Ja­mes Blish
Wenn die Wolfsblume blüht

 

Ge­gen 22 Uhr ge­lang­te Paul Foo­te zu der An­sicht, daß ein Un­ge­heu­er an der Par­ty bei den Ne­w­clif­fes teil­nahm.

Um die­se Zeit hat­te Foo­te schon viel ge­trun­ken – mehr als gut für ihn war. Er rä­kel­te sich im vor­de­ren Zim­mer in ei­nem zu be­que­men Ses­sel, die Bei­ne weit von sich ge­streckt, die Ar­me auf den ho­hen Ses­sel­leh­nen. Sei­ne rech­te Hand hielt mit lo­sem Griff ein halb­lee­res Glas. Der dunkle Fleck auf ei­nem grau­en Ho­sen­bein zeig­te, wo­hin ein Teil des Glas­in­halts ge­flos­sen war. Mit halb ge­schlos­se­nen Au­gen be­ob­ach­te­te er Jar­mos­kow­ski am Flü­gel.

Der Pia­nist spiel­te end­lich sei­ne Tran­skrip­ti­on der Sze­ne in der Wolfs­schlucht aus dem ›Frei­schütz‹ von We­ber. Ob­gleich es sich um ein bril­lan­tes tech­ni­sches Re­nom­mier­stück han­del­te, hat­te Jar­mos­kow­ski es nie in öf­fent­li­chen Kon­zer­ten, son­dern nur auf Ge­sell­schafts­aben­den ge­spielt. Er spiel­te es mit ei­nem merk­wür­dig di­stan­zier­ten Amü­se­ment, wo­durch die Kas­ka­den der Tö­ne, die Ne­w­clif­fes großem Bald­win-Flü­gel ent­ström­ten, noch er­staun­li­cher wirk­ten; die an­de­ren Gäs­te hat­ten den gan­zen Abend dar­auf ge­war­tet.

Für Foo­te, den Ma­ler, in des­sen Ohr jeg­li­che Mu­sik wie Blech­ge­ras­sel klang, war es kein Ge­nuß. Es war ein enor­mer, omi­nöser Lärm, der ge­le­gent­lich ab­schwoll, um die Wie­der­ho­lung ei­ner Be­schwö­rungs­for­mel zu ge­stat­ten, de­ren Sinn ihm ver­bor­gen blieb.

Der Raum war sti­ckig und er­schi­en ihm nur halb so groß wie am Nach­mit­tag. Foo­te kam es vor, als ob er das ein­zi­ge Le­be­we­sen dar­in sei, au­ßer Jan Jar­mos­kow­ski. Die üb­ri­gen Gäs­te wa­ren Wachs­fi­gu­ren, die sich als in ei­nem äs­the­ti­schen Tran­ce­zu­stand be­fan­ge­ne Men­schen aus­ga­ben.

Über Jar­mos­kow­skis Vi­ta­li­tät konn­te es kei­nen Zwei­fel ge­ben. Er sah nicht be­son­ders gut aus, doch in ihm schi­en ei­ne ani­ma­li­sche Kraft zu ste­cken, die ihn at­trak­tiv mach­te – das und die Schön­heit der Prä­zi­si­on, mit der die­se Kraft be­herrscht wur­de. Wenn sei­ne großen, be­haar­ten Hän­de auf die Tas­ten her­nie­der­fie­len, er­war­te­te man, daß der Flü­gel in Stücke sprang. Doch war der An­schlag sei­ner Fin­ger bis auf ein Dyn kal­ku­liert.

Es war merk­wür­dig, hin­ter ei­nem der­ar­ti­gen Ge­sicht so­viel Zart­heit zu ent­de­cken. Das Haar auf sei­nem Rund­schä­del war zu lang, ob­wohl Jar­mos­kow­ski durch­aus kei­ne Mu­si­ker­tol­le trug. Die Au­gen­brau­en wa­ren ge­ra­de und recht­wink­lig und so bu­schig, daß sie sich über der ge­bo­ge­nen Na­se zu tref­fen schie­nen.

Von sei­nem Platz aus be­merk­te Foo­te zum ers­ten­mal die merk­wür­di­ge Stel­lung der Ohr­mu­scheln des Po­len, nach vorn ge­neigt, wie bei ei­nem lau­schen­den Tier, so daß der obe­re An­satz­punkt der Mu­schel hö­her war als die Knor­pel­leis­te. Die Oh­ren schie­nen sich di­rekt in Rich­tung auf die Tas­ten nach vorn zu stel­len, was Foo­te stark an den Hund auf dem Wa­ren­zei­chen der Plat­ten von His Mas­ters Voi­ce er­in­ner­te.

Wo hat­te er einen sol­chen Kopf schon ein­mal ge­se­hen? Viel­leicht bei Matt­hi­as Grü­ne­wald, auf dem Sei­ten­flü­gel des Isen­hei­mer Al­tars, wo die Ver­su­chung des hei­li­gen An­to­ni­us dar­ge­stellt ist. Oder war es ei­ne der Il­lus­tra­tio­nen im Red Gri­moi­re ge­we­sen, je­nen pri­mi­ti­ven Holz­schnit­ten, die von Chris Lund­gren ›die Ror­schach-Tests des mit­tel­al­ter­li­chen Men­schen‹ ge­nannt wur­den?

Auf ei­nem Tisch­chen ne­ben dem Ses­sel lag die bren­nen­de Zi­ga­ret­te des Ma­lers in ei­nem Aschen­be­cher aus Onyx, auf des­sen Rand sich ei­ne win­zi­ge Tän­ze­rin aus Me­tall er­hob. Aus dem Mund­stück quoll ei­ne wei­ße Rauch­spi­ra­le nach un­ten und ver­brei­ter­te sich dort zu ei­nem sta­ti­schen Schwa­den, der ge­gen das dunkle Holz wie der ver­schwom­me­ne Um­riß ei­nes Ein­zel­lers aus­sah. Jetzt ver­ebb­ten die Tö­ne plötz­lich, und die Be­schwö­rungs­for­mel wur­de ge­spro­chen, drei gleich­för­mi­ge Sil­ben, ge­folgt von ei­nem ant­wor­ten­den We­he­ge­heul. Die Mit­te des Rauch­schwa­dens hob sich ruck­ar­tig, als ob man et­was hin­ein­ge­wor­fen hät­te. Dann braus­te der Flü­gel un­ter Jar­mos­kow­skis Fin­gern wie­der auf, und Foo­te kam es vor, als ob der Rauch­schwa­den sich mehr und mehr zu der Fi­gur der me­tal­le­nen Tän­ze­rin form­te. Sein Mund wur­de tro­cken, und er rutsch­te bis zum Rand des Sit­zes vor.

Die Tran­skrip­ti­on en­de­te mit drei schar­fen Ak­kor­den, ein Schluß, der die drei ab­ge­hack­ten No­ten der Be­schwö­rung an­klin­gen ließ. Die Rauch-Fi­gu­ri­ne schwank­te und fiel in sich zu­sam­men, als ob man sie er­sto­chen hät­te; dann lös­te sie sich schnell in Nichts auf. Jar­mos­kow­ski mach­te ei­ne Pau­se, leg­te nach­denk­lich die Fin­ger­kup­pen ge­gen­ein­an­der und spiel­te dann sei­ne ei­ge­ne Kom­po­si­ti­on Gal­li­ard Fan­tas­que.

Die Wachs­fi­gu­ren rühr­ten sich nicht, aber ein lei­ser, geis­ter­haf­ter Seuf­zer des Er­ken­nens kam von ih­ren un­be­weg­ten Lip­pen. Durch das Fens­ter hin­ter dem Pia­nis­ten zeig­te sich im Schim­mer des auf­ge­hen­den Mon­des noch ei­ne ver­stei­ner­te Sze­ne­rie – die schnee­be­deck­ten Wie­sen von Ne­w­clif­fes schot­ti­schem Land­sitz.

Noch ein Mensch muß­te sich im Raum auf­hal­ten, doch Foo­te konn­te ihn nicht ent­de­cken. Als er sei­ne Au­gen, die schon kei­nen fes­ten Punkt mehr fi­xie­ren konn­ten, über die An­we­sen­den schwei­fen ließ, um sie zu zäh­len, ver­sag­te sein Ge­dächt­nis, und er kam zu kei­ner End­sum­me. Aber der Ein­druck blieb, daß es noch je­man­den gab, der vor­her nicht da­ge­we­sen war. Je­mand, den Tom und Ca­ro­li­ne nicht ein­ge­la­den hat­ten. Nicht Do­ris oder der La­bour-Po­li­ti­ker Pal­mer; die bei­den wa­ren zu nor­mal. Auch Ben­ning­ton, der ame­ri­ka­ni­sche Kri­ti­ker, wirk­te viel zu dick und ge­müt­lich, als daß er als un­heim­lich dro­hen­des We­sen hät­te be­trach­tet wer­den kön­nen. Den Psych­ia­ter Lund­gren hat­te Foo­te in Schwe­den nä­her ken­nen­ge­lernt, und Her­mann Eh­ren­berg war bloß ei­ner der vie­len emi­grier­ten Schrift­stel­ler und zähl­te über­haupt nicht; und wenn er schon da­bei war, so galt ein Schrift­stel­ler in der Welt ei­nes Ma­lers so gut wie nichts, und da­mit schied auch Alec Ja­mes aus.

Sein Blick wan­der­te un­will­kür­lich zum Kom­po­nis­ten zu­rück. Jar­mos­kow­ski konn­te es nicht sein, er war schon da­ge­we­sen. Aber er hat­te ir­gend et­was da­mit zu tun. Ein elf­tes We­sen hat­te sich da­zu­ge­sellt, und es stand mit Jar­mos­kow­ski in Zu­sam­men­hang.

Was war es?

Denn es war da – kein Zwei­fel. Die Ener­gie, die nor­ma­ler­wei­se von Foo­tes Ver­stand ver­braucht wor­den wä­re, ström­te jetzt sei­nem In­stinkt zu; denn sei­ne Sin­ne wa­ren be­täubt. Mit schmerz­haf­ter Deut­lich­keit er­fühl­te sein In­stinkt die An­we­sen­heit des Un­ge­heu­ers. Es hielt sich am Flü­gel auf, saß ne­ben Jar­mos­kow­ski, ver­schmolz mit dem lan­gen Kör­per und den schlan­gen­glei­chen Fin­gern.

Foo­te hat­te noch nie un­ter Säu­fer­wahn ge­lit­ten, und er wuß­te, daß es auch jetzt nicht so war. Ein Teil sei­nes Geis­tes, der nicht be­trun­ken war und auch nie be­trun­ken sein wür­de, hat­te er­kannt, daß sich ir­gend­wo in die­sem Raum das Grau­en ein­ge­schli­chen hat­te. Und da sein Ver­stand kei­nen skep­ti­schen Schutz­wall er­rich­ten konn­te, er­zit­ter­te er bis ins In­ners­te.

Der ra­sen­de Flug der Tö­ne brach ab­rupt ab. Foo­te zwin­ker­te über­rascht.

»Schon?« frag­te er über­rascht.

»Schon?« echo­te Jar­mos­kow­ski. »Aber das war ein lan­ges Stück, Paul. Ihr Er­stau­nen schmei­chelt mei­ner Kom­po­si­ti­ons­kunst.«

Sei­ne Au­gen blick­ten di­rekt auf den Ma­ler; sie wa­ren ge­rötet, ob­gleich Jar­mos­kow­ski nie­mals trank. Foo­te ver­such­te ver­zwei­felt, sich zu er­in­nern, ob sie schon am Nach­mit­tag so ge­we­sen wa­ren, und ob es über­haupt mög­lich war, daß mensch­li­che Au­gen so röt­lich schim­mern konn­ten, wie es bei dem Pia­nis­ten der Fall war.

»Ih­re Kom­po­si­ti­ons­kunst?« sag­te er, in­dem er ver­such­te, sein Ge­hirn wie­der un­ter Kon­trol­le zu be­kom­men. Ne­w­clif­fes High­balls wa­ren wirk­lich ver­dammt stark. »Das kaum, Jan. Aber sol­che Fin­ger könn­ten selbst der Me­lo­die von ›Häns­chen klein‹ Fas­zi­na­ti­on ver­lei­hen.«

Er amü­sier­te sich in­ner­lich über die viel­fäl­ti­gen Ge­füh­le, die sich in Jar­mos­kow­skis Mie­ne spie­gel­ten: Ver­wun­de­rung über ein Kom­pli­ment von Foo­te – denn der Ma­ler war be­kannt für sei­ne schar­fe Zun­ge; und die un­er­klär­li­che Feind­schaft, die bei ih­rem ers­ten Zu­sam­men­tref­fen ent­stan­den war, hat­te Foo­te reich­lich Ge­le­gen­heit ge­ge­ben, die­sen sei­nen Ruf zu fes­ti­gen –, dann nach­denk­li­che Über­le­gung und schließ­lich ver­hüll­ter Är­ger, als ihm der Hohn, der in Foo­tes Wor­ten ver­steckt war, klar wur­de. Trotz­dem konn­te er dar­über la­chen.

»Ja, die sind lang, nicht«, sag­te er zu den an­de­ren, in­dem er sei­ne Fin­ger wie ei­ne die­ser quä­ken­den Blas­rol­len, die sich beim Hin­ein­bla­sen von ei­ner Schne­cke zu ei­ner Schlan­ge ver­wan­deln, auf und zu roll­te. »Aber es ist ein Irr­tum, wenn man meint, daß sie mir beim Spie­len hel­fen. Meist stol­pern sie über­ein­an­der. Be­son­ders die­se bei­den.«

Er hielt sei­ne Hän­de hoch. An bei­den wa­ren Zei­ge- und Mit­tel­fin­ger ge­nau gleich lang.

»Ich ver­mu­te, daß Lund­gren das ei­ne Mu­ta­ti­on nen­nen wür­de«, sag­te Jar­mos­kow­ski. »Beim Kla­vier­spie­len ist es sehr läs­tig. Ich muß mir selbst für die leich­tes­ten Stücke ei­ge­ne Grif­fe aus­ar­bei­ten.«

Do­ris Gil­mo­re, die frü­her bei Jar­mos­kow­ski in Prag stu­diert hat­te und ihn of­fen­sicht­lich im­mer noch lieb­te, schüt­tel­te ih­re kup­fer­ro­te Haar­mäh­ne zu­rück und hielt ih­re ei­ge­nen Hän­de hoch.

»Mei­ne Fin­ger sind rich­ti­ge Stum­mel«, sag­te sie be­dau­ernd. »Wirk­lich nicht die Fin­ger ei­nes Pia­nis­ten.«

»Im Ge­gen­teil – die Hän­de ei­ner Vir­tuo­sin«, sag­te Jar­mos­kow­ski. Er lä­chel­te, kratz­te geis­tes­ab­we­send sei­ne Hand­flä­chen, und Foo­te er­blick­te zwei Rei­hen blit­zen­der, voll­kom­men gleich­mä­ßi­ger Zäh­ne. Nein, nicht ganz gleich­mä­ßig. Die glän­zen­den Rei­hen schlös­sen fast ma­the­ma­tisch ge­nau mit et­was län­ge­ren Eck­zäh­nen ab. Sie er­in­ner­ten ihn an die­se idio­ti­sche Ge­schich­te von Poe – war es Be­re­ni­ce? Of­fen­sicht­lich wür­de Jar­mos­kow­ski kei­nes na­tür­li­chen To­des ster­ben. Ein Zahn­arzt wür­de ihn um­brin­gen, um in den Be­sitz die­ses Ge­bis­ses zu kom­men.

