50
Der morgendliche Verkehr war dichter als sonst, und der Rabbi fand erst ein paar Minuten nach neun Uhr einen Parkplatz. Bis er sein Büro erreicht hatte, war es schon zehn nach neun. Er war überzeugt, dass alle Studenten schon gegangen wären, rannte aber dennoch los, weil vielleicht ja doch ein paar gewartet hatten. Zu seiner Überraschung fand er im Hörsaal das normale Kontingent vor.
«Auf der Brücke hat’s eine Panne gegeben», erklärte er quasi zu seiner Entschuldigung, «sie war auf der ganzen Strecke nur einspurig zu befahren.»
«Ach, das macht nichts, Rabbi», sagte Harvey Shacter großmütig. «Wir haben abgestimmt, bis Viertel nach zu warten.»
«Das war sehr rücksichtsvoll von Ihnen.» Er lächelte. «Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass Sie die traditionelle jüdische Einstellung zum Lernen und Studieren angenommen haben.»
«Heißt das, dass wir eine spezielle Einstellung haben?», fragte Shacter.
«Natürlich», erklärte sein Freund Luftig verächtlich. «Bekomme As, werde Ehrenstipendiat und hochverdienter Wissenschaftler.»
«Nein, Mr. Luftig, so ist das nicht», sagte der Rabbi. «Ganz im Gegenteil. Die Rabbiner postulierten, Wissen solle nicht als Spaten gebraucht werden, mit dem man umgräbt; damit meinten sie, es solle keinem praktischen oder materiellen Nutzen dienen. Lernen und Studieren sind bei uns eine religiöse Pflicht und infolgedessen kein Wettbewerbsobjekt. A-Noten und Ehrenprädikate sind Belohnungen bei einem Wettbewerb.»
«Wenn man keinen praktischen Nutzen davon hat, wozu dann das Ganze?», fragte Shacter.
«Weil der Wunsch nach Wissen, Wissen um seiner selbst willen, den Menschen vom Tier unterscheidet. Alle Tiere brauchen praktisches Wissen – wo die besten Nahrungsquellen zu finden sind, die besten Verstecke oder Lager – aber nur der Mensch unterzieht sich der Mühe, etwas zu lernen, einfach weil er es noch nicht weiß. Der Geist des Menschen hungert nach Wissen wie der Körper nach Nahrung. Und dieses Lernen dient ihm ganz allein, wie die Nahrung, die er isst.»
«Sie meinen also, es ist nicht koscher, wenn einer studiert, um Arzt oder Anwalt zu werden?», fragte Shacter.
«Er meint, er soll dafür kein Geld nehmen», erklärte Mazelman.
«Nein, Mr. Mazelman, das meine ich nicht. Die Gelehrsamkeit, die man erwirbt, um Arzt oder Rechtsanwalt oder auch Schreiner und Klempner zu werden, ist von ganz anderer Art. Es ist praktisches Lernen zum Nutzen der Gesellschaft. Und diese Art von Lernen erkennen wir ebenfalls an. Es gibt auch ein rabbinisches Sprichwort, das besagt, dass ein Vater, der seinem Sohn kein Handwerk beibringt, einen Dieb aus ihm macht. Sie müssen sehen; es gibt zwei Arten des Lernens: eine für sich selbst und eine für die Gesellschaft.»
«Was ein Arzt oder ein Anwalt lernt, ist das nicht auch für ihn selbst?», fragte Lillian Dushkin.
«Es füttert seinen Geist, das bestimmt; alles Erlernte tut das. Aber in erster Linie bildet er sich aus, um der Gesellschaft zu dienen. Ein Arzt lernt nichts über alle möglichen Krankheiten, nur um sich selber zu kurieren. Gewisse Zweige der Medizin haben gar nichts mit ihm zu tun, zum Beispiel die Geburtshilfe –»
«Die treffen für Ärztinnen zu.»
«In der Tat, Ms. Draper», bestätigte sie der Rabbi.
Luftig war auf einen Gedanken gekommen. «Wenn es zwei Arten des Lernens gibt, sollte es dann nicht auch zwei Arten des Lehrens geben?»
Der Rabbi erwog das. «Das ist ein guter Punkt, Mr. Luftig. Ein berufsgebundenes Studium sollte zweckdienlich sein. Ich sehe keinen Sinn darin, einem Jurastudenten mittelalterliches Kirchenrecht beizubringen oder einem Medizinstudenten die Humoraltheorie über Krankheiten.»
«Sollte nicht jedes Studium zweckgebunden sein?»
«Warum? Warum sollte das an einer philosophischen Fakultät eine Rolle spielen, Mr. Luftig? An ihr ist alles – was Sie interessiert, und das könnte mittelalterliches Kirchenrecht oder lateinische Inschriftenkunde sein – wert, studiert zu werden. Oder, um es anders auszudrücken: An einer philosophischen Fakultät ist alles relevant.»
«Wie rechtfertigen Sie dann schriftliche Arbeiten?», fragte Mark Leventhal. «Brechen Sie nicht Ihre eigenen Regeln, indem Sie uns Noten geben?»
«Ja, ich glaube, ich tue das. Aber ich muss mich an die Regeln des College halten.»
«Was würden Sie tun, wenn Sie es bestimmen könnten?», fuhr Leventhal beharrlich fort.
Der Rabbi überlegte einen Augenblick. «Ja, nachdem Sie aus einem abgelegten Examen Nutzen ziehen, müsste ich zwischen denen unterscheiden, die sich größte Mühe gegeben haben und denen, die das nicht taten. Ich würde also nur zwei Noten nehmen – bestanden und nicht bestanden. Und dann würde ich mir Examensfragen ausdenken, die mehr das Interesse als das nur Angelernte aufzeigen würden.»
«Wie könnten Sie das?»
«Im Moment weiß ich das auch nicht. Ich stelle mir vor, dass Sie die Wahl haben würden, alle Fragen zu beantworten, oder nur ein paar oder nur eine, aber die ausführlich.»
«Au, das ist eine gute Idee.»
«Klar, warum machen wir es nicht einfach so?»
«Vielleicht hätten die anderen Lehrer –»
«Sagen Sie, Rabbi, unterrichten Sie eigentlich im nächsten Semester wieder?»
Es war eine von vielen Fragen, aber die Klasse verstummte, nachdem Shacter sie gestellt hatte, als hätte jeder von ihnen dasselbe fragen wollen.
«Ich hab es nicht vorgehabt.»
«Vielleicht könnten Sie ja hauptberuflich unterrichten», schlug Lillian Dushkin vor.
