Zwei

 

Licht. Tanzendes, flackerndes Licht, das durch Yanils geschlossene Lider drang.

Nach und nach erwachten weitere Sinne und Empfindungen, allem voran Schmerz. Seine rechte Hand pochte, seine Kehle fühlte sich noch immer an wie zugeschnürt, jeder Atemzug bereitete ihm Qualen. Auf seinem Brustkorb lag etwas Schweres, aber er fand nicht die Kraft, es von sich herunterzustoßen. Nein, er war nicht tot. Dies war nicht die Götterwelt.

Langsam sickerten die Erinnerungen zurück in sein Gedächtnis. Er hatte gekämpft, gemeinsam mit drei Kameraden. Eine Gruppe Khaleri hatte sie überfallen, mitten im Wald, weit abseits der Straßen.

Yanil spürte, wie eine Träne sich aus seinem Augenwinkel löste, seine Schläfe hinab rann und in sein Ohr tropfte. Er wollte die Augen nicht öffnen, wollte nicht sehen, was um ihn herum geschah. Er blieb ungezählte Augenblicke reglos liegen, lauschte dem Rauschen des Windes in den Blättern, dem Gesang der Vögel, sog den erdigen Duft des Waldbodens ein. Der Frühling war eine herrliche Jahreszeit in der Waldstadt Zakuma, so fern von hier.

Er tauchte ein in seine Erinnerungen, floh vor der grausamen Realität. Er nannte die südlichen Wälder seine Heimat, eine Stadt in den Baumkronen. Seine Frau Tyra wartete in ihrem liebevoll dekorierten Baumhaus auf seine Rückkehr. Ihr musste bewusst gewesen sein, dass eine Wiedervereinigung unwahrscheinlich war. Der traurige Blick in ihren Augen, als Yanil aufgebrochen war, um dem Ruf des Königs nach Norden zu folgen, würde er nie vergessen. Würde er sie jemals wiedersehen? Anfangs war er durchaus optimistisch gewesen, hatte sogar geglaubt, Tyra Botenvögel zukommen lassen zu können. Aber das war, bevor er bemerkt hatte, wie zahlreich das verhasste Khalerivolk geworden war. Sie hatten alle Vogelstationen zerstört, die Tiere getötet. Selbst die Khaari waren ihm mit Hass und Verachtung begegnet, dabei hatte Yanil immer geglaubt, es seien gute Menschen, die stolz waren auf ihr Land. Wie wenig er doch gewusst hatte von der Welt! Er war ein Kind des Waldes, kein Soldat. König Raslyr hätte wissen müssen, dass die kleine Gruppe nie bis nach Fjondryk gelangt wäre. Die Mazari des Waldes waren ungeübt in der Kriegsführung, hatten sich nie im Zweikampf behaupten müssen. Wie hatte Yanil je glauben können, diese Mission zu überleben?

Wenn mich irgendjemand hört, sag Tyra, dass ich sie liebe.

Yanil sandte seinen Gedanken hinaus in die Welt, aber niemand antwortete. Sein verzweifelter Versuch, in der stummen Gedankensprache zu kommunizieren, keimte auf dem Boden der Verzweiflung. Ein einziges Mal war es ihm in der Vergangenheit gelungen, mit jemanden ohne Worte zu sprechen, und Yanil hatte denjenigen nicht einmal gekannt. Irgendwo dort draußen gab es ihn, aber er hatte Yanil weder seinen Namen noch seinen Wohnort genannt.

Er öffnete die Augen einen Spaltbreit. Er hatte gehofft zu sterben, doch der Tod betrog ihn um diesen Gefallen. Er wusste nicht, wie lange er bereits auf dem Rücken irgendwo im Wald lag. Was, wenn der Tod noch Tage auf sich warten ließ?

Letztlich siegte der Überlebensinstinkt. Yanil erkannte, dass es unmöglich war, aus freiem Willen zu sterben. Einfach liegen zu bleiben und aufhören zu atmen, nein, das funktionierte nicht.

