hütete mich aber wohl, ihr von den tollen Fantasien der Verstorbenen etwas mitzuteilen, da ihre Nerven ohnedies schon auf ängstigende Weise aufgeregt waren und sie oft an Krämpfen litt.
Ich lebte jetzt mit meiner Gattin in stiller Ruhe und in einer ländlichen Einsamkeit, die wohl schön werden konnte, trotz unserer Verarmung, wenn ich nicht hätte bemerken müssen, daß die kränkelnde melancholische Stimmung Elisabeths im Zunehmen sei. Sie ward blaß und mager, wenn ich in ihr Zimmer trat, fand ich sie oft in Tränen. Sie sagte, sie wisse selbst nicht, was ihr fehle, sie sei immerdar gerührt, ohne sagen zu können weshalb, wenn sie allein sei, fühle sie sich so unheimlich, es sei ihr schrecklich, daß die Schwester in dieser wahnsinnigen Leidenschaft habe sterben müssen, und oft, wenn sie im Zimmer allein sitze, in die Kammer trete, sei es, als wenn Ernestine nahe stehe, ihr dünke, sie höre den Gang, sie spüre den Atem wehen, als wollten Blicke aus der leeren Luft dringen.
Ich beruhigte sie, ich war viel mit ihr, um sie nicht allein zu lassen, ich las ihr vor, wir gingen aus und besuchten zuweilen die Bekannten in der Nachbarschaft. Sie ward ruhiger, erholte sich, und ihre schöne Farbe begann allgemach wiederzukehren. Als ich einmal mich unwohl fühlte, und sie mir eine interessante Geschichte vorlas, indem ich behaglich auf dem Sofa ausgestreckt ruhte, sagte ich: Wie schön und wohlklingend ist deine Stimme, willst du denn nicht einmal wieder singen? Du hast seit langem alle deine Musikbücher nicht aufgeschlagen, dein Klavier bleibt auch verschlossen, und die schönen Fingerchen werden am Ende ganz ungelenk werden. –
Du weißt, antwortete sie mir, wie mir in den letzten Monaten die Schwester es geradezu verbot, Musik zu treiben, wir mußten ihrer Krankheit nachgeben und so habe ich mich wirklich entwöhnt. – Singe jetzt, rief ich, durch die Neuheit des Genusses wird er mir um so größer sein. – Wir suchten ein heitres, wohlgefälliges Musikstück aus, um dem Trübsinn ganz aus dem Wege zu gehn, und mit wahrhaft himmlischer Stimme ergoß Elisabeth die klaren lichten Töne, die beseeligend durch mein Herz gingen. Auf einmal stockte sie und fiel wieder in jenes heftige, krampfhafte Weinen, das mich schon so oft erschreckt hatte. Ich kann nicht, rief sie tief bewegt, alle diese Töne stehn wie feindselig gegen mich auf: immer fühle ich die Schwester ganz in meiner Nähe, ihr Gewand rauscht an dem meinigen, ihr Zürnen entsetzt mich. – Ich fühlte es deutlich, mein und ihr Leben sei gebrochen.
Unser Doktor, ein verständiger Mann, war zugleich unser Freund. Als sie ihm alle diese Gefühle, ihr Zittern und die Angst bekannte, die in ihrem Innern fast immerdar arbeiteten und ihre Gesundheit aushöhlten, wandte er alle Mittel an, um sie körperlich und geistig zu beruhigen. Sein redlicher und vernünftiger Zuspruch tat gute Wirkung, auch seine Medikamente schienen heilsam. So waren wir denn, als es Sommer war, viel im Freien. Wir waren zu einem Bekannten auf dessen Gut gefahren, und er hatte die Absicht, auf seinem Schlosse von Freunden und einzelnen Virtuosen ein musikalisches Fest zu geben. Meine Frau, deren großes Talent bekannt war, hatte sich anheischig gemacht, auch zu spielen und zu singen, denn sie war in der fremden Umgebung, geschmeichelt von vielen Männern und Frauen, einmal wieder in einer fröhlichen Stimmung. Mir war es um so lieber, da unser Arzt es mit zu den Vorschriften seiner Diät rechnete, daß sie allen diesen dunklen Gefühlen und dieser hypochondren Ängstlichkeit mit Gewalt widerstreiten müsse. Sie hatte sich vorgenommen, ihm Folge zu leisten. Recht heiter und vergnügt kehrten wir in unser Häuschen zurück. Elisabeth ging mit Eifer die schweren Musikstücke durch, und ich freute mich, daß sie auf diesem Wege ihre frische Jugend vielleicht wiederfinden möchte.
Nach einigen Tagen las ich einen angekommenen Brief, als plötzlich die Tür aufgerissen wird und mir Elisabeth totenbleich und wie sterbend in die Arme stürzt. Was ist dir? rufe ich, vom tiefsten Entsetzen ergriffen. Ihr Auge irrte wild umher, ihr Herz klopfte, als wenn es die Brust zersprengen wollte, sie konnte lange Atem und Stimme nicht wiederfinden. O Himmel! rief sie endlich, und jedes Wort war vom Ausdruck des Grausens begleitet, – drinnen, als ich mich übe, – ganz heiter gestimmt bin – zufällig werfe ich den Blick in den Spiegel – und ich sehe hinter mir Ernestine, – die mich mit jenem Lächeln, dem seltsamen, anschaut, die langen dürren Arme über der Brust gefaltet. Ich weiß nicht, ob sie noch dort ist, ich begreife nicht, wie ich hierher gekommen bin. –
Ich übergab sie ihrer Kammerfrau, sie legte sich zu Bett, nach dem Doktor ward eilig gesendet. Ich ging in das andere Zimmer hinüber. Die Notenbücher lagen unter dem Klavier verstreut, Elisabeth mußte sie im Schrecken heruntergerissen haben.
Was halfen Vernunft, Scherz und Trost, Diät und Medikamente gegen den vollendeten Wahnsinn? So sagte ich zu mir selber, und doch mußte ich jener Worte der Sterbenden gedenken, mit denen sie uns gedroht hatte.
Man hörte auf dem Schlosse, daß meine Frau krank geworden sei. Dies drohte das Musikfest zu stören. Die Frau des Hauses kam also mit einer Sängerin nach einigen Tagen selber zu uns, um sich nach dem Befinden Elisabeths zu erkundigen. Da wir nicht einmal dem Doktor von jener Erscheinung etwas gesagt hatten, die Elisabeth wollte gesehn haben, so sprachen wir noch weniger zu Fremden von dieser seltsamen Begebenheit. Meine Frau war wieder auf und hatte sich, dem Anschein nach, völlig von ihrem Schrecken erholt. Man erging sich also mit den Besuchenden in unserm kleinen Garten, sprach vom Fest, und endlich wollten sich die Baronin und jene Sängerin ein Gesangstück einüben, in Gegenwart meiner Frau, um ihren Rat anzuhören, wenn sie auch vielleicht nicht selber mitsingen könne. Wir kehrten also in das Zimmer zurück und da es schon spät geworden, wurden die Kerzen angezündet. Die Sängerin saß vor dem Klavier, um den Gesang zu begleiten; neben dieser rechts die Baronin vor dem Notenbuche; neben dieser, etwas rückwärts, hatte ich mich gesetzt, und meine Frau saß links, nahe an der Sängerin. Wir mußten im Duett die Stimme dieser sowie den Gesang der Baronesse bewundern. Die Musik ward immer lebhafter und leidenschaftlicher, und ich hatte es schon einmal verfehlt, das Blatt der Dame zur rechten Zeit umzuschlagen. Indem die Seite wieder zu Ende geht, legt sich ein langer, knöcherner Finger auf das Musikbuch, die Melodie bewegt sich fort, und das Blatt wird schnell und a tempo umgeschlagen. Ich sehe zurück, und die schreckliche Ernestine steht dicht an mir, hinter der Baronin. Ich weiß nicht, wie ich die Fassung behalte, prüfend, beinah kalt das entsetzliche Gespenst zu betrachten. Sie lächelte mich an, mit jener boshaften Miene, die auch im Leben ihr Gesicht so widerwärtig entstellen konnte. Sie war in ihrem gewöhnlichen Hauskleide, die Augen feurig, das Gesicht kreideweiß. Ich versenkte mich fast mit Genuß in ein dunkles Grauen, blieb stumm und war nur froh, daß Elisabeth die Erscheinung nicht bemerkte. Plötzlich ein Angstschrei, und meine Frau stürzt ohnmächtig nieder, indem der dürre Finger eben wieder das Notenblatt umschlagen will. Die Musik war natürlich zu Ende, meine Frau fieberkrank, und die Fremden fuhren nach dem Schlosse zurück. Sie hätten nichts Unheimliches gesehn und bemerkt. –
– Hier machte der Kranke wieder eine Pause. Der Badearzt sah mich bedeutsam an und schüttelte den Kopf. Und Sie haben, fragte er dann, auch jetzt Ihrem Doktor nichts von dieser Gespenster-Erscheinung gesagt?