Aus ihrer Fragestellung leitete er ab, dass man ihn als Lehrer anerkannte, und freute sich darüber. «Warum sollte ich das wohl wünschen, Miss Dushkin?»
«Na, es muss doch viel einfacher sein als zu rabbinern,»
«Ja, aber es bringt weniger ein», erklärte Shacter.
«Ach, das wäre ihm doch piepegal», warf Luftig ein.
«Ein Rabbi ist sowieso ein Lehrer», sagte Leventhal. «Das ist die Bedeutung des Wortes.»
Ihm kam der Gedanke, dass er diese freie Diskussion über seine Zukunft noch vor gar nicht langer Zeit als unverschämt empfunden hätte, aber seit seiner ersten Unterrichtswoche hatte er sich sehr gewandelt. «Sie haben durchaus Recht, Mr. Leventhal», sagte er. «Und Sie auch, Miss Dushkin. Unterrichten ist leichter. Aber ich will weiter ein Rabbi bleiben und einer Gemeinde dienen.» Er blickte aus dem Fenster zur Wohnung auf der anderen Straßenseite hinüber und sah Männer, die er für Polizeibeamte in Zivil hielt, zwischen der Hendryxschen Wohnung und einem vor dem Haus geparkten Wagen hin- und hergehen. Er drehte sich wieder zu den Studenten um und lächelte verhalten. «Was das Unterrichtgeben im nächsten Semester betrifft: Ich bin nicht mal sicher, ob ich dieses zu Ende bringen werde.»
Hinterher, als die Stunde vorbei war und er in sein Büro ging, schloss sich ihm Mark Leventhal an. «Wissen Sie, Rabbi, meine Familie möchte, dass ich nach Cincinnati gehe, wenn ich mit dem College fertig bin. Sie hätten es gern, wenn ich Rabbiner würde.»
«Ach? Und was halten Sie davon?»
«Ich hatte eigentlich vor, auf die Universität zu gehen und dann Lehrer an einem College zu werden.»
Sie waren beim Büro angekommen. Der Rabbi holte den Schlüssel aus der Tasche. «Haben Sie jetzt eine Vorlesung, Mr. Leventhal?»
«Ja, aber ich könnte schwänzen.»
«Dann kommen Sie herein.» Er bot dem jungen Mann den Besucherstuhl an und setzte sich hinter den Schreibtisch auf den Drehstuhl. «Suchen Sie Rat, welchen Beruf Sie wählen sollen?», fragte er.
«Ach, wissen Sie, ich würd nur gern hören, was Sie davon halten, wo Sie doch beides machen.»
«Es ist natürlich heute alles anders», sagte der Rabbi. «In den kleinen Gettostädten in Osteuropa, dem Zentrum der jüdischen Kultur, wurde der Rabbiner von der Stadt und nicht von der Synagoge angestellt. Er wurde von den Bürgern unterhalten, verbrachte den größten Teil seines Lebens mit Studien und diente der Gemeinschaft dadurch, dass er Recht sprach, wenn die Gelegenheit es erforderte. Er hielt keine Gottesdienste ab und predigte nicht einmal. Er musste nur zweimal im Jahr vor der Öffentlichkeit sprechen, und das war dann meistens keine Predigt, sondern eine These über eine religiöse oder biblische Frage.»
Als er fortfuhr, erkannte er, dass es ihm ebenso sehr darum ging, Klarheit in seine eigenen Gedanken zu bringen, wie den jungen Mann zu beraten. «Er wurde vielfach von den Bürgern hoch geachtet, aus dem einfachen Grund, weil er der gelehrteste Mann der Gemeinde war, und zwar auf dem einzigen Wissensgebiet, das sie hatten, der Religion, dem Talmud, der Bibel. Aber hier in Amerika ist alles völlig anders. Er spricht nicht mehr Recht; dafür haben wir die Gerichte. Und sein Wissen ist nicht mehr allein stehend; es wird von seiner Gemeinde nicht einmal mehr als sehr wichtig betrachtet. Medizin, Jura, Naturwissenschaften, Technik gelten in der modernen Welt – und natürlich auch in seiner Gemeinde – als sehr viel bedeutsamer.»
«Meinen Sie, dass man ihm nicht mehr die gleiche Achtung entgegenbringt, wie es früher der Fall war?»
Der Rabbi lächelte. «Das könnte man sagen. Er muss sich seine Position selber erarbeiten, und die besteht größtenteils aus Verwaltungsarbeit und Politik.»
«Politik?»
«Ja. In doppeltem Sinn: Er ist normalerweise der Kontaktpunkt zwischen seiner Gemeinde und dem Rest der Bürgerschaft; und er muss sich auf seinem Posten halten. Wie jeder Mensch, der in der Öffentlichkeit auftritt, hat er immer eine Opposition, mit der er sich abfinden muss.» Er erinnerte sich an das, was Miriam gesagt hatte. «Im Grunde ist der Beruf, obwohl er sich so sehr geändert zu haben scheint, immer noch derselbe.»
«Wie meinen Sie das?»
«Vom Wesen her war es seine Aufgabe, die Gemeinde zu führen und zu lehren. Und das ist immer noch seine Aufgabe, nur ist heute seine Gemeinde weniger formbar, weniger folgsam, weniger interessiert und sogar weniger bereit, sich führen zu lassen. Der Beruf ist viel schwerer geworden, Mr. Leventhal, als er es früher war, und auch viel, viel schwerer als der Unterricht an einem College, wo Ihre Tätigkeit als Lehrer sich auf eine begrenzte Zahl von Kursen zu bestimmten Zeiten mit Prüfungen und Notengeben beschränkt.»
«Ja, warum wählen Sie dann aber das Rabbinat, statt am College zu unterrichten?», fragte der junge Mann forschend.
Der Rabbi lächelte, weil er wusste, dass er nun seine eigene Antwort gefunden hatte. «Wir sagen, es ist schwer, Jude zu sein, und ich meine, es ist noch schwerer, Rabbiner zu sein, weil der eine Art professioneller Jude ist. Aber haben Sie das nicht in Ihrem eigenen Leben schon festgestellt, Mr. Leventhal: Je schwerer die Aufgabe, desto größer ist die Befriedigung, sie zu erfüllen?»
51
Der Rabbi klingelte schüchtern an der Wohnungstür von Hendryx. «So, Sie sind das», sagte Sergeant Schroeder angriffslustig. «Mit Ihnen hab ich ein Wörtchen zu reden.»
