11

Rabbi Small sah den Freitags-Vorlesungen mit wenig Vorfreude entgegen, obwohl er jedes Mal hoffte, diesmal das volle Kontingent vorzufinden. Und jedes Mal war er dann wieder enttäuscht.

Er wusste zwar, dass er unvernünftig reagierte, konnte sich aber eines gewissen Ressentiments nicht erwehren. Am Freitag, dem 13., war es auch nicht anders: Ein Dutzend Studenten war da, und er war ärgerlich. Er schloss die Tür hinter sich und stieg ohne ein Wort der Begrüßung auf das Podest.

Er nickte flüchtig, kehrte ihnen den Rücken zu, um die Aufgabe an die Tafel zu schreiben, drehte sich wieder um – und glaubte seinen Augen nicht zu trauen: die Hälfte der Anwesenden war fort. Dann stellte er fest, dass sie nicht hinausgegangen waren, sondern in den Gängen zwischen den Tischen auf dem Fußboden saßen.

Er war zu keinen Scherzen aufgelegt; das war er freitags nie. «Ich darf doch sehr bitten!», rief er.

Sie reagierten nicht. Die, die noch auf den Stühlen saßen, senkten den Blick auf die aufgeschlagenen Hefte; keiner wollte ihm in die Augen sehen.

«Bitte, setzen Sie sich auf die Stühle.»

Sie rührten sich nicht.

«Ich kann nicht unterrichten, wenn Sie auf der Erde sitzen.»

«Warum nicht?» Harry Luftig fragte das vom Fußboden aus – nicht frech, nein, durchaus höflich.

Einen Augenblick wusste der Rabbi nicht, was er sagen sollte. Dann kam ihm eine Idee. «Auf dem Fußboden zu sitzen ist bei uns Juden ein Zeichen der Trauer. Die Frommen sitzen während der siebentägigen Trauerzeit auf dem Fußboden. Wir tun das auch am 9. Aw, dem Tag der Zerstörung des Tempels. In der Synagoge sitzen wir auf niedrigen Hockern und rezitieren aus dem Buch Jeremia. Jetzt aber ist Freitagnachmittag, und der Sabbat beginnt bald. Trauern ist am Sabbat ausdrücklich verboten.»

Natürlich dauerte es noch Stunden bis zum Sabbat, aber er spähte durch die dicken Brillengläser auf sie hinunter, um festzustellen, ob sie seine Erklärung als gesichtwahrenden Ausweg aus ihrem albernen Scherz akzeptieren würden. Er glaubte, einer wäre gerade im Begriff aufzustehen, aber er veränderte nur seine Stellung.

Plötzlich war er wütend – und verletzt. Das waren keine Kinder mehr. Warum sollte er sich mit dem abfinden müssen? Ohne ein weiteres Wort nahm er seine Bücher auf und ging hinaus.

 

Er marschierte energisch durch den Flur, seine Schritte widerhallten hohl im stillen Haus. Mit finsterem Gesicht stand er vor seinem Büro, schloss auf und ging hinein.

Er war überrascht, nicht sehr freudig, Professor Hendryx im Drehstuhl liegend und telefonierend vorzufinden.

Er winkte dem Rabbi mit der freien Hand zu, beendete das Gespräch, richtete sich zum Sitzen auf und legte den Hörer auf die Gabel.

Er warf einen Blick auf die Uhr. «Viertel nach eins. Haben Sie jetzt keinen Unterricht?»

Der Rabbi zog den Besucherstuhl vor und setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. «Ja, das hatte ich. Ich bin einfach rausgegangen.»

Hendryx grinste. «Was ist passiert? Haben sie versucht, Sie aufs Kreuz zulegen?»

«Ich weiß nicht, was sie versucht haben», sagte der Rabbi entrüstet, «aber was es auch war, ich fand ihr Benehmen einer Vorlesung nicht angemessen.»

«Was haben sie denn gemacht?»

Der Rabbi erzählte es ihm und sagte abschließend: «Nachdem ich mir durch die religiöse Deutung schon eine Blöße gegeben hatte, blieb mir keine Wahl.»

«Aber sie haben Ihnen das nicht abgekauft?»

«Leider nein. Keiner ist vom Fußboden aufgestanden.»

«Und dann sind Sie rausgegangen.»

Der Rabbi nickte. «Ich wusste nicht, was ich sonst hätte machen sollen.»

«Sie waren gestern nicht hier, Rabbi?», fragte Hendryx, scheinbar vom Thema abweichend.

«Nein. Ich komme nur zu meinem Kurs. Was war gestern?»

Professor Hendryx holte die Pfeife heraus und stopfte sie aus der Tabakdose auf dem Tisch. «Eigentlich hat es schon am Mittwoch begonnen.» Er rieb ein großes Streichholz an der Unterseite der Schreibtischplatte an und hielt es über die Pfeife, an der er sanft zog. Dann fuhr er fort: «Am Mittwoch berichteten die Zeitungen über einen Besuch des Bürgerausschusses für Strafrechtsreform im Norfolk-Jugenderziehungsheim für Jungen. Sie fanden die üblichen, beklagenswerten Bedingungen vor: Überbelegung, zerbrochene Fensterscheiben, Toiletten mit kaputter Spülung, Schaben in der Küche. Der Leiter der Anstalt gab die üblichen Entschuldigungen ab: zu wenig Geld, zu wenig ausgebildetes Personal, keine einheitliche Führung. Etwas allerdings war neu seit ihrem letzten Besuch. Im Aufenthaltsraum gab es keine Stühle, und die Insassen mussten auf dem Fußboden sitzen. Der Anstaltsleiter erklärte, er habe die Stühle hinausbringen lassen, weil sie in der Woche davor bei einer Revolte als Waffen verwendet worden seien. Die meisten Mitglieder des Ausschusses kauften ihm das nicht ab. Sie wiesen darauf hin, dass kein Teppich auf dem Fußboden liege, dass es kalt und zugig und die Gesundheit der kleinen Schurken in Gefahr sei, na und so weiter. Haben Sie das denn nicht gelesen?»

