7

«Wie war’s?», fragte Miriam, als er am Mittwochvormittag nach Hause kam.

«Nett», sagte er und lächelte dann. «Es hat mir Freude gemacht. Sehr große Freude sogar. Ich hab auf dem ganzen Heimweg darüber nachgedacht, Miriam, und bin zu dem Schluss gekommen, dass es wenig in diesem Leben gibt, das schöner wäre, als einem aufmerksamen Zuhörer Wissen zu übermitteln. Das ist mir schon mal aufgefallen. Damals, als wir den Ärger mit der Heizung hatten. Als der Monteur mir erklärte, wie die Heizung funktioniert und was nicht richtig war, habe ich gesehen, wie viel Freude ihm das machte.»

«Warum denn nicht? Er hat dafür neun Dollar in der Stunde bekommen», stellte sie fest.

Aber der Rabbi ließ sich nicht dämpfen. «Das war es sicher nicht. Es ist ein Gefühl der Überlegenheit. Ist doch klar, dass es einem gut tut, wenn man über ein Thema sprechen kann, über das man mehr weiß als andere. Und wenn dieses Wissen das Leben oder den Lebensstil eines anderen beeinflusst, ist es noch viel befriedigender. Es ist schon was dran, an diesem Ego-Trip, wie es die Studenten nennen.»

«Ich bin nicht so sicher, David, dass sie das als etwas Gutes betrachten. Ich glaube, sie verwenden den Ausdruck eher abfällig.»

«Wirklich? Ach, das zeigt nur, wie wenig sie wissen. Ich vermute, es gehört mit zur angelsächsischen Ethik. Beim Sport, zum Beispiel, bringt man dem Champion bei, seinen Erfolg dem Trainer, den Mannschaftsgefährten oder einfach dem Glück zuzusprechen, nur um keinen Preis der eigenen Überlegenheit. Und das ist so offensichtlich falsch. Niemand glaubt es, aber die Tradition wird beibehalten. Ich kann nur sagen, dass ich meine erste Vorlesung ganz ehrlich genossen habe.»

«Das sehe ich», sagte sie. «Und für deine Bescheidenheit hat sie Wunder getan.»

«Ich habe nur versucht, deine Frage zu beantworten», sagte er steif. Dann sahen sie sich an und lächelten.

Aber Miriam war mit dem Thema noch nicht fertig. «Dabei ist das doch gar nichts Neues für dich. Du hältst jeden Freitag eine Predigt, die ja auch eine Art Vorlesung ist, und dazu noch an allen Feiertagen.»

«Nein», sagte er, «Predigten sind was anderes. Da stellt man moralische Betrachtungen an. Übrigens soll Rabbi Lamden, nach dem, was ich gehört habe, solche moralischen Betrachtungen in seine Vorlesungen eingebaut haben. Außerdem sind die Leute, die meine Predigten anhören, auch die, die mein Gehalt bezahlen; und ich habe immer das Gefühl, sie prüfen mich, um zu sehen, ob sie auch was für ihr Geld bekommen.»

Sie fand das lustig. «Oh, David, wie kommst du denn darauf?»

«Im Übrigen sind sie nicht mehr flexibel. Ihr Denkschema ist eingefroren. Nichts, was ich sage, kann sie beeinflussen. Aber die jungen Leute im College, die sind noch beweglich; sie fürchten sich nicht, ihre Gedanken zu äußern. Meistens sind sie natürlich falsch, aber sie beharren auf ihnen und wollen sie auch verteidigen. Da war heute ein Mädchen, anscheinend eine Vertreterin von Women’s Lib, die versucht hat, mich in die Enge zu treiben –»

«Das hätte ich gern miterlebt!» Miriam lachte.

Auch der Rabbi lachte. «Sie war gar nicht so schlecht.»

 

Er freute sich schon auf seine nächste Vorlesung am Freitag. Die Straße war fast leer, als er vor dem Verwaltungsgebäude anhielt. Einen Augenblick fragte er sich, ob seine Uhr vielleicht nachgehen könne, aber als er dann durch den Flur ging, hörte er Stimmen aus seinem Hörsaal. Als er die Tür öffnete, glaubte er an irgendeinen Irrtum. Nur ein kleines Grüppchen Studenten war da. Dann befiel ihn das beklemmende Gefühl, ihre Reaktion auf seine erste Vorlesung missdeutet zu haben. Er zwang sich zu einem Lächeln. «Unsere Zahl scheint sehr geschrumpft zu sein.»

Einige erwiderten sein Lächeln, und einer lieferte eine Erklärung. «Die meisten schwänzen am Freitag, um einen besseren Start zu haben.»

«Einen besseren Start? Wozu?»

«Fürs Wochenende natürlich.»

«Ja, ich verstehe.» Jetzt wusste er, warum Dean Hanbury sich wegen der Einteilung seiner Vorlesung für den Freitagnachmittag entschuldigt hatte. Aber er war aus dem Takt und wusste nicht weiter. Sollte er mit dem Stoff weitermachen oder nur rekapitulieren, damit die Abwesenden nichts versäumten? Er entschloss sich, die Vorlesung zu halten, aber es ging nicht, wie es sollte. Er kam nicht dagegen an, er war beleidigt – und er war sicher, dass die Studenten das merkten und schadenfroh seinen Ärger registrierten.

