16
Er nahm den Bus nach Albany, einfach weil das der Erste war, der vom Busbahnhof abfuhr. Ekko setzte sich in der vierten Reihe von vorn ans Fenster, beobachtete die einsteigenden Fahrgäste und mutmaßte, wer sich wohl neben ihn setzen würde. Ein hübsches Mädchen mit langen, blonden Haaren stieg ein; er sah sie interessiert an, aber sie ging an ihm vorbei. Er drehte sich um und stellte fest, dass sie sich neben eine Frau gesetzt hatte.
Am Ende war es ein Mann in mittleren Jahren, mit quadratischem Gesicht und dichtem schwarzem Haar. Er trug eine dickrandige Plastikbrille, über der sich die schwarzen Augenbrauen fast über der Nasenwurzel trafen. Am Aufschlag seines dunkelgrauen Anzugs steckte ein Kiwanis-Abzeichen. Der Mann lächelte und sah auf die kleine, goldene, viereckige Uhr, die für das kräftige, behaarte Handgelenk viel zu zierlich war. «Es muss jeden Moment losgehen», sagte er.
«Ja, wird es wohl.»
Anscheinend wollte der Mann sich unbedingt unterhalten.
«Ich war im Café und wollte eine Tasse Kaffee und einen Donut haben, aber, meine Güte! Die langweilige Bedienung! Ich hab’s bleiben lassen, weil ich nicht noch den Bus verpassen wollte.»
«Manchmal bummeln die ganz schön.»
«Ich fahr gern mit dem Bus», fuhr der andere fort. «Man sieht was von der Gegend.»
«Na, diesmal werden Sie nich viel sehn», sagte Ekko. «Mitten in der Nacht.»
«Ja, da haben Sie Recht, aber mir gefällt’s trotzdem besser als mit dem Flugzeug. Fahren Sie bis Albany?»
«Falls ich’s mir nicht anders überlege und vorher aussteige.»
Der Mann hob die schwarzen Brauen. «Wieso? Wissen Sie nicht, wie weit Sie fahren wollen? Fahren Sie spazieren?»
Ekko zuckte die Achseln. «Ich hatte einfach Lust auf eine Busfahrt. Der Bus hier fuhr zuerst ab, und da hab ich mir eine Fahrkarte gekauft und bin eingestiegen.»
Der Mann lachte in tiefem, grollendem Bass vor sich hin.
«Was ist daran so komisch?»
«Ihr jungen Leute … Ihr seid großartig. Sie hatten Lust auf eine Busfahrt und haben sich einfach …» Er konnte nicht aufhören zu lachen. «Sagen Sie, warum gerade ein Bus?»
Ekko grinste. Die offene Bewunderung ließ ihn auftauen. Der Mann war ein so ausgemachter Spießer, ein typischer Pendler, der von neun bis fünf arbeitete, eine fette Frau und eine aknebehaftete Tochter hatte, bei der sie sich sorgten, sie könnte sich mit einem Jungen vergessen. Er erklärte: «Wissen Sie, es ist so: Man geht durch die Straßen –» er erinnerte sich an die Segeltuchtasche im Gepäcknetz – «sagen wir, man will Wäsche in die Wäscherei bringen, und plötzlich merkt man, dass man alles leid ist. Der ganze tägliche Mist steht einem bis hier. Verstehn Sie?»
Der Mann nickte.
«Also beschließt man, dass man Abwechslung braucht.»
«Ja, das versteh ich. Und weil Sie gerade auf dem Park Square waren, sind Sie in einen Bus gestiegen.»
«Stimmt.» Ekko nickte grinsend.
«Und wenn Sie zufällig beim Süd-Bahnhof gewesen wären, hätten Sie einen Zug genommen. Oder in Ost-Boston ein Flugzeug?»
Ekko maß ihn argwöhnisch, aber sein Gesicht war offen und harmlos. Er schüttelte den Kopf. «Nee, Zugfahren und Fliegen liegt mir nicht so, aber mit dem Bus fahr ich gern, besonders nachts. In einem Bus ist es nachts dunkel. Sie schalten das Licht aus, damit der Fahrer die Straßen besser sehen kann. In der Dunkelheit kann allerhand geschehen.»
