Ma­ri­on Zim­mer Br­ad­ley
Das Geschöpf der Wildnis

 

Die­se Ge­schich­te er­zählt man sich auf den ein­sa­men Bau­ern­hö­fen am Fu­ße der Cats­kill-Ber­ge, wo ich auf­wuchs. Man irrt sich, wenn man an­nimmt, das Land dort sei be­sie­delt und zi­vi­li­siert, nur weil die Städ­te durch brei­te Au­to­stra­ßen mit­ein­an­der ver­bun­den sind und die Fa­bri­ken sau­be­re Ar­beit an­bie­ten, die bes­ser be­zahlt wird als die Mü­he, dem kar­gen Bo­den einen Er­trag ab­zu­rin­gen. Denn zwi­schen den ein­zel­nen Bau­ern­hö­fen er­streckt sich das Wald­land, und dort gibt es Rot­wild, Ha­sen und so­gar Wöl­feund die großen Luch­se, die in har­ten Win­tern aus dem süd­li­chen Ka­na­da her­un­ter­wan­dern. Und ab und zu bringt ei­nes der Bau­ern­mäd­chen, das sich bei Nacht in den dich­ten Wald wagt, ein Kind wie Hel­ma Las­si­ter auf die Welt…

 

Ro­ger Las­si­ter hob ab­rupt die Hän­de von den Kla­vier­tas­ten und blick­te zu sei­ner schluch­zen­den jun­gen Frau hin­über.

»Hel­ma, Lie­bes!« sag­te er reue­voll. »Wenn ich ge­wußt hät­te … Ich ha­be dich nicht her­ein­kom­men ge­hört. Ver­zeihst du mir?«

»Na­tür­lich!« Hel­ma wisch­te sich die Trä­nen weg, und für einen Au­gen­blick wur­de ihr nas­ses Ge­sicht von ih­rem selt­sa­men, zö­gern­den Lä­cheln er­hellt. »Wenn ich ge­ahnt hät­te, daß du spie­len willst, wä­re ich nicht so früh zu­rück­ge­kom­men.« Sie ging durchs Zim­mer, und Ro­ger streck­te sei­ne Ar­me nach ihr aus, um sie auf­zu­hal­ten und an sich zu zie­hen. »War es nett bei Neil Con­nor?«

Sie schlug die Au­gen nie­der. »Ich war nicht bei Neil, Ro­ger. Es war zu schön im Wald. Und – heu­te nacht ist Voll­mond …«

Er leg­te einen Arm um ih­re Tail­le. »Du bist das wil­des­te Ge­schöpf der Na­tur, das mir je be­geg­net ist«, mur­mel­te er halb auf­ge­bracht, halb nach­sich­tig und dreh­te sich auf dem Kla­vier­sche­mel her­um, so daß er den dich­ten, tie­fen Wald – Ei­chen, Ahorn­bäu­me und Bir­ken – se­hen konn­te, der ihr Haus um­gab; dann wand­te er sich um und ließ sei­nen Blick auf Hel­ma ru­hen.

Sie bot einen er­freu­li­chen An­blick; ein Mäd­chen mit ho­nig­blon­dem Haar, schlank, zart, aber mus­ku­lös ge­baut, mit matt­wei­ßer Haut und dun­kel­grau­en Au­gen, die sich bern­stein­far­ben oder zu ei­nem wun­der­li­chen, gold­ge­fleck­ten Grün auf­hell­ten, wenn sie zor­nig oder auf­ge­regt war, und so ge­schmei­dig und gra­zi­ös, daß er sich oft frag­te, ob sie frü­her ein­mal Tän­ze­rin ge­we­sen war. Er wuß­te nicht viel über ih­re Ver­gan­gen­heit; sie sprach nie­mals über ih­re Kind­heit, und er wuß­te nur, daß sie mit vier­zehn Jah­ren von ei­nem Bau­ern­hof in den Adi­ron­dacks weg­ge­lau­fen war.

Als sie sich zu­fäl­lig im Schwimm­bad in Al­ba­ny tra­fen – er hat­te sie an­ge­spro­chen –, war sie drei­und­zwan­zig Jah­re alt. Ro­ger, der zwei Nef­fen zum Schwim­men mit­ge­nom­men hat­te, war von der Gra­zie, mit der sie sich im Was­ser be­weg­te, zu­erst an­ge­zo­gen, dann ent­zückt. Sie schwamm so an­mu­tig und schnell, wie es ei­ne der See­jung­fern, von de­nen die al­ten Sa­gen be­rich­ten, nicht bes­ser ge­konnt hät­te.

Er war ver­dutzt über die Ver­än­de­rung, die mit ihr vor­ge­gan­gen war, als sie in ei­nem bil­li­gen Rock und eben­sol­cher Blu­se und mit glatt­ge­bürs­te­tem Haar aus dem Um­klei­de­raum zu­rück­kam; ih­re Fü­ße steck­ten in schlot­tern­den Söck­chen und gro­ben Schu­hen. Es war, als ob ei­ne schim­mern­de Mün­ze sich plötz­lich mit Rost über­zo­gen hät­te. Aber die la­chen­de, strah­len­de Was­sernym­phe stand im­mer vor sei­nen Au­gen.

Er konn­te sie nicht ver­ges­sen. Es dau­er­te nicht lan­ge, da hat­te er ent­deckt, daß sie im Wald, in der frei­en Na­tur, wie­der zum Le­ben er­wach­te. Nach ih­rer Hoch­zeit hat­te er das klei­ne Haus am Wald­rand ge­baut, das kein Lu­xus, son­dern ei­ne Not­wen­dig­keit war. denn in ei­ner Stadt­woh­nung welk­te Hel­ma da­hin. Sie hat­ten das Haus mit ih­ren ei­ge­nen Hän­den ge­baut, leb­ten wäh­rend die­ser Zeit im Wald und schlie­fen in ei­nem Zelt. Hel­ma wur­de im­mer strah­len­der, bis sie von leuch­ten­der Schön­heit er­füllt schi­en. Und in der ers­ten Nacht, die sie im fer­ti­gen Haus ver­brach­ten, hat­te sie ge­mur­melt: »Ich glau­be, mir ge­fiel es im Zelt bes­ser!« Selbst jetzt schlief sie lie­ber auf der of­fe­nen Ter­ras­se, wann im­mer sie es ein­rich­ten konn­te.

