Ernst VI­cek
Rückkehr vom Sirius

 

Er rann­te um sein Le­ben. Er nann­te es Drang, die­ses hef­ti­ge Ver­lan­gen, sich in einen Wolf zu ver­wan­deln. Der Drang be­las­te­te ihn see­lisch und kör­per­lich schwer, wäh­rend er durch den nächt­li­chen Wald has­te­te. Nur sel­ten gönn­te er sich ei­ne kur­ze Ver­schnauf­pau­se, um auf das Kläf­fen der Blut­hun­de zu hö­ren.

Sie ka­men im­mer nä­her und nä­her.

Er stol­per­te über Wur­zeln, die aus dem har­ten Erd­reich rag­ten, raff­te sich auf und hetz­te keu­chend wei­ter.

Wie lan­ge konn­te es noch dau­ern, bis ihn die Blut­hun­de ein­hol­ten und die grau­sa­me Jagd be­en­de­ten? Die Blut­hun­de wür­den sich nicht da­mit be­gnü­gen, ihn zu stel­len, denn sie wür­den sei­ne Aus­düns­tung wit­tern, den Schweiß des Wolfes. Nein, er hat­te kei­ne Chan­ce, sie wür­den ihn an­fal­len und zer­flei­schen.

Der Drang wur­de über­mäch­tig. Der Schmerz der be­gin­nen­den Ver­wand­lung über­schwemm­te sei­nen Kör­per in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den. Er blieb ste­hen, stütz­te sich an einen stäm­mi­gen Baum und schloß er­leich­tert die Au­gen. Die Flut der Schmer­zen ebb­te ab. Hier­blei­ben und aus­ru­hen, dach­te er sehn­süch­tig.

Aber er muß­te wei­ter. Er hör­te schon die Schreie der Trei­ber.

Er mach­te einen Schritt, und sein Kör­per bäum­te sich ge­pei­nigt auf; al­les brann­te in ihm, als wer­de sein ge­sam­tes Ner­ven­sys­tem in glut­flüs­si­ger La­va ge­ba­det. Die Schat­ten der Nacht ver­schwam­men vor sei­nen Au­gen zu ei­nem glat­ten, schwar­zen Tuch.

»Ver­damm­te Blut­hun­de!« schrie er in sei­ner Mut­ter­spra­che, be­vor er ohn­mäch­tig zu­sam­men­brach.

Die Ver­wand­lung schritt rasch vor­an …

Ein Win­seln und Knur­ren weck­te ihn. Er öff­ne­te die Au­gen und sprang auf die Bei­ne. Zwei glü­hen­de Au­gen­paa­re starr­ten ihn an. Er sah die gei­fern­den Lef­zen und das weiß­leuch­ten­de Ge­biß. Da­hin­ter er­blick­te er sche­men­haft die Ge­stal­ten der vier Trei­ber.

Sie schri­en. Er konn­te nicht ver­ste­hen, ob es sich um ar­ti­ku­lier­te Lau­te han­del­te. Er war ein Wolf.

Er heul­te auf und sprang dem ers­ten Blut­hund ent­ge­gen. Ein er­bit­ter­tes Rin­gen be­gann. Die Trei­ber ga­ben bei­den Blut­hun­den Lei­ne und feu­er­ten sie akus­tisch an.

Mit sei­nen star­ken Pfo­ten drück­te er den ers­ten Blut­hund zu Bo­den und schnapp­te nach sei­ner Keh­le. Das frem­de Blut schmeck­te süß … Er ließ von dem win­seln­den Et­was ab und wir­bel­te zum an­de­ren Blut­hund her­um. Einen Au­gen­blick lang stan­den bei­de Tie­re nur auf den Hin­ter­pfo­ten, dann wälz­ten sie sich über die har­te Er­de, wir­bel­ten das wel­ke Laub auf.

Der Wolf war stär­ker. Er riß den Ra­chen auf, spann­te ihn über die Keh­le des Blut­hun­des und biß zu. Die töd­lich ge­trof­fe­ne Krea­tur zuck­te noch ein paar­mal kon­vul­si­visch, um dann für im­mer leb­los in sich zu­sam­men­zu­fal­len.

Der Wolf hat­te ge­siegt. Der Kampf war vor­bei.

Fast vor­bei…

Die Trei­ber sto­ben laut krei­schend aus­ein­an­der, als der lan­ge schwar­ze Schat­ten auf sie zu­flog. Ei­ni­ge un­ge­ziel­te Schüs­se lös­ten sich aus ih­ren Ge­weh­ren, sie tra­fen den Wolf nicht.

Der Wolf war schnell und flink – er hol­te sich einen Trei­ber nach dem an­de­ren. Und er war in­tel­li­gent, er tö­te­te kei­nen von ih­nen. Er ließ die vier ver­wun­de­ten Men­schen lie­gen und rann­te wei­ter der fran­zö­si­schen Gren­ze ent­ge­gen.

Er wur­de sich erst nach ei­ni­gen Ki­lo­me­tern be­wußt, daß er noch im­mer Tei­le der Astro­nau­ten­uni­form trug. Er brauch­te nicht lan­ge, um sich ih­rer zu ent­le­di­gen.

Das so­wje­ti­sche Raum­schiff war vor zwei Jah­ren un­ter strengs­ter Ge­heim­hal­tung zum Si­ri­us ge­st­ar­tet. Der Flug zu den Pla­ne­ten des Son­nen­sys­tems, der Bau von be­mann­ten Raum­sta­tio­nen und von Mond­ba­sen ge­hör­te schon bei­na­he zum All­tag – aber dies war die ers­te Ex­pe­di­ti­on zu ei­nem Fix­stern. Das Raum­schiff hat­te die sieb­zehn Licht­jah­re des Hin- und Rück­flu­ges im über­licht­schnel­len Flug oh­ne tech­ni­sche Pan­nen ge­schafft, der Rest war nur noch un­zäh­li­ge Ma­le durch­ex­er­zier­te Rou­ti­ne­an­ge­le­gen­heit. Es schi­en, daß al­les gut­ge­hen wür­de.

Die Pan­ne pas­sier­te, als das Ster­nen­schiff ei­ne der Raum­sta­tio­nen an­flog, die in ei­ner wei­ten Um­lauf­bahn die Er­de um­kreis­ten. Die Brems­dü­sen ver­sag­ten, das Raum­schiff ras­te in un­ver­min­der­ter Ge­schwin­dig­keit auf die Er­de zu. Der Kom­man­dant ver­hin­der­te das Ärgs­te, in­dem er in ei­nem fla­chen Win­kel in die At­mo­sphä­re ein­flog, aber er konn­te da­durch die Ka­ta­stro­phe nur hin­aus­zö­gern. Das Raum­schiff war zum Ver­glü­hen ver­ur­teilt.

Die sie­ben Astro­nau­ten igno­rier­ten die Funk­sprü­che aus Mos­kau, in de­nen ih­nen be­foh­len wur­de, ihr Le­ben zu op­fern, um das Ge­heim­nis der ers­ten Ster­nen­ex­pe­di­ti­on zu wah­ren. Die Astro­nau­ten such­ten die Ret­tungs­kap­sel auf und lie­ßen sich vom Ka­ta­pult aus dem ver­glü­hen­den Raum­schiff schleu­dern.

Die Ret­tungs­kap­sel fiel na­he der ita­lie­ni­schen Ri­vie­ra ins Li­gu­ri­sche Meer. Zwei Schnell­boo­te der NA­TO nah­men sie ins Schlepp und brach­ten sie an Land. Dort war­te­te ei­ne Ab­tei­lung Sol­da­ten.

Als die so­wje­ti­schen Astro­nau­ten die Raum­kap­sel ver­lie­ßen, wur­de so­fort das Feu­er auf sie er­öff­net. Drei von ih­nen bra­chen im ers­ten Ku­gel­ha­gel tot zu­sam­men, zwei wei­te­re er­eil­te das Schick­sal wäh­rend der Flucht in die Ber­ge.

Nur Ser­gej Ka­mow und der Kom­man­dant er­reich­ten die Li­gu­ri­schen Al­pen. Dort fiel der Kom­man­dant den Blut­hun­den zum Op­fer – sie über­rasch­ten ihn wäh­rend der Me­ta­mor­pho­se.

Blieb nur noch Ser­gej Ka­mow von sie­ben so­wje­ti­schen Astro­nau­ten üb­rig. Im­mer wie­der kreis­ten sei­ne Ge­dan­ken um die­sel­be Fra­ge: Wo­durch ha­ben wir uns ver­ra­ten?

Nur weil wir in der Ge­stalt von Wöl­fen der Raum­kap­sel ent­stie­gen? Auf den ers­ten Blick hät­ten sie uns für Hun­de, für Welt­raum­hun­de, hal­ten müs­sen. Aber sie schos­sen au­gen­blick­lich. Sie muß­ten ge­wußt ha­ben, daß wir Wer­wöl­fe wa­ren. Wie war das mög­lich?