Endlich war die Stunde zu Ende, aber sein Zorn hielt während der Heimfahrt an. Glücklicherweise steckte Miriam in den Vorbereitungen für den Sabbat, und so kam es zu keiner Erörterung.

Am nächsten Montag waren alle Hörer wieder da: achtundzwanzig. Am Mittwoch auch, aber am Freitag waren es womöglich noch weniger als eine Woche zuvor: lediglich zehn. Und so setzte es sich fort: viele Hörer montags und mittwochs, freitags nur eine Hand voll.

Als sie nach einem Monat das Pentateuch abgeschlossen hatten, kündigte er eine Arbeit an – für den Freitag. Von seiner Seite aus war das eine Kriegserklärung.

«Müssen wir sämtliche Namen kennen? Soundso zeugte Soundso, meine ich?»

«Nein, aber ich erwarte doch, dass Sie bestimmte genealogische Zusammenhänge kennen. Sicherlich sollten Sie die Namen der Kinder Adams oder Abrahams wissen.»

«Könnten wir die Prüfung nicht am Montag machen?»

«Glauben Sie, dass Sie montags mehr Glück haben?»

«Nein, aber wir hätten dann das Wochenende zur Vorbereitung.»

«Sehen Sie es anders: So haben Sie das Wochenende zur Erholung.»

Am Freitag ging er noch kurz in sein Büro; Professor Hendryx sah beim Anblick der Arbeitshefte überrascht auf. «Lassen Sie gern Arbeiten schreiben, Rabbi?»

«Nein, nicht besonders. Warum?»

«Wer am Freitag eine Arbeit schreiben lässt, muss sie zweimal schreiben lassen.»

«Das verstehe ich nicht.»

«Ganz einfach. Sie müssen nicht nur die erste Arbeit zusammenstellen, hinterher lesen und mit roter Tinte kommentieren und benoten, sondern die Wiederholungsarbeit auch noch. Am Freitag können Sie höchstens mit der Hälfte Ihrer Kursusteilnehmer rechnen.»

«Oh, die werden heute schon da sein», sagte der Rabbi zuversichtlich «Ich habe es ihnen lange genug angekündigt und besonders betont, dass die Arbeit über die ganze Stunde geht und wichtig für die Note ist.»

Aber er kam in die Klasse und fand nur fünfzehn Studenten vor. Er verbrachte die Stunde wandernd, während die Studenten schrieben. Sobald einer fertig war, gab er das Heft ab und verließ eilig den Raum. Lange vor dem Klingelzeichen war der Rabbi allein im Zimmer.

Er sah die Arbeiten während des Wochenendes durch und gab sie am Montag zurück. Die Reaktion kam prompt.

«Sie haben gesagt, wir brauchten nicht zu wissen, wer wen zeugte.»

«Benjamin fällt da wohl kaum drunter. Benjamin spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte von Joseph.»

«Wie viel zählt das bei der Endnote?»

«Das hängt von der Zahl der Arbeiten ab, die ich schreiben lasse.»

«Und sind die immer am Freitag?»

«Das kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich.»

«Heh! Das ist unfair!»

«Wieso?»

«Weil wir – viele von uns – also, ich kann freitags nicht.»

Da war es. Er sagte kühl: «Das verstehe ich leider nicht. Die Vorlesung am Freitag gehört in den regulären Stundenplan. Wenn sie sich mit einer anderen Vorlesung überschneidet, hätten Sie diese nicht belegen dürfen.»

«Es geht nicht ums Überschneiden –»

«Nein?»

«Also, ich fahre an den Wochenenden nach New Jersey nach Hause. Und ich muss früh starten.»

Der Rabbi zuckte mit den Achseln. «Dazu kann ich nichts sagen.»

Er schlug das Buch auf, um anzudeuten, dass er die Diskussion für beendet hielt, aber die Stimmung hatte sich verwandelt. Sogar die Studenten, die die Arbeit mitgeschrieben hatten, waren mürrisch. Seine Vorlesung litt darunter, und zum ersten Mal entließ er sie alle vorzeitig.

Als er in sein Büro zurückkam, lag Hendryx wie üblich lang ausgestreckt in seinem Stuhl und paffte vor sich hin.

«Wie klappt es denn, Rabbi?»

«Ach, ich weiß nicht so recht.» In den paar Wochen, die er am College unterrichtete, hatte er Hendryx höchstens fünf- oder sechsmal gesehen, und dann nur ein paar Minuten lang vor oder nach der Vorlesung. «Ich habe etwa sechsundzwanzig Teilnehmer an meinem Kurs, auf der Belegliste sind es dreißig, aber mehr als achtundzwanzig sind noch nie gekommen.»

«Nicht schlecht», sagte Hendryx, «im Gegenteil, verdammt gut, wenn man bedenkt, dass niemand die Studenten zwingt, daran teilzunehmen.»

«Ach, montags und mittwochs sind auch genug da, aber am Freitag habe ich Glück, wenn ein Dutzend da sind.»

«Um ein Uhr, am Freitag? Ich finde es erstaunlich, dass Sie noch so viele haben.»

