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David Small füllte seinen Besucherschein aus und schob ihn in die Schale unter dem dicken, kugelsicheren Glas.
«Wie in einer Bank», stellte er fest.
Der Wärter lachte automatisch. Die Bemerkung wurde Dutzende von Malen jeden Tag gemacht. «Ja, das ist ja auch ’ne Art Bank. Wenn Sie jetzt bitte die Taschen ausleeren und an der Scheibe vorbeigehen möchten.»
Der Rabbi legte Brieftasche, Kleingeld und Armbanduhr auf ein Häufchen und trat unter einen Bogen.
«Nun kommen Sie zurück.»
Die Nadel an der Skala bewegte sich.
«Sie haben immer noch was aus Metall an sich.»
Er klopfte seine Taschen ab, und als er dann die Hand in die Seitentasche seines Jacketts schob, spürte er die aufgeplatzte Naht im Futter. Er hatte immer wieder vergessen, Miriam zu bitten, sie zuzunähen. Er förderte einen Bleistiftstummel ans Licht. «Der ist ins Futter gerutscht. Ich hab das ganz vergessen.»
«Schon gut. Gehen Sie nochmal durch. Jetzt ist es okay.»
«Meinen Sie, der Bleistift gibt einen Ausschlag?»
«Nein, die Metallhülse vom Radiergummi», sagte der Wärter.
Rabbi Small sammelte seine Sachen ein, wurde durch einen kurzen Flur und eine schwere Tür aus Stahlbalken gewiesen, die sich klickend hinter ihm schloss. «Erste Tür links», rief der Wärter hinter ihm her. «Warten Sie dort.»
Es war ein kleiner Raum, der nur mit ein paar Stühlen und einem Tisch möbliert war. Während er wartete, fragte sich der Rabbi, was er sagen sollte. Wusste Fine, was am Freitagabend in der Synagoge vorgefallen war? Sollte er erwähnen, dass Ames die Anregung zu seinem Besuch hier gegeben hatte? Die Tür öffnete sich, und Roger Fine kam herein. Ihm folgte ein schwarzer Wärter mittleren Alters.
«Ich muss hier warten, Professor Fine», sagte der Mann, «aber Sie können die Tür zumachen.»
«Okay, John, danke. Ach, das ist übrigens Rabbi Small. Er unterrichtet auch in Windemere. John Jackson, Rabbi. Sein Sohn ist Student am College.»
«Tag, Rabbi», sagte der Wärter und zog die Tür hinter sich zu.
«Sein Sohn ist einer von denen, die ich im Sommer unterrichtet und ins College bekommen habe», sagte Fine. «Ein netter Kerl.»
«Ich hab von Ihrem Programm gehört. Ich kann mir denken, dass das viel Mut erfordert hat.»
«Nicht Mut, Rabbi, Teilnahme.» Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und hängte den Stock an den Tischrand. Er schien dünner zu sein als bei ihrer letzten Begegnung, und sein Gesicht war hart.
«Und wie hat es sich nun gemacht?», fragte der Rabbi. «Haben Ihre Schützlinge sich bewährt?»
Fine zuckte die Achseln. «Manche ja, manche nicht so sehr. Aber Sie, Rabbi, haben sich doch mit dem Establishment angebiedert. Was haben denn die darüber zu sagen?»
Der Rabbi lachte kurz auf. «Anbiedern würde ich es nun bestimmt nicht nennen – es beschränkt sich auf eine gelegentliche Tasse Kaffee in der Cafeteria. Und dass sie das Establishment sind, war mir auch nicht aufgegangen, ich hielt sie für die älteren Lehrer. Aber ich habe von ihnen gehört, dass die Gruppe, die Sie unterrichteten, nicht die richtige Vorbereitung fürs College hatte, dass sie aus Roxbury kamen und die meisten schon seit Jahren aus der Schule waren.»
«Und was bedeutet das?», fragte Fine. «Die Erfahrung, sich im Ghetto durchzuschlagen, ist zehnmal mehr wert als ein Latein- oder Algebrakursus in der High School.»
«Gut möglich», sagte der Rabbi, «aber darum geht’s ja nicht, nicht wahr? Ein Algebrakurs mag im Ghetto wenig nützen, aber er ist wahrscheinlich eine notwendige Vorbereitung für Physik oder Chemie im College.»
«Genau darum haben wir sie ja auch im Sommer unterrichtet», sagte Fine hitzig.
