Ernst VIcek
Rückkehr vom
Sirius
Er rannte um sein Leben. Er nannte es Drang, dieses heftige Verlangen, sich in einen Wolf zu verwandeln. Der Drang belastete ihn seelisch und körperlich schwer, während er durch den nächtlichen Wald hastete. Nur selten gönnte er sich eine kurze Verschnaufpause, um auf das Kläffen der Bluthunde zu hören.
Sie kamen immer näher und näher.
Er stolperte über Wurzeln, die aus dem harten Erdreich ragten, raffte sich auf und hetzte keuchend weiter.
Wie lange konnte es noch dauern, bis ihn die Bluthunde einholten und die grausame Jagd beendeten? Die Bluthunde würden sich nicht damit begnügen, ihn zu stellen, denn sie würden seine Ausdünstung wittern, den Schweiß des Wolfes. Nein, er hatte keine Chance, sie würden ihn anfallen und zerfleischen.
Der Drang wurde übermächtig. Der Schmerz der beginnenden Verwandlung überschwemmte seinen Körper in regelmäßigen Abständen. Er blieb stehen, stützte sich an einen stämmigen Baum und schloß erleichtert die Augen. Die Flut der Schmerzen ebbte ab. Hierbleiben und ausruhen, dachte er sehnsüchtig.
Aber er mußte weiter. Er hörte schon die Schreie der Treiber.
Er machte einen Schritt, und sein Körper bäumte sich gepeinigt auf; alles brannte in ihm, als werde sein gesamtes Nervensystem in glutflüssiger Lava gebadet. Die Schatten der Nacht verschwammen vor seinen Augen zu einem glatten, schwarzen Tuch.
»Verdammte Bluthunde!« schrie er in seiner Muttersprache, bevor er ohnmächtig zusammenbrach.
Die Verwandlung schritt rasch voran …
Ein Winseln und Knurren weckte ihn. Er öffnete die Augen und sprang auf die Beine. Zwei glühende Augenpaare starrten ihn an. Er sah die geifernden Lefzen und das weißleuchtende Gebiß. Dahinter erblickte er schemenhaft die Gestalten der vier Treiber.
Sie schrien. Er konnte nicht verstehen, ob es sich um artikulierte Laute handelte. Er war ein Wolf.
Er heulte auf und sprang dem ersten Bluthund entgegen. Ein erbittertes Ringen begann. Die Treiber gaben beiden Bluthunden Leine und feuerten sie akustisch an.
Mit seinen starken Pfoten drückte er den ersten Bluthund zu Boden und schnappte nach seiner Kehle. Das fremde Blut schmeckte süß … Er ließ von dem winselnden Etwas ab und wirbelte zum anderen Bluthund herum. Einen Augenblick lang standen beide Tiere nur auf den Hinterpfoten, dann wälzten sie sich über die harte Erde, wirbelten das welke Laub auf.
Der Wolf war stärker. Er riß den Rachen auf, spannte ihn über die Kehle des Bluthundes und biß zu. Die tödlich getroffene Kreatur zuckte noch ein paarmal konvulsivisch, um dann für immer leblos in sich zusammenzufallen.
Der Wolf hatte gesiegt. Der Kampf war vorbei.
Fast vorbei…
Die Treiber stoben laut kreischend auseinander, als der lange schwarze Schatten auf sie zuflog. Einige ungezielte Schüsse lösten sich aus ihren Gewehren, sie trafen den Wolf nicht.
Der Wolf war schnell und flink – er holte sich einen Treiber nach dem anderen. Und er war intelligent, er tötete keinen von ihnen. Er ließ die vier verwundeten Menschen liegen und rannte weiter der französischen Grenze entgegen.
Er wurde sich erst nach einigen Kilometern bewußt, daß er noch immer Teile der Astronautenuniform trug. Er brauchte nicht lange, um sich ihrer zu entledigen.
Das sowjetische Raumschiff war vor zwei Jahren unter strengster Geheimhaltung zum Sirius gestartet. Der Flug zu den Planeten des Sonnensystems, der Bau von bemannten Raumstationen und von Mondbasen gehörte schon beinahe zum Alltag – aber dies war die erste Expedition zu einem Fixstern. Das Raumschiff hatte die siebzehn Lichtjahre des Hin- und Rückfluges im überlichtschnellen Flug ohne technische Pannen geschafft, der Rest war nur noch unzählige Male durchexerzierte Routineangelegenheit. Es schien, daß alles gutgehen würde.
Die Panne passierte, als das Sternenschiff eine der Raumstationen anflog, die in einer weiten Umlaufbahn die Erde umkreisten. Die Bremsdüsen versagten, das Raumschiff raste in unverminderter Geschwindigkeit auf die Erde zu. Der Kommandant verhinderte das Ärgste, indem er in einem flachen Winkel in die Atmosphäre einflog, aber er konnte dadurch die Katastrophe nur hinauszögern. Das Raumschiff war zum Verglühen verurteilt.
Die sieben Astronauten ignorierten die Funksprüche aus Moskau, in denen ihnen befohlen wurde, ihr Leben zu opfern, um das Geheimnis der ersten Sternenexpedition zu wahren. Die Astronauten suchten die Rettungskapsel auf und ließen sich vom Katapult aus dem verglühenden Raumschiff schleudern.
Die Rettungskapsel fiel nahe der italienischen Riviera ins Ligurische Meer. Zwei Schnellboote der NATO nahmen sie ins Schlepp und brachten sie an Land. Dort wartete eine Abteilung Soldaten.
Als die sowjetischen Astronauten die Raumkapsel verließen, wurde sofort das Feuer auf sie eröffnet. Drei von ihnen brachen im ersten Kugelhagel tot zusammen, zwei weitere ereilte das Schicksal während der Flucht in die Berge.
Nur Sergej Kamow und der Kommandant erreichten die Ligurischen Alpen. Dort fiel der Kommandant den Bluthunden zum Opfer – sie überraschten ihn während der Metamorphose.
Blieb nur noch Sergej Kamow von sieben sowjetischen Astronauten übrig. Immer wieder kreisten seine Gedanken um dieselbe Frage: Wodurch haben wir uns verraten?
Nur weil wir in der Gestalt von Wölfen der Raumkapsel entstiegen? Auf den ersten Blick hätten sie uns für Hunde, für Weltraumhunde, halten müssen. Aber sie schossen augenblicklich. Sie mußten gewußt haben, daß wir Werwölfe waren. Wie war das möglich?