«Aber warum?», beharrte der Rabbi. «Ich kann verstehen, dass einer oder zwei einen Ausflug fürs Wochenende planen und gern früh losfahren wollen –»

«Die haben alle Pläne fürs Wochenende, Rabbi. Handelt es sich um ein Mädchen, ist sie zu einem anderen College zum Footballspiel am Samstag eingeladen. Wenn sie Ihre Vorlesung besucht, ist sie erst um zwei fertig und kann kaum vor drei Uhr starten. Sie kommt also, wo sie auch hinfährt, für die Lustbarkeiten am Freitagnachmittag zu spät. Und die jungen Leute von heutzutage können es sich nicht leisten, sich irgendwelchen Spaß entgehen zu lassen. Das ist wie ein Zwang, fast wie eine Religion, könnte man sagen.»

«Sie meinen, dass alle, die fehlen, zum Wochenende verabredet sind?»

«Nein, nicht alle», sagte Hendryx. «Ein paar bleiben auch weg, damit ihre Freunde denken, sie hätten eine Verabredung. Andere wollen ein langes Wochenende haben. Manche – da bin ich allerdings sehr skeptisch – brauchen die Zeit, um für andere Fächer zu lernen. Das soll ja auch die rationale Erklärung für das nicht verbotene Schwänzen sein: Man hält sie für reif genug, sich ihre Zeit selber einzuteilen.»

«Und was soll ich am Freitag tun, wenn weniger als die Hälfte meiner Studenten erscheint?»

«Ja», Hendryx sog tief an der Pfeife, «das ist eine gute Frage. Es gibt nicht sehr viele Vorlesungen am Freitagnachmittag. Joe Browder liest um ein Uhr im Blythe-Haus Geologie. Sonst wüsste ich niemand. Um zwölf Uhr mittags ist das College verlassen; sogar das Café ist zu. Ist Ihnen das noch nie aufgefallen?»

«Aber was soll ich denn machen?», fragte der Rabbi zäh. «Die Vorlesung nicht halten?»

«Genau das habe ich schon erlebt. Sie sagen die Stunde nicht offiziell ab, aber ein ums andere Mal sagen Sie, Sie wären leider verhindert.» Er sah den Rabbi an, ein schwaches Lächeln lag auf seinem Gesicht. «Aber ich glaube, das würde Ihnen nicht liegen, nicht wahr?»

«Nein, ich glaube nicht, dass ich das könnte.»

«Und was haben Sie nun gemacht?»

«Bisher habe ich so getan, als wäre es eine ganz normale Vorlesung. In der vorigen Woche habe ich eine Arbeit schreiben lassen, aber das wissen Sie ja.»

«Ach, danach wollte ich Sie schon fragen. Wie viele sind denn aufgekreuzt?»

«Nur fünfzehn.»

Hendryx lachte vor sich hin. «Soso, nur fünfzehn, ja? Für eine einstündige Arbeit? Haben Sie heute die Hefte zurückgegeben? Sagen Sie, wie haben sie reagiert?»

«Das macht mir ja so zu schaffen», gestand der Rabbi.

«Viele wirkten eingeschnappt, und ein paar waren geradezu entrüstet, als hätte ich mich unfair verhalten.»

Hendryx nickte. «Wissen Sie, warum sie entrüstet wirkten, Rabbi? Weil sie entrüstet waren. Sie waren es, weil Sie unfair waren, zumindest nach ihrem Maßstab. Sehen Sie, Ihre Vorlesung ist traditionsgemäß etwas zum Faulenzen. Darum haben sich so viele bei Ihnen eingetragen. Warum setzen Sie Ihren Ehrgeiz darein, das zu ändern, Rabbi? Warum machen Sie’s nicht wie wir anderen auch und finden sich mit den Dingen ab, wie sie sind?»

«Weil ich ein Rabbi bin», sagte er und fügte dann mit deutlicher Herablassung hinzu: «Und kein Lehrer.»

Hendryx lachte schallend über diese Herausforderung. «Aber Rabbi, ich dachte, gerade das wäre ein Rabbi. Ist das denn nicht die Bedeutung des Wortes – Lehrer?»

«So ist es nicht gemeint. Ein Rabbi ist ein Kundiger des Rechts, das unser Leben bestimmen soll. Seine größte, überlieferte Aufgabe ist zu richten, aber gelegentlich erläutert er auch das Recht zum Nutzen seiner Gemeinde. Die Art Lehrer, an die Sie denken, die die Jungen und Unreifen zum Lernen antreibt, die Lehrer der Kinder – das ist etwas ganz anderes. So einen nennen wir einen melamed, und das Wort hat eine abfällige Bedeutung.»

«Abfällig?»

«Ja, das stimmt. Sehen Sie, da die Juden praktisch seit Jahrhunderten zu hundert Prozent des Lesens und Schreibens kundig waren», der Rabbi sagte es mit Wohlgefallen, «könnte jeder unterrichten. Aber bei etwas, das jeder andere auch kann, ist das gesellschaftliche Ansehen oder der finanzielle Nutzen nicht sehr groß. Daher war der melamed üblicherweise jemand, der bei allem versagt hatte und endlich auf das Unterrichten der kleinen Kinder zurückgreifen musste, um existieren zu können.»

«Und Sie meinen, wenn Sie es Ihren Studenten leicht machen, werden Sie zu einem melamed?», fragte Hendryx nun plötzlich viel interessierter. «Ist es das?»