«Was zum Beispiel?»
Ekko sah den Spießer an. «Ach, eine ganze Menge.»
«Ja, aber was?»
Seine Neugier war schon rührend. «Na, zum Beispiel damals, als ich mit dem Elf-Uhr-Bus von New York nach Boston gefahren bin. Ich hab wie jetzt am Fenster gesessen, und dann, ganz plötzlich, steigt dieses Mädchen ein und setzt sich neben mich. Na, ich war am Ende, hatte tagelang nich mehr geschlafen, Sie wissen ja, wie’s in so ’ner großen Stadt ist.»
«Klar weiß ich das.»
Ekko grinste innerlich. «Ich seh mich im Bus um, und da sind überall noch freie Plätze, also, denk ich mir, will sie Gesellschaft haben. Man konnte sofort sehen, dass sie ein schickes Mädchen war und hübsch obendrein. Sie hat so einen langen Mantel an, der bis zu den Knöcheln reicht. Als sie ihn auszieht, sehe ich, dass sie prima gebaut ist. Sobald sie sitzt, sage ich dann so was wie: ‹Das ist genau der richtige Abend dafür.› Wissen Sie, um freundlich zu sein und die Sache ins Rollen zu bringen. Aber sie antwortet nur mit ‹Hm›, klappt so ein Gedichtbuch auf und fängt an zu lesen. Also denke ich mir: Okay, Mädchen, wenn du’s so willst, und dann mach ich die Augen zu. Nach ein paar Minuten geht dann das Licht aus, und wir fahren los, und ich schlaf ein. Aber Sie wissen ja, wie das beim Busfahren ist, so ganz richtig schläft man nie. Man döst nur vor sich hin.»
«Ja, genau. Ich kann auch nie fest schlafen.»
«Na, als ich dann mal wach werde, schläft die Kleine fest, hat den Kopf ans Kissen gelehnt und den Mund ein bisschen offen. Und so ’ne kleine Strähne hängt ihr ins Gesicht, und jedes Mal, wenn sie ausatmet, pustet sie sie fort, und dann fällt sie wieder zurück. Ich hab mich dann rumgedreht, um es besser sehen zu können, und beim Zusehen schlaf ich wieder ein. Und dann spür ich, dass mich jemand berührt, und werde halb wach und sehe, dass es das Mädchen ist. Sie hat sich im Schlaf zusammengerollt und berührt mich im Schlaf. Und gerade da, wo ich’s gern hab.»
Jetzt wurde der Spießer aufgeregt. «Und was haben Sie gemacht?»
«Na, ich bin näher an sie rangerückt und hab ihren langen Mantel, den sie auf dem Schoß hatte, über uns gezogen, damit wir zugedeckt waren.»
«Und dann?»
«Was glauben Sie? Ich hab mit der einen Hand ihre Titten gestreichelt, und als sie nicht aufgewacht ist, hab ich die andere unter ihr Kleid gesteckt.»
«Und was haben Sie dann gemacht?»
«Was wohl? Wir waren in einem Bus. Mehr konnte ich da ja wohl nicht machen. Wir haben uns so gehalten, und dann bin ich auch so eingeschlafen.»
«Und am Morgen?»
Der Mann kriegte vor Aufregung keine Luft mehr.
Ekko grinste. «Nichts. Als ich aufwachte, fuhren wir schon durch Boston. Sie war nicht mehr da. Sie muss in Newton ausgestiegen sein. – Na ja, das ist der Grund, warum ich gern mal eine Fahrt mit dem Bus mache.»
«Es ist also gar nichts gewesen», stellte der Mann bedauernd fest. «Sie haben sie nie wiedergesehen?»
«Nee.»
«Ich glaube, Sie haben das nur geträumt.»
Ekko lächelte in die Dunkelheit hinein. Sollte er ruhig leiden. «Nein, ich hab’s nicht geträumt.»