»Fünf­und­sieb­zig Pro­zent der be­gab­tes­ten Pia­nis­ten, die ich ken­ne, ha­ben Hän­de wie Last­wa­gen­fah­rer«, sag­te Jar­mos­kow­ski. »Auch Chir­ur­gen, wie Lund­gren be­stä­ti­gen wird. Lan­ge Fin­ger sind meist un­ge­schickt.«

»Das scheint Sie je­den­falls nicht dar­an zu hin­dern, herr­lich zu spie­len«, sag­te Ne­w­clif­fe, in­dem er sich er­hob.

»Dan­ke, Tom.« Jar­mos­kow­ski schi­en die Tat­sa­che, daß sein Gast­ge­ber auf­ge­stan­den war, so zu deu­ten, daß er nicht wei­ter­zu­spie­len brauch­te. Er nahm die Fü­ße von den Pe­da­len und schwang sich her­um. Jetzt er­ho­ben sich noch an­de­re Gäs­te, auch Foo­te kämpf­te sich aus den Tie­fen des Ses­sels auf sei­ne ein­ge­schla­fe­nen Fü­ße. Er stell­te sein Glas in si­che­rer Ent­fer­nung von dem Onyx-Aschen­be­cher auf das Tisch­chen und nahm be­dacht­sam Kurs auf Chris­ti­an Lund­gren.

»Chris, ich ge­hö­re zu Ih­rer An­hän­ger­schaft«, sag­te er und hat­te Mü­he, ver­ständ­lich zu spre­chen. »Aber jetzt ha­be ich doch ei­ne Fra­ge. Ich ha­be Ih­ren Vor­trag ge­le­sen, den Sie an­läß­lich des en­do­kri­no­lo­gi­schen Kon­gres­ses in Stock­holm hiel­ten. Sind Jar­mos­kow­skis Hän­de nicht…«

»Ja, das sind sie«, sag­te der Psych­ia­ter und sah Foo­te prü­fend und sicht­lich be­un­ru­higt an. Plötz­lich wuß­te Foo­te, was Lund­gren dach­te; er kann­te den Wis­sen­schaft­ler sehr gut. Der grau­haa­ri­ge, schrof­fe Mann schätz­te ab, wie be­trun­ken Foo­te war, und ob er sich am nächs­ten Mor­gen noch an al­les wür­de er­in­nern kön­nen.

Lund­gren mach­te ei­ne ab­wei­sen­de Ges­te.

»Ja, ich ha­be sie auch ge­se­hen«, sag­te er mit aus­drucks­lo­ser Stim­me. »Wahr­schein­lich ei­ne Mu­ta­ti­on, wie er selbst sag­te. Nicht je­de Frau, durch de­ren Haar sich ei­ne wei­ße Sträh­ne zieht, ist ei­ne He­xe. Das muß man auch Jan zu­bil­li­gen.«

»Das ist nicht al­les, Chris.«

»Das ist al­les, was ich in Er­wä­gung zu zie­hen brau­che, denn schließ­lich le­be ich im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert. Jetzt wer­de ich zu Bett ge­hen und al­les ver­ges­sen. Und das, mein lie­ber Paul, soll so­wohl ein Rat als auch ei­ne Aus­kunft sein.«

Er stelz­te hin­aus und ließ Foo­te ste­hen, der sich frag­te, ob er nun be­ru­higt oder noch be­sorg­ter sein soll­te als vor­her. Lund­gren muß­te ja wis­sen, was er sag­te, und si­cher­lich be­sag­te der silb­ri­ge Strei­fen in Do­ris Gil­mo­res auf­fal­len­dem Haar nichts wei­ter, als daß die Fri­sur viel zu schick war für ihr jun­ges, sanf­tes Ge­sicht. Mit Jar­mos­kow­ski stand es an­ders; wenn er, trotz Lund­grens ge­gen­tei­li­ger Mei­nung, ge­nau das war, was er zu sein schi­en.

Die Par­ty ging auch oh­ne die Be­tei­li­gung von Foo­te und Lund­gren mun­ter wei­ter. Über­all bil­de­ten sich Ge­sprächs­grup­pen. Jar­mos­kow­ski und Do­ris sa­ßen auf der Kla­vier­bank und spra­chen lei­se mit­ein­an­der, hier und da un­ter­bro­chen durch ein paar bril­lan­te Läu­fe; an­schei­nend zeig­te der Po­le ihr, wie man die So­na­te von Hin­de­mith, die sie vor dem Abendes­sen dar­ge­bo­ten hat­te, noch bes­ser spie­len konn­te. Ja­mes und Eh­ren­berg se­zier­ten mit zi­vi­li­sier­ter Bru­ta­li­tät ih­re ge­gen­sei­ti­gen Neu­er­schei­nun­gen, und Ne­w­clif­fe lausch­te ih­nen hin­ge­ris­sen. Die sanft­mü­ti­ge Ca­ro­li­ne Ne­w­clif­fe un­ter­hielt sich leb­haft mit Ben­ning­ton und Pal­mer über Nich­tig­kei­ten. Nie­mand ver­miß­te Lund­gren, und es schi­en noch we­ni­ger wahr­schein­lich, daß man Foo­te ver­mis­sen wür­de.

Mit wack­li­ger Non­cha­lan­ce spa­zier­te er ins Eß­zim­mer, wo der But­ler noch mit dem Ab­räu­men be­schäf­tigt war.

»‘tschul­di­gung«, sag­te er. »Ein klei­ner Ver­such, wenn Sie nichts da­ge­gen ha­ben. Ich geb’s mor­gen zu­rück.« Er nahm sich ein Mes­ser vom Tisch, such­te die Tür vom Eß­zim­mer zur Die­le und pro­pel­lier­te sich hin­durch. Der Kor­ri­dor war dämm­rig, aber aus­rei­chend er­leuch­tet; die Ge­sprä­che ne­ben­an wa­ren gut zu ver­ste­hen.

Als er an der Glas­tür vor­bei­ging, sah er durch den Sto­re Ben­ning­ton am Flü­gel ste­hen, der den Un­ter­richt ver­folg­te. Ge­ra­de als Foo­te das Mes­ser in die Ja­ck­en­ta­sche schob, klang Ben­ning­tons Stim­me auf. Foo­te blieb ste­hen; er war ein un­heil­ba­rer Lau­scher an der Wand.

»Foo­te hat sei­nen Öl­kopf zu Bett ge­bracht«, be­merk­te Ben­ning­ton. »Ich füh­le mich er­leich­tert. Ich dach­te, er wür­de sich noch viel un­an­ge­neh­mer auf­füh­ren.«

»Wes­halb hat er beim Abendes­sen so­viel Wir­bel we­gen des Sil­ber­be­stecks ge­macht?« frag­te das Mäd­chen.

»Tut er das im­mer?«

»Oft. Er ist wirk­lich ein großer Künst­ler, aber wenn man sei­ner Zeit um Jah­re vor­aus ist, wirkt sich das häu­fig nach­tei­lig auf das Ner­ven­sys­tem aus.«

»Er hat mich fast aus dem Kon­zept ge­bracht«, ge­stand Jar­mos­kow­ski. »Die gan­ze Zeit hat er mich an­ge­st­arrt, als ob ich Wie­der­ho­lun­gen ver­ges­sen hät­te.«

Ben­ning­ton lach­te. »Die Ge­gen­wart ei­nes an­de­ren an­er­kann­ten Künst­lers scheint ihn bös­ar­tig zu ma­chen. Sie soll­ten sich ge­schmei­chelt füh­len, Jan.«

Foo­tes Auf­merk­sam­keit wur­de durch ein ge­wal­ti­ges Gäh­nen von Pal­mer ab­ge­lenkt. Der La­bour­mann zeig­te da­mit an, daß er sich lang­weil­te und in Kür­ze oh­ne wei­te­re For­ma­li­tä­ten ver­schwin­den und zu Bett ge­hen wür­de. Zö­gernd ging Foo­te wei­ter; hin­ter ihm ver­klang das Stim­men­ge­wirr. Mit her­ab­ge­zo­ge­nen Mund­win­keln ging er an der Trep­pe vor­bei und wei­ter den Kor­ri­dor ent­lang.

Ehe er die Tür sei­nes Zim­mers zu­mach­te, lausch­te er noch einen Au­gen­blick Jar­mos­kow­skis Spiel, dem ein­zi­gen Laut, der aus die­ser Ent­fer­nung noch ver­nehm­bar war. Dann schloß er die Tür. Die Leu­te moch­ten über ihn re­den, was sie woll­ten, auch wenn es manch­mal der Wahr­heit ent­sprach. Aber viel­leicht wür­de Jar­mos­kow­ski um Mit­ter­nacht ei­ne Vor­stel­lung ganz an­de­rer Art ge­ben.

Und in die­sem Fall wür­de Foo­te froh sein, ein Mes­ser zu ha­ben.

 

Um 23.30 Uhr stand Jar­mos­kow­ski al­lein auf der Ter­ras­se von Ne­w­clif­fes Land­sitz. Ob­gleich kein Wind ging, war die Nacht ste­chend kalt, doch er schi­en das nicht zu be­mer­ken. Er stand re­gungs­los, wie ei­ne schwar­ze Sta­tue, und nur die Atem­luft, die wie ein Dampf strahl aus sei­ner Na­se ström­te, ver­riet, daß er leb­te.

Durch den Schlei­er der Moi­re­vor­hän­ge vor Foo­tes Fens­ter hat­te Jar­mos­kow­ski das Aus­se­hen ei­ner ho­hen Säu­le aus schwar­zem Stein – ei­ner Säu­le, die über ei­nem ko­chen­den Kra­ter Wa­che stand.

An­schei­nend war die Vor­der­front des Hau­ses ganz dun­kel, denn kein Licht­schein fiel auf den Rücken des Pia­nis­ten. Er hob sich als schwar­ze Sil­hou­et­te ge­gen den im Mond­licht schim­mern­den Schnee ab. Der Schat­ten des mas­si­ven Turms, der die Ach­se des Hau­ses bil­de­te, wirk­te wie der Turm ei­ner mäch­ti­gen Burg. Foo­te sah die schma­len Schlit­ze der Schieß­schar­ten vor sich, die leer in die Land­schaft starr­ten, und je­de Mau­er­z­a­cke trug einen Helm aus Schnee.

Er konn­te füh­len, wie das Haus sich ge­gen das Dro­hen zu­sam­men­kau­er­te, das die wei­ße schot­ti­sche Nacht in sich barg. Und über al­lem lag das Aro­ma des Al­ters. Die Vor­hän­ge ro­chen nach Staub und Ge­wür­zen. Es schi­en ganz aus­ge­schlos­sen, daß es au­ßer Foo­te und Jar­mos­kow­ski noch an­de­re le­ben­de We­sen gab.

Nach ei­ner Wei­le zog Foo­te den Vor­hang lei­se et­was zu­rück. Da das Mond­licht auf sein Ge­sicht fiel, trat er et­was zu­rück und lug­te durch den Spalt hin­aus.

Falls Jar­mos­kow­ski die ver­stoh­le­ne Be­we­gung wahr­ge­nom­men hat­te, ließ er es sich nicht an­mer­ken. Er blieb in die her­be Schön­heit der Nacht ver­sun­ken. Von sei­nem Platz aus konn­te er Ne­w­clif­fes Be­sitz fast ganz über­se­hen. Selbst der dunkle Saum des Wal­des hin­ter dem Golf­platz war durch die tro­ckene kal­te Luft sicht­bar. Ein paar Bäu­me, die dich­ter am Haus stan­den, war­fen scharf ge­zeich­ne­te Schat­ten auf den Schnee, Schat­ten, die im Mond­licht lang­sam Platz und Form ver­än­der­ten.

Jar­mos­kow­ski seufz­te und kratz­te sich die lin­ke Hand­flä­che. Sei­ne Lip­pen be­weg­ten sich laut­los.

Ei­ne Wol­ke schob sich über den Mond, ihr Schat­ten eil­te wie ei­ne schwar­ze Flut dem Mond­licht vor­aus. Die sanf­ten Wel­len des Schnee­fel­des schie­nen wie Bre­cher vor der Flut da­hin­zu­rol­len, vor­wärts, zu­rück und dann wie­der nä­her kom­mend. Ganz kurz er­tön­te ein dün­nes Pfei­fen des Win­des, der kris­tal­li­ne Schnee­wol­ken von den Stein­plat­ten der Ter­ras­se hoch­wir­bel­te. Für ei­ne lan­ge Mi­nu­te blieb al­les still und dun­kel. Dann er­tön­te aus der Rich­tung der Stall­ge­bäu­de und Ge­wächs­häu­ser das lei­se, an­hal­ten­de Jau­len ei­nes Hun­des, in das an­de­re Hun­de ein­stimm­ten.

Jar­mos­kow­skis Zäh­ne leuch­te­ten aus dem Dun­kel. Er ver­hielt noch einen Au­gen­blick, dann wand­te er blitz­schnell den Kopf, und aus sei­nen Au­gen schoß ein röt­li­cher Blitz ge­gen das dunkle Fens­ter, hin­ter dem Foo­te stand. Foo­te ließ has­tig die Vor­hän­ge zu­sam­men­fal­len, doch konn­te er deut­lich des Pia­nis­ten glit­zern­de Zäh­ne se­hen.

Wie­der win­sel­te der Hund. Jar­mos­kow­ski ging ins Haus zu­rück.

Foo­te schlich sich zur Tür und schiel­te vor­sich­tig in den Kor­ri­dor hin­aus.

Es gibt Män­ner, die an ei­ner Bar nicht vor­bei­ge­hen kön­nen; an­de­re kön­nen an kei­ner Frau vor­bei­ge­hen; und wie­der­um an­de­re kön­nen an kei­ner sel­te­nen Brief­mar­ke oder ei­nem Feu­er vor­bei­ge­hen. Foo­te war der ge­bo­re­ne Schnüff­ler, doch muß­te man ihm dies­mal ei­nes zu­gu­te hal­ten: Er wünsch­te selbst, daß er sich irr­te.

Im Kor­ri­dor brann­te nur ei­ne ein­zi­ge schwa­che Lam­pe. Jar­mos­kow­skis Zim­mer lag ne­ben dem von Foo­te am En­de des Flurs. Als der Pia­nist nach­denk­lich dar­auf zu­ging, öff­ne­te sich die Tür ge­gen­über von Foo­tes Zim­mer, und Do­ris Gil­mo­re er­schi­en in ei­nem ge­stepp­ten sa­phirblau­en Mor­gen­rock mit ho­hem Rus­sen­kra­gen. Die Wir­kung wur­de durch das Hand­tuch über ih­rem Arm und durch die Zahn­bürs­te in ih­rer Hand et­was be­ein­träch­tigt, doch sie sah er­staun­lich hübsch aus.

