26

Sie waren ungewöhnlich leise und zahm, als er am Mittwochmorgen in den Hörsaal kam. Die, die am Freitag da gewesen waren, mussten den Übrigen erzählt haben, was sich ereignet hatte. Oder war es nur ihre Reaktion auf die Explosion?

Während der Fahrt von Barnard’s Crossing hatte Rabbi Small mit seinem Gewissen gerungen. Er hatte seine Studenten nicht mehr gesehen, seit er aus dem Zimmer gelaufen war. Sollte er einfach fortfahren, als sei nichts geschehen, oder sollte er sich entschuldigen? Sicher, ihr Benehmen war unter aller Kritik gewesen, andererseits aber, das sah er nun ein, hatten sie keine persönliche Kränkung beabsichtigt. Ganz im Gegenteil: Offensichtlich glaubten sie, etwas Gutes und Anständiges zu tun. Aber warum hatten sie es nicht erklärt? Und warum hatte er nicht gefragt? Aber sie waren die Jüngeren und schuldeten ihrem Lehrer Respekt. Aber er war älter und hätte einsichtsvoller sein müssen. Aber sie hätten sich klarmachen müssen … Nein, er hätte sich klarmachen müssen …

«Denen, die am letzten Freitag nicht hier waren», begann er, «möchte ich mitteilen, dass die Vorlesung ausgefallen ist. Bei denen, die hier waren, möchte ich mich entschuldigen, dass ich den Raum verlassen habe. Mir war zu der Zeit der Grund nicht bekannt, warum sich einige der Anwesenden so seltsam betragen haben. Ich habe das erst nachträglich erfahren und entschuldige mich jetzt dafür, mich nicht bei Ihnen erkundigt zu haben.» Er wollte weitersprechen, als Mazelman die Hand hob. «Ja?»

«Ich möchte fragen, ob Sie es für richtig halten, dass wir – ich war einer davon – uns auf den Fußboden gesetzt haben?»

Er erwiderte, er habe gerade erklärt, nun den Grund zu kennen.

«Nein, ich meine es anders. Gehört es nicht zum Judentum? Ist es nicht Sache der Juden, gegen Ungerechtigkeit zu protestieren?»

«Das ist Sache eines jeden», sagte der Rabbi vorsichtig. «Das ist kein Monopol der Juden. Aber sind Sie denn sicher, dass eine Ungerechtigkeit geschehen ist? Meines Wissens sind die Stühle aus dem Aufenthaltsraum der Haftanstalt quasi als Schutzmaßnahme entfernt worden, weil sie bei einem früheren Aufruhr als Waffen verwendet wurden.»

«Ja, schon, aber nicht alle Jungen haben sich am Aufruhr beteiligt, aber auf dem Fußboden sitzen mussten sie alle», stellte einer der Studenten fest.

«Und Präsident Macomber hat zugegeben, im Unrecht zu sein», rief ein anderer.

«Ich habe seine Darstellung gelesen», erklärte der Rabbi streng. «Er sagt, er habe nicht beabsichtigt, einen Kommentar über diesen Vorfall abzugeben, sondern er habe sein Vertrauen in die Leitung der Haftanstalt ausdrücken wollen.»

«Ja, aber er hat einen Rückzieher gemacht und sich nicht an das gehalten, was er zuerst sagte. Und dazu wäre es nie gekommen, wenn die Studenten nicht demonstriert hätten.»

«Ist er dadurch überzeugt oder gezwungen worden?», forschte der Rabbi. «Wenn seine Aussage tatsächlich ein Rückzieher war, wurde er dann dadurch verursacht, dass Sie zwei Tage lang auf dem Fußboden gesessen haben oder dadurch, dass er es für klüger hielt, in der augenblicklichen Situation am College einen kleineren Aufstand im Keim zu ersticken, ehe er aus der Hand geriet. Und wo ist die Gerechtigkeit, wenn Sie jemand zwingen, Ihnen zuzustimmen?»

«Woher wissen Sie, dass er nicht überzeugt worden ist?»

Jetzt kamen die Zurufe von allen Seiten.

«Was nützt es, herumzusitzen und zu reden?»

«Was ist mit den Menschenrechten? Hat man über die nicht Jahrhunderte geredet?»

«Und mit Vietnam?»

«Jawohl, und Kambodscha?»

«Was ist denn mit den arabischen Flüchtlingen?»

Der Rabbi hämmerte auf das Pult, und das Stimmengewirr verebbte allmählich. Im darauf folgenden Augenblick der Stille hörten alle Harry Luftigs sarkastische Stimme. «Sollen wir nicht das auserwählte Volk sein?»

Die freche Bemerkung erntete lautes Gelächter, das erst verstummte, als sie alle feststellten, dass ihr Lehrer offensichtlich wütend war. Aber als er sprach, blieb seine Stimme ganz ruhig.

«Ja, das sind wir. Wie ich sehe, halten das einige von Ihnen für komisch. Ich vermute, für Ihren modernen, rationalistischen und wissenschaftlich orientierten Verstand ist der Gedanke, dass der Allmächtige mit einem Teil Seiner Schöpfung einen Pakt eingeht, wahnsinnig lustig.» Er nickte abwägend. «Gut, das kann ich verstehen. Aber wie ändert das die Lage? Ihr moderner Skeptizismus lässt sich nur auf die eine Seite des Paktes anwenden, auf die Seite Gottes. Sie können bezweifeln, dass Er einen solchen Pakt angeboten hat; Sie können sogar Seine Existenz bezweifeln. Aber Sie können nicht bezweifeln, dass die Juden daran geglaubt und danach gehandelt haben. Das ist eine Tatsache. Und wie kann man sich gegen Zweck und Ziel des Auserwähltseins stellen: heilig zu sein, ein Volk von Priestern zu sein, ein Licht unter den Völkern?»

«Aber Sie müssen zugeben, dass das ganz schön arrogant ist.»

«Die Idee, auserwählt zu sein? Warum? Sie ist nicht nur den Juden eigen. Die Griechen hatten sie, die Römer auch. In einer Zeit, die unserer näher liegt, hielten es die Engländer für ihre Pflicht, sich die Bürde des weißen Mannes aufzuladen; die Russen und die Chinesen fühlen sich beide verpflichtet, die Welt zum Marxismus zu bekehren, während unser Land meint, es müsse die Ausbreitung des Marxismus verhindern und allen Völkern die Demokratie lehren. Der Hauptunterschied besteht aber darin, dass in allen anderen Fällen die Doktrin verlangt, Menschen etwas anzutun, meistens durch Gewalt. Die jüdische Doktrin verlangt von den Juden, dass sie sich einem hohen Standard anpassen, um anderen zum Beispiel zu werden. Daran sehe ich nichts, worüber man lachen oder sich lustig machen sollte. Im Grunde verlangt sie einen hohen Standard des persönlichen Verhaltens. Er manifestiert sich in Verzichten, die wir uns auferlegen. Einige davon, zum Beispiel die Beschränkung auf koschere Speisen, erscheint Ihnen vielleicht als primitives Tabu, aber die Absicht ist die Erhaltung der Reinheit von Körper und Seele. Auf jeden Fall zwingen wir dieses Gebot nicht anderen auf. Vielleicht aber ist es naheliegender, an die Ermahnung zu denken, die Sie gelegentlich von Ihren Eltern oder wahrscheinlicher von einem Ihrer Großeltern gehört haben. ‹Das ist kein anständiges Benehmen für einen Juden.› Da sehen Sie, wie die Lehre von der Auserwähltheit sich auf das tägliche Leben auswirkt.»

Er sah sich nach allen Seiten um. «Das bringt uns nun zu Mr. Mazelmans Frage: Ist es unsere Pflicht als Juden, in allen Reformbewegungen die Führung zu ergreifen? Ich glaube, dazu haben wir eine gewisse Neigung, die historisch bedingt ist. Aber weder in unserer Religion noch in unserer Tradition gibt es etwas, das uns diese Pflicht auferlegt. Sie verlangt nicht, dass wir wie die Ritter von König Artus’ Tafelrunde unser Leben einsetzen, um Unrecht wieder gutzumachen.»

Jetzt hörten sie ihm alle zu. Der Rabbi spürte das und fuhr etwas weniger vehement fort: «Unsere Religion ist sehr praktisch und fordert ein praktisches Leben. Auf der Welt geschehen so viele Ungerechtigkeiten, und wenn wir nun auszögen, sie wieder gutzumachen – selbst wenn wir das könnten –, wann sollten wir denn unser Leben leben? Und können wir denn sicher sein, dass wir im Recht sind? Und dass unsere Methode der Reform die Dinge auch bessert? Sogar bei einer so kleinen Sache wie dem Sitzstreik gab es Meinungsverschiedenheiten. Ich, zum Beispiel, war weder überzeugt, dass Präsident Macomber im Unrecht war, noch dass die Methode, ihn zu überzeugen, richtig gewählt war. Denken Sie bitte an das, was ich über den Unterschied unserer Art von Auserwähltsein und der anderer Völker gesagt habe. Unsere Religion verlangt von uns, unser Leben in Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit zu leben, und nicht, dass wir dies anderen aufzwingen.»

«Aber was ist dann mit Israel?», rief Henry Luftig laut. «Warum können sie dort die Araber nicht gerecht behandeln?»

«Verglichen mit wem?», fragte der Rabbi sofort zurück.

«Ich verstehe Sie nicht, Rabbi.»

«Es ist ganz einfach, Mr. Luftig. Wir kritisieren die Juden und das Judentum durch einen verunglimpfenden Vergleich mit irgendeinem Ideal. Aber um gerecht zu sein, müssen wir sie mit etwas Wirklichem und nicht etwas Imaginärem vergleichen. Darum frage ich Sie, welche andere Nation ist besser oder auch nur gleich gut mit ihren Feinden umgegangen wie Israel mit den Arabern?»

«Na, und wie haben die Vereinigten Staaten Deutschland und Japan behandelt?»

«Aber das war nach der Unterzeichnung eines Friedensvertrags; nicht während das andere Land sich noch als im Krieg befindlich betrachtete.»

«Ja, gut, aber alle sagen, sie sollten nicht so hartnäckig sein.»

Der Rabbi grinste voller Ingrimm. «In unserer Religion gibt es aber ein Verbot des Selbstmords.»

«Aber die Palästinenser sind aus ihrer Heimat vertrieben worden.»

«Sie haben sie verlassen!», rief Mark Leventhal quer durch den Raum. Wie Mazelman stammte er aus einer konservativen Familie und hatte Religionsunterricht bekommen. «Die Araber haben ihnen versprochen, sie könnten wieder nach Hause zurückkehren, wenn sie die Juden ins Meer getrieben hätten. Sie haben ihnen auch das Eigentum der Juden versprochen.»

«Das glaube ich nicht.»

«Es stimmt aber.»

Lillian Dushkin sagte mit schriller Stimme: «Ein Junge, den ich kenne, hat mir erzählt, es gäbe in Israel eine Menge Juden, die denken, die Juden hätten kein Recht, dort zu sein, bis der Messias kommt.»

«Ach nee? Was tun die denn da?»

Und weiter ging die Diskussion, aber diesmal machte der Rabbi keinen Versuch, sie zu unterbrechen. Er saß auf dem Schreibtischrand, hörte ihnen unbestimmt ärgerlich zu und kam nicht dagegen an, dass es ihn gelegentlich doch interessierte. Dann klingelte aber die Glocke, und die Studenten sammelten ihre Hefte ein.

«Einen Augenblick noch», rief er.

Sie warteten.

«Sie haben offenbar viele Fragen, die in enger oder loser Verbindung zum Thema der Vorlesung stehen. Ich reserviere den nächsten Freitag, vielleicht auch die folgenden Freitage, sie zu behandeln. Sie können fragen, was Sie wollen, und ich werde mir große Mühe geben, alles zu beantworten.»

«Meinen Sie schriftlich?»

«Schriftlich oder mündlich. Wenn Sie wollen, können Sie sie auch an die Tafel schreiben.»

Als er die breite Treppe zur Straße hinunterging, schlossen sich ihm Luftig und Shacter an, die bisher am Geländer gelehnt hatten.

«Das war heute dufte, Rabbi», sagte Luftig, und sein schmales Gesicht leuchtete.