Das Mädchen mit dem Fahrrad kam in gemächlichem Tempo den schmalen Pfad heruntergefahren. Es hatte keine Eile, auch schien es ihr nichts auszumachen, daß die Sonne hinter dem Wald versunken war und es bereits dämmerte. An den Büschen, die den stillen Waldsee an dieser Stelle umsäumten, stieg sie vom Rad und schob es durch das Dickicht. Auf einer Lichtung legte sie es ins Gras.
Sie seufzte wohlig, langte hinter sich, um den Verschluß ihres leichten Sommerkleides zu öffnen.
Plötzlich erstarrte sie mitten in der Bewegung.
»Ist hier jemand?« Sie blickte suchend und ohne erkennbare Angst um sich. Dann sah sie, daß sich das Blattwerk an einer Stelle am Rande der Lichtung bewegte.
»Wollen Sie mir etwa beim Baden zusehen?« fragte sie barsch, aber bereits etwas unsicher. »Kommen Sie sofort heraus.«
Zu ihrer Überraschung bekam sie eine Antwort.
»Ich kann nicht«, sagte eine angenehm klingende Männerstimme auf Englisch; sie überhörte den harten, rollenden Akzent nicht.
»Sprechen Sie nicht Französisch?« erkundigte sie sich in derselben Sprache.
»Nein – ich bin Amerikaner.«
Sie runzelte die Stirn und mahnte sich zur Vorsicht. Wer immer dieser Mann hinter dem Busch war, er sprach mit einem slawischen Akzent und war alles andere als ein Amerikaner.
»Warum können Sie nicht aus Ihrem Versteck kommen?« fragte sie.
»Weil ich nackt bin.«
»Oh.«
Das Strauchwerk teilte sich, dann erschien der nackte Oberkörper eines kräftig gebauten Mannes von mittlerem Alter. Er hatte strenge, markante Gesichtszüge, sein Haarschnitt war von militärischer Kürze.
Er lächelte unbeholfen und sagte: »Man hat mir die Kleider gestohlen, als ich hier badete.«
»Ach?« meinte sie zweifelnd und dachte: Er lügt schon wieder. Laut sagte sie: »Der See ist so einsam und verlassen, daß sich kaum ein Fremder hierher verirrt. Selbst Einheimische …«
Sie unterbrach sich, weil sie erkannte, wie verfänglich ihre Worte waren. Schnell fügte sie hinzu: »So verlassen ist der See eigentlich gar nicht. Wir kommen sehr oft her – mein Freund muß ohnedies bald eintreffen. Er kann jeden Augenblick kommen.«
Das Gesicht des Unbekannten erhellte sich. »Vielleicht könnte mir Ihr Freund eine Badehose borgen.«
Das Mädchen lachte schallend, gelöst. Als sie sein Erstaunen und seine Betroffenheit sah, bemerkte sie: »Ich dachte, Sie seien ein Wüstling, ein Voyeur oder so – man liest ja allerhand Schauerliches. Deshalb habe ich zu Ihnen gesagt, daß mein Freund bald kommt.«
»Dann kommt er gar nicht?«
Sie schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich muß Sie leider enttäuschen. Aber lassen Sie mich nachdenken. Nackt können Sie natürlich nicht bleiben … Natürlich, so geht es! Sie können sich zur Not das Höschen meines Bikinis überstreifen; mit dem Baden wird es ohnehin nichts mehr.«
»Aber…«
»Lassen Sie mich nur machen«, unterbrach sie ihn. »Ich bringe Sie mit dem Rad zu mir nach Hause. Auf dem Dachboden befinden sich noch einige Klamotten meines Vorgängers, die könnten Ihnen passen.«
Es stellte sich heraus, daß sie Lehrerin in einem kleinen Ort war und ein abgelegenes Haus bewohnte. Niemand bemerkte sie, als sie mit dem Fremden ankam. Sie brachte ihm Unterwäsche, ein Hemd und einen zerknitterten Anzug.
Er rümpfte die Nase.
»Eingemottet«, erklärte sie spitz. »Aber in Ihrer Verfassung können Sie nicht wählerisch sein.«
»Natürlich nicht. Entschuldigen Sie.«
Als er sich wenige Minuten später mit dem Anzug sehen ließ, stellte sie fest, daß er recht stattlich darin wirkte. Nachdem sie ihm zu essen gegeben hatte, erkundigte sie sich, was er nun zu tun gedenke. Er erklärte, daß er beim nächsten Gendarmerieposten Anzeige erstatten würde, um dann zu seinem Geschäftsfreund zurückzukehren, bei dem er wohne.
Wortlos legte sie eine Zeitung vor ihn auf den Tisch. Sie sah, daß sein Blick wachsam und argwöhnisch wurde. Ohne auf die Zeitung zu achten, sagte er: »Ich kann das leider nicht lesen. Würden Sie es mir übersetzen?«
Sie nahm die Zeitung wieder an sich und las die Überschrift vor: »Sowjetische Raumkapsel bei Imperia ins Meer gestürzt. Sechs Astronauten kamen ums Leben … der einzige überlebende Astronaut dürfte durch einen Schock das Gedächtnis verloren haben. Er ist vor seinen Rettern in die Berge des Ligurischen Apennin geflüchtet. Bei Redaktionsschluß fehlte von ihm noch jede Spur, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß er sich bereits auf französischem Boden befindet. Die Bevölkerung wird ersucht…«
»Sie haben recht«, gestand er, »das bin ich. Aber ich habe mein Gedächtnis nicht verloren. Ich mußte flüchten, ich mußte um mein Leben laufen.«
»Sie können mir Ihre Geschichte auch später erzählen«, meinte sie beruhigend. Sie senkte den Blick und sagte: »Sie wissen sicher nicht, wohin Sie sich wenden sollen. Wenn Sie wollen, können Sie hier in meinem Haus übernachten – ich habe ein Gästezimmer.«
»Ich würde schon – aber haben Sie keine Angst, einen wildfremden Mann bei sich aufzunehmen?«
»Hm, hm«, machte sie kopfschüttelnd. »Nicht wenn er so tugendhaft ist wie Sie.«
Ja, dachte er, ich bin ein tugendhafter Werwolf. Ich muß schleunigst jemand finden, mit dem ich über meine Krankheit sprechen kann.
Spät in der Nacht lag er immer noch wach. Er dachte, Marielle an seiner Seite sei schon lange eingeschlafen. Aber plötzlich bewegte sie sich und richtete sich auf.
»Warum bist du Ihnen davongerannt?« erkundigte sie sich mit leiser Stimme.