»Oh!« sag­te sie. Jar­mos­kow­ski wand­te sich zu ihr, und ei­ne Wei­le stan­den sie sich schwei­gend ge­gen­über.

Foo­te knirsch­te mit den Zäh­nen. Soll­te auch das Mäd­chen ein Zeu­ge des­sen wer­den, was er von Jar­mos­kow­ski er­war­te­te? Das wä­re im höchs­ten Gra­de un­an­stän­dig. Und es muß­te fast Mit­ter­nacht sein.

Noch im­mer rühr­ten sich die bei­den nicht. Zit­ternd schob sich Foo­te in den Kor­ri­dor hin­aus und schlich hin­ter Jar­mos­kow­skis Rücken an der Wand ent­lang zu des­sen Zim­mer. Zum Glück war die Tür of­fen.

Mit lei­se­rer Stim­me sag­te Do­ris: »Ach, du bist es, Jan. Du hast mich er­schreckt.«

»Das ha­be ich be­merkt. Tut mir leid«, sag­te Jar­mos­kow­ski. Wie­der schob Foo­te sei­nen Kopf so weit vor, daß er die bei­den se­hen konn­te. »Es scheint, daß wir bei­de die Nacht­eu­len der hier Ver­sam­mel­ten sind!«

»Ich glau­be, die an­de­ren sind al­le be­trun­ken. Be­son­ders die­ser wi­der­li­che Ma­ler. Ich ha­be die Zeit­schrif­ten durch­ge­blät­tert, die Tom mir gab, und jetzt woll­te ich auch ver­su­chen zu schla­fen. Was hast du denn ge­macht?«

»Ich ha­be auf der Ter­ras­se ein biß­chen Luft ge­schnappt. Ich mag die Win­ter­nacht – die Luft beißt.«

»Auch die Hun­de sind un­ru­hig«, sag­te sie. »Hast du sie ge­hört? Ich glau­be, Bru­cey hat den An­fang ge­macht.«

Jar­mos­kow­ski lä­chel­te. »Sehr wahr­schein­lich. Wes­halb mag wohl Voll­mond die Hun­de so me­lan­cho­lisch stim­men?«

»Viel­leicht geht ein Spuk um.«

»Das möch­te ich be­zwei­feln«, sag­te Jar­mos­kow­ski. »Das Haus ist nicht alt ge­nug, um sich mit Ge­spens­tern brüs­ten zu kön­nen; es ist zwar mas­siv ge­baut, aber größ­ten­teils re­la­tiv neu. Und so­viel ich weiß, hat bis­her kei­ner von Toms oder Ca­ro­li­nes Ver­wand­ten das Pri­vi­leg ge­nos­sen, dar­in zu ster­ben.«

»Du sprichst, als ob du dar­an glaub­test.« Sie zog den Mor­gen­man­tel en­ger um sich. Foo­te konn­te sich vor­stel­len, daß sie ein Schau­dern un­ter­drück­te.

»Ich stam­me aus ei­nem Land, in dem die­ser Glau­be weit ver­brei­tet ist. In Po­len sind Skep­ti­ker meist aus dem Aus­land im­por­tiert.«

»Ich wünsch­te, du wür­dest we­nigs­tens so tun, als ob du ei­ne Aus­nah­me wärst. Du machst mich schau­dern, Jan.«

Er nick­te ernst­haft. »Das ist – fair ge­nug«, sag­te er sanft.

Wie­der Schwei­gen, wäh­rend sie sich in dem trü­ben Licht er­neut be­trach­te­ten. Dann mach­te Jar­mos­kow­ski einen Schritt vor­wärts und nahm ih­re Hän­de in sei­ne Hän­de.

Foo­te fühl­te sich ein we­nig ge­niert. Nichts konn­te nor­ma­ler sein, und nichts in­ter­es­sier­te ihn we­ni­ger. Wenn er sich doch ge­täuscht hat­te, dann wür­de er sich bald in ei­ner Si­tua­ti­on be­fin­den, für die es kei­ne Ent­schul­di­gung gab.

Das Mäd­chen blick­te un­si­cher lä­chelnd zu Jar­mos­kow­ski auf. Ihr Lä­cheln war so rüh­rend, daß Foo­te sich in sei­ner Haut nicht mehr wohl fühl­te.

»Jan«, sag­te sie.

»Nein – Do­ris, war­te«, sag­te Jar­mos­kow­ski un­deut­lich. »War­te – nur einen Au­gen­blick. Prag ist schon lan­ge her.«

»Ich ver­ste­he«, sag­te sie und woll­te ih­re Hän­de aus den sei­ner. lö­sen.

Jar­mos­kow­ski sag­te scharf: »Du ver­stehst über­haupt nichts. Da­mals war ich acht­zehn und du – elf, glau­be ich. Ich war sehr stolz dar­auf, von dir so an­ge­be­tet zu wer­den, aber na­tür­lich viel zu alt für dich. Jetzt ist der Al­ters­un­ter­schied nicht mehr so groß, und als ich heu­te nach­mit­tag sah, wie schön du in­zwi­schen ge­wor­den bist, da fie­len die Jah­re von mir ab – nein, nein, bit­te hör mich zu En­de an! Ich muß dir noch et­was sa­gen. Ich lie­be dich, Do­ris, ge­nau wie auch du mich liebst. Aber …«

In dem kur­z­en Schwei­gen konn­te Foo­te die schwe­ren Atem­zü­ge hö­ren, die Do­ris zu un­ter­drücken ver­such­te. Er fühl­te sich elend. Es ging ihn nichts an.

»Aber wir müs­sen noch et­was war­ten, Do­ris. Ich weiß et­was über dich, wor­über du selbst dir noch nicht im kla­ren bist. Und ich muß dich vor et­was in Jan Jar­mos­kow­ski war­nen, wor­an kei­ner von uns bei­den frü­her auch nur im Traum ge­dacht ha­ben wür­de.«

»War­nen – mich?«

»Ja.« Wie­der mach­te er ei­ne Pau­se. Dann sag­te er: »Es wird dir schwer­fal­len, mir zu glau­ben. Aber wenn du es fer­tig­bringst, kön­nen wir glück­lich sein. Do­ris, ich kann kein Skep­ti­ker sein. Ich bin …«

Er brach ab. Er hat­te geis­tes­ab­we­send auf ih­re Hän­de ge­blickt, als ob er nach den tref­fen­den eng­li­schen Wor­ten such­te. Dann dreh­te er lang­sam ih­re Hän­de um, bis die Hand­flä­chen nach oben wie­sen. Ein Aus­druck des tiefs­ten Er­schre­ckens trat in sein Ge­sicht, und Foo­te sah, wie sein Griff krampf­haft fes­ter wur­de.

Die­ses star­re Schwei­gen be­stä­tig­te Foo­tes Ver­dacht, aber das be­rei­te­te ihm kein Ver­gnü­gen. Er hat­te Angst.

Einen Mo­ment lang schloß Jar­mos­kow­ski die Au­gen. Sei­ne Wan­gen­mus­ku­la­tur zuck­te, so hef­tig biß er die Zäh­ne zu­sam­men. Dann fal­te­te er lang­sam Do­ris’ Hän­de zu­sam­men, und sei­ne merk­wür­di­gen Fin­ger schlös­sen sich um sie her­um. Als er die Au­gen wie­der öff­ne­te, glüh­ten sie wie Flam­men.

Do­ris riß ih­re Hän­de weg und kreuz­te sie über ih­rer Brust. »Jan – Jan, was ist? Was ist mit dir?«

Sein Ge­sicht, das sich un­ter dem Schock der Er­kennt­nis ver­zerrt hat­te, glät­te­te sich wie­der.

»Nichts«, sag­te er. »Was ich sa­gen woll­te, ist völ­lig sinn­los. Ich ha­be mich al­bern be­nom­men. Bit­te ver­zeih mir. Es war nett, dich wie­der ge­trof­fen zu ha­ben, Do­ris. Gu­te Nacht.«

Er ließ sie ste­hen und ging den Kor­ri­dor ent­lang. Do­ris blick­te ihm nach, ih­re Wan­gen be­gan­nen, feucht zu glän­zen, und in ei­ner Hand hielt sie im­mer noch die Zahn­bürs­te.

Jar­mos­kow­ski dreh­te den Griff sei­ner Zim­mer­tür und warf die Tür hin­ter sich ins Schloß. Es ge­lang Foo­te ge­ra­de noch, sich weg­zu­du­cken.

Drau­ßen heul­te ein Hund auf, dann war es ru­hig.

 

Das Mond­licht schi­en durch das Fens­ter von Jar­mos­kow­skis Zim­mer auf ein sorg­fäl­tig auf­ge­deck­tes Bett. Die kal­te Luft war in je­den Win­kel ge­drun­gen. Er fuhr sich mit bei­den Hän­den durchs Haar und ging über den Tep­pich zu dem Tisch ne­ben dem Bett. In dem fah­len Licht wirk­te sein Schat­ten selt­sam ver­kürzt, als ob er auf al­len vie­ren gin­ge. Auf dem Tisch­chen stand ei­ne Lam­pe, und er woll­te sie an­knip­sen.

Plötz­lich stand er stock­still, die Hand nach dem Licht­schal­ter aus­ge­streckt. Er schi­en zu lau­schen. End­lich wand­te er sich um und blick­te durch das Zim­mer di­rekt auf die Stel­le, wo Foo­te ne­ben der Tür stand.

Dort war es am dun­kels­ten, da das Mond­licht nicht bis da­hin reich­te, aber Jar­mos­kow­ski sag­te so­fort: »Hal­lo, Paul, Sie sind ja reich­lich spät auf.«

Foo­te ant­wor­te­te nicht gleich. Er war im­mer noch vom Al­ko­hol be­ne­belt, und au­ßer­dem lähm­te ihn die schie­re Un­mög­lich­keit des­sen, was er als Tat­sa­che er­kannt hat­te. So stand er schwei­gend im Dun­kel, be­ob­ach­te­te Jar­mos­kow­skis ver­schwom­me­nen Um­riß ne­ben dem Bett, und sein ei­ge­ner Atem dröhn­te laut in sei­nen Oh­ren. Zwi­schen ih­nen lag der brei­te, fla­che Strahl des Mond­lichts wie ein Fluß aus Me­tall.

»Ich ge­he auch gleich schla­fen«, sag­te er end­lich. Sei­ne Stim­me klang flach und rot und wie aus wei­ter Fer­ne, als ob sie je­mand an­de­rem ge­hör­te. »Ich bin nur her­ge­kom­men, um Ih­nen ei­ne klei­ne War­nung zu ge­ben.«

»So, so«, sag­te Jar­mos­kow­ski freund­lich. »Heu­te nacht schei­nen sich War­nun­gen größ­ter Be­liebt­heit zu er­freu­en. Pfle­gen Sie Ih­re Be­su­che im­mer mit ei­nem Mes­ser zu ma­chen?«

»Das ist ja die War­nung, Jar­mos­kow­ski. Das Mes­ser. Ich neh­me es mit ins Bett. Es ist aus Sil­ber.«

»Sie müs­sen be­trun­ke­ner als ge­wöhn­lich sein«, sag­te der Kom­po­nist. »Warum ge­hen Sie jetzt nicht ein­fach ins Bett – mit dem Mes­ser, wenn Ih­nen das Spaß macht? Wir kön­nen uns am Mor­gen wei­ter un­ter­hal­ten.«

»Kom­men Sie mir nicht da­mit«, schnapp­te Foo­te. »Mir kön­nen Sie nichts vor­ma­chen. Ich weiß, was Sie sind.«

»Schön, Sie wis­sen al­so, was ich bin. Soll das ein Rät­sel sein? Na gut, ich bei­ße an, wie Ben­ning­ton sa­gen wür­de.«

»Ja, Sie wür­den bei­ßen«, sag­te Foo­te, und sei­ne Stim­me schwank­te. »Soll ich wirk­lich sa­gen, was Sie sind, Jar­mos­kow­ski? Wo Sie her­kom­men, nennt man es ›wro­lok‹, nicht wahr? In Frank­reich heißt es ›loup-ga­rou‹, in den Kar­pa­ten ›stre­goi­ka‹ oder ›stre­ga‹, oder auch ›wl­kos­lak‹. In …«

»Ihr Sprach­ta­lent ist grö­ßer als Ihr Ver­stand«, sag­te Jar­mos­kow­ski. »Und ›stre­goi­ka‹ und ›stre­ga‹ un­ter­schei­den sich durch das Ge­schlecht, und kei­nes von bei­den ist das­sel­be wie ›loup-ga­rou‹. Trotz­dem, Sie in­ter­es­sie­ren mich. Ist es jetzt nicht et­was au­ßer­halb der Sai­son für all das? Wolfs­blu­men blü­hen nicht im Win­ter. Und viel­leicht sind auch die Din­ge, für die Sie so flie­ßend die Na­men her­un­ter­ras­seln, in der heu­ti­gen Zeit et­was fehl am Plat­ze.«

»Die Hun­de has­sen Sie«, sag­te Foo­te sanft. »Das war ei­ne präch­ti­ge Vor­stel­lung, die Bru­cey heu­te nach­mit­tag gab, als Tom ihn her­ein­brach­te und er Sie vor­fand. Ich be­zweifle, daß Sie es schon ver­ges­sen ha­ben. Ich glau­be eher, daß Sie schon oft ge­se­hen ha­ben, wie sich ein Hund seit­wärts durch ein Zim­mer schiebt, in dem Sie sind, und win­selt und Sie bei je­dem Schritt be­ob­ach­tet, bis sein Herr­chen ihn hin­aus­zerrt. Bru­cey jault im­mer noch.

Und dann Ihr Er­schre­cken beim An­blick des sil­ber­nen Be­stecks – und Ih­re Aus­re­de mit den Gum­mi­soh­len. Sie wer­den sich er­in­nern, daß ich un­ter den Tisch guck­te, und sie­he da, Ih­re Schu­he hat­ten Le­der­soh­len. Aber das war so­wie­so ei­ne sehr schwa­che Aus­re­de, denn je­der Mensch weiß, daß man von un­ge­er­de­tem Sil­ber­be­steck kei­nen elek­tri­schen Schlag be­kom­men kann, egal, wie lan­ge man Gum­mi­flä­chen an­ein­an­der reibt. Sil­ber ist töd­lich, nicht wahr, Jar­mos­kow­ski?

