Fünf

Schlimmer noch als die immerwährende Dunkelheit waren die Geräusche. Geräusche, die Yanil nicht alle einer Quelle zuordnen konnte, was ihn in einen Zustand stetiger Alarmbereitschaft versetzte. Sein Nacken war verspannt, sein Gang steif. Zu den vertrauten Geräuschen zählten ihre schlurfenden Schritte auf dem glatten Lehmboden, ihre gleichmäßigen Atemzüge, gelegentlich unterbrochen von einem Husten, und das Rascheln von Kleidung. Aber da war noch etwas anderes. Ein dumpfes Grollen, wie von einem Gewitter. Es wurde mal lauter, mal leiser, manchmal rumpelte es sogar. Die feinen Haare auf Yanils Gliedmaßen sträubten sich.

Die drei Kundschafter schwiegen, sie gingen mit unverminderter Geschwindigkeit den dunklen Gang entlang, der keineswegs auf direktem Weg zur Burg führte. Er änderte seine Richtung, schlängelte sich scheinbar wahllos durch das Erdreich. Yanil versuchte sich abzulenken, indem er auf das blaue Licht starrte, das pulsierend über Yubors Handfläche schwebte. Es warf groteske Schatten an die grob behauenen Wände, war jedoch zu schwach, um ihre Gesichter auszuleuchten. Gerne hätte Yanil gefragt, wie weit sie gehen mussten, aber er brachte den Mut nicht auf, die Stille zu durchbrechen. Mit einem flauen Gefühl im Magen befahl er seinen müden Beinen, immer weiter zu gehen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, Yanil schätzte, dass es mindestens zwei Stunden waren, blieb der Tross plötzlich stehen. Yanil wäre beinahe mit Nystar zusammengeprallt, während er seinen düsteren Gedanken nachhing. Er versuchte, über die Schulter seines Vordermannes hinweg etwas zu erkennen. Der Gang endete abrupt. Eine einfache Holztür versperrte ihnen den Weg. Saslyn klopfte dreimal. Yanil zuckte ob des Polterns zusammen, seine Ohren hatten sich bereits an die Stille gewöhnt.

Es dauerte kaum drei Atemzüge, bis die Tür von außen geöffnet wurde und aufschwang. Grelles Licht drang zu ihnen herein, Yanil wandte sich reflexartig ab und hielt sich die Hände vors Gesicht.

»Kommt herein«, sagte jemand.

Langsam nahm Yanil den Arm herunter, seine Augen tränten. Er blinzelte den Schleier weg, allmählich schärfte sich das Bild. Die drei Kundschafter traten aus dem Gang hinaus in einen hölzernen Kasten, der von einer weiteren Tür begrenzt wurde. Yanil folgte ihnen mit zitternden Knien. Als er in einem kleinen, mit Binsen ausgelegtem Zimmer stand, drehte er sich um. Der hölzerne Kasten, durch den sie hereingekommen waren, war ein Kleiderschrank. Dahinter befand sich der Zugang zum geheimen Tunnel. Während Yanil noch darüber staunte, legte ihm jemand eine Hand auf die Schulter. Er riss den Kopf herum und starrte eine hinter ihm stehende Frau mit geweiteten Augen an. Sie war groß, fast so groß wie er, und trug ein bodenlanges dunkelblaues Gewand. Die Haare hatte sie zu einer kunstvollen Frisur aufgesteckt, um ihren Hals hing eine Kette mit einem augapfelgroßen dunkelroten Stein als Anhänger. In Zakuma gaben sich die Frauen weniger elegant. Yanil fürchtete, dass er unhöflich wirkte, aber er konnte seinen Blick nicht von ihr reißen. Ob sie die ganze Zeit neben dem Schrank auf ihre Rückkehr gewartet hatte? Sie lächelte verständnisvoll und nickte leicht, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Dann wandte sie sich an Saslyn.

»Wen bringt Ihr uns von draußen mit? Wir können keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen, unsere Vorräte erlauben das nicht.« Trotz ihrer ernsten Worte blieb ihr Tonfall freundlich.

»Er kommt aus Zakuma und ist einer jener Mazari, die der König vor Wochen herzitiert hat, um seine Armee zu verstärken. Er hat jede Berechtigung, hier zu sein.«

Die Dame musterte Yanil flüchtig von oben bis unten. Er schämte sich für seinen verdreckten Aufzug.