Er lä­chel­te jetzt in ih­re halb­ge­schlos­se­nen Au­gen und sag­te, wie schon oft: »Ich glau­be, du bist zur Hälf­te ei­ne Wild­kat­ze, Hel­ma.«

»O ja, das bin ich«, ant­wor­te­te sie wie ge­wöhn­lich, »ich bin es wirk­lich. Wuß­test du das nicht?«

»Ich hat­te mal einen Hund, der fing auch im­mer zu heu­len an, wenn ich Kla­vier spiel­te. Das ist nicht ge­ra­de ein Kom­pli­ment für mich.«

Sie er­rö­te­te. Selbst nach vier­jäh­ri­ger Ehe konn­te sie noch emp­find­lich sein. »Ich kann nichts da­für«, flüs­ter­te sie zum hun­derts­ten­mal, »es tut mei­nen Oh­ren so weh …«

Er klopf­te ihr sanft auf die Schul­ter. »Mach dir nichts dar­aus, Lieb­ling. Ich wer­de dar­auf ach­ten, daß ich nicht spie­le, wenn du in der Nä­he bist. Aber ernst­haft, ich fan­ge an, mir Sor­gen zu ma­chen, ob du dich so weit al­lein in den Wald wa­gen soll­test. Bob Con­nor er­zähl­te mir, daß er Wolfs­ge­heul ge­hört ha­be, und neu­lich er­leg­te er einen Luchs. Bei Tag ist ja kaum et­was da­ge­gen ein­zu­wen­den, aber ich wünsch­te, du wür­dest nachts nicht in den Wald ge­hen, Hel­ma.«

Er war nicht an das Land­le­ben ge­wöhnt. In der Stadt ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen, war er in Pa­nik ge­ra­ten, als er zum ers­ten­mal nachts auf­wach­te und sich al­lein fand. Er hat­te das gan­ze Haus durch­sucht, aber es war leer; mit wach­sen­der Sor­ge, die sich zu ent­setz­li­cher Angst stei­ger­te, hat­te er mit ei­ner La­ter­ne in der Hand den Wald durch­ge­kämmt; im­mer wie­der vol­ler Furcht ru­fend, hat­te er Hel­ma end­lich ge­fun­den. Sie lag schla­fend in ei­ner gras­be­wach­se­nen Mul­de, und als er nä­her kam, sprang ein Ha­se von ih­rer Sei­te weg.

Nach ei­ni­gen Mo­na­ten hat­te er sich an Hel­mas Ei­gen­ar­ten ge­wöhnt. Es war für sie na­he­zu ei­ne phy­si­sche Un­mög­lich­keit, sich bei Tag oder Nacht vom Wald fern­zu­hal­ten, wenn er prak­tisch zum Grei­fen na­he war. Manch­mal frag­te Ro­ger sich, ob es klug ge­we­sen war, sie so weit von der Stadt und von der Zi­vi­li­sa­ti­on weg­zu­brin­gen; sie wür­de viel­leicht un­glück­lich, aber we­ni­ger wild ge­we­sen sein.

Er mur­mel­te: »Wenn wir ein Kind hät­ten …«

Er hat­te es fast un­hör­bar ge­sagt, doch ihr Kör­per ver­steif­te sich in der Um­schlin­gung sei­nes Arms, und sie dräng­te von ihm weg. »Ro­ger«, sag­te sie lei­se, »du weißt, ich kann nicht…«

Er sag­te be­hut­sam: »Wir ha­ben das The­ma sel­ten be­rührt, weil es dich im­mer so un­glück­lich macht. Aber ich glau­be, jetzt müs­sen wir dar­über spre­chen. Wo­her weißt du so ge­nau, daß du kein Kind ha­ben kannst? Viel­leicht soll­ten wir Dok­tor Cle­mons auf­su­chen, wenn wir am Sams­tag in der Stadt sind. Viel­leicht…«

Hel­ma riß sich zor­nig von ihm los, mit an­ge­spann­ten Mus­keln und zu­rück­ge­wor­fe­nem Kopf. Selbst das kur­ze, glat­te blon­de Haar schi­en elek­tri­siert und le­ben­dig zu sein, und ih­re Au­gen fun­kel­ten grün. Die klei­nen brei­ten Hän­de spreiz­ten sich zu Klau­en. »Ich will nicht!« fauch­te sie ihn an. »Ich will nicht von ir­gend­ei­nem Arzt be­tas­tet und an­ge­st­arrt wer­den …«

»Hel­ma!« Ro­gers schar­fe Stim­me ku­pier­te den hys­te­ri­schen An­fall; sie be­ru­hig­te sich et­was, fuhr aber mit ge­dämpf­tem Zorn fort: »Ich ha­be dir nie viel über mich selbst er­zählt, nicht wahr? Ich bin mir des­sen be­wußt. Ich kann dein Kind nicht ha­ben, und so ein Kind, wie ich es ha­ben könn­te, wür­dest du nicht wol­len. Ich …« Sie sank auf ei­ner Ecke des So­fas zu­sam­men und ver­grub mut­los ih­ren Kopf in den Ar­men. Nach lan­ger Zeit hob sie ihr Ge­sicht. »Wür­de es dich so glück­lich ma­chen, wenn ich ein Ba­by be­käme, Ro­ger?« frag­te sie mit be­ben­der Stim­me.

Der Mann konn­te es nicht er­tra­gen. Er stand auf, ging zu ihr hin, setz­te sich ne­ben sie aufs So­fa und zog den blon­den Kopf an sei­ne Schul­ter. »Nicht, wenn du es nicht willst, Hel­ma«, sag­te er sanft. »Viel­leicht hast du recht, viel­leicht …«

Ih­re großen Au­gen fun­kel­ten im Däm­mer­licht. »Du denkst, ich bin wild, du denkst, ich bin ei­ne Ver­rück­te, die durch ein Ba­by, um das sie sich küm­mern muß, nor­mal wer­den könn­te. Du willst, daß ich so bin wie die Frau­en dei­ner Freun­de, wie Neil Con­nor, nachts in mei­nem Bett schla­fe und nie wei­ter weg­ge­he als bis zum Hüh­ner­stall!« sag­te sie an­kla­gend. Sie stieß ihn von sich, stand auf und ging rück­wärts zur Tür, und aus ih­rer Keh­le drang ein dro­hen­der Laut.

Vor dem grü­nen Feu­er in ih­ren Au­gen senk­te er den Blick. »Ver­dammt, Hel­ma«, stieß er un­wil­lig her­vor, »ich wä­re dir dank­bar, wenn du zu­min­dest ver­su­chen wür­dest, dich wie ein nor­ma­ler er­wach­se­ner Mensch zu be­neh­men! Du führst dich manch­mal wie ein wil­des Tier auf!«

»Das bin ich auch«, sag­te sie hei­ser, wand­te sich rasch um und ver­ließ das Zim­mer. Durch das Fens­ter konn­te der Mann se­hen, wie sie rasch über die Ter­ras­se und den Ra­sen ging, sah, wie sie sich mit der ihr ei­ge­nen Ge­schmei­dig­keit bück­te und erst die ei­ne San­da­le, dann die an­de­re auf­mach­te. Sie schlen­ker­te ih­re Fü­ße frei und rann­te zum hin­te­ren Gar­ten­tor; mit ei­ner ein­zi­gen ge­wand­ten Be­we­gung hat­te sie sich dar­über ge­schwun­gen, und Ro­ger sah das Blaß­gold ih­res Haars und das grün-brau­ne Ka­ro ih­res Haus­kleids wie ein Schat­ten sich im Wald ver­flüch­ti­gen. Sein Hals war wie zu­ge­schnürt, wäh­rend er sie da­vonglei­ten und zwi­schen den Blät­tern ver­schwin­den sah.

