Sechs

 

Er glaubte, sein Herz würde stehen bleiben. In seiner Kammer polterte und rumpelte es, und Yanil war sich sicher, das Ende der Welt bräche über ihn herein. Vor Schreck fuhr er auf, fiel beinahe aus seinem unbequemen Bett. Jemand hämmerte an seine Tür.

»Es geht los! Packt Eure Sachen und kommt herunter! Sofort!«

Yanil kannte die Stimme nicht, vermutlich war der Mann, zu dem sie gehörte, einer der letzten Vertrauten des Königs, die auch in den schwersten Stunden noch bereitwillig Befehle ausführten. Yanil hörte, wie sich seine Schritte auf dem Flur entfernten und er an die nächste Tür hämmerte.

Er stand auf, taumelte noch immer schlaftrunken. Er rieb sich über das Gesicht und zwang seinen Körper in einen Zustand absoluter Aufmerksamkeit. Er durfte jetzt nicht müde sein. Weshalb hatte er überhaupt geschlafen? Er ärgerte sich darüber. Am Abend hatte er sich voll angekleidet und gerüstet auf das Bett gelegt, das ging nun schon seit drei Nächten so. Nach zwei Fehlalarmen war es jetzt also tatsächlich soweit. Es ging los. Yanil wunderte sich über seine Abgeklärtheit. Er hätte erwartet, dass ihm zumindest die Knie zitterten. Aber nichts dergleichen geschah. War er noch immer benommen vom Schlaf oder realisierte sein Verstand nicht, was ihm bevorstand?

Yanil griff unter sein Bett und zog das hässliche Schwert hervor. Vor dem Ding graute ihm am meisten. Hätte man ihm doch nur einen Bogen gegeben!

Er prüfte noch kurz den perfekten Sitz seines ledernen Wamses. Zumindest so viel Schutz hatte man ihm gewährt, auch, wenn das Teil ihm ein sicheres Ende vermutlich nicht ersparen würde. Eine echte Rüstung aus Metall hatten sich nur die Adeligen leisten können, und vermutlich würden die nicht einmal mitkämpfen.

Yanil riss die Tür auf und eilte auf den Gang hinaus. Es herrschte Chaos, Menschenleiber versperrten den Treppenabgang. Er hatte nicht gewusst, dass in der Burg so viele Leute lebten, in den letzten Tagen war es stets ruhig auf den Fluren gewesen. Wo kamen die bloß alle her?

In quälender Langsamkeit ging es voran, erst am Ende der Treppe im Erdgeschoss löste sich der Knoten. Yanil wurde zum Ausgang mitgezerrt, wie eine Welle schwemmten sie ihn fort. Er kam sich klein und unbedeutend vor. Er sah in die Gesichter der Menschen um ihn herum, überwiegend waren es Mazari, aber auch ein paar Khaari waren darunter, einige nur mit Küchenmessern bewaffnet. In den Augen der meisten las er Angst und Verzweiflung, in manchen aber auch Entschlossenheit und Wut. Alles kam ihm so unwirklich vor, wie in einem Traum. Er war kaum in der Lage dazu, ihre Emotionen zu teilen. Er fühlte sich wie ein stiller Beobachter eines Theaterstücks, nicht wie ein Krieger, der in eine Schlacht zog. Das Schwert baumelte schwer an seinem Gürtel, aber es kam ihm vor wie eine Kostümierung.

Draußen war es fast noch dunkel, das erste Licht des Tages kitzelte das Land und tauchte es in ein bedrohliches Zwielicht. Im Hof verteilten sich die Menschen, viele stürmten auf die Mauer zu, stiegen auf den Wehrgang. Yanil wäre ihnen gerne gefolgt, doch man gewährte ihm keinen Zugang.

»Nur Zutritt für Fernkämpfer!«, brüllte ihm ein mit einem Langbogen bewaffneter Mazari entgegen. »Oder gehört ihr zu den Kampfmagiern?«

Yanil schüttelte den Kopf.

»Dann bleibt gefälligst unten. Auf der Mauer können wir kein Gedränge gebrauchen!« Mit diesen Worten wandte er sich ab. Yanil fühlte sich überflüssig. Er wollte unbedingt auf die Mauer und sehen, was draußen vor den Toren vor sich ging. Näherte sich das feindliche Heer? War Vyruk unter ihnen? Er erschauderte. Vielleicht war es besser, wenn er nicht sah, was auf ihn zukam. Dennoch konnte er es kaum ertragen, zum Nichtstun verdammt zu sein. Allmählich schlich sich Nervosität in seine gerade eben noch stoische Ruhe. Die war ihm irgendwie lieber gewesen. Er dachte an seine Frau Tyra, die nun irgendwo in Zakuma auf seine Rückkehr wartete. Seine Kehle schnürte sich zu. Ihn plagte ein schlechtes Gewissen, denn er hatte schon lange nicht mehr an sie gedacht, sich die Erinnerung verboten, um seelisch nicht zu zerbrechen. Würde er sie je wiedersehen? Rasch rang er seine Gedanken nieder, denn sie munterten ihn keinesfalls auf, sondern ließen seine Angst nur noch größer werden.

Yanil drehte sich um. Im Hof rannten Menschen durcheinander, viele versuchten wie er, sich einen Platz auf der Mauer zu erschleichen, doch keiner mit Erfolg. Yanil glaubte nicht, dass sie tatsächlich kampfwillig waren, eher neugierig. Man wollte sehen, wie sich das Unheil näherte. Wie eine schlimme Verletzung, von der man einfach den Blick nicht abwenden konnte, obwohl sie einen in den Grundfesten erschütterte. Menschen waren sonderbar.

Ein wenig abseits erblickte er Saslyn, der nervös mit der Spitze einer Schwertklinge im Boden scharrte. Sein Blick zuckte hin und her wie der eines gehetzten Tieres. Yanil hatte ihn so noch nie gesehen. Sein Gesicht sah verändert aus, blasser und irgendwie eingefallen. Angst konnte einen Menschen zerstören.