»Das fragst du mitten in der Nacht?«
»Ich konnte ebensowenig schlafen wie du.«
Eine Weile herrschte Stille, dann sagte er: »Sie wollten mich töten, so wie sie es mit meinen Kameraden getan haben.«
»Aber in der Zeitung steht, sie seien bei der Katastrophe ums Leben gekommen.«
»Alles Lüge. Sie wurden abgeschossen wie …«
»Wie tollwütige Hunde?«
»Ja, wie tollwütige Hunde!« Er spürte eine heiße Woge seinen Körper überschwemmen. In zorniger Erregung fuhr er fort: »Sie haben uns keine Chance gelassen. Wir hatten kaum unsere Schnauzen aus der Schleuse gesteckt…«
Sie erstarrte. »Was sagst du da, Sergej?«
Wie versteinert lag er da. Er hatte sich verraten. Durch ein einziges unbedachtes Wort hatte er ihren Argwohn erweckt. Doch war das nicht so schlimm, er hätte sich noch herausreden können – wenn nicht ausgerechnet in diesem Augenblick der Drang über ihn gekommen wäre. Er wehrte sich heftig dagegen, aber er kam nicht dagegen an. Es war ein Muß für ihn, sich zeitweise in einen Werwolf zu verwandeln. Anders konnte er nicht existieren.
Er erinnerte sich noch genau an das erstemal, als er auf alle viere niedergesunken war und ihm aus dem Spiegel ein Wolf entgegengeblickt hatte. Das war auf dem Raumschiff passiert, eine Woche nachdem sie Sirius verlassen hatten. Er war damals zu Tode erschrocken gewesen …
»Sergej! Was ist mit dir? Fühlst du dich nicht wohl?«
»Gleich, Marielle, gleich wird es mir besser gehen.«
Er fletschte die Zähne, knurrte wild und sprang dem vermeintlichen Rivalen entgegen. Der Spiegel zersplitterte in tausend Scherben – er hatte sein eigenes Spiegelbild angegriffen.
Er kam wieder zur Besinnung und lief unruhig in der engen Kabine auf und ab, die für menschliche Bedürfnisse geschaffen worden war. Als Mensch fühlte er sich wohl darin, aber als Wolf brauchte er mehr Bewegungsfreiheit.
Er war hungrig, aber als er an den Nahrungskonzentraten schnupperte, rebellierte sein Magen. Er war durstig, konnte seinen Durst aber nicht stillen, weil er mit den Pfoten den Wasserhahn nicht betätigen konnte. Am liebsten hätte er seiner Verzweiflung in einem anhaltenden Klagelaut Ausdruck gegeben, aber er gemahnte sich noch rechtzeitig zur Vorsicht.
Er war nicht allein auf dem Raumschiff. Sechs Menschen befanden sich mit ihm an Bord. Es waren seine Kameraden nur solange er menschliche Gestalt besaß. Jetzt war er ein Wolf, die Menschen waren seine Feinde!
Er mußte warten, bis der Drang nachließ und er wieder menschliche Gestalt annehmen konnte. Dann würde er sich überlegen, welche Vorsichtsmaßnahmen er künftig gegen eine Entdeckung treffen konnte. Denn er wußte: Er würde noch oft zum Wolf werden.
Das war sein Schicksal.
Sechs Wochen später rief der Kommandant, Juri Alexandrowitsch, sie zu einer dringenden Besprechung in den Gemeinschaftsraum. Als alle versammelt waren, sprach er zusammenfassend über den Erfolg ihrer Expedition und ging sofort auf den eigentlichen Grund der Zusammenkunft über.
Er sagte: »Wir können nicht dulden, daß dieser Erfolg durch verbrecherische Elemente in Frage gestellt wird. Irgend jemand aus unserer Gemeinschaft möchte sich persönliche Vorteile verschaffen, indem er die Lebensmittelkammer plündert. Wenn das nicht sofort eingestellt wird, schmelzen unsere knapp rationierten Lebensmittel auf ein Nichts zusammen, noch bevor wir die Erde erreicht haben.«
Sergej Kamow war den Ausführungen mit wachsendem Unbehagen gefolgt. Er glaubte sich durch seine Nervosität verraten, als er den Blick des Kommandanten auf sich ruhen spürte.
»Meldet sich der Schuldige freiwillig?«
Sergej hatte nicht geglaubt, daß das Fehlen von drei Fleischkonserven so schnell auffallen würde. Er wollte den Diebstahl schon zugeben, als sich der Navigator meldete.
»Ich bin der Dieb«, sagte er.
Sergej frohlockte innerlich. Der Navigator war sein Verbündeter, ein Wolf wie er. Warum sonst hätte er die Fleischkonserven stehlen sollen?
»Warum haben Sie gestohlen?« fragte der Kommandant.
»Ich … ich brauchte das Fleisch …«
»Wer fühlt sich noch schuldig?« erkundigte sich der Kommandant. Als sich niemand meldete, sagte er: »Dann muß ich den anderen Dieb überführen. Funker, geben Sie zu, daß Sie den Wasservorrat unerlaubt angegriffen haben?«
»Ja«, bekannte der Funker.
»Sie haben einen Bottich voll Wasser in Ihrer Kabine stehen. Wozu brauchen Sie das Wasser? Funktioniert der Wasserhahn nicht?«
»Doch«, bekannte der Funker, »aber manchmal … manchmal kann ich ihn nicht betätigen.«
Jetzt sind wir drei, triumphierte Sergej Kamow.
»Ich kann alles verstehen«, meinte der Kommandant mit plötzlich veränderter Stimme, »nur nicht, daß sich einige auf Kosten anderer bereichern wollen. Wir sollten uns in jeder Lage vor Augen fuhren, daß wir eine Gemeinschaft sind. Auch Sie, Genosse Kamow!«
Sergej zuckte zusammen, aber er faßte sich schnell wieder. Er hatte mit dem Navigator und dem Funker zwei Bundesgenossen, die im Falle einer Auseinandersetzung auf seiner Seite stehen würden.
»Ich bin krank, ich brauche Fleisch«, sagte er deshalb herausfordernd.
Der Kommandant reagierte ganz anders als erwartet.
»Wie können Sie das nur sagen, Genosse Kamow! Sie nennen es eine Krankheit, aber es ist eine kostbare Begabung. Ich bin ebenfalls damit gesegnet – wir alle sind es. Oder gibt es einen Außenseiter unter uns?«
Die sechs Astronauten schüttelten die Köpfe. Die Verkrampfung der letzten Tage und Wochen fiel von ihnen ab, sie benahmen sich freier und ungezwungener. Sie brauchten voreinander keine Geheimnisse mehr zu haben. Sie waren alle von dem gleichen Drang befallen.