 

Sie kam noch vor dem Mor­gen­grau­en zu­rück, schlüpf­te lei­se auf blo­ßen Fü­ßen ins Zim­mer und kroch ge­räusch­los wie ei­ne Kat­ze ins Bett. Ro­ger, der die gan­ze Nacht kein Au­ge zu­ge­tan hat­te, spür­te ih­re Ge­gen­wart und rück­te zu ihr hin, aber sie schob ihn weg. Ro­ger zuck­te mit den Schul­tern und seufz­te; auch dar­an war er ge­wöhnt. Wenn sie in Stim­mung war, konn­te Hel­ma so stür­misch und lei­den­schaft­lich wie ei­ne jun­ge Lö­win sein, aber manch­mal war sie merk­wür­dig kalt und schubs­te ihn weg, wenn er sie be­rühr­te und sie kei­ne Lust hat­te. Ro­ger hat­te sich ge­sagt, daß von al­len Le­be­we­sen nur der zi­vi­li­sier­te Mensch kei­nen zy­kli­schen Trieb hat­te, und daß Hel­mas selt­sa­me Wild­heit wahr­schein­lich nichts wei­ter war als ein Rück­fall in ei­ne frü­he­re, viel­leicht rei­ne­re Zeit. Da er trotz sei­ner ge­le­gent­li­chen Ver­är­ge­rung sei­ne Frau in­nig lieb­te, re­spek­tier­te er ih­re Stim­mun­gen, und das war auch gut so; denn ein­mal, im ers­ten Jahr ih­rer Ehe – be­vor er er­kannt hat­te, wie tief dies in Hel­mas Na­tur ver­wur­zelt war –, war er nicht so to­le­rant ge­we­sen und hat­te ver­sucht, sie ge­gen ih­ren Wil­len zu neh­men. Auf sei­ner Wan­ge war im­mer noch die schma­le wei­ße Li­nie zu se­hen, wo ih­re wil­den Fin­ger ei­ne tie­fe Fur­che ge­kratzt hat­ten. Sie hat­te spä­ter hef­tig schluch­zend sei­ne Ver­zei­hung er­fleht, aber Ro­ger hat­te es nie wie­der ris­kiert. Er wuß­te, daß bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad in der Na­tur der Frau ei­ne Pe­ri­odi­zi­tät liegt; und au­ßer­dem war sie ei­ne wun­der­ba­re Ge­lieb­te, wenn sie ge­neigt war, sich ihm zu er­ge­ben.

In den fol­gen­den Ta­gen und Wo­chen war Hel­ma un­ge­wöhn­lich ru­hig, ge­dämpft und füg­sam. Der Som­mer ging zu En­de; die tro­ckenen Blät­ter fie­len von den wehr­lo­sen Zwei­gen, und das Pfei­fen des Herbst­win­des tön­te wie ein Kla­ge­lied durch den ver­las­se­nen Wald. Hel­ma streif­te am Tag über die un­ter Blät­tern be­gra­be­nen Wald­we­ge, aber nicht ein ein­zi­ges­mal rann­te sie nachts weg, und Ro­ger Las­si­ter be­gann sich zu fra­gen, ob sie tat­säch­lich seß­haft wur­de. Si­cher war es nach vier Ehe­jah­ren an der Zeit, daß Hel­ma end­lich wei­cher und zu­frie­de­ner aus­sah, daß ihr Kör­per et­was von sei­ner Eckig­keit ver­lor. Fröh­lich ging sie ih­rer Haus­ar­beit nach. Das Haus war im­mer or­dent­lich und sau­ber ge­we­sen, doch jetzt blitz­te es förm­lich vor Sei­fe und Wachs und ge­boh­ner­ten Fuß­bö­den, und Hel­ma selbst sah aus wie ei­ne wohl­ge­pfleg­te Kat­ze. So­gar ihr schnel­ler, tan­zen­der Gang schi­en – ob­wohl noch ge­nau­so gra­zi­ös wie frü­her – ein we­nig fes­ter und ge­bän­dig­ter ge­wor­den zu sein. Und an man­chen Aben­den, wenn Ro­ger von sei­ner Ar­beit in ei­ner che­mi­schen Fa­brik heim­kehr­te, hör­te er sie sin­gen. Mit ei­ner selt­sa­men, sum­men­den Alt­stim­me, fast oh­ne Me­lo­die, aber in prä­zi­sen rhyth­mi­schen Ka­den­zen an­stei­gend und wie­der fal­lend, die von süßem Wohl­klang wa­ren.

Sie sag­te ihm nie­mals di­rekt, daß sie schwan­ger war. Ro­ger frag­te sie auch nicht, ob­gleich er es schon im Sep­tem­ber ver­mu­tet hat­te, weil er an­nahm, sie woll­te den Zeit­punkt da­für sel­ber wäh­len; aber sie sag­te nichts, und schließ­lich frag­te er sie nur: »Wann?«

»Zu Früh­lings­be­ginn«, ant­wor­te­te sie und warf aus ih­ren grün­li­chen Au­gen einen halb sor­gen­vol­len Blick auf sein fro­hes Ge­sicht.

Er sag­te sanft: »Siehst du, Hel­ma, du hast dich ge­irrt. Bist du nicht glück­lich dar­über?«

Sie schwieg, leg­te je­doch ihr Buch bei­sei­te, hock­te sich ihm zu Fü­ßen auf den Tep­pich und barg ih­ren Kopf mit dem dich­ten, kur­z­en glat­ten Haar in sei­nem Schoß. Er strei­chel­te sie, und sie schloß die Au­gen und lehn­te sich an sein Knie. Nach ei­nem Weil­chen be­gann sie zu sum­men, und er lä­chel­te. »Was ist das für ein He­xen­lied, Hel­ma? Ich ha­be dich frü­her nie sin­gen ge­hört. Ich wuß­te gar nicht, daß du ei­ne No­te von der an­de­ren un­ter­schei­den kannst.«

»Das kann ich auch nicht.« Sie lä­chel­te spitz­bü­bisch und rät­sel­haft zu­gleich. »Ich er­in­ne­re mich, daß mei­ne Mut­ter so ge­sun­gen hat, als ich noch ganz klein war.«

»Wie war dei­ne Mut­ter?« frag­te er.