Yanils Blick wurde abgelenkt, eine Gestalt stach aus der Menge heraus. Der Mann trug einen dunkelgrünen, wehenden Umhang, an seinem Gürtel hing ein prächtiges Schwert mit verzierten Griff. In der Hand hielt er einen nicht minder teuer aussehenden Bogen, auf seinem Rücken den dazu passenden Köcher. Seine dunklen Haare hatte er zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden. Rasylr. Er steuerte direkt auf Yanil zu, der noch immer am Fuß des Aufgangs zur Mauer stand. Sein Herz machte einen Sprung.

Der König grüßte freundlich. Er mischte sich unter das Volk, kämpfte mit ihnen, anstatt sich in der Burg zu verschanzen. Yanil rechnete ihm das hoch an. Als er vor ihm stand, überkam Yanil kurzzeitig der Impuls, sich zu verbeugen, doch er blieb ungerührt stehen. Ein schlechter Zeitpunkt für steife Förmlichkeiten. Er fühlte sich unwohl in seiner Nähe, wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.

»Seid Ihr schon auf der Mauer gewesen?«, fragte Raslyr, als unterhalte er sich mit einem Freund. Keineswegs herablassend, sondern ehrlich interessiert. Yanil entspannte sich ein wenig.

»Man lässt mich nicht hinauf. Ich kann keine Kampfzauber wirken und einen Bogen wollte man mir auch nicht geben.« Ein wenig Bitterkeit mischte sich in seine Stimme. Ich beherrsche nur eine unsinnige Form von Magie, fügte er in Gedanken an.

Raslyr nickte. Yanil forschte in seinem Gesicht nach einem Anzeichen von Missbilligung, aber da war nichts. »Ich würde auch lieber hier unten bleiben«, sagte der König stattdessen. »Aber das Schicksal hält auch unangenehme Aufgaben für uns bereit.«

Zum ersten Mal fielen Yanil die dunklen Schatten unter Raslyrs Augen auf. Hatte der Monarch in den letzten Wochen überhaupt geschlafen? War ihm bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass der anbrechende Tag der letzte seiner Regentschaft sein würde? Yanil schluckte.

Völlig unvermittelt legte Raslyr ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte. »Gebt nie die Hoffnung auf«, sagte er, als hätte er seine Gedanken gelesen.

Yanil lächelte gequält. Raslyr griff in seine Hosentasche und förderte zwei Edelsteine zutage, ein jeder fast so groß wie ein Hühnerei. Der eine war grün, der andere blau. Dachte Raslyr im Ernst noch daran, in dieser Situation seine Reichtümer in Sicherheit zu bringen? Yanil starrte auf die Steine, die durchscheinend waren wie gefärbtes Glas.

»Wisst Ihr, was das ist?«, fragte Raslyr.

Yanil schüttelte nur den Kopf anstatt zu antworten, obwohl ihm bewusst war, wie unhöflich das war.

»Die Göttersteine hätten uns die Macht verleihen können, diesen Krieg zu beenden und für uns zu entscheiden. Aber ich kann nicht damit umgehen. Ein Jammer.«

Yanil brannten Fragen auf der Zunge, aber er blieb stumm. Er beobachtete, wie Raslyr die Steine wieder in seiner Hosentasche versenkte. Was hatte es damit auf sich?

»Nun, ich werde jetzt hinaufgehen«, sagte Raslyr, wandte sich ab und schickte sich an, den Aufgang zur Mauer zu betreten. Niemand hinderte ihn daran. Er drehte sich noch einmal über die Schulter hinweg um. »Viel Glück, wohin auch immer unser Weg führen mag.«

Yanil nickte nur. Er brachte kein Wort hervor. Die Situation kam ihm mit jedem Atemzug immer surrealer vor. Hatte er gerade tatsächlich mit dem König gesprochen? Und was waren das für seltsame Steine in Raslyrs Tasche? Yanil beschlich das Gefühl, dass sie noch eine Rolle spielen würden, irgendwann, in ferner Zukunft. Vielleicht auch dann, wenn niemand von ihnen diesen Krieg überlebte ...

Er hing noch seinen Gedanken nach, als eine gewaltige Erschütterung ihn beinahe von den Beinen riss. Ein ohrenbetäubendes Krachen ertönte, wie das Kratzen von Stein auf Stein. Es war, als wäre die gewaltige graue Mauer, die die Burg schützte, eingerissen wie Papier. Yanils Kopf zuckte herum, aber die Mauer stand noch. Dafür regnete es jetzt Pfeile vom Himmel. Menschen schrien, stoben auseinender. Yanil stand zu dicht an der Mauer, als dass der tödliche Hagel eine Gefahr für ihn darstellte. Auf diese Idee kamen schon bald andere, drängten sich dicht zusammen, pressten sich gegen den hölzernen Treppenaufgang, brachten ihn zum Wanken. Yanil griff nach seinem Schwert. Seine schweißnassen Finger schlossen sich um den Griff, die Klinge zitterte im Rhythmus seines pochenden Herzschlags.

Von der Mauer drang Geschrei zu ihm hinunter, obwohl er von seiner Position aus nur einen Bruchteil der Geschehnisse dort oben sehen konnte. Blitze zuckten durch die Luft, und einen Augenblick lang dachte Yanil, es hätte zu gewittern angefangen, doch es regnete nicht. Es war noch nicht einmal stürmisch. Eine drückende Wärme hing in der Luft, sie war zum Schneiden dick. Langsam ging die Sonne auf, doch es wurde nicht richtig hell. Dichte dunkelgraue Wolken hingen tief über dem Tal.

Wieder blitzte es, blau und rot. Die Erkenntnis traf Yanil wie ein Pfeil: Es waren die Kampfmagier, die man auf die Mauer zitiert hatte, um den Feind zurückzudrängen! Sie bombardierten ihren Gegner mit Magie. Yanil wünschte sich, er könnte nur einen einzigen Blick über die Mauer riskieren. Wie viele Männer stürmten gegen die Burg? Gab es Hoffnung?

Etwas Großes flog an Yanil vorbei, senkrecht nach unten. Es traf einen Mann, der neben ihn stand und riss ihn zu Boden. Schreie gellten durch die Luft. Jemand war von der Mauer gefallen, in seiner Halsbeuge steckte ein Pfeil. Er war tot, aber sein Gesicht war zu einer Maske des Schreckens verzerrt. Das Bild brannte sich in Yanils Gehirn. Der Tote hatte einen Menschen unter sich begraben, der Mann schrie, hatte sich vielleicht etwas gebrochen. Niemand half ihm, und auch Yanil stand nur da wie angewurzelt, die Spitze seiner Klinge kratzte über den Boden. Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, das Gewicht des Schwertes zu halten. Er riss seinen Blick von dem Mann los, der sich unter der Leiche hervor wand und unablässig schrie.