Das Mäd­chen mit dem Fahr­rad kam in ge­mäch­li­chem Tem­po den schma­len Pfad her­un­ter­ge­fah­ren. Es hat­te kei­ne Ei­le, auch schi­en es ihr nichts aus­zu­ma­chen, daß die Son­ne hin­ter dem Wald ver­sun­ken war und es be­reits däm­mer­te. An den Bü­schen, die den stil­len Wald­see an die­ser Stel­le um­säum­ten, stieg sie vom Rad und schob es durch das Dickicht. Auf ei­ner Lich­tung leg­te sie es ins Gras.

Sie seufz­te woh­lig, lang­te hin­ter sich, um den Ver­schluß ih­res leich­ten Som­mer­klei­des zu öff­nen.

Plötz­lich er­starr­te sie mit­ten in der Be­we­gung.

»Ist hier je­mand?« Sie blick­te su­chend und oh­ne er­kenn­ba­re Angst um sich. Dann sah sie, daß sich das Blatt­werk an ei­ner Stel­le am Ran­de der Lich­tung be­weg­te.

»Wol­len Sie mir et­wa beim Ba­den zu­se­hen?« frag­te sie barsch, aber be­reits et­was un­si­cher. »Kom­men Sie so­fort her­aus.«

Zu ih­rer Über­ra­schung be­kam sie ei­ne Ant­wort.

»Ich kann nicht«, sag­te ei­ne an­ge­nehm klin­gen­de Män­ner­stim­me auf Eng­lisch; sie über­hör­te den har­ten, rol­len­den Ak­zent nicht.

»Spre­chen Sie nicht Fran­zö­sisch?« er­kun­dig­te sie sich in der­sel­ben Spra­che.

»Nein – ich bin Ame­ri­ka­ner.«

Sie run­zel­te die Stirn und mahn­te sich zur Vor­sicht. Wer im­mer die­ser Mann hin­ter dem Busch war, er sprach mit ei­nem sla­wi­schen Ak­zent und war al­les an­de­re als ein Ame­ri­ka­ner.

»Warum kön­nen Sie nicht aus Ih­rem Ver­steck kom­men?« frag­te sie.

»Weil ich nackt bin.«

»Oh.«

Das Strauch­werk teil­te sich, dann er­schi­en der nack­te Ober­kör­per ei­nes kräf­tig ge­bau­ten Man­nes von mitt­le­rem Al­ter. Er hat­te stren­ge, mar­kan­te Ge­sichts­zü­ge, sein Haar­schnitt war von mi­li­tä­ri­scher Kür­ze.

Er lä­chel­te un­be­hol­fen und sag­te: »Man hat mir die Klei­der ge­stoh­len, als ich hier ba­de­te.«

»Ach?« mein­te sie zwei­felnd und dach­te: Er lügt schon wie­der. Laut sag­te sie: »Der See ist so ein­sam und ver­las­sen, daß sich kaum ein Frem­der hier­her ver­irrt. Selbst Ein­hei­mi­sche …«

Sie un­ter­brach sich, weil sie er­kann­te, wie ver­fäng­lich ih­re Wor­te wa­ren. Schnell füg­te sie hin­zu: »So ver­las­sen ist der See ei­gent­lich gar nicht. Wir kom­men sehr oft her – mein Freund muß oh­ne­dies bald ein­tref­fen. Er kann je­den Au­gen­blick kom­men.«

Das Ge­sicht des Un­be­kann­ten er­hell­te sich. »Viel­leicht könn­te mir Ihr Freund ei­ne Ba­de­ho­se bor­gen.«

Das Mäd­chen lach­te schal­lend, ge­löst. Als sie sein Er­stau­nen und sei­ne Be­trof­fen­heit sah, be­merk­te sie: »Ich dach­te, Sie sei­en ein Wüst­ling, ein Voy­eur oder so – man liest ja al­ler­hand Schau­er­li­ches. Des­halb ha­be ich zu Ih­nen ge­sagt, daß mein Freund bald kommt.«

»Dann kommt er gar nicht?«

Sie schüt­tel­te be­dau­ernd den Kopf. »Ich muß Sie lei­der ent­täu­schen. Aber las­sen Sie mich nach­den­ken. Nackt kön­nen Sie na­tür­lich nicht blei­ben … Na­tür­lich, so geht es! Sie kön­nen sich zur Not das Hös­chen mei­nes Bi­ki­nis über­strei­fen; mit dem Ba­den wird es oh­ne­hin nichts mehr.«

»Aber…«

»Las­sen Sie mich nur ma­chen«, un­ter­brach sie ihn. »Ich brin­ge Sie mit dem Rad zu mir nach Hau­se. Auf dem Dach­bo­den be­fin­den sich noch ei­ni­ge Kla­mot­ten mei­nes Vor­gän­gers, die könn­ten Ih­nen pas­sen.«

Es stell­te sich her­aus, daß sie Leh­re­rin in ei­nem klei­nen Ort war und ein ab­ge­le­ge­nes Haus be­wohn­te. Nie­mand be­merk­te sie, als sie mit dem Frem­den an­kam. Sie brach­te ihm Un­ter­wä­sche, ein Hemd und einen zer­knit­ter­ten An­zug.

Er rümpf­te die Na­se.

»Ein­ge­mot­tet«, er­klär­te sie spitz. »Aber in Ih­rer Ver­fas­sung kön­nen Sie nicht wäh­le­risch sein.«

»Na­tür­lich nicht. Ent­schul­di­gen Sie.«

Als er sich we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter mit dem An­zug se­hen ließ, stell­te sie fest, daß er recht statt­lich dar­in wirk­te. Nach­dem sie ihm zu es­sen ge­ge­ben hat­te, er­kun­dig­te sie sich, was er nun zu tun ge­den­ke. Er er­klär­te, daß er beim nächs­ten Gen­dar­me­ri­e­pos­ten An­zei­ge er­stat­ten wür­de, um dann zu sei­nem Ge­schäfts­freund zu­rück­zu­keh­ren, bei dem er woh­ne.

Wort­los leg­te sie ei­ne Zei­tung vor ihn auf den Tisch. Sie sah, daß sein Blick wach­sam und arg­wöh­nisch wur­de. Oh­ne auf die Zei­tung zu ach­ten, sag­te er: »Ich kann das lei­der nicht le­sen. Wür­den Sie es mir über­set­zen?«

Sie nahm die Zei­tung wie­der an sich und las die Über­schrift vor: »So­wje­ti­sche Raum­kap­sel bei Im­pe­ria ins Meer ge­stürzt. Sechs Astro­nau­ten ka­men ums Le­ben … der ein­zi­ge über­le­ben­de Astro­naut dürf­te durch einen Schock das Ge­dächt­nis ver­lo­ren ha­ben. Er ist vor sei­nen Ret­tern in die Ber­ge des Li­gu­ri­schen Apen­nin ge­flüch­tet. Bei Re­dak­ti­ons­schluß fehl­te von ihm noch je­de Spur, aber es ist nicht un­wahr­schein­lich, daß er sich be­reits auf fran­zö­si­schem Bo­den be­fin­det. Die Be­völ­ke­rung wird er­sucht…«

»Sie ha­ben recht«, ge­stand er, »das bin ich. Aber ich ha­be mein Ge­dächt­nis nicht ver­lo­ren. Ich muß­te flüch­ten, ich muß­te um mein Le­ben lau­fen.«

»Sie kön­nen mir Ih­re Ge­schich­te auch spä­ter er­zäh­len«, mein­te sie be­ru­hi­gend. Sie senk­te den Blick und sag­te: »Sie wis­sen si­cher nicht, wo­hin Sie sich wen­den sol­len. Wenn Sie wol­len, kön­nen Sie hier in mei­nem Haus über­nach­ten – ich ha­be ein Gäs­te­zim­mer.«

»Ich wür­de schon – aber ha­ben Sie kei­ne Angst, einen wild­frem­den Mann bei sich auf­zu­neh­men?«

»Hm, hm«, mach­te sie kopf­schüt­telnd. »Nicht wenn er so tu­gend­haft ist wie Sie.«

Ja, dach­te er, ich bin ein tu­gend­haf­ter Wer­wolf. Ich muß schleu­nigst je­mand fin­den, mit dem ich über mei­ne Krank­heit spre­chen kann.

Spät in der Nacht lag er im­mer noch wach. Er dach­te, Ma­ri­el­le an sei­ner Sei­te sei schon lan­ge ein­ge­schla­fen. Aber plötz­lich be­weg­te sie sich und rich­te­te sich auf.

»Warum bist du Ih­nen da­von­ge­rannt?« er­kun­dig­te sie sich mit lei­ser Stim­me.