«Ja, aber was hat das mit meinen Studenten zu tun?»

«Darauf komme ich gleich.» Er paffte vor sich hin. «Präsident Macomber ist Mitglied dieses Ausschusses, und er war einer der wenigen, die nicht nur nicht protestierten, sondern den Anstaltsleiter auch noch unterstützten. Folglich beschlossen unsere Studenten am nächsten Tag – das war gestern –, bis zum Ende der Woche in allen Vorlesungen aus Protest gegen ihren Präsidenten auf dem Fußboden zu sitzen.»

«Haben sie das bei Ihnen auch gemacht? Was haben Sie unternommen?»

«Ach, ich habe es gar nicht beachtet. Ich habe mit der Vorlesung fortgefahren. Einige von den Lehrern haben sarkastische Bemerkungen gemacht, aber natürlich ohne Erfolg.» Hendryx lachte. «Ted Singer – der Soziologe, wissen Sie – hat gesagt, da es sowieso auf der Welt drunter und drüber ginge, sollten sie sich anpassen und sich gleich auf den Kopf stellen. Eines der Mädchen hat ihn beim Wort genommen und sich bis zum Ende der Stunde, zehn Minuten lang, sagt er, auf den Kopf gestellt. Vermutlich betreibt sie Yoga.» Er zeigte beim Lächeln ebenmäßige weiße Zähne. «Der Rock ist ihr natürlich heruntergerutscht, aber laut Singer trug sie leider eine von diesen Strumpfhosen, sodass nichts zu sehen war.»

Der Rabbi hatte den Verdacht, dass die Geschichte aufgebauscht sei, um ihn in Verlegenheit zu bringen. Vermutlich weil er ein Rabbi war, machte sein Kollege absichtlich anzügliche Bemerkungen und wartete dann auf seine Reaktion. «Sind Sie sicher, dass es nur für diese Woche geplant ist?»

«Soviel ich weiß, ja. Warum?»

«Weil ich einschreiten werde, wenn es länger dauert.»

Hendryx sah ihn erstaunt an. «Warum das? Warum macht es Ihnen was aus?»

«Es macht mir was aus.» Er warf einen Blick auf die Uhr. «Ich gehe am besten gleich zu Dean Hanbury.»

Hendryx starrte. «Und wozu das?»

«Na ja, ich habe schließlich den Vorlesungsraum verlassen.»

«Rabbi, lassen Sie mich Ihnen die Geheimnisse des akademischen Lebens erklären. Dem Dean ist es absolut schnurz, wenn Sie gelegentlich aus einer Vorlesung davonlaufen oder etwa gar nicht erst kommen. Was Sie während Ihrer Stunden tun, geht nur Sie was an. Im vorigen Jahr hat Professor Tremayne mitten im Februar eine dreiwöchige Lektüreperiode anberaumt und ist nach Florida gefahren. Nun ist Tremayne allerdings die Art von Pädagoge, die den Studenten durch ihre Abwesenheit mehr Gutes antut als durch ihre Gegenwart.»

«Trotzdem meine ich, ich sollte es ihr mitteilen. Im Übrigen muss ich auch die für Mitte des Semesters fällige Meldung der Studenten mit ungenügenden Leistungen machen.»

Hendryx pfiff durch die Zähne. «Wollen Sie das wirklich, nach allem, was ich Ihnen gesagt habe?»

«Ich habe in der letzten Woche eine Mitteilung bekommen, die Listen müssten bis zum kommenden Montag eingereicht werden.»

«Rabbi, Rabbi», sagte Hendryx, «wann batten Sie zum letzten Mal mit einem College zu tun?»

«Ich habe Hillel-Gruppen unterrichtet.»

«Nein, ich meine eine richtige Beziehung zu einem College.»

«Nicht seit meiner Studentenzeit vor fünfzehn, sechzehn Jahren. Warum?»

«Weil sich in den letzten sechzehn Jahren – was sage ich, in den letzten sechs – alles verändert hat. Wo sind Sie gewesen? Lesen Sie denn keine Zeitungen?»

«Aber die Studenten –»

«Studenten!», knurrte Hendryx verächtlich. «Ja, glauben Sie denn, dass sich ein College um die Studenten kümmert? Die Hauptaufgabe eines College ist heutzutage, dafür zu sorgen, dass der Lehrkörper, eine Gesellschaft von als gelehrt betrachteten Männern, in angemessenem Wohlstand und Sicherheit leben kann. Es ist der Beitrag der Gesellschaft, solche ehrenwerten Vorhaben wie Forschung und Steigerung des Wissens zu unterstützen. Die Gesellschaft hat das unbehagliche Gefühl, dass jemand sich um solche Nichtigkeiten wie die Quelle von Shakespeares dramatischen Verwicklungen kümmern sollte, oder ob der Herr da über mir –» er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Homer-Büste auf dem oberen Regalfach – «für die homerischen Epen zuständig ist, oder ob er nur einer aus einem Kollektiv war, oder um den Einfluss der flämischen Weber auf die mittelalterliche englische Wirtschaft, oder die Wirkung von Gammastrahlen auf Schraubenalgen.

Wir sitzen abgesondert im akademischen Elfenbeinturm und vertrödeln unser Leben, während der Rest der Welt sich der normalen Beschäftigung hingibt, Geld zu machen oder Kinder oder Krieg oder Krankheiten oder Umweltverschmutzung oder was er, in drei Teufels Namen, sonst eben treibt. Was die Studenten anbetrifft, die können uns, wenn sie wollen, über die Schulter blicken und etwas lernen. Oder sie können ihre Studiengebühren bezahlen, die uns zum Teil unterstützen, und sich hier vier Jahre lang gut amüsieren. Mir persönlich ist es völlig gleichgültig, was sie tun, solange sie mir mein bequemes Leben nicht verderben. Bitte schön.»