«Oh, ich denke viel weniger an meine Stellung als an ihre Haltung. Wir Juden erwarten, dass ein Kind spielerisch ans Lernen herangebracht wird. Darum geben wir einem, das in die Schule kommt, Kuchen und Honig, damit es das Lernen mit etwas Süßem, Wünschenswertem in Verbindung bringt. Aber ich finde nicht, dass ich dieses Verfahren bei Erwachsenen fortsetzen sollte. Natürlich wollen nicht alle Erwachsenen Gelehrte werden, aber die, die das wollen und aufs College gehen, sollten sich wie Erwachsene auf den Unterricht einstellen. Ich muss sie doch nicht locken und verführen, damit sie lernen.»

«Das müssen Sie nicht», sagte Hendryx. «Und wir anderen tun das auch nicht. Wir unterrichten. Die, die kommen wollen, kommen, und die, die nicht wollen, bleiben fort.»

«Und die, die fortbleiben, schaffen ihre Examen?»

«Ja, natürlich –»

«Aber das ist dann Betrug!»

«Jetzt kann ich Ihnen leider nicht folgen, Rabbi.»

«Lassen Sie es mich so erklären», sagte David Small, der nach einem Vergleich suchte. «Nach der Tradition wird man ein Rabbi, indem man sich bei einem Rabbi zur Prüfung meldet. Wenn man bei ihm das Examen besteht, gibt er einem ein smicha, ein Siegel der Ordination, der Einsetzung. Natürlich sind einige Rabbiner strenger und genauer bei ihren Prüfungen als andere, weil sie selber tiefschürfender denken und mehr wissen. Aber ich glaube doch, dass sie alle ehrlich in ihrer Entscheidung sind, denn dadurch, dass sie den Kandidaten zum Rabbi machen, erklären sie ihn für fähig, überall in der jüdischen Welt Recht zu sprechen.

Nun hat aber auch der am College erworbene Grad überall auf der Welt Geltung und Bedeutung; und die Macht, ihn zu erteilen, ist dem College vom Staat übertragen worden. Das System des College verlangt, dass der Kandidat Punkte für sein Abschlussexamen sammelt, indem er an den Kursen mehrerer Lehrer teilnimmt und sie zu ihrer Zufriedenheit abschließt. Ich werde dafür bezahlt, dass ich einen kleinen Teil des Gesamtwissens weitergebe. Wenn ich also meine Arbeit nicht gründlich verrichte, handle ich unehrlich. Ich betrüge.»

«Wen betrügen Sie?»

«Jeden, der annimmt, der Grad sei eine Garantie dafür, dass eine gewisse Menge an Wissen erfolgreich erworben worden ist.»

«Heißt das, dass Sie Studenten durchfallen lassen wollen, die die Vorlesung am Freitag schwänzen?»

«Die, die keine Arbeiten mitschreiben oder sie verhauen.»

«Sehr interessant. Sehr interessant», sagte Hendryx. «In Kürze sollen wir dem Büro des Dean die Namen aller Studenten angeben, die bis zur Mitte des Semesters den Ansprüchen nicht genügen. Haben Sie vor, eine derartige Liste einzureichen?»

«Wenn das der Brauch ist, werde ich es selbstverständlich tun. Sie etwa nicht?»

«Na ja, in den letzten Jahren hab ich es langsam angehen lassen. Um genau zu sein: Im letzten Jahr habe ich keinen einzigen meiner Studenten durchfallen lassen. Aber ich nehme an, dass Sie das vorhaben.»

«Wenn sie die Prüfungen nicht bestehen, muss ich doch ‹nicht bestanden› als Urteil angeben.»

«Na, da kann ich nur prophezeien, dass Sie ein sehr interessantes Jahr vor sich haben werden, Rabbi.»

8

Das College-Bulletin erschien Ende Oktober, anschließend an das halbjährliche Treffen der Kuratoriumsmitglieder des Windemere Christian College. Es wurde nicht nur auf seinen Inhalt gelesen, sondern auch auf das, was verschwiegen war. Während es so verkündete, dass Associate Professor Clyde zum Professor ernannt worden war, fand das niemand bedeutsam; alle wussten, dass Präsident Macomber ihn zur Beförderung empfohlen hatte und das Kuratorium immer den Vorschlägen des Präsidenten folgte.

Andererseits fiel es allgemein auf, dass nichts von der Bestallung eines festen Leiters für die englische Abteilung erwähnt war. Das deutete klar an, dass Professor Hendryx, der jetzige kommissarische Leiter, nur auf Zeit eingesetzt war, bis die Verwaltung einen geeigneteren Mann gefunden hatte.

Dies wurde von einer beträchtlichen Zahl älterer Mitglieder der Abteilung und fast allen Jungen mit einer gewissen Schadenfreude notiert – dies aber in krassem Gegensatz zu ihrer Reaktion auf eine weitere Auslassung im Bulletin – nämlich die Vertragsverlängerung von Assistant Professor Roger Fine. Fine war bei fast allen Lehrern und Professoren sehr beliebt, und sogar die, die ihn nicht besonders schätzten, nahmen Anstoß, da es sich, nach Ansicht aller, nur um eine politische Entscheidung handeln konnte.

Albert Herzog, ein junger Instructor der Anthropologie, der in der Lehrergewerkschaft tätig war, ging zu Fine. «Du, Rog, was höre ich da? Man will dich nach Ende des Semesters absetzen?»