Er sah ihn an. «Finden Sie? Haben Sie das Gefühl, etwas gelernt zu haben?»

Luftig sah überrascht und verletzt aus. «Na, klar doch.»

«Was zum Beispiel?»

«Was speziell, meinen Sie? Na, ich wusste nicht, dass es Juden gibt, die glauben, sie müssten auf den Messias warten, ehe sie in Israel leben dürfen. Und dann, dass die Araber das jüdische Eigentum an sich bringen wollen. Und – ach ’ne Menge eben.»

«Gut. Aber erst mal dies: Das mit dem Messias ist falsch. Der Einwand betrifft nicht das Leben in Israel, sondern die Errichtung eines Staates. Und im Übrigen: Wenn Sie ein Palaver abhalten wollen, warum machen Sie sich dann die Mühe, ins College zu gehen und Studiengebühren zu bezahlen?»

«Aber das hat doch Spaß gemacht», wandte Shacter ein.

«Es ist nicht meine oder des College Aufgabe, Sie zu amüsieren», sagte er steif.

Als der Rabbi abfuhr, fragte Shacter: «Mann, warum ist der bloß so empfindlich?»

27

In der kurzen Zeit seit dem Vorfall war die Windemere-Akte recht umfangreich geworden. Sie enthielt Fotografien von den Büros von Professor Hendryx und Dean Hanbury und Planskizzen, die zeigten, wie sie zueinander in Verbindung standen. Den Hauptumfang der Akte aber machten die getippten Aussagen der vielen Leute aus, die Sergeant Schroeder vernommen hatte. Er las die Aussagen nun noch einmal durch, während er sich auf die Beratung mit dem Assistant District Attorney vorbereitete. Er hatte schon früher mit Bradford Ames gearbeitet und war sehr von ihm beeindruckt. Wenn Ames einen Fall vorbereitete, blieb nichts dem Zufall überlassen. Schroeder lächelte, als er zur Aussage von Dean Hanbury kam.

 

… das Mädchen sagte etwas Beleidigendes, und ich fasste den Entschluss fortzugehen.

Frage: Was hat sie gesagt, Miss Hanbury?

Antwort: Das möchte ich nicht gern wiederholen. Es war ein unanständiges Wort.

Frage: War es an Sie persönlich gerichtet?

Antwort: Es war an mich gerichtet. Ich bin nicht gewöhnt – Ich dulde diese Art von Ausdrucksweise bei einem kleinen Gänschen – bei einer Studentin nicht. Auf jeden Fall hielt ich es für sinnlos, dieses Gespräch fortzuführen, und sagte darum: «Ich muss jetzt gehen», und dann ging ich auch. Ich verließ das Haus, ging zu meinem Wagen und fuhr nach Hause.

Frage: Um welche Zeit war das, Miss Hanbury?

Antwort: Gegen halb vier. Wenn die genaue Zeit wichtig ist, können Sie sie sicher von der Polizei von Barnard’s Crossing bekommen, weil ich dort unmittelbar nach meiner Ankunft angerufen habe. Sie notieren vermutlich alle Anrufe. Wissen Sie, bei mir war ein Fenster offen –

Frage: Nein. Ich möchte wissen, wann Sie diese Sitzung verlassen haben.

Antwort: Der Termin war halb drei. Ich muss sagen, dass sie sehr pünktlich waren. Wir haben vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten diskutiert, und dann hat das Mädchen –

Frage: Ja, Miss Hanbury. Würden Sie sagen, dass es Viertel vor drei war?

Antwort: Das müsste ungefähr stimmen.

Frage: Zwei Uhr fünfundvierzig bis drei Uhr dreißig. Das ist sehr schnell, um nach Barnard’s Crossing zu kommen, nicht wahr?

Antwort: Ach, es war wenig Verkehr, und vielleicht bin ich auch schon um zwei Uhr vierzig gegangen. Wollen Sie mir eine Strafe wegen zu schnellen Fahrens geben, Sergeant?

 

Die Aussagen der vier Studenten unterschieden sich deutlich von der des Dean, und zum Teil wichen sie auch untereinander ab, zum Beispiel über den Grund ihres Aufbruchs; es wurde betont, dass sie wegen der Bemerkung nicht wirklich beleidigt gewesen wäre, sondern sie nur als Vorwand benutzt hätte, die Diskussion abzubrechen. Judy Ballantine, die Verursacherin des Vorfalls, behauptete natürlich am entschiedensten, es sei eine List gewesen. Abner Selzer wiederum meinte, Dean Hanbury wäre wirklich gekränkt gewesen. «Sie sollten mal meine Mutter sehen, wenn jemand so redet, vor allem ein Mädchen.» Er bestätigte ebenfalls die von Dean Hanbury genannte Zeit ihres Aufbruchs.

 

Antwort: Wir sind ein paar Minuten vor drei alle wieder ins Büro zurückgekommen, nachdem wir sie gesucht hatten. Ich hab nämlich auf die Uhr gesehen und gesagt, wir sollten bis drei Uhr warten und dann auch gehen. Wir müssen fünf bis zehn Minuten gebraucht haben, bis wir das Haus durchsucht hatten. Das würde also bedeuten, dass sie zwischen zwanzig vor und zehn vor drei weggegangen ist.

Frage: Und Sie sind alle um drei Uhr gegangen?

Antwort: Ja, das stimmt.

Frage: Was haben Sie dann gemacht?

Antwort: Wir sind alle zum Café an der Ecke gegangen, wo wir über die Sache reden wollten. Gerade als wir reingingen, haben wir den Knall gehört. Wir sind also wieder raus und haben schon Rauch aus dem Verwaltungsgebäude kommen sehen. Da sind wir natürlich rüber, und zwei Minuten später wimmelte es nur so von Leuten, und die Feuerwehr kam. Wir sind noch eine Weile herumgestanden und haben uns dann getrennt.

Frage: Wo haben Sie die Bombe her?

Antwort: Wo ich – nun begreifen Sie doch mal, wir haben nichts mit der Bombe zu tun!

Frage: Wer dann?

Antwort: Woher soll ich das wissen? Vielleicht war’s derselbe wie beim vorigen Mal.

Frage: Und wer war das?

Antwort: Woher soll ich das wissen?

Frage: Hören Sie, Abner, wenn Sie mit uns zusammenarbeiteten –

Antwort: Ich sage kein Wort mehr. Verdammt nochmal, kein einziges Wort.

 

Er hatte es bei ihnen allen versucht; eine Serie harmloser Fragen, von einer plötzlichen Beschuldigung gefolgt, nicht aus der Hoffnung heraus, sie zu einem Geständnis zu bekommen, sondern auf gut Glück, um sie so zu erschüttern, dass er sie weich machen könnte. Er hätte sich die Mühe sparen können. Yance Allworth sagte: «Mann, ich weiß ja nicht mal, wie so ’ne Bombe aussieht.» O’Brien sagte: «Sie sind falsch gewickelt, Sergeant. Wir sind alle zusammen ganz brave Liberale.» Judys Antwort lautete: «Jetzt lassen Sie den Krampf doch mal nach, Polizist.» Und als er fragte, wer es denn getan haben könnte, wenn nicht ihre Gruppe: «Vielleicht hat die Dame Dean ein Ei gelegt, das explodiert ist.»

Das letzte Blatt in der Akte war ein Zeitplan, nach den Aussagen der von ihm verhörten Zeugen zusammengestellt.

 

       13.00–13.15       Hendryx verlässt seine Wohnung und geht ins Büro. (Aussage von Mrs. O’Rourke – nicht bestätigt.)

       14.01–14.03       Rabbi betritt sein Büro. (Vorlesung von 13.00-14.00)

       14.10       Rabbi verlässt das Haus. (Seine Aussage.)

       14.30       Studentenabordnung betritt das Büro des Dean. (Aussagen aller Mitglieder der Abordnung und Dean Hanburys.)

       14.40–14.50       Dean verlässt Besprechung, macht sich auf den Heimweg. (Aussagen der Studenten und Dean Hanburys. Frühere Zeit vermutlich nach der Ankunftszeit zu Hause berechnet.)

       14.45–14.55       Mrs. O’Rourke verlässt die Wohnung, um Drei-Uhr-Bus zu erreichen. (Ihre Aussage – nicht bestätigt.)

       15.00       Abordnung verlässt das Haus. (Ihre Aussagen. nota bene: Selzer hat auf die Uhr gesehen.)

       15.05       Bombe explodiert. (Aussage von Lt. Hawkins, 15. Revier.)

 

Dann fiel ihm ein, dass er noch nicht den Bericht des Gerichtsarztes bekommen hatte. Er war im Augenblick nicht besonders wichtig, da ja Zeit und Todesursache bekannt waren. Andererseits: wenn er ihn nicht hatte, ließ das auf schludrige Vorbereitung schließen, was Ames nie hinnehmen würde.

Er rief unten beim Schalter an und fragte, ob der Bericht des Gerichtsarztes eingegangen sei.

«Vor einer halben Stunde etwa. Ich hab ihn in Ihr Fach gelegt.»

«Jennie, seien Sie ein liebes Kind und bringen Sie ihn mir rauf.»

Er schlitzte den Umschlag auf und überflog mit Expertenblick den Bericht. Als Todesursache wurde ein Schlag mit einem Objekt von etwa sechzig Pfund Gewicht angegeben. «… zertrümmerter Schädel … Bruchstücke kranialer Knochen im Gehirn eingebettet …» Der Tod war praktisch sofort eingetreten. «Todeszeit: zwischen 14 Uhr 10 und 14 Uhr 40 am 13. November.»

Er entdeckte den Fehler sofort. Der gute Doktor hatte zweifellos zwischen 14 Uhr 40 bis 15 Uhr 10 gemeint. Wahrscheinlich hatte sich seine Sekretärin bei der Abschrift aus dem Stenogramm geirrt.

Er rief die Zentrale an und bat um eine Verbindung mit Dr. Lagrange.

Während des Wartens kaute er ärgerlich auf der Unterlippe. Als das Telefon klingelte, war es wieder Jennie. «Er ist nicht da. Er ist für ein paar Tage verreist und kommt nicht vor Montag zurück.»

«Wohin ist er gefahren? Haben sie was gesagt?»

«Es ist ein Camping-Ausflug.»

«Meldet er sich nicht telefonisch und hält Kontakt?»

«Das hab ich gefragt, aber sein Mädchen sagte, bisher hätte er sich nicht gemeldet. Ich hab ihr gesagt, dass er uns sofort anrufen soll, wenn er’s tut.»

«Rufen Sie sie nochmal an. Ich möchte mit ihr sprechen.»

Dann sagte er: «Hören Sie, Miss, ich habe Dr. Lagranges Bericht vor mir liegen. Hat er Ihnen das diktiert?»

«Ja, Sir.»

«Ich glaube, Sie haben sich bei der Abschrift geirrt. Hier steht, dass der Tod zwischen 14 Uhr 10 und 14 Uhr 40 eingetreten ist. Er muss die Zeiten verdreht haben und meinte in Wirklichkeit zwischen 14 Uhr 40 und 15 Uhr 10.»

«Einen Moment, Sergeant, ich seh mal in meinem Stenoblock nach.»

Er musste einen Augenblick warten. «Ich hab es hier, Sergeant. ‹Todeszeit: zwischen 14 Uhr 10 und 14 Uhr 40 …› Ich weiß noch, dass er erwähnt hat, die Zeit ließe sich so genau bestimmen, weil er die Gelegenheit gehabt hätte, die Leiche so kurz nach erfolgtem Exitus untersuchen zu können. Tut mir Leid, Sergeant, der Bericht ist korrekt.»

28

«Schroeder ist ein guter Mann», sagte Matthew Rogers, als er die dicke Akte durchblätterte. «Man kann sich immer darauf verlassen, dass er seine Arbeit korrekt macht.»

Bradford Ames kicherte leise und riet ihm, sich den Bericht des Gerichtsarztes noch einmal anzusehen.

«Warum?» Aber er tat es und stolperte sofort über die Todeszeit. «Das ist sicher ein Schreibfehler. Ruf mal Dr. Lagrange an.»

«Hab ich, Matt. Er sagt, seine Angabe wäre genau richtig.»

«Dann hat er einen Fehler gemacht. Er ist noch neu. Das war sein erster Fall, was?»