Er tat einen tiefen Zug aus der Pfeife und blies den Rauch zum Rabbi hinüber.

«Und Sie haben nicht das Gefühl, den Studenten etwas schuldig zu sein?», fragte dieser leise.

«Nichts und gar nichts. Sie sind einfach nur ein ins Spiel eingebautes Hindernis wie ein Sandbunker auf einem Golfplatz. Wenn man’s genau nimmt, tun wir ja was für sie. Nach vier Jahren bekommen sie den akademischen Grad, über den Sie neulich sprachen, und der sie befähigt, sich für bestimmte Stellungen zu bewerben. Oder sie können den nächsten Grad ansteuern, der sich in Geld umsetzen lässt, wenn sie Ärzte, Rechtsanwälte oder Wirtschaftsprüfer werden. Vom Blickpunkt derer aus, die sich das College nicht leisten können, ist das keine sehr faire Einrichtung, aber in dieser unvollkommenen Welt doch ganz normal. Himmel, ist es denn bei den innungsgebundenen Berufen anders, wo man erst eine sinnlose Lehre abschließen muss, ehe man aufgenommen wird?» Er schüttelte den Kopf, als beantworte er seine eigene Frage. «Ärger gibt es erst dann, wenn die Studenten, wie jetzt in den letzten Jahren, gleichziehen und aufrührerisch werden oder Demonstrationen inszenieren wie heute Ihre Klasse.»

«Aber wenn das College für die Lehrer existiert, und der Student nur seine Zeit absitzt, warum sollte man sich dann darum kümmern, was er tut?»

Hendryx lächelte. «Oh, ich kümmere mich nicht darum. Nur wenn die Gans geschlachtet wird, die die goldenen Eier legt. Aber das ist in den letzten Jahren geschehen. Der Student hat gemerkt, dass er an der Nase herumgeführt wird. Natürlich hat er schon immer gewusst, dass das, was er bekam, nicht das Geld wert war, das er dafür bezahlte. Ich habe mir einmal ausgerechnet, dass es ihn pro Vorlesung etwa zehn Dollar kostet. Meine Güte, das sind meine Vorlesungen wirklich nicht wert. Sind es Ihre? Wie schlau muss ein Student sein, sich das selber auszutüfteln? Aber er hat mitgespielt, weil er den Abschlussgrad braucht, um eine Stellung zu bekommen oder die weitere Ausbildung fortsetzen zu können. Aber dann haben sie ihn auch noch in den Krieg geschickt, und das wurde ihm ein bisschen viel: Der akademische Grad, den wir ihm gaben, erwies sich als Fahrkarte, manchmal nur als einfache Fahrkarte, nach Vietnam. Darum hat er rebelliert.»

«Er hat ihm aber auch eine Vierjahres-Rückstellung vom Krieg beschert», stellte der Rabbi fest.

«Ja, das hat er, aber das entspricht dem Leben. In den letzten zwei Jahren haben sich die Dinge allerdings sehr beruhigt, einerseits wegen der Änderung der Wehrgesetze, andererseits wegen der Truppenrückziehung aus Vietnam, und entsprechend friedlich sind die Studenten geworden. Aber sie haben sich an den Protest, ja sogar an die Gewalt gewöhnt, und das wollen wir nicht. Wissen Sie, dass es hier ein Bombenattentat gegeben hat?»

«Ja, davon habe ich natürlich gelesen, aber das war im vorigen Jahr.»

«So was kann man nie wissen. Nehmen Sie den heutigen Nachmittag. Dean Hanbury erwartet einen Ausschuss wegen der Roger-Fine-Geschichte. Vielleicht, wahrscheinlich, bleibt es beim Reden. Dennoch hat sie es für ratsam gehalten, mich herzubestellen, damit ich zur Hand bin.»

«Weil Sie Chef der englischen Abteilung sind?»

«Ich bin nur kommissarischer Leiter. Nein, sie wollte, dass ich hier bin, falls es Ärger gibt.»

«Ärger?» Der Rabbi überlegte. «Ich hab natürlich das Plakat in der Halle gesehen. Professor Fine muss bei den Studenten sehr beliebt sein, wenn sie seinetwegen eine Eingabe machen.»

Hendryx zog die Schultern hoch. «Kann sein. Andererseits ergreifen die Studenten – wenigstens einige von ihnen – jede Gelegenheit, einen Streit anzufangen. Ich weiß nicht, wie beliebt Roger Fine ist. Er sieht sehr gut aus, demnach werden wohl die Mädchen auf seiner Seite sein. Das schöne rote Haar–» Er verstummte. «Irgendwie bringe ich rotes Haar nicht mit Ihren Leuten in Verbindung. Glauben Sie, dass es zwischen seiner Mutter oder Großmutter ein Techtelmechtel mit einem russischen oder polnischen Soldaten gegeben haben könnte?»

«Wenn ja», sagte der Rabbi gleichmütig, «war es vermutlich unfreiwillig während eines Pogroms. Aber es gibt tatsächlich rotes Haar als Erbfaktor bei den Juden. König David soll rothaarig gewesen sein.»

«Ach? Na, wie dem auch sei, ein hübscher junger Professor ist bei den Frauen immer populär. Auch wenn er ein Krüppel ist.»

«Macht das denn einen Unterschied?»

«Oh, ich sage ja nicht, dass er so verkrüppelt ist, um abstoßend zu wirken. Er geht am Stock, und das macht ihn vielleicht auf irgendeine Art noch anziehender. Ein moderner Lord Byron. Er sieht ihm ein bisschen ähnlich, wenn man’s sich recht überlegt. Mit dieser Locke, die ihm in die Stirn fällt.» Er lachte leise. «Ein rothaariger Byron. Ein kleiner physischer Fehler kann manchmal eine Bereicherung sein. Sehen Sie sich den Mann von der Hathaway-Hemdenreklame an, oder warum nicht Ihren General Moshe Dayan?»