Wieder bebte die Erde, und wieder krachte es so laut, das Yanil einen hellen Ton im Ohr zurückbehielt. Es regnete. Aber kein Wasser, denn er wurde nicht nass. Binnen weniger Augenblicke bedeckte eine gräuliche Schicht den Boden und die Menschen. Asche. Yanil hatte das Gefühl, dass es heißer wurde, zu heiß für einen gewöhnlichen Sommermorgen so weit im Norden von Gûraz. Es roch nach Feuer. Brannte es?

Was geht dort draußen vor sich? Wenn ich doch bloß etwas sehen könnte!

Weshalb? Willst du sehen, wie deine Kameraden sterben? Die schnurrende Stimme des fremden Magiers war erfüllt von Häme, klang harsch und abweisend, obwohl Yanil sie nur in seinem Kopf hörte. Aber sie war lauter, realer als zuvor. Befand er sich in der Nähe? Ihm fuhr ein Schreck durch die Glieder. Er sah sich hektisch um, konnte jedoch niemanden erkennen, der den Eindruck erweckte, mit ihm zu kommunizieren. Jeder war mit sich selbst beschäftigt, manche hatten ihre Waffen fallen gelassen und rannten zurück in die Burg.

An anderen Stellen fielen Mazarikrieger vom Wehrgang hinab, ihre Leiber erschlugen diejenigen, die sich dicht an die Mauer gedrängt hatten, um dem Pfeilhagel zu entgehen. Yanil kämpfte gegen eine aufkeimende Panik an, obwohl alles in ihm danach schrie, sich einer erlösenden Ohnmacht hinzugeben. Er wollte kein Feigling sein, zwang sich zur Stärke.

Ein innerer Impuls, von dem er sich nicht erklären konnte, woher er rührte, brachte ihn dazu, sich von der Mauer zu lösen und weiter in den Hof hinein zu gehen. Er witterte Gefahr, sein Überlebensinstinkt handelte abseits seines Verstandes. Nur einen Atemzug später bebte es erneut, Yanil rutschte aus, ihm glitt das Schwert aus der Hand. Er richtete sich wieder auf, packte seine Waffe erneut, diesmal fester. Als er sich umdrehte, griff das Grauen mit eiskalten Händen nach ihm. Es krachte, wieder und wieder, und dann klaffte ein Loch in der Mauer. Es begann als schmaler Riss, erweiterte sich binnen Sekunden zu einem Durchlass, knapp zwei Ellen breit. Wieder fielen Männer hinab, schrien und schlugen hart auf dem Boden auf, einer genau dort, wo Yanil zuletzt gestanden hatte. Er spürte Übelkeit in sich aufsteigen, seine Beine drohten unter ihm nachzugeben. Sofort drängten sich Leiber durch den frisch entstandenen Spalt, Yanil erkannte ihre schmucklose Kleidung und die langen dunklen Haare sogleich wieder. Khaleri.

Das Geschrei im Hof nahm zu, nur Augenblicke später versperrten heranstürmende Mazari ihm den Blick auf das Geschehen. Sie stießen Wutschreie aus, stürmten mit ihren Schwertern und allem, dessen sie habhaft werden konnten, auf die Eindringlinge zu, als bestünde ihr einziger Lebenssinn darin, ihr Revier zu verteidigen. Andere flohen in die umgekehrte Richtung, zumeist Khaari und Frauen. Yanil wusste nicht, woher er seine Weisheit nahm, aber er war sich ziemlich sicher, dass dieser Tag ihr Untergang bedeuten würde, der Niedergang einer Ära.

Er hatte keine Zeit mehr, die Situation der Mazari zu bedauern, denn ein Mann, bewaffnet mit einer Axt, rannte auf ihn zu. Er fixierte Yanil, sah ihm direkt in die Augen. Der Hass in seinem Gesicht schockierte ihn. Seine Augen schienen leer, leblos, frei von Vernunft. So etwas hatte Yanil noch nie gesehen, und der Schreck hinderte ihn beinahe daran, das Schwert zu heben, um den ersten Hieb seines Gegners abzuwehren. War es das, wovon Brilys gesprochen hatte? Vollkommene Unterwürfigkeit ihrem Gott gegenüber? Mit einem Mal erschienen ihm die Legenden von Monstern mit Reißzähnen realer als je zuvor.

Die Axt des Khaleri sauste ein zweites Mal auf ihn hinab. Nur mit Mühe tauchte Yanil unter dem Schlag hinweg. Er hatte nicht die Kraft, um mit der Klinge dagegenzuhalten, und ein Schwert war auch kaum dazu geeignet. Einzig seine Wendigkeit brachte ihm einen Vorteil. Während der Khaleri noch umständlich zu einem zweiten Schlag ausholte, hatte Yanil ihm bereits einen Streich quer über die Brust verpasst. Die Wunde war nicht tödlich, und wäre Yanil geübter gewesen im Umgang mit Nahkampfwaffen, hätte er den Khaleri vielleicht längst geköpft.

Der Kerl bewegte sich langsam und behäbig, dafür waren seine Schläge umso kraftvoller. Er drängte Yanil langsam zurück, dieser sah keinen anderen Ausweg, als immer weiter rückwärts zu gehen. Er schaffte es nicht noch einmal, seinen Schwertstreich zu wiederholen oder seinen Gegner gar tödlich zu verletzten. Der lange Schnitt, der sich vom Schlüsselbein bis unter die Achsel auf der anderen Körperseite zog, färbte die Kleidung des Mannes dunkelrot, aber der fanatische Kämpfer schien kaum Notiz von seiner Wunde zu nehmen. Mit unveränderter Beharrlichkeit schlug er ein ums andere Mal nach Yanil, als spürte er keine Schmerzen. Yanil kam in den Sinn, ob sein Schöpfer Vyruk ihm diese Empfindung vielleicht durch Magie genommen haben könnte.