«Ich werde nicht abgesetzt. Mein Vertrag läuft einfach ab.»

«Na und? Der Posten ist doch frei. Sie müssen jemand an deiner Stelle einstellen. Dann können sie dich doch auch dabehalten?»

«Das müssen sie aber nicht», sagte Fine. «Ich bin im vorigen Februar mit einem Einjahresvertrag oder für zwei Semester eingestellt worden. Ich hab während des Sommerkurses auch unterrichtet, das macht also drei Semester. Es ist also völlig legal und in Ordnung.»

«Ja, aber ein normaler Vertrag wird im Allgemeinen von Jahr zu Jahr verlängert. Macomber hat doch nichts gegen dich, oder?»

«Aber nein», sagte Fine rasch.

«Dann kann es nur eine Bedeutung haben – sie schmeißen dich raus, weil du dich politisch betätigt hast. Und wenn das so ist, dann hat die Gewerkschaft da auch noch ein Wort mitzureden. Wir werden eine Anhörung fordern.»

«Al, komm von den Barrikaden runter», sagte Fine. «Der Gewerkschaftsvertrag mit dem College gibt dem Präsidenten eigens das Recht, einen Mann ohne Anhörung zu entlassen, wenn er nicht einen langjährigen Vertrag hat.»

«Aber nur, wenn es nicht um politische Gründe geht!», sagte Herzog und fuchtelte zur Unterstützung seines Arguments mit einem knochigen Finger. «Er kann dich rauswerfen, wenn ihm deine Nase nicht passt, aber er kann dich nicht wegen deines Artikels in The Windrift raussetzen oder weil du die Schwarzen unterstützt hast. Das ist ein politischer Grund, und der ist durch den Vertrag ausgeschlossen. Nein, der Fall liegt klar, und darum werden wir uns um die Sache kümmern.»

«Bitte, Al, tu mir einen Gefallen, und kümmer dich um deine Angelegenheiten. Ich will keinen Krieg mit der Verwaltung anfangen.» Fine legte ihm die Hand auf die Schulter.

Herzog schüttelte sie ab. «Ich versteh dich nicht. Wenn ich einem Vertreter des Lehrkörpers zugetraut hätte, er würde für sein Recht kämpfen, dann wärst du das gewesen. Das ist doch der ewige Ärger mit den Lehrern: Sie glauben, sie erreichen mehr, wenn sie Kotau machen und die Verwaltung auf sich herumtrampeln lassen. Aber du solltest dir klar sein, dass die Gewerkschaft, wenn immer sie einen Kampf anfängt, ihn auch gewinnt. Ich werde veranlassen, dass eine Sitzung –»

«Nein!»

«Hör doch, Fine, es geht nicht nur um dich. Wenn die Verwaltung einen voll qualifizierten Mann wie dich rauswerfen und einen anderen anheuern kann, was wird denn dann aus der Beförderung nach dem Dienstalter?»

«Ich pfeife auf die Beförderung nach dem Dienstalter. Ich bitte dich um einen persönlichen Gefallen, Al. Ich will jetzt einfach nicht in einen Krieg verwickelt werden.» Er senkte die Stimme. «Weißt du, Edie bekommt ein Kind. Ich will nicht, dass sie sich aufregt.»

«Na, das ist ja fabelhaft. Herzliche Glückwünsche!», rief Herzog. «In Ordnung, Rog, der Groschen ist gefallen. Ich werd’s mit den anderen besprechen und ihnen mitteilen, was du gesagt hast. Wir machen dann schon das Richtige.»

Am nächsten Tag aber stand ein neuer Tisch in der Rotunde. Er trug ein großes Plakat mit dem Bild eines übergroßen Baseballschlägers. UNTERSCHREIBT FÜR FINE! ER HAT FÜR EUCH GESCHLAGEN – JETZT SCHLAGT FÜR IHN!

Hinter dem Tisch saß Nicholas Ekkedaminopoulos und forderte alle auf, die Eingabe zu unterschreiben. Alle, die ihn näher kannten, sogar seine Lehrer, nannten ihn Ekko. Er war älter als die meisten seiner Kommilitonen und hatte in der Army gedient. Von den anderen Studenten hob er sich ab, weil er glatt rasiert war – er war nicht nur bartlos, sondern hatte den ganzen Kopf kahl geschoren. Er erklärte es so: «Mein Alter ist kahl, mein Onkel ist kahl. Und jetzt werde ich kahl. Bei uns ist das erblich. Mein Alter kämmt sich die paar Haare, die er noch an den Seiten hat, quer über den Kopf und pappt sie fest. Mein Onkel ist ein fescher Mann mit einer hübschen Frau; er gibt ein Vermögen für Kuren und Öle und Cremes aus – und ist trotzdem kahl. Also sage ich mir: warum dagegen ankämpfen? Ergo hab ich alles abrasiert.»

Roger Fine kannte ihn gut; sie waren gleich alt und hatten beide in Vietnam gekämpft. Sie waren Freunde geworden. Sie befassten sich gemeinsam mit der Anwerbung schwarzer Studenten, und Fine hatte ihn im Sommer nach Barnard’s Crossing eingeladen.

Als er jetzt in die Rotunde kam, sah er das Schild und rannte wütend zu dem Tisch. «Verdammt, was ist denn hier los, Ekko? Wer hat das veranlasst?»