Und dann die Fin­ger – die gleich­lan­gen Mit­tel- und Zei­ge­fin­ger –, das ha­ben Sie sehr ge­schickt ge­dreht. Sie ha­ben es mit Be­dacht so ein­ge­rich­tet, daß je­der sie se­hen muß­te. Es ist ja das Au­gen­fäl­li­ge, das über­se­hen wird. Aber, Jar­mos­kow­ski, die­ser Trick ist schon in zu vie­len Kri­mi­nal­ro­ma­nen durch­ge­he­chelt wor­den. Sie konn­ten da­mit we­der Lund­gren noch mich hin­ters Licht füh­ren.«

»Ah, so«, sag­te Jar­mos­kow­ski. »Das ist ja ei­ne net­te Lis­te.«

»Es geht noch wei­ter. Wie kommt es, daß Ih­re Au­gen den gan­zen Nach­mit­tag grau wa­ren und rot wur­den, so­wie der Mond auf­ging? Und Ih­re Hand­flä­chen – sie sind be­haart, aber Sie ha­ben das Haar ab­ra­siert, nicht wahr, Jar­mos­kow­ski? Ich ha­be be­ob­ach­tet, wie Sie sich kratz­ten. Al­les an Ih­nen, Ihr Aus­se­hen, wie Sie spre­chen, wie Sie sich be­we­gen – al­les schreit förm­lich Ih­re wah­re Na­tur her­aus, und wer die Zei­chen kennt, ver­steht die­se Spra­che.«

Nach ei­nem lan­gen Schwei­gen sag­te Jar­mos­kow­ski: »Ich ver­ste­he. Sie wa­ren sehr auf­merk­sam, Paul. Ich ent­neh­me dem al­len, daß Sie das sind, was man einen miß­traui­schen Trun­ken­bold nennt. Aber ich dan­ke Ih­nen für die War­nung, Paul. Wol­len wir mal an­neh­men, daß al­les stimmt, was Sie über mich sa­gen. Na und? Wol­len Sie es den an­de­ren mit­tei­len? Wol­len Sie bis ans En­de Ih­rer Ta­ge be­kannt sein als …«

»Ich ha­be nicht die Ab­sicht, ir­gend et­was zu sa­gen, wenn Sie mich nicht da­zu zwin­gen. Sie soll­ten nur wis­sen, daß ich Be­scheid weiß, falls Sie heu­te abend auf ir­gend­ei­ner Hand­flä­che den ma­gi­schen Stern ent­deckt ha­ben soll­ten.«

Jar­mos­kow­ski lä­chel­te. »Ha­ben Sie auch dar­an ge­dacht, daß mir jetzt, da ich weiß, daß Sie Be­scheid wis­sen, kei­ne an­de­re Wahl bleibt? Daß schon beim ers­ten Wort, das Sie zu mir sag­ten, Ih­re Hand­flä­che mit dem ma­gi­schen Stern ge­brand­markt wur­de?«

Dar­an hat­te Foo­te nicht ge­dacht. Er hat­te viel zu­viel Zeit da­mit ver­geu­det, sich selbst ein­zu­re­den, daß das Gan­ze nur ei­ne Wahn­vor­stel­lung wä­re. Das Mes­ser fiel klap­pernd zu Bo­den, ehe er merk­te, daß er es los­ge­las­sen hat­te. Er streng­te sei­ne Au­gen an, um in der Dun­kel­heit sei­ne Hand­flä­chen zu er­ken­nen.

Von der an­de­ren Sei­te des Zim­mers er­klang Jar­mos­kow­skis di­stan­zier­te und amü­sier­te Stim­me. »So – Sie hat­ten al­so nicht dar­an ge­dacht. So ein Pech. Bes­ser nie als zu spät, Paul!«

Sein ver­schwom­me­ner Um­riß schi­en stu­fen­wei­se her­ab­zu­sin­ken. Zu­erst sah es nur aus, als ob er sich aufs Bett ge­setzt ha­be; aber die Ver­kür­zung ging im­mer wei­ter, dann schlän­gel­te sich der Kör­per, und die Klei­dung dreh­te sich mit, die Hemd­brust wur­de ein un­deut­li­cher Fleck auf der brei­ter wer­den­den Brust, die Schul­tern fie­len her­ab, das spit­ze Kinn wur­de zu ei­ner stump­fen Schnau­ze, und die Ze­hen­nä­gel der Pfo­ten klick­ten auf den Fuß­bo­den, wäh­rend er lang­sam auf Foo­te zu­ging. Er hielt den Schwanz ge­ra­de aus­ge­streckt, und die rau­he Haar­krau­se auf sei­nem Rücken stell­te sich auf. Er schnüf­fel­te.

Ir­gend­wie setz­te Foo­te sei­ne Bei­ne in Be­we­gung. Er fand den Tür­griff und schleu­der­te sich in den Kor­ri­dor hin­aus.

Kaum ei­ne Se­kun­de, nach­dem er die Tür zu­ge­schla­gen hat­te, don­ner­te ein schwe­rer Kör­per da­ge­gen. Das Holz krach­te laut. Er stemm­te sich mit al­ler Macht ge­gen die Tür­fül­lung. Er konn­te fast nichts se­hen; sei­ne Au­gen schie­nen ins In­ne­re sei­nes Schä­dels ge­rollt zu sein.

Aus dem Däm­mer­licht lös­te sich ei­ne wei­ße Ge­stalt, und ein neu­er Schau­der über­lief ihn. Aber es war nur das Mäd­chen.

»Paul! Um al­les in der Welt! Was geht hier vor?«

»Schnell«, keuch­te er, »brin­gen Sie mir Sil­ber – ir­gend­ei­nen schwe­ren Ge­gen­stand aus Sil­ber – schnell!«

Das Drän­gen in sei­ner Stim­me war stär­ker als ihr Er­stau­nen. Sie rann­te in ihr Zim­mer zu­rück. Dann ver­ging ei­ne gan­ze Ewig­keit, wäh­rend er auf die Ge­räusche in Jar­mos­kow­skis Zim­mer lausch­te.

Ein­mal dach­te er, ein lei­ses Rum­peln ge­hört zu ha­ben, aber er war sich nicht si­cher. In sei­nen Oh­ren braus­te und pul­sier­te es so laut, daß er sich wun­der­te, daß nicht die gan­ze Um­ge­bung da­von auf­wach­te. Er hing am Tür­griff und keuch­te.

Dann kam das Mäd­chen und schlepp­te einen fast ein Me­ter ho­hen Sil­ber­leuch­ter her­bei; ei­ne Waf­fe, die für sei­ne er­schlaff­ten Mus­keln fast so schwer war. Er um­klam­mer­te den Tür­griff nur noch mit der lin­ken Hand und zück­te den Leuch­ter un­ge­schickt mit der rech­ten.

»So«, sag­te er in – wie er hoff­te – grim­mig ent­schlos­se­nem Ton. »Jetzt kann er kom­men.«

»Aber was ist denn ei­gent­lich los?« frag­te Do­ris. »Sie we­cken ja das gan­ze Haus auf. Da, se­hen Sie – selbst der Hund ist ‘rein­ge­kom­men, um nach­zu­se­hen – «

»Der Hund!«

Er fuhr her­um und ließ den Tür­griff los. Kei­ne zehn Schrit­te ent­fernt stand ein rie­si­ges, kohl­schwar­zes Tier von fast ei­nem Me­ter sech­zig Län­ge und fletsch­te die glän­zen­den Zäh­ne. So­bald es Foo­te er­blick­te, knurr­te es. Sei­ne Au­gen fla­cker­ten röt­lich dun­kel und still.

Dann sprang es.

Foo­te riß den Leuch­ter hoch und schwang ihn wie­der – aber das Tier war weg. Es hat­te mit­ten im Sprung ab­ge­stoppt. Am of­fe­nen En­de des Kor­ri­dors be­weg­te sich et­was, dann war al­les wie­der dun­kel und still.

»Er sah den Leuch­ter«, keuch­te Foo­te. »Ist wahr­schein­lich aus dem Fens­ter ge­sprun­gen und kam dann durch die Ein­gangs­tür her­ein. Dann sah er das Sil­ber und mach­te sich da­von.«

»Paul!« rief Do­ris. »Was – wo­her wuß­ten Sie, daß es sprin­gen wür­de? Es war so rie­sig! Und was hat das Sil­ber …«

Zu sei­ner ei­ge­nen Über­ra­schung muß­te er grin­sen. Er konn­te sich vor­stel­len, wel­chen Ein­druck die Wahr­heit auf Do­ris ma­chen wür­de. »Das«, sag­te er, »war ein Wolf, und zwar ein großer. Selbst die ge­wöhn­li­che Sor­te ist nicht sehr freund­lich, und …«

Im obe­ren Stock­werk er­klan­gen Schrit­te, und dann dröhn­te Ne­w­clif­fes laut schimp­fen­de Stim­me. Ne­w­clif­fe lieb­te lau­te Aben­de und stil­le Näch­te. Jetzt schie­nen auch die an­de­ren den Krach ge­hört zu ha­ben, denn in kür­zes­ter Zeit dräng­ten sich halb­be­klei­de­te Ge­stal­ten in den Kor­ri­dor und woll­ten wis­sen, was los sei, oder ver­lang­ten ent­rüs­tet, daß man et­was we­ni­ger Lärm ma­che.

Ab­rupt ging das Licht an und be­leuch­te­te ver­schla­fe­ne Ge­sich­ter und Ge­stal­ten im Nacht­hemd, die sich in Mor­gen­rö­cke zwän­gen woll­ten. Ne­w­clif­fe kam die Trep­pe her­un­ter. Ca­ro­li­ne, die ihn be­glei­te­te, sah selbst jetzt ta­del­los aus. Ihr ver­wun­der­tes Ge­sicht war ma­kel­los schön. Sie war kei­ne be­son­de­re Sport­le­rin, aber Par­ties lieb­te sie, und an­schei­nend war sie hoch­er­freut, daß die Par­ty wie­der los­ging.

»Was geht hier vor?« frag­te Ne­w­clif­fe nicht eben lie­bens­wür­dig. »Foo­te, ha­ben Sie das an­ge­rich­tet? Was soll der Lärm?«

»Wer­wolf«, sag­te Foo­te und war sich be­wußt, wie be­deu­tungs­los das Wort klin­gen muß­te. »Wir ha­ben einen Wer­wolf hier. Und ei­ner von uns ist als Op­fer ge­brand­markt.«

Was hät­te er sonst sa­gen sol­len?

Ei­ne La­wi­ne von Fra­gen pras­sel­te auf ihn her­nie­der, als die an­de­ren ihn um­dräng­ten. »Wie? Was war das? Ich glau­be, er sag­te Wer­wolf. Was soll das hei­ßen. Je­mand hat einen Wolf ge­se­hen. Ist das viel­leicht was Be­son­de­res? Oh, die­ser Lärm!«

»Paul«, klang Lund­grens Stim­me durch das Ge­schrei. »Ein­zel­hei­ten, bit­te.«

»Jar­mos­kow­ski ist ein Wer­wolf«, sag­te Foo­te ent­schlos­sen und be­müh­te sich, mög­lichst sach­lich zu spre­chen. »Ich hat­te ihn schon län­ger un­ter Ver­dacht, ging in sein Zim­mer und kon­fron­tier­te ihn mit mei­nen Be­ob­ach­tun­gen. Er ver­wan­del­te sich vor mei­nen Au­gen.«

Die Er­in­ne­rung dar­an trieb ihm er­neut den Schweiß aus den Po­ren. »Er er­schi­en im Kor­ri­dor und woll­te uns an­grei­fen. Ich ha­be ihn mit ei­nem sil­ber­nen Leuch­ter in die Flucht ge­schla­gen.« Er merk­te, daß er den Leuch­ter noch in der Hand hat­te und schwenk­te ihn zum Be­weis. »Do­ris hat den Wolf ge­se­hen – sie kann es be­stä­ti­gen.«

»Ja, ich sah ein rie­si­ges hun­de­ähn­li­ches Tier«, gab Do­ris zu. »Und es sprang auf uns zu. Es war schwarz und hat­te ei­ne Men­ge Zäh­ne. Aber, Paul – das soll Jan ge­we­sen sein? Lä­cher­lich!«

»Das kann man wohl sa­gen«, spot­te­te Ne­w­clif­fe. »Uns al­le nur so zum Spaß auf­zu­we­cken! Wahr­schein­lich hat sich ei­ner der Hun­de los­ge­macht.«

»Ha­ben Sie einen pech­schwar­zen Hund, der einen Me­ter sech­zig lang ist?« frag­te Foo­te ver­zwei­felt. »Und wo ist Jar­mos­kow­ski jetzt? Wie­so ist er nicht hier? Be­ant­wor­ten Sie mir die­se Fra­ge!«

Im Hin­ter­grund gab Ben­ning­ton ein skep­ti­sches Grun­zen von sich und öff­ne­te die Tür zu Jar­mos­kow­skis Zim­mer. Al­le woll­ten sich auf ein­mal hin­ein­drän­geln. Müh­sam bahn­te Foo­te sich einen Weg durch das Men­schen­knäu­el.

»Se­hen Sie? Hier ist er auch nicht. Und das Bett ist nicht be­rührt. Do­ris …« Er hielt in­ne und ihm wur­de be­wußt, was sei­ne nächs­ten Wor­te für einen Ein­druck ma­chen muß­ten. Aber der Ein­satz war zu hoch, als daß er auf ge­sell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen Rück­sicht neh­men konn­te. »Do­ris, Sie sa­hen ihn hin­ein­ge­hen. Sa­hen Sie ihn auch wie­der her­aus­kom­men?«

Das Mäd­chen war ver­dutzt. »Nein, ich war ja in mei­nem Zim­mer.«

»Gut. Jetzt se­hen Sie sich mal das an.« Foo­te ging zum Fens­ter und zeig­te hin­aus. »Se­hen Sie das? Die Spu­ren im Schnee?«

Ei­ner nach dem an­de­ren lehn­te sich hin­aus. Kein Zwei­fel. Die Spur ei­nes Tie­res, wohl die ei­nes großen Hun­des, be­gann di­rekt un­ter Jar­mos­kow­skis Fens­ter an ei­ner Stel­le, wo aus dem zer­tre­te­nen Schnee er­sicht­lich war, daß ein schwe­rer Kör­per dort ge­lan­det war.

»Fol­gen Sie der Spur nur, sie führt zur Ein­gangs­tür und dann wie­der weg – hof­fe ich je­den­falls.«

»Ha­ben Sie das schon fest­ge­stellt?« frag­te Ja­mes.

»Nicht nö­tig. Ich ha­be es ja mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen, Ja­mes.«

»Viel­leicht sind die Spu­ren bloß ein Zu­fall«, sag­te Ca­ro­li­ne. »Viel­leicht ist Jan nur spa­zie­ren­ge­gan­gen.«

»Bar­fuß? Sei­ne Schu­he sind hier.«

Ben­ning­ton schwang sich mit ei­ner für sei­nen di­cken Bauch er­staun­li­chen Leich­tig­keit über das Fens­ter­brett und ging in Pan­tof­feln der Spur nach. Nach ei­ner Wei­le kam er durch die Tür wie­der zu­rück.

»Paul hat recht«, sag­te er in das auf­ge­reg­te Stim­men­ge­wirr. »Die Spur führt um die Ter­ras­se her­um zur Ein­gangs­tür, dann wie­der weg und am Haus vor­bei zum Golf­platz.« Er roll­te un­ge­schickt die feuch­ten Py­ja­ma­bei­ne hoch. Foo­te fiel ein klei­ner Stein vom Her­zen; we­nigs­tens war das Un­tier nicht mehr im Haus.