«Ja, aber Dr. Slocumbe sagt, wenn Lagrange die Zeit so genau angegeben hätte, dann stimmte es auch.»

«Aber, Brad!» Rogers wurde ganz erregt. «Das ergibt doch keinen Sinn. Ich weiß nicht, was bei seiner Untersuchung schief gegangen ist, aber es ist was schief gegangen. Vielleicht was Lächerliches, dass seine Uhr stehen geblieben ist. Aber diesmal haben wir den seltenen Fall, dass die Zeitangabe des Gerichtsarztes unwichtig ist, weil wir andere und bessere Beweise dafür haben, wann der Tod eingetreten ist.»

«Das nützt nichts, Matt. Die Gegenseite bringt die Frage in dem Augenblick aufs Tapet, da sie merkt, dass wir sie nicht anrühren. Dann musst du damit rausrücken, und wir kommen beim Richter in Teufels Küche – bei den Zeitungen übrigens auch –, weil wir Beweismaterial unterdrückt haben. Nein, du wirst diese Kinder laufen lassen müssen.»

«Wie meinst du das, sie laufen lassen?», fragte der District Attorney kriegerisch.

«Weil Hendryx nach Aussage unseres eigenen Sachverständigen, des Gerichtsarztes, getötet wurde, ehe die Bombe hochging. Wir können die jungen Leute nicht für seinen Tod verantwortlich machen.»

«Aber der Arzt ist unfehlbar? Was ist denn mit dem Fall, wo die Leiche in die Tiefkühltruhe gelegt wurde, und Doc Slocumbes Kalkulationen nicht mehr stimmten?»

«Sieh es doch mal so, Matt. Wenn ich den ärztlichen Bericht beim Vorführungstermin vor Richter Visconte schon gehabt hätte, wäre ihnen dann auch die Kaution verwehrt worden?»

«Vielleicht nicht, aber –»

«Es sind College-Studenten. Wenn das Geschworenengericht sich weigert, sie schuldig zu sprechen und die Anklage fallen gelassen wird, dann haben sie trotzdem eine Haftstrafe hinter sich, die ihnen die Zukunft verdirbt.»

«Du vergisst was, Brad. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, vermutlich Richter Visconte auch nicht, dass sie die Bombe gelegt haben.»

«Das streiten sie ab.»

«Das ist doch klar.»

«Vielleicht war’s der, der ausgerissen ist, dieser Ekko», sagte Ames zäh. «Möglicherweise wissen die anderen wirklich nichts davon.»

«Das ist schwer zu glauben.»

«Warum denn? Er ist der Einzige, der geflohen ist.»

«Gut, ich bin bereit zuzugeben, dass er vielleicht der eigentliche Täter war, aber wieso glaubst du, die anderen hätten nichts davon gewusst?»

«Weil er anders ist als sie. Einmal ist er viel älter. Wenn die Verteidigung diesen Standpunkt eingenommen hätte, wäre der Richter möglicherweise darauf eingegangen und hätte eine Kaution festgesetzt. Dann wären sie jetzt frei und wieder im College.»

«College!», wiederholte der District Attorney zornig. «Was bedeutet das College schon für diese Hippiebande, außer dass man da Rabatz inszenieren kann? Prüf das mal nach. Du wirst feststellen, dass sie nie an den Kursen teilnehmen. Sie gammeln da nur rum, rauchen Pot und machen Demonstrationen und Sitzstreiks, und wenn es das nicht ist, dann bumsen sie. Dieser Ekko hat mit der kleinen Ballantine zusammengelebt, offen und frei, bitte sehr. Der Teufel soll sie alle holen!»

«Du richtest über ihren Lebensstil, nicht über ihre Schuld, Matt.»

«Klar, ich berücksichtige ihren Lebensstil, wenn ich mir über ihre Schuld klar werden will, genauso wie das die Geschworenen tun, wenn sie die Glaubwürdigkeit eines jeden Zeugen erwägen, den sie im Zeugenstand vor sich sehen. Jeder Richter tut dasselbe. Was passt dir daran nicht? Wenn wir nicht nach solchen Dingen urteilen würden, wären die einzigen, die wir je schuldig sprechen könnten, die, die freiwillig ein Geständnis ablegen. Worauf willst du hinaus, Brad? Willst du, dass ich den Fall einem anderen übergebe, vielleicht Hogan?»

«Ich weiß es nicht», sagte Ames nüchtern. Er rutschte unglücklich auf seinem Stuhl herum und beschloss dann, einen letzten Versuch zu wagen. «Können wir nicht mal, sagen wir, als Übung in angewandter Logik, unterstellen, dass Dr. Lagranges Bericht den Tatsachen entspricht?»

«Sehr schön, dann will ich dir sagen, wie’s weitergeht. Nach Lagrange soll der Tod zwischen 14 Uhr 10 und 14 Uhr 40 eingetreten sein, so ist es doch? Sagen wir also, um halb drei. Das hieße dann aber, dass Hendryx nicht in seine Wohnung zurückgekehrt, sondern im Büro geblieben ist. Und das hieße ferner, dass er schon tot war, noch ehe die Studentenabordnung beim Dean eintraf. Und das hieße, dass jemand in sein Büro gegangen und hinter den Schreibtisch getreten sein muss. Er musste irgendwie zum obersten Bord hinaufreichen, auf dem die Büste stand, und sie herunterwerfen. Wer kann denn bis zum obersten Bord reichen? Das ist doch ein altes Haus mit sehr hohen Decken. Unser geheimnisvoller Mörder müsste auf eines der unteren Fächer gestiegen und sich vielleicht mit einer Hand festgehalten haben, während er mit der anderen nach der Büste geangelt hat. Und Hendryx hat sich das alles mit angesehen und nicht mal gefragt, was der Kerl da treibt?»

«Und wenn er nun geschlafen hätte, eingedöst wäre?»

«Wie ist dann dieser Mensch in sein Büro gekommen? Es war doch versperrt?»

«Die Tür hätte offen sein können. Vielleicht ist das Schloss nicht eingeschnappt, als der Rabbi fortging.»

«Möglich, aber wenig wahrscheinlich.»

«Und wenn der Mörder einen langen Stock mit einem gebogenen Griff gehabt hätte, einen Spazierstock zum Beispiel», fuhr Ames fort, «hätte er den Gipskopf leicht herunterziehen können.»

«Ja, aber wie erklärst du dann die Pfeife und den Hocker und das aufgeklappte Buch in Hendryx’ Wohnung?»

«Da könnte immerhin die Putzfrau geschwindelt haben. Sie will natürlich so früh wie möglich Schluss machen. Und wenn sie glaubt, Hendryx kommt nicht mehr und kann sie nicht kontrollieren, ist sie vielleicht bei der Arbeit nachlässig.»

«Warum hat sie’s dann nicht zugegeben?»

«Dazu kann ich nur sagen: Wenn es meine Putzfrau gewesen wäre, die hätte es auch nicht freiwillig eingestanden. Es gibt da eine Art Berufsstolz.»

«Dann nimm sie nochmal ins Verhör», sagte Rogers gutmütig. «Wenn du es schaffst, dass sie ihre Geschichte ändert, werde ich nochmal über Lagranges angegebene Todeszeit nachdenken.»

29

Bei Klassentreffen und anderen nostalgischen Zusammenkünften bot sich der Name Bradford Ames immer als gutes Diskussionsthema an.

«Hast du Brad Ames gesehen? Was macht er denn jetzt? Immer noch Assistant District Attorney? Da sieht man mal wieder, wie Geld die Karriere verderben kann.» Karl Fisher war wie die drei Freunde, mit denen er sich im Club zum Lunch getroffen hat, Anfang fünfzig. Sie waren alle wohlhabend.

«Wie meinst du das?»

«Als wir anderen das Jurastudium abgeschlossen hatten, sind wir alle herumgerannt und haben uns Stellungen gesucht», sagte Fisher. «Und ihr wisst ja noch, wie schwer das damals war und was man bezahlt bekam. Also haben wir unsere eigene Praxis aufgemacht, uns vom Vater oder Schwiegervater ein paar hundert Piepen gepumpt, um alte Möbel und ein Corpus Juris anzuschaffen.»

«Als ich vom Studium kam», erzählte Gordon Atwell, «hab ich mit sechs anderen eine Bürogemeinschaft gegründet, und ihr könnt mir glauben, wir sieben mussten alles zusammenkratzen, um unserer einzigen Sekretärin ihren Wochenlohn auszahlen zu können.»

«Ja», stimmte Fisher ihm zu, «aber wir haben durchgehalten, und nach und nach ging es dann aufwärts, und am Ende, wer hätte das gedacht? – hatten wir eine Existenz. Und als wir dann so um die Vierzig waren, hatten einige von uns große Praxen, andere waren Richter geworden oder in die Politik gegangen, oder sie waren Leiter der Rechtsabteilungen großer Firmen. Ich meine, die meisten haben was erreicht, einige sogar sehr viel.

Aber das liegt nur daran, dass wir uns durchschlagen mussten. Wenn du nämlich ein Ames bist, und Geld dir nichts bedeutet, denkst du nicht so. Und deine Familie denkt auch nicht so, und du stehst einfach nicht unter dem Druck, unter dem wir gestanden haben. Wir mussten uns nach der Decke strecken. Wir mussten sofort voll ran. Ich hatte mich fürs Strafrecht interessiert, aber glücklicherweise habe ich erkannt, dass ich es mir nicht leisten konnte, Strafverteidiger zu werden. Vielleicht arbeitete ich dann heute für die Gangster wie Bob Schenk oder ich würde, und das ist wahrscheinlicher, kleine Gauner verteidigen, deren verwitwete Mütter Hypotheken auf ihr kleines Häuschen aufnehmen müssten, um mein Honorar zu bezahlen. Jetzt hab ich mich aufs Grundstücksrecht verlegt, und ihr wisst ja, wie groß unsere Praxis ist, und dass es mir nicht schlecht geht.

Brad Ames hat sich auch fürs Strafrecht interessiert. Aber für ihn war das kein Problem. Seine Familie hat ihm den Posten des Assistant District Attorney in der County beschafft, und da sitzt er seither. Nicht nur, dass er Strafrecht praktiziert, er braucht sich nicht mal Vorwürfe zu machen, einem armen Schwein die Ersparnisse seines Lebens für sein Honorar abgejagt zu haben, oder sich darüber Sorgen zu machen, dass das Geld, mit dem er bezahlt wird, gestohlenes Geld ist, weswegen der Kerl ja gerade einen Anwalt braucht.

Natürlich, das Gehalt eines Assistant District Attorney ist nicht großartig. Keiner von uns könnte davon leben, wenigstens nicht nach unserem heutigen Standard. Aber für Brad Ames ist das sowieso nur ein Taschengeld. Er hat keine Frau, und seine Familie setzt ihn nicht unter Druck, Geld heranzuschaffen.»

«Kann schon sein», sagte Gordon Atwell, der jünger als die anderen aussah, «kann aber auch sein, dass persönliche Gründe dahinter stehen.»

«Wie meinst du das?», fragte Fisher.

«Na, du weißt doch, wie Ames aussieht – dieser Kugelkopf auf dem fetten Rumpf, und das Gegrinse und Gekichere, als wäre er ein Idiot –»

«Der und ein Idiot!» Andrew Howard lachte. Er hatte eine gewöhnliche Anwaltspraxis und war der Einzige, der mit Strafsachen zu tun hatte. «Hast du vergessen, dass er ins Law Review gekommen ist?»

«Ich hab nicht gesagt, er wäre ein Idiot, nur dass er wie ein Idiot aussieht. Ich meine, er hat nicht das Aussehen, das einem Mandanten Vertrauen einflößt.» Atwell sah Fisher Hilfe suchend an.