»Wie ist Euer Name?«, fragte sie mit zuckersüßer Stimme.

»Yanil.« Er beließ es bei der einfachen Antwort. Beinahe hätte er angefügt, dass er Anführer gewesen sei, in Zakuma einen hohen Rang genoss. Doch das hätte zwangsläufig die Frage aufgeworfen, weshalb er seine Truppe hatte sterben lassen, während er sich retten konnte. Etwas Unehrenhafteres konnte Yanil sich kaum vorstellen, weshalb er es vorzog, zu seiner Vergangenheit zu schweigen.

Zum Glück hakte die Dame nicht weiter nach, sondern nickte nur. »Ich bin Myla, eine enge Vertraute von König Raslyr.« Sie nickte freundlich, aber unnahbar. Dann wandte sie sich abermals von Yanil ab, als hätte sie jegliches Interesse an ihm verloren.

»Was bringt ihr für Neuigkeiten?« Ihr Blick irrte abwechselnd von Saslyn zu Yubor und Nystar.

»Keine guten, fürchte ich«, sagte Yubor. Er räusperte sich, seine Stimme klang belegt.

»Wir sind abseits der Straße in die Berge aufgestiegen«, riss Saslyn das Gespräch an sich. »Wir dachten, wir hätten von dort aus einen besseren Blick auf den Feind, aber dichter Nebel im Tal hat unsere Sicht behindert. Es drängen sich in diesen Stunden einige hundert Khaleri durch den Pass über die Grenze nach Fjondryk, ich schätze aber, dass es sich nur um die Vorhut handelt. Ihr Heer wird noch weitaus größer sein. Vermutlich lagern sie irgendwo im westlichen Azkatar. Unsere Männer haben es längst aufgegeben, den Pass zu verteidigen, und ich kann es ihnen nicht einmal verdenken. In der Stadt spitzt sich die Lage allmählich zu, Plünderer sind noch das kleinste Problem. Die Menschen haben panische Angst, Khaari und Mazari gleichermaßen.«

Eine Falte bildete sich zwischen Mylas Augenbrauen, die strenge Miene ließ sie hart und unnahbar wirken. »Egal, wie viele kommen mögen, Fjondryk wird nicht fallen«, sagte sie, aber Yanil sah in ihren Augen einen kurzen Anflug von Unsicherheit aufflackern. Seiner Meinung nach war es ein hoffnungsloses Unterfangen, eine einzelne Burg zu halten, während das ganze Land von feindlichen Heerscharen überschwemmt wird wie eine Flutwelle. Yanil sagte nichts, er war sich sicher, dass jeder im Raum denselben Gedanken nachhing.

Er nutzte die kurze Gesprächspause, um sich umzusehen. Augenscheinlich erfüllte die Kammer keinen anderen Zweck, als den Zugang zu den geheimen Katakomben zu beherbergen, denn außer dem Kleiderschrank gab es keine anderen Möbel. Durch ein Fenster, kaum breiter als eine Elle, fiel Tageslicht, jedoch grau und trüb, als würde es bereits Abend. Anhand des Fenstersturzes war zu erkennen, wie dick das Gemäuer war. Kaum vorstellbar, dass Menschen dazu in der Lage sein sollten, diese Wände einzureißen.

Menschen vielleicht nicht, aber ein Gott?

Yanil zuckte zusammen. Er war sich nicht sicher, ob der Gedanke aus seinem eigenen Inneren entsprungen war oder von einer anderen Quelle stammte. Plötzlich fiel ihm wieder ein, dass irgendwo dort draußen jemand mit derselben Magie, die auch ihm innewohnte, herumlief. Und offensichtlich konnte dieser Jemand sogar gegen den Willen eines anderen Gedanken lesen. Yanil erschauderte.

»Was ist mit Vyruk?«, fragte Myla in die Stille hinein, als niemand Anstalten machte, noch etwas zu sagen. Die Erwähnung seines Namens schmerzte beinahe körperlich, aber anscheinend hatte man im Norden weniger Respekt vor den Göttern – oder weniger Angst.

Oder nichts mehr zu verlieren.

Yanil drängte das hämische Gekicher des fremden Magiers nieder und konzentrierte sich wieder auf die Diskussion.