«Warum wird er nicht weiterbeschäftigt?», fragte der Rabbi, zum Thema zurückkommend.

«Darum geht es ja. Sie brauchen keine Begründung zu geben. Vielleicht hat ihn der Präsident oder unsere Miss Dean mit offenem Hosenlatz auf dem Flur erwischt oder sogar im Clinch mit einer Studentin. Woher soll man das wissen? Es kann tausend Gründe geben.»

 

Der Rabbi ging durch den Flur zum Büro des Dean, aber gerade als er um die Ecke kam, sah er die Tür ins Schloss fallen. Er zögerte einen Augenblick, erinnerte sich dann an das gleich beginnende Treffen mit dem Studentenausschuss, und beschloss, sie nicht zu stören.

Beim Verlassen des leeren Hauses fiel ihm auf, dass das große Büro der englischen Abteilung im ersten Stock erleuchtet war. Er sah, dass Roger Fine allein und gedankenversunken an seinem Schreibtisch saß.

«Wollen Sie mit mir nach Barnard’s Crossing zurückfahren?», rief er.

Fine blickte erschrocken auf. «Oh, hallo, Rabbi. Nein, ich bin mit meinem Wagen hier. Aber vielen Dank. Ich – ich warte noch auf einen Anruf.»

Als er aus dem Portal trat, überlegte der Rabbi, ob der arme Kerl wohl wirklich auf einen Anruf wartete oder etwa auf das Ergebnis der Besprechung, das sein Schicksal beeinflussen könnte.

Trotz des Spätherbstes war das Wetter mild, und David Small fuhr mit heruntergekurbeltem Fenster. Er begann sich zu entspannen und die Fahrt zu genießen, als er an einigen Studenten vorbeikam, die auf dem Gehweg saßen; sie erinnerten ihn an die Vorfälle während seiner Vorlesung. Er versuchte die Gedanken zu verdrängen, indem er sich auf den Beginn des Sabbat einstellte, an dem man doch mit der Welt in Frieden sein sollte. Er stellte sich Miriam beim Tischdecken vor, beim Herrichten der geflüchteten Sabbatbrote, der Barches und des Kiddusch-Weins.

Er stellte sich seine Ankunft und ihre Begrüßung vor. «Schabbat Schalom, David», und dann die unvermeidliche Frage: «Wie war’s denn heute?»

Er würde antworten: «Ach, es war – weißt du, neulich hat Präsident Macomber das Erziehungsheim für Jungen besucht. Er ist Mitglied eines bestimmten Bürgerausschusses und …» Nein, so ging es nicht. Er konnte das Fiasko nicht verheimlichen. Wenn er es versuchte, würde sie spüren, dass er etwas verschwieg, und dann würde alles noch viel schlimmer werden.

Vor sich sah er das Café am Straßenrand; er bog ein. Er brauchte dringend eine Tasse Kaffee.

12

«Was willst du mit der Aktentasche?», fragte Abner, als er Ekko vor dem Verwaltungsgebäude traf. «Was ist da drin?»

«Nichts», sagte Ekko, «ich dachte nur, es macht sich besser. Schließlich gehen wir zu so was wie ’ner Konferenz.»

Abner betrachtete ihn zweifelnd. «Wenn wir nicht bald da oben aufkreuzen, gibt es keine Konferenz. Komm schon.»

Dean Hanbury stellte einige Stühle vor ihren Schreibtisch und schloss den Safe ab. Nachdem sie die Jalousie so gestellt hatte, dass die Sonne nicht blendete, setzte sie sich hinter den Schreibtisch und begann zu stricken. Sie erwartete die Ankunft der Delegation. Sie kamen pünktlich um halb drei herein. Erst Judy Ballantine und Abner Selzer, gefolgt von Ekko mit der Aktentasche, die er geheimnisvoll auf dem Schoß barg.

Miss Hanbury lächelte wohlwollend und strickte weiter, während die Studenten Blicke austauschten und nicht wussten, wie sie anfangen sollten. Irgendwie hatten sie das Gefühl, in die Defensive gedrängt worden zu sein, noch ehe die Konferenz begonnen hatte.

Ekko räusperte sich. «Also, hören Sie, Miss Hanbury –»

«Lass mal», befahl Selzer schroff. Dann sagte er: «Wir sind wegen einer Angelegenheit hier, die wir für sehr wichtig erachten, Dean Hanbury.»

Sie neigte den Kopf, Zustimmung anzeigend.

«Aber wenn Sie dabei stricken, bringt uns das aus dem Konzept, wenn Sie verstehn, was ich meine. Es macht den Eindruck, als fänden Sie es nicht sehr wichtig.»

«Oh, entschuldigen Sie, Mr. Selzer. Das ist eine Angewohnheit von mir. Ich muss gestehen, dass ich sogar bei den Fakultätskonferenzen stricke.»

Sie packte das Strickzeug in den Plastikbeutel zu ihren Füßen. «Ist das besser? Was kann ich für Sie tun?»

«Zuerst möchten wir gern über Professor Roger Fine sprechen», sagte Judy.

«Sie sagen zuerst›, haben Sie noch andere Themen?»

«Ja, es gibt andere Themen.» Das kam von Selzer.

«Warum nennen Sie sie mir nicht? Vielleicht gibt es welche, über die wir weitgehendst einer Meinung sind und die sich sofort klären lassen.»

«Wir würden lieber eines nach dem anderen vorbringen, Miss Hanbury», sagte Abner.

Sie zuckte die Achseln.

«Wir möchten die Sache mit Roger Fine zuerst besprechen.»