Yanil stieß rücklings gegen etwas Hartes, er kam ins Straucheln und hielt sich nur knapp auf den Beinen. Er war gegen die Treppe gestoßen, die zur Mauer hinauf führte. Er konnte nicht weiter nach hinten ausweichen. Wieder sank die Axt auf ihn nieder, diesmal hielt Yanil mit der Klinge dagegen. Der Schlag war so hart, dass ihm ein scharfer Schmerz ins Ellbogengelenk schoss. Er hatte den Hieb nur abgelenkt, weg von seinem Körper, nicht zurückgeworfen. Er wusste nicht mehr, wie er sich noch verteidigen sollte. Wieder holte der Khaleri aus, Yanil war sich vollkommen sicher, nicht noch einmal dagegen halten zu können. Er sah den Keil der Axt in unendlicher Langsamkeit auf sich zukommen, sog jedes Detail in sich auf: den Schweißtropfen, der seinem Gegner von der Nase tropfte, den Geruch nach Feuer und die Schreie der Menschen um ihn herum.

Der Khaleri verdrehte jäh die Augen, sackte in sich zusammen. Seine Axt fiel scheppernd zu Boden, der Stiel prallte gegen Yanils Knöchel. Der Mann blieb reglos liegen. Yanil starrte auf den Pfeil in seinem Rücken, konnte jedoch nicht sofort die Zusammenhänge erschließen. Sein Verstand arbeitete nicht schnell genug. Er hob den Blick und sah direkt in die Augen von – Brilys.

Er stand abseits, am Fuße der breiten grauen Steintreppe, die zum Haupteingang hinauf führte. In seiner Hand lag ein Bogen, auf seinem Gesicht ein zaghaftes Lächeln, das aber mehr traurig denn zufrieden wirkte. Er trug wieder dieselbe braune Einheitskleidung, in der Yanil ihn kennengelernt hatte, jedoch schien sie geflickt und gewaschen worden zu sein. Die Schiene an seinem Bein war verschwunden, vermutlich hatte er sich den Knöchel nur verstaucht und konnte wieder normal gehen. Oder Vyruk nahm ihm seine Schmerzen ...

Die Zeit schien einen Augenblick lang still zu stehen. Die beiden Männer sahen sich an, ein Blick, so intensiv und vertraut, dass Yanil beinahe vergaß, dass um ihn herum ein Kampf um Leben und Tod tobte. Jäh überfielen ihn Emotionen, von denen er gar nicht wusste, dass sie in ihm schlummerten. Der Schmerz, als sie sich so plötzlich und unvermittelt voneinander verabschiedet hatten, kochte in ihm hoch, stärker als je zuvor. Hatte er diese Gefühle verdrängt? Natürlich hatte er das, er musste. Er durfte nicht zurückdenken an eine Zeit, in der er einen Feind seinen Freund genannt hatte. Im Krieg gab es keinen Platz für Sentimentalitäten. Und dennoch schwemmten diese verdrängten Empfindungen jetzt über ihn hinweg. Ob Brilys genauso dachte? Vermutlich nicht, denn er stand nach eigener Aussage unter einem Bann. Trotzdem hatte er sich an Yanil erinnert, ihm das Leben gerettet. Und jetzt lächelte er.

Yanil hauchte ein stimmloses Danke, und obwohl Brilys es nicht gehört haben konnte, nickte er. Dann war der Moment der Ruhe auch schon vorbei, die Magie des Augenblicks zerstob wie Sand im Wind. Brilys wandte sich ab, weil er angegriffen wurde. Er war unaufmerksam gewesen, hatte nicht die Zeit gefunden, den Bogen beiseite zu legen und sich eine geeignetere Waffe zu suchen. Woher hatte er den Bogen überhaupt genommen? Hatte ihn einer der in die Burg flüchtenden Kämpfer fallen gelassen, hatte er einem Toten gehört? Es war einerlei.

Mit stummen Entsetzen beobachtete Yanil, wie ein Mazari Brilys mit einem Schwert bedrängte, nach ihm hieb, fest entschlossen, seinem Gegner einen schnellen Tod zu bereiten. Brilys wehrte ihn notdürftig mit dem Bogen ab, duckte sich unter der Klinge hinweg, aber er gewann dadurch nur Sekunden. Der Mann, der ihn angriff, landete einen Treffer, Stahl glitt durch Fleisch, grub sich in Brilys Schulter. Obwohl ein ohrenbetäubender Lärm um ihn herum herrschte, vernahm Yanil überdeutlich seinen Schrei. Er sackte zu Boden. Dann versperrten ihm die Leiber anderer Kämpfender die Sicht. Er wollte losrennen, seinem Freund zu Hilfe eilen, aber dazu kam er nicht mehr. Eine gewaltige Erschütterung riss ihn abermals von den Beinen, er stürzte, schützte reflexartig den Kopf mit den Armen. Steine regneten vom Himmel, große und kleine. Einige trafen die Kämpfenden im Hof, streckten sie nieder, ehe sie sich darüber bewusst werden konnten, was geschehen war. Yanil hatte Glück, ihn traf lediglich ein faustgroßer Stein am Rücken, nichts, das ihn bewegungsunfähig gemacht oder gar getötet hätte. Er hob den Blick und wünschte sich sogleich, es nicht getan zu haben. Der Riss in der Außenmauer hatte sich verbreitert, doch was nun hindurchschlüpfte, raubte ihm den Atem.

Hitze verbrannte seine Haut, als stünde er zu nahe vor einem lodernden Feuer. Zugleich streifte ihn ein Gefühl, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen, kurzzeitig wurde ihm schwindlig, er fühlte sich benommen. Eine gewaltige Woge Magie entlud sich, prickelte knisternd durch die Luft. Blitze zuckten von der Mauer aus in den Hof, wollten das Etwas treffen, das alles unter sich niederwalzte, was sich ihm in den Weg stellte. Es half nichts, die Magie prallte an ihm ab, als sei sie nichts als ein Windhauch.

Yanil konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob die Gestalt männlich oder weiblich war. Mehr als doppelt so groß wie ein Mann, gehüllt in einen stachelbewehrten Panzer, dessen Oberfläche glühte wie ein Eisen im Feuer, bäumte sich das Wesen auf und stieß einen jenseitigen Schrei aus, der in Yanils Ohren schmerzte.