«Lasst euch davon nur nicht täuschen», fuhr Howard fort. «Vielleicht ist es ein nervöser Tick, aber glaubt mir, wenn er will, kann er das ganz schnell abstellen. Und wenn er das tut, seht euch vor! Ich bin mal bei einer Vergewaltigungsklage gegen ihn aufgetreten. Mein Mandant war ein nett aussehender junger Mann, kühl und gelassen. Er musste aussagen, aber ich dachte, er würde es durchhalten und sich nicht gehen lassen. Er hat seine Geschichte gut vorgetragen, und ich merkte, dass er auf die Geschworenen einen guten Eindruck machte. Dann fing Brad Ames mit dem Kreuzverhör an. Er stellte seine Fragen, und sie waren ganz gutartig. Wisst ihr, wie ich das meine? Kein Druck. Und dann seine ganze Art. Er sah wie ein grinsender Buddha aus. Und immer dieses leise Gekicher, als wäre alles nur ein besserer Scherz. Gar nicht lange, dann war mein Mandant ganz gelockert und grinste auch. Sie verstanden sich wie alte Freunde. Aber hin und wieder schob Ames eine unzulässige Frage ein, die mein Mandant beantwortete, ehe ich eingreifen konnte. Der Richter, Richter Lukens war das damals, ließ sie streichen, aber die Geschworenen hatten sie gehört. Das ging fast eine Stunde lang, immer freundlich und höflich. Und dann, ganz plötzlich, macht Brad ein strenges Gesicht – adieu, Buddha. Er hält das Kleid des Mädchens hoch, damit die Geschworenen sehen können, wie es aufgerissen ist. ‹Das hat sie sich also selber ausgezogen?› fragt er. Mein Mandant begann zu stottern und stammeln, und von dem Augenblick an wusste ich, dass er verspielt hatte.»

«Oh, ich bestreite ja gar nicht, dass er gut ist», sagte Fisher. «Aber es ist trotzdem keine richtige Karriere. Assistant District Attorney. Wenn er wirklich Ehrgeiz gehabt hätte, wäre er nach ein paar Jahren aus dem Büro des D. A. ausgeschieden und hätte die Stellung als Sprungbrett für eine private Praxis als Strafverteidiger benutzt.»

«Da bin ich anderer Meinung», sagte Sam Curley, der bisher stumm geblieben war. «Ich habe seit Jahren ab und an geschäftlich mit Brad zu tun gehabt. Wir befassen uns nicht mit Strafsachen, aber gelegentlich hat einer unserer Mandanten oder seine Familie Ärger, und dann erwarten sie natürlich, dass wir für sie auftreten. Wenn es um was Schwerwiegendes geht, empfehlen wir sie natürlich an einen Fachmann weiter, aber normalerweise übernehmen wir die Fälle. Vor etwa drei Jahren hatte ich so einen Fall, und Brad vertrat den Staat. Es war im Sommer, und als ich Brad anrief, lud er mich zum Wochenende nach Barnard’s Crossing auf den alten Familiensitz ein. Sie haben ein eindrucksvolles Haus am Point. Es war gutes Wetter, und wir haben gesegelt. Am Sonntag kam sein älterer Bruder Stuart zum Essen –»

«Der Richter?»

«Ja, der. Nach dem Essen saßen wir auf der großen Terrasse über dem Meer. Wir tranken Tom Collins aus großen Gläsern. Es war sehr gemütlich, und wir unterhielten uns, wie man sich eben nach einem guten Essen unterhält, und der Richter machte eine halb scherzhafte Bemerkung, wann Brad endlich die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen wolle. Und wisst ihr, wie er das gemeint hat? Er meinte, es wäre Brads Pflicht als ein Ames, der Gesellschaft und dem Land sein Bestes zu geben.

Nun reden normale Leute aber nicht so, weil sie – na, weil ihre Denkungsweise nicht so funktioniert. Ich meine, normale Leute würden sagen: Wann machst du mal was aus deinen Möglichkeiten und wirst ein berühmter Mann? Wenn du so schlau bist, warum bist du dann nicht reich? In der Art eben. Aber daran hat Stuart Ames überhaupt nicht gedacht. Er meinte, sein Bruder habe eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft und die erfülle er nicht. Er denkt tatsächlich so. Und das Komische daran war, dass Brad das auch so empfand. Er fing also an, über seinen Beruf zu reden, anfangs halb im Spaß, im Tonfall seines Bruders, im Grunde aber ebenso todernst wie der. Das Gespräch vergesse ich nie. Er sagte: ‹District Attorneys kommen und gehen. Je besser sie sind, umso schneller gehen sie wieder, weil das für sie nur ein Sprungbrett für den nächsten Posten ist. Aber Assistant D. A.s bleiben. Nun muss aber einer die District Attorneys einfuchsen, und das ist meistens meine Aufgabe, weil ich schon so lange da bin.›»

«Daran hab ich noch nie gedacht, aber es leuchtet mir ein», sagte Andrew Howard.

«Danach erklärte er, dass die Assistants im Büro des District Attorney diejenigen sind, die den Laden schmeißen. Sie entscheiden, wer vor Gericht gestellt wird, und wem man nochmal eine Chance gibt. Das macht nicht der Richter und nicht der Verteidiger, ja nicht mal der D. A., wohl aber der Assistant District Attorney. Er fällt die Entscheidung, ob Anklage erhoben wird oder nicht. Ihr könnt mir glauben, er hat das glänzend dargelegt. Mich hat er auf jeden Fall überzeugt, und seinen Bruder vermutlich auch. Seitdem sehe ich ihn irgendwie in einem anderen Licht. Vorher hatte ich genau wie ihr geglaubt, es wär für ihn eine Art Steckenpferd. Er hätte Spaß am Strafrecht, und da er es sich leisten konnte, begnüge er sich eben mit dieser Ebene und ginge einer Neigung nach. Aber am Ende dieses Nachmittags sah ich ihn als einen Top Sergeant, der die Arbeit macht und die Entscheidungen trifft, es aber dem Lieutenant oder dem Captain überlässt, den eigentlichen Befehl zu geben und den Ruhm zu kassieren. Der Mann, der den ganzen Gerichtsapparat in Gang hält, ist nicht Richter oder Strafverteidiger und nicht mal Polizist, sondern es ist der unscheinbare Assistant District Attorney.»

 

Bradford Ames sah unglücklich hinter dem District Attorney her und suchte nach einem Entschluss. In Gedanken wusste er, dass Rogers die vier Studenten schon als schuldig befunden hatte – schuldig wessen? Radikale zu sein, sich primitiv auszudrücken, ein Leben zu führen, das er nicht gutheißen konnte –, und aus all diesen Gründen war er entschlossen, sie so lange im Gefängnis zu lassen, wie er nur eben konnte. Wochen oder Monate, bis zum Tag des Prozesses. Seine vier Töchter waren es, die sein Urteilsvermögen trübten, fand Ames, und dankte Gott, dass er Junggeselle war.

Natürlich, wenn der Fall erst einmal zur Verhandlung kam, musste der gerichtsärztliche Befund bekannt werden, und dann würde die Anklage wegen Mordes fallen gelassen, während das Verfahren wegen Brandstiftung fortgesetzt werden würde. Aber die Studenten wären dann die ganze Zeit über in Haft gewesen. Außerdem bestand die Gefahr eines juristischen Rückschlags; wenn der Prozess von einem Star wie Richter Harris zum Beispiel geführt wurde, würden sie möglicherweise allerhand über die Unterschlagung von Beweismaterial durch den D. A. zu hören bekommen. Er begriff nicht, dass jemand den politischen Gegebenheiten gegenüber so blind sein konnte, kam dann aber zu dem Schluss, dass sein Chef sich der politischen Rückwirkung durchaus bewusst sein mochte und davon ausging, dass seine Wähler nicht das Geringste dagegen haben würden, wenn er das Recht ein wenig dehnte, um diese jungen Radikalen eine Weile aus dem Verkehr zu ziehen.

Normalerweise würde ein dem Verteidiger gegebener Wink die Sache erledigt haben, aber jeder der vier Angeklagten wurde von einem anderen Anwalt vertreten, und Ames kannte keinen von ihnen. Der junge O’Brien hatte einen jungen Anwalt beauftragt, der gerade erst Examen gemacht hatte; Allworth hatte jemand, der ihm von einer der radikalen schwarzen Organisationen gestellt worden war, und das Mädchen, Judy Ballantine, deren Vater reich war, wurde von einer New Yorker Anwaltsfirma vertreten. Nur Paul Goodman, der Verteidiger des Selzer-Sohns war eine Möglichkeit, aber er blieb eine unbekannte Größe, da er weitgehendst in Essex County und nicht in Suffolk auftrat. Trotzdem nahm Ames sich vor, Auskünfte über ihn einzuholen, und, falls sie günstig ausfielen, ihn auf das Thema anzusprechen.

Von den vielen in Barnard’s Crossing verbrachten Sommern her kannte Ames den dortigen Polizeichef. Er rief ihn am Abend zu Hause an. «Hugh Lanigan? Hier ist Bradford Ames.»

«Oh, hallo, Mr. Ames. Wie geht es Ihnen?»

«Hören Sie, kennen Sie in Ihrer Stadt einen Anwalt namens Paul Goodman?»

«Ja, ich kenne Mr. Goodman.»

«Er vertritt Abner Selzer. Das ist der junge Mann, der –»

«Ja, ich weiß, Sir.»

Ames spürte die Vorsicht am anderen Ende der Leitung und sagte hastig und beruhigend: «Ich plane nichts Hinterhältiges. Bestimmt nicht gegen ihn oder seinen Klienten. Im Gegenteil, ich möchte ihm am liebsten helfen, aber da das alles sehr vertraulich ist, würde ich gern wissen, was für eine Art Mensch dieser Goodman ist.»

«Hm», murmelte Lanigan zweifelnd. «Viel kann ich Ihnen nicht erzählen. Er ist der Anwalt der jüdischen Gemeinde, und er ist ein paar Mal vor der Magistratsversammlung aufgetreten, meistens wegen Fragen der Gebietsordnung. Meiner Meinung nach ist er hier sehr angesehen.»

«Und was für ein Mann ist er?» Ames beschlich der Verdacht, dass es ein Fehler gewesen war, sich an Hugh Lanigan zu wenden. «Ist er ansprechbar? Ein vernünftiger Mann? Sie wissen ja wohl, wie ich das meine?»

«Wissen Sie was», sagte Lanigan. «Ich hab eine Idee. Warum rufen Sie nicht den Rabbiner an? Rabbi Small. Er ist ein guter Mann und sehr gescheit. Fragen Sie ihn nach Mr. Goodman. Dieser Goodman ist eine Art Kirchenvorstand von der Synagoge. Der Rabbi muss also genau über ihn Bescheid wissen.»

Der Rabbi? Aber klar! Er konnte es dem Rabbi sagen und so seine Mitteilung auf einem Umweg an Goodman weiterleiten. Und wenn der Rabbi schlau war, brauchte der Name Ames nicht einmal zu fallen.

Er bedankte sich beim Polizeichef, legte auf und wählte unmittelbar darauf die Nummer von Rabbi Small. Er stellte sich vor und erklärte, dass er den Fall gern mit ihm besprechen würde.

«Gewiss», sagte der Rabbi. «Ich habe morgen von neun bis zehn Vorlesung. Danach kann ich jederzeit zu Ihnen ins Büro kommen.»

Ames zögerte. Er fand es nicht ganz richtig, dass der Rabbi zu ihm kommen sollte, wo doch er es war, der um eine Gefälligkeit bitten wollte. Endlich sagte er: «Wie wär’s, wenn ich Sie um zehn vor Ihrem Hörsaal abholte, Rabbi?»

30

Die Glocke klingelte, der Rabbi entließ seine Studenten. Er sammelte Bücher und Papiere ein und ging hinaus. Auf dem Flur, direkt vor der Tür, stand ein gedrungener Mann von mittleren Jahren.

«Bradford Ames, Rabbi. Hoffentlich mache ich Ihnen keine Ungelegenheiten?»

«Nein, überhaupt nicht. Mein Büro ist hier am Ende des Flurs.»

Als er den Schlüssel ins Schloss steckte, fragte Ames: «Ist das Büro immer abgeschlossen?»

«Alle Büros. Dies hat einen Türschließer, der automatisch die Tür ins Schloss zieht.»

Ames sah sich neugierig um. «Und das ist der Schreibtisch, an dem Hendryx gesessen hat?»

«Ja.»

«Und die Büste?»

«Stand da oben auf dem obersten Regal.»

Sie setzten sich; der Rabbi auf den Drehstuhl, Ames in einen Besuchersessel an der anderen Schreibtischseite. Er sah sich stumm den Raum an. Als er zu schweigen fortfuhr, erkundigte sich David Small höflich: «Haben Sie noch weitere Fragen?»