Sonnenlicht tanzte durch die sich im Wind wiegenden Baumkronen und kitzelte seine Nase. Ächzend hob er den linken Arm und rollte mit aller Kraft den auf ihm liegenden Leichnam des Khaleri von sich herunter. Ein Schwarm Fliegen stob auf, Yanil würgte. Er hatte schon zuvor Tote gesehen, aber niemals unter derartigen Umständen. Er hatte sich für einen besonnenen und abgeklärten Anführer gehalten, doch die Realität hatte ihn eines Besseren belehrt. Zakuma lag weit abseits der Realität, wie ein Traumgebilde, in das das Böse der Welt nicht einzudringen vermochte. Yanil erkannte, dass ihm die Welt fremd war, dass er sie wie ein Kind erst neu entdecken musste.

Er griff mit der Hand an seine Brust und fasste in klebriges Blut. Erst glaubte er, es sei sein eigenes, doch dann fiel ihm ein, dass er den Khaleri unmittelbar vor seiner Ohnmacht erstochen hatte. Außer dem verletzten Handgelenk und den Würgemalen schien Yanil keine schweren Wunden davongetragen zu haben.

Er versuchte, den rechten Arm zu bewegen. Unwillkürlich entfuhr ihm ein Schmerzensschrei, doch es gelang ihm, sich aufzusetzen. Schwindel packte ihn, alles drehte sich. Der Pfeil, knapp oberhalb seines Handgelenks ins Fleisch gedrungen, war abgebrochen. Die Spitze ragte auf der anderen Seite des Arms etwa zwei Finger breit heraus, ein Durchschuss. Ohne lange darüber nachzudenken, griff Yanil nach dem abgebrochenen Schaft und zog ihn ruckartig heraus. Eine Welle aus Übelkeit überfiel ihn, er musste sich übergeben. Frisches warmes Blut lief seinen Unterarm entlang und tropfte auf den Boden. Er zwang sich, die Wunde zu untersuchen. Schnell erkannte er, dass er nicht daran sterben würde. Der Pfeil war kaum dicker als sein kleiner Finger. Er war glatt zwischen Elle und Speiche hindurch geglitten, ohne ein größeres Gefäß zu verletzen. Ha! Mit solchen Pfeilen ließen die Mazari ihre Kinder spielen. Die Khaleri waren nicht geübt im Umgang mit Fernkampfwaffen, dafür kämpften sie mit dem Schwert umso ausdauernder und tödlicher. Yanil wünschte sich, sie hätten einen Heiler mit auf die Reise genommen. Sofern dieser jetzt noch leben würde – was er schwer bezweifelte –, hätte er ihn nun dringender gebraucht denn je. Zwar kannte auch Yanil sich in den Heilkünsten seines Volkes ein wenig aus, aber Heilung zählte zu einem der magischen Talente der Mazari, und bislang hatte er an sich eine derartige Form der Magie nicht entdeckt.

Er sah sich um und betrachtete seinen Standort. In seinem Blickfeld lagen mehrere Leichen. Die des hageren Kerls, den er eigenhändig getötet hatte, sowie drei weitere Khaleri. Einer starrte mit leeren, weit aufgerissenen Augen in den Himmel. Ein anderer sah aus, als würde er schlafen. Er lag auf der Seite, das Gesicht entspannt. Er war gar nicht so hässlich, wie Yanil sich einen Khaleri vorgestellt hatte. Bis zu dem Tag, als er von Zakuma aus nach Norden aufgebrochen war, hatte er überhaupt noch nie einen von ihnen gesehen. Er hatte sie für Dämonen gehalten, mit hässlichen Fratzen und spitzen Zähnen. Es schockierte ihn beinahe, dass sie wie normale Menschen aussahen. Was trieb dieses Volk an, aus dem Nichts zu erscheinen und ein ganzes Land für sich zu beanspruchen?

Die anderen Leichen waren die seiner Kameraden. Yanil fuhr ein Stich in die Brust. Er hatte als einziger überlebt. Er fühlte sich schlecht deshalb. Der Anführer einer Truppe sollte nicht leben, während seine Schützlinge den Tod fanden. Er wandte den Blick von Ilavs totem Körper ab. Ihm fehlte ein Arm, sein Mund war zu einer schmerzverzerrten Grimasse erstarrt. Orys und Yerem sah Yanil nur von hinten, sie lagen ein ganzes Stück entfernt. Er war froh, sich den Blick in ihre Gesichter ersparen zu können.

Eine Weile lang blieb Yanil sitzen. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Hatte er überhaupt etwas gewonnen durch sein Überleben? Vermutlich nicht. Wenn er hinter der nächsten Biegung nicht erneut einer Gruppe seiner Feinde in die Arme lief, würde er verhungern und verdursten.