«Bitte sehr. Aber lassen Sie mich vorweg fragen: In welcher Position sind Sie? Hat er Sie gebeten, ihn zu vertreten?»

«Wir vertreten ihn.»

«Ja, aber hat er Sie darum gebeten? Denn wenn Sie als seine offiziellen Vertreter auftreten, müssten Sie eine schriftliche Vollmacht von ihm besitzen.»

«Wir haben keine schriftliche Vollmacht, Miss Hanbury», erklärte Selzer leichthin, «aber er weiß, dass wir uns für seinen Fall interessieren. Ich meine, dass das jeder weiß, weil wir ja seinetwegen Unterschriften für eine Eingabe gesammelt haben.»

«Hat er das denn gutgeheißen? Und wie viele Unterschriften haben Sie bekommen, Mr. Selzer?»

«Wir haben viele Unterschriften, Miss Hanbury.»

«Darf ich die Eingabe sehen?» Sie sah die Aktentasche auf Ekkos Schoß an. «Haben Sie sie da drin?»

«Wir haben sie nicht mitgebracht», sagte Abner.

«Warum nicht? Sie geben eine Eingabe in Umlauf und sammeln Unterschriften. Ich nehme an, die Eingabe war an die Verwaltung adressiert. Ich verstehe nicht, warum Sie eine Eingabe machen und sie dann nicht mitbringen. War es nicht Anlass dieses Treffens, oder wenigstens einer der Anlässe – die Eingabe offiziell zu übergeben, damit die Verwaltung sie berücksichtigen und darauf reagieren kann?»

«Sagen wir mal, es war nicht genau eine Eingabe, es war eher eine Resolution. Eine Eingabe würde bedeuten, dass wir um etwas bitten wollen. Wir bitten aber gar nicht.»

«Nein? Was dann?»

«Wir fordern.»

Alle nickten zustimmend.

Dean Hanbury dachte nach und nickte dann auch. «Gut, was fordern Sie denn nun? Und in wessen Namen? Ist dies eine Forderung nur Ihres Ausschusses, oder sehen Sie sich als Vertreter der gesamten Studentenschaft?»

«Da haben Sie verdammt Recht, wir vertreten die Studentenschaft!», explodierte O’Brien.

Selzer warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

«Wenn Sie die Studentenschaft vertreten, Mr. Selzer», fuhr sie fort, «muss ich umso mehr die Eingabe oder Resolution, oder wie Sie es nennen, zu sehen bekommen. Ich brauche die Bestätigung, dass Sie mehr als fünfzig Prozent, also die Mehrzahl der Studentenschaft vertreten. Wenn Sie eine Forderung stellen, ist der normale Vorgang, falls keine Wahl stattgefunden hat, dass Sie die Unterschriften zählen, sich vergewissern, dass keine Namen doppelt vorkommen und dass alle Unterzeichneten eingetragene Studenten des College sind.»

«Hören Sie, Miss Hanbury», sagte Selzer, «das ist doch Spiegelfechterei. Definieren wir es so: Wir vertreten die engagierten Studenten von Windemere. Und es spielt auch wirklich keine Rolle, ob wir die beauftragten Vertreter von Roger Fine sind oder nicht. Hier ist die Sache wichtiger als die Person. Die Sache ist, ob die Verwaltung das Recht hat, ein Mitglied des Lehrkörpers rauszuwerfen, weil ihr seine politische Einstellung nicht passt. Darum geht es, und nur darum.»

«Ach, ich dachte, Sie hätten mehrere Themen.»

«Ich meine, das ist das Einzige, worum es in diesem bestimmten Fall geht.»

«Das ist ein legitimer Punkt, Mr. Selzer, und ich gestehe Ihnen ohne weiteres zu, dass er wichtig genug ist, um jedes Mitglied des College zu berechtigen, Fragen zu stellen – wenn das der Wahrheit entspräche. Aber leider ist Ihnen da ein Irrtum unterlaufen. Professor Fine ist nicht ‹rausgeworfen› worden. Er war für eine befristete Zeit angestellt, und mit dem Ende dieses Semesters läuft sein Vertrag ab. Mehr ist an der ganzen Sache nicht dran. Wenn Sie zum Beispiel einen Elektriker anstellen, um eine bestimmte Anlage zu installieren, bezahlen sie ihn nach Fertigstellung, und er geht dann auch. Sie werden bestimmt nicht erwarten, dass er sich damit das Recht erworben hat, von nun an alle weiteren elektrischen Arbeiten bei Ihnen auszuführen. Professor Fine war sich gewiss über die Bedingungen seiner Anstellung im Klaren – und seine politischen Meinungen haben damit gar nichts zu tun. Wäre er vor Ablauf seines Vertrages entlassen worden, hätten Sie Anlass zur Beschwerde, aber noch unterrichtet er, und er wird weiter unterrichten, bis das Semester zu Ende und sein Vertrag erfüllt ist.»

«Warum ist sein Vertrag nicht verlängert worden?», fragte Selzer.

«Weil das schon bei seiner Anstellung nicht beabsichtigt war. Er ist zur Überbrückung einer Notlage und für eine ganz bestimmte Zeit eingestellt worden.»

«Aber Sie werden eine andere Lehrkaft für die englische Abteilung einstellen. Wir wissen sogar aus zuverlässiger Quelle, dass Sie zwei neue Lehrer anzustellen beabsichtigen.»

«Das kann sein», sagte Dean Hanbury. «Darüber entscheidet der Präsident, und ich kann nicht für ihn sprechen. Allerdings bezweifle ich, dass er sich schon entschieden hat. Doch das hat nichts mit der Situation von Professor Fine zu tun. So steht auch seiner offiziellen Bewerbung um diesen Posten nichts im Wege. Und in dem Fall würde seine Kandidatur mit der anderer Bewerber geprüft werden, und seine Tätigkeit bei uns wäre einer der Punkte, die berücksichtigt würden.»