«Mann, Rog, das ist offiziell von den Studenten-Aktivisten beschlossen worden.»

«Komm mir nicht mit diesem offiziellen Mist, Ekko. Du weißt verdammt gut, dass die Studenten-Aktivisten nur aus dem halben Dutzend Leuten bestehen, das im Studenten-Ausschuss ist. Ich möchte wissen, wer dich dazu angestiftet hat. Al Herzog?»

«Der Klugscheißer? Nie!» Ekko senkte die Stimme. «Es herrschen schlechte Zeiten, Rog. Vor drei Jahren, als ich noch Freshman war, konntest du für alles, was dir nur in den Kopf kam, eine Liste auslegen, und du hättest noch vor Ende der Lunchpause fünfhundert Unterschriften gehabt. Die haben nicht mal gelesen, was sie unterschrieben haben. Und heute sitzen wir hier seit dem Morgen und wollen Unterstützung für unser Programm und können von Glück sagen, wenn wir fünfzig Unterschriften kriegen. Sie haben alle Gründe, sich zu drücken. Gemischte Wohnheime? Die Mädchen sagen, sie könnten das nicht unterschreiben, weil das wie ein Eingeständnis aussehe, dass sie mit jedem ins Bett gingen. Sogar, wenn es um freiwillige Prüfungen geht. Da glaubst du, jeder müsse dafür sein; aber nein, sie sagen, wenn sie Examen machen müssen, warum nicht die anderen auch? Dann kommt die Verwaltung und setzt dich vor die Tür. Da haben wir uns gedacht: Jetzt haben wir unsere große Chance. Du hast viele Freunde in der Schule, und wir bekommen viele Unterschriften, dachten wir – ja, warum denn nicht – sollen sie doch gleich die Aktivisten-Resolution unterschreiben. Und es hat funktioniert!» Er sagte es triumphierend. «Ich sitze hier erst zwei Stunden und habe schon dreißig Unterschriften für deine Eingabe. Und sechs haben auch gleich für die Resolution unterschrieben.»

Fine schüttelte verzweifelt den Kopf. «Auf den Gedanken, mich zu fragen, ehe du diese Eingabe gestartet hast, bist du nicht gekommen? Und dass es mir nicht in den Kram passt, kannst du dir auch nicht denken?»

«Oje, Roger, wir dachten, du würdest dich freuen. Und wenn wir’s nicht gemacht hätten, hätte es der SDS gemacht. Vielleicht sogar die Spinner von Weathervane. Es muss dir doch lieber sein, wenn wir das machen, was?»

«Ich will es aber nicht, Ekko. Ich will, dass damit Schluss ist.»

«Okay, wenn du’s unbedingt willst. Aber einen Moment noch –» Er hielt einen Studenten fest, der mit einem Mädchen vorüberging. «He, Bongo! Komm und unterschreib die Eingabe für Professor Fine.»

Roger Fine stürzte davon.

9

«Was hast du gegen John Hendryx, Dad?», fragte Betty Macomber. Es war der freie Abend von Mrs. Childs, und Betty räumte den Tisch ab, während er die Abendzeitung überflog.

«Hendryx? Ach, der Neue aus der englischen Abteilung?»

«Neu! Er ist seit zweieinhalb Jahren hier.»

«Wirklich. Da sieht man wieder, wie die Zeit vergeht. Aber warum? Ich hab nichts gegen ihn.»

«Warum ist er dann nicht Leiter der Abteilung geworden? Warum ist er nur kommissarischer Leiter?»

Präsident Macomber legte die Zeitung aus der Hand und sah zu seiner Tochter auf. Sie war groß und blond. «Meine Wikingerprinzessin», hatte er sie manchmal als kleines Mädchen genannt. Obwohl ihr Gesicht Spuren der Reife zeigte, war es faltenlos und immer noch schön. «Das ist Vorschrift», begann er, «der Leiter einer Abteilung muss ein gewisses Dienstalter haben, mindestens aber drei Jahre an der Abteilung gewesen sein. Hendryx ist noch nicht so lange bei uns. Er kann daher nur kommissarischer Leiter sein.»

«Aber früher sind die Leute auch Leiter der Abteilung geworden, ohne sich den Posten ersessen zu haben», beharrte sie. «Du hast mir selbst erzählt, dass Professor Malkowitz mit dem Tag seines Dienstantritts Leiter der mathematischen Abteilung geworden ist.»

«Malkowitz war ein Sonderfall. Er wäre sonst nie nach Windemere gekommen, und wir wollten ihn unbedingt haben. Die Kuratoren haben abgestimmt und ihm eine Garantie gegeben.»

Sie stellte die Brotschale und die Salatschüssel ab und setzte sich vor ihn auf das Fußkissen. «Und warum kannst du das bei Professor Hendryx nicht auch so machen?»

Er lehnte sich im Sessel zurück und lächelte. «Professor Malkowitz ist weithin bekannt. Er ist ein bedeutender Wissenschaftler.»

«Und an den Fähigkeiten von Professor Hendryx zweifelst du?»