»Wir haben ihn nicht gesehen«, antwortete Saslyn pflichtschuldig. »Wir können demnach keine Gerüchte von einem brennenden Riesen bestätigen. Dennoch zweifle ich nicht daran, dass die Macht der Khaleri durch eine übernatürliche Quelle gespeist wird. Sie hätten sonst nie so zahlreich werden können. Sie schießen aus dem Boden wie Pilze.« Eine kurze Pause. »Wie kommen die Magier mit der Entwicklung der Formel voran?«

Yanil bemerkte, dass Myla die Schultern straffte, als wappnete sie sich für einen Kampf. »Sie sind fertig. Wir sind zuversichtlich, Vyruk vernichten zu können.«

Ein erleichtertes Raunen ging durch die kleine Gruppe, aber Yanil blieb stumm.

»Sollen sie ruhig kommen, wir fürchten uns nicht vor ihnen. Nach allem, was wir wissen, sind die Khaleri keine Magier, sie kämpfen mit archaischen Waffen«, fuhr die hübsche Mazari fort. »Wir können sie besiegen, vielleicht sogar vernichten.« Glaubte sie das tatsächlich oder wollte sie sich bloß selbst beruhigen? Unvermittelt wandte sie sich wieder an Yanil. »Was habt Ihr zu berichten? Ihr seid einen weiten Weg von Zakuma hierher gekommen. Wisst ihr mehr über die Khaleri? Woher kommen sie? Was treibt sie an?«

Mit einem Mal schien Yanils Kragen unangenehm eng zu werden. »Ich bin keinem von ihnen begegnet, außer jenen, die meine Truppe vernichtet haben. Ich weiß nichts zu berichten.« Er hoffte, glaubwürdig zu klingen, obwohl er log. Weshalb sagte er nicht die Wahrheit? Weshalb war er nicht in der Lage dazu? Hatte Brilys ihm nicht lang und breit erklärt, dass Vyruk die Sinne der Khaleri vernebelte und sie zu dem Feldzug zwang? Dennoch blieb Yanil stumm. Er sagte nichts mehr, und Myla erklärte das Gespräch für beendet. Die drei Kundschafter verabschiedeten sich eilig von Yanil, sie wollten dem König Bericht erstatten. Binnen weniger Augenblicke waren sie aus einer Tür verschwunden. Myla seufzte, straffte sich jedoch sofort wieder und lächelte.

»Ich zeige Euch, wo Ihr Euch waschen und neu einkleiden könnt. Dann werde ich versuchen, eine Unterkunft für Euch zu finden.«

Sie wies Yanil mit einer Geste an, ihr zu folgen und verließ ebenfalls den Raum.

 

***

 

Die Enge seines Zimmers trieb ihn schließlich zu dem Entschluss, den langen Weg über Fjondryks kalte Flure bis zur Küche anzutreten. Stundenlang war er rastlos durch die kleine Kammer geschritten, die man ihm zugeteilt hatte. Er hatte sich auf das karge Bett unter dem Fenster gesetzt, nur um einen Augenblick später aufzuspringen, zur Kleidertruhe zu gehen, das hässliche Bild an der Wand zu betrachten oder seine zugeteilte Waffe zu polieren. Ein Schwert. Es lag ihm schwer in der Hand. Er hatte keine Ahnung, was ein gutes Schwert ausmachte, dennoch glaubte er nicht, dass dieses von hoher Qualität war. Die Klinge war schartig, der schmucklose Griff hatte Rost angesetzt. Ob er je damit zurecht kommen würde? Für gewöhnlich bevorzugte er Pfeil und Bogen, doch seine eigene Waffe hatte er irgendwo im Wald von Azkatar verloren. Jedem Mann, der für kampffähig erklärt wurde, hatte man auf Befehl des Königs eine Waffe zugewiesen. Ihn hatte nun einmal das Los eines schartiges Schwertes getroffen. Er hatte nicht einmal die Muße aufgebracht, damit zu trainieren, und es erschien ihm auch sinnlos.