Nein, erwiderte Franz, nennen Sie es Scham, Furcht vor seinem kalten und scharfen Menschenverstände, taufen Sie meine Schwäche, wie Sie wollen, genug, ich konnte es nicht über mich gewinnen, ihm diese Mitteilung zu machen.
Es war aber sehr notwendig, sagte der Arzt, denn wie konnte er ohne diese Nachweisung Ihre Krankheit richtig beurteilen?
Seit dem, fing Franz mit matter Stimme wieder an, war es so gut wie beschlossen, jene Gegend zu verlassen, weil wir hoffen konnten, daß uns das wilde Gespenst nicht jenseits der Berge und Flüsse verfolgen werde. Aber im Hause sahen wir sie nun oft, am meisten im Musikzimmer. An einem Morgen war der Doktor bei uns. Er setzte sich an das Klavier und spielte so in Gedanken hin einige Passagen. Plötzlich stand die Entsetzliche wieder am Sessel meiner Frau und legte dieser die dürre, kalte Hand auf die Schulter. Krämpfe, Ohnmachten waren wiederum die Folge.
Und hat sie Ihr Doktor diesmal auch gesehn?
Nein, sagte Franz, er hatte der Erscheinung den Rücken zugekehrt. Aber ich sah sie deutlich, am hellen Tage, und nachher wie oft. Es durfte einer nur die Tasten des Flügels berühren, so stand sie da, so daß es wie eine Citation war, einen Ton anzuschlagen. Als ich einmal wieder die alte Klausenburg besuchte, saß sie dort auf einem Stein und sah mich groß an. So verfolgt, geängstigt, in steter Furcht, in beständigem Schauder und Angst sind wir zum Tode reif geworden, und der Arzt hat uns endlich, selbst verzweifelnd und ohne Rat und Hilfe hierher gesendet, ob die hiesigen Bäder vielleicht unserer ganz zerstörten Gesundheit wieder aufhelfen könnten. Aber bis jetzt sehe ich auch noch nicht den mindesten Erfolg. Und wer steht uns dafür, daß das Gespenst sich auch nicht hier einmal zeigt? Sie will uns vernichten, und ihrem starken Willen ist das Unbegreiflichste möglich. Ich glaube, wir dürften nur es wagen, auch hier in dieser Entfernung ein Lied zu singen oder eine Sonate zu spielen, so stände sie wieder unter uns.
Dafür stehe ich Ihnen, geehrter Herr Graf, rief der Doktor jetzt mit fester Stimme aus, einem solchen boshaften Untier weiß unsre medizinische Polizei am besten die Wege zu weisen.
Wir sorgten jetzt dafür, daß der Kranke in einer Sänfte nach seiner Wohnung gebracht wurde, und ich begleitete den verständigen Arzt.
Und hiermit ist die Erzählung zu Ende? fragte Sidonie.
Sie haben Ihr Wort gelöst, teurer Freund, fing die alte Baronin an: jenes Grauen, das ich so gern habe, haben Sie erregt, und die Erzählung hat sich endlich wirklich zu einer Gespenstergeschichte gestaltet. Und Franz und Elisabeth? Sind sie gestorben? War noch eine Heilung möglich?
Es wird Zeit, schlafen zu gehen, fiel Blinden ein, sollte die Erzählung noch nicht ganz zu Ende sein, so machen Sie es nur kurz, lieber Blomberg.
Nein! noch nicht schlafen! rief die Wirtin mit liebenswürdigem Zorn, wir müssen nun noch eine Weile beisammen bleiben, um dieses Grauen zu überwinden und zu vergessen. Haben Sie, Baron Blomberg, noch etwas zu berichten, so lenken Sie wieder ein.
Ich bin zaghaft, sagte der alte Mann, den Schluß zu berichten. Doch es sei! – Indem ich durch die stille Nacht mit dem Badearzt durch die finstern Baumgänge dahinwandelte, sagte dieser: Geehrter Herr, wir sind beide so aufgeregt, daß wir doch jetzt nicht mehr schlafen können. Begleiten Sie mich auf mein Zimmer, ein kräftiger aromatischer Cardinal soll uns munter erhalten, und ich will Ihnen dort meine Gedanken über unsre beiden Kranken mitteilen, an deren Genesung ich jetzt, nach diesen Erzählungen, zum ersten Male glaube. Ich möchte versichern, daß ich sie nach zwei Monaten ziemlich gesund zurückschicken werde.
Ich erstaunte, denn ich hatte meinen Jugendfreund völlig aufgegeben. Das stark gewürzte Getränk machte uns völlig munter und der Doktor sprach: Diese Seelenkrankheit Ihres Freundes ist mir eine der interessantesten psychologischen Erscheinungen, die mir nur bekannt geworden sind. Er sowie seine Frau sind von einem seltsamen Wahnsinn befangen, und wenn es uns gelingt, diesen erst zu stören, dann zu schwächen und zu verdunkeln und endlich ganz zu vertreiben, so wird sich auch die körperliche Genesung ganz von selbst einstellen. – Ohne Ihren Freund früher gekannt zu haben, kann ich mir aus seinen Mitteilungen seinen Charakter und seine Schicksale genau und wahr konstruieren. Er ist von Natur ein guter, weicher Mensch, etwas zu weich, und wie alle Menschen dieser Art der Eitelkeit mehr als die stärkeren ausgesetzt. Er ist schön gewesen und liebenswürdig, hat Talente und Suada besessen und war so allenthalben willkommen, wo er sich nur zeigen mochte. Allenthalben beliebt und geschmeidig, mag er manchem schönen Kinde Kopf und Herz verdreht haben. Nun kam ihm seine schöne Gattin entgegen, er will sich zum Ehemanne umgestalten, und seine reizbare nervenschwache Frau freut sich, den liebenswürdigen, feinen Mann den ihrigen nennen zu können. Wie es den Schwärmenden immerdar ergeht, so auch hier. Sie finden das überschwengliche Glück in der Ehe nicht, welches sie erwartet haben, und eine leise Verstimmung legt sich über die zarten Nervensaiten, die mit Ungeduld neue Schwingungen erwarten. Die häßliche verwachsene Schwester empfindet, wie fast alle Personen dieser Art, Neid und Mißgunst gegen die vorgezogene, geschmeichelte und geliebkoste Braut und Gattin. Sie läßt deutlich ihren Widerwillen merken und gesteht, daß sie den jungen Edelmann hasse. Der liebenswürdige Herzensbezwinger setzt nun alle seine Künste daran, auch diese Widerspenstige zu überwältigen. Es gelingt ihm, und die arme Getäuschte glaubt wohl gar Empfindungen in ihm erregt zu haben, indessen er nur seine Eitelkeit einen Triumph feiern läßt. Diese Herzlosigkeit mußte die unglückliche Ernestine kränken und empören. Eine innere Wut verzehrt sie, sie wird ein Opfer ihrer unglücklichen Leidenschaft, und im Sterben spricht sie jene Drohung aus, die Ehegatten auf alle Weise zu verfolgen. Dies ist offenbarer Wahnsinn. Es ist eine schon alte Bemerkung, daß dieser oft im Blute steckt, und Verwandte, Brüder, Schwestern und Kinder davon ergriffen werden, wenn er sich in einem Glied der Familie manifestiert. So auch hier. Der zärtliche Graf ist wohl auch nicht so ganz verschwiegen gegen seine Gattin gewesen: sie kränkelt schon, sie brütet über Gedanken und schleicht mit neugieriger Aufmerksamkeit dunkeln Gefühlen ihrer Nerven nach, – was ist natürlicher, als daß sie bei der ersten Gelegenheit die mißgestaltete Schwester zu sehen glaubt? Die Angst der Frau teilt sich ihm mit, die böse Laune über Unglück hat seine Fantasie gesteigert, und er sieht ebenfalls die Gespenstererscheinung. So geht es denn fort, bis beide sich aus reiner Fantasie beinahe vernichtet haben. Zerstört man diese böse Einbildung, so werden sie gesund.