Der andere blieb stumm sitzen. Nach einer Weile schlief Ekko ein. Es schien nur Minuten zu dauern, bis er vom Busfahrer geweckt wurde, der ankündigte, dass sie in zehn Minuten in Springfield halten würden. Der Mann hob einen kleinen Wochenendkoffer vom Gepäcknetz, setzte sich wieder und nahm ihn auf den Schoß.
«Springfield. Da steige ich aus.»
«Was, schon Springfield?»
«Hm. Wissen Sie, beinah war ich Ihnen auf den Leim gegangen», sagte er dann.
«Wie meinen Sie das?»
«Ach, dass Sie gesagt haben, Sie fahren einfach Bus, weil Sie Lust haben, und Sie wissen noch nicht, wo Sie aussteigen werden.» Er lachte leise. «Ihr jungen Leute gebt immer damit an, dass ihr nur das tut, was euch passt, aber das ist nichts als Gerede. Ihr fahrt irgendwohin, weil ihr genau dahin wollt, ebenso wie jeder andere auch. Sie sitzen jetzt in diesem Bus, weil Sie genau mit diesem Bus fahren wollten.»
Ekko wurde starr. «Woher wissen Sie das?»
Der Mann lachte tief grollend. «Weil ich Sie gesehen hab. Ich hab Sie in der Charles Street in den Zug steigen sehen. Ich stand direkt hinter Ihnen und hab Sie gesehen. Sie haben eine Segeltuchtasche getragen, und die liegt da oben im Netz. Dann hab ich Sie in Boylston aussteigen und direkt zum Busbahnhof gehen sehen. Nichts da mit dem durch die Straßen wandern und sich plötzlich entschließen, mit einem Bus zu fahren, weil sich die Chance ergeben könnte, dass sich ein Mädchen neben Sie setzt und Sie an sich rumfummeln lässt.»
«Sind Sie mir nachgegangen?»
«Nein, aber ich war direkt hinter Ihnen. Als wir zum Busbahnhof kamen, bin ich ins Café gegangen und Sie zum Fahrkartenschalter.»
«Das muss ein anderer gewesen sein», murmelte Ekko.
«Nein, war’s nicht. Sie waren das. Sie sind mir gleich aufgefallen, weil ich gesehen hab, dass Sie eine Perücke tragen. Und der Bart ist auch nicht echt. Ich hab’s auf den ersten Blick gesehen, weil ich Friseur bin und von Haaren was verstehe. Sind Sie kahl, ja?»
«Ja, da oben bin ich ziemlich nackt», gab er verlegen zu.
Der Bus hielt an, und der Mann stand auf. «Sie verkühlen sich andauernd den Kopf, was?»
«Nein, das is nur, weil die Mädchen was gegen Kahlköpfe haben.»
Der Mann lachte. «Na, hier steigen immer viele Leute ein. Vielleicht haben Sie für den Rest der Reise mehr Glück.» Er winkte freundlich und bahnte sich den Weg durch den Gang.
17
Wie jeder District Attorney war Matthew Rogers aus Suffolk County, wozu ganz Boston gehört, in erster Linie Politiker und erst in zweiter, sehr schwacher Linie Anwalt. Rogers war groß, erstaunlich gut aussehend und einer der Jüngsten, die jemals diesen Posten innegehabt hatten. Die Parteibonzen sagten ihm eine große Zukunft voraus: mit Gewissheit würde er Attorney General des Staates werden, vielleicht sogar noch höher steigen. Obwohl er irisch-katholischer Abstammung war, sah er nicht so aus; und sein Name – Vor- und Nachname – war nicht so typisch irisch, dass es den Angehörigen anderer Volksgruppen schwer gefallen wäre, ihn zu akzeptieren.
Kurz nach Beendigung des Jurastudiums – er hatte in Harvard studiert, nicht am katholischen Boston College – sagte ihm sein Schwiegervater, der in der Politik war, er hätte sich bei den Kollegen umgehört, und sie wären bereit, ihn bei der Wahl für ein politisches Amt zu unterstützen. «Wenn die Kollegen dich unterstützen, Matt, bist du praktisch schon in der Legislative des Staates.»