Vyruk.

Grauen packte ihn, nackte Angst. Er wollte nur noch fliehen, aber wohin? Der Weg nach draußen war versperrt. Er glaubte, keine Luft mehr zu bekommen, wollte einatmen, aber es ging nicht. Ihm schnürte sich die Kehle zu. Seine Hände waren schweißnass, das Schwert hatte er längst fallen gelassen. Die Welt um ihn herum pulsierte im Rhythmus seines Herzschlags. Er betete um eine erlösende Ohnmacht, doch sie wollte sich nicht einstellen. Er konnte den Blick nicht von dem gewaltigen brennenden Riesen losreißen, jeder Muskel seines Körpers schien gelähmt. Vyruk trug einen Helm, ebenso rot glühend wie der Rest seiner Rüstung. Hinter dem hochgeklappten Visier war nichts als schwarze Leere, als hätte er kein Gesicht. In seiner gewaltigen Hand lag ein Morgenstern, den er todbringend um sich schwang und alles in dessen Flugbahn mitriss, egal ob Mazari oder Khaleri. Er schien fest entschlossen, jeden Anwesenden zu töten, und begann schon bald damit, gezielt nach den umherlaufenden Menschen zu schlagen. Yanil überlegte einen Moment lang, ob er sich still auf den Boden legen und sich tot stellen sollte, vielleicht würde er der tödlichen Waffe des Feuergottes damit entgehen können. Doch was hätte ihm das genutzt? Irgendwann hätte er aufstehen müssen. Es gab kein Entrinnen, er fühlte sich wie in einem Käfig. Die Mauern, die sie zuvor noch geschützt hatten, verwandelten sich jetzt in ein Hindernis.

Noch immer zuckten Blitze von der Mauer, die Magier auf dem Wehrgang hatten noch nicht aufgegeben. Vyruk beachtete sie nicht. Er war voll und ganz in seine Aufgabe vertieft, alles Leben im Hof auszulöschen. Er achtete nicht darauf, ob er seine eigenen Männer traf. Yanil erinnerte sich daran, dass die Khaleri nichts als sein Werkzeug waren, er interessierte sich nicht für sie.

Jemand riss an seinem Hemd. Yanil fuhr herum.

»In die Burg! Los!« Es war Raslyr, der vom Treppenaufgang herunterstürzte, neben dem Yanil noch immer stand. Der König lebte!

Yanil zögerte, fühlte sich nicht imstande zu handeln. Raslyr riss an seinem Ärmel, zog ihn hinter sich her. »Schnell, ich warte nicht auf dich.« Yanil fiel auf, dass er alle Höflichkeiten fallen gelassen hatte.

Wie von Marionettenfäden getragen, setzten sich Yanils Beine in Bewegung. Erstaunlich, wie schnell er laufen konnte, obwohl ihm die Knie zitterten und ihn kurz zuvor noch Angst gelähmt hatte. Ein Hoffnungsschimmer, und sei er noch so klein, beflügelte ihn. Er drehte sich nicht noch einmal um, als er die Treppe zum Haupteingang hinaufstürmte, zwei Stufen auf einmal nehmend. Hinter ihm hörte er die Schreie von Sterbenden, durchbrochen von Vyruks grollender Stimme. Lachte er? Die Laute, die seiner Kehle entwichen, ließen sich mit kaum einem Geräusch vergleichen, das Yanil je gehört hatte. Im Augenwinkel sah er Blitze aufleuchten, sie erhellten den gerade erst anbrechenden Tag mit blauen und roten Lichtern.

Yanils Lungen brannten, aber es gelang ihm, mit Raslyrs mörderischem Tempo mitzuhalten und zu ihm aufzuschließen. Er steuerte auf die große Treppe in der Eingangshalle zu, wandte sich dann nach rechts, stieg über Leichen hinweg, sprang mit gewaltigen Sätzen voran.

Yanil wusste, wohin sie gehen würden.

Der Geheimgang. Wir haben eine Chance, lebend zu entkommen.

Er kam sich schäbig vor, weil die meisten anderen diese Gelegenheit nicht mehr bekommen würden. Unterwegs schlossen sich ihnen drei weitere Personen an, zwei Männer und eine Frau. Myla! Sie trug ein zerrissenes Männerhemd und eine Hose, die sie unten umgeschlagen hatte, weil sie ihr zu groß war. Durch ihr Gesicht zog sich ein Striemen aus Dreck. Hatte sie etwa mitgekämpft? Sie warf Yanil nur einen flüchtigen Blick zu und rannte weiter. Einer der anderen Männer war Saslyn, auch er beachtete Yanil nicht. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, durch die Flure zu hetzen. Den dritten Mann kannte Yanil nicht, aber vermutlich gehörte er zu der Gruppe Weniger, die um die Existenz der Geheimgänge wussten.

Die meisten Mazari waren tot oder achteten nicht auf die Flüchtenden. Sie begegneten auch einigen Khaleri, die größtenteils jedoch in Kämpfe verwickelt waren. Keiner von ihnen machte Anstalten, Raslyr und seinen Begleitern zu folgen. Vielleicht dachten sie, dass sie ihnen ohnehin nicht entkommen konnten. Fjondryk war längst gefallen, fest in den Händen des zahlenmäßig überlegenen Feindes.

»Es ist noch nichts verloren«, rief Raslyr unvermittelt hinter sich, als hätte er Yanils Gedanken gelesen.

»Die Formel?«, stieß Saslyn atemlos hervor. Er sah abgekämpft aus, wie sie alle. Sein Atem ging rasselnd, ein hässlicher langer Schnitt zog sich quer über sein Gesicht, von der Augenbraue über die Nase bis hinunter zum Wangenknochen auf der anderen Seite.

»Ja, einige der fähigsten Zauberer haben sich bereit erklärt zu bleiben, um die Formel auszuprobieren.« Raslyr wurde langsamer, er atmete ein paar Mal tief ein und aus. »Es benötigt ein gewisses Maß an Vorbereitung und Konzentration, was angesichts ihrer Lage schwer werden dürfte.«

Inzwischen war es gähnend leer auf den Fluren, sie begegneten niemandem mehr. Aus der Ferne hörte Yanil noch immer die Schreie der Kämpfenden.