»Das ist doch al­les völ­li­ger Un­sinn«, er­klär­te Ne­w­clif­fe är­ger­lich. »Wir be­neh­men uns wie klei­ne Kin­der, die sich im Dun­keln fürch­ten. Es gibt kei­ne Wer­wöl­fe.«

»Dar­auf möch­te ich nicht wet­ten«, sag­te Eh­ren­berg. »Seit Jahr­hun­der­ten ha­ben Mil­lio­nen von Men­schen an die Exis­tenz von Wer­wöl­fen ge­glaubt. Wenn man die Zahl der Jah­re mit der Zahl der Men­schen mul­ti­pli­ziert, kommt ein be­trächt­li­ches End­er­geb­nis her­aus, nicht wahr?«

Ne­w­clif­fe wand­te sich an Lund­gren. »Chris, von Ih­nen kann man we­nigs­tens mit Si­cher­heit an­neh­men, daß Sie nicht den Ver­stand ver­lo­ren ha­ben.«

Der Psych­ia­ter lä­chel­te dünn. »Sie ha­ben mei­nen Stock­hol­mer Vor­trag nicht ge­le­sen. Ich mei­ne den Vor­trag über Psy­cho­sen der Men­schen im Mit­tel­al­ter. Er be­faß­te sich haupt­säch­lich mit Ly­kan­thro­pie – al­so mit Wer­wöl­fen.«

»Soll das hei­ßen, daß Sie die­se idio­ti­sche Ge­schich­te glau­ben?«

»Ich ha­be Jar­mos­kow­ski schon in den frü­hen Abend­stun­den er­kannt«, sag­te Lund­gren. »Er hat wohl sei­ne Hand­flä­chen ra­siert, aber er zeigt al­le an­de­ren Cha­rak­te­ris­ti­ka – röt­li­che Au­gen bei Mond­auf­gang, gleich­lan­ge Zei­ge- und Mit­tel­fin­ger, zu­ge­spitz­te Oh­ren, zu­sam­men­ge­wach­se­ne Au­gen­brau­en, ge­wölb­tes Sieb­bein, obe­re Eck­zäh­ne ver­län­gert. Kurz und gut – wir ha­ben hier ei­ne ty­pi­sche Über­pro­duk­ti­on des Zir­bel­drü­sen­hor­mons: einen Ly­kan­thro­pen.«

»Warum ha­ben Sie bis jetzt ge­schwie­gen?«

»Weil ich nicht aus­ge­lacht wer­den woll­te«, sag­te Lund­gren tro­cken. »Und ich woll­te Jar­mos­kow­skis Auf­merk­sam­keit nicht auf mich len­ken. Men­schen mit Drü­sen­stö­run­gen sind un­be­re­chen­bar.«

Foo­te grins­te reue­voll. Wenn er dar­an ge­dacht hät­te, ehe er Jar­mos­kow­ski stell­te, wür­de er sei­nen Mund ge­hal­ten ha­ben.

»Es gibt nicht mehr vie­le Fäl­le von Ly­kan­thro­pie«, do­zier­te Lund­gren. »Man fin­det höchs­tens in ob­sku­ren Zeit­schrif­ten et­was dar­über. Es ist die we­nig be­kann­te Ent­glei­sung ei­ner we­nig be­kann­ten Drü­se mit in­ne­rer Se­kre­ti­on. Dar­über hin­aus wis­sen wir nur das, was man schon an­no vier­zehn­hun­dert wuß­te, näm­lich daß die­se Ent­glei­sung an­schei­nend den Be­trof­fe­nen be­fä­higt, sein Er­schei­nungs­bild will­kür­lich zu ver­än­dern.«

»Mir er­scheint das Gan­ze im­mer noch ab­surd«, mein­te Ben­ning­ton. »Ich ken­ne Jan seit Jah­ren. Net­ter Kerl – hat mir mal aus ei­ner ver­zwick­ten La­ge ge­hol­fen, oh­ne daß er da­zu ver­pflich­tet war. Und ich glau­be, es gibt schon ge­nug Dis­so­nan­zen in die­sem Haus, so daß ich wohl kein Un­heil stif­te, wenn ich sa­ge, daß ich Paul Foo­te nicht mal so weit traue, wie ich ihn wer­fen kann. Bei Gott, Paul, wenn sich das als ei­ner Ih­rer be­lieb­ten Scha­ber­nacks her­aus­stel­len soll­te…«

»Fra­gen Sie Lund­gren«, sag­te Foo­te.

Tie­fes Schwei­gen folg­te, das nur von schwe­ren Atem­zü­gen un­ter­bro­chen wur­de. Lund­gren war fast al­len als die Au­to­ri­tät auf dem Ge­biet der psy­chi­schen An­oma­li­en durch hor­mo­na­le Stö­run­gen be­kannt. Nie­mand schi­en ihn fra­gen zu wol­len.

»Paul hat recht«, sag­te Lund­gren. »Ob Sie es glau­ben oder nicht. Jar­mos­kow­ski ist ein Ly­kan­throp. Ein hy­per­pi­ne­al Ge­stör­ter. Kei­ne an­de­re Drü­se kann die Blut­ge­fäße des Au­ges so be­ein­flus­sen oder ei­ne der­ar­ti­ge Um­or­ga­ni­sa­ti­on der So­ma er­mög­li­chen. Jar­mos­kow­ski ist zwei­fel­los ein Wer­wolf.«

Ben­ning­ton sack­te zu­sam­men, und der Aus­druck in­di­gnier­ter Un­gläu­big­keit schwand aus sei­nem Blick. »Ich will ver­dammt sein!« mur­mel­te er. »Das kann doch nicht wahr sein!«

»Wir müs­sen ihn noch heu­te nacht er­wi­schen«, sag­te Foo­te. »Er hat bei je­man­dem das Pen­ta­gramm ge­se­hen – bei ei­nem von uns.«

»Was ist das?« frag­te Ja­mes.

»Es ist ein fünf­za­cki­ger Stern in ei­nem Kreis, ein ur­al­tes ma­gi­sches Sym­bol und in al­len mys­ti­schen Bü­chern er­wähnt, bis zu­rück zum vier­ten oder fünf­ten Buch Mo­se. Der Wer­wolf sieht es auf der Hand­flä­che sei­nes nächs­ten Op­fers.«

Ein keu­chen­der Schrei ent­rang sich Do­ris’ Lip­pen.

»Al­so das war es!« rief sie. »Großer Gott, ich bin die­je­ni­ge! Er sah ir­gend et­was auf mei­ner Hand, als wir im Kor­ri­dor mit­ein­an­der spra­chen. Er war sehr er­schro­cken und ließ mich prak­tisch ste­hen. Er sag­te, daß er mich vor et­was war­nen wol­le, und dann …«

»Be­ru­hi­gen Sie sich«, sag­te Ben­ning­ton. »Je mehr wir sind, de­sto si­che­rer sind wir. Und wir sind ja al­le hier.« Trotz­dem konn­te er sich nicht be­herr­schen, ver­stoh­len über sei­ne Schul­ter zu bli­cken.

»Das ist ei­ne häu­fi­ge Er­schei­nung bei ly­kan­thro­pen An­fäl­len«, be­stä­tig­te Lund­gren. »Aber, Paul, Sie ir­ren sich über die Be­deu­tung, die er für einen Ly­kan­thro­pen hat. Das Pen­ta­gramm be­deu­tet et­was ganz an­de­res. Do­ris, ich möch­te Sie et­was fra­gen.«

»Ja – bit­te, na­tür­lich, Dok­tor Lund­gren. Was möch­ten Sie wis­sen?«

»Was ha­ben Sie heu­te abend mit der Knet­mas­se ge­macht?«

»Ich – ich woll­te Paul Foo­te einen Schreck ein­ja­gen«, sag­te sie fast un­hör­bar.

»Wie? Glau­ben Sie mir, Do­ris, das ist sehr wich­tig. Wie?«

»Aus sei­ner Zi­ga­ret­te kräu­sel­te sich ein Rauch­fa­den. Ich – ich ver­such­te, ihm die Ge­stalt…«

»Spre­chen Sie wei­ter.«

»… ihm die Ge­stalt ei­ner Sta­tu­et­te zu ge­ben«, sag­te Foo­te tro­cken. Er spür­te kal­ten Schweiß auf sei­ner Stirn. Das Mäd­chen warf ihm einen Sei­ten­blick zu; dann nick­te es und schlug die Au­gen nie­der. »Die Mu­sik war wie ein An­reiz«, mur­mel­te sie.

»Sehr gut«, sag­te Lund­gren. »Do­ris, ich will Ih­nen kei­ne Schwie­rig­kei­ten ma­chen. Ha­ben Sie mit die­ser Spie­le­rei schon viel Er­folg ge­habt?«

»In letz­ter Zeit, ja«, sag­te sie leb­haf­ter. »Es klappt nicht im­mer. Aber manch­mal doch.«

»Chris, was soll das hei­ßen?« frag­te Foo­te.

»Das heißt, daß wir hier ei­ne wich­ti­ge Ver­bün­de­te be­sit­zen, falls wir nur wis­sen, wie wir sie ein­zu­set­zen ha­ben«, sag­te Lund­gren. »Im Mit­tel­al­ter hät­te man die­ses Mäd­chen ei­ne He­xe ge­nannt. Heu­te wür­de man wahr­schein­lich sa­gen, sie sei mit über­na­tür­li­chen Kräf­ten be­gabt, ob­wohl ich ge­ste­hen muß, daß die­se Aus­drucks­wei­se auch nicht mehr er­klärt.

Das ist die wah­re Be­deu­tung des Pen­ta­gramms, und Jar­mos­kow­ski weiß es ganz ge­nau. Der Wer­wolf kann sich am bes­ten dann ent­fal­ten, wenn er ei­ne He­xe zur Mit­hel­fe­rin hat, die ihm im mensch­li­chen Le­ben Ge­fähr­tin, als Wer­wolf Spü­re­rin und Mar­kie­re­rin ist. Die Er­schei­nung des Pen­ta­gramms zeigt dem Wer­wolf die He­xe, die er für sich be­stimmt glaubt.«

»Das ist nicht ge­ra­de er­freu­lich«, sag­te Do­ris mit schwa­cher Stim­me.

»O doch. In all die­sen ur­al­ten psy­cho­pa­thi­schen Ver­bin­dun­gen gibt es ein na­tür­li­ches oder – wenn Sie so wol­len – über­na­tür­li­ches Gleich­ge­wicht. Der Wer­wolf ak­zep­tiert sei­ne Part­ne­rin in dem Glau­ben – der für ihn na­tür­lich ei­ne fest­ste­hen­de Er­war­tung ist –, daß die He­xe ihn frü­her oder spä­ter ver­ra­ten wird. Das ist es, was Jar­mos­kow­ski so fas­sungs­los ge­macht hat; doch sei­ne Ver­wand­lung be­weist, daß er das ge­wag­te Spiel mit­macht. Er weiß so gut wie wir, wahr­schein­lich so­gar noch bes­ser, daß Do­ris als He­xe noch ein Neu­ling und sich ih­rer Fä­hig­kei­ten noch gar nicht be­wußt ist. Er setzt ganz ein­fach dar­auf, daß wir nicht wis­sen, wie wir sie ge­gen ihn ein­set­zen kön­nen. Aber da irrt er sich.«

»Wir wis­sen al­so im­mer noch nicht, wen Jan sich als Op­fer aus­er­ko­ren hat«, sag­te Ja­mes schrill. »Da­mit ist al­les klar. Wir müs­sen das – das Un­tier fin­den und tö­ten. Wir müs­sen es tö­ten, ehe es einen von uns um­bringt – wenn nicht Do­ris, dann je­mand an­de­ren. Selbst wenn er uns ver­schont – es wä­re ge­nau­so schlimm, ihn frei her­um­lau­fen zu las­sen.«

»Wo­mit wol­len Sie ihn tö­ten?« frag­te Lund­gren sach­lich.

»Eh?«

»Ich sag­te, wo­mit wol­len Sie ihn tö­ten? Mit dem Hor­mon­über­schuß im Blut kann er über ge­wöhn­li­che Ge­schos­se la­chen. Und da es hier kei­ne dem hei­li­gen Hu­bert ge­weih­te Kir­chen gibt, kön­nen Sie ihn nicht mit ei­ner wun­der­tä­ti­gen Ku­gel in den Tod trei­ben.«

»Sil­ber ge­nügt«, sag­te Frank.

»Ja, Sil­ber ge­nügt. Es ver­gif­tet die Pi­nea­rin-Ka­ta­ly­se. Aber wol­len Sie viel­leicht einen aus­ge­wach­se­nen Wolf mit Eß­be­ste­cken und Leuch­tern er­le­gen? Oder ver­steht hier je­mand ge­nug von Me­tall­ur­gie, um ei­ne brauch­ba­re Sil­ber­ku­gel gie­ßen zu kön­nen?«

Foo­te seufz­te. Jetzt, da die Last der Be­weis­füh­rung von ihm ge­nom­men war und der Schock ihn er­nüch­tert hat­te, war er fast wie­der sein al­tes Selbst, trotz der töd­li­chen Dro­hung, die über ihm und den an­de­ren schweb­te.

»Ich hab’s ja im­mer ge­sagt«, mein­te er, »auf ei­ner Par­ty bei den Ne­w­clif­fes gibt es kei­ne lang­wei­li­ge Mi­nu­te.«

 

Es schlug halb zwei. Foo­te nahm eins von Ne­w­clif­fes Ge­weh­ren und wog es in der Hand. Es fühl­te sich nutz­los an. Er frag­te: »Ma­chen Sie Fort­schrit­te?«

Die Grup­pe am Kü­chen­herd schüt­tel­te wie auf Kom­man­do gleich­zei­tig die Köp­fe. Ei­ne der Gas­flam­men war zu ei­nem pro­vi­so­ri­schen Bun­sen­bren­ner um­ge­wan­delt wor­den, und dar­über ver­such­te man ei­ni­ge Ge­gen­stän­de aus rei­nem Sil­ber, meist me­xi­ka­ni­scher Her­kunft, zu schmel­zen.

Als Schmelz­tie­gel diente ei­ne klei­ne ir­de­ne Schüs­sel. Die Stell­flä­che ei­nes Blu­men­topfs diente als De­ckel. Das Loch war mit As­best­fet­zen aus­ge­legt, die man ge­walt­sam aus der Dachi­so­lie­rung her­aus­ge­ris­sen hat­te. Leh­mer­de bil­de­te das et­was zwei­fel­haf­te Bin­de­mit­tel. Die große Flam­me fla­cker­te un­re­gel­mä­ßig und warf phan­tas­ti­sche Schat­ten über die an­ge­spann­ten Ge­sich­ter.