«Das hat Zeit, Sergeant», sagte Bradford Ames. «Kommen Sie rein, Rabbi.»
Das Zimmer war strahlend hell von mehreren Scheinwerfern erleuchtet. Beamte in Zivil maßen, fotografierten und bestäubten Gegenstände, um Fingerabdrücke abzunehmen. Ames erklärte, dass Hendryx’ Verwandte von der Westküste kommen und seine Sachen abholen wollten, und es ihre letzte Chance sei, die Wohnung noch einmal gründlich zu untersuchen.
«Was ist mit der Kommode? Soll ich die Schubladen fotografieren, Sergeant?»
«Ja, jede einzeln. Dann haben wir gleich ein Inventar.»
Ames zeigte auf das Bett. «Setzen Sie sich, Rabbi. Da sind Sie aus dem Weg. Ich akzeptiere übrigens Ihre Erklärung der Kathy-Dunlop-Story, aber andererseits muss ich Ihnen sagen, dass Ihre kleine Ermittlung im Excelsior-Motel – na ja, das hängt von Ihrem Ergebnis ab.» Er ließ sich keinen Ärger anmerken, sein Ton war aber merkbar kühl.
Der Rabbi berichtete, was er erfahren hatte – dass keiner im Motel Roger Fine gesehen und an dem Tag die Telefonzentrale nicht funktioniert hätte. «Es hätte ihn also niemand von außerhalb anrufen können.»
Schroeder rieb sich die Hände. «Das ist ja geradezu großartig. Ganz großartig.»
Auch Ames lächelte zufrieden. Mit etwas freundlicherer Stimme erklärte er: «Verstehen Sie, wenn es anders gewesen wäre, wenn die Hoffnung auf ein Alibi bestanden hätte, dann hätte Ihre Fragerei den Gedanken im Kopf des Zeugen festsetzen oder ihn erst darauf bringen können.»
«Ich hatte eigentlich nach Kathys Geschichte kein Alibi erwartet. Sie erinnerte sich nur an die Zeit, zu der sie ihn im College angerufen hat. Allerdings meinte sie, wenn Fine gerade jemand getötet hätte, würde er ihr kaum unmittelbar danach einen Besuch abgestattet haben.»
«Trotzdem gibt es in der Literatur Fälle», sagte Ames, «in denen gerade das geschehen ist. Soweit ich informiert bin, soll es dem Liebesakt ein gewisses Flair verleihen.»
«Am nächsten Tag», fuhr der Rabbi fort, «hab ich Fine im Gefängnis besucht und es nachgeprüft, weil Kathy ja was vergessen haben könnte. Aber er wollte nicht, dass die Sache herauskam, ich meine, dass er bei ihr gewesen war. Auch wenn ihm das zu einem Alibi verhelfen würde, wollte er es nicht benutzen. Um selber festzustellen, ob Miss Dunlops Bericht stimmte, wollte ich mit den Leuten vom Motel sprechen.»
«Ihre Gründe kann ich verstehen», gab Ames zu, «aber diese Ermittlung hätte der Polizei überlassen bleiben müssen.»
«He, Sarge», rief der Fotograf, «die unterste Schublade ist leer.»
Ames ging zu ihm. Der Rabbi schloss sich ihm an; er hatte nicht das Gefühl, dass ihm befohlen worden war, auf dem Bett sitzen zu bleiben. «Die Schublade hat er sicher für die schmutzige Wäsche gebraucht», sagte Ames. «Im Hotel mache ich das auch immer so.»
«Das glaube ich nicht, Sir», sagte Schroeder. «Im Bad steht dafür ein Wäschekorb.»
«Dann hatte er vielleicht nichts, was er da unten hineintun konnte.»
«Aber alle anderen Schubladen sind ziemlich voll, fast voll gestopft», stellte der Rabbi fest.
«Ach?» Ames kicherte. «Es sieht so aus, als brauchten wir den Talmudtrick, von dem Sie mir erzählt haben. Wir müssen auf wen – Elias? – warten, damit er das Problem für uns löst.»
«Die Talmudisten griffen erst dann darauf zurück, wenn sie jede andere Möglichkeit ausgeschöpft hatten», sagte der Rabbi vorwurfsvoll.
«Nachdem ich mit Ihnen darüber gesprochen hatte, hab ich mich über das Thema informiert, Rabbi. Aus reiner Neugier. Aber laut dem Absatz im Lexikon ist Ihr Talmud nur eine Sammlung von Geschichten, Altweibergewäsch und Moralpredigten. Und sogar der Teil, der sich mit den Gesetzen befasst, so heißt es, war größtenteils nur ein uferloses, unsystematisches Gerede über manchmal ganz unwahrscheinliche Fälle.»
«Der Talmud enthält von allem ein bisschen», gestand ihm der Rabbi zu, «aber seine nützlichste Funktion ist die in ihm entwickelte Methode.» Die Techniker waren nun fertig und hatten zusammengepackt. Schroeder fragte Ames, ob er ihn ins Stadtzentrum mitnehmen könne.
«Noch einen Augenblick, Sergeant. Der Rabbi gibt mir gerade Unterricht im Talmud.» Er lachte leise. «Und was ist das für eine Methode, Rabbi?»
«Im Grunde geht es darum», sagte der Rabbi ganz ernst, «jeden Aspekt eines Problems von jedem möglichen Blickpunkt aus zu betrachten. Vermutlich meint das Ihr Lexikon, wenn es andeutet, einige der Fälle wären höchst unwahrscheinlich. Diese alten Talmudisten hatten viel Zeit, die Jüngeren übrigens auch, und sie befassten sich auch nicht, wie zum Beispiel das Gewohnheitsrecht, mit dem Irrelevanten, dem Nebensächlichen und dem Nichtzuständigen. Nehmen wir doch mal diese leere Schublade –»
«Ja, was hätten Ihre Talmudisten zu einer leeren Kommodenschublade gesagt?»
Der Rabbi grinste. «Auf jeden Fall hätten sie zwei Möglichkeiten erwogen: a) dass die Schublade nie voll gewesen war; und b) dass sie voll war und dann geleert worden ist.»
«Ich kapier es nicht», sagte Schroeder. «Ich will nichts Ehrenrühriges gegen diesen Talmud sagen, was immer das sein mag, aber was für einen Unterschied macht es, ob das Ding voll war und geleert worden ist oder ob es nie benutzt wurde? Jetzt zumindest ist es leer.»