»Das fragst du mit­ten in der Nacht?«

»Ich konn­te eben­so­we­nig schla­fen wie du.«

Ei­ne Wei­le herrsch­te Stil­le, dann sag­te er: »Sie woll­ten mich tö­ten, so wie sie es mit mei­nen Ka­me­ra­den ge­tan ha­ben.«

»Aber in der Zei­tung steht, sie sei­en bei der Ka­ta­stro­phe ums Le­ben ge­kom­men.«

»Al­les Lü­ge. Sie wur­den ab­ge­schos­sen wie …«

»Wie toll­wü­ti­ge Hun­de?«

»Ja, wie toll­wü­ti­ge Hun­de!« Er spür­te ei­ne hei­ße Wo­ge sei­nen Kör­per über­schwem­men. In zor­ni­ger Er­re­gung fuhr er fort: »Sie ha­ben uns kei­ne Chan­ce ge­las­sen. Wir hat­ten kaum un­se­re Schnau­zen aus der Schleu­se ge­steckt…«

Sie er­starr­te. »Was sagst du da, Ser­gej?«

Wie ver­stei­nert lag er da. Er hat­te sich ver­ra­ten. Durch ein ein­zi­ges un­be­dach­tes Wort hat­te er ih­ren Arg­wohn er­weckt. Doch war das nicht so schlimm, er hät­te sich noch her­aus­re­den kön­nen – wenn nicht aus­ge­rech­net in die­sem Au­gen­blick der Drang über ihn ge­kom­men wä­re. Er wehr­te sich hef­tig da­ge­gen, aber er kam nicht da­ge­gen an. Es war ein Muß für ihn, sich zeit­wei­se in einen Wer­wolf zu ver­wan­deln. An­ders konn­te er nicht exis­tie­ren.

Er er­in­ner­te sich noch ge­nau an das ers­te­mal, als er auf al­le vie­re nie­der­ge­sun­ken war und ihm aus dem Spie­gel ein Wolf ent­ge­gen­ge­blickt hat­te. Das war auf dem Raum­schiff pas­siert, ei­ne Wo­che nach­dem sie Si­ri­us ver­las­sen hat­ten. Er war da­mals zu To­de er­schro­cken ge­we­sen …

»Ser­gej! Was ist mit dir? Fühlst du dich nicht wohl?«

»Gleich, Ma­ri­el­le, gleich wird es mir bes­ser ge­hen.«

Er fletsch­te die Zäh­ne, knurr­te wild und sprang dem ver­meint­li­chen Ri­va­len ent­ge­gen. Der Spie­gel zer­split­ter­te in tau­send Scher­ben – er hat­te sein ei­ge­nes Spie­gel­bild an­ge­grif­fen.

Er kam wie­der zur Be­sin­nung und lief un­ru­hig in der en­gen Ka­bi­ne auf und ab, die für mensch­li­che Be­dürf­nis­se ge­schaf­fen wor­den war. Als Mensch fühl­te er sich wohl dar­in, aber als Wolf brauch­te er mehr Be­we­gungs­frei­heit.

Er war hung­rig, aber als er an den Nah­rungs­kon­zen­tra­ten schnup­per­te, re­bel­lier­te sein Ma­gen. Er war durs­tig, konn­te sei­nen Durst aber nicht stil­len, weil er mit den Pfo­ten den Was­ser­hahn nicht be­tä­ti­gen konn­te. Am liebs­ten hät­te er sei­ner Ver­zweif­lung in ei­nem an­hal­ten­den Kla­ge­laut Aus­druck ge­ge­ben, aber er ge­mahn­te sich noch recht­zei­tig zur Vor­sicht.

Er war nicht al­lein auf dem Raum­schiff. Sechs Men­schen be­fan­den sich mit ihm an Bord. Es wa­ren sei­ne Ka­me­ra­den nur so­lan­ge er mensch­li­che Ge­stalt be­saß. Jetzt war er ein Wolf, die Men­schen wa­ren sei­ne Fein­de!

Er muß­te war­ten, bis der Drang nachließ und er wie­der mensch­li­che Ge­stalt an­neh­men konn­te. Dann wür­de er sich über­le­gen, wel­che Vor­sichts­maß­nah­men er künf­tig ge­gen ei­ne Ent­de­ckung tref­fen konn­te. Denn er wuß­te: Er wür­de noch oft zum Wolf wer­den.

Das war sein Schick­sal.

Sechs Wo­chen spä­ter rief der Kom­man­dant, Ju­ri Alex­an­dro­witsch, sie zu ei­ner drin­gen­den Be­spre­chung in den Ge­mein­schafts­raum. Als al­le ver­sam­melt wa­ren, sprach er zu­sam­men­fas­send über den Er­folg ih­rer Ex­pe­di­ti­on und ging so­fort auf den ei­gent­li­chen Grund der Zu­sam­men­kunft über.

Er sag­te: »Wir kön­nen nicht dul­den, daß die­ser Er­folg durch ver­bre­che­ri­sche Ele­men­te in Fra­ge ge­stellt wird. Ir­gend je­mand aus un­se­rer Ge­mein­schaft möch­te sich per­sön­li­che Vor­tei­le ver­schaf­fen, in­dem er die Le­bens­mit­tel­kam­mer plün­dert. Wenn das nicht so­fort ein­ge­stellt wird, schmel­zen un­se­re knapp ra­tio­nier­ten Le­bens­mit­tel auf ein Nichts zu­sam­men, noch be­vor wir die Er­de er­reicht ha­ben.«

Ser­gej Ka­mow war den Aus­füh­run­gen mit wach­sen­dem Un­be­ha­gen ge­folgt. Er glaub­te sich durch sei­ne Ner­vo­si­tät ver­ra­ten, als er den Blick des Kom­man­dan­ten auf sich ru­hen spür­te.

»Mel­det sich der Schul­di­ge frei­wil­lig?«

Ser­gej hat­te nicht ge­glaubt, daß das Feh­len von drei Fleisch­kon­ser­ven so schnell auf­fal­len wür­de. Er woll­te den Dieb­stahl schon zu­ge­ben, als sich der Na­vi­ga­tor mel­de­te.

»Ich bin der Dieb«, sag­te er.

Ser­gej frohlock­te in­ner­lich. Der Na­vi­ga­tor war sein Ver­bün­de­ter, ein Wolf wie er. Warum sonst hät­te er die Fleisch­kon­ser­ven steh­len sol­len?

»Warum ha­ben Sie ge­stoh­len?« frag­te der Kom­man­dant.

»Ich … ich brauch­te das Fleisch …«

»Wer fühlt sich noch schul­dig?« er­kun­dig­te sich der Kom­man­dant. Als sich nie­mand mel­de­te, sag­te er: »Dann muß ich den an­de­ren Dieb über­füh­ren. Fun­ker, ge­ben Sie zu, daß Sie den Was­ser­vor­rat un­er­laubt an­ge­grif­fen ha­ben?«

»Ja«, be­kann­te der Fun­ker.

»Sie ha­ben einen Bot­tich voll Was­ser in Ih­rer Ka­bi­ne ste­hen. Wo­zu brau­chen Sie das Was­ser? Funk­tio­niert der Was­ser­hahn nicht?«

»Doch«, be­kann­te der Fun­ker, »aber manch­mal … manch­mal kann ich ihn nicht be­tä­ti­gen.«

Jetzt sind wir drei, tri­um­phier­te Ser­gej Ka­mow.

»Ich kann al­les ver­ste­hen«, mein­te der Kom­man­dant mit plötz­lich ver­än­der­ter Stim­me, »nur nicht, daß sich ei­ni­ge auf Kos­ten an­de­rer be­rei­chern wol­len. Wir soll­ten uns in je­der La­ge vor Au­gen fuh­ren, daß wir ei­ne Ge­mein­schaft sind. Auch Sie, Ge­nos­se Ka­mow!«

Ser­gej zuck­te zu­sam­men, aber er faß­te sich schnell wie­der. Er hat­te mit dem Na­vi­ga­tor und dem Fun­ker zwei Bun­des­ge­nos­sen, die im Fal­le ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung auf sei­ner Sei­te ste­hen wür­den.

»Ich bin krank, ich brau­che Fleisch«, sag­te er des­halb her­aus­for­dernd.

Der Kom­man­dant rea­gier­te ganz an­ders als er­war­tet.

»Wie kön­nen Sie das nur sa­gen, Ge­nos­se Ka­mow! Sie nen­nen es ei­ne Krank­heit, aber es ist ei­ne kost­ba­re Be­ga­bung. Ich bin eben­falls da­mit ge­seg­net – wir al­le sind es. Oder gibt es einen Au­ßen­sei­ter un­ter uns?«

Die sechs Astro­nau­ten schüt­tel­ten die Köp­fe. Die Ver­kramp­fung der letz­ten Ta­ge und Wo­chen fiel von ih­nen ab, sie be­nah­men sich frei­er und un­ge­zwun­ge­ner. Sie brauch­ten vor­ein­an­der kei­ne Ge­heim­nis­se mehr zu ha­ben. Sie wa­ren al­le von dem glei­chen Drang be­fal­len.

Das Raum­schiff ras­te der fer­nen Er­de ent­ge­gen. Es hat­te sie­ben Wer­wöl­fe an Bord, die sich ge­gen die Mensch­heit ver­schwo­ren hat­ten.

 

Ser­gej Ka­mow blick­te in Ge­dan­ken ver­sun­ken aus dem Sei­ten­fens­ter des Füh­rer­hau­ses auf die vor­beif­lit­zen­den Bäu­me, die die Land­stra­ße ein­säum­ten.