«Ich hatte mich eigentlich beim Schulausschuss bewerben wollen», sagte Matthew Rogers.
«Bloß nicht, Matt. Was verdienst du denn da? Du musst an Kathleen und die Mädchen denken. Und wenn du in den Schulausschuss willst, musst du dich in der ganzen Stadt zum Kandidaten aufstellen lassen.»
«Aber bei der Legislative bin ich einer unter zweihundert, und beim Schulausschuss bin ich einer von fünf. Über das Gehalt mache ich mir keine Sorgen. Bei den Millionen, über die der Schulausschuss jährlich verfügt, müsste ich genug Aufträge als Anwalt an Land ziehen können, um mit dem gleichzuziehen, was ich bei der staatlichen Legislative verdienen würde.»
Matthew Rogers firmierte als Familienvater, als engagierter Vater von Kindern, die die öffentlichen Schulen besuchten. Alle Wahlplakate und Handzettel zeigten ihn sitzend, flankiert von seiner schönen Frau, während die beiden niedlichen kleinen Töchter zu ihren Füßen saßen. Er gewann spielend.
Beim Schulausschuss verschrieb er sich den Belangen der Lehrer. Sein Schwiegervater argumentierte: «Warum setzt du dich für eine Gehaltserhöhung der Lehrer ein? Das bedeutet doch nur Steuererhöhung, Matt, und dafür dankt dir keiner. Lehrer sind keine Polizisten oder Feuerwehrmänner. Sie sind scheue Kaninchen und keine Kämpfer. Bei der nächsten Wahl reißen sie sich nicht für dich die Beine aus. Ja, sie werden dich wählen, aber die Duckmäuser bekommst du nie dazu, für dich Klinken zu putzen.»
«Aber sie haben bessere Kontakte zu den Medien», wandte Matthew Rogers ein.
Die Gehaltserhöhung endete in einem Kompromiss, aber er galt nun als der einzige Liberale im Ausschuss, und wenn die Reporter oder Fernsehkommentatoren über eine Sitzung des Schulausschusses berichteten, war er gewöhnlich derjenige, der interviewt wurde.
Nach zwei Perioden beim Schulausschuss hatte er sich als District Attorney bei der County zur Wahl gestellt, wiederum die Rolle des Familienvaters in den Vordergrund seiner Wahlkampagne stellend, mit dem Slogan: «Wählt Matt Rogers, und macht Suffolk County zu einer Gegend, in der ihr eure Kinder in Sicherheit großziehen könnt.» Diesmal zeigten die Wahlplakate ihn neben seiner etwas gesetzteren Frau, die beiden älteren Töchter, nun hübsche junge Damen, standen rechts und links von den Eltern, eine dritte Tochter saß vor ihnen auf der Erde, und die vierte auf dem Schoß der Mutter. Wiederum gewann er spielend.
Er hatte sein Amt unmittelbar vor Beginn der Studentenunruhen angetreten. Als es im Hollings College Ärger gab, ergriff er die Gelegenheit, seine Führungsqualitäten zu demonstrieren – gegen den Rat seines Stellvertreters, dem Senior Assistant District Attorney Bradford Ames.
«Lass das, Matt», sagte Ames. «Das sind keine Gangster, es sind College-Studenten aus guten Familien, von denen einige großen politischen Einfluss haben. Und wenn du sie vor Gericht bringst, wirst du feststellen, dass dich die College-Leitung nicht unterstützt. Halte dich aus der Schusslinie, und lass die Polizei das machen, sonst musst du es bloß ausbaden.»
Rogers hatte ihn verständnislos angestarrt. «Sie haben sich in einem der Gebäude widerrechtlich festgesetzt, oder? Sie haben Häuser demoliert. Meinst du, ich soll tatenlos zusehen, wenn Privateigentum besetzt wird? Es geht doch um Privateigentum, oder?»