«Nun, wenn die Schublade nie benutzt worden wäre, würden Sie sich dann nicht nach dem Grund fragen? Offenbar liegt es nicht daran, dass er nichts zum Hineintun hatte. Sehen Sie doch mal, wie er da die Pullover auf die Unterhemden gestapelt hat.»
«Na, vielleicht hat er sich nicht gern gebückt.»
«Er musste sich aber bücken. Seine Schuhe standen unten im Kleiderschrank», stellte der Rabbi fest.
«Schon gut», unterbrach Ames ungeduldig. «Nehmen wir also an, ursprünglich hat sich etwas in der Schublade befunden. Was ergibt das?»
«Die nächste Frage: Wer hat sie ausgeräumt? Es war entweder Hendryx oder jemand anderes.»
«Donnerwetter, ist das logisch!», sagte Schroeder ironisch. «Sie können auch sagen, dass entweder ich das war oder ein anderer, oder George Washington oder sonst wer.»
Ames grinste, aber der Rabbi fuhr fort, als wäre er nie unterbrochen worden. «Oder es könnten beide gewesen sein.»
«Ich glaube nicht, dass zwei Leute gebraucht werden, um eine Kommodenschublade auszuräumen», sagte Ames.
«Ich meine nicht, dass sie es zusammen gemacht haben. Ich wollte andeuten, dass Hendryx wahrscheinlich die Schublade geleert hat, um für etwas anderes Platz zu schaffen. Und dass dieses andere danach wieder entfernt wurde.»
«Und zwar von jemand anderem? Wollen Sie drauf hinaus, Rabbi?»
Der Rabbi nickte Ames zu.
Dem Sergeant dämmerte es plötzlich. «Moment! Ich weiß, was er damit sagen will! Hendryx räumt die Schublade aus, um etwas Spezielles hineinzutun, Papiere vielleicht oder Dokumente. Dann wird er ermordet, und – jetzt passen Sie auf – Roger Fine kommt hierher, um sie zu holen, weil sie für ihn natürlich wichtig sind – es ist sein Geständnis und die Prüfungsaufgabe. Das sind die einzigen Beweise, dass er die Aufgaben verraten hat. Als er dann hier ist, sieht er, wie leicht es ist, vorzutäuschen, dass Hendryx noch einmal in seine Wohnung gegangen ist, nachdem die Putzfrau fort war, und sich dann ein Bombenalibi zu verschaffen. Also legt er die Pfeife in den Aschenbecher und brennt ein paar Streichhölzer ab.»
Der Rabbi nickte anerkennend. «Das ist ausgezeichnet, Sergeant, nur trifft das nicht auf Roger Fine zu.»
«Warum nicht?»
«Weil Fine kein Alibi hat. Außerdem brauchte Hendryx für die Papiere, von denen Sie gesprochen haben, keine Schublade leer zu räumen. Er würde sie doch wohl in den Schreibtisch gelegt haben.»
«Was hat er dann in die Schublade getan?»
«Vermutlich das, was jeder in eine Schublade legt, Kleidungsstücke.»
«Sie meinen, es wären Kleidungsstücke des Mörders drin gewesen, und er wäre gekommen, sie zu holen?», fragte Ames. «Warum? Ich verstehe es immer noch nicht.»
«Versuchen Sie’s mal mit sie», schlug der Rabbi vor. «Sie ist gekommen, sie zu holen.»
«Eine Frau?» Ames dachte einen Moment darüber nach. «Ja, wenn sie –»
«Mann, warum denn nicht!», rief Schroeder. «Der Bursche war Junggeselle, wieso sollte der sich nicht gelegentlich was Liebes an Land ziehen?» Plötzlich fiel ihm Ames ein, und er verstummte.
«Schon gut, Sergeant», sagte dieser, «ich kenne die Tatsachen des Lebens.»
«Also, Sir, ich meine ja nur, wenn er mal eine Frau zu Besuch hatte, dann würde sie doch natürlich über Nacht geblieben sein.»
«Natürlich.»
«Vielleicht hat sie ein Nachthemd und ein bisschen Wäsche hier gehabt, wenn sie öfter kam.» Er schnippte mit den Fingern. «Klar! Betty Macomber! Sie waren heimlich verlobt. Heutzutage wartet doch keiner mehr. Und wenn man’s mal genau überlegt – so am Boden zerstört war die gar nicht, nicht so, wie man es von einer Frau erwarten sollte, deren Verlobter plötzlich gestorben ist.»
«Sie sagten ja auch, dass der Vater sich nicht sehr aufgeregt hätte», bemerkte Ames.
«Ja, das stimmt. He! Der ist ein Golfnarr. Einer von der Sorte, die sogar die Schläger ins Büro mitnimmt. Als ich damals zu ihm gegangen bin, hat er auf dem Teppich Putting geübt.»
«Und was hat das hiermit zu tun?», fragte Ames schroff.
«Sehen Sie’s denn nicht, Sir? Ein Golfschläger hat auch ein gekrümmtes Ende – wie ein Spazierstock.»
«Hm …» Ames nickte langsam. «Vater und Tochter. Wenn ihm die Verbindung nicht zusagte …»
«Oder entdeckte, dass sie mit ihm schlief», riet Schroeder.
«Würde er ihn umbringen?» Der Rabbi machte ein erstauntes Gesicht. «Obwohl sie verlobt waren? Und dann kam er her, um das Nachthemd seiner Tochter zurückzuholen, damit ihre Ehre nicht befleckt würde?»
«Wie Sie das sagen, hört es sich albern an», gab Ames zu.
Der Rabbi fuhr fort: «Hat denn Präsident Macomber ein Alibi? Oder etwa seine Tochter?»
«In dem Fall scheint keiner eines zu haben», gestand Schroeder.
«Bis auf Millicent Hanbury», sagte der Rabbi.
«Die Dekanin?», rief Schroeder laut. «Na, hören Sie!»
«Eine anziehende Frau», gab der Rabbi zu bedenken. «Noch recht jung. Unverheiratet. Sie haben als Erster auf sie hingewiesen, Sergeant.»
«Ich?»
«Als Sie damals mit Lanigan zum ersten Mal zu mir kamen, ließen Sie durchblicken, sie könnte in die Sache verwickelt sein. Wir haben uns darüber lustig gemacht, soweit ich mich erinnere, aber das zeigt nur, dass Intuitionen eines erfahrenen Ermittlungsbeamten nicht leichthin abgetan werden sollten.»
«Ja, das hab ich, nicht wahr?»
