Eins

Das Königreich Gûraz, 300 Jahre nach Anbeginn der Zeit

 

»Hoffnungslos.« Yerems Tonfall verlieh der Bedeutung des Wortes noch mehr Tiefe.

Yanil strich sich eine dunkle Strähne von der verschwitzen Stirn. Gerne hätte er dem Drängen seiner schmerzenden Füße nachgegeben und sich an Ort und Stelle auf den Waldboden fallen lassen, aber seine Ehre als Anführer gebot es, Haltung zu bewahren.

»Hoffnung gibt es immer«, sagte er, aber es klang in seinen eigenen Ohren nicht halb so überzeugend wie beabsichtigt. Wozu Zuversicht vorspielen, wenn sie sich ohnehin am Rande der Verzweiflung befanden? Er stützte seine Hände auf die Knie und beugte sich nach vorne, sodass seine Haare ihm wie ein Vorhang ins Gesicht fielen. Er war sich darüber bewusst, dass er als Befehlshaber mit gutem Beispiel hätte vorangehen müssen, aber sein Rücken schmerzte und er sah kaum noch einen Grund, die lächerlichen Grundsätze aufrechtzuerhalten. Nicht im Angesicht des Todes.

Seit Wochen durchquerten sie nun schon das Land, waren aus ihrer Heimatstadt Zakuma im Süden aufgebrochen, um dem Ruf ihres Königs nach Norden zu folgen. In Zakuma hatte man dank der Botenvögel von der nahenden Bedrohung gehört, die sich wie eine Flutwelle nach Norden wälzte, zur Königsburg. Ein bis dahin unbekanntes Volk, das vor einigen Jahrzehnten aus den südlichen Gesteinswüsten kommend über Gûraz hereingebrochen war wie ein Schwarm Heuschrecken, maßte sich nun an, den Thron für sich zu erobern. Der König hatte daraufhin alle fähigen Krieger nach Fjondryk gerufen, der heimatlichen Provinz seiner Majestät, um die Burg um jeden Preis zu halten. Yanil hatte es für übertrieben gehalten, doch seine Meinung hatte sich innerhalb weniger Wochen geändert. Die Khaleri, wie sich jenes hochgewachsene, grünäugige Volk nannte, waren zahlreicher als vermutet. Yanil hatte zwischenzeitlich ernsthaft bezweifelt, Fjondryk je lebend zu erreichen. Jetzt hatten zumindest vier von ihnen, Yanil eingerechnet, den größten Teil der Reise unbeschadet überstanden. Unbeschadet, wenn man ihre Erschöpfung und die Verzweiflung nicht mitrechnete. Bis in die Provinz Azkatar waren sie nun schon gelangt, in die dichten nördlichen Wälder, die ihnen einstweilen Schutz gewährten. Sein Volk fühlte sich seit jeher in den Wäldern heimisch, und er sehnte sich zurück nach Zakuma, der Stadt in den Bäumen.

Yanil erwartete, den restlichen Weg bis zum Gebirge, das die Grenze zu Fjondryk kennzeichnete, weitgehend komplikationslos hinter sich zu bringen. Zumindest glaubte er das, sicher sein konnte er sich nicht mehr. Die Khaleri schienen überall zu sein, lauerten hinter jedem Stein, hinter jedem Stamm. Selbst die Wälder, die das seltsame Volk bislang gemieden hatte, waren vor ihnen nicht mehr sicher. Der König hatte Yanil und seine Männer auf eine Selbstmordmission geschickt. Großartig!

Ihn beschlich das Gefühl, dass die Khaleri bereits den Pfad durch das Gebirge besetzen könnten, der sicherste Weg in die Königsprovinz Fjondryk. Nie hatte er es für möglich gehalten, dass sie innerhalb so kurzer Zeit derart zahlreich werden konnten, und er hielt es nicht für unmöglich, dass göttliche Magie dahintersteckte. Es ging das Gerücht, die Khaleri kämpften sogar an der Seite einer dämonischen Kreatur, einem brennenden Riesen, der ihnen unvorstellbare Macht verlieh.

In der Ferne grollte Donner. Es war Frühling, die Temperaturen angenehm für eine Reise, aber das Wetter zeigte sich nun schon seit Tagen von seiner unfreundlichen Seite. Dicke graue Wolken erstreckten sich über ihnen, tauchten die Umgebung in gleichförmiges Zwielicht, sodass sich die Tageszeit kaum bestimmen ließ.