«Und was konnten Sie im besten Fall dadurch erreichen? Wenn Sie mehrere Jahre der College-Vorbereitung in zwei Monaten aufholen konnten, dann ist unser höheres Schulsystem eine Farce. Wenn es das nicht ist, ist Ihr Projekt der Nachholkurse eine Farce, die nur dazu dient, die Leute in einen Studiengang zu bringen, dem sie dann nicht gewachsen sind.»
«Was soll das?»
«Was soll das?», wiederholte der Rabbi wie ein Echo.
«Ja, was soll das?» Fine lachte verächtlich. «Für was halten Sie Windemere? Oder jedes andere College? Es ist eine verknöcherte Institution – wie der Wahlmännerausschuss oder die britische Monarchie oder das Oberhaus. Heutzutage ist das College nur eine Institution zur Erhaltung des plutokratischen Klassensystems. Es soll dazu dienen …» Seine Stimme verlor sich, als er die Augen seines Besuchers starr an sich vorbeigerichtet sah. Er wandte sich um, folgte dem Blick des Rabbi und sah eine Küchenschabe über die Wand laufen. Er schlug sie mit dem Stock herunter und trat sie tot. «Dies ist hier nicht gerade das Ritz, aber dafür kostet es auch nichts.» Er lachte. «Das ist eine der Redensarten, die man hier so hört. Nicht umwerfend komisch, aber es hebt die Stimmung.»
Der Rabbi nickte und fuhr dann nach einer Pause fort: «Es ist merkwürdig. Professor Hendryx glaubte auch nicht daran, dass es noch die Aufgabe des College sei, junge Leute zu unterrichten. Er glaubte, seine gegenwärtige Funktion wäre es, College-Professoren zu unterhalten.»
«Das ist typisch Hendryx», sagte Fine. «Aber wenn Sie mal seine Wirkung auf die Gesellschaft untersuchen, finden Sie, dass das College nichts anderes tut, als die Schafe von den Ziegen oder die weißen von den blauen Kragen zu trennen.»
«Es überrascht mich, dass Sie sich dieser Ansicht anschließen wollen», sagte der Rabbi liebenswürdig.
«Ach, da gibt es noch so eine kleine Nebenwirkung, auf die das Establishment vielleicht noch nicht gestoßen ist, und die ist der Grund, warum wir mitmachen und warum wir diese Sommerkurse aufgezogen haben.»
«Und die wäre?»
«Jeder von der anderen Seite des Zauns, dem es gelingt einzusteigen, wird automatisch sozial angehoben. Man kann nicht abstreiten, dass das College der Weg ist, der zum sozialen Aufstieg führt. Das ist eine Tatsache, die von allen Soziologen und den meisten Pädagogen erkannt ist.»
«Ich muss gestehen, dass ich Ihren Glauben an die Weisheit der Soziologen und Pädagogen nicht teile.»
«Verdammt nochmal, Rabbi –»
«Natürlich ist meine Ansicht die traditionelle jüdische Ansicht», fuhr er ganz ungestört fort, «dass Lernen um des Lernens willen geschehen soll. Ein College mit philosophischer Fakultät wie Windemere ist ein Platz für die, die mehr wissen möchten als das, was man ihnen in der High School beigebracht hat. Wenn Sie es zu einem Mittel zum sozialen Aufstieg umwandeln, wie Sie das eben genannt haben, oder in etwas allzu Praktisches, um das nicht zu vergessen, erfüllt es seinen Zweck nicht mehr.»
«Sie meinen, man sollte Colleges mit einer philosophischen Fakultät den klügsten jungen Leuten vorbehalten?»
«Keineswegs, obwohl ich nicht weiß, was Sie unter den ‹klügsten jungen Leuten› verstehen oder wie Sie sie auswählen wollen. Gute Noten belohnen meistens die gefügigsten Schüler, die, die sich der Meinung ihrer Lehrer anschließen. Lernen hat nichts von einem Wettbewerb an sich, es ist etwas, das jeder für sich allein tut. Ein dicker Mann, der Gymnastik betreibt, um abzunehmen, konkurriert nicht mit einem, der dort ist, um seine Muskulatur zu entwickeln, ja nicht einmal mit einem anderen, der auch abnehmen möchte. Jeder ist da, um seine eigenen Zwecke zu erreichen.»
«Also sind Ihrer Meinung nach die Einzigen, die in ein philosophisches College gehen sollten –»
«Nicht die klügsten, sondern die, die wirklich dort studieren wollen, die ihr Wissen erweitern möchten», sagte der Rabbi abschließend.
Fine gelang es kaum, sein leicht triumphierendes Lächeln zu verbergen, als er sagte: «Warum erheben Sie dann Einwände gegen unser Programm, Schwarze ins College zu bringen?»