»Jetzt ist es ge­schmol­zen«, sag­te Ben­ning­ton, in­dem er den De­ckel mit ei­ner Zan­ge an­hob und vor­sich­tig dar­un­ter­späh­te. »Und was ma­chen wir jetzt da­mit? Es von der Turm­spit­ze hin­un­ter­fal­len las­sen?«

»Mit Schrot kann man kei­nen Wolf um­brin­gen, es sei denn, man hat un­ver­schäm­tes Glück«, er­klär­te Ne­w­clif­fe. Jetzt, da es sich zeit­wei­se nicht mehr um ein über­na­tür­li­ches, son­dern um ein ge­wöhn­li­ches Jagd­pro­blem han­del­te, war er in sei­nem Ele­ment. »Au­ßer­dem ha­be ich kei­ne zu­ver­läs­si­ge Schrot­flin­te. Aber es soll­te uns doch ge­lin­gen, ei­ne brauch­ba­re Ku­gel­form zu­stan­de zu brin­gen. Die Ku­gel soll­te so weich sein, daß sie sich nicht im Lauf ver­klemmt.«

Er öff­ne­te die Tür zur Kel­ler­trep­pe und ver­schwand; in ei­ner Hand hielt er ein paar nor­ma­le Ge­wehr­pa­tro­nen. Die Hun­de be­gan­nen wie­der lei­se zu jau­len. Do­ris zit­ter­te. Foo­te leg­te einen Arm um ih­re Schul­tern.

»Es ist al­les in Ord­nung«, sag­te er. »Wir wer­den ihn er­wi­schen. Sie ha­ben nichts zu be­fürch­ten.«

Sie schluck­te. »Ich weiß«, sag­te sie mit zu­ge­schnür­ter Keh­le. »Aber je­des­mal, wenn ich dar­an den­ke, wie er auf mei­ne Hän­de blick­te, und wie rot sei­ne Au­gen schil­ler­ten … Glau­ben Sie, daß er um das Haus her­um­schleicht? Daß die Hun­de des­halb heu­len?«

»Kei­ne Ah­nung«, sag­te Foo­te be­däch­tig. »Aber bei Hun­den kann man nie wis­sen. Sie kön­nen Din­ge über wei­te Ent­fer­nun­gen hin­weg spü­ren. Ich möch­te an­neh­men, daß für ei­ne Hun­den­ase ein Mann mit Pi­nea­rin im Blutstrom ei­ne star­ke Aus­düns­tung hat. Aber wahr­schein­lich weiß er, daß wir hin­ter sei­nem Skalp her sind, und so wird er kaum in der Nä­he her­um­schlei­chen.«

Sie brach­te ein zitt­ri­ges Lä­cheln zu­stan­de. »Ich will ver­su­chen, nicht hys­te­risch zu wer­den.« Er klopf­te ihr un­ge­schickt auf die Schul­ter und kam sich da­bei ein biß­chen ko­misch vor.

»Glau­ben Sie, daß wir die Hun­de ge­brau­chen kön­nen?« woll­te Eh­ren­berg wis­sen.

»Ganz be­stimmt«, sag­te Lund­gren. »Hun­de sind schon im­mer un­se­re bes­ten Ver­bün­de­ten ge­gen al­le Ab­nor­ma­li­tä­ten ge­we­sen. Sie ha­ben ja die Wut ge­se­hen, in die Jar­mos­kow­skis blo­ße An­we­sen­heit Bru­cey ver­setz­te. Er muß die be­vor­ste­hen­de Ver­wand­lung ge­spürt ha­ben. Ah, Tom – was ha­ben Sie er­reicht?«

Ne­w­clif­fe stell­te ei­ne höl­zer­ne Um­pflanz­kis­te auf den Kü­chen­tisch. »Ich ha­be von je­dem Ge­wehr ei­ne Pa­tro­nen­hül­se auf­ge­bro­chen und die Ku­gel her­aus­ge­nom­men«, sag­te er. »Ei­ne ha­be ich dann in den Lehm hier ge­drückt. Durch die Käl­te ist der Lehm ziem­lich hart ge­wor­den, so daß die Ein­drücke brauch­ba­re For­men ab­ge­ben soll­ten. Bringt das Sil­ber her.«

Ben­ning­ton hob den im­pro­vi­sier­ten Schmelz­tie­gel vom Bren­ner, und so­fort schoß ei­ne ho­he, fla­ckern­de blaue Flam­me auf. Ja­mes dreh­te sie vor­sich­tig aus.

»So, und jetzt gie­ßen Sie«, sag­te Ne­w­clif­fe. »Chris, mei­nen Sie, daß es hel­fen wür­de, einen Se­gen oder so et­was zu re­zi­tie­ren?«

»Nur wenn Jar­mos­kow­ski es hö­ren könn­te, und wahr­schein­lich nicht ein­mal dann, da wir kei­nen Pries­ter un­ter uns ha­ben.«

»Na gut. Gie­ßen Sie, Ben­ning­ton, ehe die Mas­se zu hart ist.«

Ben­ning­ton ließ in je­de Form et­was ge­schmol­ze­nes Sil­ber flie­ßen, und Ne­w­clif­fe wisch­te den Über­schuß weg, ehe er dick wer­den konn­te. Zu je­der an­de­ren Zeit hät­te die Sze­ne ko­misch ge­wirkt – jetzt er­in­ner­te sie an ei­ne gro­tes­ke Dar­stel­lung von Hol­bein. Ne­w­clif­fe hob die Kis­te hoch und trug sie in den Kel­ler, wo die lee­ren Pa­tro­nen­hül­sen auf ih­re neue Fül­lung war­te­ten.

»Al­so, wer ist ge­eig­net?« frag­te Foo­te. »Wir ha­ben sechs Ge­weh­re. Ja­mes, wie steht’s mit Ih­nen?«

»Ich könn­te nicht mal aus ei­nem Me­ter Ent­fer­nung einen Ele­fan­ten tref­fen. Tom ist ein Meis­ter­schüt­ze. Ben­ning­ton auch, je­den­falls mit ei­ner Schrot­flin­te.«

»Ich kann auch mit ei­nem Ge­wehr um­ge­hen«, sag­te Ben­ning­ton un­si­cher.

»Ich auch«, sag­te Pal­mer kurz. »Nicht daß ich mich vor­drän­gen will.«

»Ich ha­be ei­ni­ge Er­fah­rung im Schie­ßen«, sag­te Foo­te. »Wäh­rend der Schlacht von Dün­kir­chen ha­be ich so­gar mal et­was ge­trof­fen.«

»Und ich«, sag­te Lund­gren, »bin Eh­ren­mit­glied der schwei­ze­ri­schen Mi­liz.«

Nie­mand lach­te. Selbst Pal­mer merk­te, daß Lund­gren sich auf sei­ne ihm ei­ge­ne un­auf­fäl­li­ge Art brüs­te­te, und daß er da­zu je­des Recht hat­te. Ne­w­clif­fe kam wie­der zum Vor­schein.

»Ich hab’ sie ‘raus­ge­holt, mit Schnee ge­kühlt und mit ei­ner Fei­le ge­glät­tet. Wahr­schein­lich ha­ben sie sich in ho­hem Maß kris­tal­li­siert, aber das braucht uns nicht zu stö­ren. Schlimms­ten­falls ge­hen sie wie Dum­dum­ge­schos­se los – ich hof­fe, nie­mand von Ih­nen wird den Ein­wand er­he­ben, daß das nicht hu­man wä­re?«

Er lud je­des Ge­wehr mit ei­ner Pa­tro­ne und si­cher­te die Waf­fen. »Hat kei­nen Sinn, rich­tig auf­zu­la­den, denn nor­ma­le Ku­geln sind so­wie­so nutz­los, wie Chris sagt. Sie müs­sen eben mit dem ers­ten Schuß tref­fen. Wer ist aus­ge­wählt wor­den?«

Foo­te, Pal­mer, Lund­gren und Ben­ning­ton nah­men je­der ein Ge­wehr. Ne­w­clif­fe nahm das fünf­te und gab das letz­te sei­ner Frau.

»Mo­ment mal«, pro­tes­tier­te Ja­mes. »Glau­ben Sie, daß das rich­tig ist, Tom? Ich mei­ne, Ca­ro­li­ne mit­zu­neh­men?«

»Aber na­tür­lich«, sag­te Ne­w­clif­fe er­staunt. »Sie schießt ge­ra­de­zu phan­tas­tisch – hat mich schon ein paar­mal um einen Preis ge­bracht. Ich dach­te, al­le wür­den mit­kom­men.«

»Das wä­re nicht rich­tig«, sag­te Foo­te, »be­son­ders nicht für Do­ris, da der Wolf … Ich will sa­gen, daß sie mei­ner An­sicht nach nicht mit­kom­men soll­te.«

»Wol­len Sie einen Scharf­schüt­zen zu ih­rem Schutz ab­zie­hen? Oder wol­len Sie sie al­lein hier­las­sen?«

»O nein«, schrie Do­ris auf, »nicht hier! Ich muß mit­kom­men! Ich will nicht ganz al­lein im Haus war­ten. Viel­leicht kommt er zu­rück, und dann wä­re nie­mand bei mir. Das könn­te ich nicht er­tra­gen!«

»Schwer zu sa­gen, was Jar­mos­kow­ski aus ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on für Leh­ren zie­hen wür­de«, sag­te Lund­gren, »oder, was noch schlim­mer ist, was er Do­ris bei­brin­gen könn­te, oh­ne daß sie es merkt. Für uns an­de­re – ver­zei­hen Sie mei­ne bru­ta­le Auf­rich­tig­keit, Do­ris –, wä­re es viel üb­ler, wenn er sie nicht tö­ten wür­de als um­ge­kehrt. Es ist bes­ser, wenn wir das biß­chen Ma­gie, über das wir ver­fü­gen, mit­neh­men, als daß wir es für Jan hier­las­sen.«

»Da­mit wä­re die Fra­ge ent­schie­den«, sag­te Ne­w­clif­fe ent­schlos­sen. »Ge­hen wir. Es ist schon nach zwei.«

Er zog sei­nen di­cken Man­tel an und stapf­te mit dem ver­schla­fe­nen Stall­knecht hin­aus, um die Hun­de frei­zu­las­sen. Auch die üb­ri­gen zo­gen sich warm an. Do­ris und Ca­ro­li­ne nah­men Ski­an­zü­ge. Nach­ein­an­der tra­fen sie wie­der im Wohn­zim­mer ein.

Lund­grens Au­gen hef­te­ten sich auf ei­ne Va­se mit iri­s­ähn­li­chen Blu­men, die auf dem Flü­gel stand. »Na­nu, was ist denn das?« frag­te er.

»Ei­sen­hut«, wur­de er von Ca­ro­li­ne in­for­miert. »Wir züch­ten die Pflan­zen im Ge­wächs­haus. Hübsch, nicht? Ob­wohl der Gärt­ner sagt, daß sie gif­tig sind.«

»Chris«, sag­te Foo­te, »es sind doch nicht et­wa – Wolfs­blu­men?«

Der Psych­ia­ter schüt­tel­te den Kopf. »Ich bin kein Bo­ta­ni­ker und kann die ver­schie­de­nen Ei­sen­hut­ar­ten nicht von­ein­an­der un­ter­schei­den. Aber das ist auch gleich­gül­tig; Ly­kan­thro­pen sind ge­gen al­le Ar­ten all­er­gisch. Der Blü­ten­staub, ver­ste­hen Sie? Es ist wie beim Heu­schnup­fen. Der Ly­kan­throp at­met den Blü­ten­staub ein, es kommt zu ei­nem ana­phy­lak­ti­schen Schock und …«

»Wie der letz­te Dreh des Mes­sers«, mur­mel­te Ja­mes.

Von drau­ßen her­ein­drin­gen­des Hun­de­ge­bell kün­dig­te an, daß Ne­w­clif­fe fer­tig war. Mit erns­ten Mie­nen ging die Ge­sell­schaft auf die Ter­ras­se hin­aus. Aus ir­gend­ei­nem Grund ver­mied je­der, auf die Wolfss­pu­ren im Schnee zu tre­ten. Sie mach­ten den Ein­druck von zum To­de Ver­ur­teil­ten auf dem We­ge zum Richt­platz. Lund­gren nahm einen der Blü­ten­zwei­ge mit.

Der Mond war schon im Un­ter­ge­hen, und sein Licht warf den Schat­ten des Hau­ses weit ins Ge­län­de. Aber es war im­mer noch hell ge­nug, und au­ßer­dem war das Haus vom Kel­ler bis zur Turm­spit­ze er­leuch­tet. In der durch­ein­an­der­wir­beln­den, kläf­fen­den Meu­te ent­deck­te Lund­gren Bru­cey und hielt ihm blitz­schnell den Blu­men­zweig vor die Na­se. Der Hund schnup­per­te kurz dar­an, duck­te sich zu­sam­men und knurr­te lei­se.

»Wolfs­blu­men«, sag­te Lund­gren. »Die an­de­ren Ei­sen­hut­ar­ten ma­chen Hun­den nichts aus. Das ist wahr­schein­lich die Ba­sis der Le­gen­de. Sie soll­ten Ih­ren Gärt­ner ent­las­sen, Ca­ro­li­ne. Viel­leicht ist er schuld dar­an, daß dies mit­ten im Win­ter ge­sche­hen konn­te. Nor­ma­ler­wei­se ist die Ly­kan­thro­pie ei­ne Herbst­krank­heit.«

Ja­mes sag­te:

»Selbst ein Mann, der in­nig be­tet,

Ehe er sich legt zur Ruh’,

Kann zum Wolf wer­den,

wenn die Wolfs­blu­me blüht,

Und der hel­le Mond schaut zu.«

»Hö­ren Sie auf, Sie flö­ßen mir Grau­en ein«, schnapp­te Foo­te är­ger­lich.

»Al­so, die Hun­de wis­sen jetzt Be­scheid«, sag­te Ne­w­clif­fe. »Gut. Sie hät­ten es schwer ge­habt, die Spur vom hart­ge­fro­re­nen Schnee auf­zu­neh­men, aber Bru­cey kann sie an­füh­ren. Ge­hen wir.«

In den Schnee­ver­we­hun­gen wa­ren die Wolfss­pu­ren klar und deut­lich zu se­hen. Der Schnee hat­te ei­ne har­te Krus­te, von der ein böi­ger Wind fei­ne pulv­ri­ge Schau­er win­zi­ger Eis­kris­tal­le hoch­wir­bel­te. Die Spur führ­te seit­lich am Haus vor­bei, wie Ben­ning­ton be­rich­tet hat­te, und wei­ter zum Golf­platz. Die klei­ne Grup­pe stapf­te grim­mig da­ne­ben. Für die Hun­de war die Spur kalt, aber ab und zu nah­men sie doch ei­ne schwa­che Wit­te­rung auf, und dann dräng­ten sie vor­wärts und zerr­ten ih­ren Herrn mit. Meis­tens muß­ten sich die Ver­fol­ger al­ler­dings auf ih­re Au­gen ver­las­sen.

Im Wes­ten, über dem Firth of Lo­me, hat­ten sich die Wol­ken dick zu­sam­men­ge­ballt. Der Mond sank tiefer. Foo­tes Schat­ten, mal lang, mal kurz, mar­schier­te vor ihm her, und der ver­harsch­te Schnee knirsch­te und krach­te un­ter sei­nen Fü­ßen. Die Nacht schi­en un­na­tür­lich still zu sein, als war­te sie auf et­was; und die Grup­pe der Ver­fol­ger be­weg­te sich in tie­fem Schwei­gen, das nur hin und wie­der von ei­nem Knur­ren oder ei­nem ge­dämpf­ten Bel­len un­ter­bro­chen wur­de.