«Und dass er als Radikaler gilt, ja?», sagte Judy Ballantine wütend.

«Ich weiß nichts über seine politische Einstellung», erwiderte Dean Hanbury. «Mit mir hat er nie darüber gesprochen und meines Wissens auch nicht mit dem Präsidenten.»

«Und was ist mit seinem Artikel über Vietnam und die Army in The Windrift

«Ich erinnere mich nicht daran, Miss Ballantine. Ich glaube kaum, dass ich ihn gelesen habe.» Sie drehte sich mit dem Stuhl herum und blickte aus dem Fenster auf die Straße.

Dem war Judy nicht mehr gewachsen. Sie sprang auf. «Das ist lauter Scheißdreck und das wissen Sie! Jeder in der Schule hat ihn gelesen, und jeder hat darüber geredet.»

Dean Hanbury antwortete nicht; sie stand stattdessen auf und ging zur Tür. «Sie müssen mich entschuldigen», sagte sie, trat auf den Flur und schloss die Tür hinter sich.

Die Zurückgebliebenen wechselten unsichere Blicke. Selzer fuhr Judy an: «Du blöde Kuh!»

«Erlaube mal, Abner, Judy hat damit gar nichts zu tun. Wahrscheinlich hat sie nur mal nötig gemusst.» Ekko zog die Schultern hoch.

«Oder sie ist zum Präsidenten», mutmaßte O’Brien. «Sie wird schon wiederkommen.»

«Vielleicht will sie uns nur zeigen, dass sie beleidigt ist, damit wir ein schlechtes Gewissen haben und nicht mehr so scharf rangehen, wenn sie zurückkommt.»

Sie sprachen darüber, wanderten im Zimmer herum, betrachteten die Bilder, tippten auf die Tasten der Schreibmaschine und warteten.

«Wenn sie nicht mehr mit uns reden wollte, hätte sie doch sicher gesagt, wir sollten gehen», gab Judy zu bedenken.

Ekko glaubte immer noch, sie hätte nur mal gemusst.

«Na ja, kann sein», meinte Selzer, «aber dann dauert es verdammt lange. Sie ist sicher schon zehn Minuten oder eine Viertelstunde fort.»

«Ach, das ist bei Frauen ganz normal», erklärte Ekko.

«Und du?», fragte Judy wütend. «Du blockierst das Klo oft eine Stunde lang.»

Ekko grinste.

Selzer fasste einen Entschluss. «Los, Judy, geh du runter zum Mädchenklo und sieh nach, ob sie dort ist. Yance, du gehst zu Macombers Büro, Mike und ich suchen die anderen Büros ab.»

«Und was ist mit mir?», fragte Ekko.

«Jemand muss hier bleiben, falls sie wieder aufkreuzt.»

Als Ekko im Büro allein war, setzte er sich auf den Drehstuhl, wippte vor und zurück und legte endlich die Füße auf den Schreibtisch. Obwohl es ihm lieber gewesen wäre, wenn nicht gerade Judy die Besprechung gesprengt hätte, war er über ihr Ende nicht traurig. Selzer schien ganz vergessen gehabt zu haben, dass er die Fine-Sache nicht an die große Glocke hängen sollte. Die Dean-Dame war ein ausgekochtes Früchtchen. Wenn die Besprechung weitergegangen wäre – das glaubte er sicher –, hätte sie sie hingehalten und am Ende Fines Brief gezückt. Dann wäre die Sache im ganzen College bekannt geworden, und sein Freund Fine hätte es ausbaden müssen.

Nach und nach kamen sie wieder zurück, Selzer als Letzter. «Ich war in jedem Zimmer vom obersten Stock bis in den Keller und auch noch in allen Telefonzellen. Sie ist fort.»

Sie sahen sich an.

«Was machen wir jetzt?»

13

Millicent Hanbury, äußerlich kühl und beherrscht, zog das Schnappschloss der Haupttür des Verwaltungsgebäudes zurück und ging hinaus. Draußen blickte sie zögernd zum Fenster ihres Büros hinauf, dann lief sie hastig über die einsame Straße zu ihrem Wagen.

 

Zu Hause fuhr sie den Wagen in die Einfahrt und sah auf die Uhr. Erst jetzt merkte sie, wie schnell sie gefahren war; sie hatte die Strecke in fünfunddreißig Minuten geschafft; das war ihr bisheriger Rekord.

Sie schloss die Haustür und lehnte sich einen Augenblick fest dagegen, als müsse sie sich selber klarmachen, dass sie in Sicherheit sei, in ihren eigenen vier Wänden. Aber es dauerte nur einen Moment. Dann ging sie zum Telefon.

«Barnard’s Crossing, Polizeirevier, Sergeant Leffler», sagte eine Männerstimme.

«Hier ist Millicent Hanbury, Sergeant, Oak Street 48.»

«Ja, ich weiß Bescheid, Miss Hanbury.»

«Ich bin eben nach Hause gekommen und habe das Wohnzimmerfenster offen vorgefunden. Ich habe es bestimmt heute Morgen zugemacht, ehe ich weggefahren bin.»

«Ist was gestohlen worden, Miss Hanbury? Sieht es aus, als hätte jemand herumgewühlt?»

«Nein. Mir ist nichts aufgefallen, aber ich habe auch noch nicht überall nachgesehen.»

«Lassen Sie das lieber. Ich schicke Ihnen gleich jemand rüber. Warten Sie am Telefon oder noch besser vor dem Haus. Der Streifenwagen kommt jeden Augenblick.»

Als der Streifenwagen kam, ging Officer Keenan Zimmer um Zimmer mit ihr ab, während sein Kollege im Wagen blieb. «Sieht wirklich alles richtig aus, Miss Hanbury? Fehlt nichts?»