»Wir hätten in Zakuma bleiben sollen,« meldete Orys sich zu Wort und riss Yanil aus seinen Gedanken. Er war ein ruhiger Geselle, einer derjenigen seines Volkes, dem keine Magie innewohnte. Jedoch war er geschickt im Umgang mit Pfeil und Bogen, mit dem Armkatapult und dem Speer, den Waffen der Mazari.

»Die Khaleri meiden die südlichen Wälder, Zakuma ist uneinnehmbar«, fuhr Orys fort. »Dort wären wir sicherer gewesen. Wir hätten behaupten können, der Botenvogel sei überhaupt nicht angekommen.«

Ehe Yanil den Mund öffnen konnte, um den Krieger für die unverfrorene Aussprache seiner destruktiven und verräterischen Gedanken zurechtzuweisen, riss Ilav, ein hagerer Mann mit tief liegenden Augen, das Wort an sich. Er lehnte mit der Schulter gegen den Stamm einer knorrigen Eiche, die schon bessere Tage gesehen hatte. Wie sie alle.

»Es hat keinen Sinn, jetzt noch darüber zu diskutieren. Außerdem steht unser aller Sicherheit auf dem Spiel, wenn Fjondryk fällt. Sich zu verkriechen hätte uns am Ende auch nichts genützt.«

Niemand erwiderte etwas. Yerem gab nur ein missmutiges Knurren von sich, Orys ließ resigniert den Kopf hängen. Yanil hätte sich darüber ärgern sollen, dass Ilav sich eingemischt hatte und ihm als Truppenführer über den Mund gefahren war, doch in Wahrheit war er froh darüber. Die Hierarchie innerhalb der Gruppe bröckelte ohnehin, wenn es sie je wirklich gegeben hatte. Im Grunde war es auch vollkommen egal. Yanil wollte mittlerweile nur eines: in Fjondryk ankommen, möglichst lebend.

Zum Glück bin ich der einzige, der die Magie der Gedankensprache beherrscht. Die anderen sollten nicht wissen, dass ihr Anführer am Sinn der Mission zweifelt.

Neben Yanil war nur noch Yerem in der Lage, Magie zu wirken. Zwar war dies innerhalb des Volkes der Mazari durchaus keine seltene Eigenschaft, aber das Talent war längst nicht bei jedem in gleichem Maße ausgereift. Während Yanil lediglich die Fähigkeit besaß, mit anderen stumm gedanklich zu kommunizieren (sofern sein Gegenüber über die gleiche Begabung verfügte), vermochte Yerem die Flugbahn seiner Pfeile zu beeinflussen. Eine nützliche Gabe, wenn es darum ging, seinen Hintern unbeschadet durch Feindesland zu manövrieren.

»Gehen wir weiter«, sagte Yanil und zurrte sein Marschgepäck fest. Erschreckend, wie leicht es geworden war. Ihre Vorräte waren zur Neige gegangen, obwohl es bis zur Grenze nach Fjondryk noch mindestens eine Woche Fußmarsch zu überstehen galt. Sie hatten gehofft, in den Dörfern der Khaari, jener sterblichen niederen Menschen, die vor der Invasion der Khaleri einen Großteil der Bevölkerung von Gûraz ausgemacht hatten, ihre Vorräte aufzustocken, doch hatten sie nicht mit deren Feindseligkeit gerechnet. Man hatte sie angespuckt, beschimpft und mit Mistgabeln vertrieben. Sie gaben den Mazari die Schuld an ihrer Armut, nannten sie Unterdrücker und wünschten ihnen das Dunkelfieber an den Hals. Keine schöne Erfahrung, und Yanil hatte seitdem ihre Dörfer gemieden. Er war schockiert darüber gewesen, wie wenig er vom Weltgeschehen in der Waldstadt Zakuma mitbekommen hatte. Er schüttelte seine Gedanken ab wie lästige Fliegen.

»Also dann, auf nach Norden«, sagte Ilav, aber sein Tonfall klang alles andere als begeistert.

Orys drückte den Stopfen auf seinen Wasserschlauch, nachdem er sich vergewissert hatte, dass kein Tropfen Flüssigkeit mehr darin war. Er verzog missmutig das Gesicht. Er wollte sich den Schlauch gerade zurück an seinen Gürtel hängen, als ein reißendes Geräusch durch die Luft peitschte, direkt gefolgt von einem Surren. Zeitgleich warfen alle vier Mazarikrieger den Kopf herum. Orys stieß einen Laut der Überraschung aus, als ihm sein Wasserschlauch aus der Hand gerissen wurde. Ein Pfeil hatte sich durch das Leder gebohrt. Er steckte nur wenige Manneslängen von ihnen entfernt in der Rinde der knorrigen Eiche, an die sich nur Augenblicke zuvor noch Ilav gelehnt hatte. Der aufgespießte Wasserschlauch hing schlaff daran herab. Für die Dauer eines Herzschlags blieb es absolut still. Sie starrten den Pfeil an, versuchten ihre Gedanken zu sortieren. Dann war es jäh vorbei mit der Ruhe. Geschrei, das aus allen Winkeln des Waldes zu dringen schien, erfüllte die Luft. Es fand seinen Widerhall an den mächtigen Stämmen der alten Bäume, sodass kaum auszumachen war, woher die Angreifer kamen.