Das Raumschiff raste der fernen Erde entgegen. Es hatte sieben Werwölfe an Bord, die sich gegen die Menschheit verschworen hatten.
Sergej Kamow blickte in Gedanken versunken aus dem Seitenfenster des Führerhauses auf die vorbeiflitzenden Bäume, die die Landstraße einsäumten.
Immer wieder sah er Marielies nackten Körper ausgestreckt neben dem Bett liegen, blutbesudelt. Er erinnerte sich noch genau daran, daß er sich die Schnauze abgeleckt hatte, bevor er durch das Fenster ins Freie gesprungen war. Die Geschehnisse der beiden darauffolgenden Tage hafteten nicht mehr so lebendig in seinem Gedächtnis.
Er wußte nur noch, daß er in Wolfsgestalt durch die Gegend gestreunt war und daß einige Male Menschen seinen Weg gekreuzt hatten, obwohl er die Ortschaften und belebten Straßen in weitem Bogen umgangen hatte. Ihm war nichts anderes übriggeblieben, als Menschen anzufallen, aber er hatte keinen von ihnen getötet. Auch Marielle hatte er nicht lebensgefährlich verwundet.
Warum er selbst während seines Wolfsdaseins so human war, konnte er nicht begründen. Vielleicht hinderte ihn sein Unterbewußtsein daran, zu morden?
Plötzlich durchfuhr es ihn siedend heiß. Er schloß die Augen und biß die Zähne zusammen.
Nicht jetzt, dachte er, nur nicht jetzt.
Der Drang ließ nach, er hatte das schmerzhafte Verlangen, sich in einen Wolf zu verwandeln, besiegt. Die Erkenntnis kam blitzartig: Er konnte den Drang kontrollieren!
Er atmete auf.
Der Fahrer des Sattelschleppers warf ihm einen Seitenblick zu und murmelte etwas auf Französisch. Sergej reagierte überhaupt nicht. Er hatte vorgegeben taubstumm zu sein. Das schien ihm die beste Möglichkeit, kein Aufsehen zu erregen. Bisher funktionierte seine Tarnung.
Vor ihnen tauchte eine Raststätte auf. Der Fahrer bremste den Sattelschlepper ab und fuhr auf den Parkplatz. Er stieß Sergej an und bedeutete ihm, mitzukommen. Sergej schüttelte den Kopf und kehrte bedauernd seine Rocktaschen um. Der Fahrer forderte ihn daraufhin nochmals zum Mitkommen auf, und diesmal folgte ihm Sergej bereitwillig.
Er hatte nichts dagegen, sich auf ein Mittagessen einladen zu lassen. Das Schaf, das er letzte Nacht gerissen hatte, war schon längst wieder verdaut. Sein Magen knurrte.
Das Essen war nicht dazu angetan, hohe Ansprüche zu befriedigen, aber es sättigte wenigstens. Sergej lehnte sich zufrieden zurück. So saß er eine Weile da und wartete darauf, daß der Fernfahrer die Zeitung weglegen würde. Eine Viertelstunde wartete Sergej vergebens darauf. Er wurde unruhig, und um nicht aufzufallen, nahm er ebenfalls eine Zeitung und tat, als lese er.
Plötzlich stach ihm ein Wort ins Auge.
Lykanthropologe, stand da. Ein Lykanthrop war ein Werwolf, und ein Lykanthropologe mußte demnach jemand sein, der sich wissenschaftlich mit Werwölfen befaßte. Sergej hatte bislang nicht gewußt, daß es einen Zweig der Wissenschaften gab, der sich dem Mythos über Werwölfe annahm. Aber das war nun egal.
Sergej studierte den Artikel Wort für Wort. Er bekam natürlich nicht heraus, worum es im einzelnen ging, aber immerhin erfuhr er den Namen eines Lykanthropologen und dessen Adresse.
Er hieß Jean-Louis Guillard und wohnte in Paris. Sergej nahm sich in diesem Augenblick vor, ihn aufzusuchen. Es war der einzige Mensch, dem er sich anvertrauen konnte und von dem er überzeugt sein konnte, daß er ihn auch anhören würde.
Sein Entschluß stand fest. Er würde zu Professor Jean-Louis Guillard gehen und ihm alles über die bevorstehende Invasion der Werwölfe erzählen. Hoffentlich hörte er ihn auch an, bevor er die Polizei verständigte.
Sergej kam sein Vorhaben plötzlich sinnlos vor. Wer würde ihm denn schon glauben? Es klang alles so phantastisch und unwahrscheinlich, daß man ihn für wahnsinnig halten mußte. Trotzdem blieb ihm keine andere Wahl. Er mußte den Lykanthropologen aufsuchen, um sich der drückenden Belastung zu entledigen, die das schreckliche Geheimnis für ihn bedeutete, das er mit sich trug.
Der Sattelschlepper brachte ihn bis Lyon, wo er die Nacht frierend in einem Park verbrachte. Er hätte der Kälte ganz leicht beikommen können, indem er Wolfsgestalt annahm, aber aus Angst vor einer Entdeckung unterließ er es. Am nächsten Morgen bereute er seine übermäßige Vorsicht bitterlich. Ein Polizist stöberte ihn auf und nahm ihn wegen Landstreicherei mit auf die Wache. Dort wurde ihm ein Platz vor einem Schreibtisch zugewiesen, an dem ein Beamter hinter einer Schreibmaschine saß.
Er sah Sergej erwartungsvoll an und stellte in mürrischem Ton eine Frage. Sergej deutete auf seine Ohren, bewegte den Mund lautlos und machte mit den Fingern einige undefinierbare Zeichen.
Der Beamte nickte zum Zeichen, daß er verstanden hatte, dann drehte er den Kopf und rief einen Namen. Sergej begann zu ahnen, was nun geschehen würde, und der Schweiß brach ihm aus. Er brauchte auch nicht lange zu warten, bis ein anderer Beamter in Zivil kam und sich ihm gegenübersetzte. Die beiden Beamten wechselten einige Worte, dann wandte sich der Hinzugekommene mit einem Lächeln an Sergej. Bevor er noch dazu kam, seine Finger in der Zeichensprache zu bewegen, sagte Sergej auf Englisch: »Können Sie einen Dolmetscher kommen lassen?«
Die beiden Beamten starrten sich betroffen an, dann hieb der hinter der Schreibmaschine wütend auf die Tasten. Fluchend rief er nach einem anderen Beamten.