Diese menschlichen Grundbedürfnisse waren es letztlich, die Yanil dazu trieben, seinen Standort aufzugeben und aufzustehen. Er wunderte sich beinahe selbst darüber, dass es ihm leicht fiel, sich auf den Beinen zu halten. Er hatte sich weder etwas gebrochen, noch schien er innere Verletzungen davongetragen zu haben. Die überlebenden Khaleri hatten ihn wahrscheinlich für tot gehalten und waren weitergezogen.

Aus der neuen Perspektive sah das Leichenfeld um ihn herum kaum besser aus. Er verspürte den dringenden Wunsch, diesen Ort zu verlassen. Jedoch bestand die vage Möglichkeit, dass er bei den Verstorbenen etwas fand, das ihm nützte. Er verdrängte den Gedanken, dass er früher oder später ohnehin sterben würde. Der Lebenswille war stark, stärker als die Verzweiflung.

Yanil überwand seinen Ekel und untersuchte die Leichen. Die Ausbeute war gering. Zwei der Khaleri trugen absolut nichts bei sich, das es nicht mitzunehmen gelohnt hätte. Lediglich am Gürtel des dritten, demjenigen, der scheinbar schlafend auf der Seite lag, hing ein halb voller Wasserschlauch. Mit fahrigen Fingern löste Yanil ihn und nahm einen tiefen Schluck. Er musste sich zwingen, den Rest nicht auch noch hinunterzustürzen. Er musste sich das Wasser aufsparen bis zur nächsten Quelle oder dem nächsten Regenguss.

Der Tote trug noch einen kleinen Lederbeutel bei sich, der mit einer Kordel an seinem Gürtel befestigt war. Gold? Yanil löste die Lasche und griff hinein, mehr aus Neugier als aus dem Wunsch heraus, sich an Zahlungsmitteln zu bereichern. Ein Mazari des Waldes kannte kein Geld, benötigte es auch nicht. Münzen waren die Erfindung des Königs und das Zahlungsmittel der Khaari.

Yanils Finger schlossen sich um einen kleinen Gegenstand, dessen Oberfläche sich wie Holz anfühlte. Er zog ihn heraus und förderte ein geschnitztes Schaukelpferd zutage, liebevoll in den Details. Er stutzte, drehte es mehrfach in den Händen und konnte sich nicht erklären, was dieses Monster mit einem Kinderspielzeug anzufangen gedachte. Er hatte bislang nie darüber nachgedacht, ob die Khaleri Familien gründeten. Er hatte noch nie eine ihrer Frauen zu Gesicht bekommen. Er hatte immer geglaubt, sie seien die dämonischen Neuschöpfungen eines tyrannischen Gottes, der sie wie eine Plage über das Land jagte, kaum mehr Wert als ein Schwarm Heuschrecken. Dass sie Frauen und Kinder hatten, entzog sich seinem Vorstellungsvermögen, es erschütterte ihn sogar in seinen Grundfesten.

Als er das Holzpferd zurück in den Beutel des Toten steckte, gab dieser plötzlich einen Laut von sich, ein leises Wimmern. Yanil wich zurück wie vor etwas Giftigem. Beinahe hätte er aufgeschrien. Der Kerl lebte noch!