Im­mer wie­der sah er Ma­ri­e­lies nack­ten Kör­per aus­ge­streckt ne­ben dem Bett lie­gen, blut­be­su­delt. Er er­in­ner­te sich noch ge­nau dar­an, daß er sich die Schnau­ze ab­ge­leckt hat­te, be­vor er durch das Fens­ter ins Freie ge­sprun­gen war. Die Ge­scheh­nis­se der bei­den dar­auf­fol­gen­den Ta­ge haf­te­ten nicht mehr so le­ben­dig in sei­nem Ge­dächt­nis.

Er wuß­te nur noch, daß er in Wolfs­ge­stalt durch die Ge­gend ge­streunt war und daß ei­ni­ge Ma­le Men­schen sei­nen Weg ge­kreuzt hat­ten, ob­wohl er die Ort­schaf­ten und be­leb­ten Stra­ßen in wei­tem Bo­gen um­gan­gen hat­te. Ihm war nichts an­de­res üb­rig­ge­blie­ben, als Men­schen an­zu­fal­len, aber er hat­te kei­nen von ih­nen ge­tö­tet. Auch Ma­ri­el­le hat­te er nicht le­bens­ge­fähr­lich ver­wun­det.

Warum er selbst wäh­rend sei­nes Wolfs­da­seins so hu­man war, konn­te er nicht be­grün­den. Viel­leicht hin­der­te ihn sein Un­ter­be­wußt­sein dar­an, zu mor­den?

Plötz­lich durch­fuhr es ihn sie­dend heiß. Er schloß die Au­gen und biß die Zäh­ne zu­sam­men.

Nicht jetzt, dach­te er, nur nicht jetzt.

Der Drang ließ nach, er hat­te das schmerz­haf­te Ver­lan­gen, sich in einen Wolf zu ver­wan­deln, be­siegt. Die Er­kennt­nis kam blitz­ar­tig: Er konn­te den Drang kon­trol­lie­ren!

Er at­me­te auf.

Der Fah­rer des Sat­tel­schlep­pers warf ihm einen Sei­ten­blick zu und mur­mel­te et­was auf Fran­zö­sisch. Ser­gej rea­gier­te über­haupt nicht. Er hat­te vor­ge­ge­ben taub­stumm zu sein. Das schi­en ihm die bes­te Mög­lich­keit, kein Auf­se­hen zu er­re­gen. Bis­her funk­tio­nier­te sei­ne Tar­nung.

Vor ih­nen tauch­te ei­ne Rast­stät­te auf. Der Fah­rer brems­te den Sat­tel­schlep­per ab und fuhr auf den Park­platz. Er stieß Ser­gej an und be­deu­te­te ihm, mit­zu­kom­men. Ser­gej schüt­tel­te den Kopf und kehr­te be­dau­ernd sei­ne Rock­ta­schen um. Der Fah­rer for­der­te ihn dar­auf­hin noch­mals zum Mit­kom­men auf, und dies­mal folg­te ihm Ser­gej be­reit­wil­lig.

Er hat­te nichts da­ge­gen, sich auf ein Mit­tages­sen ein­la­den zu las­sen. Das Schaf, das er letz­te Nacht ge­ris­sen hat­te, war schon längst wie­der ver­daut. Sein Ma­gen knurr­te.

Das Es­sen war nicht da­zu an­ge­tan, ho­he An­sprü­che zu be­frie­di­gen, aber es sät­tig­te we­nigs­tens. Ser­gej lehn­te sich zu­frie­den zu­rück. So saß er ei­ne Wei­le da und war­te­te dar­auf, daß der Fern­fah­rer die Zei­tung weg­le­gen wür­de. Ei­ne Vier­tel­stun­de war­te­te Ser­gej ver­ge­bens dar­auf. Er wur­de un­ru­hig, und um nicht auf­zu­fal­len, nahm er eben­falls ei­ne Zei­tung und tat, als le­se er.

Plötz­lich stach ihm ein Wort ins Au­ge.

Ly­kan­thro­po­lo­ge, stand da. Ein Ly­kan­throp war ein Wer­wolf, und ein Ly­kan­thro­po­lo­ge muß­te dem­nach je­mand sein, der sich wis­sen­schaft­lich mit Wer­wöl­fen be­faß­te. Ser­gej hat­te bis­lang nicht ge­wußt, daß es einen Zweig der Wis­sen­schaf­ten gab, der sich dem My­thos über Wer­wöl­fe an­nahm. Aber das war nun egal.

Ser­gej stu­dier­te den Ar­ti­kel Wort für Wort. Er be­kam na­tür­lich nicht her­aus, worum es im ein­zel­nen ging, aber im­mer­hin er­fuhr er den Na­men ei­nes Ly­kan­thro­po­lo­gen und des­sen Adres­se.

Er hieß Jean-Louis Guil­lard und wohn­te in Pa­ris. Ser­gej nahm sich in die­sem Au­gen­blick vor, ihn auf­zu­su­chen. Es war der ein­zi­ge Mensch, dem er sich an­ver­trau­en konn­te und von dem er über­zeugt sein konn­te, daß er ihn auch an­hö­ren wür­de.

Sein Ent­schluß stand fest. Er wür­de zu Pro­fes­sor Jean-Louis Guil­lard ge­hen und ihm al­les über die be­vor­ste­hen­de In­va­si­on der Wer­wöl­fe er­zäh­len. Hof­fent­lich hör­te er ihn auch an, be­vor er die Po­li­zei ver­stän­dig­te.

Ser­gej kam sein Vor­ha­ben plötz­lich sinn­los vor. Wer wür­de ihm denn schon glau­ben? Es klang al­les so phan­tas­tisch und un­wahr­schein­lich, daß man ihn für wahn­sin­nig hal­ten muß­te. Trotz­dem blieb ihm kei­ne an­de­re Wahl. Er muß­te den Ly­kan­thro­po­lo­gen auf­su­chen, um sich der drücken­den Be­las­tung zu ent­le­di­gen, die das schreck­li­che Ge­heim­nis für ihn be­deu­te­te, das er mit sich trug.

Der Sat­tel­schlep­per brach­te ihn bis Ly­on, wo er die Nacht frie­rend in ei­nem Park ver­brach­te. Er hät­te der Käl­te ganz leicht bei­kom­men kön­nen, in­dem er Wolfs­ge­stalt an­nahm, aber aus Angst vor ei­ner Ent­de­ckung un­ter­ließ er es. Am nächs­ten Mor­gen be­reu­te er sei­ne über­mä­ßi­ge Vor­sicht bit­ter­lich. Ein Po­li­zist stö­ber­te ihn auf und nahm ihn we­gen Land­strei­che­rei mit auf die Wa­che. Dort wur­de ihm ein Platz vor ei­nem Schreib­tisch zu­ge­wie­sen, an dem ein Be­am­ter hin­ter ei­ner Schreib­ma­schi­ne saß.

Er sah Ser­gej er­war­tungs­voll an und stell­te in mür­ri­schem Ton ei­ne Fra­ge. Ser­gej deu­te­te auf sei­ne Oh­ren, be­weg­te den Mund laut­los und mach­te mit den Fin­gern ei­ni­ge un­de­fi­nier­ba­re Zei­chen.

Der Be­am­te nick­te zum Zei­chen, daß er ver­stan­den hat­te, dann dreh­te er den Kopf und rief einen Na­men. Ser­gej be­gann zu ah­nen, was nun ge­sche­hen wür­de, und der Schweiß brach ihm aus. Er brauch­te auch nicht lan­ge zu war­ten, bis ein an­de­rer Be­am­ter in Zi­vil kam und sich ihm ge­gen­über­setz­te. Die bei­den Be­am­ten wech­sel­ten ei­ni­ge Wor­te, dann wand­te sich der Hin­zu­ge­kom­me­ne mit ei­nem Lä­cheln an Ser­gej. Be­vor er noch da­zu kam, sei­ne Fin­ger in der Zei­chen­spra­che zu be­we­gen, sag­te Ser­gej auf Eng­lisch: »Kön­nen Sie einen Dol­met­scher kom­men las­sen?«

Die bei­den Be­am­ten starr­ten sich be­trof­fen an, dann hieb der hin­ter der Schreib­ma­schi­ne wü­tend auf die Tas­ten. Flu­chend rief er nach ei­nem an­de­ren Be­am­ten.

Dies­mal er­schi­en ein bul­li­ger Po­li­zist. Er nahm wort­los Platz und hör­te sich an, was ihm der Mann hin­ter der Schreib­ma­schi­ne zu sa­gen hat­te. Da­nach grunz­te er und frag­te mit schlep­pen­der Stim­me und in schlech­tem Eng­lisch: »Warum hast du uns an­ge­lo­gen?«

Ser­gej ver­stand ihn ge­ra­de noch zur Not. Er be­netz­te sich die Lip­pen und sag­te: »Das kann Ih­nen doch egal sein. Neh­men Sie mei­ne Per­so­na­li­en auf und las­sen Sie mich in Frie­den.«

»Ah, so ei­ner bist du. Na, wir wer­den schon mit dir fer­tig.«

Er be­gann ihn nach Na­men, Mel­deort, Be­ruf und Staats­zu­ge­hö­rig­keit aus­zu­fra­gen. Ser­gej nann­te ir­gend­ei­nen Na­men, gab als Wohn­ort ein klei­nes Dorf an, an dem er mit dem Fern­fah­rer vor­bei­ge­kom­men war, be­zeich­ne­te sich als Ju­go­sla­we, und als Ge­le­gen­heits­ar­bei­ter.