Ames kicherte. «Das Alibi, von dem Sie eben sprachen –»
«Es gab sogar mehrere», sagte der Rabbi. «Das Treffen mit der Studentendelegation um halb drei – meines Wissens hat sie die Zeit bestimmt. Dann das Hinauslaufen aus der Besprechung – ein ausgezeichnetes Alibi, weil es so ungekünstelt war. Jemand nach der Uhrzeit zu fragen, erweckt automatisch Verdacht. Aber aus einer Konferenz herauszulaufen und nicht wiederzukommen, ist eine Garantie, dass die Leute nach einer Weile unruhig werden und auf die Uhr sehen. Aber der Höhepunkt war, als sie nach Barnard’s Crossing kam und die Polizei anrief, um mitzuteilen, dass in ihrem Haus ein Fenster offen stünde. Sie konnten keinen Hinweis finden, dass es aufgestemmt worden war, natürlich nicht, aber der Anruf hatte seinen Zweck erfüllt – die genaue Zeit stand im Dienstbuch des Reviers. Durch einen reinen Zufall hab ich entdeckt, dass die Polizei von Barnard’s Crossing es mit den Eintragungen sehr genau nimmt.»
«Das tun alle Polizeidienststellen», sagte Ames. «Aber der Mord wurde früher begangen, wahrscheinlich gegen zwanzig nach zwei, und alle diese Alibis sind für eine spätere Zeit.»
«Darum musste sie es ja so einrichten, dass es so aussah, als wäre Hendryx, als sie fortfuhr, noch am Leben gewesen. Und die Studenten mussten dies Alibi noch bestätigen.»
«Und was ist mit der Obduktion des Gerichtsarztes?», beharrte Ames. «Sie muss doch gewusst haben, dass er sich nicht in der Todeszeit irren würde.»
«Sie hatte ja nicht ahnen können, dass die Leiche so kurz nach dem Tod untersucht werden würde», sagte der Rabbi. «Und das geschah aufgrund der Bombenexplosion. Normalerweise wäre die Leiche nicht vor Montagmorgen gefunden worden. Wahrscheinlich von mir, sobald ich ins Büro kam. Das wäre sechzig Stunden später gewesen, und dann hätte kein Gerichtsarzt die Zeit so genau auf eine Stunde mehr festlegen können. Und im Übrigen hätten die Beweise in seiner Wohnung gezeigt, dass Hendryx, lange nachdem sie das Haus verlassen hatte, noch am Leben gewesen war.»
Ames stimmte zu. «Und da sie wusste, dass wir seine Wohnung durchsuchen würden, ist sie reingegangen und hat ihr Nachthemd geholt? Höschen, Strümpfe? Aber wie hätte man daraus auf sie schließen können?»
«Wie wäre es mit etwas Persönlicherem?»
«Persönlicher als Höschen?», fragte Ames lächelnd.
«Ich dachte an einen Beutel mit Strickzeug.»
«Aber ja», rief Ames. «Ich begreife, dass sie das holen musste.»
«Hören Sie», sagte Schroeder. «Ich bin vielleicht nur ein blöder Bulle, aber Sie haben immer noch nicht erklärt, wie sie die Gipsbüste runterholen konnte, ohne dass es zu einem Kampf kam.» Er überlegte kurze Zeit. «Auch wenn sie früher mal Turnlehrerin war.»
Auch Ames warf dem Rabbi einen fragenden Blick zu.
«Kehren wir wieder zum Talmud zurück», sagte der Rabbi. «Es geht wieder darum, alle Möglichkeiten zu überdenken. Eine Büste auf einem Regal kann herunterfallen, wenn es eine Erschütterung gibt – sagen wir, eine Bombenexplosion. Den Standpunkt nahm die Polizei ein, als sie damals die Studenten verhaftete. Sie kann aber auch heruntergezogen werden: Das war der Ausgangspunkt Ihres Verdachts gegen Fine – und eben erst, Sergeant – gegen die Macombers. Man kann sie aber auch vom Regal stoßen, und das ist, meiner Meinung nach, in Wirklichkeit geschehen.»
«Stoßen?», wiederholte Ames. «Wie konnte sie gestoßen werden?»
Der Rabbi erklärte: «Unser Bürotelefon hängt am gleichen Kabel wie der Dekanatsapparat; die Leitung führt durch ein Loch in der Wand oberhalb des obersten Regalfachs, dicht unter der Decke. Die Büste stand direkt davor. So dicht davor, dass der Monteur sie zur Seite schieben musste, um das Loch bohren zu können.»
«Gut, es ist also ein Loch in der Wand, durch das die Leitung geht», sagte Ames unwillig. «Na und?»
«Der Draht geht durch, aber es bleibt genügend Platz, um eine dünne, aber starke Stahlnadel durchzuschieben», sagte der Rabbi.
«Eine dünne Stahl- … eine Stricknadel!», rief Ames.
«Ja», sagte der Rabbi. «Ich denke mir, dass sie, als sie mich fortgehen hörte – und man kann alles hören, die beiden Büros haben nur eine einfache Trennwand –, den Schreibtisch an die Wand gerückt hat und darauf geklettert ist. Dann hat sie die Stricknadel durch das Loch geschoben und die Büste zum Kippen gebracht. Sie wusste, dass Hendryx’ Stuhl direkt darunter stand. Und das Ding ist ihm auch prompt auf den Kopf gefallen und hat ihn getötet.»
Ames blieb lange Zeit stumm. «Und das Motiv, Rabbi?», fragte er endlich. «Haben Sie eine Theorie über das Motiv?»
«Ich hab schon eine», sagte der Rabbi schüchtern. «Ich nehme an, sie glaubte fest, dass sie und Hendryx heiraten würden, vielleicht gleich nachdem er zum Leiter der Abteilung befördert worden wäre. Es ist kein Geheimnis, dass sie sich sehr dafür eingesetzt hat, bisher aber ohne Erfolg. Hendryx muss sich mehr davon versprochen haben, wenn sich die Tochter des Präsidenten für ihn verwendete, also nahm er sie aufs Korn, und es kam zu einer Verlobung. Am Freitagvormittag, als Präsident Macomber zu Dean Hanbury ging und ihr mitteilte, dass Hendryx endlich befördert werden würde, hat er ihr wahrscheinlich auch von der Verlobung erzählt. Er wusste ja nichts von ihrer Beziehung zu seinem zukünftigen Schwiegersohn.»
«Eine fabelhafte Theorie, Rabbi», sagte Ames, «und sie scheint wirklich auf alles zu passen. Aber es ist Ihnen wohl klar, dass Sie nicht die Spur eines Beweises haben.»