«Das tue ich nicht.» Der Rabbi blieb völlig unberührt. «Für die, die lernen wollen, habe ich keine Einwände, vorausgesetzt, sie haben die nötige Vorbildung. Aber ohne die werden sie die Arbeit nicht leisten können, ebenso wie der dicke Mann in der Gymnastikschule die physische Anstrengung nicht zu seinem Zweck auswerten kann, wenn er einen schweren Herzfehler hat. Und Sie tun diesen Studenten nichts Gutes an. Nein. Ganz im Gegenteil.»
Der rothaarige junge Mann lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schüttelte verwundert den Kopf. Erst grinste er, und dann lachte er laut.
«Habe ich etwas Komisches gesagt?», fragte der Rabbi.
«Nein, Sie sind ganz in Ordnung, Rabbi. Wissen Sie, als mein Anwalt gesagt hat, Sie kämen, hab ich mich gefragt warum. Würden Sie kommen, um den Verurteilten zu einem Geständnis zu bewegen? Um ehrlich zu sein: Ich war nicht wild auf Ihren Besuch, aber Winston, das ist mein Anwalt, schien es für sinnvoll zu halten. Und da sitzen wir jetzt in einem kleinen Zimmer im City Jail und sprechen – ausgerechnet – über Erziehungstheorien und Philosophie. Sie müssen zugeben, Rabbi, dass das komisch ist.»
Der Rabbi grinste. «Sie haben Recht, es ist komisch.»
Fine beugte sich vor. «Ich würde mich Ihrer Theorie nur zu gern anschließen, Rabbi, aber das System kämpft ja gerade gegen Ihre großartige Liebe zum Lernen an. Da belegen sie Kurse auf einem Dutzend verschiedener Gebiete ohne Zusammenhang, ohne Beziehung, und der Hauptgegenstand ist Tage nach dem Abschlussexamen vergessen – es verhindert ja nur, dass jemand eine anständige Ausbildung bekommt. Mann, der normale College-Absolvent kann keinen vernünftigen wissenschaftlichen Aufsatz schreiben.»
«Und wessen Fehler ist das?», schlug der Rabbi zurück. «Sie haben Ihre Ansprüche heruntergeschraubt, weil Sie nicht länger glauben, es wäre Ihre Aufgabe zu unterrichten, Sie wollen nur sozial aufwerten, und wie das geschieht, ist Ihnen egal. Jede Art, den Studenten bestehen zu lassen, ist ihnen recht, Hauptsache er besteht.»
Fine sah den Rabbi scharf an. «Ist das eine allgemeine Bemerkung, Rabbi, oder denken Sie vielleicht an eine gewisse Schwierigkeit, die ich mit Hendryx und dem Dean hatte?»
«Davon weiß ich.»
«Ach ja, Sie saßen ja mit Hendryx im selben Büro.»
«Aber er hat es mir nicht gesagt», warf der Rabbi ein.
«Wer dann –» Fine machte eine abwehrende Kopfbewegung. «Das spielt auch keine Rolle.»
«Hören Sie», sagte der Rabbi, «kennen Sie zufällig eine Kathy Dunlop?»
Die Atmosphäre kühlte sich sofort ab. «Ja, ich kenne Kathy. Was ist mit ihr?»
«Sie hat mich gestern besucht.»
«Hat sie es Ihnen erzählt?»
«Nein, sie hat nichts über das Examen gesagt. Sie wollte wissen, was ein Mädchen machen muss, wenn es zur jüdischen Religion übertreten will. Anscheinend ist eine Freundin von ihr in einen jungen Juden verliebt.»
Fine rückte nervös auf dem Stuhl herum. «So?»
«Natürlich», fuhr der Rabbi fort, «war es klar, dass sie über sich sprach. Vorfühlende Fragen werden oft auf diese Art gestellt. Sind Sie der Mann, den sie zu heiraten gedenkt?»
Fine blieb stumm. Der Rabbi wartete, und als es so aussah, als würde er nicht antworten, sagte er: «Sie hat erzählt, dass Sie beide sich lieben.»
Abrupt stand Fine auf und ging um seinen Stuhl herum. «Ja», sagte er, «ich liebe Kathy. Aber glauben Sie nicht, ich hätte jemals angedeutet, ich würde mich von meiner Frau scheiden lassen und sie heiraten.» Er hockte nun auf der Tischkante.
«Offenbar nahm sie das aber an.»