»Ich fürchte, sie werden den Tag nicht überleben«, fuhr Raslyr fort. »Sie opfern sich, damit wenigstens ein paar von uns überleben. Bei den Göttern, wir hatten geglaubt, mehr Zeit zu haben! Hoffentlich hält der Zauber, was wir uns von ihm versprechen. Wenn dies der Fall ist, können wir vielleicht nicht nur Vyruk vernichten, sondern die Erinnerungen der Khaleri an ihn auslöschen.« Er knurrte. »Wer weiß, welche Version der Geschichte sie dann in die Welt hinaustragen werden.«

Er stieß die Tür auf, hinter der sich der kleine Raum befand, den Yanil bei seiner Ankunft betreten hatte. Der König riss die Kleiderschranktür auf und wies die anderen an, voranzugehen. Yanil blieb stehen, er zögerte. Er konnte sich nicht erklären, was ihn davon abhielt, den Gang zu betreten. Vor Dunkelheit und einem langem Fußmarsch fürchtete er sich jedenfalls nicht, alles war besser als der Tod.

»Komm, worauf wartest du?«, stieß Raslyr ungeduldig hervor, zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine tiefe Falte.

Yanil starrte ihn an, unfähig, sich zu bewegen. Es war, als seien seine Füße festgeklebt.

»Ich warte nicht mehr länger, du Idiot!«

Solche Worte aus dem Mund eines Königs? Es zeigte, wie verzweifelt er war. Myla, Saslyn und der Fremde waren längst in die Finsternis des Ganges eingetaucht.

Yanil überfiel ein Schwindelanfall, er tat einen Schritt zur Seite und stützte sich mit der Hand an der Wand ab. Ihn durchzuckte eine Vision. Er sah Brilys im Hof liegen, die Pflastersteine um ihn herum glitschig von Blut. Er war noch nicht tot, er lebte. War dies eine Auswirkung seiner Magie, die ihn befähigte, Gedanken zu lesen? Er wusste es nicht. Aber das Bild, das sich mit aller Macht vor sein geistiges Auge schob, rüttelte an seiner Überzeugung, mit Raslyr fliehen zu wollen. Er musste zurück.

Der König stieß ein verärgertes Knurren aus, wandte sich ab und verschwand im Kleiderschrank. Yanil spürte Übelkeit in sich aufsteigen, eine Abneigung, sich feige aus dem Staub zu machen. Weshalb nur gerade jetzt? Sein Verstand kämpfte gegen sein Gefühl, schüttelte ihn, schrie ihn an, er solle vernünftig sein und das Weite suchen.

Aber Yanil hörte nicht auf seinen Verstand. Mochten die Götter ihm gnädig sein, aber es war noch nicht an der Zeit zu gehen. Tief in seinem Inneren wusste er, dass es seine letzte Chance gewesen wäre. Zu zögern bedeutete den Tod, eine andere Gelegenheit würde sich nicht ergeben. Dennoch machte er auf dem Absatz kehrt und stürzte zurück auf den Gang. Er musste nach Brilys sehen!

Die Erde bebte, er stürzte. Die gesamte Burg schien zu schwanken. Ein Knall, als hätte ein Blitz direkt neben ihm eingeschlagen, schmerzte in seinen Ohren, machte ihn taub. Der Boden vibrierte, und noch ehe Yanil sich wieder aufrichten konnte, blendete ihn ein gleißendes Licht, von dem er nicht sagen konnte, woher es rührte. Yanil presste sich die Hände vor das Gesicht, Tränen quollen zwischen seinen Fingern hervor. Er stöhnte. Was war das? Das intensiv weiße Licht hielt nur wenige Augenblicke an, ehe es wieder verebbte. Langsam nahm Yanil die Hände wieder herunter, Sterne tanzten vor seinen Augen, er sah nur noch verschwommen. Er blinzelte, bis sich das Bild allmählich wieder klärte. Sein Atem ging schnell und flach, sein Herz pochte. Im Gang um ihn herum war es leer, aber die Bilder waren von den Wänden gefallen, eine umgefallene Vase zierte den kalten grauen Steinboden mit Hunderten kleiner Scherben. Yanil kniete noch immer, und nur unter größter Anstrengung gelang es ihm, sich auf die Beine zu stellen. Es roch nach Feuer. Er horchte, aber es blieb still. Zu still. Weshalb hörte er keine Schreie mehr, keine Kampfgeräusche, keine klingenden Schwerter und surrenden Bogensehnen? Er taumelte zur Seite, stützte sich an der Wand ab, übergab sich. Er fühlte sich elend. Noch immer rannen Tränen über sein Gesicht, aber diesmal waren es Tränen der Verzweiflung.

Es war warm, schrecklich warm. Er sehnte sich danach, das lederne Wams auszuziehen, fummelte an der Verschnürung herum, aber seine fahrigen Finger vermochten den Knoten nicht zu öffnen. Schweiß rann ihm die Wirbelsäule hinab. Er stolperte ein paar Schritte vorwärts den Gang entlang. Er musste zurück in den Hof, musste sehen, was geschehen war und ob Brilys noch lebte. Er fühlte sich so schlecht deshalb! Hätte er sich doch nur nie auf den Kampf eingelassen und wäre zurück in den Wald geflohen, als er noch die Möglichkeit dazu gehabt hatte!

Mittlerweile war die Hitze so unerträglich, dass sie auf der Haut brannte. Allmählich wurde ihm bewusst, dass die Wärme keines natürlichen Ursprungs war. Sie nahm zu, schneller und immer schneller, als rollte eine Flutwelle auf ihn zu. Sie fraß sich durch die Gänge wie eine unsichtbare Wand, die sich auf ihn zu bewegte. Er fiel erneut auf die Knie, rutschte aus, schrammte sich die Hände auf. Er krümmte sich zusammen, schützte den Kopf mit den Armen, aber es hatte keinen Sinn. Wie eine Feuerwand raste Hitze über ihn hinweg, versengte Haare und Haut. Er schrie vor Schmerz, kämpfte gegen eine Ohnmacht an. Keine Körperstelle, die ihn nicht quälte, nicht brannte. Er würde sterben, dessen war er sich sicher.