Ames kicherte. «Ich bin nicht hergekommen, um Sie auszufragen, Rabbi. Vermutlich hat sich das aber am Telefon so angehört. Eigentlich möchte ich Ihnen nämlich was erzählen.»

«Bitte sehr.»

«Sie wissen sicher, wie die Anklagen gegen die vier Studenten lauten?»

Der Rabbi nickte. «Ich denke schon. Brandstiftung und Mord?»

«Jawohl. Das Zünden einer Bombe ist Brandstiftung, und das ist ein Verbrechen. Wir nehmen an, dass die Explosion die Statue zu Fall gebracht hat und Professor Hendryx dadurch getötet wurde. Das macht die Tat zu Mord.»

«Das ist mir klar.»

«Und da es in diesem Staat bei Mord keine Freilassung gegen Kaution gibt, halten wir die Studenten in Haft, bis sie dem Schwurgericht vorgeführt werden. Nehmen die Geschworenen die Anklage an, bleiben sie im Gefängnis, bis der Prozess beginnt.»

«Ja, das weiß ich auch.»

«Was halten Sie davon?», fragte Ames überraschend.

Der Rabbi fühlte sich überrumpelt. «Das verstehe ich nicht. Spielt das, was ich denke, eine Rolle?»

«Nein, ich fürchte nicht, aber ich würde es trotzdem gern wissen.»

Der Rabbi lächelte. «Es ist kein sehr bedeutsamer Zufall, aber ich habe erst gestern im Talmud nach Material für eine Predigt gesucht und kam dabei auf einen Abschnitt, der ein ähnliches Problem berührte.»

«Talmud? Ach, das ist eines Ihrer religiösen Bücher?»

«Es ist eigentlich unser Gesetzbuch. Und der Abschnitt befasste sich nicht mit Mord, sondern mit dem Bürgschaftsrecht und der Verantwortlichkeit des Bürgen.»

«Heißt das, dass dieser Talmud sich mit dem Zivilrecht befasst?»

«O ja», bestätigte der Rabbi, «und mit dem Strafrecht und dem Kirchenrecht – mit allen Rechtsarten, die unser Leben beeinflussen. In unserer Religion trennen wir sie nicht. Also, in diesem Fall ging es um Verlust durch zufälligen Schaden, und es gab Beweise für die Nachlässigkeit des Bürgen. Es ging um die Frage seiner Haftung. Ein Rabbi stellte sich auf den Rechtsstandpunkt, dass Fahrlässigkeit am Anfang einer Handlung, die einen Schaden zur Folge hat, wenn auch durch Zufall, den Bürgen haftbar macht.»

«Ja, das ist auch der Standpunkt, den wir einnehmen.»

«Aber ein anderer Rabbi war der Ansicht, dass das Grundprinzip anders sein müsse. Selbst wenn am Anfang Fahrlässigkeit vorgekommen ist, ist er nicht haftbar, wenn der Schaden durch einen Zufall verursacht wird.»

«Und wie wurde der Fall entschieden?», fragte Ames, der auf einmal Interesse gewann.

Der Rabbi lächelte. «Er wurde gar nicht entschieden. Wie bei einer größeren Anzahl solcher Fälle wurde die endgültige Entscheidung bis zur Wiederkehr des Propheten Elias hinausgeschoben.»

Ames lachte. «Sehr gut. Ich wollte, wir könnten auf so etwas zurückgreifen.»

Auch der Rabbi lachte. «Das können Sie nicht, es sei denn, Sie glaubten, Elias käme wirklich wieder.»

«Das würde die Lage natürlich verändern.» Ames entdeckte, dass ihm der Rabbi gefiel, und beschloss, sich ihm anzuvertrauen, wie er es geplant hatte. «Um auf den akuten Fall zurückzukommen, Rabbi, gestehe ich Ihnen ein, dass ich über die augenblickliche Situation keineswegs glücklich bin. Die jungen Leute können eine bestimmte Zeit in Untersuchungshaft behalten werden, obwohl sie noch nicht durch ein Gerichtsverfahren für schuldig befunden worden sind. Ich weiß, das ist ein Risiko, dem jeder Bürger ausgesetzt ist. Es kann jedem geschehen. Natürlich ist es dem Einzelnen gegenüber ungerecht, aber andererseits muss der Staat seine Bürger schützen. Wir treffen viele Vorsichtsmaßnahmen, die verhindern sollen, dass ein Unschuldiger darunter zu leiden hat. Die Polizei kann niemand länger als vierundzwanzig Stunden festhalten, ohne dass ein Richter seine Zustimmung gibt, ebenso wie wir Menschen nicht dem Ungemach und den Härten eines Prozesses aussetzen, ehe nicht ein Schwurgericht entschieden hat, dass es gute Gründe gibt, die gegen sie sprechen.»

«Ich kann kaum annehmen, Mr. Ames, dass Sie gekommen sind, mir die Vorzüge unseres Rechtssystems darzulegen.»

Ames kicherte. «Recht haben Sie, Rabbi. Folgendes: Der Gerichtsarzt hat gerade seinen Befund eingereicht. Seiner Ansicht nach ist der Tod Ihres Kollegen einige Zeit vor der Explosion eingetreten. Nun sind die Untersuchungsergebnisse nicht beweiskräftig. Es können dem Arzt Fehler unterlaufen, wahrscheinlich ist das hier geschehen, aber wenn der Richter damals schon den ärztlichen Befund vorliegen gehabt hätte, würde er niemals die Stellung einer Kaution abgelehnt haben, davon bin ich überzeugt.»

«Aha», sagte der Rabbi. «Was tun Sie denn nun in einer derartigen Situation? So etwas muss ja sicher früher schon einmal vorgekommen sein – nicht genau wie in diesem Fall, aber doch so, dass neue Beweise aufgetaucht sind.»

«Oh, das kommt häufig vor. Normalerweise würde ich in so einem Fall den Verteidiger anrufen und ihm anraten, den Verzicht oder die Verminderung einer Kaution zu beantragen. In diesem speziellen Fall aber hat der District Attorney eine sehr festgelegte Meinung, und dadurch wird alles ein bisschen schwierig. Verstehen Sie?» Er blickte erwartungsvoll zum Rabbi hinüber.

«Ich glaube schon», sagte der Rabbi zögernd. Und dann: «Haben Sie in den anderen Fällen erst die Genehmigung des District Attorney eingeholt?»

«Nein, nein. Ich bearbeite meine Fälle ganz unbeeinflusst. Es ist nicht üblich, dass jemand eingreift.»

Der Rabbi sah ihn an. «Und warum können Sie diesmal nicht genauso vorgehen?»

Ames suchte im Besucherstuhl nach einer etwas bequemeren Stellung. «Weil wir schon darüber gesprochen haben und er dagegen ist.»

«Nehmen wir mal an, Sie machten sich nicht die Mühe, es ihm zu sagen, riefen aber trotzdem an. Würde er nicht vermuten, der Verteidiger hätte den Antrag von sich aus gestellt?»

«Wenn es ein Anwalt wäre, den ich kenne, mit dem ich schon zu tun gehabt habe, ließe sich das ohne jede Schwierigkeit machen. Ich würde durchblicken lassen, dass ich auf eigene Faust handle, und man besser kein Wort darüber verliert. Wissen Sie, in der County gibt es gar nicht so viele Anwälte, die Strafsachen machen, und im Laufe der Jahre habe ich mit den meisten von ihnen gute Kontakte entwickelt. Aber diesmal kenne ich keinen der Männer, die für die Studenten auftreten. Im Übrigen geht es um vier Anwälte, und da würde bestimmt etwas durchsickern.»

«Ah, jetzt sehe ich Ihr Problem.» Der Rabbi schwieg kurze Zeit. Endlich sagte er: «Als Sie mit mir den Fall besprochen haben, haben Sie es unter der Voraussetzung getan, dass ich als Rabbi, das heißt als Priester, der Schweigepflicht unterliege und das, was Sie gesagt haben, als vertrauliche Mitteilung betrachten muss?»

Ames kicherte wiederum. «Sie begreifen schnell, Rabbi. Um aber Ihre Frage zu beantworten: Wenn Sie im Zeugenstand stünden, Rabbi, und aus diesen Gründen die Aussage verweigerten, würde der das Verhör führende Anwalt sofort darauf hinweisen, dass, wenn einer der Gesprächsteilnehmer ein jüdischer Rabbi und der andere ein unitarischer Christ wären, das Recht des Priesters zur Aussageverweigerung keine Anwendung finden könne.»

«Sehr gut, gehen wir von dieser Basis aus. Sagen Sie mir, Mr. Ames, warum sind Sie gerade zu mir gekommen?»

«Von den vier Anwälten scheint mir Paul Goodman der einzig mögliche zu sein. Er ist erfahren; er stammt aus der Gegend. Dennoch wollte ich erst etwas über ihn erfahren. Ich habe Chef Lanigan angerufen, und er hat den Vorschlag gemacht, ich sollte mit Ihnen reden. Ich habe dem entnommen, dass Sie sich gut kennen.»

Der Rabbi sagte lachend: «Ja, wir haben schon miteinander zu tun gehabt.»

31

Bradford Ames ging langsam durch die Wohnung, blieb vor dem Bücherregal stehen, las Buchtitel oder betrachtete ein Bild an der Wand.

«Was suchen Sie?», fragte Sergeant Schroeder.

«Das weiß ich nicht.» Ames schüttelte den Kopf. «Mir fällt nichts ein. Dieser Hocker da, ist das der, von dem die Putzfrau sagt, er hätte nicht so gestanden, als sie fortgegangen ist?»

«Ja, das hat sie gesagt.»

«Und die Pfeife und der Aschenbecher? War sie sicher, dass die nicht dort standen?»

«Nicht bei der Pfeife. Sie sagt, sie hätte den Aschenbecher sauber gemacht, weiß aber nicht, ob eine Pfeife drin gelegen hat oder nicht. Aber wenn, hätte sie sie in den Ständer gehängt.»

«Das wird stimmen, Sergeant. Als alter Junggeselle weiß ich, dass Putzfrauen immer Aschenbecher sauber machen, ob es nötig ist oder nicht.»

«Frauen auch.»

«Ja?», fragte Ames geistesabwesend. «Tja, Sergeant. Ich neige dazu, ihr das zu glauben.»

«Haben Sie das vorher nicht getan?», fragte Schroeder erstaunt. «Warum nicht?»

«Weil die ganze Sache nicht mehr passt, falls das, was sie sagt, richtig ist.»

«Wieso nicht?»

Ames hob einen rundlichen Zeigefinger. «Sie sagt, sie wäre kurz vor drei Uhr, vielleicht zehn vor, fortgegangen. Wir wissen, dass die Bombe kurz nach drei Uhr explodiert ist. Das bedeutet: Hendryx musste in seine Wohnung gehen, den Hocker umstellen, ein Buch aus dem Regal ziehen, die Pfeife anzünden, sich zum Lesen in den Sessel setzen und dann mit einem Affenzahn in sein Büro rüberrennen, um sich von der Statue erschlagen zu lassen – und das alles in fünfzehn Minuten.»

«Er hätte ja mit brennender Pfeife hereingekommen sein können.»

«Ein guter Punkt, aber auch wieder nicht so gut, weil ein halbes Dutzend Streichhölzer im Aschenbecher liegt.»

«Das machen die doch andauernd», wandte Schroeder ein. «Sie benötigen mehr Streichhölzer als Tabak. Meinen Sie, das hätte er in fünfzehn Minuten nicht schaffen können?»

«Na, möglich wäre es», sagte Ames, «aber mehr auch nicht. Möglich, wenn man gegen eine Stoppuhr rennt. Genügt Ihnen das?»

«Nein, Sir», gab der Sergeant zu. «Aber Sie kennen doch den Spruch: Wenn du alles andere ausgeschlossen hast, muss das, was übrig bleibt, die Lösung sein. Andererseits, Mrs. O’Rourke kann mit der Zeit ein bisschen gemogelt haben und in Wirklichkeit ziemlich viel früher gegangen sein. Aber warum sollte sie deswegen lügen?»