Diesmal erschien ein bulliger Polizist. Er nahm wortlos Platz und hörte sich an, was ihm der Mann hinter der Schreibmaschine zu sagen hatte. Danach grunzte er und fragte mit schleppender Stimme und in schlechtem Englisch: »Warum hast du uns angelogen?«
Sergej verstand ihn gerade noch zur Not. Er benetzte sich die Lippen und sagte: »Das kann Ihnen doch egal sein. Nehmen Sie meine Personalien auf und lassen Sie mich in Frieden.«
»Ah, so einer bist du. Na, wir werden schon mit dir fertig.«
Er begann ihn nach Namen, Meldeort, Beruf und Staatszugehörigkeit auszufragen. Sergej nannte irgendeinen Namen, gab als Wohnort ein kleines Dorf an, an dem er mit dem Fernfahrer vorbeigekommen war, bezeichnete sich als Jugoslawe, und als Gelegenheitsarbeiter.
»Hast wohl selten Gelegenheit zum Arbeiten«, bemerkte der Polizist, dann begann er mit dem eigentlichen Verhör; er führte es geschickt und streng, dabei machte er den Eindruck, als seien ihm alle Ausländer prinzipiell verdächtig.
Sergej verstrickte sich bald in Widersprüche. Er spürte es direkt physisch, wie der Beamte immer mißtrauischer wurde. Er dachte fieberhaft über einen Ausweg nach, aber er konnte sich nicht darauf konzentrieren, weil andauernd Fragen auf ihn niederprasselten.
Er mußte handeln, bevor sie ihn in eine Zelle sperrten – noch bevor sie durch Rückfragen seine wahre Identität erfuhren.
Der bullige Beamte lehnte sich zurück, öffnete den obersten Hemdkragen und wischte sich mit dem Taschentuch über die schweißnasse Stirn.
»Ich bin fertig mit dir«, sagte er. »Jetzt werde ich das Verhör dem Chef überlassen.«
Sergej sprang mit einem gurgelnden Laut auf – sein Körper wurde in Feuer gebadet.
Der Polizist war zur Stelle und stützte ihn.
»Du wirst doch hier nicht kotzen?« fragte er mißtrauisch.
Sergej schüttelte den Kopf. »Es ist schon wieder vorbei.«
Der Beamte sah ihn prüfend an. »Siehst immer noch recht blaß aus. Da hinten ist das W.C. Vielleicht fühlst du dich besser, wenn du dich entleerst.«
Er drängte Sergej in den hinteren Teil des Raumes, öffnete eine Tür, schob ihn in die Toilette und blieb draußen stehen. Er wartete fünf Minuten, dann fragte er durch die geschlossene Tür: »Was ist?«
Ein gurgelnder Laut kam als Antwort. Der Gendarm überlegte, ob er nicht doch nachsehen sollte, aber dann verzog er nur angewidert das Gesicht und blieb draußen. Nach einigen weiteren Minuten stellte er wieder eine Frage. Er bekam keine Antwort. Er drückte gegen die Tür, sie war von innen verschlossen. Jetzt bemächtigte sich seiner ernsthafte Besorgnis. Er rief einen anderen Beamten zu sich, und gemeinsam rannten sie gegen die Tür an. Nach drei Anläufen splitterte sie aus ihren Angeln.
Aus dem düsteren Raum sprang ein schwarzer Schatten die beiden Beamten an. Ihre folgenden Schmerzensschreie vermischten sich mit dem wilden Knurren der Bestie. Der Kampflärm drang bis in den Hintertrakt, wo sich der Bereitschaftsraum befand, und alarmierte die dort befindlichen Polizisten. Als sie mit entsicherten Pistolen ins Wachzimmer stürmten, bot sich ihnen ein schrecklicher Anblick.
Inmitten eines Chaos aus umgestürzten Tischen und Stühlen lagen fünf ihrer Kameraden blutüberströmt und röchelnd – und durch ein offenstehendes Fenster sprang ein großer schwarzer Wolf hinaus auf die Straße.
Eine sofort eingeleitete Verfolgungsjagd verlief ergebnislos. Es meldeten sich zwar viele Augenzeugen in und um Lyon, die einen schwarzen Wolf gesehen haben wollten, und aus den Krankenhäusern wurden fast zwei Dutzend Fälle von Bißwunden gemeldet – aber der Wolf blieb unauffindbar.
Eine Woche später ging ein Mann mit aufgestelltem Mantelkragen eine bestimmte Straße in Paris entlang. Er blieb vor einem Haustor stehen, an dem ein unaufdringliches Schild verkündete:
Dr. Jean-Louis Guillard
Psychiater und Professor für Lykanthropologie
Dem Mann bereitete es sichtliches Unbehagen, in den hellen Eingang zu treten. Aber er überwand seine Scheu dann doch und drückte den Klingelknopf neben Professor Guillards Namensschild.
Aus dem Lautsprecher ertönte ein Knacken, und dann fragte eine Frauenstimme: »Wer ist da?«
»Kann ich Dr. Guillard sprechen?« fragte Sergej Kamow auf Englisch zurück.
Eine Weile herrschte Schweigen, dann meldete sich die Frau in gebrochenem Englisch: »Der Professor hat jetzt keine Sprechstunden.«
»Aber es ist dringend«, beharrte Sergej. »Ich muß ihn unbedingt sprechen. Lassen Sie mich zu ihm.«
»Professor Guillard ist nicht hier…«
»Lassen Sie mich ein«, drängte Sergej und blickte sich um. »Ich werde oben auf ihn warten.«
»Worum handelt es sich?« erkundigte sich die Frauenstimme ungerührt.
»Es …« Sergej zögerte, dann fuhr er schnell fort: »Ich möchte ihn in seiner Eigenschaft als Lykanthropologe sprechen.«
Es kam keine Antwort, aber dafür sprang das Haustor mit einem Summen auf. Sergej ignorierte den Lift und ging die zwei Etagen bis zu Dr. Guillards Ordination zu Fuß hinauf. Eine kleine, unscheinbare Frau in weißem Ärztekittel erwartete ihn mit einem nervösen Lächeln an der Tür.
»Sie hätten sofort sagen müssen, daß der Herr Professor Sie erwartet«, empfing sie ihn.
Sergej antwortete darauf nichts. Wenn der Professor jemand erwartete, der mit ihm lykanthropische Probleme erörtern wollte, und die Sprechstundenhilfe glaubte, er sei diese Person, so konnte ihm das nur recht sein. Wenn sich die Verwechslung erst herausstellte, bis er seine Geschichte dem Professor erzählt hatte, dann würde der seinen anderen Besucher schnell vergessen.
Sergej fühlte sich sogleich geborgen, als er an der Sprechstundenhilfe, die ihm die Tür offenhielt, vorbeitrat und in einen Vorraum mit einigen antiken Möbelstücken kam. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloß.