Als er glaubte, es keinen Moment länger mehr auszuhalten, verebbte die Hitze ebenso wie zuvor das Licht. Langsam kühlte sich die Umgebung auf die natürliche Temperatur ab, schien sogar kälter zu werden. Yanils Kreislauf sackte in sich zusammen, er übergab sich erneut. Er triefte vor Schweiß, an den Armen hatte sich der Stoff seines Hemdes in die Haut gebrannt. Er tastete mit zittrigen Händen seinen Kopf ab. Es roch nach verbrannten Haaren, er hatte seine Augenbrauen eingebüßt.

Auf allen Vieren kroch Yanil auf das Eingangsportal zu. Es machte keinen Unterschied, auf welche Weise er sterben würde, aber er wollte nicht auf dem Boden kauern und auf den Tod warten. Nicht, wenn er zuvor nicht noch ein paar Antworten erhalten konnte. Er hatte sich nie von Brilys verabschieden können, das Schicksal hatte sie auseinander gerissen. Es schmerzte in seiner Seele. Er wollte ihm zumindest Lebwohl sagen.

In der Eingangshalle türmten sich Leichen, überwiegend Mazari. Er stieg über sie hinweg, als handelte es sich um nichts als den Bodenbelag. Eine der Leichen schien ihn aus leeren Augen anzustarren. Obwohl ihre Haut verbrannt und entstellt war, erkannte er unter dem verkohlen Fleisch das Mausgesicht von Nystar. Ein Stich fuhr ihm in die Brust, er wandte den Blick ab. Weshalb war er nicht zum Geheimgang gekommen? Er hatte gewusst, dass es einen Weg hinaus gab. Hatte er etwa mehr Ehrgefühl besessen als Yanil? Er schüttelte den Gedanken ab. Was interessierte es ihn, ob er ehrenvoll oder feige gehandelt hatte? Es war zu spät.

Yanil schockierte die Ruhe, die um ihn herum herrschte. Das Licht und die Hitze – hatte das etwa bedeutet, dass die Formel der Mazari erfolgreich gewesen war? Hatten sie Vyruk damit vernichtet? Hoffnung leuchtete am Rand seines Bewusstseins auf, wie eine Kerze in dunkler Nacht. Vielleicht würde er doch nicht sterben, nicht heute.

Yanil richtete sich auf, nahm all seine Kraft zusammen, um aufzustehen. Er wollte nicht auf allen Vieren in den Hof kriechen, sondern stolz und aufrecht gehen. Er musste nach seinem Freund zu sehen. Ja, das war er gewesen. Ein Freund.

Draußen herrschte nicht weniger Chaos als in der Eingangshalle. Leichen, wohin man sah. Alle verbrannt, teilweise bis zur Unkenntlichkeit. Scheinbar hatte die Hitze hier im Zentrum des Zaubers wesentlich heftiger gewütet als in den Fluren. Wie eine Explosion, die niemand hätte überleben können, der sich in der Nähe aufgehalten hatte. Ob die Zauberer, die Vyruk vernichtet hatten, es gewusst und sich geopfert hatten? Yanils Kehle schnürte sich zusammen.

Dort, wo der Feuergott in seiner eigenen Hitze verglüht war, hatte sich ein schwarzer Krater in die Erde gebrannt.

Im fiel auf, dass die Leichen der Khaleri – deren Zahl deutlich geringer war als die der Mazari – nicht verbrannt waren. Sie wiesen die üblichen Verletzungen eines Kampfes auf. Abgetrennte Arme, aufgeschlitzte Bäuche. Aber keine Spur einer Feuersbrunst. Vyruks Magie? Hatte sie seine Schäfchen nicht nur kontrolliert, sondern auch vor der Hitze bewahrt?

Yanil ging zielstrebig auf die Stelle zu, an der er Brilys das letzte Mal gesehen hatte. Sein Herz setzte einen Schlag lang aus, als er ihn schlaff auf der Seite liegen sah, genau dort, wo er zuletzt angegriffen wurde. Sein Bogen lag unweit neben ihm, seine Augen waren geschlossen. Es sah fast aus, als schliefe er, keine Spur von Verbrennungen. Yanil warf sich neben ihm auf die Knie, drehte ihn vorsichtig an der Schulter herum auf den Rücken. Sein Arm fiel wie der einer leblosen Puppe neben seinen Körper. Erst jetzt bemerkte Yanil das blutgetränkte Hemd, das um eine Wunde im Bauch herum nass und dunkelrot glänzte. Er tastete Brilys Gesicht ab, es war kühl. Atmete er, schlug sein Herz? Yanil konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Er brach in Tränen aus, konnte sich nicht dagegen wehren. Er schluchzte, laut und ungehemmt. Brilys würde zu einem unauslöschlichen Teil seiner Erinnerungen werden, zu etwas, das seine Ansichten für immer prägen würde.

Yanil wischte sich mit seinem verbrannten Arm über das Gesicht, vergaß im Angesicht seiner Seelenpein für den Moment den körperlichen Schmerz. Er nahm Brilys Hand in seine und drückte sie. Vyruk war tot, vernichtet, aber zu welchem Preis? Tief in seinem Inneren wusste Yanil, dass er gering war. Ganz Gûraz war der Unterwerfung durch einen größenwahnsinnigen Gott entgangen. Es hatte Hunderte Leben gefordert, aber ein ganzes Land gerettet.

Yanil verlor das Zeitgefühl. Er wusste nicht, wie lange er sich über Brilys Leiche gebeugt und geweint hatte. So lange, bis keine Tränen mehr aus seinen Augen quollen, und dennoch schluchzte er weiter.

Er nahm nur am Rand seines Bewusstseins wahr, dass sich hinter ihm jemand mit schlurfenden Schritten näherte.