Ames zuckte die Achseln. «Die schwindeln immer. Wenn sie ans Telefon gehen, während man nicht da ist, sagen sie, die Verbindung wäre schlecht gewesen, statt dass sie sich die Mühe machen, einen Bleistift zu holen und eine Nachricht aufzuschreiben. Wenn sie was kaputtmachen, verstecken sie’s, statt es einem zu sagen. Ich hatte eine, die legte Sachen, die sie kaputtgemacht hatte, an Stellen, wo ich drüber stolpern musste, damit ich denken sollte, ich wär’s gewesen.»

«Wir könnten sie nochmal fragen», schlug Schroeder vor.

Auch Ames hielt das für angebracht.

«Was ist mit dem Gerichtsarzt?», fragte der Sergeant. «Hat er zugegeben, dass er sich geirrt haben könnte?»

«Nein. Er besteht darauf, dass seine Zeitangabe stimmt.»

«Dann ergibt das alles keinen Sinn, überhaupt keinen», sagte Schroeder kopfschüttelnd.

Ames kicherte. «Sergeant, über Ärzte kann ich Ihnen was erzählen. Der Arzt ist noch nicht geboren, den ich nicht im Kreuzverhör über eine Todeszeit in Widersprüche verwickeln könnte. Natürlich tue ich das nicht. Meistens sind sie ja auch auf meiner Seite. Aber man braucht wirklich nur die einschlägige Literatur zu lesen, um zu sehen, wie viele Variationen es über den Abschied von dieser Welt gibt. In unserem Fall sagt der Arzt, der Tod wäre zwischen 14 Uhr 10 und 14 Uhr 40 eingetreten. Also fragen Sie ihn, ob es nicht ein wenig früher und ein bisschen später hätte sein können, sagen wir von 14 Uhr 05 bis 14 Uhr 45, und das muss er natürlich als Möglichkeit zugeben. Sie dehnen die Spanne also immer um fünf Minuten aus, bis er dann Einspruch erhebt und sagt, so früh oder so spät hätte es unmöglich sein können. Mittlerweile trauen ihm aber die Geschworenen schon nicht mehr so ganz. Dann fragen Sie, warum er zwischen 14 Uhr 10 und 14 Uhr 40 angegeben hätte, wenn er jetzt zugesteht, dass es zwischen Viertel vor zwei und Viertel nach drei sein könnte. Selbst wenn es ihm gelingt, sich zu beherrschen – die Chance, dass er das nicht kann, ist groß –, werden die Geschworenen ihn nicht für einen sehr objektiven, wissenschaftlichen Zeugen halten, sondern annehmen, er versuchte nur, der Partei zu helfen, von der er bezahlt wird.»

«Donnerwetter!»

«Aber, Sergeant», sagte Ames kichernd, «das sind nur juristische Feuerwerke. Wenn er ein guter Mann ist, der was von seinem Beruf versteht, würde ich merken, dass er die Wahrheit sagt, selbst wenn ich ihn im Zeugenstand zu Hackfleisch verarbeite.»

Schroeder war nun doch sehr verwirrt. «Irrt er sich denn nun oder nicht?»

«Das ist das große Problem, Sergeant. Wenn der Gerichtsarzt nämlich Recht hat, dann war es nicht die Explosion, die die Büste zum Fallen gebracht hat, sondern etwas anderes. Ich habe schon an Erschütterung durch einen vorbeifahrenden schweren Laster gedacht oder um den Schallmauerdurchbruch eines Düsenflugzeugs – aber so etwas muss schon öfter vorgekommen sein, und die Büste ist dabei nie umgekippt. Nein, nein, es deutet alles darauf hin, dass jemand das Ding heruntergezogen hat. Absichtlich. Und das ist Mord, nicht die Folge einer verbrecherischen Tat, sondern glatter, klarer Mord.»

«Wir könnten in Hendryx’ Vergangenheit nachforschen, ob es jemand gibt, der ihm den Tod wünschen könnte», schlug der Sergeant vor.

Ames nickte heftig. «Ja, tun Sie das. Unbedingt. Ich würde jeden vernehmen, der an dem Nachmittag im Haus war. Ich würde mir auch die Leute aus der englischen Abteilung vornehmen. Ganz besonders würde ich mich dafür interessieren, warum er nicht wie jeder andere seinen Schreibtisch im großen Büro der Abteilung hatte.»

«Sehr wohl, Sir, ich werde mich darum kümmern.»

32

Dean Hanbury strickte gemächlich vor sich hin, während sie die Fragen des Sergeant beantwortete. «Warten Sie … zwischen 14 und 15 Uhr war ich natürlich hier und habe auf die Studentendelegation gewartet. Präsident Macomber könnte in seinem Büro gewesen sein, aber meine Sekretärin geht freitags schon um zwölf. Dann war Rabbi Small da und natürlich seine Studenten.»

«Er hat gesehen, wie Sie die Tür zugemacht haben.»

Sie lachte. «Oje, hat er das gesehen? Das tut mir Leid. Es war nicht sehr nett von mir. Er ist ein reizender Mensch, aber er nimmt alles so ernst. Jeden Freitag kommt er herein, um mir zu erzählen, wie wenige wieder an seinem Kursus teilgenommen haben. An diesem Freitagmittag wollte ich wegen des Treffens mit den Studenten, und weil der Vormittag so hektisch gewesen war, einfach niemand mehr sehen.»

«Können Sie mir was über Professor Hendryx erzählen?»

«Was, zum Beispiel, Sergeant?»

«Na, über sein Privatleben, seine Freunde, seine engsten Mitarbeiter –»

Sie schüttelte bedauernd den Kopf. «Ursprünglich stammt er aus meiner Heimatstadt, Barnard’s Crossing. Ich kenne ihn seit frühester Jugend. Er war natürlich viel älter als ich, aber in einer kleinen Stadt kennt jeder jeden. Als wir ihn bei uns angestellt haben, haben wir seine akademische Laufbahn sehr gründlich überprüft, aber das ist alles. Er hat irgendwo im Westen noch Angehörige. Hier hatte er als Junggeselle keine engen Kontakte.»

 

Als Antwort auf ein lebhaftes «Herein!» betrat Sergeant Schroeder das Büro von Präsident Macomber, der gerade dabei war, einen Golfball über den Teppich in Richtung auf ein umgekipptes Wasserglas am anderen Ende des Zimmers zu schlagen. «Ah, Sie sind das. Ich dachte, es wäre meine Tochter. Was kann ich für Sie tun?»

«Wir sammeln noch ein paar letzte Auskünfte und überprüfen noch einmal alle Aussagen von Personen, die so zwischen zwei und drei Uhr noch im Hause waren.»

«Oh, ich war auch hier. Ich muss ein paar Minuten vor oder nach halb drei gegangen sein.»

Er hob das Glas auf und ließ den Ball in die Hand rollen. Er wollte schon das Glas wieder auf den Teppich legen, überlegte es sich dann anders und stellte es auf den Schreibtisch. Dann schob er den Golfball in die Tasche und setzte sich. Den Schläger hielt er immer noch in der Hand. «Das ist eine unglückselige Geschichte, Sergeant. Wissen Sie, Dean Hanbury war andauernd hinter mir her, ich sollte Hendryx zum Leiter der englischen Abteilung ernennen. Er war nur kommissarischer Leiter. Und ausgerechnet an dem Morgen habe ich ihr mitgeteilt, ich würde ihn befördern. Da sieht man mal wieder die Bestätigung des alten Spruchs: Der Mensch denkt und …»

Sergeant Schroeder sagte, davon habe Dean Hanbury ihm gegenüber aber nichts erwähnt.

«Na, das ist doch klar. Unter den Umständen, und nachdem es nicht öffentlich bekannt gegeben worden war, warum sollte sie? Außerdem meinte sie sicher, das wäre meine Sache.»

«Ja, das denke ich mir auch», sagte der Sergeant. «Wie ist das, können Sie mir was über Professor Hendryx’ Privatleben, seine Beziehungen zu anderen Kollegen oder zu Studenten und besonders zu Studentinnen erzählen? Er war ja schließlich Junggeselle und lebte allein –»

«Die Frage kann ich Ihnen beantworten, Sergeant», sagte Betty Macomber, die gerade das Büro betreten und seine Frage mitgehört hatte. «Professor Hendryx hatte keine Beziehungen der Art, wie Sie sie andeuteten. Ich kannte ihn sehr gut und habe ihn sehr oft gesehen. Wir wollten nämlich heiraten.»

 

Mary Barton, sehr bald schon Dr. Barton, plauderte ohne jede Bosheit oder Hemmung drauflos. «Ach, ich mochte ihn, aber er war nicht jedermanns Geschmack. Er wurde leicht scharf und sarkastisch und machte gern spitze Bemerkungen, die die Leute verärgerten. Mich hat das nie gestört. Im Gegenteil, mich amüsiert so was. College-Professoren geben sich oft so überheblich, und unsere Abteilung ist da keine Ausnahme, und ich fand es lustig, wenn er ihre kleinen Eitelkeiten bloßstellte … Nein, gehasst hat ihn wohl keiner, aber als er ankündigte, er zöge aus dem großen Büro aus, hat ihn bestimmt niemand zum Bleiben überredet … Wie ich das meine? Na, zum Beispiel hat Professor Hallett mal erwähnt, er wolle in Urlaub fahren, worauf Hendryx bemerkte: ‹Davon werden ihre Studenten aber sicher profitieren.› Und dann hat er die Juden immer gefrotzelt. Als er in einem Kurs auf den Kaufmann von Venedig zu sprechen kam, hat er gesagt: Na, da werde ich von den Auserwählten aus meinem Kurs viel Interessantes zu hören bekommen.› Wir haben im Kollegium unter den Jüngeren zwei oder drei Juden.» Sie lachte. «Wissen Sie, als ich in den fünfziger Jahren hier angefangen habe, war es allgemeine Politik, in der englischen Abteilung keine Juden einzustellen. Mathematik, Naturwissenschaften, Wirtschaftskunde – okay, aber nicht für Englisch. Ich erinnere mich, dass sie Albert Brodsky abgelehnt haben … Ach, das ist der, der das fabelhafte Buch über Linguistik geschrieben hat … Professor Brodsky von Princeton? Sie haben nie von ihm gehört? Na, glauben Sie mir, der ist absolute Spitze …

Aber was wollte ich sagen? Ach ja, sie waren natürlich alle etwas peinlich berührt und haben so getan, als hätten sie’s nicht gehört. Alle, nur nicht Roger Fine. Der hat sich gegen Hendryx gewehrt. Nicht nur das. Ich hab ihn einmal sagen hören, er würde Bekanntschaft mit seinem Stock machen, wenn er nicht den Mund hielte. Fine ist ein bisschen lahm und geht am Stock … Ja, sicher muss das um eine Bemerkung gegangen sein, die Fine als antisemitisch empfand. Vielleicht ist er etwas überempfindlich, aber das sollte ich nicht sagen, weil ich ja nicht jüdisch bin. Ich meine, wenn ich es wäre, würde ich vielleicht anders empfinden. Ich erinnere mich, ich habe Rabbi Small gefragt, ob er Hendryx für einen Antisemiten hielte, aber darauf hat er mit Nein geantwortet. Natürlich war das nach dem Tod von Hendryx, vielleicht dachte der Rabbi: De mortuis … Richtig, es war kurz vor dem Gedenkgottesdienst für Hendryx … Ach, ich dachte, Sie kennen das. Es ist ein lateinischer Spruch. De mortuis nihil nisi bonum. Das bedeutet, dass man über die Toten nur Gutes sagen soll.»

 

«Sagt mal, sind die Cops auch bei euch aufgekreuzt?», rief Mazelman in die Klasse. «Bei mir tanzt doch tatsächlich ein Sergeant zu Hause an und quetscht mich aus –»

«Was meinst du damit?»

«Na, wer am Freitag in der Vorlesung war, an dem Freitag, an dem es Hendryx erwischt hat? Hab ich jemand im Haus gesehen? Allmählich kommt dann raus, dass es um die Zeit zwischen zwei und drei Uhr geht. Ich hab ihm dann gesagt, dass ich um zwei schon am Flughafen war, weil der Rabbi launisch war und uns hat sitzen lassen. Mann, war der platt!»

«Du Arschloch!»