Ein­mal lief die Spur ein Stück zu­rück, dann wie­der vor­wärts, als ob das Un­tier sich einen Mo­ment um­ge­dreht hät­te, um einen Blick zu­rück zum Haus zu wer­fen, ehe es weiter­schlich. Aber sonst lief die Spur di­rekt auf den dunklen Wald­rand zu.

Als der Gür­tel des Ge­büschs be­gann, blie­ben al­le ste­hen und blick­ten an­ge­strengt vor­aus, die Ge­weh­re halb im An­schlag. Die Mün­dun­gen schwank­ten ner­vös mit, wenn die Hun­de ih­re Köp­fe hin und her wand­ten. Weit hin­ter ih­nen se­gel­te der rie­si­ge Wol­ken­schat­ten wei­ter. Ge­gen den schwar­zen Hin­ter­grund wirk­te das hell er­leuch­te­te Haus, als ob es lich­ter­loh bren­ne.

»Wir hät­ten das Licht aus­ma­chen sol­len«, mur­mel­te Ne­w­clif­fe, als er zu­rück­blick­te. »Es ver­rät uns.«

Die Hun­de zerr­ten an ih­ren Lei­nen. Von Wes­ten her er­tön­te ein kaum hör­ba­res Rum­peln wie von ei­nem Win­ter­ge­wit­ter. Bru­cey wand­te sei­ne zu­cken­de Na­se zum Wald zu und knurr­te.

»Er ist da drin, ganz be­stimmt.«

»Wir soll­ten uns be­ei­len«, wis­per­te Ben­ning­ton. »In fünf Mi­nu­ten ist es stock­fins­ter. Es sieht nach Sturm aus.«

Noch im­mer zö­ger­ten sie und äug­ten in das schwei­gen­de Dun­kel des Wal­des. Dann we­del­te Ne­w­clif­fe mit den Hän­den, als Zei­chen da­für, daß man ei­ne aus­ein­an­der­ge­zo­ge­ne Schüt­zen­ket­te bil­den soll­te. Die an­de­ren ge­horch­ten und folg­ten ihm dann. Foo­tes Fin­ger zit­ter­ten am Drücker.

Der Wald war tief­dun­kel und still. Ab und zu knarr­te ein Ast, wenn je­mand da­ge­gen stieß, oder krach­te ein Zweig wie ei­ne schar­fe Ex­plo­si­on. Foo­te konn­te fast nichts se­hen. Sei­ne Fü­ße ver­fin­gen sich im Un­ter­holz oder bra­chen hart durch die Schnee­krus­te. Je­des­mal, wenn er mit der Schul­ter ge­gen einen Baum­stamm stieß, fie­len gan­ze Schnee­schau­er auf ihn her­nie­der.

Nach ei­ner Wei­le be­gan­nen die ver­zerr­ten, kah­len Bäu­me ihn an et­was zu er­in­nern. Er dach­te kurz nach, dann hat­te er es. Es war ein Kup­fer­stich von Do­re vom Höl­len­wald in ei­ner il­lus­trier­ten Dan­te-Aus­ga­be, der ihm ei­ne pa­ni­sche Angst ein­ge­jagt hat­te, als er noch klein war: Der Wald, in dem je­der Baum ein Sün­der war und Nes­ter von Har­pyi­en trug, und wo je­der Zweig blu­te­te, wenn er ab­ge­bro­chen wur­de. Noch im­mer jag­te ihm das Bild einen lei­sen Schau­der ein; im Ver­gleich da­zu er­schi­en ihm der Wald hin­ter Ne­w­clif­fes Golf­platz fast ge­müt­lich.

Die Hun­de zerr­ten und keuch­ten, wan­den sich hier­hin und dort­hin; doch jetzt knurr­ten sie nicht mehr, son­dern schwie­gen mit ge­spann­ter, mord­lus­ti­ger Auf­merk­sam­keit. Ei­ne Hand be­rühr­te Foo­tes Arm, und er schrak zu­sam­men. Aber es war nur Do­ris.

»Sie wit­tern et­was«, flüs­ter­te Ben­ning­ton. »Las­sen wir sie los, Tom.«

Ne­w­clif­fe zog straff an, beug­te sich dann hin­un­ter und mach­te die Lei­nen los. Ein Hund nach dem an­de­ren sprang laut­los vor­wärts und ver­schwand.

Über den Wald hin­weg zo­gen die auf­kom­men­den Sturm­wol­ken und ver­hüll­ten den Mond. Jetzt war es stock­fins­ter. Aus Ne­w­clif­fes frei­er Hand schoß der Strahl ei­ner star­ken Ta­schen­lam­pe und fiel auf ei­ne Spur im Schnee. Das blau­wei­ße Licht schi­en die Dun­kel­heit noch schwär­zer zu ma­chen.

»Ich tu’s nicht gern«, sag­te Ne­w­clif­fe. »Da­durch ver­ra­ten wir uns. Aber er weiß ja, daß wir … Oh, jetzt schneit es wie­der!«

»Dann wol­len wir ge­hen, ehe die Spur zu­ge­schneit ist«, sag­te Foo­te.

Viel­stim­mi­ge un­ge­stü­me Stand­lau­te, die wie Tö­ne aus Jagd­hör­nern klan­gen, schol­len plötz­lich durch den Wald. Es wa­ren wil­de und herr­li­che Lau­te. Foo­te, der so et­was noch nie ge­hört hat­te, hat­te ei­ne Se­kun­de lang das Ge­fühl, sein Herz stün­de still. Nie­mals hät­te er ei­ne so rei­ne Har­mo­nie mit pro­fa­nen Hun­de­keh­len as­so­zi­iert.

»Ja, das ist es!« rief Ne­w­clif­fe. »Hört sie euch an! Los, pack ihn, Bru­cey!«

Sie stürz­ten sich mit lau­tem Kra­chen vor­wärts. Das Ge­bell schi­en wie Glo­cken­klang zu dröh­nen.

»Was für ein Lärm«, keuch­te Ben­ning­ton. »Die we­cken ja die gan­ze Um­ge­bung auf!«

Sie ar­bei­te­ten sich blind­lings durch den ver­schnei­ten Wald vor­wärts. Dann hat­ten sie plötz­lich ei­ne klei­ne Lich­tung er­reicht. Schnee­flo­cken schweb­ten durch die Luft. Et­was schoß zwi­schen Foo­tes Bei­nen hin­durch, schnapp­te wild nach ihm, und er stol­per­te und fiel in ei­ne Schnee­ver­we­hung.

Ei­ne Stim­me schrie et­was Un­ver­ständ­li­ches. Foo­tes Mund war voll Schnee. Er riß sei­nen Kopf hoch – und sah di­rekt in die ro­ten, wut­glü­hen­den Au­gen des Wolfs.

Er stand auf der an­de­ren Sei­te der Lich­tung, den Kopf Foo­te zu­ge­wandt, und die Hun­de spran­gen um ihn her­um und schnapp­ten wü­tend nach sei­nen Bei­nen. Er gab kei­nen Laut von sich, son­dern stand da mit ge­spreiz­ten Vor­der­läu­fen, den Kopf un­ter die ge­wal­ti­gen Schul­tern ge­neigt, die Lip­pen in ei­ner Tra­ves­tie von Jar­mos­kow­skis Lä­cheln zu­rück­ge­zo­gen. Sei­ner lan­gen Schnau­ze ent­ström­te der Atem als ho­ri­zon­ta­ler Dampf­strahl, wie der Schweif ei­nes un­heil­brin­gen­den Ko­me­ten.

Er war stär­ker als al­le an­de­ren zu­sam­men, und er wuß­te es. Einen Au­gen­blick lang stand er be­we­gungs­los, nur der dich­te Schwanz pen­del­te lang­sam hin und her. Dann kam ei­ner der Hun­de ihm zu na­he.

Der mas­si­ge Kopf fuhr zur Sei­te. Der Hund jaul­te auf und sprang zu­rück. Die Hun­de wa­ren be­reits ge­warnt; ei­ner von ih­nen wand sich auf dem Bo­den, und ei­ne schwar­ze Pfüt­ze färb­te den Schnee.

»Schießt, in Got­tes Na­men!« kreisch­te Ja­mes.

Ne­w­clif­fe schlug sein Ge­wehr an, ließ es aber un­ent­schlos­sen wie­der sin­ken. »Ich kann nicht«, sag­te er. »Die Hun­de sind mir in der Schuß­li­nie.«

»Zum Teu­fel mit den Hun­den – wir sind doch nicht auf ei­ner Fuchs­jagd! Schie­ßen Sie, Tom, Sie sind der ein­zi­ge von uns, der frei steht!«

Pal­mer war es, der den ers­ten Schuß ab­gab. Er hat­te kei­nen Grund, Ne­w­clif­fes kost­ba­re Hun­de zu scho­nen. Gleich­zei­tig er­späh­te Foo­te einen schma­len Spalt zwi­schen den Hun­den und nutz­te die Ge­le­gen­heit.

Der Dop­pel­schlag der bei­den Ge­weh­re hall­te durch den Wald, und hin­ter der lin­ken Hin­ter­pfo­te des Wolfs stäub­te der Schnee auf. Die an­de­re Ku­gel – man wür­de nie her­aus­be­kom­men, wel­che nä­her am Ziel ge­we­sen war – traf ge­gen einen hart­ge­fro­re­nen Baum­stamm und jaul­te als Quer­schlä­ger wei­ter. Der Wolf duck­te sich lang­sam zum Sprung.

Die Ver­fol­ger stöhn­ten auf; mit don­nern­der Stim­me rief Ne­w­clif­fe sei­ne Hun­de zu­rück. Ben­ning­ton nahm mit un­end­li­cher Sorg­falt Ziel.

Der Wer­wolf war­te­te nicht län­ger. Mit ei­nem hei­se­ren Auf­brül­len ras­te er durch die Hun­de hin­durch und griff an.

Foo­te sprang schüt­zend vor Do­ris und hielt einen Arm vor sei­ne ei­ge­ne Keh­le. Die Welt schi­en sich in ein Pan­dä­mo­ni­um aus Schrei­en, Brül­len, Knur­ren und dem fre­ne­ti­schen Ge­bell der Hun­de auf­zu­lö­sen. Der Schnee fiel dicht. Ne­w­clif­fes Ta­schen­lam­pe fiel zu Bo­den und roll­te weg. Sie sand­te ih­ren Licht­strahl zu den Wip­feln der Bäu­me em­por.

Dann gab es einen Laut, als ob ein schwe­rer Kör­per sich schnell ent­fer­ne. All­mäh­lich erstarb der Lärm.

»Ist je­mand ver­letzt?« frag­te Ja­mes. Ein lau­tes »Nein« er­tön­te von al­len Sei­ten.

»Das ge­nügt nicht«, prus­te­te Ben­ning­ton. »Ein To­ter kann nicht mehr re­den. Kopf­zäh­lung, bit­te!«

Ne­w­clif­fe hat­te sei­ne Ta­schen­lam­pe ge­holt und leuch­te­te her­um, aber der Schnee­fall hat­te sich zum Schnee­sturm ent­wi­ckelt, und es war nichts zu er­ken­nen. »Ca­ro­li­ne?« frag­te er be­sorgt.

»Ja, mein Gu­ter. Völ­lig durch­näßt, aber le­bend.«

»Do­ris? Gut. Paul, wo sind Sie – oh, ich glau­be, ich kann Sie se­hen. Eh­ren­berg? Und Pal­mer? So, das war’s, Ben­ning­ton. Wei­ter war nie­mand ein­ge­la­den, au­ßer …«

»Er hat sich da­von­ge­macht«, sag­te Ben­ning­ton iro­nisch. »Die Un­ter­hal­tung be­hag­te ihm nicht. Und dies­mal deckt der Schnee sei­ne Spur zu. Ru­fen Sie Ih­re Hun­de zu­rück, Tom.«

»Nicht mehr nö­tig«, sag­te Ne­w­clif­fe. Zum ers­ten­mal, seit das Un­heil be­gon­nen hat­te, klang sei­ne Stim­me et­was mü­de. »Wenn ich sie ein­mal ru­fe, dann ge­nügt das.«

Er ging mit schwe­ren Schrit­ten zu dem ver­letz­ten Hund, des­sen Kör­per schwach zuck­te, als ob er dem Be­fehl sei­nes Herrn fol­gen woll­te. Ne­w­clif­fe hock­te sich hin und strei­chel­te den sich hin und her win­den­den Kopf.

»So – so«, sag­te er sanft. »So, Bru­cey. Komm, sei ru­hig. So, Bru­cey – so.«

Im­mer noch mur­melnd, brach­te er das Ge­wehr mit ei­ner Hand in An­schlag. Der Schwanz des Hun­des schlug ein­mal ge­gen den Schnee.

Das Ge­wehr krach­te.

Ne­w­clif­fe stand lang­sam auf und wand­te sei­nen Blick ab.

»Sieht aus, als ob wir die ers­te Run­de ver­lo­ren ha­ben«, sag­te er ton­los.

Der Mor­gen schi­en rasch an­zu­bre­chen. Der But­ler ging phleg­ma­tisch durchs gan­ze Haus und schal­te­te das Licht aus. Falls er wuß­te, was vor­ging, ließ er sich nichts an­mer­ken.

Ne­w­clif­fe te­le­fo­nier­te mit Lon­don. »Cap­py? Hier spricht Tom. Hö­ren Sie zu und pas­sen Sie gut auf, es ist ver­dammt wich­tig. Ru­fen Sie bei Con­so­li­da­ted War­fa­re an – nein, nein, nicht in Zü­rich, es gibt ei­ne Nie­der­las­sung in Lon­don – und be­stel­len Sie ei­ne Kis­te Ge­wehr­pa­tro­nen vom Ka­li­ber .30 – las­sen Sie mich aus­re­den, zum Kuckuck, ich bin noch nicht fer­tig! – mit Sil­ber­ku­geln. Ja, Sie ha­ben rich­tig ge­hört – Sil­ber –, und zwar rei­nes Sil­ber. Nein, nicht Ster­lings­il­ber, das ist zu hart für mei­ne Zwe­cke. Sa­gen Sie den Leu­ten, sie sol­len die Sen­dung per Flug­zeug schi­cken; ich muß sie bis mor­gen ha­ben. Ist mir egal, ob das un­mög­lich ist. Bie­ten Sie ih­nen ge­nug an, ich be­zah­le es. Und die Sen­dung ist mir di­rekt ins Haus zu lie­fern. Am Loch Ran­noch, zwan­zig Ki­lo­me­ter west­lich von Blair Atholl. Na­tür­lich wis­sen Sie, wo es ist, aber wo­her soll der Pi­lot es wis­sen, wenn Sie es ihm nicht sa­gen? Jetzt wie­der­ho­len Sie al­les.«

»Knob­lauch«, sag­te Lund­gren zu Ca­ro­li­ne. Sie schrieb es brav auf ih­re Ein­kaufs­lis­te. »Wie vie­le Fens­ter hat das Haus? Wir brau­chen für je­des ei­ne Ze­he und au­ßer­dem ein hal­b­es Dut­zend Glä­ser ge­mah­le­nen Ros­ma­rin.«

Er wand­te sich an Foo­te. »Wir müs­sen an je­de Mög­lich­keit den­ken«, sag­te er ernst. »So­bald Tom mit dem Te­le­fo­nie­ren fer­tig ist, wer­de ich ver­su­chen, den Orts­pfar­rer zu er­rei­chen und ihn bit­ten, mit ei­nem Hau­fen sil­ber­ner Kru­zi­fi­xe her­zu­kom­men. Sie müs­sen mir glau­ben, Paul, daß all die­ser mit­tel­al­ter­li­che Ho­kus­po­kus ei­ne ech­te phy­sio­lo­gi­sche Ba­sis hat.