»Hierher, bitte«, sagte die Sprechstundenhilfe und führte ihn in eine Bibliothek. »Machen Sie es sich gemütlich.«
Sergej sah sich anerkennend um. Selten hatte er einen Raum gesehen, der so viel Behaglichkeit ausstrahlte. Eine Leselampe warf angenehmes Licht auf einen Tisch und ließ die Bücherregale in der dahinterliegenden Dämmerung mehr erahnen als sehen. Ein offener Kamin, in dem ein kleines Feuer knisterte, tat ein übriges zur Schaffung einer angenehmen Atmosphäre.
Die Sprechstundenhilfe blieb abwartend in der Tür stehen.
»Wann erwarten Sie den Professor zurück?« erkundigte sich Sergej.
»Vielleicht heute nacht, oder morgen«, sagte sie. »Ich werde ihn sofort verständigen. Wollen Sie trotzdem warten?«
»O ja. Auf jeden Fall – das heißt, wenn es keine Umstände bereitet.«
»Nein, nein. Machen Sie es sich nur gemütlich.«
Sie nickte ihm zu und ließ ihn allein.
Sergej ließ sich aufatmend in einen der beiden antiken Polstersessel fallen. Er war müde – die beschwerliche Flucht von Lyon bis hierher hatte ihre Spuren hinterlassen. Er mußte gegen die Müdigkeit etwas tun, sonst schlief er hier noch glatt ein. Sein Blick fiel auf ein Buch, das auf dem Tisch lag. Der Titel war in französischer Sprache auf den Rücken geprägt und deshalb nichtssagend für ihn. Aber er vermutete, daß Professor Guillard auch Bücher in anderen Sprachen besitzen würde. Vielleicht konnte er sich mit der Lektüre eines Buches wachhalten.
Als er die Titel in den Regalen überflog, es handelte sich meist um psychoanalytische und psychologische Fachwerke, stieß er auch auf ein Fach, in dem sich nur Werke über Lykanthropie befanden.
Sergej entnahm dem Fach zwei Bücher, die in englischer Sprache verfaßt waren. Das eine betitelte sich ›Die Werwölfe vom Altertum bis heute‹, das andere war ein handgeschriebenes Manuskript in Leder gebunden; nur der Name des Verfassers, James Hubbard, stand auf dem Einband.
Er setzte sich mit seiner Lektüre wieder an den Tisch.
Das Buch über die Werwölfe vom Altertum bis in die Gegenwart enthielt wohl einige Neuigkeiten für Sergej, aber es erschien ihm dennoch als nicht besonders lesenswert. Es zeigte ihm nur, daß alle Völker aus allen Epochen der Erde bereits Kontakt zu Menschen gehabt hatten, die sich in Wölfe verwandeln konnten.
Schon bei den alten Skythen und bei der sarmatischen Völkerschaft der Neurer fanden sich Hinweise auf Menschen, die zeitweise Wolfsgestalt annahmen. Griechische Ärzte berichteten über eine Krankheit, bei welcher der davon Befallene des Nachts umherlief und wie ein Wolf heulte. Die Römer kannten die Werwölfe unter der Bezeichnung versipelles; nach germanischen Begriffen, die auch in der Vöhungasaga zum Ausdruck kamen, wurde durch Überwerfen eines tilf-hamr die Verwandlung in die Wolfsgestalt bewirkt; im dänischen Volksglauben nahm der Werwolf ebenfalls seine feste Stelle ein.
Der Autor des Buches wies auch darauf hin, daß im südöstlichen Asien und in Afrika jetzt noch die allgemeine Vorstellung herrschte, Menschen könnten sich in Tiger, Löwen, Leoparden und Hyänen verwandeln; ebenfalls finde man noch in verschiedenen Gegenden Südrußlands, in der Walachei und verschiedenen slawischen Ländern den Glauben an Werwölfe, eng verknüpft mit dem Glauben an Vampire.
In der Zusammenfassung kam der Autor schließlich zu dem Schluß, daß all diese Erscheinungen wohl nur der Phantasie und jeweiligen Mentalität der verschiedenen Völker entsprungen seien. Der Glaube sei ganz bestimmt nicht auf die tatsächliche Existenz von Werwölfen zurückzuführen. Selbst wenn die neueren Forschungsergebnisse noch so sehr diese Vermutung zu unterstützen schienen, müsse man sie strikt von sich weisen. Wenn es Werwölfe tatsächlich gegeben hätte – warum sprachen die Asiaten und Afrikaner dann von Menschen in Tiger- oder Leopardengestalt?
Als Schlußsatz stand dort: »Ich schätze meinen Freund James Hubbard sehr, aber ich kann nicht umhin, sein Lebenswerk, mit dem er die Existenz von Werwölfen beweisen will, durch wissenschaftliche Fakten zum Einsturz zu bringen.«
Sergej sah erst jetzt auf der Umschlagseite nach dem Verfasser des Buches. Dort stand der Name Jean-Louis Guillard.
Er mußte sich noch zweimal vergewissern, daß er den Namen auch richtig gelesen hatte. Er hatte sich nicht geirrt. Der Mann, an den er sich um Hilfe wenden wollte, der Mann, von dem er geglaubt hatte, daß er sich seines Problems annehmen würde, war in Wirklichkeit ein Gegner der Lykanthropie. Er glaubte nicht an Werwölfe, er verwies ihre Existenz fanatisch ins Reich des Aberglaubens!
Wie konnte sich Sergej von ihm Hilfe erwarten?
Seine Hände zitterten, als er das in Leder gebundene Manuskript aufschlug.
»Eine Beweisführung für die Existenz der Werwölfe auf dem versunkenen Kontinent Atlantis, im Reiche des Sonnengottes Ra und in der Neuzeit, von James Hubbard.«
James Hubbard … James Hubbard, Sergej hatte diesen Namen schon früher gehört. Er wußte nur im Augenblick nicht, wo er ihn hintun sollte. Plötzlich fiel es ihm wieder ein. Natürlich, James Hubbard war ein Archäologe und Anthropologe, der einer der Entdecker des versunkenen Kontinents Atlantis war. Er hatte nicht nur die schon lange existierende Theorie bewiesen, daß sich der Kontinent Atlantis im Gebiet von Helgoland befunden hatte, sondern er hatte auch Schätze dieser versunkenen Kultur aus dem Meer geholt. James Hubbard war vor einem Jahr einem mysteriösen Unfall zum Opfer gefallen. Professor Guillard nannte ihn seinen Freund.
Aber mußten sie in Wirklichkeit nicht Feinde gewesen sein?