Bradford Ames war über fünfzig und ein ganzes Stück älter als sein Chef. Er stammte aus einer alten, reichen Bostoner Familie und hatte ohne Schwierigkeit gleich nach Abschluss seines Examens den Posten des Assistant District Attorney übernehmen können. Er war Junggeselle und fand im Büro des District Attorney den ihm angemessenen Platz, den er gern behalten wollte. Obwohl mittelgroß, sah er wegen seiner Rundlichkeit klein aus. Seine maßgeschneiderten Anzüge wirkten zerknittert und schlecht geschnitten, weil er sich krumm hielt. Er trug altmodische, anknöpfbare, gestärkte Kragen, die immer zu eng aussahen und seinen Kopf größer wirken ließen, als er war. Er neigte zum Lächeln und kichernden Glucksen und hatte etwas Onkelhaftes, sodass bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen sein Gesicht streng und ernst wurde, zum Beispiel, wenn er sich im Gerichtssaal an die Geschworenen wandte, jedermann das Gefühl bekam, es müsse tatsächlich ein entsetzliches Verbrechen geschehen sein. Er stand mit allen Gerichtsbeamten, Strafverteidigern und Richtern auf gutem Fuß, kannte ihre Eigenheiten und Idiosynkrasien, hatte aber gleichzeitig einen Instinkt für politische Erwägungen und war daher für eine Reihe von District Attorneys, die er unauffällig anlernte, von unschätzbarem Wert gewesen.
Jetzt trat er unter Rogers’ starrendem Blick unbehaglich von einem Bein aufs andere und stieß ein verlegenes Kichern aus. «Ja, einerseits ist es Privateigentum, andererseits aber nicht. Ein College ist genau genommen eine Gemeinschaft von Gelehrten, die sich in eine Gesellschaft mit einem Kuratorium und Beamten umgewandelt hat, die den Präsidenten wählen. Im Mittelalter wurden übrigens viele Colleges von den Studenten gegründet. Sie stellten die Lehrer ein und ließen sie Strafe zahlen, wenn sie ihre Vorlesungen versäumten. Ich will damit sagen, dass man sich überlegen muss, ob das College nicht ebenso den Studenten wie der Verwaltung gehört.»
Aber Rogers hatte nicht nachgegeben – und es ausbaden müssen. Ein paar Tage lang war alles großartig gewesen; er hatte Verlautbarungen an die Presse gegeben, war fotografiert worden, hatte Konferenzen mit dem College-Präsidenten und dem Dean abgehalten und mit der Polizei den strategischen Einsatz geplant. Das führte am Ende zu einer hitzigen Auseinandersetzung zwischen Studenten und Polizei, wobei es nicht bei verbalen Beleidigungen blieb. Und ganz plötzlich war er der Buhmann, die Zielscheibe von Dutzenden von wütenden Leserbriefen in der Presse und sogar von ein, zwei Leitartikeln. Zu seiner Überraschung musste er feststellen, dass viele Lehrer zu den Studenten hielten und sogar die Verwaltung einen Rückzieher machte. Als schließlich die Anführer vor Gericht gestellt wurden, merkte er voller Entrüstung, dass die College-Verwaltung die Strafverfolgung nur sehr hinhaltend betrieb und sogar der Richter, der eine kleine Strafe verhängte, bei seiner Zusammenfassung andeutete, dass die Staatsanwaltschaft vielleicht etwas übertrieben reagiert habe.
Rogers war Politiker, und er zog eine Lehre daraus. Von da an folgte er, wann immer es zu Studentenunruhen kam, dem Rat seines Stellvertreters Ames und ließ der Polizei freie Hand. Wenn es unumgänglich war, dass sich sein Büro einschaltete, übergab er den Fall dem jüngsten Mitarbeiter, einem jungen Mann, der gerade eben Examen gemacht hatte. Ames fuchste ihn dann ein: «Bleib in Deckung! Ja nicht vorpreschen! Denk dran, der Chef findet, dass das eine interne College-Angelegenheit ist, die sie selber regeln sollen. Wir wollen uns da raushalten.»