»Hast wohl sel­ten Ge­le­gen­heit zum Ar­bei­ten«, be­merk­te der Po­li­zist, dann be­gann er mit dem ei­gent­li­chen Ver­hör; er führ­te es ge­schickt und streng, da­bei mach­te er den Ein­druck, als sei­en ihm al­le Aus­län­der prin­zi­pi­ell ver­däch­tig.

Ser­gej ver­strick­te sich bald in Wi­der­sprü­che. Er spür­te es di­rekt phy­sisch, wie der Be­am­te im­mer miß­traui­scher wur­de. Er dach­te fie­ber­haft über einen Aus­weg nach, aber er konn­te sich nicht dar­auf kon­zen­trie­ren, weil an­dau­ernd Fra­gen auf ihn nie­der­pras­sel­ten.

Er muß­te han­deln, be­vor sie ihn in ei­ne Zel­le sperr­ten – noch be­vor sie durch Rück­fra­gen sei­ne wah­re Iden­ti­tät er­fuh­ren.

Der bul­li­ge Be­am­te lehn­te sich zu­rück, öff­ne­te den obers­ten Hemd­kra­gen und wisch­te sich mit dem Ta­schen­tuch über die schweiß­nas­se Stirn.

»Ich bin fer­tig mit dir«, sag­te er. »Jetzt wer­de ich das Ver­hör dem Chef über­las­sen.«

Ser­gej sprang mit ei­nem gur­geln­den Laut auf – sein Kör­per wur­de in Feu­er ge­ba­det.

Der Po­li­zist war zur Stel­le und stütz­te ihn.

»Du wirst doch hier nicht kot­zen?« frag­te er miß­trau­isch.

Ser­gej schüt­tel­te den Kopf. »Es ist schon wie­der vor­bei.«

Der Be­am­te sah ihn prü­fend an. »Siehst im­mer noch recht blaß aus. Da hin­ten ist das W.C. Viel­leicht fühlst du dich bes­ser, wenn du dich ent­leerst.«

Er dräng­te Ser­gej in den hin­te­ren Teil des Raum­es, öff­ne­te ei­ne Tür, schob ihn in die Toi­let­te und blieb drau­ßen ste­hen. Er war­te­te fünf Mi­nu­ten, dann frag­te er durch die ge­schlos­se­ne Tür: »Was ist?«

Ein gur­geln­der Laut kam als Ant­wort. Der Gen­darm über­leg­te, ob er nicht doch nach­se­hen soll­te, aber dann ver­zog er nur an­ge­wi­dert das Ge­sicht und blieb drau­ßen. Nach ei­ni­gen wei­te­ren Mi­nu­ten stell­te er wie­der ei­ne Fra­ge. Er be­kam kei­ne Ant­wort. Er drück­te ge­gen die Tür, sie war von in­nen ver­schlos­sen. Jetzt be­mäch­tig­te sich sei­ner ernst­haf­te Be­sorg­nis. Er rief einen an­de­ren Be­am­ten zu sich, und ge­mein­sam rann­ten sie ge­gen die Tür an. Nach drei An­läu­fen split­ter­te sie aus ih­ren An­geln.

Aus dem düs­te­ren Raum sprang ein schwar­zer Schat­ten die bei­den Be­am­ten an. Ih­re fol­gen­den Schmer­zens­schreie ver­misch­ten sich mit dem wil­den Knur­ren der Bes­tie. Der Kampf­lärm drang bis in den Hin­ter­trakt, wo sich der Be­reit­schafts­raum be­fand, und alar­mier­te die dort be­find­li­chen Po­li­zis­ten. Als sie mit ent­si­cher­ten Pis­to­len ins Wach­zim­mer stürm­ten, bot sich ih­nen ein schreck­li­cher An­blick.

In­mit­ten ei­nes Cha­os aus um­ge­stürz­ten Ti­schen und Stüh­len la­gen fünf ih­rer Ka­me­ra­den blut­über­strömt und rö­chelnd – und durch ein of­fen­ste­hen­des Fens­ter sprang ein großer schwar­zer Wolf hin­aus auf die Stra­ße.

Ei­ne so­fort ein­ge­lei­te­te Ver­fol­gungs­jagd ver­lief er­geb­nis­los. Es mel­de­ten sich zwar vie­le Au­gen­zeu­gen in und um Ly­on, die einen schwar­zen Wolf ge­se­hen ha­ben woll­ten, und aus den Kran­ken­häu­sern wur­den fast zwei Dut­zend Fäl­le von Biß­wun­den ge­mel­det – aber der Wolf blieb un­auf­find­bar.

 

Ei­ne Wo­che spä­ter ging ein Mann mit auf­ge­stell­tem Man­tel­kra­gen ei­ne be­stimm­te Stra­ße in Pa­ris ent­lang. Er blieb vor ei­nem Hau­stor ste­hen, an dem ein un­auf­dring­li­ches Schild ver­kün­de­te:

 

Dr. Jean-Louis Guil­lard

Psych­ia­ter und Pro­fes­sor für Ly­kan­thro­po­lo­gie

 

Dem Mann be­rei­te­te es sicht­li­ches Un­be­ha­gen, in den hel­len Ein­gang zu tre­ten. Aber er über­wand sei­ne Scheu dann doch und drück­te den Klin­gel­knopf ne­ben Pro­fes­sor Guil­lards Na­mens­schild.

Aus dem Laut­spre­cher er­tön­te ein Knacken, und dann frag­te ei­ne Frau­en­stim­me: »Wer ist da?«

»Kann ich Dr. Guil­lard spre­chen?« frag­te Ser­gej Ka­mow auf Eng­lisch zu­rück.

Ei­ne Wei­le herrsch­te Schwei­gen, dann mel­de­te sich die Frau in ge­bro­che­nem Eng­lisch: »Der Pro­fes­sor hat jetzt kei­ne Sprech­stun­den.«

»Aber es ist drin­gend«, be­harr­te Ser­gej. »Ich muß ihn un­be­dingt spre­chen. Las­sen Sie mich zu ihm.«

»Pro­fes­sor Guil­lard ist nicht hier…«

»Las­sen Sie mich ein«, dräng­te Ser­gej und blick­te sich um. »Ich wer­de oben auf ihn war­ten.«

»Worum han­delt es sich?« er­kun­dig­te sich die Frau­en­stim­me un­ge­rührt.

»Es …« Ser­gej zö­ger­te, dann fuhr er schnell fort: »Ich möch­te ihn in sei­ner Ei­gen­schaft als Ly­kan­thro­po­lo­ge spre­chen.«

Es kam kei­ne Ant­wort, aber da­für sprang das Hau­stor mit ei­nem Sum­men auf. Ser­gej igno­rier­te den Lift und ging die zwei Eta­gen bis zu Dr. Guil­lards Or­di­na­ti­on zu Fuß hin­auf. Ei­ne klei­ne, un­schein­ba­re Frau in weißem Ärz­te­kit­tel er­war­te­te ihn mit ei­nem ner­vö­sen Lä­cheln an der Tür.

»Sie hät­ten so­fort sa­gen müs­sen, daß der Herr Pro­fes­sor Sie er­war­tet«, emp­fing sie ihn.

Ser­gej ant­wor­te­te dar­auf nichts. Wenn der Pro­fes­sor je­mand er­war­te­te, der mit ihm ly­kan­thro­pi­sche Pro­ble­me er­ör­tern woll­te, und die Sprech­stun­den­hil­fe glaub­te, er sei die­se Per­son, so konn­te ihm das nur recht sein. Wenn sich die Ver­wechs­lung erst her­aus­stell­te, bis er sei­ne Ge­schich­te dem Pro­fes­sor er­zählt hat­te, dann wür­de der sei­nen an­de­ren Be­su­cher schnell ver­ges­sen.

Ser­gej fühl­te sich so­gleich ge­bor­gen, als er an der Sprech­stun­den­hil­fe, die ihm die Tür of­fen­hielt, vor­bei­trat und in einen Vor­raum mit ei­ni­gen an­ti­ken Mö­bel­stücken kam. Hin­ter ihm fiel die Tür ins Schloß.