Yanil löste den Gurt seines Rucksackes und ließ ihn zu Boden gleiten. Mit zittrigen Fingern machte er sich an der Kordel zu schaffen, mit der er den Bogen daran befestigt hatte, und hasste sich im selben Moment dafür, die Waffe überhaupt je aus der Hand gelegt zu haben. Er war zu unvorsichtig gewesen. Im Augenwinkel beobachtete er, wie Yerem bereits seinen ersten Pfeil abschoss. Ein gurgelnder Schrei gellte durch den Wald, dann ein dumpfer Aufprall. Er hatte offensichtlich sein Ziel getroffen, aber Yanil schenkte dem Sterbenden keine Aufmerksamkeit.

Er gab es auf, seinen eigenen Bogen vom Rucksack lösen zu wollen. Er hatte keine Zeit dazu. Stattdessen zog er sein Messer aus dem Gürtel. Keine Waffe, um sich vor Angreifern zu schützen und eher dazu geeignet, ein Tier zu häuten. Als er den Kopf hob, erfasste ihn eine Welle des Grauens. Nicht weniger als zehn Personen stürmten auf die Mazarikrieger zu, allesamt mit Langschwertern oder Bögen bewaffnet. Yanil sandte ein Stoßgebet an den heiligen Nosus, den Schutzpatron seines Volkes. Er hatte geglaubt, die Khaleri wagten sich nicht in die dichten Wälder des Nordens, und es schockierte ihn, seine These widerlegt zu sehen.

Mit einem Blick erkannte Yanil, dass nicht alle von ihnen Rüstungen trugen, die meisten nur leichte Kleidung aus ungefärbtem Leinen. Ihr langes schwarzes Haar wehte ihnen um die Köpfe, als sie mit hassverzerrten Gesichtern auf ihre Feinde losstürmten. Yanil wusste sofort, dass sie keine Chance gegen eine Überzahl schwer bewaffneter Gegner hatten, das Messer in seiner Hand vibrierte im Rhythmus seines in Todesangst beschleunigten Herzschlags. Seine Hand krampfte sich um den Griff, aber er schwitzte so stark, dass er das Messer kaum halten konnte. Er ging einige Schritte rückwärts, ein Reflex, obwohl es ihm mitnichten gelingen konnte zu fliehen.

Yerem und die anderen feuerten erneut Pfeile auf die Angreifer ab, solange es die Distanz noch zuließ. Mindestens zwei weitere Khaleri fanden den Tod, Blut spritzte aus ihren Wunden und benetzte die umliegende Vegetation.

Ein Mann, groß und sehnig, kam mit über dem Kopf erhobenem Schwert auf Yanil zu, der sich bereits ein ganzes Stück von seinen Kameraden entfernt hatte. Die Augen des Khaleri glänzten, als hätte er Fieber. Sein Ausdruck war seltsam leblos, wenngleich er hämisch grinste. Etwas stimmte mit ihm nicht, als mangelte es ihm an Intelligenz, als ließe er sich einzig durch einen Instinkt leiten.

Yanil tat einen Schritt zur Seite, suchte Schutz hinter dem tief herabhängenden Ast einer alten Buche. Obwohl seinem Gegenüber hätte klar sein müssen, dass ein Langschwert äußerst ungeeignet für den Kampf in dichter Bewaldung war, stieß er dennoch einen Schrei aus und ließ seine Klinge mit aller Kraft, die er aufzubringen vermochte, auf Yanil herabsausen. Vielleicht hatte er geglaubt, den oberschenkeldicken Ast durchtrennen zu können wie Butter, doch da hatte sich der Kerl geirrt. Das Schwert blieb im harten Holz stecken, sodass dem Khaleri von der Wucht des Aufpralls der Griff aus der Hand glitt. Yanil glaubte nicht, dass das sonderbare Volk aus dem Süden erfahren war im Nahkampf in bewaldetem Gebiet, und vorerst schien ihm dieser Umstand das Leben gerettet zu haben. Die Klinge hätte ihm den Kopf von den Schultern getrennt, hätte Yanil den Ast nicht zwischen sie gebracht.