Um so überraschter war Bradford Ames, als er die Akte des Windemere-College-Falls auf seinem Schreibtisch vorfand, mit einer Notiz seines Chefs: «Brad, bitte übernimm dies persönlich.» Er ging in Rogers’ Büro, um Rücksprache zu halten. «Wieso auf einmal, Matt?»
«Weil ich sie diesmal hinter Schloss und Riegel bringen will.»
«Warum?»
Die Erklärung fiel Rogers nicht leicht. Ein Spross der Ames aus Massachusetts sieht die Dinge anders als der Sohn des Postboten Timothy Rogers. Nahm man allein mal diese College-Kinder, die andauernd Rabbatz machten: Brad ergriff nicht gerade ihre Partei, aber er regte sich auch nicht groß über sie auf; es war fast, als sympathisiere er mit ihnen. Hinzu kam, dass der Mann Junggeselle war. Wie konnte er die Gefühle eines Mannes mit vier Töchtern verstehen? Für einen Mann mit Töchtern hatte der Lauf der Dinge etwas Beängstigendes: ein Mädchen lebte ganz offen mit einem Mann zusammen, und niemand, nicht einmal die Direktion des College, fand etwas dabei. Studenten, die in unflätigen Ausdrücken mit ihrem Dean redeten – einem weiblichen Dean noch dazu – und das für selbstverständlich hielten.
Gelegentlich fühlte sich Matthew Rogers durch die aristokratische Kühle seines Untergebenen in die Verteidigung gedrängt, und darum sagte er nun gefühlsbetonter als sonst: «Diesmal ist es anders, Brad. Ich weiß, du meinst, diese Studentenkrawalle gehen uns nichts an, und ich stimme dir da zu: aber diesmal geht es um Brandstiftung, und Brandstiftung ist ihrem Wesen nach kein hausinterner Sport mehr.»
«Das stimmt natürlich.»
«Und dann ist der Mann getötet worden.»
«Ja, das scheint aber ein Unfall gewesen zu sein.»
Nun wurde Rogers trotzig. «Ich halte es auch für politisch wichtig. Ich glaube, wir sind an einem Wendepunkt, Brad. Ich glaube, die Leute sind es verdammt leid, dass diese verdammten radikalen Studenten einfach machen, was sie wollen. Und wenn ich jetzt durchgreife, werde ich vielen damit einen Gefallen tun.»
Ames lächelte. «Hast du vor, für das Amt des Attorney General zu kandidieren?»
«Ich habe es erwogen», sagte Rogers gelassen.
Ames erkannte, dass es ihm damit ernst war.
«Wir haben nicht sehr viel vorzubringen, ist dir das klar? Die Studenten sagen, sie hätten nichts mit dem Bombenanschlag zu tun.»
«Natürlich.»
«Viele Beweise, dass sie es doch waren, haben wir nicht. Wenigstens nichts, was vor Gericht stichhaltig wäre.»
«Und wie steht’s damit, dass einer von ihnen auf und davon ist?»
«Nicht mal das wissen wir», erwiderte Ames. «Er kann einfach fortgegangen sein, wie das heute viele junge Leute machen.»
«Und wie steht es mit der Zeit?», fuhr Rogers beharrlich fort. «Dean Hanbury sagt, sie sei gegen Viertel vor drei aus dem Büro gegangen. Die jungen Leute geben zu, bis drei Uhr geblieben zu sein. Ein paar Minuten später geht die Bombe hoch. Wer soll es denn sonst gewesen sein?»
«Der Hausmeister hat ausgesagt, die Türen des Gebäudes wären nicht abgeschlossen gewesen. Jeder hätte hereinkommen können. Es könnte eine ganz andere Studentengruppe gewesen sein. Soweit ich weiß, gibt es wenigstens ein halbes Dutzend radikaler Schattierungen.»
«Wie ist das, haben wir genug, um sie festzuhalten?»
Ames ließ sich nicht festlegen.