»Hier­her, bit­te«, sag­te die Sprech­stun­den­hil­fe und führ­te ihn in ei­ne Bi­blio­thek. »Ma­chen Sie es sich ge­müt­lich.«

Ser­gej sah sich an­er­ken­nend um. Sel­ten hat­te er einen Raum ge­se­hen, der so viel Be­hag­lich­keit aus­strahl­te. Ei­ne Le­se­lam­pe warf an­ge­neh­mes Licht auf einen Tisch und ließ die Bü­cher­re­ga­le in der da­hin­ter­lie­gen­den Däm­me­rung mehr erah­nen als se­hen. Ein of­fe­ner Ka­min, in dem ein klei­nes Feu­er knis­ter­te, tat ein üb­ri­ges zur Schaf­fung ei­ner an­ge­neh­men At­mo­sphä­re.

Die Sprech­stun­den­hil­fe blieb ab­war­tend in der Tür ste­hen.

»Wann er­war­ten Sie den Pro­fes­sor zu­rück?« er­kun­dig­te sich Ser­gej.

»Viel­leicht heu­te nacht, oder mor­gen«, sag­te sie. »Ich wer­de ihn so­fort ver­stän­di­gen. Wol­len Sie trotz­dem war­ten?«

»O ja. Auf je­den Fall – das heißt, wenn es kei­ne Um­stän­de be­rei­tet.«

»Nein, nein. Ma­chen Sie es sich nur ge­müt­lich.«

Sie nick­te ihm zu und ließ ihn al­lein.

Ser­gej ließ sich auf­at­mend in einen der bei­den an­ti­ken Pols­ter­ses­sel fal­len. Er war mü­de – die be­schwer­li­che Flucht von Ly­on bis hier­her hat­te ih­re Spu­ren hin­ter­las­sen. Er muß­te ge­gen die Mü­dig­keit et­was tun, sonst schlief er hier noch glatt ein. Sein Blick fiel auf ein Buch, das auf dem Tisch lag. Der Ti­tel war in fran­zö­si­scher Spra­che auf den Rücken ge­prägt und des­halb nichts­sa­gend für ihn. Aber er ver­mu­te­te, daß Pro­fes­sor Guil­lard auch Bü­cher in an­de­ren Spra­chen be­sit­zen wür­de. Viel­leicht konn­te er sich mit der Lek­tü­re ei­nes Bu­ches wach­hal­ten.

Als er die Ti­tel in den Re­ga­len über­flog, es han­del­te sich meist um psy­cho­ana­ly­ti­sche und psy­cho­lo­gi­sche Fach­wer­ke, stieß er auch auf ein Fach, in dem sich nur Wer­ke über Ly­kan­thro­pie be­fan­den.

Ser­gej ent­nahm dem Fach zwei Bü­cher, die in eng­li­scher Spra­che ver­faßt wa­ren. Das ei­ne be­ti­tel­te sich ›Die Wer­wöl­fe vom Al­ter­tum bis heu­te‹, das an­de­re war ein hand­ge­schrie­be­nes Ma­nu­skript in Le­der ge­bun­den; nur der Na­me des Ver­fas­sers, Ja­mes Hub­bard, stand auf dem Ein­band.

Er setz­te sich mit sei­ner Lek­tü­re wie­der an den Tisch.

Das Buch über die Wer­wöl­fe vom Al­ter­tum bis in die Ge­gen­wart ent­hielt wohl ei­ni­ge Neu­ig­kei­ten für Ser­gej, aber es er­schi­en ihm den­noch als nicht be­son­ders le­sens­wert. Es zeig­te ihm nur, daß al­le Völ­ker aus al­len Epo­chen der Er­de be­reits Kon­takt zu Men­schen ge­habt hat­ten, die sich in Wöl­fe ver­wan­deln konn­ten.

Schon bei den al­ten Sky­then und bei der sar­ma­ti­schen Völ­ker­schaft der Neu­rer fan­den sich Hin­wei­se auf Men­schen, die zeit­wei­se Wolfs­ge­stalt an­nah­men. Grie­chi­sche Ärz­te be­rich­te­ten über ei­ne Krank­heit, bei wel­cher der da­von Be­fal­le­ne des Nachts um­her­lief und wie ein Wolf heul­te. Die Rö­mer kann­ten die Wer­wöl­fe un­ter der Be­zeich­nung ver­si­pel­les; nach ger­ma­ni­schen Be­grif­fen, die auch in der Vö­hun­gasa­ga zum Aus­druck ka­men, wur­de durch Über­wer­fen ei­nes tilf-hamr die Ver­wand­lung in die Wolfs­ge­stalt be­wirkt; im dä­ni­schen Volks­glau­ben nahm der Wer­wolf eben­falls sei­ne fes­te Stel­le ein.

Der Au­tor des Bu­ches wies auch dar­auf hin, daß im süd­öst­li­chen Asi­en und in Afri­ka jetzt noch die all­ge­mei­ne Vor­stel­lung herrsch­te, Men­schen könn­ten sich in Ti­ger, Lö­wen, Leo­par­den und Hyä­nen ver­wan­deln; eben­falls fin­de man noch in ver­schie­de­nen Ge­gen­den Sü­druß­lands, in der Wa­lachei und ver­schie­de­nen sla­wi­schen Län­dern den Glau­ben an Wer­wöl­fe, eng ver­knüpft mit dem Glau­ben an Vam­pi­re.

In der Zu­sam­men­fas­sung kam der Au­tor schließ­lich zu dem Schluß, daß all die­se Er­schei­nun­gen wohl nur der Phan­ta­sie und je­wei­li­gen Men­ta­li­tät der ver­schie­de­nen Völ­ker ent­sprun­gen sei­en. Der Glau­be sei ganz be­stimmt nicht auf die tat­säch­li­che Exis­tenz von Wer­wöl­fen zu­rück­zu­füh­ren. Selbst wenn die neue­ren For­schungs­er­geb­nis­se noch so sehr die­se Ver­mu­tung zu un­ter­stüt­zen schie­nen, müs­se man sie strikt von sich wei­sen. Wenn es Wer­wöl­fe tat­säch­lich ge­ge­ben hät­te – warum spra­chen die Asia­ten und Afri­ka­ner dann von Men­schen in Ti­ger- oder Leo­par­den­ge­stalt?

Als Schluß­satz stand dort: »Ich schät­ze mei­nen Freund Ja­mes Hub­bard sehr, aber ich kann nicht um­hin, sein Le­bens­werk, mit dem er die Exis­tenz von Wer­wöl­fen be­wei­sen will, durch wis­sen­schaft­li­che Fak­ten zum Ein­sturz zu brin­gen.«

Ser­gej sah erst jetzt auf der Um­schlag­sei­te nach dem Ver­fas­ser des Bu­ches. Dort stand der Na­me Jean-Louis Guil­lard.

Er muß­te sich noch zwei­mal ver­ge­wis­sern, daß er den Na­men auch rich­tig ge­le­sen hat­te. Er hat­te sich nicht ge­irrt. Der Mann, an den er sich um Hil­fe wen­den woll­te, der Mann, von dem er ge­glaubt hat­te, daß er sich sei­nes Pro­blems an­neh­men wür­de, war in Wirk­lich­keit ein Geg­ner der Ly­kan­thro­pie. Er glaub­te nicht an Wer­wöl­fe, er ver­wies ih­re Exis­tenz fa­na­tisch ins Reich des Aber­glau­bens!

Wie konn­te sich Ser­gej von ihm Hil­fe er­war­ten?

Sei­ne Hän­de zit­ter­ten, als er das in Le­der ge­bun­de­ne Ma­nu­skript auf­schlug.

»Ei­ne Be­weis­füh­rung für die Exis­tenz der Wer­wöl­fe auf dem ver­sun­ke­nen Kon­ti­nent At­lan­tis, im Rei­che des Son­nen­got­tes Ra und in der Neu­zeit, von Ja­mes Hub­bard.«

Ja­mes Hub­bard … Ja­mes Hub­bard, Ser­gej hat­te die­sen Na­men schon frü­her ge­hört. Er wuß­te nur im Au­gen­blick nicht, wo er ihn hin­tun soll­te. Plötz­lich fiel es ihm wie­der ein. Na­tür­lich, Ja­mes Hub­bard war ein Ar­chäo­lo­ge und An­thro­po­lo­ge, der ei­ner der Ent­de­cker des ver­sun­ke­nen Kon­tin­ents At­lan­tis war. Er hat­te nicht nur die schon lan­ge exis­tie­ren­de Theo­rie be­wie­sen, daß sich der Kon­ti­nent At­lan­tis im Ge­biet von Hel­go­land be­fun­den hat­te, son­dern er hat­te auch Schät­ze die­ser ver­sun­ke­nen Kul­tur aus dem Meer ge­holt. Ja­mes Hub­bard war vor ei­nem Jahr ei­nem mys­te­ri­ösen Un­fall zum Op­fer ge­fal­len. Pro­fes­sor Guil­lard nann­te ihn sei­nen Freund.

Aber muß­ten sie in Wirk­lich­keit nicht Fein­de ge­we­sen sein?

Ser­gej be­gann die Be­weis­füh­rung Ja­mes Hub­bards zu le­sen. Wie mit ei­nem Schlag war al­le Mü­dig­keit von ihm ab­ge­fal­len; der In­halt des Ma­nu­skripts zog ihn völ­lig in sei­nen Bann.