Sergej begann die Beweisführung James Hubbards zu lesen. Wie mit einem Schlag war alle Müdigkeit von ihm abgefallen; der Inhalt des Manuskripts zog ihn völlig in seinen Bann.
James Hubbard zog eine starke Trennlinie zwischen Aberglauben und beweisbaren Tatsachen. Die Gerüchte, wonach Werwölfe nur in Vollmondnächten in Erscheinung treten, wies er ebenso ins Reich der Fabel wie den Glauben, daß Werwölfe nur durch Silberkugeln getötet werden könnten.
»Der Lykanthrop ist eine Spezies wie der Homo sapiens«, stellte er sachlich fest.
Durch seine Ausgrabungen und seine Unterwasserexpeditionen konnte James Hubbard beweisen, daß auf dem Kontinent Atlantis die Rasse der Werwölfe regiert hatte. Die Lykanthropen besaßen damals bereits eine Kultur und Zivilisation, die ungefähr auf derselben Höhe stand wie die menschliche Zivilisation heute. Durch eine gigantische Atombombenexplosion versank der Kontinent im Meer. Einige der Lykanthropen retteten sich nach Europa, wo sie aber nicht mehr zu ihrer vergangenen Blüte zurückfinden konnten. Sie wurden vom Homo sapiens zu einem Schattendasein verurteilt.
»Nach und nach müssen die Lykanthropen dann auf der Erde ausgestorben sein«, vermutete James Hubbard. »Sie lebten nur noch in der Mythologie der Menschen weiter. Aber es wäre falsch anzunehmen, daß die Art nicht überlebte. Halten wir uns vor Augen, daß die Lykanthropen eine hochentwickelte Technik besaßen. Wenn sie mit der Atombombe spielten, dann müssen sie auch die möglichen Folgen beachtet haben. Es liegt auf der Hand, daß sie Maßnahmen zur Erhaltung ihrer Art trafen. Aber wo sind sie hin, wenn es sie auf der Erde nicht mehr gibt? Wir haben einige Hinweise. Den wichtigsten hinterließen uns die Ägypter.
Die Wissenschaftler haben sich schon immer den Kopf darüber zerbrochen, warum sich die alten Ägypter ausgerechnet für den Sirius interessierten. Sie stellten sogar einen genauen Kalender auf, der sich nach dem Siriusaufgang richtet – dieser Kalender gibt Jahreszyklen über 32 000 Jahre an!
Jetzt haben wir die Antwort darauf, warum sich die Ägypter so sehr um den Sirius kümmerten …«
Sergej erschauerte. Das also war die endgültige Antwort. Jetzt waren ihm alle Zusammenhänge klar. Wie eine Erinnerung aus grauer Vorzeit tauchte das Bild vor seinem geistigen Auge auf, das sich ihnen bot, als sie auf dem zweiten Planeten des Sirius landeten.
Es war eine grünende Welt, in ihrer Flora und Fauna der Erde ähnlich, und sie wurde von Menschen bewohnt…
Die sieben sowjetischen Astronauten fanden bei den Menschen des Siriusplaneten freundliche Aufnahme. Eine unübersehbare Menschenmenge fand sich aus der nahen Stadt am Landeplatz des Raumschiffes ein. Die Bedenken des Kommandanten, die Sirianer könnten kriegerische Absichten haben, wurden bald zerstreut, nachdem er den Bericht der beiden Männer hörte, die er zur Erkundung der Situation ausgesandt hatte.
»Es sind Menschen wie wir«, berichtete der eine der beiden Kundschafter; es war der Psychologe. »Sie sprechen eine unbekannte Sprache, tragen andere Kleider – und es wird sich noch herausstellen, daß ihre Gesellschaftsordnung der unseren recht fremd ist –, aber sie unterscheiden sich von uns nicht mehr, als sich die östlichen Völker der Erde von den westlichen unterscheiden.«
Der Kommandant ließ zwei der Männer als Wachen im Schiff zurück und folgte mit den anderen einer Delegation von sechs Männern in die Stadt der Sirianer, die in einem malerischen Tal lag.
Die Gebäude waren niedrig und aus einem hellen Kunststoff gefertigt, dazwischen schlängelten sich breite, gewundene Prachtstraßen in alle Richtungen; großzügige Grünflächen, Springbrunnen und Wasserläufe vervollständigten den Eindruck von einer riesengroßen Parkanlage, in der die Wohnanlagen geschickt verteilt waren. Anzeichen von Technik fanden die Menschen der Erde nirgends. Es schien keine Autos, keine Flugzeuge, kein Nachrichtenwesen und keine Energieversorgung zu geben – trotzdem wirkten die Sirianer fortschrittlich und intelligent.
Die Astronauten wurden zu dem größten Gebäude der Stadt gebracht, das sich als flacher Quader über den Gipfel des höchsten Hügels erstreckte. Dort wurden den Menschen luxuriöse Unterkünfte zugewiesen. Der Kommandant argwöhnte, daß sie von den Sirianern als Gefangene betrachtet würden, aber als er nach zwei Tagen Aufenthalt seinen vermeintlichen Bewachern klarmachte, daß er ins Raumschiff zurückkehren wollte, hinderten sie ihn nicht daran.
In den folgenden Tagen brachten die Menschen ihre sämtlichen wissenschaftlichen Ausrüstungsgegenstände zu dem Quaderkomplex auf dem Hügel, und die Sirianer waren ihnen dabei behilflich. Allerdings kamen die sowjetischen Astronauten in ihrer Forschungsarbeit nicht weiter. Die Sirianer waren zwar freundlich, aber aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten schienen sie nicht recht zu wissen, was die Besucher aus dem Weltraum eigentlich wollten.
Der Psychologe bemühte sich, die Sprache der Sirianer zu erlernen. In der Zwischenzeit sammelten die anderen die ersichtlichen Fakten und werteten sie aus. Vieles schien darauf hinzuweisen, daß die Flora und Fauna der Siriuswelt mit der der Erde verwandt war – ja, daß sie denselben Ursprung hatte …
Zwei Monate später wurde diese Theorie vom Psychologen bestätigt. Er beherrschte inzwischen die Sprache der Sirianer leidlich und hatte herausgefunden, daß vor langer Zeit eine Verbindung zur Erde geherrscht haben mußte. Er glaubte sogar herausbekommen zu haben, daß sie es hier mit einem frühen Volk der Erde zu tun hatten, das zum Sirius emigrierte. Außerdem war er überzeugt, daß die Sirianer planten, der Erde einen Gegenbesuch abzustatten.