Liebster Doktor, erwiderte ich, ich kann nicht sagen, ob ich einen zu vorwiegenden Hang zum Aberglauben habe, aber Ihre Gründe genügen mir nicht. So vieles, was uns Sage und Schrift aufbewahrt, kann in diesem sonderbaren Gebiete, so vernünftig man sich auch entgegensetzt, nicht bloß Fantasie oder Erfindung sein. Es gibt wohl Stimmungen, Krankheiten, Nervenzustände, in welchen diesem oder jenem etwas sichtbar wird, was sich allen übrigen verhüllt. Was ist Geist? Was sollen wir uns bei dem Wort vorstellen? Ist uns die Eigenschaft, das Talent oder die Kraft bekannt, welche diese Millionen verschiedenartiger Seelen nach Abstreifung der irdischen Hülle besitzen? Was dieser und jener starke Geist durch Macht seines Willens, oder änstigende Reue, oder süß marterndes Heimweh für Möglichkeit findet, aus Imagination wieder eine scheinbare Hülle zu bilden, wie er sie vormals trug?
Und wenn Sie ganz recht hätten, was wäre damit für Sie gewonnen? rief der eifrige Doktor. Wenn ein Verstimmter, Aufgeregter etwas sieht, so sieht er ja doch nur immer seine eigene Fantasie, seine eigenen inneren Gestalten, die sich nun sichtbar vor sein körperliches Auge hinstellen. Das begegnet jedem zuweilen. Man hat am Morgen einen lebhaften Traum. Man erwacht plötzlich und sieht noch einen Augenblick das Kind, nach dem man sich sehnte, die Lilie oder Rose, an der man sich erfreute, den alten Freund, der hundert Meilen entfernt ist, vor sich. Es ist wohl noch nie vorgekommen, daß einem der vielen Geisterseher sein greiser Vater oder Großvater als Jüngling oder Bräutigam, der Mörder als Knabe in Unschuld, das wilde Gespenst einer alten Giftmischerin als blühende Jungfrau erschienen ist. Warum wechseln denn diese Gespenster nicht einmal ihre Gestalten?
Weil sie vielleicht, warf ich ein, ihre Imagination nur in ihrem letzten Zustande, der ihnen noch am nächsten liegt, ausprägen können.
Ah was! rief der ungeduldige Mann, geben Sie sich lieber ruhig gefangen, als daß Sie so unbehaglich im Netze zappeln. Helfen Sie mir lieber bei der Heilung Ihres Freundes.
Und die Art und Weise?
Nur durch etwas Gewaltsames kann ein glücklicher Anfang gemacht werden. Glauben Sie mir, in den innersten Tiefen unsers Gemütes wächst noch immer etwas von jenem Unkraut der Eitelkeit, von dem wir uns gerne weismachen, daß es nur in der äußersten Oberfläche, um zu wuchern, seinen Boden anträfe. Auch im Schreck, im Todesentsetzen, in marternder Krankheit kitzelt uns das Bewußtsein: du erlebst doch bei alle dem was Apartes, du siehst Erscheinungen, die dich ängstigen. Man geht weiter: man wünscht sie wieder zu sehn und lockt sie gleichsam hervor. Das schmiegsame, fügsame innere Wesen, die fast unbegreifliche Fantasie gehorcht, und wieder steht ein solcher Popanz vor uns. – Stehn Sie mir also darin bei, die Kranken zu überreden und zu stimmen, daß entweder im Zimmer des Grafen oder bei Ihnen Musik gemacht werde, schaffen wir ein Fortepiano an, und da die kranke Elisabeth nicht singen kann, so wird sie uns wenigstens eine Sonate spielen. Damit die beiden Wahnsinnigen keinen Skandal erregen, wenn sie vielleicht doch von ihrem Wirrsal befangen werden, so muß niemand Fremdes zugegen sein, nur Sie und ich und höchstens die Kammerfrau, falls die Gräfin sich doch wieder vergessen sollte. Es wird aber in meiner Gegenwart, da ich mein gesundes Auge allenthalben werde herumschweifen lassen, nicht geschehn. Dadurch werden die Kranken Sicherheit und Beruhigung gewinnen, und wir fahren dann jeden Tag fort und brauchen immer stärkere Mittel, um die irre Fantasie zu kurieren.
Und, wenn nicht, – sagte ich, mit fast furchtsamem Ausdruck.
Nun, beim Himmel, rief der untersetzte Mann mit lautem Lachen, wenn ich, ohne vorher etwas viel getrunken zu haben, etwas sehe, – nun so –
So?
So will ich ein Narr sein und bleiben, Baron, wie wir es denn, beim Licht besehen, alle von Hause aus schon sind.
So verließen wir uns, und es kostete viel Überredung, meinen angstvollen Freund dahin zu bringen, daß er zu diesem bevorstehenden Experiment seine Einwilligung gab. Die Frau war, zu meinem Erstaunen, viel leichter gewonnen. Sie sagte nicht unvernünftig: Ich fühle es, mein Leben ist beschlossen, alle Hilfe ist vergeblich, je näher der Tod, mir um so lieber. Kann ein neuer Schreck mich wie ein Blitz niederschmettern, um so erwünschter. Und tritt das Ereignis, das ich für möglich halte, gar nicht ein, nun so sind meine letzten Tage wenigstens von dieser Furcht und dem angstvollen Grauen befreit, ich kann mich unterhalten und zerstreuen, und in der Hand der Allmacht liegt es dann, ob ich und mein Gatte noch wieder Hoffnung auf Genesung fassen sollen.
Man setzte den dritten Tag für die Musik fest, und zwar die spätere Abendstunde, weil Elisabeth, wie so manche Fieberkranke, sich um diese Zeit am stärksten fühlte, sich auch dadurch die Nacht abkürzte, indem sie erst in der Regel gegen Morgen ihren Schlaf fand. Ein Fortepiano war also auf das Zimmer geschafft worden, mehr Kerzen als nötig waren brannten, auch die Schlafkammer, die unmittelbar an das Wohnzimmer stieß, war hell erleuchtet worden, damit kein rätselhafter Schatten sich irgendwo im Dunkel erzeugen könne. Im Wohnzimmer stand außer Sessel und Sofa noch ein eigentliches Ruhebett, auf welchem die Kranke sich oft bei Tage ausstreckte. Das Fortepiano war an eine Wand zwischen zwei Fenster gestellt, die die Aussicht auf Gärten und nicht gar ferne Weinhügel hatten. Nach dem Tee hatte man die Tür des Eingangs verschlossen und die Aufwärter und Diener für diesen Abend verabschiedet. Die junge starke Kammerfrau war zugegen, und wir alle ersuchten sie, sich ja recht munter zu erhalten.
Elisabeth saß am Flügel. Der Doktor stand seitwärts neben ihr, um sie und Zimmer und Schlafstube zugleich beobachten zu können, ich saß und stand abwechselnd auf der andern Seite der Kranken; Franz ging im Schlafrock und weichen Pantoffeln leise hinter der Spielenden hin und her, und die rüstige Kammerfrau lehnte an der offnen Tür des Schlafzimmers.
Elisabeth spielte erst matt, ungewiß und ängstlich. Bald aber riß sie die Schönheit der Komposition und das Bewußtsein ihres Talents hin, und sie trug mit Präzision und Feuer das humoristische, melodienreiche Werk vor.
Ihr Auge glänzte, ihre Wange rötete sich beim Spiel, und ein seelenvolles Lächeln schwebte auf dem vormals schönen Munde. Der Arzt warf mir triumphierende Blicke zu, und da die Räume so hell und heller wie am Tage waren, so konnte man Miene und Gesichtszug eines jeden deutlich erkennen. Alle lobten die Spielerin, und der Arzt, der sich vorbereitet hatte, gab ihr etwas zur Stärkung. Sie selbst war wie neugeboren und gestand, daß sie sich seit einem Jahr nicht so wohl gefühlt habe. Der leidende Franz war entzückt, und seine feuchten Blicke sprachen Hoffnung aus.