Fine zog die Schultern hoch. «Von mir ist sie nicht dazu ermutigt worden. Ich habe ihr sogar gesagt, ich würde nur immer wieder ein jüdisches Mädchen heiraten. Das war mir ernst. Glauben Sie mir das?»
Der Rabbi überlegte einen Augenblick. «Ja, ich glaube Ihnen.»
«Überrascht Sie das?»
«Nein.»
«Na, mich überrascht es.» Er warf sich wieder auf den Stuhl. «Es ist mir unverständlich, aber es stimmt; ich fühle das. Hier bin ich, modern, aufgeklärt, intellektuell – und, in aller Bescheidenheit, sogar intelligent. Meine Vernunft sagt mir, dass Religion, Gebete, Glaube – all das – nichts als Unsinn sind. Tut mir Leid, Rabbi, aber so empfinde ich. Trotzdem habe ich ein jüdisches Mädchen geheiratet und würde nie eine heiraten, die es nicht wäre. Vermutlich ist es so, weil meine Eltern sich aufregen würden, und dabei habe ich gar keine so enge Bindung an sie. Verrückt, was?»
«So verrückt ist es gar nicht. Ich kenne einen Juden, der sich völlig vom Judentum losgesagt hat, aber keine Butter auf dem heimischen Esstisch duldet, wenn er Fleisch isst. Er behauptet, es bekäme ihm nicht. Wenn er aber in einem Restaurant isst, macht es ihm nichts, Butter und Fleisch zusammen zu essen.»
«Leider sehe ich da die Verbindung nicht. Doch, ich glaube fast, ich sehe sie. Sie meinen, dass in gewissen Dingen der rationalste Mensch irrational handelt.»
«Wie nimmt Ihre Familie es auf, dass Sie hier sind?»
«Sie wissen es nicht. Sie sind auf einer von diesen Drei-Wochen-Reisen nach Israel. Ich hoffe, dass ich alles hinter mir habe, bis sie zurückkommen.»
«Und wenn das nicht gelingt?»
Der junge Mann stützte die Stirn in die Hand.
«Kathy –», bedrängte ihn der Rabbi. «Sie haben Sie an dem Nachmittag getroffen. Der Anruf, auf den Sie warteten, war von ihr?»
«Was soll das alles?», fragte er kriegerisch.
«Es könnte Sie hier herausholen. Es könnte Ihnen ein Alibi geben.»
Fine beugte sich vor und sagte leidenschaftlich: «Wenn sie mit der Geschichte zur Polizei geht – oder wenn Sie das tun –, ich streite alles ab. Ich werde sagen, sie ist eine dumme kleine Gans, die sich in mich verknallt hat und die Phantasie mit sich durchgehen lässt. Außerdem wird niemand ihre Geschichte bezeugen können. Mich hat keiner gesehen, dafür habe ich gesorgt.»
«Aber warum?»
«Weil meine Ehe daran kaputt-, wahrscheinlich zu Ende gehen würde. Verstehen Sie das nicht? Ich liebe meine Frau.»
«Eben haben Sie gesagt, Kathy zu lieben.»
«Und? Monogamie ist eine gesellschaftliche Institution, sie ist kein Naturgesetz. Ich würde nicht mit Kathy ins Bett gehen, wenn ich sie nicht liebte. Aber das heißt nicht, dass ich meine Frau nicht auch liebe. Wenn Sie zehn Jahre jünger und kein Rabbi wären, könnten Sie das vielleicht verstehen.»
«Ich war zehn Jahre jünger und zu der Zeit kein Rabbi», sagte er gutmütig, «und ich habe ein gutes Gedächtnis. Ich möchte Sie verstehen.»
«Na gut», sagte Roger Fine. «Meine Frau und ich führen eine gute Ehe. Im Bett haben wir Spaß miteinander. Jetzt gerade bekommt sie mein Kind, und ich bin froh, dass sie es ist, mit der ich ein Kind haben werde. Aber Kathy – wissen Sie, Edie ist ein nettes, anständiges, bürgerliches jüdisches Mädchen. Das ist eine gute Sorte, aber sie hat ihre Grenzen. Mit Kathy – oh, wir haben uns begehrt, und als wir zusammenkamen, unterwarf sich jeder dem anderen mit seinem Geist, seiner Seele und seinem Körper. Es war gut, und darum kann es nicht falsch sein.»
«Ich begreife das.»
«Ja, wirklich?», fragte Fine. «Begreifen Sie es wirklich?»
«Natürlich. Sie möchten Ihren Kuchen behalten und ihn gleichzeitig auch aufessen.»