«Ich bin nicht mal sicher, ob sie wirklich auf alles passt», warf Schroeder ein. «Sie sagen, sie hat den Schreibtisch an die Wand geschoben?»
«Oh, das muss sie gemacht haben», sagte der Rabbi. «Die Stühle wären alle zu niedrig.»
Schroeder winkte ab. «Der Schreibtisch steht gute drei Fuß von der Wand entfernt, und er ist am Fußboden festgeschraubt. Sie hätte ihn nicht verrücken können.»
Der Rabbi runzelte die Stirn. Bradford Ames gluckste nervös.
«Drei Fuß? Ja, das dürfte hinkommen.» Das Gesicht des Rabbi hellte sich auf. «Dann kann ich Ihnen vielleicht sogar einen Beweis liefern, Sergeant.» Er stand auf, stellte sich in etwa drei Fuß Abstand vor die Wand, streckte den rechten Arm aus und stützte sich mit der Handfläche an die Wand. Dann zog er einen Bleistift aus der Brusttasche und tippte mit ihm gegen die Wand. «So hoch oben dürfte der Abdruck wahrscheinlich noch vorhanden sein.»
Sie blickte von ihrem Strickzeug auf, als die drei Männer das Büro betraten. «Sie erinnern sich an mich, ma’am?», fragte Schroeder höflich.
«Natürlich. Sie sind von der Polizei.»
«Und dies ist Mr. Bradford Ames, der Assistant District Attorney. Er leitet die Untersuchung.»
«Guten Tag, Mr. Ames. Und wer ist dieser Herr?»
«Er ist unser Fingerabdruckfachmann, Miss Hanbury», sagte Ames. «In Ordnung, Bill.»
Der Mann betrachtete die Wand. «Ich brauche was, worauf ich mich stellen kann», sagte er.
«Klettern Sie doch einfach auf den Schreibtisch», schlug Ames vor.
Sie sah interessiert zu, wie Bill auf den Schreibtisch stieg und die Wand absuchte. «Ja, da ist es», sagte er. «Abdruck einer ganzen Handfläche und aller fünf Finger. Ganz ausgezeichnet.»
Sie beugte sich lächelnd über ihre Strickerei. «Dann wissen Sie es also.»
«Ja, Miss Hanbury, wir wissen es.»
52
Einige Zeit danach kam Ames zum Rabbi in das Apartment.
«Ich könnte eine Tasse Kaffee vertragen», sagte er. «Ich glaube, in der Küche war ein Glas Pulverkaffee.»
Mit der Praxis eines geübten Junggesellen machte er sich in der Küche zu schaffen, kochte Wasser, spülte Tassen aus und deckte den Tisch.
Sie saßen beide am Küchentisch, die dampfenden Tassen vor sich, ehe Ames zu sprechen begann. «Trotz des talmudischen Boheis müssen Sie eine Idee gehabt haben, wohin Sie zielten. Und, bitte, ersparen Sie mir den Schmus, dass mein braver Sergeant Sie als Erster auf Dean Hanbury gebracht hatte. Was war es wirklich?»
Der Rabbi setzte die Tasse ab. «Vom ersten Tag des Kennenlernens an hab ich mir Gedanken über Millicent Hanbury gemacht. Vermutlich liegt es an unserer generellen Art, die Dinge zu betrachten: am biblischen Gebot fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Für uns ist die unverheiratete Frau, die alte Jungfer, eine tragische Gestalt, weil sie nicht die Gelegenheit gehabt hat, ihren normalen Lebenszyklus zu vollenden. Im Städtl, den kleinen Ghettostädten in Russland und Polen wo jedes Mädchen eine Mitgift in die Ehe bringen musste, wurde den armen Mädchen oder Waisen eine Mitgift von der Gemeinde gestellt, damit sie nicht zu einem Leben als alte Jungfer verurteilt würden. Selbst wenn das Mädchen hässlich war, brachten sie sie irgendwie an den Mann. Im Städtl gab es keine alten Jungfern.»
«Und was war mit den Junggesellen?»
«Die gab es gelegentlich.» Der Rabbi lächelte. «Sie galten weniger als tragische Gestalten denn als Leute, die ihre Pflicht nicht erfüllten, den Anforderungen nicht gerecht wurden.»
«So, Sie auch?» Als Antwort auf den fragenden Blick des Rabbi erklärte er: «Das hab ich fast mein Leben lang von meiner Familie zu hören bekommen – ich würde den Anforderungen nicht gerecht, ich erfüllte meine Pflicht nicht. Aber nicht, weil ich nicht geheiratet habe, sondern weil ich als Anwalt kein großes Tier geworden bin. Ich mache nichts aus meinen Möglichkeiten, heißt es meistens.»
Der Rabbi lachte leise. «Ach, in unserer modernen Zeit, in der man aus romantischer Liebe heiratet, ist es mehr oder minder eine Glücksfrage, ob man heiratet oder nicht. Aber ich wage zu behaupten, dass Sie im alten System der arrangierten Eheschließung kein Junggeselle geblieben wären, und Miss Hanbury wäre bestimmt auch nicht ledig geblieben. Sie ist viel zu hübsch. Darum hab ich mir auch Gedanken gemacht, warum sie nicht geheiratet hat. War es der akademischen Laufbahn wegen?» Er verstummte, als wäre ihm ein plötzlicher Gedanke gekommen. «Wissen Sie, wenn Sie geheiratet hätten, wäre es ohne weiteres möglich gewesen, dass Ihre Frau für Ihre Karriere als großer Anwalt gesorgt hätte.»
Ames lachte vor sich hin. «Dann ist es eigentlich gut, dass es bei uns keine arrangierten Heiraten gibt.»
Der Rabbi grinste mitfühlend. «Na ja, kurz darauf hab ich zufällig Chef Lanigan getroffen, und er hat mir von Millicent Hanbury erzählt. Sie ist eine Hanbury, und Hanburys verkehren nicht mit jedem. Da sie aber einem armen Zweig der Familie angehörte, verkehrte sie nicht mal mit denen, die sie für gleichberechtigt hielt. Sie durfte es nicht. Es war eine Frage des Familienstolzes und ihrer Erziehung. Und darüber verkümmerte ihr Gefühlsleben.»
«Ich kenne ähnliche Fälle», sagte Ames.
«Ja, das kann ich mir denken. Eines Tages tauchte dann Hendryx auf, der als Junge aus Barnard’s Crossing fortgezogen war. Und die Hendryx’ waren aus derselben Schublade wie die Hanburys. Sie hat ihn damals gekannt, und es ist durchaus möglich, dass sie trotz des Altersunterschieds als Kind für ihn geschwärmt hat.»