So ward denn, mit derselben Anordnung, zum zweiten Musikstück geschritten. Elisabeth spielte noch sicherer und leichter. Bravo und Applaus begleiteten sie, – da plötzlich – ließ sich ein entsetzlicher Aufschrei hören – wie soll ich ihn beschreiben? – nie war mein Ohr von solchem gräßlichen Ton zerrissen worden – erst nachher ward ich inne, daß Franz ihn ausgestoßen hatte – und – die Lichter brannten blau, aber doch blieb es hell genug – welch Schauspiel! Franz mit schäumendem Munde und weit hervorgetriebenen Augen hielt sich mit einem entsetzlichen Gespenst umfaßt. Er rang mit der dürren scheußlichen Gestalt. Du oder ich! schrie er jetzt, und sie umklammerte ihn mit den dürren Armen so fest, drückte den krummen verwachsenen Körper so fest an den seinigen, preßte ihr bleiches Antlitz so fest auf seine Brust, daß wir alle es hörten, wie in diesem Ringen seine Gebeine erkrachten. Die Kammerfrau war zu Elisabeth gesprungen, welche in Ohnmacht lag. Der Arzt und ich kamen herbei, als der Kranke das Gespenst wie mit Riesenkraft auf das Ruhebett niederwarf, welches von dem schweren Fall in seinen Fugen knackte. Er stand aufrecht. Wie eine Wolke, wie eine dunkle Decke lag es auf dem Bett und als wir nun ganz nahe traten, war auch jeder Schein verschwunden. –
Franz fühlte sich nun wie in allen Gebeinen zerbrochen, seine letzte Kraft war vernichtet, er war nach dreien Tagen verschieden, und der Arzt fand blaue Flecken auf Rippen und Brustbein. Sie erwachte aus ihren irren Fantasien nicht wieder und folgte zwei Tage später dem geliebten unglücklichen Gatten in sein frühes Grab. –
Nun? fragte ich den Arzt, als wir uns wieder vom Schrecken, der Trauer und der Betäubung etwas erholt hatten. Die Kur ist nicht geraten. Sie, der Kaltblütige, haben gesehn, wogegen Sie erst mit voller Überzeugung schworen. Ein Bild Ihres Innern oder des meinigen, da wir Ernestine nie gesehen haben, war es gewiß nicht: den Kranken sahen und hörten wir mit dem Gespenste ringen. Eine innere Fantasie hat ihm, dem Gestorbenen, gewiß Brust und Rippen nicht so erkrachen machen.
O mein schönes System! seufzte der Doktor; da entsteht nun eine schreckliche Lücke, ein herber Widerspruch mit allen meinen Überzeugungen und Erfahrungen, die ich wahrlich nicht zu versöhnen oder zu ergänzen weiß. Aber, mein teurer verständiger Freund, im Namen der Menschheit und bei deren Wohl beschwöre ich Sie, halten Sie ja die ganze Sache geheim, verschweigen Sie gegen jedermann die Geschichte, denn sonst eröffnen wir ja dem Aberglauben Türen und Tore. Der Menschheit und der Wissenschaften wegen müssen wir die seltsame Geschichte vertuschen.
So habe ich denn auch bis jetzt geschwiegen, denn dies ist das erstemal, daß ich Ihnen hier diese wunderbare Gespenstergeschichte erzählt habe.
– Es entstand eine lange Pause. Endlich sagte Graf Blinden: Und Sie haben wirklich die Sache so gesehn?
Wie ich sie erzählt habe, antwortete Blomberg, und das kann ich vor jedem Gericht, wenn es nötig wäre, beschwören. Aber, bester Graf, Gespenster kann man nicht unter die Lupe und das Mikroskop bringen und sie noch weniger sezieren und anatomieren. Ich sah das Gespenst, wie man es beschrieben hatte, auf dem Ruhebette war es nur noch eine unkenntliche Masse und bald darauf völlig verschwunden. Die Nutzanwendung und Moral der Sache überlasse ich andern, und ich selbst wünsche auch nicht, eine solche Erfahrung zum zweiten Male zu machen.
Ich könnte mich wohl entschließen, sagte der junge Theodor, mit dieser Geisterwelt in Verbindung zu treten, denn jede Erfahrung, die wir machen, bereichert unsre Seele, und eine so seltsame, denke ich mir, muß die merkwürdigsten Folgen erzeugen.
Gar keine, rief Blomberg, dergleichen bleibt ganz einzeln stehn und erklärt weder vorwärts noch rückwärts irgend etwas. Wer nicht ganz besonders zum Denken und Philosophieren ausgerüstet ist, hüte sich ja vor dem Konsequenz-Machen. Ein Einfall bleibt unschuldig oder geistreich, aber die schlimmsten aberwitzigen Systeme haben sich immer aus ganz richtigen Wahrnehmungen entwickelt. Eine stille fragmentarische Dummheit bleibt unschädlich, aber aus dem Besten, Wahrsten und Richtigsten haben geistreiche Männer wohl schon das Absurdeste durch strenge Konsequenz und logische Kunst hergeleitet.
Mag sein, antwortete Theodor, ich habe aber gewiß auch nicht unrecht, wenn ich behaupte, daß das Gelüst nach einer Bekanntschaft mit über- oder doch außerirdischen Wesen ein natürliches und verzeihliches sei, und ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, um auf irgendeine Weise in jene Zirkel eingeführt zu werden.
Theodor! rief jetzt Sidonie und erhob sich von ihrem Sitz, Sie werben um meine Gunst und um meine Hand. Ich darf es hier wohl gestehn, weil alle Welt es weiß. Sie haben mir immer eine Probe Ihres Mutes geben, Sie haben immer etwas für mich tun wollen. Sie wissen, die Sage geht, daß beim Vollmond in der Mitternacht es gefährlich sei, jene Eisenstange dort vor der Klausenburg anzuziehen, die ehemals mit der Glocke den Pförtner rief. Wir haben Vollmond, in zwei Stunden ist Mitternacht, versuchen Sie Ihr Heil, und wenn Sie morgen zurückkommen, so sollen Sie mindestens als Unterpfand jene Haarlocke empfangen, um welche Sie mich dringend gebeten haben.
Nicht mehr? sagte der junge Mann lachend; morgen in der Frühe sehn Sie mich wieder, nur beklage ich im voraus, daß ich nichts werde zu erzählen haben.
Er ging, weil die Zeit ihn drängte, denn die Ruine war fast eine Stunde entfernt. Als er das Zimmer verlassen hatte, sagte Anselm: Mich wundert’s, Blomberg, daß Sie in seiner Gegenwart diese Familiengeschichten erzählten: er ist ja durch eine Seitenlinie ein Neffe des letzten Grafen Franz, und wenn der so lange schwebende Prozeß zu seinen Gunsten entschieden, wenn jenes verlorene Dokument sich wieder finden sollte, so würde er die bedeutenden Güter erben und ein reicher Kavalier sein.
Blomberg schlug sich mit der flachen Hand heftig vor die Stirn und rief aus: O verdammte, verdammte Vergeßlichkeit! Darum wurde er auch einigemal so nachdenkend. Freilich mag ihn dieses und jenes verletzt haben, doch kommt in allen diesen Erzählungen nichts vor, was ihn beleidigen konnte. – Ja, er könnte reich werden, wenn jene dunklen Punkte sich aufklärten. Aber er wird es auch ohnedies in seiner jetzigen Stellung. Die Minister und der Fürst selbst zeigen dem jungen Mann das größte Vertrauen, und ohne Zweifel wird er es weit bringen.
Man sprach noch hin und her, und Anselm vorzüglich war in eifrigen Gesprächen mit Sidonie. Es fiel den übrigen nicht auf, weil er für eifersüchtig und für den Nebenbuhler Theodors galt. Anselm verließ das Schloß, und die übrigen begaben sich ohne Furcht zur Ruhe und in ihre einsamen Kammern, weil sie durch die letzten Gespräche wieder gehörig waren abgekühlt worden.