Ja­mes Hub­bard zog ei­ne star­ke Trenn­li­nie zwi­schen Aber­glau­ben und be­weis­ba­ren Tat­sa­chen. Die Ge­rüch­te, wo­nach Wer­wöl­fe nur in Voll­mond­näch­ten in Er­schei­nung tre­ten, wies er eben­so ins Reich der Fa­bel wie den Glau­ben, daß Wer­wöl­fe nur durch Sil­ber­ku­geln ge­tö­tet wer­den könn­ten.

»Der Ly­kan­throp ist ei­ne Spe­zi­es wie der Ho­mo sa­pi­ens«, stell­te er sach­lich fest.

Durch sei­ne Aus­gra­bun­gen und sei­ne Un­ter­was­ser­ex­pe­di­tio­nen konn­te Ja­mes Hub­bard be­wei­sen, daß auf dem Kon­ti­nent At­lan­tis die Ras­se der Wer­wöl­fe re­giert hat­te. Die Ly­kan­thro­pen be­sa­ßen da­mals be­reits ei­ne Kul­tur und Zi­vi­li­sa­ti­on, die un­ge­fähr auf der­sel­ben Hö­he stand wie die mensch­li­che Zi­vi­li­sa­ti­on heu­te. Durch ei­ne gi­gan­ti­sche Atom­bom­ben­ex­plo­si­on ver­sank der Kon­ti­nent im Meer. Ei­ni­ge der Ly­kan­thro­pen ret­te­ten sich nach Eu­ro­pa, wo sie aber nicht mehr zu ih­rer ver­gan­ge­nen Blü­te zu­rück­fin­den konn­ten. Sie wur­den vom Ho­mo sa­pi­ens zu ei­nem Schat­ten­da­sein ver­ur­teilt.

»Nach und nach müs­sen die Ly­kan­thro­pen dann auf der Er­de aus­ge­stor­ben sein«, ver­mu­te­te Ja­mes Hub­bard. »Sie leb­ten nur noch in der My­tho­lo­gie der Men­schen wei­ter. Aber es wä­re falsch an­zu­neh­men, daß die Art nicht über­leb­te. Hal­ten wir uns vor Au­gen, daß die Ly­kan­thro­pen ei­ne hoch­ent­wi­ckel­te Tech­nik be­sa­ßen. Wenn sie mit der Atom­bom­be spiel­ten, dann müs­sen sie auch die mög­li­chen Fol­gen be­ach­tet ha­ben. Es liegt auf der Hand, daß sie Maß­nah­men zur Er­hal­tung ih­rer Art tra­fen. Aber wo sind sie hin, wenn es sie auf der Er­de nicht mehr gibt? Wir ha­ben ei­ni­ge Hin­wei­se. Den wich­tigs­ten hin­ter­lie­ßen uns die Ägyp­ter.

Die Wis­sen­schaft­ler ha­ben sich schon im­mer den Kopf dar­über zer­bro­chen, warum sich die al­ten Ägyp­ter aus­ge­rech­net für den Si­ri­us in­ter­es­sier­ten. Sie stell­ten so­gar einen ge­nau­en Ka­len­der auf, der sich nach dem Si­ri­us­auf­gang rich­tet – die­ser Ka­len­der gibt Jah­res­zy­klen über 32 000 Jah­re an!

Jetzt ha­ben wir die Ant­wort dar­auf, warum sich die Ägyp­ter so sehr um den Si­ri­us küm­mer­ten …«

Ser­gej er­schau­er­te. Das al­so war die end­gül­ti­ge Ant­wort. Jetzt wa­ren ihm al­le Zu­sam­men­hän­ge klar. Wie ei­ne Er­in­ne­rung aus grau­er Vor­zeit tauch­te das Bild vor sei­nem geis­ti­gen Au­ge auf, das sich ih­nen bot, als sie auf dem zwei­ten Pla­ne­ten des Si­ri­us lan­de­ten.

Es war ei­ne grü­nen­de Welt, in ih­rer Flo­ra und Fau­na der Er­de ähn­lich, und sie wur­de von Men­schen be­wohnt…

 

Die sie­ben so­wje­ti­schen Astro­nau­ten fan­den bei den Men­schen des Si­ri­us­pla­ne­ten freund­li­che Auf­nah­me. Ei­ne un­über­seh­ba­re Men­schen­men­ge fand sich aus der na­hen Stadt am Lan­de­platz des Raum­schif­fes ein. Die Be­den­ken des Kom­man­dan­ten, die Si­ria­ner könn­ten krie­ge­ri­sche Ab­sich­ten ha­ben, wur­den bald zer­streut, nach­dem er den Be­richt der bei­den Män­ner hör­te, die er zur Er­kun­dung der Si­tua­ti­on aus­ge­sandt hat­te.

»Es sind Men­schen wie wir«, be­rich­te­te der ei­ne der bei­den Kund­schaf­ter; es war der Psy­cho­lo­ge. »Sie spre­chen ei­ne un­be­kann­te Spra­che, tra­gen an­de­re Klei­der – und es wird sich noch her­aus­stel­len, daß ih­re Ge­sell­schafts­ord­nung der un­se­ren recht fremd ist –, aber sie un­ter­schei­den sich von uns nicht mehr, als sich die öst­li­chen Völ­ker der Er­de von den west­li­chen un­ter­schei­den.«

Der Kom­man­dant ließ zwei der Män­ner als Wa­chen im Schiff zu­rück und folg­te mit den an­de­ren ei­ner De­le­ga­ti­on von sechs Män­nern in die Stadt der Si­ria­ner, die in ei­nem ma­le­ri­schen Tal lag.

Die Ge­bäu­de wa­ren nied­rig und aus ei­nem hel­len Kunst­stoff ge­fer­tigt, da­zwi­schen schlän­gel­ten sich brei­te, ge­wun­de­ne Pracht­stra­ßen in al­le Rich­tun­gen; groß­zü­gi­ge Grün­flä­chen, Spring­brun­nen und Was­ser­läu­fe ver­voll­stän­dig­ten den Ein­druck von ei­ner rie­sen­großen Park­an­la­ge, in der die Wohn­an­la­gen ge­schickt ver­teilt wa­ren. An­zei­chen von Tech­nik fan­den die Men­schen der Er­de nir­gends. Es schi­en kei­ne Au­tos, kei­ne Flug­zeu­ge, kein Nach­rich­ten­we­sen und kei­ne Ener­gie­ver­sor­gung zu ge­ben – trotz­dem wirk­ten die Si­ria­ner fort­schritt­lich und in­tel­li­gent.

Die Astro­nau­ten wur­den zu dem größ­ten Ge­bäu­de der Stadt ge­bracht, das sich als fla­cher Qua­der über den Gip­fel des höchs­ten Hü­gels er­streck­te. Dort wur­den den Men­schen lu­xu­ri­öse Un­ter­künf­te zu­ge­wie­sen. Der Kom­man­dant arg­wöhn­te, daß sie von den Si­ria­nern als Ge­fan­ge­ne be­trach­tet wür­den, aber als er nach zwei Ta­gen Auf­ent­halt sei­nen ver­meint­li­chen Be­wa­chern klar­mach­te, daß er ins Raum­schiff zu­rück­keh­ren woll­te, hin­der­ten sie ihn nicht dar­an.

In den fol­gen­den Ta­gen brach­ten die Men­schen ih­re sämt­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Aus­rüs­tungs­ge­gen­stän­de zu dem Qua­der­kom­plex auf dem Hü­gel, und die Si­ria­ner wa­ren ih­nen da­bei be­hilf­lich. Al­ler­dings ka­men die so­wje­ti­schen Astro­nau­ten in ih­rer For­schungs­ar­beit nicht wei­ter. Die Si­ria­ner wa­ren zwar freund­lich, aber auf­grund der Ver­stän­di­gungs­schwie­rig­kei­ten schie­nen sie nicht recht zu wis­sen, was die Be­su­cher aus dem Welt­raum ei­gent­lich woll­ten.

Der Psy­cho­lo­ge be­müh­te sich, die Spra­che der Si­ria­ner zu er­ler­nen. In der Zwi­schen­zeit sam­mel­ten die an­de­ren die er­sicht­li­chen Fak­ten und wer­te­ten sie aus. Vie­les schi­en dar­auf hin­zu­wei­sen, daß die Flo­ra und Fau­na der Si­ri­us­welt mit der der Er­de ver­wandt war – ja, daß sie den­sel­ben Ur­sprung hat­te …

Zwei Mo­na­te spä­ter wur­de die­se Theo­rie vom Psy­cho­lo­gen be­stä­tigt. Er be­herrsch­te in­zwi­schen die Spra­che der Si­ria­ner leid­lich und hat­te her­aus­ge­fun­den, daß vor lan­ger Zeit ei­ne Ver­bin­dung zur Er­de ge­herrscht ha­ben muß­te. Er glaub­te so­gar her­aus­be­kom­men zu ha­ben, daß sie es hier mit ei­nem frü­hen Volk der Er­de zu tun hat­ten, das zum Si­ri­us emi­grier­te. Au­ßer­dem war er über­zeugt, daß die Si­ria­ner plan­ten, der Er­de einen Ge­gen­be­such ab­zu­stat­ten.