An dem kriegerischen Tonfall ihrer Stimme war nicht zu zweifeln. Er wollte durch eine oberflächliche Antwort ausweichen. «Etwas spricht auf jeden Fall für ihn: Er weiß, wie man weibliche Hilfskräfte anwirbt. Monatelang hat mich Millicent Hanbury seinetwegen unter Druck gesetzt, und jetzt kommst du. Bei ihr kann ich es verstehen. Sie sind alte Freunde oder kommen wenigstens aus derselben Stadt. Aber du! Ich wusste nicht mal, dass du ihn kennst.»

«Ich hab ihn am Tag meiner Rückkehr kennen gelernt. Er war bei den Sorensons eingeladen.»

«Ach?»

«Und seither habe ich ihn ziemlich oft gesehen», fügte sie beiläufig hinzu.

Aber er fiel nicht darauf herein. «Hat er sich über die Behandlung hier beklagt?»

«Nein, das nicht», sagte sie. «Aber als ich von ihm als dem Leiter der englischen Abteilung gesprochen habe, hat er mich sofort korrigiert und erklärt, er wäre nur kommissarischer Leiter.» Sie hielt inne. «Wenn du etwas weißt, was gegen ihn spricht, Vater, würde ich es gern hören.»

Als ihm klar wurde, dass ihr Interesse nichts mit unpersönlicher Teilnahme an Collegedingen zu tun hatte, wurde er vorsichtig. «Er hat gute Examen. Ich glaube, er war in Harvard. Meines Wissens hat er auch einiges veröffentlicht. Aber wenn man mal ein so alter Hase ist wie ich, dann entwickelt man bei der Anstellung von Lehrkräften Instinkte. In den letzten zehn Jahren, ehe er zu uns gekommen ist, war er an drei verschiedenen Colleges. Und warum sollte er überhaupt zu uns kommen? Wir sind ein kleines und nicht sehr bekanntes College. Mit seinen Fähigkeiten müsste er leicht eine Stellung an einem berühmten College gefunden haben.»

«Dein großartiger Malkowitz ist auch gekommen.»

«Ja, hinter dem sind wir hergerannt und haben verlockende Angebote gemacht. Professor Hendryx hat sich mitten im Jahr bei uns beworben.»

«Vielleicht zieht er kleine Colleges vor. Das tun viele Männer.»

Er nickte. «Aber seine letzte Stellung war an einem kleinen College – Jeremiah Logan College in Tennessee, soweit ich weiß. Warum ist er nicht dort geblieben?»

«Vermutlich, weil es in Tennessee war. Jeder Neu-Engländer muss sich in einer kleinen Südstaaten-Stadt wie ein Fisch auf dem Trockenen vorkommen.»

«Das ist richtig», gab er zu, «und das hatte ich auch geglaubt, bis ich zufällig den Direktor von Jeremiah Logan beim Kongress der College-Präsidenten im vorigen Jahr kennen gelernt habe. Ich habe Hendryx erwähnt. Du weißt ja, heutzutage muss ein Verwaltungsmann, wie praktisch jeder Arbeitgeber, sehr vorsichtig sein mit dem, was er über einen früheren Angestellten sagt. Man setzt sich einer Klage aus, wenn man etwas erzählt, was man zwar haargenau weiß, aber nicht beweisen kann. Nun, dieser Mann von Jeremiah Logan war noch vorsichtiger als die meisten, aber immerhin habe ich seinen Worten entnommen, dass Hendryx an seinem College Ärger gehabt hat – es ging um eine seiner Studentinnen.»

«Das weiß ich alles», sagte sie gelassen. «Es war ein billiges kleines Flittchen; sie wurde bei Sigma Chi, aber auch bei allen anderen Studentenverbindungen, von einem zum anderen weitergereicht.»

«Das hat er dir alles erzählt? Warum?»

«Weil wir uns füreinander interessieren.» Sie stand auf.

«Betty, der Mann sagte, er wäre sexbesessen –»

«Das wäre nach Malcolm eine angenehme Abwechslung.»

«Betty!»

«Dad, am besten sage ich es dir gleich. John und ich wollen heiraten.» Er starrte sie an.

«Mach kein so entsetztes Gesicht. Und du wirst es mir nicht ausreden, nur weil ein Mann von vierzig nicht wie ein Einsiedler gelebt hat. Wie wär’s, wenn du mir jetzt mal Glück wünschtest?»

«Aber mit einer Schülerin!»

«Groß genug, alt genug. Du nimmst doch wohl nicht an, dass deine Studentinnen hier in Windemere alles Jungfrauen sind?»

«Nein, natürlich nicht», sagte er. «Aber ich kann trotzdem nicht gutheißen, dass Professoren – äh – Beziehungen haben, vielmehr ihre Stellung ausnutzen, um – äh – um Studentinnen zu verführen.» Er nahm einen neuen Anlauf. «Betty, ich bin in diesen Dingen so modern eingestellt, wie es einem Mann meiner Generation möglich ist. Aber für ein Mitglied des Lehrkörpers geht das nicht. Ich meine jetzt auch vom Standpunkt der Fairness aus, weil er eben seine Stellung ausnutzen kann. Denk doch wenigstens daran, was für ein Licht das auf seinen Charakter wirft.»