Hel­ma lach­te lei­se: »Wie ich!«

»Das hät­te ich se­hen mö­gen! Und dein Va­ter?«

Sie zuck­te mit den Schul­tern. »Ich weiß nicht. Viel­leicht je­mand wie – du. Viel­leicht war er – an­ders. Viel­leicht hat­te ich nie einen Va­ter. Ich kann mich nicht er­in­nern.«

Ro­ger ließ sich nicht ab­spei­sen. »Hat dei­ne Mut­ter dir nie von ihm er­zählt?«

Hel­ma ent­zog sich plötz­lich den strei­cheln­den Hän­den ih­res Man­nes und blick­te durch die Haar­sträh­nen zu ihm auf. »Du wür­dest mei­ne Mut­ter für wahn­sin­nig ge­hal­ten ha­ben«, sag­te sie mit un­be­weg­ter Stim­me. »Sie sag­te, mein Va­ter wä­re ein Luchs – ei­ne Wild­kat­ze, wie sie es nann­te.«

Ro­ger frös­tel­te plötz­lich, als ob aus dem mol­li­gen Ka­min­feu­er ein ei­si­ger Wind ge­bla­sen hät­te. »Re­de kei­nen Un­sinn, Hel­ma.«

Sie zuck­te mit den Schul­tern. »Du hast mich ge­fragt. Das pfleg­te Mut­ter zu sa­gen. Sie war ver­rückt, viel ver­rück­ter als ich. Sie leb­te auf ei­nem Hof hoch in den Ber­gen, nur mit ih­rem Groß­va­ter und ei­ner jün­ge­ren Schwes­ter. Oft lausch­te sie Jä­ger­ge­schich­ten über Män­ner und Frau­en, die sich bei Voll­mond in Wöl­fe und Wild­kat­zen ver­wan­del­ten und nachts durch die Wäl­der streif­ten. Ich ha­be al­te Män­ner wie Grau­wöl­fe heu­len ge­hört, wenn das Mond­licht den Schnee taghell auf­glit­zern ließ, und ich ha­be ge­se­hen, wie sie rot­äu­gig durch die Schat­ten schli­chen …«

»Bist du krank ge­we­sen?«

»Nein. Wie­so? Als klei­nes Mäd­chen bin ich oft bei den Jagd­hüt­ten ge­we­sen. Manch­mal ging ich einen Pfad ent­lang, und di­rekt über mir schlich ei­ne Wild­kat­ze auf ei­nem Ast, oh­ne ein ein­zi­ges­mal zu fau­chen, und ich konn­te mit den blo­ßen Hän­den Ha­sen fan­gen. Das kann ich im­mer noch.« Jetzt war ihr Lä­cheln ein­deu­tig bos­haft.

»Du glaubst nicht an die­se al­ten Ge­schich­ten, stimmt’s? Bis zu ih­rem Tod rann­te mei­ne Mut­ter je­des­mal, wenn Voll­mond war, in den Wald. Sie hat be­haup­tet, daß mein Va­ter ein Luchs war, nicht ich. Kannst du dir vor­stel­len, daß ich mich ei­nes Nachts in ei­ne Wild­kat­ze ver­wan­deln und dir die Gur­gel zer­rei­ßen könn­te? Ei­ne Sil­ber­ku­gel wür­de gar nichts nüt­zen. Das ist bloß ein Am­men­mär­chen. Nur ein ei­ser­nes Mes­ser, ein Mes­ser mit ei­ner kal­ten Ei­senklin­ge, kann ein ver­wan­del­tes Tier tö­ten – so sa­gen sie selbst. Ei­sen oder Blei. Hast du Angst vor mir?« Sie lach­te, und über Ro­gers stei­fe Ar­me lief ei­ne Gän­se­haut.

»Um Got­tes wil­len, hör auf da­mit!« schrie er.

Ihr Kör­per ver­steif­te sich, und sie rück­te weg.

»Tut mir leid. Aber du hast mich ge­fragt.«

In die­ser Nacht träum­te Ro­ger Las­si­ter, daß er durch einen schwar­zen, kah­len Wald wan­der­te, wäh­rend grü­ne Kat­zen­au­gen, de­nen von Hel­ma be­ängs­ti­gend ähn­lich, ihn von nied­ri­gen Äs­ten aus be­trach­te­ten.

Sie kam vor dem Mor­gen­grau­en heim, mit zer­ris­se­nem Kleid und blu­ti­gen Bei­nen, zit­ternd vor Käl­te, und kau­er­te sich schluch­zend un­ter den an­ge­wärm­ten De­cken zu­sam­men, wäh­rend der be­stürz­te und ent­setz­te Ro­ger ih­re von Dor­nen zer­kratz­ten Bei­ne wusch, ihr ge­walt­sam Bran­dy ein­flö­ßte und zum ers­ten­mal, seit sie ver­hei­ra­tet wa­ren, ener­gisch wur­de.

»Die­ser ver­damm­te Blöd­sinn muß auf­hö­ren, Hel­ma. Ich dach­te, daß du jetzt, da das Ba­by un­ter­wegs ist, ver­nünf­ti­ger wer­den wür­dest.

Jetzt hör ge­nau zu. Du gehst heu­te zu ei­nem Arzt, und wenn ich dich hin­tra­gen muß. Du wirst nachts im Haus blei­ben, und wenn ich dich ein­sper­ren müß­te. Ich weiß, daß Schwan­ge­re selt­sa­me Ein­fäl­le ha­ben kön­nen, aber du be­nimmst dich wie ei­ne Ver­rück­te, und jetzt ist Schluß da­mit.« Zum ers­ten­mal mach­ten ih­re Trä­nen und Ent­schul­di­gun­gen kei­nen Ein­druck auf ihn. Er löf­fel­te Milch durch ih­re auf­ein­an­der schla­gen­den Zäh­ne und fuhr mit schma­len Lip­pen fort: »Noch ein sol­ches Hu­sa­ren­stück­chen, Hel­ma – nur noch eins! –, und wir zie­hen zu­rück nach Al­ba­ny, we­nigs­tens bis das Ba­by da ist. Hel­ma, wenn du mich zwingst, dich von ei­nem Psych­ia­ter un­ter­su­chen zu las­sen, dann …«

Er brach­te es nicht über sich, die Dro­hung zu vollen­den. Für Hel­ma war es schon schlimm ge­nug, in ei­nem fes­ten Haus le­ben zu müs­sen. In ei­ner An­stalt wür­de sie si­cher an aku­ter Klaustro­pho­bie ster­ben.

Aber die Dro­hun­gen, die er be­reits aus­ge­spro­chen hat­te, ge­nüg­ten schon, um Hel­ma sei­nen Wün­schen ge­fü­gig zu ma­chen. Sie ging zum Arzt, wie er es ver­langt hat­te, und rea­gier­te ganz nor­mal, als die­ser ihr ver­si­cher­te, sie wür­de höchst­wahr­schein­lich Zwil­lin­ge be­kom­men. Als der Win­ter her­ein­brach, zog ei­ne glück­li­che, fried­vol­le Stim­mung im Haus ein, wie sie nur ei­ne wer­den­de Mut­ter um sich zu ver­brei­ten ver­steht.

Doch wie in al­len an­de­ren Din­gen, be­nahm sich Hel­ma auch in die­ser Si­tua­ti­on fast tier­haft. Ro­ger hat­te noch nie ei­ne Frau ge­se­hen, die ih­re Schwan­ger­schaft als et­was so Selbst­ver­ständ­li­ches hin­nahm und sich bes­ter Ge­sund­heit er­freu­te. Die Frau­en sei­ner Freun­de pfleg­ten reiz­bar, un­för­mig und un­an­sehn­lich zu wer­den und sich in al­len mög­li­chen Lau­nen und Kla­gen zu er­ge­hen, und zum ers­ten­mal fiel sein Ver­gleich zu Hel­mas Guns­ten aus.