Er hatte keine Zeit, um erleichtert zu sein. Hinter dem Rücken seines Angreifers sah er Orys, der mit einem abgetrennten Arm und einem stummen Schrei auf den Lippen zu Boden fiel. Zwei seiner Kameraden waren bereits sicher tot.

Yanil hätte den Moment, als sein Gegenüber waffenlos war, zu seinem Vorteil nutzen und ihn mit dem Häutungsmesser angreifen müssen, doch Todesangst umnebelte seinen Verstand, der Augenblick verstrich. Er hatte sich für einen mutigen und abgeklärten Mann gehalten, doch er hatte sich geirrt. In Zakuma hatte nie jemand sein Leben bedroht, und ein Übungskampf war nun doch etwas anderes als bitterer Ernst.

Ehe Yanil seine Gedanken bündeln konnte, spürte er jäh einen stechenden Schmerz im rechten Handgelenk. Er schrie, das Messer flog aus seiner Hand, beschrieb einen Bogen in der Luft und landete im Unterholz. Er taumelte rückwärts und fiel auf sein Hinterteil. Es musste ausgesehen haben, als sei er angetrunken. Mit der freien Hand griff er sich an die Verletzung, ertastete die Befiederung eines Pfeils. Warmes Blut rann ihm zwischen die Finger. Sein Angreifer schien sich gewiss zu sein, dass die Mazari in der Unterzahl keine Gefahr für ihn und seine Kameraden darstellten. Er genoss seinen Triumph sichtlich, kam langsam auf Yanil zu, seine Lippen zuckten verächtlich.

Er war sich sicher, dass er sterben würde, die logische Konsequenz eines folgenschweren Irrtums. Er hatte seine Truppe in den Tod geführt, hatte sie glauben lassen, in den Wäldern könnten die Khaleri sie nicht angreifen.

Nur am Rand seines Bewusstseins vernahm er Ilavs letzten gurgelnden Aufschrei, bevor auch er unweit von ihm zu Boden ging. Es gab kein Entrinnen, für keinen von ihnen.

Weder sein Gegner noch Yanil selbst waren bewaffnet, doch mit nur einer funktionstüchtigen Hand würde es dem Mazari kaum gelingen, einen todeswütigen Angreifer abzuwehren. Verzweifelt robbte er auf dem Hinterteil noch ein paar Schrittlängen zurück, doch er konnte den Angriff nicht verhindern. Schon stürzte der hagere Kerl sich auf ihn, drückte ihn zu Boden. Yanils Kopf prallte zurück und schlug auf dem Waldboden auf. Er unterdrückte einen Schrei. Kurz vernebelte der Schmerz ihm die Sinne, dann klärte sich sein Blick wieder. Der Khaleri hockte über ihm, so nah, das Yanil den penetranten Geruch seines dreckverschmierten Hemdes einsog. Seine Hände schlossen sich um den Hals seines Opfers. Yanil versuchte ihn abzuschütteln, blieb aber erfolglos. Er keuchte, schnappte nach Luft, griff mit der linken Hand um sich und bekam dornige Pflanzen, totes Laub und Erde zu fassen. Im Todeskampf ruderte er mit den Armen. Er hätte dem sehnigen Widerling niemals so viel Kraft zugetraut.

Jäh schloss sich Yanils Faust um einen Gegenstand, der verborgen zwischen verrottenden Blättern lag. Er war schwer und kühl. Sein Messer!

Sterne tanzten vor seinen Augen, er riss den Mund weit auf, doch keine Luft strömte mehr in seine Lungen. Er wand sich im Würgegriff seines Angreifers wie ein Aal, spürte bereits, wie sich eine erlösende Ohnmacht ankündigte. Vom Mut der Verzweiflung beflügelt riss er den Arm mit letzter Kraft nach oben. Das Messer fuhr dem Khaleri in die Brust. Der Griff um Yanils Hals lockerte sich, sein Peiniger fasste nach dem Messer, zog es heraus und schleuderte es von sich, als könnte er die Verletzung damit ungeschehen machen. Warmes Blut regnete auf Yanil herab und geriet ihm in die Augen. Sogleich ließ der Druck auf seine Kehle nach, doch es war bereits zu spät. Er konnte nicht länger gegen die Bewusstlosigkeit ankämpfen. Das Letzte, das er spürte, war das Gewicht des über ihm zusammensackenden Mannes, ehe es um ihn herum dunkel wurde.