«Sehr wahr. Und nun kommt er und will von ihr angestellt werden. Er ist nicht verheiratet. Sie beschafft ihm nicht nur die Stelle, sondern sie macht ihn sogar zum kommissarischen Leiter der Abteilung.»
«Er war dafür qualifiziert?»
«Ja, sicher. Soviel ich weiß, war er nichts Großartiges, hatte aber gute Examen gemacht und auch einiges veröffentlicht.»
«Warum war er dann ohne feste Anstellung, als er in Windemere auftauchte?», fragte Ames. «Wir haben festgestellt, dass er in den letzten zehn Jahren mehrfach gewechselt hat.»
«Das könnte an seiner Persönlichkeit gelegen haben. Er war stolz und anmaßend und tendierte zu spitzen, verletzenden Bemerkungen. Vielerorts entscheiden die eigenen Kollegen über Beförderungen und Vertragsverlängerungen, und ich kann mir denken, dass diese Eigenschaften vielen Leuten gegen den Strich gegangen sind – wie bei Fine übrigens. Aber ich hatte den Verdacht, dass er hier in Windemere Fuß fassen wollte. Er war nicht mehr so jung, schon über vierzig, und wenn man sich bis dahin noch keinen Namen gemacht hat, ist es in dem Alter nicht mehr so einfach, eine Stellung zu finden.»
Ames nickte.
«Ich bin überzeugt, dass Miss Hanbury mit der Heirat rechnete. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie – wie hat der Sergeant das nochmal genannt? – sich von ihm hat an Land ziehen lassen. Ihr Stolz hätte auf Dauer so eine Regelung nie zugelassen.»
Ames bestätigte das. «Als wir sie verhört haben, sagte sie, sie hätten heiraten wollen, sobald Hendryx einen festen Vertrag gehabt hätte. Dann hätte sie den Beruf aufgeben können, sie hätte es übrigens gemusst, denn hier gibt es eine Regel, dass Mann und Frau nicht gleichzeitig am College unterrichten dürfen.»
«Ach ja.» Der Rabbi fuhr fort: «Aber solange er nur auf Zeit angestellt war, hatte sie den wesentlich besseren Job. Wenn sie also bald heiraten wollten, hätte er gehen und sie ihn unterhalten müssen. Damit hätte sie sich bestimmt nicht abgefunden, er übrigens auch nicht. Es war also eine Frage der Zeit.»
«Aber er konnte nicht warten?»
«Das vermute ich», sagte der Rabbi. «Hendryx muss sich gedacht haben, dass er sein Ziel über die Tochter des Präsidenten schneller und sicherer erreichen könnte. Und es hat ja auch funktioniert. Doch Millicent Hanbury war stolz, zu stolz, um sich einfach gebrauchen und dann fortwerfen zu lassen.» Er blickte nachdenklich vor sich hin. «Ich möchte wissen, wie er das geschafft hat, die eine Frau zu hofieren und die andere –»
«Zu bumsen?» Ames lachte. «Sogar verheiratete Männer schaffen das oft spielend. Für einen Junggesellen ist es noch viel einfacher.»
53
«Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich Sie heute Nachmittag hergebeten habe, Rabbi», sagte Präsident Macomber, «aber Freitag nachmittags ist das Haus praktisch leer. Wir können uns privat unterhalten, ohne gestört zu werden. Aber sagen Sie mir erst, ob Ihnen der Unterricht hier Freude macht?»
«O ja. Ich hatte heute fünfundzwanzig Studenten.»
«Wirklich?», murmelte Macomber.
Der Rabbi merkte, dass der Präsident keine Ahnung hatte, was er damit meinte. Er erklärte es sofort.
«Das ist sicher die Folge Ihres guten Unterrichts», sagte Macomber höflich. Er spielte mit einem Bleistift und wirkte befangen. Endlich räusperte er sich. «Sie haben sich mit Hendryx ein Büro geteilt. Haben Sie mit ihm gesprochen?»
«Ja, gelegentlich. Nicht sehr oft und meistens nur recht kurz.»
«Sagen Sie mir, Rabbi», er lehnte sich im Stuhl zurück, «war Professor Hendryx Ihrer Meinung nach ein Antisemit?»
Der Rabbi schob die Lippen vor. «Das möchte ich nicht behaupten! Er war voreingenommen, das wohl. Die meisten Menschen sind gegen die eine oder andere Gruppe eingestellt. Es ist eine natürliche Reaktion auf den Fremden, auf das Mitglied einer Minorität. Wir Juden haben darunter mehr als andere gelitten. Vermutlich, weil wir in so vielen Ländern eine Minorität dargestellt haben. Aber ich nenne es nicht Antisemitismus, wenn man mich nicht mag, auch wenn man mich nicht mag, weil ich Jude bin. Ich betrachte das nicht als Antisemitismus, falls das Vorurteil nicht in politische, legale oder soziale Handlung umgesetzt wird. Zum Funktionieren einer vielschichtig zusammengesetzten Gesellschaft gehört es nicht, dass ein Teil der Bevölkerung jeden anderen Teil schätzt. Das ist utopisch. Es geht schon, wenn jeder Teil dem anderen gleiche Rechte zubilligt, gleichgültig, ob sie sich schätzen oder nicht. Was nun Professor Hendryx anbelangt, so machte er dann und wann abwertende Bemerkungen über Juden, aber das tat er auch bei Iren, Italienern und Schwarzen. Er neigte dazu, fast über jeden bittere, sarkastische Bemerkungen zu machen. Für mich war er ein gequälter, unglücklicher Mann.»
Macomber nickte langsam. «Ja.»
«Sie scheinen enttäuscht zu sein.»
Der Präsident lachte kurz auf. «In gewisser Weise bin ich das. Es wäre für mich leichter, wenn Professor Hendryx ein Antisemit gewesen wäre.» Er blieb stumm und sagte dann schließlich: «Jetzt, wo das Semester zu Ende geht, ist bei uns alles durcheinander. Wir sind ohne Dean, und die englische Abteilung hat nicht mal einen Vorsitzenden. Normalerweise wäre Letzteres nicht so bedeutsam, aber wir sind sowieso schon unterbesetzt. Und wo nun Professor Fine geht –»
«Muss er gehen?»