Er untersuchte das offene Fenster von innen und außen. «Spuren von einem Stemmeisen kann ich nicht finden», sagte er. «Auf dem Betonweg kann man sowieso keine Fußspuren feststellen. War das Fenster verriegelt, Miss Hanbury?»

«Ganz sicher.»

«Na ja, es ist nicht weiter schwer, ein Fenster mit so altmodischen Riegeln aufzubekommen. Dazu genügt ein harter Plastikstreifen oder ein dünnes Stahllineal. Sie sollten sich wirklich fürs Erdgeschoss neue, sicherere Riegel anbringen lassen, Miss Hanbury.»

Vom Streifenwagen kam lautes, eindringliches Hupen. Keenan rannte hinaus, kehrte aber ebenso schnell zurück. «Hören Sie, Miss Hanbury, das Revier hat gerade die Nachricht bekommen, dass es in Ihrem College eine Explosion gegeben hat. Sie glauben, dass es eine Bombe war. Sie möchten umgehend nach Boston zurückkommen. Wir können Sie hinbringen, wenn Sie möchten.»

 

«Oh, David! Ich wollte dich anrufen, wusste aber nicht, wie ich dich erreichen sollte. Ich hab mich so aufgeregt. Gott sei Dank, dass dir nichts passiert ist!» Miriam brach in Tränen aus und warf sich ihm in die Arme.

«Was ist denn nur?» Er hielt sie auf Armeslänge von sich und sah sie an. «Fassung, Miriam. Ja, ich bin spät dran; ich hab unterwegs eine Tasse Kaffee getrunken.»

«Dann weißt du es gar nicht? Du warst nicht da, als es passiert ist?»

«Was weiß ich nicht?» Er wurde selber aufgeregt. «Als was passiert ist?»

«Die Explosion! Im Verwaltungsgebäude von deinem College hat es eine Explosion gegeben.»

«Was für eine Explosion? Wann? So rede doch, Miriam!»

«Eine Bombe. Sie sind sicher, dass es eine Bombe war.»

Sie wischte sich die Augen mit dem Taschentuch. «Ich hab den Fernsehapparat angehabt, und da haben sie die Sendung unterbrochen und es gemeldet. Erst vor einer Viertelstunde. Es gäbe offenbar keine Verletzten, haben sie gesagt, aber wo du nicht zu Hause warst …»

Er legte die Arme um sie und beruhigte sie.

«Du bist immer gegen drei Uhr zu Hause», flüsterte sie gegen seine Brust. «Und es war schon halb vier. Ich hab mir zwar gesagt, dass du die Zeit vergisst, wenn du mit was beschäftigt bist …»

«Das war’s auch», gab er verlegen zu. «Ich hab beim Kaffeetrinken angefangen zu lesen und auf nichts mehr geachtet.»

«Ja, natürlich. Es macht ja auch nichts. Nichts macht was, wenn du nur gesund bist.»

«Ich bin heil und gesund, Miriam. Es tut mir nur Leid, dass du dir Sorgen gemacht hast. Aber ich versteh es immer noch nicht. Ein Bombenanschlag? Und mehr haben sie nicht gesagt?»

«Nein, nur das. Es war eine kurze Meldung. Aber vielleicht kannst du jemand anrufen. Lanigan? Muss der das nicht wissen?»

«Nein, das geht die Polizei in Boston an.» Natürlich war er sehr beunruhigt, wollte es ihr aber nicht zeigen, um sie nicht noch mehr aufzuregen. «Sie werden sicher in den Abendnachrichten Einzelheiten bringen. Aber nun beginnt der Sabbat.»

Während sie alles vorbereitete, duschte er, zog sich um und spielte eine Weile mit seinen Kindern Jonathan und Hepzibah. Er wollte Miriam nicht allein lassen und beschloss daher, nicht zum Vorabendgebet, dem mincha, in die Synagoge zu gehen. Sehr bald war es dann auch schon Zeit für die Abendnachrichten.

Sie saßen zusammen auf dem Sofa, sein Arm lag um ihre Schultern. «Zuerst die wichtigste Meldung», sagte der Sprecher. «Heute Nachmittag um 15 Uhr 05 explodierte im Verwaltungsgebäude des Windemere Christian College in Boston-Fenway eine Bombe. Die Beamten vom 15. Polizeirevier trafen innerhalb von Minuten am Unfallort ein, gefolgt von der Feuerwehr der Wache Boylston Street. Die Explosion hatte sich im Büro des Dean ereignet. Laut Angaben von Inspector Frank Laplace von der Feuerwehr ist nur geringfügiger Sachschaden entstanden. Da am Freitagnachmittag um diese Zeit keine Vorlesungen mehr stattfinden, wurde angenommen, dass das Haus leer stünde. Dennoch ordnete Lieutenant Hawkins vom 15. Revier eine gründliche Durchsuchung an. In einem der verschlossenen Büros wurde die Leiche eines Mannes gefunden. Er wurde von Mr. Laferty, dem Hausverwalter, als Professor John Hendryx identifiziert. Wir bringen nun ein Interview mit Lieutenant Hawkins …»

14

Sie saß auf dem Bett und sah zu, wie er seine paar Habseligkeiten zusammensuchte und in die Segeltuchtasche stopfte. Sie hatten sich nicht gestritten; er hatte auch nicht wütend gewirkt. Aber er wurde ja eigentlich nie wütend; das schätzte sie so an ihm. Er hatte lediglich verkündet, er müsse fort und dann die Segeltuchtasche aus den Tiefen des Schranks herausgewühlt.

Wenn es eine Regel gab, an die sie sich stillschweigend hielten, war es die, dass jeder kommen und gehen konnte, wie es ihm beliebte – und sollte einer aus irgendeinem Grund den Entschluss fassen, für immer zu gehen, durfte es keine Vorwürfe geben. Dennoch hatte sie das Gefühl, eine Erklärung stünde – nein, stünde ihr nicht zu, aber – ach, verdammt, sie stand ihr zu. Trotzdem bemühte sie sich, kein Beleidigtsein, sondern ganz normale Neugier zu zeigen. «Ist was passiert, Ekko?»