Das Wimmern ging in ein etwas lauteres Murren über, als wäre er mitten in der Nacht im Tiefschlaf geweckt worden. Er schlug die Augen auf, langsam und scheinbar nicht ahnend, wer vor ihm saß. In den ersten Sekunden nach seinem Erwachen zeigte er den typischen Gesichtsausdruck eines Mannes, der nicht wusste, wo er sich befand. Vielleicht glaubte er, daheim in seinem Bett zu liegen, sofern die Khaleri überhaupt in Betten schliefen. Dann klärte sich sein Blick, und man sah ihm förmlich an, wie es in seinem Hirn arbeitete. Ein letzter Rest Farbe wich aus seinem ohnehin schon blassen Gesicht. Er zuckte zusammen, als hätte er sich fürchterlich erschreckt, auch Yanil saß auf seinem Hinterteil, kroch einen Schritt zurück und starrte den Mann aus geweiteten Augen an. Ihre Blicke trafen sich, klebten für die Dauer eines Herzschlags aneinander, ehe der Fremde seinen Oberkörper hastig aufrichtete und mit den Händen um sich tastete, als würde er etwas suchen. Was auch immer es war, er fand es nicht. Seine Bewegungen wurden immer panischer, er wollte aufspringen, schrie vor Schmerz und ließ sich zurück auf den Boden sinken. Yanil beobachtete ihn stumm. Er fühlte sich nicht in der Lage zu handeln, hätte auch nicht gewusst, was er in dieser Situation hätte tun sollen. Natürlich, er hätte das Messer suchen können, das er beim Kampf gegen seinen ersten Gegner hatte fallen lassen, um auch diesen Kerl in den Tod zu schicken, aber der Gedanke lag ihm mit einem Mal so fern als ginge es darum, auf einer Hochzeit ein Trauerlied zu singen. Sein Verstand ermahnte ihn, dass er einem Feind gegenüber saß, der seinerseits keine Sekunde zögern würde, ihn anzugreifen, sollte er einer Waffe habhaft werden. Yanil konnte es sich eigentlich nicht erlauben abzuwarten.

Als der Khaleri merkte, dass kein Schwert und auch sonst nichts, womit man sich hätte verteidigen können, in greifbarer Nähe war, riss er den Kopf ruckartig herum und starrte Yanil erneut an. Es war unverkennbar, dass er erwartete, von ihm attackiert zu werden. Doch Yanil rührte sich noch immer nicht, und so sahen sich die beiden Krieger in die Augen, ohne dass jemand noch einen Versuch unternommen hätte, etwas an der Situation zu ändern. Yanil bemerkte, dass sie Augen des Mannes stechend grün waren, wie die fast aller Khaleri. Seine Züge waren fein, nicht die eines grobschlächtigen Ungeheuers. Über seiner Augenbraue zog sich eine Narbe bis hinunter zu seiner Schläfe, vermutlich eine alte Verletzung.

Eine gefühlte Ewigkeit verging, ehe der Khaleri endlich den Mut aufbrachte, die Stimme zu erheben. Er räusperte sich. »Willst du mich nicht endlich töten? Ich bin wehrlos und kann nicht aufstehen!«

Eine seltsame Frage, die sich Yanil kaum selbst beantworten konnte. Weshalb tötete er ihn denn nicht? Er hätte leicht eine Waffe finden können, immerhin funktionierten seine Beine und ein Arm noch. Doch noch mehr als die Antwort auf diese Frage irritierte ihn etwas anderes.

»Du sprichst die Gemeinsprache?«

Das hatte er nun wahrlich nicht erwartet. Ein Monster, das ein Kinderspielzeug mit sich herumtrug und die menschliche Sprache beherrschte, und das sogar nahezu akzentfrei – unfassbar. Träumte er etwa noch immer?

»Natürlich spreche ich die Gemeinsprache, wie kommst du darauf, dass ich es nicht könnte?«

Wieder eine berechtigte Frage. Vielleicht sollte er eine ehrliche Antwort geben. »Weil ich bislang gedacht habe, ihr wäret unkultivierte Dämonen, angetrieben von einer bösen Gottheit, ohne eigenen Verstand und ohne Lebensberechtigung.«

Der Khaleri schüttelte ungläubig den Kopf. »Wie bitte?« Seine Stimme überschlug sich vor Empörung. Yanil wusste nicht weshalb, aber er fühlte sich wie ein dummes Kind, das man auf sein Fehlverhalten hinwies.

»Weißt du eigentlich überhaupt irgendetwas von mir?«, fuhr er aufgebracht fort. »Ihr seid die unkultivierten Parasiten dieses Landes, nicht wir. Und jetzt töte mich endlich, deshalb sind wir doch hier, oder etwa nicht? Ich kann nicht aufstehen, ich werde mich sicherlich nicht wehren.«

Heißes Blut schoss in Yanils Wangen. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt, Scham breitete sich in ihm aus, obwohl er sich dafür tadelte, überhaupt mit einem Feind zu kommunizieren. Er wollte von seinen festgefahrenen Ansichten nicht abweichen, aber mit jedem Wort, das der Kerl sprach, wackelten seine Überzeugungen stärker. Es war einfacher, ein gefühlloses Monster zu töten, das nicht einmal sprechen konnte, als einen Menschen aus Fleisch und Blut, mit Sorgen, Nöten und einer eigenen Familie. Er glaubte schon jetzt, den Mut nicht mehr aufbringen zu können, dem Khaleri ein Messer in die Brust zu rammen. Die Anonymität eines beliebigen Gegners hatte ein Gesicht bekommen, eine Stimme, einen Charakter. Allein die Art, wie der Kerl ihn ansah mit seinen stechend grünen Augen – fordernd, mutig und intelligent. Nein, er würde ihn nicht töten. Wenn er ihn hier zurückließ, würde er früher oder später verhungern und verdursten. Vielleicht war es die bessere Lösung, ihn passiv sterben zu lassen.