In jenem neuern Hause am sogenannten Eibensteige, welches Franz und seine kranke Gattin einige Zeit bewohnt hatten, hielt sich jetzt der alte Förster Matthias auf, welcher schon seit zwei Jahren an der Gicht erkrankt fast immer auf seinem Bette lag. So lange war es ungefähr, daß Theodor durch die Gunst des Erbprinzen seine Stelle als Oberjägermeister oder Vorstand aller Forsten im kleinen Lande erhalten hatte. Diesen bequemen Platz, wo das Geschäft des Alten ohne Nachteil von jungen Burschen besorgt werden konnte, hatte Theodor dem Kranken aus Wohlwollen gegeben, damit er und seine Tochter Hannchen ohne Not und Sorge leben könnten.
Hannchen war fast immer mit dem Vater beschäftigt. Bald sang sie ihm etwas, bald las sie ihm vor, dann erzählte sie ihm Geschichten oder was sie erfahren hatte, sie bereitete selbst die Speisen, die seine Krankheit notwendig machte, und zeigte ihm immerdar, um ihn zu zerstreuen, die größte Heiterkeit, wenn sie auch selbst an einem stillen Kummer litt.
Jetzt war, weil der Vater schon schlief, im andern großen Zimmer ein junger Mann bei ihr, der sie fast täglich besuchte. Eine Meile von dort war ihm durch Theodor eine einträgliche Försterstelle geworden, und früher hatte er bei Matthias, Hannchens Vater, die Jägerei erlernt.
Ich kann nicht fort, sagte er jetzt, bevor Sie mir nicht, liebes Hannchen, ein freundliches Wort gesagt haben.
Lieber Herr Werner, antwortete Hannchen, ich bin Ihre wahre Freundin, Sie haben es selbst gesehn, wie ich mich über Ihre Beförderung, über jene einträgliche Stelle gefreut habe, die Sie schon, so jung noch, verwalten; die ansehnliche Erbschaft, die Ihnen neulich zufiel, macht mich glücklich. Was wollen Sie mehr?
Sie wissen es recht gut, sagte der Jüngling. Aber freilich, ich weiß es wohl, ich begreife es auch, daß Ihr Herz immer noch dahin hängt, so unrecht, undankbar, ja schlecht sich auch der junge Mann gegen Sie und Ihren Vater benommen hat.
Hannchen war glühend rot geworden und rief jetzt im Unwillen: Ludwig! Sie machen mich böse. Graf Theodor ist edel, mein Vater hat ihm alles zu danken, er hat auch Ihr Glück gegründet. Nein, mein Freund, wir müssen nicht ungerecht sein. Es gibt Dinge im Leben, die wir Schicksal nennen müssen. Ich kann mich über den jungen Grafen nicht beklagen, als daß er liebenswürdig ist und mit süßen Reden, Blicken und seiner Anmut mein junges unerfahrenes Herz verstrickte und verwundete. Er hat mir niemals mit ausdrücklichen Worten gesagt, daß er mich liebe, noch weniger hat er um meine Hand geworben. Er war oft hier, immer freundlich, zutätig; nachher ist er weggeblieben. Weshalb soll ich denn also auf ihn schelten?
O liebes Hannchen, rief der Jüngling aus, Sie führen seine Verteidigung nur schlecht. Braucht ein Mann von Ehre das Wort gerade auszusprechen, wenn er weiß und fühlt, was recht ist und sich geziemt? Einen solchen bindet ein bedeutender Blick, ein zärtlicher Händedruck, ein Seufzer und ein zartes Gedicht weit mehr als den trocknen Alltagsmenschen ausgesprochenes Wort und Schwur. Die Liebe zweier edlen Wesen ist keine Verhandlung.
Er ist Graf, sagte das Mädchen, und ich eine Bürgerliche.
Um so schlimmer, rief Ludwig, desto mehr mußte er sich zusammennehmen, damit seine Zärtlichkeit und scheinbare Hingebung keine Wünsche und Hoffnungen erregte. Ich habe es ja selbst mit angesehen, wie er mit Ihnen umging. Wie ein Bräutigam mit seiner Braut, und zwar mit einer solchen Ergebung, als wenn Sie die Vornehme und er der einfache Bürgersmann wäre. Er hat Ihnen Briefchen, Gedichtchen zugesteckt, er hat Ihre Liebe und Zuneigung nicht mißverstehen können. Sehn Sie, darum bleibe ich bei meinem Satz, er hat schlecht an Ihnen gehandelt.
Sie wollen mich durchaus zum Weinen bringen, sagte Hannchen, und dann sagen Sie doch wieder, daß Sie mir gut sind.
Weil ich Ihnen gut bin, rief Ludwig, so übermenschlich gut, daß ich es in ordinäre Worte gar nicht fassen kann. Das ist ja eben mein Elend, daß ich meine Reden nicht so zu setzen weiß wie der Herr Theodor. Und warum, weshalb hat er Ihr schönes Herz so leichtsinnig aufgegeben? Nicht aus Hochmut, nein, so schlecht will ich von ihm nicht denken, sondern aus einer elenden Schwachheit. Ja freilich wird daraus unser Schicksal zusammengeflochten, unsre Strafe, unsre Geißel, wenn wir jedem Gelüste nachgeben, wenn wir uns von jedem Schimmer blenden lassen. Böse wird sie es ihm danken, die Kokotte, die ihn mit ihrem schönen Angesicht und den blonden Locken so gefesselt hat, so den Verstand und die Augen benebelt, daß er nicht mehr aus und ein, und nicht mehr Weiß von Schwarz zu unterscheiden weiß. Und diese Sidonie, – diese Falsche – sie kann keinen Menschen lieben. Erst hat sie sich mit dem Baron Anselm herumgeschleppt, im vorigen Jahre, wie sie auch zum Besuche hier war, nun ist ihr der nicht mehr gut genug. Vom Grafen Theodor denken alle, daß er noch einmal eine große Rolle spielen wird, darum muß der jetzt mit ihr den Vortanz halten.
Man sagt ja, fiel Hannchen ein –
Ja, es heißt, sagte Ludwig, die Verlobung würde bald erklärt werden. Wenn nicht unterdes ein noch Vornehmerer sich meldet. Nun Glück zu! – Und Sie, Hannchen, Sie verschmähen ein ehrliches, treues Herz, weil – ach! ich weiß nicht, was ich rede.
Wie kamen Sie nur heut von jener Seite? fragte Hannchen, um nur ein anderes Gespräch auf die Bahn zu bringen.
Ich hätte bald den Hals gebrochen, sagte Ludwig halb lachend. Sie wissen ja, wie mich die schöne Sidonie manchmal zum Botenlaufen braucht oder mißbraucht. Und ich bin ebenso ein Narr wie der Theodor, daß ich ihr so in allem Folge leiste. Aber es ist wahr, wenn sie einen so bittend ansieht, so kann man ihr nichts abschlagen. Ich hatte schon einen Brief für sie, einen wichtigen, wie es hieß, von einer alten Bürgersfrau da unten im Städtchen, was dort im Grunde liegt, ein einsames fatales Nest. Weiß der Henker, was die alte und junge Hexe für Geheimnisse miteinander haben und warum ich mich zum Zwischenträger brauchen lasse. Aber kurzum, wie ich den Brief hinaufbrachte, bat Sidonchen so schön und sagte, sie könnte sich keinem als mir allein anvertrauen, und dieser Gang nach dem dummen Städtchen sollte auch mein letzter Gang sein. So läßt man sich denn immer wieder beschwatzen, und ich nehme ihren Brief an, das Antwortschreiben an die alte Gertraud. Die Schöne sagt mir denn so mit ihrem allerliebsten Lächeln recht viel Süßes, daß sie wohl wisse, wie sie mich nicht belohnen könne, wie es schimpflich sei, mir, dem wohlhabenden Manne, etwa Geld anzubieten, sie wolle mir bei Gelegenheit eine Börse stricken oder mit eignen Händen eine schöne Weste sticken, wobei ich ihrer gedenken solle, und so weiter. Kurz, ich ging in dem schlechten Regenwetter und bei dem Winde, und ärgerte mich nur der fatale weite Weg, der an manchen Stellen, wenn es regnet, grundlos ist. Da fiel mir denn ein, daß, wenn man den Wald und die Klippen hinter dem alten Nest, der Klausenburg, hinaufklimmt, man zwei ganze Stunden näher geht, auch von dort aus, über den Hochwald, auf den Fußsteigen die Wege steiler, aber besser sind, als dort unten im Moorgrunde. Gedacht, getan. Ich renne hier vorbei, und da der Regen wieder anfängt, ist es mir lieb, hinter der alten Klausenburg mich durch den Wald und über die alten Steine hinweg, emporzuquälen. Aber der Buchenwald schützte mich doch ziemlich vor dem Regen. Nun war es schon finster geworden, da wir aber Mondschein haben, war mir Tag und Nacht gleich. Wie ich nun oben bin, tritt der Teufel selbst sichtbar auf mich zu.