«Die verdammte Schule fliegt in die Luft, und sie fragt, ob was passiert ist! In einem Augenblick ist es still wie in der Leichenhalle, dann Bums! Und es ist wie am 4. Juli mit Bullen und Löschzügen und sogar dem Kerl mit dem Popcorn-Wagen.»

«Ach, das! Ich meinte, zwischen uns. Bist du sauer, weil ich bei dem Treffen ausfallend geworden bin?»

«Nee! Die hat ja nur nach ’nem Grund gesucht. Wenn’s das nicht war, wär’s was anderes gewesen.»

«Und warum gehst du dann weg?»

Er stopfte wieder etwas in die Tasche. «Weil sie hinter uns her sein werden, Baby. Sie greifen sich die Hanbury, und die erzählt ihnen von dem Treffen, und dass sie fortgegangen ist und wir allein im Haus geblieben sind. Sie gibt ihnen unsere Namen, und die sammeln uns ein. Dann fangen sie an, Fragen zu stellen und kriegen spitz, dass ich in Nam war und auch noch bei der schweren Artillerie, und eh ich mich umseh, bin ich der Bombenleger.»

«Aber sie haben doch gar nichts gegen dich.»

«Die brauchen auch nichts, um mit dem Treten anzufangen. Als ich aus der Army entlassen wurde, hab ich mir geschworen, mich nie wieder von jemand treten zu lassen.»

«Aber wenn du jetzt abhaust, machst du dich dann nicht verdächtig? Dann sind sie doch sicher, dass du’s warst.»

«Lass sie glauben, was sie wollen, solange ich nicht in der Nähe bin.»

Sie schwieg und versuchte zu ergründen, warum er es auf sich nahm, durch die Flucht Verdacht zu erregen. Zögernd fragte sie endlich: «Hast du – warst du es, Ekko?»

Er schnaubte. «Warum sollte ich das verdammte College in die Luft jagen? Für Roger Fine?»

«Aber wer war’s dann?»

«Wahrscheinlich diese idiotischen Weathervane-Spinner. Genau wie beim vorigen Mal. Die sind sowieso andauernd high und können nicht mehr denken. Sie müssen was über unser Treffen herausbekommen haben. Dann sehen sie die Hanbury fortgehen. Eine Viertelstunde später sehen sie uns gehen. Damit ist die Straße frei. Und Rums! Der 4. Juli!»

Sie sah ihn an. «Woher weißt du, dass sie es damals waren?»

«Ich weiß es eben.» Er packte weiter.

«Sie können dich morgen schon schnappen, Ekko.»

«Na klar, ich kann auch unter ein Auto kommen und morgen tot sein. Aber bis dahin bin ich frei.»

Sehr leise sagte sie: «Kommst du zurück?»

«Klar, sobald sich alles beruhigt hat. Das College wird die Sache nicht aufbauschen – es schadet dem Ansehen. Wie beim letzten Mal. Der Computer war im Eimer, und sie haben den Zeitungen gesagt, es gäbe nur geringfügige Schäden. Diesmal wird’s auch so. Das College unternimmt nichts, und nach einer Weile müssen die Bullen klein beigeben. Dann komm ich wieder.»

«Aber du hast die Studiengebühren bezahlt.»

«Für’s halbe Semester. Das halbe Semester hab ich hinter mir. Ein Mordsgeschäft: Das ganze is doch nur Bockmist. Vielleicht such ich mir Arbeit als Schreiner wie mein Alter. Da siehst du wenigstens, was du gearbeitet hast. Ja, vielleicht mach ich das. Als Schreiner kannst du sogar bis zu zehn Dollar die Stunde kassieren.» Er zog die Schnur zusammen und verschloss die Segeltuchtasche.

«So weit kommt es doch gar nicht», sagte sie fast flehend. «Wenn die dich suchen, geben sie erst auf, wenn sie dich haben. Dein Foto ist im Archiv vom College, und mit dem kahlen Kopf haben sie dich sofort.»

«Meinst du? Dreh dich mal ’nen Moment um.»

Sie gehorchte zögernd.

«So, jetzt kannst du gucken.»

Sie erkannte ihn kaum wieder. Er trug eine dicke schwarze Perücke, und sein Gesicht war durch einen Mongolenbart verwandelt.

«Na, wie gefall ich dir?»

«So was Verrücktes!»

Er warf die Tasche über die Schulter. «Ich hab einen Freund im Westen des Staates, bei dem kann ich für ein paar Tage unterkommen. Dann is da ein Junge in Ohio, der ein Rehabilitations-Zentrum für Drogensüchtige leitet. Bei dem kann ich bestimmt einen Monat bleiben, ohne dass jemand was von mir merkt. Mach dir um mich keine Sorgen.» Er machte eine Pause. «Also, bis bald. Wir sehn uns.»

«Gehst du einfach so weg, Ekko?»

Er sah sie sehr genau an. «Okay, was soll’s schon schaden, wenn’s ein bisschen später wird?»

Später, als sie in seinen Armen lag, murmelte sie. «Ekko, ich hab Angst.»

«Vor was?»

«Was sie machen, wenn sie mich verhaften.»

«Da brauchst du keine Angst zu haben. Dein Alter nimmt sich einen einflussreichen Anwalt, und von da an behandeln sie dich mit Samthandschuhen. Angst haben müssen nur so Typen wie ich. Mir werden sie’s doppelt heimzahlen, weil sie an dich nicht rankommen.»

«Dann hab ich Angst um dich.»

«Keine Angst, mich finden sie in hundert Jahren nicht.»