Es war ein ru­hi­ger Win­ter. Zwar gab es viel Schnee, doch die Stra­ßen wa­ren frei, und Ro­ger konn­te je­den Tag zur Ar­beit und wie­der zu­rück­fah­ren. Falls Hel­ma am Tag im Wald spa­zie­ren­ging, wuß­te Ro­ger nichts da­von, und nie mehr ver­ließ sie das Haus bei Nacht. Es war grau­sam kalt. Ab und zu konn­te man vom Fens­ter aus se­hen, wie ein Tier, dem die Käl­te al­le Scheu ge­nom­men hat­te, bis an die Gar­ten­tür kam. Nachts tön­te das Ge­heul von Wöl­fen durch die Dun­kel­heit oder auch das gif­ti­ge Fau­chen ei­nes Luch­ses. Ro­ger run­zel­te die Stirn und sprach da­von, daß er sich ein Ge­wehr an­schaf­fen woll­te, aber Hel­ma pro­tes­tier­te. »Wöl­fe sind fei­ge. Sie grei­fen nie­mals et­was an, das grö­ßer ist als ein Ha­se. Und ein Luchs küm­mert sich um nie­man­den, wenn man ihm nicht di­rekt in die Que­re kommt.«

Im Fe­bru­ar er­leg­te Bob Con­nor kaum einen Ki­lo­me­ter vom Haus der Las­si­ters ent­fernt einen Luchs und schlepp­te ihn her­an. Er klopf­te so lan­ge an die Tür, bis sie her­aus­ka­men, um die Beu­te zu be­trach­ten.

»Die­ses Rie­senexem­plar ha­be ich bei den Stei­nen in Ih­rem Bach er­wi­scht, Ro­ger. Ich ha­be mei­nen Kin­dern ver­bo­ten, den Hof zu ver­las­sen, und wenn ich an Ih­rer Stel­le wä­re, wür­de ich nachts nicht im Wald her­umspa­zie­ren und es auch Ih­rer Frau un­ter­sa­gen. Wir ha­ben die­sen Win­ter ei­ne wah­re Luchs­pla­ge«, fuhr er fort und ließ den steif­ge­fro­re­nen Ka­da­ver auf die Tür­stu­fe fal­len. »Die­se Vie­cher kön­nen recht ge­fähr­lich wer­den – mein Gott, Hel­ma, was ist Ih­nen … Ro­ger – pas­sen Sie auf!« warn­te er ge­ra­de noch recht­zei­tig, so daß Ro­ger Hel­ma auf­fan­gen konn­te, als sie ohn­mäch­tig zu­sam­men­brach.

Nach­dem sie im Schlaf­zim­mer wie­der zu sich ge­kom­men war und sich mit zitt­ri­ger Stim­me für ih­ren al­ber­nen Schwä­che­an­fall ent­schul­digt hat­te, be­gann Bob, als er von ihr nicht mehr ge­hört wer­den konn­te, sich schwe­re Vor­wür­fe zu ma­chen.

»Es tut mir leid, Ro­ger. Wahr­schein­lich ist es das Blut ge­we­sen. Hel­ma haßt den An­blick von to­ten Tie­ren. Und ich weiß ja, daß sie ein Ba­by er­war­tet; ich hät­te mehr Ver­stand ha­ben sol­len, als mit ei­ner to­ten Wild­kat­ze hier auf­zu­kreuzen.«

»Ich glau­be nicht, daß es das war«, sag­te Ro­ger ver­wirrt. »Hel­ma ist noch nie schlecht ge­wor­den beim An­blick von Blut.«

»Na, sie ist ja ein biß­chen ko­misch bei al­lem, was wil­de Tie­re be­trifft, nicht wahr?« sag­te er mit dis­kret ge­dämpf­ter Stim­me, und Ro­ger gab das zu. Er sah Bob nach, als er weg­ge­gan­gen war, und ei­ne lei­se Ver­zweif­lung über­fiel ihn, weil er wuß­te, daß Bob Con­nor ganz si­cher das Sei­ne zu dem schon weit­ver­brei­te­ten Ge­re­de über Hel­ma Las­si­ters ›Wun­de­rI­ich­keit‹ bei­tra­gen wür­de.

Aber er brach­te es nicht übers Herz, Hel­ma zu ta­deln oder aus­zu­fra­gen, oder Bob Con­nors Ab­schieds­wor­te zu wie­der­ho­len, die die­ser mit takt­voll ge­senk­ter Stim­me ge­sagt hat­te: »Ich wür­de sie nicht mehr in die­ser Rich­tung im Wald her­um­lau­fen las­sen, Ro­ger. Ich ge­he oft auf die Jagd nach die­sen Kat­zen und nach Wöl­fen – für Wöl­fe gibt’s Prä­mi­en, wis­sen Sie. Ich pas­se ja im­mer auf und möch­te um al­les in der Welt nicht ver­se­hent­lich je­man­den an­schie­ßen.«

Da­nach wur­de Hel­ma noch ru­hi­ger, noch in sich ge­kehr­ter, und hat­te nicht ein­mal mehr Lust, am hel­len Tag durch den Wald zu strei­fen. Ro­ger war dar­über et­was be­stürzt und ver­such­te nun, sie un­ter al­len mög­li­chen Vor­wän­den in den Gar­ten oder we­nigs­tens vor die Tür zu lo­cken, da­mit sie ab und zu aus dem Haus kam; den größ­ten Teil des Ta­ges ver­schlief sie, aber nachts er­hob sie sich und wan­der­te fast laut­los durch das Haus.

Als Ro­ger sie be­sorgt frag­te, gab sie ei­ne aus­wei­chen­de Ant­wort: Sie füh­le sich zu mü­de für wei­te Spa­zier­gän­ge, und bei Nacht pfle­ge sich das Ba­by so hef­tig zu be­we­gen, daß sie nicht schla­fen kön­ne. Ihr Kör­per war jetzt schwer ge­wor­den, und ihr Ge­sicht hat­te sich ge­run­det, was ihr zu­sam­men mit den brei­ten Ba­cken­kno­chen un­ter den dich­ten, ge­ra­den blon­den Au­gen­brau­en einen selt­sam ani­ma­lisch an­mu­ten­den und rät­sel­haf­ten Aus­druck ver­lieh. Sie sprach we­nig, und ab­ge­se­hen von ih­rer Schlaf­lo­sig­keit schi­en sie aus­ge­gli­chen und zu­frie­den zu sein. Ro­ger nahm an, daß Hel­ma sich be­wußt ih­re wil­den Nei­gun­gen ab­ge­wöh­nen woll­te und daß sie schwei­gend un­ter ih­rer aus­ge­präg­ten Klaustro­pho­bie litt, denn manch­mal, wenn sie sich un­be­ob­ach­tet wähn­te, blick­ten ih­re grü­nen Au­gen merk­wür­dig ver­stört. Ro­ger kann­te den star­ken Wil­len sei­ner jun­gen Frau und glaub­te, daß sie sich scho­nungs­los in die Zucht ge­nom­men ha­be.