«Das ist ja der Punkt.» Macomber griff nach einem langen weißen Umschlag, der auf der Tischplatte lag. «Vor seinem Tod hat Professor Hendryx schwere Beschuldigungen gegen Professor Fine bei Dean Hanbury geäußert, Beschuldigungen, die sie mir mitgeteilt hat und die mich bewogen haben, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Ich nehme mir heraus, mit Ihnen darüber zu sprechen, weil Mr. Ames andeutete, dass Sie mit den Umständen vertraut sind.» Er sah den Rabbi fragend an.
Der Rabbi bestätigte es.
«Ich kann diese Beschuldigungen nicht einfach außer Acht lassen, obwohl Dean Hanbury durch die seither erfolgten Ereignisse nicht mehr als zuständig betrachtet werden kann. Es ist etwas, worüber ein Präsident des College einfach nicht hinweggehen kann. Nicht wenn er ein Gewissen hat.»
«Verstehe ich richtig, Präsident Macomber, dass Sie Fine gern behalten würden, weil Sie zu wenig Lehrer haben –»
«Und weil ich ihn für einen guten Lehrer halte.»
«Aber weil Sie Grund zu der Annahme haben, dass er Examensaufgaben verraten hat, erlaubt ihr Gewissen nicht, dies zu übersehen?»
«Hm – ja, so etwa meine ich es», sagte Macomber unglücklich.
«Und wenn ich nun gesagt hätte, Hendryx sei Antisemit gewesen, dann hätten Sie sich einreden können, die Beschuldigungen entstammten einem Vorurteil, und Sie brauchten sie nicht so ernst zu nehmen?»
«Wenn ich in Betracht zog, dass ich sie nur von Dean Hanbury gehört hatte. Ich habe nicht selbst mit Hendryx gesprochen.»
«Und sie ist inzwischen in Misskredit geraten.»
«Ja, unglücklicherweise gibt es aber noch diesen Umschlag. Er enthält den Beweis für die Anklage. Wie Sie sehen, ist er versiegelt, und Fine hat seinen Namen quer darüber geschrieben. Aber ich weiß, was drin steht, weil ich Dean Hanbury gesagt habe, wie ich es haben wollte. Ich habe den Text persönlich formuliert.» Er öffnete eine Schublade und nahm eine Mappe heraus. Sie enthielt ein einziges Blatt, das er über den Schreibtisch reichte. «Lesen Sie das.»
«Es ist nicht unterschrieben», sagte der Rabbi lesend. «Das Datum fehlt.» Er sah forschend auf.
«Das war, damit wir ein neueres Datum einsetzen konnten, falls Professor Fine sich nicht an sein Versprechen hielt.»
Der Rabbi las weiter: Ich gestehe hiermit aus freien Stücken, dass ich eine Kopie der abschließenden Examensarbeit des Englischkurses Nr. 74 an eine Teilnehmerin des Kurses weitergegeben und ihr damit ermöglicht habe, das Sommersemester mit einer besseren Note abzuschließen. Ich bedaure diese Handlung und garantiere, dass so etwas in der restlichen Zeit meiner Vertragsdauer nicht wieder vorkommen wird.
«Das Blatt im Umschlag ist natürlich von Professor Fine unterschrieben», sagte Macomber.
Der Rabbi blieb kurze Zeit stumm, dann sagte er: «Die traditionelle Aufgabe eines Rabbiners ist es, Recht zu sprechen. Wussten Sie das?»
Macomber lächelte. «Ames hat etwas Ähnliches erwähnt, als er mit mir über – den Fall gesprochen hat. Wollen Sie andeuten, dass Sie die Beschuldigung anders betrachten würden, wenn Sie der Richter wären?»
«Würde mir der Fall vorgetragen, könnte ich dies nicht als Beweis annehmen. Es steht im Gegensatz zum talmudischen Gesetz.»
«Da Roger Fine Jude ist», sagte Macomber, «läge wohl eine gewisse Gerechtigkeit darin, ihn nach talmudischem Recht zu behandeln. Also gut, wie würden Sie verfahren?»
«Ich würde erst seine Ankläger hören.»
«Aber das ist unmöglich. Sie sind beide –»
«Eben.»
«Aber hier ist sein eigenes Geständnis.»
«Ich könnte das nicht als Beweis werten. Nicht nach unserem Recht. ‹Keiner darf sich selbst einen Übeltäter nennen.› In unserem Strafrecht ist das ein grundlegendes Prinzip.»
«Wenn ich es mir genau überlege, trifft das für unsere ebenso zu», sagte Macomber.
«Nein, da gibt es einen Unterschied. Nach amerikanischem Recht kann ein Mensch nicht gezwungen werden, gegen sich selbst auszusagen. Nach jüdischem Recht kann er nicht gegen sich aussagen, selbst wenn er es möchte.»
«Aha, wenn Sie also in diesem Fall der Richter wären?»
«Würde ich die Klage abweisen», sagte der Rabbi prompt.
Macomber lächelte. «Das wäre ja nun wirklich ein Ausweg, aber trotzdem –»
«Trotzdem sind Sie nicht zufrieden?»
«Ja, das ist wahr.»
«Ich auch nicht», gab der Rabbi zu. «Vermutlich liegt das daran, dass wir es hier weniger mit einer Rechts- als mit einer Gewissensfrage zu tun haben. Ich glaube, ich habe es anfangs eine Sünde und nicht ein Vergehen genannt. Diese Sünde, einen Examenstext zu verraten – betrachten Sie, als Präsident des College, so etwas für unverzeihlich?»
«Keine Sünde ist unverzeihlich, würde ich sagen.»
«Was muss dann einer tun, um eine Sünde verziehen zu bekommen?»
«Das scheint mir mehr in Ihrer als in meiner Linie zu liegen, Rabbi. Vielleicht durch eine Beichte, durch Reue und das Versprechen, es nicht wieder zu tun.»
Der Rabbi begann zu strahlen. «Na, hat Fine das nicht getan?»
«Wann? Jetzt?»
«Nein, hier auf diesem Blatt Papier. ‹Ich gestehe hiermit aus freien Stücken› – das ist ein Geständnis. ‹Ich bedaure diese Handlung› – das ist Reue. ‹Und garantiere, dass so etwas nicht wieder vorkommen wird› – das ist der dritte Punkt.»
Macomber erwog das. Dann lachte er leise. «Ja, ich glaube, das genügt. Und damit wäre auch das Problem der englischen Abteilung gelöst.» Er lehnte sich strahlend auf seinem Stuhl zurück. «Sagen Sie, Rabbi, vermutlich wollen Sie nicht mal ausprobieren, wie Sie sich als Dean machen? Oder etwa doch?»