Was sagen Sie, Ludwig? sagte Hannchen betreten.
Nun, nun, antwortete er, das heißt nur: so zu sagen; es ist nur so eine Redensart. Denn wie ich da droben stand und mich unter einer Buche vor dem Regen niederduckte, fiel mir ein: Hannchen ist nicht glücklich, Hannchen wird mich doch vielleicht niemals lieben, sie hängt nun einmal an dem Theodor. Wie nun, wenn ich diesen Brief Sidonies, die verdächtige Korrespondenz, dem jungen Grafen auslieferte? Vielleicht, daß er die schöne Verführerin dann fahren ließe und zu meinem Hannchen zurückkehrte. Sehen Sie, solche verteufelte Einfälle hat der ehrlichste Mensch auch zuzeiten. Aber, dachte ich wieder, wenn das Schreiben nur Liebes und Gutes enthält, das ihr wohl gar Ehre macht? Und wird er als Edelmann wohl den Brief so geradehin aufreißen? Vielleicht wenn er ihn ungesehn so auf der Straße fände, aber nicht, wenn er ihn aus meiner Hand bekommt, und ich nun sein Mitwisser bin. Er läuft mit dem Schreiben vielleicht so gerade zur Sidonie hin und sagt ihr, welch ein Spitzbube ich bin. Ja, ja, zur Schelmerei gehört auch Geschick und wenigstens eine Art von Sicherheit, daß sie zum Ehrlichen hin ausschlagen könnte. Freilich also, wenn ich wüßte, was in dem fatalen Brief stünde, dann wäre es eine ganz andere Sache. Wenn der Herr Theodor dadurch etwas recht Boshaftes erführe, wenn sich ein Komplott entdeckte, – wenn – wenn – und mein Seel, da nesteln meine Finger schon an dem Siegel herum, und ich bin auch ganz nahe daran, das Petschaft entzweizubrechen.
Herr Werner! rief Hannchen, vor Schrecken blaß geworden; ein versiegelter Brief! Von einer Person, die gerade in Sie so großes Zutrauen gesetzt hatte. Vielleicht in einer wichtigen Sache. Der Sie versprochen hatten, alles genau zu besorgen.
Sie haben ganz recht, herziges Kind, erwiderte der junge Mann. Der Teufel selbst ist manchmal in einer ehrlichen Laune und reißt in eigner Person das Handgeld dem armen Sünder und Höllen-Rekruten wieder weg. So machte er es mit mir. Mit einemmal lag neben dem roten Siegel, hart an meinem Finger ein dürrer, dessen Totenkälte ich fühlte. Wie ich aufsah, stand ein abscheuliches häßliches Weib vor mir, bucklig, mit grünen Augen und verzerrten Mienen. Diese hob jetzt ihre langen dürren Arme drohend gegen mich auf und schrie: Was machst du da, mein Sohn? – Ich bin nicht Euer Sohn! rief ich in Schreck und Bosheit, was wollt Ihr von mir?
Brief aufbrechen? schrie sie wieder und faßte mich an. Ich wehrte mich und stemmte mich gegen einen Baum. Nun ward es mir deutlich, daß sie mir selber den Brief wegnehmen wollte, und sie hatte ihn schon in ihrer klapperdürren Hand. Aber ich wehrte sie gewaltig ab, und so rissen wir uns hin und her, so daß der Brief dabei zu Schaden kam, ich fühlte, wie er aufgegangen war, und mit einemmal raschelte das Blatt hinunter in die alten Ruinen der Klausenburg hinein, denn über dieser standen wir dicht und hart am Abgrund in unserer Balgerei. So wie ich mir noch das freche Weibsbild recht ausschelten will, ist sie auch schon auf und davon. Ich kann nicht begreifen, wo sie geblieben ist, so daß ich fast wie der gemeine Mann daran glauben möchte, daß dort Gespenster umgehn. Nun liegt der aufgerissene Brief da drunten, wer weiß zwischen welchem Stein, Moos und Gras; morgen früh bei Tage will ich nur gleich in das alte Schloß und nachsuchen. Finde ich ihn nicht, so muß ich alles der Sidonie bekennen, oder auch, wenn ich ihn so aufgerissen wieder antreffe.
Aber, lieber Herr Werner, Sie lesen ihn dann nicht; nicht wahr?
Gewiß nicht, Hannchen, sagte der junge Mann, Sie haben ganz recht, und ich bleibe immer nur ein unnützer Bursche. – Nun will ich also dahinten in der Waldschenke übernachten, damit ich morgen früh genug auf den Beinen bin.
Man hörte aus dem innern Zimmer eine Klingel. Mein Vater bedarf meiner Hilfe, sagte das Mädchen: der Himmel geleite Sie, lieber Ludwig.
Schlafen Sie gesund, sagte der Bursche: ich sehe wohl, daß Sie mir niemals gut werden können. Die letzten Worte sagte er, indem er schon in der Türe war.
Nachdenkend und von seltsamen Empfindungen bewegt, war Theodor unten am Fuße des Schlosses angelangt. In diesem Zusammenhange hatte er noch niemals die seltsame Geschichte seiner Vorfahren und Anverwandten gekannt. Seine Jugend ging noch einmal in seinem Gemüte auf, und mit Trauer und Bangen dachte er an seine Zukunft. Nun fiel ihm wieder ein, wohin er gehe und weshalb, und diese Aufgabe, welche ihm eine verehrte Geliebte zugeteilt hatte, erschien ihm lächerlich und läppisch. Vielleicht, sagte er zu sich selbst, hat sie Menschen dorthin gesendet, die mich erschrecken sollen, denn ihrem Leichtsinn und Übermute ist alles möglich. Sie will mich wohl gar dem Spott eines Anselm preisgeben, jenem Widerwärtigen, mit dem sie immer so viele Geheimnisse hat, selbst dann, wenn sie mir schmeichelt und freundlich gegen mich ist. Ich muß mich gegen alles waffnen.
Die Nacht war seltsam wechselnd. Bald hell, bald finster: die Wolken jagten sich durch den Himmel, sanken bald in die schwarzen Wälder an den hohen Bergwänden hinein, bald erhoben sich von der andern Seite neue mächtige Rauchsäulen, um als Wolken emporzuschweben. Oft trieb der Regen, dann stürmte der Wind, und nun trat wieder eine sanfte, feierliche Stille ein. Sollte dies ein Bild von meinem Leben sein? fragte sich Theodor. Mein Wunsch war immer, recht einfach dahinzuwandeln, mir und wenigen Vertrauten genügend, ohne Furcht und ohne ausschweifende Hoffnung, – aber freilich, dann hätte ich nicht in den Zauberkreis dieser Sidonie geraten müssen. Sie wird vielleicht mein Leben glänzend, aber auch stürmisch machen.
In den Erzählungen dieses Abends war er aber auch an jenes Haus am Eibensteige gemahnt worden, in welchem er so viele glückliche Stunden verlebt hatte. Ihn quälte die Erinnerung an das einfache liebenswürdige Mädchen, und er konnte mit sich nicht einig werden, ob er ihr Unrecht getan habe oder nicht. Aber schon dieser Zweifel, sagte er, beweist dann, daß ich sie in ihrem schönen Vertrauen verletzt habe.