Im März ka­men stür­mi­sche Win­de und ein Schnee­sturm, der mit apo­ka­lyp­ti­scher Hef­tig­keit von den Adi­ron­dacks her­un­ter­tob­te, so daß die Las­si­ters ta­ge­lang im Haus ein­ge­schlos­sen wa­ren. Dann setz­te über Nacht die Schnee­schmel­ze ein. Die Kraft des Win­ters war ge­bro­chen, un­ter dem küh­len Re­gen tra­ten die Bä­che über ih­re Ufer, und zwi­schen dem nas­sen, to­ten Braun des Gra­ses er­schie­nen feucht­grü­ne Tup­fer. Auf den frisch ge­pflüg­ten Äckern lärm­ten Krä­hen und Ei­chel­hä­her, und von den Bäu­men am Wald­rand tön­te Ge­zwit­scher. In der feuch­ten Abend­däm­merung schlepp­te Hel­ma bis­wei­len ih­ren un­för­mi­gen Kör­per bis zur hin­te­ren Gar­ten­tür und lehn­te sich dar­über, mit ei­nem solch bren­nen­den Ver­lan­gen in ih­rem Ge­sicht, daß Ro­gers Herz sich vor Mit­leid zu­sam­men­zog, wenn er se­hen muß­te, wie die­ses Na­tur­kind an den Fes­seln zerr­te, die sei­ne Lie­be ihr auf­er­legt hat­te. Die Gar­ten­tür war nicht ver­schlos­sen, aber nie ka­men Hel­mas Fin­ger in die Nä­he der Tür­klin­ke. Ro­ger konn­te das nur recht sein, denn in den mil­den Näch­ten hör­ten sie oft das Knur­ren und Fau­chen der großen Wild­kat­zen, und er wuß­te, daß jetzt im Früh­ling die Weib­chen ih­re Jun­gen ver­tei­dig­ten. Und je­des­mal, wenn er die­se Lau­te hör­te, frag­te Ro­ger sich, ob Hel­ma ihr Kind mit glei­cher Wild­heit be­schüt­zen wür­de.

Als sie ei­nes Abends ge­gen En­de März beim Es­sen sa­ßen, sag­te Hel­ma ru­hig: »Bit­te fah­re nach Al­ba­ny und be­sor­ge Kaf­fee, Ro­ger. Ich ha­be den letz­ten heu­te früh ver­braucht, und wir ha­ben für mor­gen kei­nen mehr.«

Wie es bei vie­len nach­gie­bi­gen und be­que­men Män­nern der Fall ist, konn­te Ro­ger bei Klei­nig­kei­ten au­ßer sich ge­ra­ten, und so schalt er Hel­ma mit al­ler Stren­ge aus. Warum hat­te sie ihm das nicht schon beim Früh­stück ge­sagt? In ih­rem ver­schlos­se­nen, vol­len Ge­sicht reg­te sich nichts. »Du soll­test gleich fah­ren, sonst sind die Ge­schäf­te zu, bis du hin­kommst.«

Sie ging un­ru­hig im Zim­mer hin und her, nahm hier und dort einen Ge­gen­stand zur Hand, be­trach­te­te ihn sorg­fäl­tig, wo­bei ih­re Fin­ger selt­sam ner­vö­se, strei­cheln­de Be­we­gun­gen mach­ten, setz­te ihn dann un­ge­dul­dig wie­der nie­der und ging mit ih­ren kat­zen­haft glei­ten­den Schrit­ten auf und ab. »Du hast doch nichts da­ge­gen, wenn ich nicht mit­kom­me? Ich – wer­de zu Bett ge­hen. Ich bin furcht­bar mü­de.«

Ro­ger pro­tes­tier­te. »Ich las­se dich nicht gern al­lein, be­son­ders wenn es dun­kel ist. Wenn nun das Ba­by käme?«

»Aber du bist ja in ei­ner Stun­de wie­der zu­rück«, sag­te Hel­ma ver­nünf­tig.

»Um Him­mels wil­len, setz dich end­lich hin, du machst mich ver­rückt mit die­sem Hin- und Her­lau­fen«, schnauz­te Ro­ger sie an. »Oder fängst du wie­der mit den al­ten Mätz­chen an?«

»Oh, Ro­ger, bit­te«, schluchz­te sie, »ich glau­be, ich könn­te es nicht aus­hal­ten, durch­ge­rüt­telt zu wer­den, wenn es nicht sein muß.«

Ro­ger schäm­te sich sei­ner Ro­heit. Wes­halb, so frag­te er sich, soll­te er sich auf­re­gen, wenn ei­ne Frau im letz­ten Mo­nat ih­rer Schwan­ger­schaft kei­ne Lust ver­spür­te, in ei­nem al­ten Au­to 30 Ki­lo­me­ter weit über die schlech­tes­ten Stra­ßen des gan­zen Staa­tes zu fah­ren? Er zuck­te mit den Schul­tern und hol­te sei­nen Man­tel aus dem Schrank.

»Schon gut, Lieb­ling«, sag­te er zärt­lich. »Soll ich Mrs. Con­nor bit­ten, daß sie dir Ge­sell­schaft leis­tet, bis ich wie­der da bin?«

Hel­ma sag­te höchst un­wil­lig: »Na hör mal, ich bin sie­ben­und­zwan­zig Jah­re alt!«

Ro­ger drück­te sie kurz an sich. »Ja, ja, ist ja schon gut. Ich bin in ei­ner Stun­de zu­rück.« Er ging zur Ga­ra­ge, aber un­ter­wegs kam ihm ein Ge­dan­ke, und er mach­te wie­der kehrt.

»Hel­ma?«

»Ja? Ich dach­te, du bist schon weg.«

»Willst du wirk­lich nicht mit­kom­men oder bis zu Neil Con­nors Haus mit­fah­ren und dort war­ten? Ich wür­de dich auf dem Rück­weg wie­der ab­ho­len.«

Hel­mas kla­res La­chen perl­te in die Dun­kel­heit hin­aus. »Wer er­war­tet hier ein Ba­by, du oder ich? Mach, daß du weg­kommst, sonst mußt du die gan­ze Stadt ab­su­chen, um noch einen of­fe­nen La­den zu fin­den.«

Die auf­ge­weich­ten Stra­ßen wa­ren schnee­frei, und Ro­ger konn­te schnell fah­ren. Am Stadt­rand sah er einen klei­nen Ge­mischt­wa­ren­la­den, der die gan­ze Nacht ge­öff­net hat­te, und ent­schloß sich, den Kaf­fee dort zu kau­fen und so­fort wie­der um­zu­keh­ren, statt bis zu ih­rem Stamm­ge­schäft in der In­nen­stadt zu fah­ren. Er kauf­te den Kaf­fee und hat­te es so ei­lig, wie­der weg­zu­kom­men, daß er sein Wech­sel­geld ver­gaß, und erst als er schon halb zu Hau­se war, fiel ihm ein, daß er mit ei­nem Fünf­dol­lar­schein be­zahlt hat­te.