Yanil zog die Tür hinter sich zu. Sie hatte keinen Riegel und kein Schloss. Er war sich sicher, dass der Raum in der Vergangenheit als Abstellkammer gedient hatte, die man notdürftig in einen Wohnraum zu verwandeln versucht hatte. Ein verstaubtes Bild, ein Bett, eine Truhe. Sonst nichts. Das Fenster war winzig und ließ nicht einmal bei Tag hinreichend Licht ein, um ohne Lampe auszukommen. In der Burg war es voll geworden, denn der König hatte seinen Hilferuf scheinbar ins gesamte Land gesandt, und einige hatten es tatsächlich geschafft, sich bis hierher vorzukämpfen. Saslyn und seine beiden Kameraden mussten des Öfteren den geheimen Gang benutzen, um Neuankömmlinge aufzulesen, zumindest hatte Myla ihm das einmal erzählt, als er sie auf dem Flur getroffen hatte. Das war nun schon fünf Tage her, seitdem war ihm überhaupt kein bekanntes Gesicht mehr unter die Augen gekommen.

Yanil stieg eine Treppe hinab, schlenderte über Gänge und Flure. Er hatte es nicht eilig. Sein Magen knurrte, aber er glaubte nicht, in der Küche etwas Essbares zu finden. Die Vorräte wurden knapp. Alles, was in die Burg hinein oder hinaus gelangte, wurde über die geheimen Gänge eingeschleust, von deren Existenz nur eine ausgewählte Gruppe engster Vertrauter des Königs wusste, und natürlich diejenigen, die sich nachträglich zum Kriegsdienst eingefunden hatten, Yanil eingeschlossen. Die großen Haupttore blieben geschlossen, viel zu groß war die Angst vor der panischen Meute, obwohl schon lange niemand mehr um Einlass gebeten hatte. Der Handel in der Stadt war indes komplett zusammengebrochen. Es gab keine Exportgüter mehr, an allem mangelte es. Auch in der Burg selbst war die Situation kaum besser. Hatte man sich anfangs noch bemüht, den Schein von Normalität zu wahren, hatten mittlerweile fast alle Angestellten ihre Arbeit niedergelegt. Es herrschte Chaos, dessen selbst der König nicht mehr Herr wurde. Raslyr hatte sich unter das einfache Volk gemischt, wohl als Demonstration seiner Solidarität. Yanil hatte ihn jedoch seit seiner Ankunft vor acht Tagen nur ein einziges Mal gesehen, als er eilig an ihm vorübergegangen war, in ein hitziges Gespräch mit seinen Beratern vertieft. Yanil glaubte, dass die Anwesenheit des Königs die Moral seiner Untergebenen vielleicht geringfügig zu stärken vermochte, doch angesichts der aussichtslosen Lage war auch das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Yanil fühlte sich allein gelassen. Kaum jemand beachtete ihn, geschweige denn, dass jemand mit ihm gesprochen hätte. Er fühlte sich verloren, wie eine Ameise inmitten Millionen anderer.

Er erreichte das unterste Stockwerk. Eine gewaltige breite Steintreppe aus glatt poliertem Marmor führte in die Eingangshalle. Jedes kleinste Geräusch hallte von den grauen Wänden wider. Trotz der Überfüllung der Burg waren die Gänge menschenleer. Vermutlich hielten sich die meisten Krieger und Edeldamen in ihren Gemächern auf, warteten auf das heranrückende Heer, das sich anschickte, Tod und Verderben über sie zu bringen. Vielleicht beteten sie, vielleicht verzweifelten sie. Yanil hatte seit seiner Ankunft von drei Selbstmorden gehört. Nichts, was einem Mut machen würde. Geringfügig stimmungsaufhellend war die Tatsache, dass sich Gerüchten zufolge eine Gruppe aus Kampfmagiern formiert hatte, die an der praktischen Anwendung der Zauberformel arbeiteten, die den Gott des Feuers vernichten sollte. Yanil wollte gern daran glauben, konnte sich aber kaum vorstellen, dass es möglich war, Vyruk durch einen Zauber Einhalt zu gebieten. Dennoch klammerte er sich an die Vorstellung.