»Aber wie«, erkundigte sich der Kommandant skeptisch, »wollen sie die achteinhalb Lichtjahre überbrücken. Haben Sie irgendwo Anzeichen gesehen, die auf eine Raumfahrt hinweisen?«
Nachdem der Psychologe gegangen war, widmete sich der Kommandant wieder dem sirianischen Mädchen. Während der Stunden, in denen er mit ihr zusammen war, vergaß er alle seine Aufgaben und Pflichten als Vertreter einer irdischen Großmacht. Er wurde in ihrer Gegenwart zu einem ganz anderen Menschen – und plötzlich erkannte er, daß er kein Mensch mehr war.
Er empfand keinen Schock über seine Verwandlung, und er war nicht wütend auf das Mädchen, als er erkannte, daß es der Preis war, den er für ihre Liebe hatte zahlen müssen. Jetzt, als Wolf, fühlte er sich nur noch mehr zu ihr hingezogen, es gab keine Sprachschwierigkeiten mehr, keine seelischen Schranken.
Ihre gemeinsame Sprache war die Sprache der Wölfe.
»Was ist mit meinen Kameraden?«
»Jedem ist ein Mädchen zugeteilt worden. Es wird nicht mehr lange dauern, bis auch sie zu uns gehören – bis sie Lykanthropen sind.«
Am nächsten Tag startete das sowjetische Sternenschiff. Bevor es in den unendlichen Raum hinausflog, umkreiste es den Planeten noch einmal in geringer Höhe – und es flog auch über den Wald von Raumschiffen hinweg, die für den Tag X bereitstanden.
»Wir sind nur die Vorhut«, sagte der Kommandant zu seinen Männern, als sie in das heimatliche Sonnensystem einflogen. »Eine Gruppe von vielen, die alle die Invasion vorbereiten. An uns liegt es, ob die Lykanthropen die Erde zurückerobern werden …«
Sergej schreckte aus dem Sessel, in dem er eingeschlafen war. Ein Geräusch hatte ihn geweckt.
Noch schlaftrunken starrte er auf die sich langsam öffnende Tür – plötzlich wurde sie ganz aufgestoßen. Ein Mann in einem eleganten schwarzen Mantel stand darin. Er schien irritiert, faßte sich aber rasch.
Er lächelte und sagte: »Meine Sprechstundenhilfe hat mir versichert, daß Sie schlafen.«
Sergej fuhr sich durch das Haar. »Ich habe auch geschlafen – ein Geräusch weckte mich. Sind Sie Professor Guillard?«
Ein gutmütiges Lächeln. »Ja, der bin ich.«
Ich kann nicht mehr zurück, dachte Sergej. Auch wenn er der Lykanthropologie noch so ablehnend gegenübersteht, muß ich versuchen, ihn von der Wahrheit zu überzeugen. Es ist noch nicht zu spät, die Invasion der Werwölfe zu verhindern.
Sergej begann: »Ich muß unbedingt mit Ihnen sprechen, Herr Professor …«
»Ich weiß«, wurde er unterbrochen, »ich habe Ihren Besuch schon lange erwartet.«
»Sie haben mich erwartet? Dann wissen Sie auch, wer ich bin?«
»Ja – das heißt, ich weiß nur, daß Sie einer der sowjetischen Astronauten sind. Ihren Namen kenne ich nicht. Aber er ist jetzt nicht mehr maßgebend. Hauptsache ist, Sie sind hier.«
Sergej fand, daß irgend etwas am Verhalten des Professors nicht stimmte. Er benetzte sich die Lippen und sagte: »Ich komme zu Ihnen, weil…«
Wieder wurde er unterbrochen. »Sie dachten, ich würde Sie anhören? Sie waren der Meinung, ich wäre so töricht, mich überrumpeln zu lassen?«
»Aber…«
»Sagen Sie nichts mehr!«
Professor Guillard sprang zur Seite. Zwei Männer mit vorgestreckten Pistolen erschienen in der Tür. Sie schossen augenblicklich. Sergej sah die Mündungsfeuer aufblitzen und spürte fast gleichzeitig, wie die Kugeln in seinen Körper einschlugen. Die Wucht der Geschosse schleuderte ihn zurück gegen den Sessel.
Dann herrschte plötzlich tödliches Schweigen.
Sergej lebte noch, aber er nahm die Geschehnisse um sich nur wie im Traum wahr. Er hörte Stimmen, aber er verstand nicht alles, was sie sagten.
Die Bibliothek füllte sich mit Menschen, es wurden immer mehr, und alle sprachen sie fast gleichzeitig.
»Sie hätten ihn aussprechen lassen sollen, Genosse Professor.«
»Dann hätte er sich womöglich in einen Wolf verwandelt und wäre über uns hergefallen.«
»Jetzt haben wir alle sieben.«
»Es gibt also doch Werwölfe …«
»Ja, aber nicht mehr auf der Erde. Sie sind Lichtjahre von uns entfernt, und bevor sie uns wieder gefährlich werden können, holen wir zum Vernichtungsschlag gegen sie aus.«
Sergej bäumte sich auf, aber er hatte nicht mehr die Kraft, seine Warnung auszusprechen. Warum nur hatten sie ihn nicht angehört! Er war der einzige, so glaubte er, der von der bevorstehenden Invasion der Lykanthropen wußte. Warum nur hatte ihn Professor Guillard sofort erschießen lassen?
Ein verwaschener heller Fleck erschien vor ihm.
»Können Sie mich hören?« fragte Professor Guillard mit leiser, beschwörender Stimme. »Wenn Sie mich hören können, dann nicken Sie … Es tut mir leid, daß ich Sie erschießen lassen mußte, aber es ging nicht anders. Sie hätten sonst unsere ganze Aktion gefährdet. Beantworten Sie mir eine Frage: Haben Sie viele Menschen gebissen? Wenn ja, dann nicken Sie.«
Sergej nickte.
»Das ist gut«, hörte er wieder Professor Guillards Stimme. »Sie werden alle zu Lykanthropen!«
Sergej verstand überhaupt nichts mehr. Er spürte, daß der Tod ihn gleich ins Jenseits hinüberziehen würde. Hörte er deshalb so wirres Zeug aus dem Mund eines Menschen? Handelte es sich nur um einen letzten Alptraum, bevor der Lebensfunke vollkommen erlosch?
Professor Guillard beugte sich ganz nahe zum Ohr des Sterbenden und flüsterte: »Wenn Sie jetzt sterben, dann können Sie es in der Gewißheit tun, unserem gemeinsamen Volk damit einen Dienst erwiesen zu haben. Wir Lykanthropen werden die Erde zurückerobern.«
Guillards Worte bewahrheiteten sich ein Jahr später.