Es war jetzt ganz dun­kel. Wäh­rend das Licht der Schein­wer­fer am dunklen Wald­rand vor­bei­husch­te, sah Ro­ger Hel­ma vor sich, wie sie zu­sam­men­ge­rollt wie ein Kätz­chen un­ter der Bett­de­cke lag, aber die­se Vor­stel­lung konn­te ihn we­der be­ru­hi­gen noch trös­ten, und er trat den Gas­he­bel ganz durch. Falls ihn ei­ne Po­li­zei­strei­fe er­wi­schen soll­te, wür­de er die Wahr­heit sa­gen. Sei­ne Frau er­war­te ein Ba­by, und er lie­ße sie nachts nicht gern al­lein. Bei nä­he­rem Nach­den­ken wür­de er es wirk­lich vor­zie­hen, Stra­fe zu zah­len, als sie noch län­ger war­ten zu las­sen.

Im Haus brann­te kein Licht, nur die Schein­wer­fer lie­ßen die Fens­ter­schei­ben geis­ter­haft auf­blit­zen, und dann sah Ro­ger Las­si­ter die of­fe­ne Gar­ten­tür und in der auf­ge­weich­ten Er­de da­ne­ben Hel­mas brau­ne Halb­schu­he und ih­re schmut­zi­gen Söck­chen.

Bei die­sem An­blick wur­de er von Furcht über­wäl­tigt, und sei­ne Keh­le zog sich zu­sam­men. Ei­ne letz­te ver­zwei­fel­te Hoff­nung hat­te er noch, näm­lich daß Hel­ma ihr Ba­by hat­te kom­men spü­ren und zu den Con­nors ge­rannt war; der Weg durch den Wald war kür­zer als die Stra­ße. Wie ein Ver­rück­ter sprang er ins Au­to und ras­te über die un­ge­pflas­ter­te Stra­ße. Noch ehe der Wa­gen vor dem Haus der Con­nors rich­tig zum Ste­hen ge­kom­men war, hat­te er die Tür auf­ge­sto­ßen und rann­te zum Kü­chen­ein­gang.

Ei­nes der Kin­der sah ihn durch die Glas­schei­be der Tür und mach­te ihm auf.

»Ma­mi, Mr. Las­si­ter ist hier!«

Mrs. Con­nors freund­li­ches Pfer­de­ge­sicht er­schi­en über dem Kopf des Kin­des. »Ro­ger, kom­men Sie her­ein! Was ist ge­sche­hen?«

»Ist Hel­ma hier?« frag­te er schnell.

»Hel­ma? Nein, Ro­ger. Ich ha­be Sie erst vor­bei­fah­ren se­hen und dach­te, daß es viel­leicht so­weit sei und Sie Ih­re Frau ins Kran­ken­haus brin­gen.«

»Sie ist weg«, sag­te Ro­ger wie in Tran­ce, »sie ist weg. Ich bin nach Al­ba­ny ge­fah­ren, um ein Pfund Kaf­fee zu ho­len, und sie sag­te, sie sei zu mü­de zum Mit­kom­men. Und als ich wie­der nach Hau­se kam, war sie weg. Wo ist Bob?«

»Er ist auf die Luchs­jagd ge­gan­gen, weil Voll­mond ist und die großen Kat­zen dann die gan­ze Nacht her­um­strei­fen – o mein Gott, Ro­ger!« Neil Con­nors freund­li­ches Ge­sicht wur­de lei­chen­blaß. »Wenn Hel­ma im Wald ist!« Mit ei­nem Sei­ten­blick auf die Kin­der dämpf­te sie ih­re Stim­me. »Vo­ri­ges Jahr sag­te Bob, daß sie manch­mal in den Wald lie­fe, und er sag­te, er ha­be Angst, auf die Jagd zu ge­hen. Aber er dach­te, daß sie die­sen Win­ter, weil doch das Ba­by un­ter­wegs ist, zu Hau­se blei­ben wür­de.« Wäh­rend sie sprach, lang­te sie nach ei­nem di­cken Man­tel, der hin­ter dem Ofen hing.

»Mol­ly«, sag­te sie zu dem äl­tes­ten Mäd­chen, »du bringst jetzt Ken­neth und Ed­na ins Bett. Mrs. Las­si­ter hat sich im Wald ver­irrt, und ich hel­fe Mr. Las­si­ter bei der Su­che. Don­ny, du nimmst ei­ne La­ter­ne und kommst mit. Und, Mol­ly, wenn die Kin­der im Bett sind, kochst du ei­ne große Kan­ne Kaf­fee, legst Wär­me­fla­schen in mein Bett und setzt bei­de Tee­kes­sel aufs Feu­er.« Sie sag­te lei­se: »Hel­ma ist ziem­lich ner­vös, und wenn es los­ge­gan­gen ist, war sie viel­leicht zu To­de er­schro­cken und ist ein­fach los­ge­rannt und hat sich auf dem Weg hier­her ver­lau­fen, das ar­me Ding. Wenn es so ist und das Ba­by heu­te kommt, brin­gen wir sie zu uns. Ich ha­be fünf Kin­der auf die Welt ge­bracht und weiß, was zu tun ist.«

»Sie sind zu gü­tig …«, stam­mel­te Ro­ger.

»Ach, Un­sinn, wo­zu hat man denn Nach­barn? Hel­ma wür­de sich ge­nau­so um mich Sor­gen ma­chen, wenn ich plötz­lich ver­schwun­den wä­re.« Sie wink­te ih­ren äl­tes­ten Sohn her­an und nahm ihm die La­ter­ne ab.

»Wir ge­hen den Pfad ent­lang, Don­ny. Du nimmst die Ta­schen­lam­pe und gehst zur Wei­de hin­ter der Scheu­ne. Da­bei rufst du stän­dig nach dei­nem Va­ter. Und wenn du Mrs. Las­si­ter fin­den soll­test, dann brüllst du wie ver­rückt, bis wir dich ge­hört ha­ben, und dann holst du Mol­ly, da­mit sie dir hilft, Mrs. Las­si­ter ins Haus zu brin­gen. So, und jetzt ver­schwin­de.«

Nie­mals konn­te Ro­ger sich spä­ter klar an die jetzt fol­gen­den Stun­den er­in­nern, au­ßer daß er durch die mond­hel­le Nacht ge­stapft war, die La­ter­ne in der Hand, und daß Neil Con­nors fes­te und zu­ver­sicht­li­che Stim­me all­mäh­lich im­mer mü­der und ängst­li­cher klang. Sie schri­en »Hel­ma! Hel-ma!«, bis ih­nen die Lip­pen von der Käl­te auf­spran­gen und ih­re Keh­len hei­ser wur­den.

Im­mer wie­der blie­ben sie ste­hen, um zu lau­schen, und Mrs. Con­nor sag­te sto­ckend: »Ich kann mir nicht vor­stel­len, daß Hel­ma in ih­rem Zu­stand so weit lau­fen konn­te!« Sie er­zit­ter­ten, wenn sie die Stim­men von Tie­ren hör­ten, und ein­mal ge­sch­ah es, daß Neil Con­nor – die be­herrsch­te Neil mit den ei­ser­nen Ner­ven, die ihr gan­zes Le­ben auf ei­nem Bau­ern­hof ver­bracht hat­te und jetzt fünf­zig Jah­re alt war – laut auf­schrie, als sie auf ei­nem Ast einen Kopf mit grü­nen Au­gen und flach an­ge­leg­ten Oh­ren ent­deck­te, der auf sie her­nie­der­b­lin­zel­te.