«Das hängt wahrscheinlich davon ab, wer für sie auftritt und welchem Richter sie vorgeführt werden. Sullivan, zum Beispiel, würde sie schon wegen ihres Aussehens und ihrer Kleidung in Haft behalten.»
Rogers nickte. «Dann richte es so ein, dass sie vor Sullivan oder noch besser, vor Visconte erscheinen. In der Zwischenzeit setze ich so viele Leute zur Ermittlung an, dass er sie festhalten muss.»
«Gut.»
«Und sie sollen in Haft bleiben, Brad. Keine Kaution!»
«Hör mal, Matt! Darauf lässt sich nicht mal Sullivan ein.»
«Warum nicht? Es ist doch wohl Mord, wie? Wenn jemand bei der Ausführung einer strafbaren Handlung einen Menschen tötet, ist das wohl Mord ersten Grades oder nicht? Ein Bombenattentat ist eine strafbare Handlung, ja? Wenn ein Professor dabei umkommt, ist es Mord. Steht das im Gesetz oder nicht?»
Ames wehrte ab. «So einfach ist das nicht, Matt. Das Grundprinzip ist, dass man in einem solchen Fall die Tötungsabsicht nachweisen muss. Und die Tötung muss so eng mit der strafbaren Handlung verbunden sein, dass es sich um ein und dieselbe Tat handelt. Ein zeitliches Zusammentreffen allein reicht nicht aus. Als die Tat geschah, war es Freitagnachmittag, an dem das Haus gewöhnlich leer ist, und das Opfer befand sich in einem anderen Raum.»
«Das kann der Strafrichter entscheiden, Brad.»
«Ja», gab Ames zu, «aber diese jungen Leute sind im College. Wenn wir sie ohne Gewährung einer Kaution festhalten, verpassen sie ihre Vorlesungen.»
Matthew Rogers hieb mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. «Also, wenn du mich fragst, dann haben Studenten, die ihr College in die Luft sprengen wollen, wenig Interesse an ihren Vorlesungen. Ich will, dass diese jungen Schurken in Haft bleiben, verstehst du? Wir gehen von gegensätzlichen Standpunkten aus. Wenn ihre Anwälte sie gegen Kaution freibekommen, muss ich das hinnehmen, aber ich werde den Teufel tun, ihnen auch noch zu helfen. Ich bin gegen eine Kaution. Und wenn der Richter sich mir da nicht anschließt, musst du die höchstmögliche Kaution fordern.»
«Wenn du es so handhaben willst.»
«Ja, das will ich», sagte Matthew Rogers.
«Hör mal, Matt.» Ames war nun ganz ernst. «Alles deutet darauf hin, dass es der getan hat, der jetzt verschwunden ist, der, den sie Ekko nennen, und dass die anderen überhaupt von nichts gewusst haben.»
«Wie kommst du darauf?»
«Weil er anders ist als die Übrigen. Älter, und außerdem war er in Vietnam.» Er hob einen mahnenden Zeigefinger. «Bei der Artillerie. Dazu kommt noch, dass er – soweit wir das aus den ersten Verhören wissen – als Einziger längere Zeit im Büro des Dean allein gewesen ist; die anderen haben Miss Hanbury im ganzen Haus gesucht. Und er hatte eine Aktentasche mitgebracht. Und schließlich ist er der Einzige, der geflüchtet ist.»
«Hat einer von den anderen angedeutet, er könnte es gewesen sein?»
«Nein, aber –»
«Wenn sie es nicht mit Sicherheit wissen, kannst du Gift drauf nehmen, dass sie kein Wort sagen werden. Die halten immer zusammen.»
«Und?»
Matthew Rogers grinste. «Wäre es dann nicht besser für uns, wenn wir sie im Gefängnis aufheben? Wenn dieser Ekko das hört, vor allem, dass wir sein Mädchen haben, dann besteht die Chance, dass er freiwillig aufgibt.»
«Matt, das ist so, als hieltest du sie gegen Lösegeld fest», protestierte Ames.
«Hm.»
«Matt, das ist ein gemeiner irischer Trick!»
Roger grinste von einem Ohr zum anderen. «Hm.»