»Aber wie«, er­kun­dig­te sich der Kom­man­dant skep­tisch, »wol­len sie die acht­ein­halb Licht­jah­re über­brücken. Ha­ben Sie ir­gend­wo An­zei­chen ge­se­hen, die auf ei­ne Raum­fahrt hin­wei­sen?«

Nach­dem der Psy­cho­lo­ge ge­gan­gen war, wid­me­te sich der Kom­man­dant wie­der dem si­ria­ni­schen Mäd­chen. Wäh­rend der Stun­den, in de­nen er mit ihr zu­sam­men war, ver­gaß er al­le sei­ne Auf­ga­ben und Pflich­ten als Ver­tre­ter ei­ner ir­di­schen Groß­macht. Er wur­de in ih­rer Ge­gen­wart zu ei­nem ganz an­de­ren Men­schen – und plötz­lich er­kann­te er, daß er kein Mensch mehr war.

Er emp­fand kei­nen Schock über sei­ne Ver­wand­lung, und er war nicht wü­tend auf das Mäd­chen, als er er­kann­te, daß es der Preis war, den er für ih­re Lie­be hat­te zah­len müs­sen. Jetzt, als Wolf, fühl­te er sich nur noch mehr zu ihr hin­ge­zo­gen, es gab kei­ne Sprach­schwie­rig­kei­ten mehr, kei­ne see­li­schen Schran­ken.

Ih­re ge­mein­sa­me Spra­che war die Spra­che der Wöl­fe.

»Was ist mit mei­nen Ka­me­ra­den?«

»Je­dem ist ein Mäd­chen zu­ge­teilt wor­den. Es wird nicht mehr lan­ge dau­ern, bis auch sie zu uns ge­hö­ren – bis sie Ly­kan­thro­pen sind.«

Am nächs­ten Tag star­te­te das so­wje­ti­sche Ster­nen­schiff. Be­vor es in den un­end­li­chen Raum hin­aus­flog, um­kreis­te es den Pla­ne­ten noch ein­mal in ge­rin­ger Hö­he – und es flog auch über den Wald von Raum­schif­fen hin­weg, die für den Tag X be­reit­stan­den.

»Wir sind nur die Vor­hut«, sag­te der Kom­man­dant zu sei­nen Män­nern, als sie in das hei­mat­li­che Son­nen­sys­tem ein­flo­gen. »Ei­ne Grup­pe von vie­len, die al­le die In­va­si­on vor­be­rei­ten. An uns liegt es, ob die Ly­kan­thro­pen die Er­de zu­rück­erobern wer­den …«

 

Ser­gej schreck­te aus dem Ses­sel, in dem er ein­ge­schla­fen war. Ein Ge­räusch hat­te ihn ge­weckt.

Noch schlaf­trun­ken starr­te er auf die sich lang­sam öff­nen­de Tür – plötz­lich wur­de sie ganz auf­ge­sto­ßen. Ein Mann in ei­nem ele­gan­ten schwar­zen Man­tel stand dar­in. Er schi­en ir­ri­tiert, faß­te sich aber rasch.

Er lä­chel­te und sag­te: »Mei­ne Sprech­stun­den­hil­fe hat mir ver­si­chert, daß Sie schla­fen.«

Ser­gej fuhr sich durch das Haar. »Ich ha­be auch ge­schla­fen – ein Ge­räusch weck­te mich. Sind Sie Pro­fes­sor Guil­lard?«

Ein gut­mü­ti­ges Lä­cheln. »Ja, der bin ich.«

Ich kann nicht mehr zu­rück, dach­te Ser­gej. Auch wenn er der Ly­kan­thro­po­lo­gie noch so ab­leh­nend ge­gen­über­steht, muß ich ver­su­chen, ihn von der Wahr­heit zu über­zeu­gen. Es ist noch nicht zu spät, die In­va­si­on der Wer­wöl­fe zu ver­hin­dern.

Ser­gej be­gann: »Ich muß un­be­dingt mit Ih­nen spre­chen, Herr Pro­fes­sor …«

»Ich weiß«, wur­de er un­ter­bro­chen, »ich ha­be Ih­ren Be­such schon lan­ge er­war­tet.«

»Sie ha­ben mich er­war­tet? Dann wis­sen Sie auch, wer ich bin?«

»Ja – das heißt, ich weiß nur, daß Sie ei­ner der so­wje­ti­schen Astro­nau­ten sind. Ih­ren Na­men ken­ne ich nicht. Aber er ist jetzt nicht mehr maß­ge­bend. Haupt­sa­che ist, Sie sind hier.«

Ser­gej fand, daß ir­gend et­was am Ver­hal­ten des Pro­fes­sors nicht stimm­te. Er be­netz­te sich die Lip­pen und sag­te: »Ich kom­me zu Ih­nen, weil…«

Wie­der wur­de er un­ter­bro­chen. »Sie dach­ten, ich wür­de Sie an­hö­ren? Sie wa­ren der Mei­nung, ich wä­re so tö­richt, mich über­rum­peln zu las­sen?«

»Aber…«

»Sa­gen Sie nichts mehr!«

Pro­fes­sor Guil­lard sprang zur Sei­te. Zwei Män­ner mit vor­ge­streck­ten Pis­to­len er­schie­nen in der Tür. Sie schos­sen au­gen­blick­lich. Ser­gej sah die Mün­dungs­feu­er auf­blit­zen und spür­te fast gleich­zei­tig, wie die Ku­geln in sei­nen Kör­per ein­schlu­gen. Die Wucht der Ge­schos­se schleu­der­te ihn zu­rück ge­gen den Ses­sel.

Dann herrsch­te plötz­lich töd­li­ches Schwei­gen.

Ser­gej leb­te noch, aber er nahm die Ge­scheh­nis­se um sich nur wie im Traum wahr. Er hör­te Stim­men, aber er ver­stand nicht al­les, was sie sag­ten.

Die Bi­blio­thek füll­te sich mit Men­schen, es wur­den im­mer mehr, und al­le spra­chen sie fast gleich­zei­tig.

»Sie hät­ten ihn aus­spre­chen las­sen sol­len, Ge­nos­se Pro­fes­sor.«

»Dann hät­te er sich wo­mög­lich in einen Wolf ver­wan­delt und wä­re über uns her­ge­fal­len.«

»Jetzt ha­ben wir al­le sie­ben.«

»Es gibt al­so doch Wer­wöl­fe …«

»Ja, aber nicht mehr auf der Er­de. Sie sind Licht­jah­re von uns ent­fernt, und be­vor sie uns wie­der ge­fähr­lich wer­den kön­nen, ho­len wir zum Ver­nich­tungs­schlag ge­gen sie aus.«

Ser­gej bäum­te sich auf, aber er hat­te nicht mehr die Kraft, sei­ne War­nung aus­zu­spre­chen. Warum nur hat­ten sie ihn nicht an­ge­hört! Er war der ein­zi­ge, so glaub­te er, der von der be­vor­ste­hen­den In­va­si­on der Ly­kan­thro­pen wuß­te. Warum nur hat­te ihn Pro­fes­sor Guil­lard so­fort er­schie­ßen las­sen?

Ein ver­wa­sche­ner hel­ler Fleck er­schi­en vor ihm.

»Kön­nen Sie mich hö­ren?« frag­te Pro­fes­sor Guil­lard mit lei­ser, be­schwö­ren­der Stim­me. »Wenn Sie mich hö­ren kön­nen, dann ni­cken Sie … Es tut mir leid, daß ich Sie er­schie­ßen las­sen muß­te, aber es ging nicht an­ders. Sie hät­ten sonst un­se­re gan­ze Ak­ti­on ge­fähr­det. Be­ant­wor­ten Sie mir ei­ne Fra­ge: Ha­ben Sie vie­le Men­schen ge­bis­sen? Wenn ja, dann ni­cken Sie.«

Ser­gej nick­te.

»Das ist gut«, hör­te er wie­der Pro­fes­sor Guil­lards Stim­me. »Sie wer­den al­le zu Ly­kan­thro­pen!«

Ser­gej ver­stand über­haupt nichts mehr. Er spür­te, daß der Tod ihn gleich ins Jen­seits hin­über­zie­hen wür­de. Hör­te er des­halb so wir­res Zeug aus dem Mund ei­nes Men­schen? Han­del­te es sich nur um einen letz­ten Alp­traum, be­vor der Le­bens­fun­ke voll­kom­men er­losch?

Pro­fes­sor Guil­lard beug­te sich ganz na­he zum Ohr des Ster­ben­den und flüs­ter­te: »Wenn Sie jetzt ster­ben, dann kön­nen Sie es in der Ge­wiß­heit tun, un­se­rem ge­mein­sa­men Volk da­mit einen Dienst er­wie­sen zu ha­ben. Wir Ly­kan­thro­pen wer­den die Er­de zu­rück­erobern.«

Guil­lards Wor­te be­wahr­hei­te­ten sich ein Jahr spä­ter.