»Verzeihung?«

Yanil gefror das Blut in den Adern, augenblicklich verstummte er. Diese Stimme! Dunkel und angenehm schnurrend, er hatte sie schon einmal gehört. Langsam drehte er den Kopf, sah zuerst ein paar leichte braune Lederstiefel und eine Hose in hellerem Ton, die in den Schuhen steckte. Er hob den Blick, langsam. In der Hand des Fremden lag ein Schwert. Keines der einfachen schartigen Dinger, mit denen Yanil sich hatte verteidigen müssen, sondern ein prächtiger Anderthalbhänder mit pechschwarzer Klinge, die im Licht des frühen Morgens funkelte. Schwarzer Stahl? Yanil fuhr ein Schauder über den Rücken. Neben der Farbe der Waffe fiel Yanil noch etwas anderes auf, das sicherlich nicht als alltäglich einzustufen war, auch dann nicht, wenn man sich mit Schwertern besser auskannte als er. Die Parierstange bestand aus zwei Katzenkörpern, deren Schwänze sich umeinander schlangen und den Griff bildeten. Yanil hatte so etwas noch nie gesehen. Er hob den Kopf noch ein Stück und sah in ein Gesicht, das zu ihm hinunterblickte. Schwarze, glatt zurückgestrichene Haare lagen eng am Kopf des Mannes, seine Augen waren stechend blau. Ein Mazari! Yanil hatte geglaubt, sie seien alle tot ... Über seine Wange zog sich ein kleiner roter Schnitt, ansonsten schien er unverletzt. Sein Kinn und die Form seiner Nase erinnerten ihn an Raslyr, er sah ihm ein wenig ähnlich.

»Sie sind nicht alle tot«, sagte er, als hätte er seine Gedanken gelesen. Und mit einem Mal wusste Yanil, woher er die Stimme kannte. Sie gehörte zu dem Mann, der in seinem Kopf mit ihm gesprochen hatte!

»Viele Khaleri sind noch am leben, draußen vor der Burg haben sich einige versammelt. Sie sind noch verwirrt, weil ihr göttlicher Führer von ihnen gegangen ist. Sie erinnern sich nicht mehr an ihn«, fuhr er fort. »Sie wissen von dem Krieg, den sie gegen euch geführt haben, aber weshalb, scheint ihnen völlig entfallen zu sein. Der Zauber hat ganze Arbeit geleistet, wenn er den Mazari letztlich auch nichts mehr nützen wird.« Die Art wie er redete, wirkte auf Yanil arrogant und herablassend. Er sprach mit ihm darüber wie über das Wetter. »Die meisten Mazari sind hingegen tot oder geflohen. Es wird ein neues Königreich geben.« Sein Blick zuckte zu Brilys Leiche herüber. »Weshalb weinst du um ihn? Hast du den Verstand verloren?«

Yanil wusste keine Antwort. Er fühlte sich in seiner Privatsphäre verletzt, wollte diesen intimen Augenblick nicht mit einem Fremden teilen, geschweige denn sich ihm anzuvertrauen. Er blieb stumm.

»Wenn du schlau bist, spielst du das Spiel der Khaleri mit und gibst dich als einer von ihnen aus.« Er musterte Yanil einen Moment lang. »Ein bisschen siehst du sogar wie einer von ihnen aus, vielleicht merken sie es nicht einmal.«

»Und was ist mit dir?« Yanil wollte lauter sprechen, aber seiner Kehle entwich nur ein heiseres Krächzen. »Wirst du dich auch verleugnen?«

Ein undeutbares Lächeln huschte über sein Gesicht. »Nein, das brauche ich gar nicht. Weißt du, wir haben nicht alle auf derselben Seite gekämpft, auch wenn wir von einem Blut sind.« Er grinste, und angesichts der Situation hätte Yanil ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen. Er erinnerte sich daran, dass Brilys ihm von den abtrünnigen Mazari erzählt hatte, die für Vyruk gekämpft hatten. Mit jedem Atemzug widerte ihn der unsympathische Fremde mehr an.

»Was wirst du stattdessen tun?« Seine Stimme war getränkt von Bitterkeit. »Auf Fjondryk bleiben, beim Wiederaufbau helfen und so tun, als sei nichts gewesen?«

Der Mazari zuckte mit den Achseln. »Ich werde mir die Jahrhunderte vertreiben, indem ich durch das Land ziehe. Vielleicht komme ich eines Tages zurück. Meine Aufgabe ist getan.«

Aufgabe? Welche Aufgabe? Yanil ersparte sich die Frage, er legte keinen Wert darauf, die Diskussion fortzuführen. Nur eine einzige Sache wollte er noch von ihm wissen.

»Du bist der Mann, der in Gedanken zu mir gesprochen hat, oder?«

»Ich bin nicht fähig, Magie zu wirken.« Wieder dieses Lächeln. Log er? Eigentlich war es einerlei. Er störte. Yanil wollte allein sein. Doch seine Hoffnungen schwanden dahin, denn in diesem Moment kam ein weiterer Überlebender heran. Ein Khaleri, der nicht so aussah, als hätte er mit den anderen gekämpft. Seine Haare waren gekämmt, die Kleidung sauber.

»Ich heiße Trondir«, sagte er, als er sich neben den Fremden mit dem seltsamen Schwert stellte. »Wir waren siegreich, die Burg und das Land ist unser.«

Wir? Hielt er Yanil etwa auch für einen Khaleri? Flüchtig sah er zu dem arroganten Wichtigtuer herüber, der sich nicht einmal vorgestellt hatte. Dieser nickte leicht und zwinkerte. Idiot!

Yanil sagte nichts.

»Wie ist Euer Name?«, verlangte Trondir zu wissen. »Ich muss eine Bestandsaufnahme aller Überlebender machen. Diejenigen, die in der Burg gekämpft haben, haben sich einen Platz darin verdient. Wir gründen ein neues Königreich, einen neuen Hofstaat. Ihr habt tapfer gekämpft!«

Yanil zögerte, er sah auf seinen toten Freund hinunter. Sollte er das Versteckspiel mitmachen, darauf hoffen, dass man ihn nicht als Mazari entlarvte? Seine Kleidung war jedenfalls zu verbrannt, um ihn als solchen zu identifizieren.

»Brilys. Mein Name ist Brilys«, sagte er schließlich. Es war der einzige Name eines Khaleri, der ihm einfiel. Und der einzige, der es wert war, genannt zu werden. Er würde in ihm weiter leben.

Trondir nickte, einmal und gewichtig. »Brilys, ich heiße Euch herzlich willkommen in einem neuen Zeitalter.« Er reichte ihm die Hand, Yanil griff danach und ließ sich aufhelfen. Er sah sich um und bemerkte, dass der Fremde verschwunden war.