Er war jetzt der Wohnung Hannchens nahe gekommen. Der Himmel hatte sich wieder verfinstert. Er sah das Licht durch ihre Fenster glänzen. In dieser Einsamkeit, die den fernen Anwohnern des Gebirges, den Förstern, Jägersmännern und Bergleuten so sicher schien, verschloß man die Häuser nicht ängstlich, und so hatte auch Hannchen die Läden vor den hohen breiten Fenstern, die tief zum Fußsteig niedergingen, nicht vorgeschoben. So stellte sich Theodor dicht an das Fenster und verwunderte sich darüber, daß das Mädchen noch nicht zu Bett gegangen sei. Er sah in die wohlbekannte Stube hinein, alles drin war noch so, wie sonst, Sessel und Armstuhl, Tisch und Schrank standen noch an derselben Stelle, und er sehnte sich mit Rührung und süßem Schmerz in diesen behaglichen Raum hinein. Es stand nur ein Licht auf dem alten runden Tisch von Eichenholz, und die Schnuppe war lang und finster, denn Hannchen saß am Tische und achtete, tief versunken, nicht darauf, das Licht zu putzen. Theodor ergötzte sich an dem lieblichen Bilde, das wie ein schönes Gemälde von Schalken sich ihm zeigte. Die ganze Stube war finster, und nur ihre Figur und ein kleiner Raum in ihrer Nähe mäßig erleuchtet. Sie hatte sich schon zu Bett legen wollen und war halb entkleidet, der schöne weiße Busen zeigte sich halb, und lange volle Flachshaare schwebten herab und verdeckten Schulter und Hals auf der einen Seite: das feine Händchen hielt, mit dem Ellenbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf und die gekrümmten Finger hatten sich in das dicke, niederfließende Haar verwickelt. Sie las eifrig ein Blatt und war so vertieft, daß sie darüber die Finstre des niedergebrannten Lichtes nicht bemerkte. Noch nie war die Gestalt, das Angesicht und der Ausdruck des Mädchens dem Jüngling so schön erschienen, aber zugleich mit dieser liebenden Bewunderung empfand er eine seltsame Eifersucht, denn er hatte von dem Werben Ludwig Werners gehört und war überzeugt, daß dieses Blatt, in welchem das liebe blaue Auge so vertieft war, ein zärtlicher Brief ihres Verlobten war. Indem warf eine Sturmwolke einen Regenguß plötzlich nieder, und er klopfte mit der Hand an die Scheibe. Sie erschrak, und ihr erstes war, das teure Blatt tief in ihrem Busen zu verbergen, dann warf sie die schimmernden Haare durch eine heftige Bewegung des Kopfes zurück, band schnell das Mieder zu und eilte an das Fenster. Lassen Sie mich nur auf einen Augenblick ein, rief der junge Mann, bis dieser Regenguß vorüber ist, ich will Sie dann nicht länger beunruhigen. – Sie verschwand und öffnete die Haustür. Als sie in das Zimmer getreten waren, sagte sie, die Hände im Erstaunen zusammenschlagend: Ei, lieber Gott! Graf Theodor wieder einmal in unserer Stube! Sie ging an den Tisch, um das Licht zu putzen, und Theodor sah sich allenthalben um, betrachtete die Flinten an der Wand, die alte Uhr und setzte sich dann gedankenvoll an den Tisch. Er konnte wohl bemerken, wie aufgeregt Hannchen war und in welcher Bewegung sie sich befand. Setzen Sie sich zu mir, Sie herzlichstes Kind, sagte er zu ihr, so gut ist es mir lange nicht geworden. Sie wußte nicht, was sie antworten sollte, und diese kindliche Verlegenheit machte ihre Erscheinung noch lieblicher. Theodor rückte ihr näher und faßte ihre Hand mit der seinigen. Sie zittern ja, Hannchen, sagte er dann. – Es ist kaltes Regenwetter, antwortete sie und schon tief in der Nacht. – Jawohl, und Ihnen graut wohl manchmal hier in der Einsamkeit, fuhr er fort: geben Sie mir das andere liebe Händchen auch. So hielt er kriegslistig die beiden Hände des Mädchens in seiner starken linken Hand, und indem sie ihn mit fragenden Blicken ansah, griff er nach dem Blatte, das so schön verwahrt war, entfaltete es und las. – O Theodor! sagte das schöne Kind weinend, das war sehr, sehr unrecht von Ihnen. Sie ging weit von ihm weg und setzte sich in den fernsten Winkel, das Köpfchen mit ihren Händen bedeckend. Aber wie ward ihm, als er jetzt eins seiner Gedichte las, die er vor einem Jahre im Frühling einmal dem unschuldigen Mädchen in einer traulichen Stunde gegeben hatte. Er sah es wohl, wie oft das Blatt war gelesen worden, einige Buchstaben waren halb verlöscht, vielleicht von Tränen, vielleicht auch weggeküßt, und er selbst ließ jetzt, von plötzlicher Rührung gewaltsam ergriffen, eine große Träne auf das Blatt fallen.
Er riß die Uhr heraus und sah, daß er nun, sein wunderliches Versprechen zu erfüllen, eilen müsse. Er sprang auf, ging zu Hannchen, gab das Blatt ihrer zitternden Hand zurück und sagte dann mit der zärtlichsten Stimme: Bitte! bitte! nicht böse. Sie stand auf und sah ihn mit weinendem Auge durchdringend an. Er konnte sich nicht bezwingen und nahm sie in die Arme und drückte einen herzlichen Kuß auf ihre Lippen, dann, ohne ein Wort zu sagen, eilte er hinaus und rannte auf dem Fußsteige fort, um zu rechter Zeit vor der alten Pforte der Klausenburg anzulangen.
Indem er davor stand, hörte er unten im tiefen Tale die Glocke des Dorfes zwölf schlagen. Er zog gedankenlos an dem Eisendrahte, der wie verhöhnend aus alter Zeit an der moosbewachsenen Mauer niederhing. Aber er kam auf unerwartete Weise zum Bewußtsein, denn ein sonderbarer Ton erklang laut gellend im Innern, das Getön hallte noch in die Ferne hinein, aus dieser erwachte eine zweite Glocke, und nach dieser noch entfernter eine dritte, alle so seltsam geisterhaft, daß ihn ein Schauer erfaßte.
Jetzt öffnete sich das Tor, er trat hinein: ein altes gebücktes Mütterchen stand mit einer Laterne da, er schritt in den Hof, und das Tor ward hinter ihm wieder verschlossen.
– Theodor kam aber am folgenden Tage nicht auf das Schloß zurück. Es schien, als wolle er alle Verbindung mit seiner bejahrten Verwandten, der freundlichen Baronesse, ganz aufgeben, denn er ließ sich dort in mehreren Wochen nicht erblicken. Dagegen fiel ganz unerwartet eine große Veränderung mit Sidonie vor. Sie hatte, wie man glaubte, von Theodor schon am folgenden Morgen ein großes Briefpaket erhalten. Sie erbrach es in Gegenwart der übrigen Gäste und war schon nach dem ersten flüchtigen Anblick der Blätter außer aller Fassung. Dies mußte um so mehr auffallen, da sie sonst in allen Lagen des Lebens einen unerschütterlichen Gleichmut bewiesen hatte. Sie war jetzt so erschüttert, daß sie ohne allen Vorwand die Gesellschaft verließ und sich in ihrem Zimmer verschloß. Die Tante war so neugierig, wie sie noch nie gewesen war, um zu wissen, was diese außerordentliche Veränderung der Nichte habe verursachen können. Blinden war gleichgültig und Blomberg, welcher den Zusammenhang zu ahnen schien, wollte keine Vermutung oder Meinung von sich geben.
Sidonie hatte in größter Eile einen reitenden Boten abgesendet, ohne zu sagen, wohin. Er mußte aber, so sah man, zu Anselm geeilt sein, weil dieser sich schon vor Tische einstellte und lange mit Sidonie, obgleich das Wetter nicht angenehm war, im Garten am Abhänge des Berges in den lebhaftesten Gesprächen auf und nieder wandelte und sich endlich sogar mit ihr in den alten Pavillon begab, der wegen seiner Baufälligkeit sonst nicht gern besucht wurde. Nach zwei Tagen verließ Sidonie in Begleitung des Grafen Blinden der noch einmal die Rolle des Vormundes übernehmen mußte, mit Anselm das Schloß, und kaum war eine Woche verflossen, so meldeten beide ihre Verlobung und Vermählung. Sie verließen aber die Landschaft und kauften sich in einer weit entlegenen Gegend an. Auch erfuhr man, daß aus jener kleinen Stadt, welche abseits im Tale lag, eine alte Frau ihnen gefolgt war, welche die Verpflegerin eines kleinen einjährigen Kindes gewesen, dessen Herkunft niemand wußte.