Mazelman verfärbte sich. «Was soll das, Luftig?»

«Warum musstest du ihm denn das sagen?»

«Warum nicht? Ist das ein Geheimnis?»

«Ich hab’s nicht gern, wenn man seine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit wäscht», beharrte Luftig.

«Na, das hat sich einfach so ergeben. Übrigens, seit wann bist du denn so ein großer Spezi vom Rabbi? Du zankst dich doch dauernd mit ihm rum.»

«Na und? Muss ich ihn deshalb gleich den Wölfen vorwerfen?»

«Wer wirft ihn denn den Wölfen vor?», begehrte Mazelman auf. «Und im Übrigen, mach dir keine Sorgen um den Rabbi. Ein so gerissener Kerl kann auf sich selber aufpassen.»

 

«Wenn man erst mal anfängt zu graben, findet man auch was», sagte Sergeant Schroeder in grimmiger Selbstzufriedenheit zu Bradford Ames, der gerade seinen Bericht zu Ende gelesen hatte. «Warum, zum Beispiel, hat uns diese Dekanin nicht gesagt, dass Hendryx Leiter der Abteilung werden sollte?»

«Weil sie es, als Sie sie zum ersten Mal gefragt haben, vermutlich nicht für wichtig gehalten hat. Den Grund, den Präsident Macomber nannte, halte ich für stichhaltig.»

«Ich begreife das nicht. Ein Mann ist ermordet worden.»

«Sie müssen doch jetzt einen neuen Mann für den Posten benennen, nicht wahr? Warum sollen sie ihm sagen, dass er zweite Wahl ist?»

«Ja, gut …» Der Sergeant war nicht überzeugt. «Ich muss natürlich noch eine Reihe anderer fragen.»

«Ja, Sie sagten, Sie wollten nochmal mit der Putzfrau reden.»

«Sie wollten mit dabei sein, Sir.»

«Stimmt, das will ich unbedingt. Gibt’s was über den ausgerückten Studenten, diesen Ekko?»

Schroeder grinste zufrieden. «Ich glaube, dem sind wir auf der Spur. Freitag, am Spätnachmittag, ist ein junger Mann in den Bus nach Albany gestiegen. Er hat sich neben einen Mann gesetzt, der in Springfield ein Friseurgeschäft hat. Nun stellt sich heraus, dass der Friseur einem seiner Kunden von dem jungen Burschen erzählt hat, der ihn zum Besten halten wollte, und dem er es damit heimgezahlt hat, dass er ihm auf den Kopf zugesagt hat, er trüge eine Perücke und einen falschen Bart. Unser Glück will es, dass der Kunde ein Mann von der Kriminalpolizei in Springfield ist und unsere Meldung über diesen Ekko gelesen hat, der kahl wie ein Ei ist. Der Beamte hat daraufhin dem Bild auf dem Steckbrief Haare und einen Schnurrbart aufmalen lassen – und der Friseur hat ihn einwandfrei erkannt. Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, bis wir ihn haben.»

«Sehr gut», lobte Ames. «Sind Sie mit dem College schon durch?»

«Nein, es fehlen noch Professor Fine, der Rest der Studenten des Rabbi und natürlich der Rabbi selber. Mit dem werde ich mich wohl etwas näher befassen müssen.»

«Mit dem Rabbi?» Ames sah erstaunt auf.

«Ganz richtig. Der hat ’ne Menge zu erklären. Ich hab Ihnen doch erzählt, dass er damals nicht mit mir reden wollte, weil Sabbat war. Na, und als er sich dann endlich dazu bequemt, erwähnt er kein Wort darüber, dass er schon nach zehn Minuten nach Kollegbeginn aus seiner Klasse davongelaufen ist.»

«Und warum messen Sie dem so große Bedeutung zu?»

«Überlegen Sie doch, Sir. Wenn er seine Klasse kurz nach eins, das Haus aber erst nach zwei Uhr verlassen hat, dann war er über eine Stunde mit Hendryx zusammen. Bitte, was haben sie in der Zeit gemacht?»

«Was am naheliegendsten ist – geredet.»

«Jawohl!» Schroeder schien dies als verdächtig anzusehen. «Und nun erinnern Sie sich an die Aussage dieser Miss Barton. Hendryx war ein Antisemit.»

«Worauf wollen Sie hinaus, Sergeant?»

«Also: wenn der Rabbi zugibt, gegen zehn nach zwei gegangen zu sein, und der Arzt die Todeszeit zwischen zehn nach zwei und zwanzig vor drei festlegt, und der Rabbi bis zu diesem Zeitpunkt mit Hendryx allein war, mit Hendryx, einem bekannten Antisemiten, und er dazu noch ein Rabbi … Nehmen wir an, sie haben gestritten. Nehmen wir an, der Arzt liegt mit der Zeit nicht ganz richtig. Es geht um die zehn oder fünfzehn Minuten, von denen Sie selber gesprochen haben – nur, dass es früher ist, nicht später. Sir, wenn nun gar kein Plan erforderlich gewesen wäre, wenn es eine spontane Handlung …»

Bradford Ames starrte ihn an, als sähe er ihn zum ersten Mal. Schroeder hatte es offenbar noch nicht verwunden, dass der Rabbi sich anfangs geweigert hatte, mit ihm zu sprechen.

«Und wie zieht er den Gipskopf herunter, Sergeant?», fragte Ames sanft. «Haben Sie darüber nachgedacht?»

«Hab ich», sagte Schroeder. «Auf den Regalen liegen alte Bücher und Hefte. Nehmen wir an, der Rabbi entdeckt ein Buch, das er lesen oder ansehen will. Wenn es auf dem obersten Bord steht, muss er raufklettern. Er klettert also rauf und ist direkt neben der Büste. Dann braucht er ihr nur einen kleinen Stoß zu geben. Vielleicht war es ja auch wirklich nur ein Unfall.» Er hatte plötzlich einen Gedanken. «Vielleicht wollte er deswegen zu Dean Hanbury, um ihr zu sagen, es sei ein Unfall passiert, und sie solle einen Arzt rufen. Aber sie macht ihm die Tür vor der Nase zu. Er muss natürlich ganz durcheinander gewesen sein. Und jetzt frage ich Sie: Geht ein Mann, der gerade so etwas erlebt hat, direkt nach Hause?» Er schüttelte den Kopf. «Nein, Sir. Er fährt eine Weile herum und versucht, sich klar zu werden, was er tun soll. Darum ist er so spät nach Hause gekommen. Und dann, als ich angerufen habe, hatte er schon von der Bombenexplosion gehört. Klar, dass er nicht mit mir reden wollte, ehe er einen festen Plan hatte.»

«Aber –»

Der Sergeant beugte sich aufgeregt vor. «Jetzt kommt der Knüller! Erinnern Sie sich, was für Gedanken wir uns gemacht haben, wie der Mörder hereingekommen ist, ohne dass Hendryx aufstehen musste, um ihm die Tür zu öffnen? Bitte, es gibt eine Person, die das konnte, und das ist der Rabbi. Weil er selber einen Schlüssel hatte! Oh, ich habe eine Menge Fragen für den Rabbi –»

«Nein.»

«Nein?»

«Nein, Sergeant, ich werde mit ihm sprechen.»

33

Nur ein paar der engsten Freunde der Selzers waren gekommen, um ihnen zur Freilassung ihres Sohnes zu gratulieren. Jetzt lauschten sie dem Vater in verzückter Aufmerksamkeit.

«Und da kommt der Rabbi, und ich offeriere ihm eine Tasse Kaffee. Dabei hatte ich zu der Zeit gar keine Lust, Besucher zu bewirten, versteht ihr. Aber wenn ich der Chefin erzählt hätte, der Rabbi wäre gekommen und ich hätte ihm nichts angeboten, Mann, hätte ich was zu hören bekommen!» Er sah liebevoll seine Frau an, die neben ihm auf dem Sofa saß und seine Hand streichelte.

«Aber er sagt, er hat’s eilig und kann nicht lange bleiben. Und dann sagt er: Ich glaube, es wäre eine gute Idee, wenn Sie mal mit Mr. Goodman sprächen. Sagen Sie ihm, er soll einen Antrag auf Freilassung Ihres Sohnes stellen; er soll selber bürgen oder eine mäßige Kaution anbieten.› Einfach so. – Nun hab ich aber, seit uns das geschehen ist, von allen Leuten gute Ratschläge bekommen. Nicht nur von Freunden und Bekannten, sondern auch von Leuten, die ich kaum kenne oder die mir ganz fremd sind. Einer ruft mich an und sagt, ich soll den Anwalt nehmen, von dem die Presse behauptet hat, dass er alle seine Mandanten freibekommt. Ein anderer sagt, ich soll an alle Zeitungen schreiben und eine Pressekampagne starten. Und dann haben ein paar Irre angerufen und gesagt, wenn ich mich Jesus unterwürfe, würde er es in die Hand nehmen. Und einer ist tatsächlich zu mir gekommen und hat gesagt, ich könnte Abner morgen zu Hause haben, wenn ich Ströme in meinem Gehirn aktiviere, die sich dann mit denselben Strömen in den Köpfen des Richters und des D. A. verbänden und ihnen sagten, sie müssten Abner entlassen und nach Hause schicken. Gott sei mein Zeuge! Es war ihm todernst damit, und er redete wie ein College-Professor.»

«Nun erzähl schon weiter», unterbrach ihn seine Frau.

«Recht hast du. Also: da war der Rabbi und sagte mir, was ich meinem Anwalt erzählen sollte. Und er schlägt das nicht nur vor – ich sollte das mit Goodman besprechen oder ihn fragen, ob das nicht eine gute Idee wäre. Nein. Er sagt: ‹Sagen Sie ihm.› Aber ihr kennt mich ja. Wenn ich krank werde oder einer aus der Familie, was Gott verhüten möge, dann rufe ich nicht einen Arzt an und sage ihm, was für Pillen er mir geben soll. Er ist schließlich der Fachmann. Und darum bezahle ich ihn auch. Mit einem Anwalt ist das genauso. Wenn ich ihm sage, was er machen soll, wozu brauche ich ihn dann?»

Selzer sah sich im Zimmer um. «Andererseits werde ich das dem Rabbi nicht ins Gesicht sagen, weil er – na, weil er der Rabbi ist. Ich meine, vielleicht bin ich darin komisch oder es liegt an meiner Erziehung, aber mit einem Rabbi rede ich nicht so wie mit einem normalen Menschen. Wenn mir ein Rabbi sagt, ich soll was tun, dann tu ich es vielleicht, vielleicht aber auch nicht, nur diskutieren würd ich nie mit ihm. Nun liegt es aber so, dass ich Rabbi Small für einen guten Mann halte und finde, dass wir Glück haben, dass er hier ist. Als Rabbi, meine ich jetzt natürlich, versteht ihr? Denn dies ist eine praktische Sache, und ich halte nun mal Rabbi Small oder irgendeinen anderen Rabbi nicht für einen praktischen Mann. Darum hab ich mich sehr höflich bei ihm für seine Teilnahme bedankt und hätte wahrscheinlich alles vergessen, wenn ich nicht wegen der neuen Times zum Drugstore gegangen wäre. Und wen treffe ich da? Den alten Jake Wasserman, der mit Al Becker spazieren geht.»

«Ach?», sagte Berkowitz. «Wie geht’s dem alten Knaben? Ich hab ihn seit Monaten nicht gesehen.»

«Er sieht prima aus, wirklich prima», erwiderte Selzer. «Natürlich ist er schrecklich dünn, und seine Haut ist fast durchsichtig, so blass ist er. Beim Gehen schlurft er vor sich hin und hält sich an Becker fest, als würde er umfallen, wenn er losließe, aber sonst fand ich ihn sehr gut aussehend. Natürlich bleiben wir auf einen Schwatz stehen, und er fragt, was es in der Sache meines Jungen Neues gäbe, und ich sage ihm, es gäbe nichts Neues, alles wäre wie immer. Na, während wir so reden, bemerkte ich so nebenbei, dass der Rabbi bei mir war, und was er gesagt hat.