Auch Myla hatte er seit ihrer flüchtigen Begegnung auf dem Flur nicht mehr gesehen. Die Erinnerung an sie verblasste bereits wie ein Traum. Überhaupt erschienen ihm die vergangenen Tage mehr wie ein Traumgebilde als wie Realität. Alles war fremd, unwirklich. Oft dachte er an Brilys. Sein Gesicht hatte er nicht vergessen, kein einziges Detail, wohingegen er nicht einmal mehr hätte bezeugen können, welche Augenfarbe Saslyn gehabt hatte. Die Begegnung mit dem Khaleri kam ihm realer vor als alles andere, das er seitdem erlebt hatte. Ob er noch lebte? Yanil sehnte sich zurück in den Wald, als sie fern des Krieges ihre Scherze gemacht hatten. Krieg. Was sollte das überhaupt? Die wahnwitzige Idee eines Einzelnen, der sich in seinem grenzenlosen Größenwahn ein gesamtes Heer unterwarf und die Welt in Leid und Kummer stürzte. Vyruk war derjenige, den es zu hassen galt, nicht die Khaleri. Das Gerücht, es handelte sich um Monster mit langen Reißzähnen, hielt sich hartnäckig, dabei waren die ersten Khaleri längst in der Stadt angekommen, um zu brandschatzen. Man wusste, das sie wie Menschen aussahen. Die Vorhut eines gewaltigen Heers ...

Auch nach acht Tagen hatte Yanil sich noch immer nicht an den Anblick einer Festung gewöhnt. Er kannte die Baumhäuser aus Zakuma, und die hatten mit Fjondryk so viel gemein wie ein Wark mit einer Waldmaus. Fjondryk musste einmal ein wunderschöner, prachtvoller Ort gewesen sein. Oft malte Yanil sich die prunkvollen Feste aus, die hier einmal stattgefunden haben mochten. Die Burg strahlte etwas Erhabenes, Unvergängliches, aber auch etwas Seelenloses und Unbarmherziges aus. Zu gerne hätte er das Leben am Hof zu besseren Zeiten kennengelernt. Er hatte einst von Ruhm und Ehre geträumt, hatte damals noch geglaubt, der Ansturm der Khaleri sei nichts als ein Ärgernis. Ja, er hatte sich sogar über den Botenvogel des Königs gefreut, der ihn in ein Abenteuer gelockt hatte. Mit Bitterkeit dachte er daran zurück.

Am Ende der Treppe wandte er sich nach links, tauchte in einen schmalen unscheinbaren Gang ein, an dessen Ende sich die Küche befand. Die Tür war nicht verschlossen. Hitze schlug ihm entgegen, jemand hatte den Ofen angeheizt, und das im Sommer.

Die Küche war geräumig, mindestens dreißig Fuß lang. Kochgeschirr hing seit Wochen unbenutzt an einer Leiste mit Haken an der Wand. Jemand hatte ihm erzählt, dass es zu besseren Zeiten herrliche Festmahle in der großen Halle gegeben hätte, aber Yanil hatte leider nie an einem teilgenommen. Es gab einfach nichts mehr, das es zuzubereiten lohnte.

Ehe er den Mund öffnen konnte, um etwas zu sagen, kam eine Frau auf ihn zugestürmt, eine Mazari. Ihr Haar fiel ihr offen und ungekämmt über die Schultern, das Gewand war am unteren Saum schmutzig. Sie machte eine Geste, als wolle sie Fliegen verscheuchen. »Mach, dass du hier rauskommst.« Sie sprach ihn nicht einmal höflich an. Yanil wich einen Schritt zurück.

»Ich suche ...«

»Ich weiß, was du suchst«, fuhr sie ihm harsch über den Mund. Sie baute sich vor ihm auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Es gibt nichts zu essen. Es hat heute Frühstück gegeben, bis heute Abend muss das reichen.«

»Der Ofen ist an«, bemerkte Yanil trocken. »Wird gekocht?«

»Das geht dich gar nichts an! Und jetzt raus.«

Yanil fürchtete sich nicht vor einer Frau, aber er hatte auch nicht die Kraft, einen Streit vom Zaun zu brechen oder sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen, deshalb wandte er sich ab. Er vermutete, dass die Dame ebenfalls nicht hätte hier sein dürfen, sie sah nicht aus wie eine Küchenmagd. Vielleicht hatte sie irgendwo eine Kartoffel aufgetrieben, die sie sich jetzt mit großem Brimborium im Ofen zubereitete.

»Geh und bete für einen schnellen Tod«, rief sie ihm hinterher, als er längst zurück auf dem Gang war. »Und wenn du noch Hoffnung hast: Übe mit deiner Waffe, anstatt dich hier herumzutreiben!«

Keine schlechte Idee, zumindest würde es ihm Ablenkung verschaffen.