»Dein Arm blutet stark«, bemerkte der Khaleri trocken.

Yanil sah reflexartig auf seine Wunde hinab. »Nur eine Fleischwunde. Ich werde nicht daran sterben.« Verdammt, er ließ sich schon wieder auf eine Unterhaltung mit ihm ein.

»Stimmt es, dass die Mazari über besondere Heilkräfte verfügen?« Ehrliche Neugier sprach aus ihm heraus.

Yanil musterte ihn argwöhnisch, ehe er antwortete. »Manche von uns mehr als andere. Es ist eine Form von Magie.«

Der Fremde nickte stumm. »Wenn du mich schon nicht töten willst, und das sehe ich in deinen Augen, könntest du dir vielleicht mal meinen Fuß ansehen? Ich kann ihn nicht bewegen.«

Yanil weitete die Augen ob dieser unverschämten Bitte. Der Khaleri hob beschwichtigend die Hand.

»Lass uns eine Vereinbarung treffen«, sagte er. »Wir töten uns nicht, gehen jeder unseren eigenen Weg. Diese Unterhaltung hat nie stattgefunden. Einverstanden?«

Yanil nickte, ehe er sich über die Konsequenzen Gedanken gemacht hatte. Andererseits ... Was machte ein Khaleri mehr oder weniger schon aus? Er würde früher oder später ohnehin sterben, ob er dem Kerl nun half oder nicht.

»Ich heiße Brilys.« Er streckte Yanil seine Hand entgegen. Zögerlich griff er danach. Sein Händedruck war warm und fest. Er fühlte sich menschlich an, kein bisschen dämonisch. Jetzt hatte der Fremde auch noch einen Namen! Das machte es nicht einfacher, ihn zu hassen. »Wie darf ich dich nennen, Magier?«

Yanil fiel zum ersten Mal auf, dass sie sich die ganze Zeit über geduzt hatten, obwohl sie sich gar nicht kannten.

»Ich bin Yanil.« Er seufzte und beugte sich zu ihm hinab, um seinen Fuß zu untersuchen. Langsam und vorsichtig, als näherte er sich einem wilden Tier, das er einzufangen gedachte. Brilys grinste ihn breit an und offenbarte eine Reihe makelloser Zähne. Der hatte vielleicht Nerven!

»Ich beiße nicht«, sagte er. Und tatsächlich machte er keine Anstalten, Yanil an die Kehle zu springen, als er sein Hosenbein nach oben zog und behutsam über seinen Knöchel strich. Brilys sog geräuschvoll Luft zwischen die Zähne ein.

»Der Fuß ist nicht gebrochen, zumindest nicht komplett. Vielleicht ist es nur ein Riss im Knochen oder bestenfalls eine schwere Verstauchung. Ich könnte dir eine Schiene machen.«

Yanil hörte sich selbst sprechen, konnte aber kaum glauben, was er sagte. Er machte sich des Hochverrats an seinem König schuldig, wenn er dem Mann half!

»Ich habe die Nase gestrichen voll vom Krieg«, sagte Brilys unvermittelt.

Ihre Blicke trafen sich, und in seinen Augen las Yanil Ehrlichkeit und Demut, was ihn zutiefst erschütterte.

Yanil erhob sich kommentarlos. »Ich gehe und sehe nach, ob ich etwas Brauchbares finde, um unsere Wunden zu versorgen. Das Pochen in meinem Arm bringt mich beinahe um.«

»Du bist ein harter Kerl, nicht einmal Raegon hat es geschafft, dich zu erwürgen, ich habe euch kämpfen sehen.« Brilys grinste erneut. Yanil wandte sich ab, damit er nicht sah, dass sich auch auf seine Lippen ein amüsiertes Lächeln stahl.