Und da fragt Wasserman: ‹Haben Sie es denn Goodman mitgeteilt?› Daraufhin erkläre ich ihm, dass ich keinen Sinn drin sehe, einem Anwalt zu sagen, wie er seine Arbeit tun soll. Aber der alte Jake schüttelt den Kopf und zeigt, dass er nicht meiner Meinung ist, und dann sagt er: ‹Der Rabbi ist zu Ihnen gekommen? Sie sind ihm nicht zufällig über den Weg gelaufen wie jetzt uns beiden› – ‹Nein, nein›, sage ich. ‹Er ist zu mir gekommen.›

Als Nächstes fragt Al Becker: ‹Nur deswegen, oder hat er noch was anderes von Ihnen gewollt?› – ‹Nein›, sage ich, ‹nur deswegen.›

Ja, und dann legt mir Wasserman die Hand auf den Arm und sieht mir tief in die Augen. ‹Glauben Sie mir, Mr. Selzer›, sagte er dann ganz ernst, wenn der Rabbi sich extra die Mühe macht, Ihnen das zu sagen, dann sollten Sie seinem Rat folgen.›»

Selzer sah von einem zum anderen. «Also, um die Wahrheit zu gestehen, ich wollte lachen und es abwehren. Wasserman ist ja schließlich ein sehr alter Mann.»

«Und wir wissen alle, dass er glaubt, die Sonne geht mit dem Rabbi auf und unter.»

«Das kann man wohl sagen», stimmte Selzer zu. «Darum wollte ich es ja auch abtun, aber dann sagt auch noch Al Becker, der ein praktischer und sehr erfolgreicher Geschäftsmann ist: ‹Das ist ein guter Rat, Selzer, und wenn Sie den nicht befolgen, werden Sie sich hinterher noch lange Vorwürfe machen.›

Tja, und da bin ich unruhig geworden. Wenn man bedenkt: ein Mann wie Becker, ein großer Geschäftsmann, was der schon alles mit Anwälten zu tun gehabt hat! Ich meine, der weiß doch Bescheid. Und dann denke ich: Vielleicht verpasse ich doch eine Chance. Und warum hab ich eigentlich Angst vor Paul Goodman? Ich meine, ich bezahle ihn doch, oder nicht? Ich bin kein Wohlfahrtsfall. Na, als ich nach Hause gekommen bin, hab ich ihn angerufen. Und um eine lange Geschichte kurz zu machen; er stellt den Antrag. Und was passiert? Dank unserem Rabbi ist Abner oben und holt den verpassten Schlaf nach.»

34

«Nur eine Frage, Rabbi», sagte Bradford Ames und lächelte liebenswürdig. Sie saßen wieder in dem winzigen College-Büro des Rabbi. «Warum haben Sie Sergeant Schroeder nicht erzählt, dass Sie am Freitag vorzeitig aus Ihrer Vorlesung gegangen sind?»

Rabbi Small wurde rot. «Vermutlich, weil es mir peinlich war. Er hat auch nicht gefragt, um welche Zeit ich aus dem Hörsaal gekommen bin, sondern nur, wann ich das Gebäude verlassen habe. Sicher, ich hätte es erwähnen sollen, aber Lanigan war dabei und meine Frau, und ich habe mich geniert zuzugeben, dass ich Ärger mit den Studenten gehabt hatte.»

«Gut, dann frage ich das jetzt, Rabbi. Wann haben Sie den Hörsaal verlassen?»

«Es kann kaum später als zehn oder Viertel nach eins gewesen sein», antwortete der Rabbi prompt. «Und ich bin sofort hierher gekommen.»

«War Hendryx hier?»

«Er saß oder vielmehr lag in eben diesem Stuhl.»

«Und Sie sind bis kurz nach zwei Uhr hier geblieben?»

«Hm.»

«Sie saßen hier etwa eine Stunde lang zusammen und haben ein freundschaftliches Gespräch geführt?»

«Ja, so war es, Mr. Ames.»

«War es freundschaftlich, Rabbi? Haben Sie ihn als Freund betrachtet?»

«Nein, das nicht gerade», sagte der Rabbi. «Wir teilten uns dieses Büro, mehr war nicht dran.»

«Aber Sie haben sich immerhin eine Stunde lang unterhalten», gab Ames zu bedenken. «Worüber, wenn ich fragen darf?»

«Ach, zum größten Teil über Erziehungstheorien.» Der Rabbi errötete schon wieder. «Anfangs wollte ich nur abwarten, ob einer aus der Klasse käme, um sich für ihr Benehmen zu entschuldigen. Und dann bin ich geblieben, weil ich – ja, weil ich schließlich für die Zeit bezahlt wurde.»

Ames sah den Rabbi neugierig an. «Eine erfreuliche Einstellung, wenn Sie mir diese Bemerkung gestatten. Und dann, auf der Heimfahrt, haben Sie unterwegs angehalten, eine Tasse Kaffee getrunken und sich in ein Buch vertieft. Sie sind erst ziemlich spät nach Hause gekommen.»

«Ja, das stimmt», bestätigte der Rabbi.

Ames kicherte und lachte dann laut auf. «Ich glaube Ihnen, Rabbi. Und wissen Sie warum? Weil es eine so verdammt unwahrscheinliche Erklärung ist, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass Sie sie erfunden haben.»

Der Rabbi grinste.

«Haben Sie jetzt alles erzählt?», fragte Ames und zog ihn ein bisschen auf. «Halten Sie nichts zurück, weil es Ihnen peinlich sein könnte oder Sie es für unwichtig erachten?»

«Wie soll ich das wissen?», fragte der Rabbi. «Wie soll ich entscheiden, was wichtig ist und was nicht, wenn ich nicht weiß, in welche Richtung sich Ihre Gedanken bewegen oder in welchem Stadium sich Ihre Ermittlung befindet.»

Ames nickte. Sollte er es ihm sagen? Normalerweise würde er nie einem Außenseiter die Resultate einer nicht abgeschlossenen Ermittlung anvertrauen, aber, andererseits, der Rabbi konnte vielleicht helfen. Er war klug und feinfühlig und hatte fast eine Stunde lang mit Hendryx kurz vor dessen Tod gesprochen. Wenn er wusste, wonach sie suchten, erinnerte er sich vielleicht an eine Bemerkung, die wichtig sein konnte. Sergeant Schroeder würde zweifellos nichts davon halten, wahrscheinlich der District Attorney auch nicht. Und das gerade gab den Ausschlag. Er gewann Gefallen an seiner Idee und erzählte bis in alle Einzelheiten, was sie bisher entdeckt hatten. «Sehen Sie», sagte er dann abschließend, «am Ende bleiben nur zwei Möglichkeiten übrig: Entweder lügt Mrs. O’Rourke, oder der Gerichtsarzt hat einen Fehler gemacht.»

Der Rabbi saß lange still, dann stand er auf, umkreiste den Schreibtisch und ging auf und ab. «Die beiden halten sich nicht die Waage», sagte er endlich. «Sie haben nicht das gleiche Gewicht. Denn wenn Sie dem Gerichtsarzt Glauben schenken –» ganz unbewusst fiel er in den talmudischen Singsang – «dann müssen Sie nicht nur annehmen, dass Mrs. O’Rourke gelogen hat, sondern auch, dass die Büste nicht durch die Explosion der Bombe zu Fall gebracht worden ist. Wenn Sie aber glauben, dass dem Gerichtsarzt ein Fehler unterlaufen ist, und Mrs. O’Rourke die Wahrheit gesagt hat, dann ist es möglich, dass Hendryx mittelbar durch die Bombe getötet wurde. Aber das ist nicht wahrscheinlich. So haben Sie nun eine Unmöglichkeit auf der einen und eine Unwahrscheinlichkeit auf der anderen Seite.»

«Ich verstehe, wie Sie das meinen, dass die beiden sich nicht die Waage halten.» Ames rutschte lachend auf dem Stuhl herum. «Ihr Gesinge –»

«Oh, hab ich gesungen? Das ist mir nicht aufgegangen. Es ist die übliche Begleitung zu talmudischem Argumentieren. Ich glaube, ich mache das, ohne dass es mir bewusst wird.»

«Ich verstehe.» Ames kehrte zum Thema zurück. «Natürlich, Sie haben Recht damit, dass wir im besten Fall mit einer Unwahrscheinlichkeit enden. Das offene Buch und der am falschen Platz befindliche Hocker sind eine Sache von ein, zwei Minuten. Sie können sich zum Lesen in einem Sessel niederlassen, sich erinnern, dass Sie noch etwas zu erledigen haben, und das Buch aus der Hand legen, ohne eine Zeile gelesen zu haben. Aber die Pfeife und die vielen Streichhölzer …»

Der Rabbi, der die Wanderung fortgesetzt hatte, blieb nun stehen. «Rauchen Sie?»

«Nein, vielen Dank.»

«Oh, so hab ich es nicht gemeint. Ich wollte nur wissen, ob Sie rauchen.»

«Nein», sagte Ames, «nie, auch früher nicht. Ich hatte als Kind Asthma und hab nie damit angefangen.»

«Ich habe geraucht, aber aufgehört, als es mir zu schwer wurde, während der Woche zu rauchen und es am Sabbat nicht zu dürfen. Während meiner College-Zeit hab ich Pfeife geraucht. Als Student konnte man dem kaum widerstehen, wenigstens nicht zu meiner Zeit.»

«Das war in meiner Zeit auch so.»

«Ich hab’s mir allerdings nie richtig angewöhnt», fuhr der Rabbi fort. «Das taten nur die wenigsten Studenten. Es ist ein Trick dabei, und lange ehe man den gelernt hat, hat man sich die Zunge verbrannt und aufgegeben. Wenn ich mich also in den Sessel gesetzt und eine Pfeife geraucht hätte, ergäben die vielen Streichhölzer, die Sie gefunden haben, einen Sinn. Bis man es kann, geht einem andauernd die Pfeife aus, und man muss sie wieder neu anzünden. Man macht aus seinem Mund einen Blasebalg und zieht und pufft – und sie geht trotzdem aus. Aber nicht bei Hendryx. Der konnte Pfeife rauchen und genoss es. Ich habe ihm dabei zugesehen und ihn fast beneidet. Er hat sie angezündet – mit nie mehr als einem Streichholz –, hat den Tabak runtergedrückt und sie dann in Gang gehalten, absolut mühelos.»

«Was wollen Sie damit sagen, Rabbi?»

«Wenn jemand sechs Streichhölzer brauchte, um die Pfeife anzuzünden und in Gang zu halten, dann war es nicht Professor Hendryx.»

«Sie unterstellen also, dass jemand in die Wohnung kam und eine seiner Pfeifen rauchte, um den Anschein zu erwecken, Hendryx sei zurückgekommen, nachdem die Putzfrau schon gegangen war?»

Der Rabbi nickte.

«Aber das kann dann nur bedeuten, dass die betreffende Person vortäuschen wollte, Hendryx sei zu einer Zeit noch am Leben gewesen, während er bereits tot war.»

Wiederum stimmte der Rabbi zu.

«Das aber bedeutet, dass der Pfeifenraucher sich selbst ein Alibi geschaffen hat, weil er Hendryx ermordet hat.»

«Wenigstens kommen wir so zu einer dritten Möglichkeit», sagte der Rabbi mit dem Anflug eines Lächelns.

«Wieso eine dritte?»

«Sie sagten zu Anfang, es gäbe nur zwei: Entweder irrte sich der Gerichtsarzt oder die Putzfrau. Dies aber deutet darauf hin, dass beide Recht hatten, dass der Arzt die richtige Zeit angegeben hat und die Putzfrau die Wahrheit sagt.»

Ames stimmte ihm zögernd zu. Dann kam ihm ein Gedanke. «Aber nehmen wir mal an, die Fingerabdrücke auf der Pfeife stellen sich als die von Hendryx heraus?»

«Das wäre nur zu erwarten. Seine Abdrücke müssten auf all seinen Pfeifen sein. Der Mörder musste nur vorsichtig sein und sie nicht verwischen. Die Putzfrau hat sie bestimmt nicht abgestaubt. Eine Pfeife ist ebenso persönlich wie eine Zahnbürste.»

Bradford Ames lehnte sich zurück. «Wissen Sie, Rabbi, dass Sie ein sehr schlaues Kind sind? So, und nun erzählen Sie mir noch, wie der Mörder in die Wohnung gekommen ist.»

Der Rabbi schüttelte den Kopf. «Das weiß ich nicht.»