«Fairness, Charakter!» Sie lachte schroff. «Dad, darf ich dich über die Geheimnisse des Lebens in den siebziger Jahren aufklären. Sex geht die Frauen an; das ist ihre Spezialität und das Gebiet, auf das sie sich konzentrieren. Wenn es in Windemere Beziehungen zwischen Lehrern und Schülerinnen gibt – ich bin sicher, dass es sie gibt –, dann glaub mir, dass das Mädchen die Sache in Gang gebracht hat und in der Hand hat. Und normalerweise wird sie es auch sein, die sie beendet, wenn sie einen anderen gefunden hat oder meint, es sei nun genug. Um auf Johns Affäre in Logan zurückzukommen oder auf andere, die er an den anderen Colleges gehabt haben mag, an denen er auch unterrichtet hat: Er wird schon glauben, er sei der Initiator gewesen, aber du kannst wetten, dass es in jedem Fall von dem Mädchen ausgegangen ist.»

«Betty, hast du eine Affäre mit ihm?»

«Ach, Dad, du bist süß. Nein, das habe ich nicht, aber nur, weil es sich nicht dahin entwickelt hat – noch nicht, auf jeden Fall. Habe ich dich jetzt schockiert?» Sie sah ihn erheitert an.

«Liebst du diesen Mann, Betty?»

«Ich bin kein bis über beide Ohren verliebtes kleines Mädchen, wenn du das meinst. Ich finde ihn anziehend. Er sieht gut aus und ist gescheit.»

«Aber du kennst ihn doch kaum. Du weißt nichts von ihm.»

«Ja, aber ich bin mit Malcolm aufgewachsen, und was ist daraus geworden? Ich kenne John jetzt seit fast zwei Monaten. Das ist lang genug.»

«Aber nur, weil du einmal einen Fehler gemacht hast –»

«Ich bin fünfunddreißig, und John ist vierzig. Wir stammen aus ähnlichen Verhältnissen. Er kommt aus einer alten Neu-England-Familie und hat keinen Anhang. Er ist der beste Mann, der hier zu haben ist. Wenn ich länger warte, werde ich am Ende einen Witwer mit Kindern nehmen müssen, der eine Haushälterin sucht, die umsonst für ihn arbeitet. Falls ich Glück habe. Und was die Verhältnisse mit seinen dummen kleinen Studentinnen anbelangt: ich meine, ich würde viel mehr Anlass zur Besorgnis haben, wenn er sie nicht gehabt hätte. Was soll ein Junggeselle und Professor in einer kleinen College-Stadt denn sonst tun? Wäre es dir lieber, wenn er seine Zeit mit den Frauen seiner Kollegen verbrächte?»

«Die meisten Männer heiraten.»

«Dann wäre er für mich nicht erreichbar. Ach, Dad, ich werde ihn heiraten. Im Augenblick halten wir es noch geheim, weil er die fixe Idee hat, die Leute könnten es nicht verstehen, aber du kannst dich schon mal darauf einstellen. Mach dir doch keine Sorgen, Dad», sie umarmte ihn impulsiv, «ich weiß, dass er dir gefallen wird, wenn du ihn erst besser kennst.»

«Kennt Billy ihn denn schon?»

«Wir wollen ihn am Samstag zusammen besuchen. Ich bin sicher, dass er und Billy sich gut vertragen.»

«Und was für Pläne habt ihr für die Zukunft?»

«Das hängt von dir ab. John würde gern hier bleiben, aber er betrachtet seine augenblickliche Stellung als kommissarischer Leiter als herabsetzend. Als er im letzten Bulletin nicht erwähnt wurde, wollte er kündigen, aber ich habe ihm zugeredet, noch zu warten. Wenn er sich entschließt zu gehen, könnten wir eine Zeit lang mit dem Geld auskommen, das Mutter mir hinterlassen hat, bis er eine neue Stellung findet. Ich habe das vorgeschlagen, aber er ist zu stolz, darauf einzugehen. Aber wenn er einen langfristigen Vertrag bekommt und als Leiter der Abteilung eingesetzt wird, könnten wir sofort heiraten und würden dann in Zukunft hier leben.»

«Aber das geht nur durch die Wahl der Kuratoren.»

«Haben die schon jemals einen deiner Vorschläge abgelehnt?»

«Nein.»

«Bitte, Dad!»

Sie sah ihn flehend wie ein Kind an. Und was wusste er schon, was gegen Hendryx sprach? Dennoch ging es ihm gegen den Strich, den Einfluss seiner Stellung für rein familiäre Zwecke geltend zu machen. Andererseits war es ja nicht Betty allein. Dean Hanbury hatte ihn auch schon gedrängt, die Beförderung anzuregen; es würde also der Abteilung und dem College zugute kommen. «Na schön», sagte er zögernd, «ich spreche mal mit Dean Hanbury.»

Sie wusste, dass sie gewonnen hatte. «Oh, danke, Dad.» Sie küsste ihn wiederum. «Wann gehst du zu ihr?»

Er blätterte in seinem Taschenkalender. «Warte mal. Morgen ist Freitag. Da habe ich vormittags nichts Festes vor.» Er machte sich eine Notiz. «Freitag, der 13. Bist du abergläubisch?» Er lächelte sie an. «Ich gehe morgen Vormittag zu ihr.»

Sie warf ihm eine Kusshand zu und rannte die Treppe hinauf. «Ich muss mich umziehen.»

«Ich dachte, du bliebst heute Abend hier …»

«Aber ich muss doch John die Freudenbotschaft überbringen.»