Aber noch schlim­mer war es, wenn sie aus der Fer­ne das Kra­chen ei­nes Ge­wehrs hör­ten und wuß­ten, daß Bob Con­nor den Schuß ab­ge­ge­ben hat­te. Vor Ro­gers bren­nen­den Au­gen stand das Bild von Hel­ma, wie sie reg­los und steif ir­gend­wo ne­ben dem Pfad lag, ver­se­hent­lich er­schos­sen, oder wie sie sich ir­gend­wo in den Ge­burts­we­hen wand, un­fä­hig, zu ih­nen zu kom­men, zu weit weg, um die Schüs­se und Schreie zu hö­ren, oder, was viel ent­setz­li­cher war, sie hö­ren konn­te, je­doch zu schwach war, um ant­wor­ten zu kön­nen. Das las­te­te auf Ro­ger wie ein düs­te­rer Alp­traum, der sich plötz­lich auf­lös­te, als ein Ruf an sein Ohr drang; sein Herz stand still und be­gann dann schmerz­haft wie­der zu schla­gen, denn ihm war, als ha­be er Hel­mas Stim­me ver­nom­men – Hel­ma, die da schrie, ganz in der Nä­he …

Er pack­te Neils Arm.

»Ha­ben Sie das ge­hört?«

»Es war ei­ne Spott­dros­sel oder so …«, sag­te sie zwei­felnd.

»Es ist Hel­ma! Kom­men Sie!«

»Ro­ger!« Sie hielt ihn fest. »Ich ha­be nichts ge­hört. Über­stür­zen Sie nichts! Mo­ment – da ist doch et­was – Schrit­te – ich glau­be, das ist Bob.« Sie hob die Stim­me. »Bob! Hel-ma! Hel-ma!«

Die Nacht wur­de von dem Kra­chen ei­nes in der Nä­he ab­ge­feu­er­ten Schus­ses zer­ris­sen; noch zwei rasch auf­ein­an­der fol­gen­de Schüs­se, dann ein Knacken im Ge­hölz, und Bob Con­nor trat her­vor.

»Neil! Ro­ger! Was macht ihr hier? Ihr seht aus, wie … Ist Hel­ma et­was zu­ge­sto­ßen?«

»Sie ist weg!«

»Mein Gott!« sag­te Bob Con­nor. »Wie lan­ge sucht ihr sie schon?«

»Die gan­ze Nacht, Bob. Ich ha­be sie ge­ra­de schrei­en ge­hört! Sie ist da drü­ben …« Ro­ger re­de­te wie ein Ir­rer. »Ich hab’ sie ge­hört, und dann noch et­was – das Quä­ken ei­nes Ba­bys …«

»Ru­hig, Ro­ger, ru­hig!« Voll Mit­leid griff Bob Con­nor nach Ro­gers Arm. »Ich ha­be nur ei­ne Kat­ze er­schos­sen. Ein großes Weib­chen, das ge­ra­de ge­wor­fen hat­te. Ich konn­te die klei­nen Din­ger nicht oh­ne ih­re Mut­ter lie­gen las­sen, und so ha­be ich sie auch er­schos­sen.«

»Es ist Hel­ma! Hel­ma ist da drü­ben, ster­bend! Las­sen Sie mich los, o ver­dammt, las­sen Sie mich los!« Er riß sich aus Bobs Griff los und rann­te auf das Ge­hölz zu. Die Con­nors folg­ten ihm und hol­ten ihn ein, als er den to­ten Luchs er­reich­te.

Es war ein rie­si­ges Weib­chen, noch nicht steif, mit ho­nig­far­be­nem Fell und weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen, und ne­ben ihr la­gen die noch mit Ge­burts­schleim be­deck­ten Kör­per­chen der Jun­gen. Einen Au­gen­blick stand Ro­ger wie ver­stei­nert vor dem reg­lo­sen gra­zi­ösen Tier, dann brach er fast zu­sam­men. Bob Con­nor leg­te einen Arm um sei­ne Schul­tern, um ihn zu stüt­zen.

»Kom­men Sie, Ro­ger, kom­men Sie, wir ge­hen zu­rück, Sie sind am En­de Ih­rer Kräf­te. Kom­men Sie, ma­chen Sie sich kei­ne Sor­gen. Wir wer­den Hel­ma fin­den. Wenn wir zu Hau­se sind, trin­ken Sie erst mal einen Kaf­fee, und Sie se­hen ganz so aus, als ob ein Schluck Whis­ky ih­nen gut­tun wür­de. Kom­men Sie. Sie sind ja völ­lig fer­tig, Mann.« Wäh­rend er sprach, hat­te er den wil­len­lo­sen Ro­ger zum Pfad zu­rück­ge­führt. »So­bald wir zu Hau­se sind«, re­de­te er ihm güt­lich zu, »ho­le ich das Au­to und mo­bi­li­sie­re die Staats­po­li­zei. Die wer­den dann al­les ab­su­chen. Viel­leicht ist sie durch den Wald zu ei­nem an­de­ren Hof ge­lau­fen. Sie wer­den sie schon fin­den, Ro­ger. Kom­men Sie.«

Ro­ger hob ruck­ar­tig sei­nen Kopf und sah mit dem lee­ren Blick ei­nes Men­schen, den man ge­ra­de über den Schä­del ge­schla­gen hat, der aber noch kei­nen Schmerz fühlt, in Bob Con­nors Au­gen.

»Es hat kei­nen Sinn, Bob. Hel­ma ist tot. Ich weiß, daß sie tot ist.« Er ließ den Kopf sin­ken und brach in Schluch­zen aus. Bob und Neil Con­nor wech­sel­ten einen erns­ten, mit­lei­di­gen Blick. »Er ist am En­de. Kom­men Sie, Ro­ger. Stüt­zen Sie sich auf mich. Nun kom­men Sie schon. Sie Ärms­ter …«

 

Und das ist das En­de der Ge­schich­te; denn Hel­ma Las­si­ter kehr­te nie zu­rück. Manch­mal fra­gen sich die Bau­ern, was der ar­men ver­rück­ten Frau wohl zu­ge­sto­ßen sein mag.

In je­nem Som­mer fuhr ich mit dem Fahr­rad oft am Haus der Las­si­ters vor­bei und sah Mr. Las­si­ter auf der Ter­ras­se sit­zen, tagein, tag­aus, und zum Wald hin­über­star­ren. Der Ra­sen ver­kam, und die Ha­sen wag­ten sich bis zu sei­nem Sitz­platz in den Gar­ten hin­ein. Und mein Va­ter ließ mich nie wie­der zum Nüs­se­su­chen in den Wald ge­hen, wenn er nicht da­bei war – mit dem Ge­wehr in der Hand.

 

EN­DE