So gab es in der Provinz viel über jene so auffallenden Veränderungen zu reden. Auch Graf Theodor gab Stoff zum Verwundern. Er hatte jene verschwundenen Dokumente aufgefunden, und eine reiche Erbschaft war ihm zugefallen. Beim regierenden Fürsten galt er mehr als je, sein Gehalt war vermehrt und ihm ein größerer Wirkungskreis angewiesen worden. Mit dem Erbprinzen war er ebenfalls inniger befreundet, und beide Fürsten lobten ihn, daß er sein Verhältnis mit Sidonie so bestimmt und schnell aufgelöst habe. Der alte Herr war besonders darüber erfreut, daß die verdächtige Schöne das Land ganz verlassen hatte, weil es ihr schon einmal gelungen war, seinen Sohn durch ihre Reize zu fesseln. Das Erstaunen der kleinen Provinz stieg noch höher, als Graf Theodor, nachdem alles beseitigt war, seine Vermählung mit einem armen und bürgerlichen Mädchen erklärte, und Hannchen, die Försterstochter, auch vom wohlwollenden Regenten mit Gnade aufgenommen wurde.
Dieses schöne liebende Gemüt wurde für ihre Treue durch die höchste Glückseligkeit überrascht und über alle ihre Wünsche und Träume durch die Wirklichkeit erhoben. An jenem Abend, als Theodor seine ehemalige Geliebte noch so spät besuchte, hatte er gefühlt, wieviel er vormals an diesem reinen Herzen, an diesem kindlichen Wesen besessen hatte.
Nach zwei Monaten kam Graf Theodor mit seiner jungen Gemahlin wieder auf das Schloß der alten Baronin, um einige Wochen bei ihr in der schönen Gebirgsgegend zu wohnen. Er fand nur den alten gutmütigen Blomberg bei ihr. Die alte Verwandte behandelte das schöne liebenswürdige Hannchen mit der zärtlichsten Freundlichkeit, und Blomberg war über die Wendung entzückt, welche das Schicksal seines Freundes Theodor genommen hatte.
Da wir nun hier im vertrauten Kreise sitzen, fing der Alte an, da es wieder Abend geworden ist und kein Bedienter und noch weniger ein Besuch uns jetzt stören wird, so könnten Sie, mein Freund, uns wohl mitteilen, was Ihnen in jener Nacht, als Sie uns verließen, in der Klausenburg begegnet ist, oder ob Ihnen gar nichts zustieß, das der Rede verlohnte. Doch will mich bedünken, als habe jene Nacht Ihr Leben entschieden.
So ist es, sagte Theodor, und da gutmütige Freunde mir zuhören, so will ich auch erzählen, was mir begegnet ist, doch verlange ich selbst von Ihnen nicht, daß Sie mir unbedingt glauben, und bitte deshalb, daß meine Mitteilung nicht über Ihre Lippen kommen möge.
In einer sonderbaren Stimmung verließ ich dies Haus, um die Probe zu bestehen, die mir lächerlich dünkte. Sidonies Betragen hatte mich verletzt, und ich konnte mein Inneres nicht deutlich ergründen, ob ich sie wirklich liebe. Als ich, von einem Platzregen überrascht, zu Hannchen eintrat, erwachte meine vormalige, echte Liebe in ihrer ganzen Kraft, und ich wurde völlig verwirrt. So kam ich an das verwüstete Schloß und trat in der Mitternacht vor die Pforte. Schon als Kind hatte ich zuweilen an jenem Eisendraht gezogen und so wenig, wie andre Neugierige, eine Wirkung verspürt. Mißmutig griff meine Hand in den Ring, ich zog scharf – und ein lauter, wunderlicher Ton erklang, den ich nicht beschreiben kann. Er wiederholte sich in der Ferne und dann wieder in größerer Weite, und das alte verrostete Tor tat sich auf. Ich trat hinein, es verschloß sich hinter mir, und ich war mit einem alten blassen Mütterchen allein, die mir mit einer Laterne in das Gesicht leuchtete, dann winkte sie mir, ihr zu folgen. Und von jetzt an, wie soll ich den Zustand beschreiben, welcher mich jetzt beherrschte? Es war keine Betäubung, aber auch kein deutliches Bewußtsein. Fast wie ein Taumel oder Rausch oder eine Annäherung zum Schlummer. Und so folgte ich der krummen Alten. Der Hof war aber nicht der Hof; das Gesträuch, die Mooswände, der Efeu und das wilde Gestrüpp zwischen dem umherliegenden Gestein waren verschwunden, wir wandelten durch alte hohe Zimmer und Säle. In dem einen Zimmer war ein Bett und auf dem Tisch eine brennende Kerze. Die blasse Alte verließ mich. Das dunkle Gemach war sparsam erhellt, und der Mond schien bleich durch das trübe Fenster. In einer Nische des Zimmers stand die Büste eines alten Mannes, wie aus Marmor gearbeitet. Indem ich mich so umsehe, schreitet das auf mich zu, welches ich für ein steinernes Brustbild gehalten hatte. Ich bin dein Vorfahr Moritz, sagte die hochaufgerichtete Gestalt, und mein Grauen vor ihm war nur schwach und verschwand. Du sollst Friede und Ruhe genießen, und so werden wir alle die Ruhe finden. So tönte es dumpf, mir aber verständlich, aus seinem kreideweißen Munde. Er winkte, und hinter dem Sessel wickelte sich eine scheußliche Gestalt hervor, ganz so im Ansehn, wie uns jene Ernestine beschrieben wurde. Sie hatte einen offnen Brief in der Hand: Lies! krächzte sie, und ich ergriff mit zitterndem Ungestüm das Blatt. – Öffne den Schrank! sagte der Alte. Sie tat es und nahm viele Papiere hervor. – Ich nahm sie. Versöhnt! riefen beide, und zwei holde Gestalten, die der Alte Franz und Elisabeth nannte, schwebten vorüber. – Rund umher standen jetzt viele bleiche Erscheinungen, die Wände und Fenster zu verdecken schienen. Alles schwirrte, flüsterte, lispelte mir wie Flügelschlag, wie ein feines Brausen und Säuseln dazwischen. So weit reicht mein Bewußtsein, meine letzte schwache Erinnerung war, daß ich mir einbildete, ich sei auf das Bett gesunken.
Ein Frost erweckte mich. Es war klarer Morgen, und ich lag auf einem Stein in der Ruine, der vom Regen und Morgentau naß war. Ich hätte jetzt alles für Traum erklärt, wenn ich nicht jene lang vermißten Dokumente, die mir das Erbe zusicherten, in Händen gehalten hätte sowie jenen Brief, den mir die verzerrte Gestalt auf den Befehl meines Ahnherrn übergeben hatte. Er war von Sidonie und entdeckte mir ein inniges Verhältnis mit Anselm und wie man künftig meine Schwachheit und meinen Einfluß auf den jungen Fürsten hatte mißbrauchen wollen. Indem ich noch las, sann und staunte, arbeitete sich der junge Forstmann Werner durch die Klippen und Gesträuche, um jenen Brief zu suchen, den ihm am Abend, wie er erzählte, ein Gespenst entrissen hatte.
Ich schickte diesen Boten mit jenem Schreiben und einem Briefe von meiner Hand an Sidonie zurück. Ich ging zu Hannchen, von dort in die Residenz und alles fügte sich zu meinem Glück.
Jetzt werde ich jene alte verwüstete Klausenburg wieder aufbauen, die Wege dort herstellen und mit der Frau, meinem alten Schwiegervater, meinen zukünftigen Kindern und so lieben Freunden, wie Sie beide es mir sind, recht oft und lange dort hausen und im Genuß der Liebe und Freundschaft so glücklich sein, wie es uns sterblichen Menschen nur irgend vergönnt ist.
So schloß Theodor seinen Bericht, und alles erfüllte sich späterhin so, wie er es gewünscht und gesagt hatte.