Die Kräu­ter ha­ben ei­ne spas­mo­ly­ti­sche Wir­kung – sie wir­ken ähn­lich wie Ad­rena­lin bei Heu­fie­ber und ku­pie­ren den An­fall. Mög­li­cher­wei­se kann Jan sei­ne Wolfs­ge­stalt nicht bei­be­hal­ten, wenn er ge­nug da­von in die Lun­gen be­kommt.

Was das Re­li­gi­öse be­trifft – nun, das ist viel­leicht ein rein psy­cho­lo­gi­scher Ef­fekt, viel­leicht auch nicht, das kann ich nicht be­ur­tei­len. Es kann sein, daß Jan da­von nicht be­ein­druckt wird, falls er ein Skep­ti­ker ist, aber ich ha­be den Ver­dacht, daß er …« Hier ver­sag­te Lund­grens sonst so vor­züg­li­ches Eng­lisch. Of­fen­sicht­lich war das ge­such­te Wort nicht in sei­nem Vo­ka­bu­lar ent­hal­ten. »Aber­gläu­bisch«, sag­te er. »Cri­and­re.«

»Ich ver­ste­he«, sag­te Foo­te.

»Wer könn­te wohl mehr Grund da­für ha­ben als er?«

»Aber wie kann er über­haupt die Wolfs­ge­stalt bei­be­hal­ten, Chris?«

»Oh, das ist am leich­tes­ten. Sie wis­sen ja, daß Was­ser die Form des Be­häl­ters an­nimmt, in den man es füllt? Nun, auch das Pro­to­plas­ma ist flüs­sig. Das Hor­mon der Zir­bel­drü­se ver­rin­gert die Ober­flä­chen­span­nung der Zel­len. Gleich­zei­tig stellt es ei­ne di­rek­te Ver­bin­dung zwi­schen dem sym­pa­thi­schen Ner­ven­sys­tem und der Ge­hirn­rin­de her, in­dem es die Leis­tungs­fä­hig­keit des Li­quors als Elek­tro­lyt­trä­ger über die Norm hin­aus stei­gert…«

»Halt, da kom­me ich nicht mehr mit!«

»Ich er­klä­re es Ih­nen spä­ter. Ich ha­be ei­ni­ge Bü­cher in mei­nem Ge­päck, die sich mit die­sem Pro­blem be­fas­sen, und die ich Ih­nen zei­gen möch­te. Je­den­falls ist das Re­sul­tat ein in­ner­halb be­stimm­ter Gren­zen ver­form­ba­rer Kör­per. Die Wolfs­ge­stalt ist die leich­tes­te, da beim Ske­let­t­auf­bau ge­wis­se Ähn­lich­kei­ten be­ste­hen. Das Pi­nea­rin kann den Kno­chen­bau nicht we­sent­lich be­ein­flus­sen. Ei­ne Af­fen­ge­stalt wä­re noch leich­ter, aber die Gren­zen der ei­ge­nen Öko­lo­gie wer­den nie über­schrit­ten. Ein Weraf­fe wä­re in Afri­ka lo­gisch, aber nicht hier. Au­ßer­dem fres­sen Af­fen kei­ne Men­schen, und das ist der schreck­lichs­te Aspekt die­ser Krank­heit.«

»Und Vam­pi­re?«

»Vam­pi­re«, do­zier­te Lund­gren au­to­ri­ta­tiv, »sind Leu­te, die wir in Gum­mi­zel­len ein­sper­ren. Es ist un­mög­lich, das Kno­chen­ge­rüst so weit zu ver­än­dern. Sie bil­den sich nur ein, daß sie Fle­der­mäu­se sei­en. Aber auch das ge­hört in das Ge­biet der hor­mo­na­len Im­ba­lanz.

Die End­sta­di­en sind spek­ta­ku­lär. Mit dem An­stei­gen des Pi­nea­rin-Blut­spie­gels ist die zel­lu­la­re Ober­flä­chen­span­nung so weit re­du­ziert, daß die Zel­len buch­stäb­lich ver­ko­chen. Am Schluß ist nur noch ein Misch­masch da. Der Pro­zeß kommt zum Still­stand, wenn das Ge­fäß­sys­tem das Hor­mon nicht län­ger trans­por­tie­ren kann, aber na­tür­lich stirbt das Op­fer, ehe es so­weit kommt.«

Foo­te schluck­te. »Und es gibt kein Heil­mit­tel?«

»Noch nicht. Nur Lin­de­rungs­mit­tel. Viel­leicht wird man ein­mal ein Heil­mit­tel ent­wi­ckeln – aber bis da­hin … Glau­ben Sie mir, wir tun Jan einen Ge­fal­len.«

»Au­ßer­dem«, sag­te Ne­w­clif­fe, »fah­ren Sie hin und ho­len mir sechs Selbst­la­der. Nein, kei­ne Brow­nings, da­mit kann man nicht gut um­ge­hen. Am bes­ten ame­ri­ka­ni­sche T-sie­ben­und­vier­zig. Na schön, von mir aus ist die Kon­struk­ti­on ge­heim – wo­zu zah­len wir so­viel Be­ste­chungs­gel­der an CWS? Was? Nun, man könn­te es ei­ne Be­la­ge­rung nen­nen. Gut, Cap­py. Nein, ich kom­me die­se Wo­che nicht. Zah­len Sie al­le aus und schi­cken Sie die Leu­te bis auf wei­te­res nach Hau­se. Nein, Sie na­tür­lich nicht. Gut. Ja, das scheint in Ord­nung zu sein.«

»Ein Glück, daß Ne­w­clif­fe reich ist«, sag­te Foo­te.

»Ein Glück, daß er mich – und Sie hat«, sag­te Lund­gren. »Wol­len mal se­hen, ob die Me­tho­den des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts mit die­sem mit­tel­al­ter­li­chen Wahn­sinn fer­tig wer­den.«

Ne­w­clif­fe hing auf, und Lund­gren leg­te so­fort das Te­le­fon in Be­schlag.

»So­bald der Stall­knecht aus dem Dorf zu­rück ist«, sag­te Ne­w­clif­fe, »ge­he ich ‘raus und le­ge Fal­len. Viel­leicht kann Jan ver­bor­ge­nes Me­tall ent­de­cken – es gibt Hun­de, die es bei feuch­tem Wet­ter wit­tern kön­nen –, aber man muß es ver­su­chen.«

»Was könn­te ihn denn dar­an hin­dern, ein­fach weg­zu­ge­hen?« frag­te Do­ris hoff­nungs­voll. Ih­re von Er­schöp­fung und Furcht um­schat­te­ten Au­gen rühr­ten Foo­te. Nichts er­in­ner­te mehr an das fröh­li­che jun­ge Mäd­chen im Ski­an­zug, das erst vor so kur­z­er Zeit hier auf­ge­kreuzt war.

»Ich fürch­te – Sie!« sag­te er sanft. »So wie ich es ver­ste­he, glaubt er, daß er durch das Pen­ta­gramm ge­bun­den ist.« Vom Te­le­fon her, wo er an­schei­nend mit je­dem Ohr auf ein an­de­res Ge­spräch lausch­te, nick­te Lund­gren ener­gisch her­über. »In den al­ten Bü­chern ist das Zei­chen als si­che­re Fal­le für Dä­mo­nen und ähn­li­ches be­schrie­ben, wenn man sie hin­ein­lo­cken oder –zau­bern kann. Und wenn der Wer­wolf ein­mal die ihm be­stimm­te Part­ne­rin er­kannt hat, fühlt er sich ge­zwun­gen, so lan­ge zu blei­ben, bis die Ver­bin­dung voll­zo­gen ist.«

»Macht Ih­nen das nicht Angst vor mir?« frag­te Do­ris mit zit­tern­der Stim­me.

Er be­rühr­te ih­re Hand. »Sei­en Sie nicht al­bern. Schließ­lich muß man ja nicht al­les glau­ben, was die Le­gen­de be­rich­tet, bloß weil ein Teil der Wahr­heit ent­spricht. Das Pen­ta­gramm müs­sen wir ak­zep­tie­ren; aber ich per­sön­lich möch­te kein Ur­teil fäl­len, was die He­xe­rei be­trifft.«

Lund­gren sag­te »Ent­schul­di­gung!« und leg­te ei­ne Hand über die Sprech­mu­schel. »Dau­ert nur sie­ben Ta­ge«, sag­te er.

»Der Zwang? Dann müs­sen wir ihn vor­her er­wi­schen.«

»Viel­leicht könn­ten wir trotz­dem heu­te nacht schla­fen«, sag­te Do­ris zwei­felnd.

»Von Schlaf kann kei­ne Re­de sein, bis wir ihn ha­ben«, ver­kün­de­te Ne­w­clif­fe. »Ich könn­te den Kerl in flüs­si­gem Blei sie­den, weil er Bru­cey um­ge­bracht hat.«

»Bru­cey«, schnaub­te Pal­mer. »Kön­nen Sie denn an nichts als Ih­re ver­damm­ten Kö­ter den­ken, wenn un­ser al­ler Le­ben in Ge­fahr ist?« Ne­w­clif­fe dreh­te ihm den Rücken zu, aber Ben­ning­ton er­griff sei­nen Arm.

»Jetzt ist’s ge­nug«, sag­te der Ame­ri­ka­ner ru­hig. »Und das gilt für Sie bei­de. In un­se­rer La­ge kön­nen wir nicht Streit an­fan­gen. Ich weiß, daß Sie mit den Ner­ven am En­de sind. Uns al­len geht es so. Aber ein Streit wür­de es Jan nur leich­ter ma­chen.«

»Bra­vo«, sag­te Lund­gren. Er leg­te den Hö­rer auf und ge­sell­te sich den an­de­ren zu. »Es war nicht schwie­rig, den ehr­wür­di­gen Va­ter für die Idee zu ge­win­nen«, sag­te er. »Er war ver­blüfft, aber er wies es nicht von sich. Lei­der hat er nur ge­nug Kru­zi­fi­xe für die Fens­ter im Erd­ge­schoß, je­den­falls sil­ber­ne. Er sagt, gol­de­ne sei­en viel be­lieb­ter. Ach, üb­ri­gens, er möch­te ein Bild von Jan, falls er im Dorf auf­tau­chen soll­te.«

»Es gibt kei­ne Fo­tos von Jar­mos­kow­ski«, sag­te Ne­w­clif­fe ent­schie­den. »Er hat nie ge­stat­tet, daß man ihn fo­to­gra­fiert. Das hat sei­nem Kon­zert­ma­na­ger ganz schö­nes Kopf­zer­bre­chen be­rei­tet.«

»Das ist selbst­ver­ständ­lich«, sag­te Lund­gren. »Da sei­ne Zell­ra­dio­ge­ne stän­dig sti­mu­liert sind, wür­de je­de Auf­nah­me über­be­lich­tet sein – wahr­schein­lich wä­re gar nichts zu se­hen. Und das wie­der­um wür­de Jan ent­lar­ven.«

»Das ist zwar scha­de, aber kei­ne Ka­ta­stro­phe«, sag­te Foo­te. Er war froh, sich nütz­lich ma­chen zu kön­nen. Aus Ca­ro­li­nes Schreib­se­kre­tär nahm er einen Brief­bo­gen und einen Blei­stift her­aus. In­ner­halb von zehn Mi­nu­ten hat­te er den Kopf von Jar­mos­kow­ski im Drei-Vier­tel-Pro­fil ge­zeich­net, so wie er ihn an dem schon so lan­ge zu­rück­zu­lie­gen schei­nen­den Abend am Flü­gel ge­se­hen hat­te. Lund­gren be­trach­te­te die Zeich­nung.

»Haar­ge­nau ge­trof­fen«, sag­te er. »Tom kann das mit ei­nem Bo­ten ins Dorf schi­cken. Sie kön­nen sehr gut zeich­nen, Paul.«

Ben­ning­ton lach­te. »Da­mit sa­gen Sie ihm nichts Neu­es«, sag­te er. Trotz­dem, dach­te Paul, war der Kri­ti­ker nicht mehr so feind­se­lig wie sonst.

»Und was nun?« frag­te Ja­mes.

»Wir war­ten«, sag­te Ne­w­clif­fe. »Pal­mers Ge­wehr ist durch die ei­ne hand­ge­gos­se­ne Ku­gel rui­niert, und Foo­tes sieht nicht bes­ser aus. Wir kön­nen es uns nicht leis­ten, daß un­se­re Waf­fen un­brauch­bar sind. Wie ich Con­so­li­da­ted ken­ne, sind die ma­schi­nen­ge­gos­se­nen Ku­geln mor­gen hier, und dann be­steht Hoff­nung, daß wir ihn er­wi­schen. Im Mo­ment kön­nen wir uns nur ru­hig ver­hal­ten und hof­fen, daß un­se­re Ver­tei­di­gungs­mit­tel wirk­sam sind. Er hat be­wie­sen, daß er uns im of­fe­nen Ge­län­de über­le­gen ist.«

Die an­de­ren blick­ten sich be­sorgt an. All­mäh­lich be­grif­fen sie, was es hieß, tags­über hilf­los und un­tä­tig zu war­ten und ver­wun­sche­ne Näch­te durch­zu­ste­hen. Aber dem ein­mü­ti­gen Be­schluß der bei­den Meis­ter­jä­ger – Ne­w­clif­fe und Lund­gren – muß­ten sie sich beu­gen.

Die Kon­fe­renz en­de­te in Schwei­gen.

Als Foo­te mit ei­nem der Bü­cher, die Lund­gren ihm ge­lie­hen hat­te, in das klei­ne Ar­beits­zim­mer kam, war er über­rascht und et­was ent­täuscht, Ca­ro­li­ne und Do­ris dort zu fin­den. Do­ris saß auf ei­nem Hocker dicht am Ka­min­git­ter, das Feu­er wärm­te ihr Ge­sicht, und ei­ne Flut rot­gol­de­nen Haa­res floß über ih­ren Rücken. Ca­ro­li­ne, die dicht hin­ter ihr saß, bürs­te­te es mit gleich­mä­ßi­gen Stri­chen.

»O Par­don«, sag­te er. »Ich wuß­te nicht, daß Sie hier sind. Ich woll­te ein biß­chen le­sen, und die­ser Raum schi­en mir da­zu sehr ge­eig­net.«

»Aber na­tür­lich, Paul«, sag­te Ca­ro­li­ne. »Las­sen Sie sich durch uns nicht stö­ren. Wir ka­men we­gen des Ka­min­feu­ers her.«

»Ja, wenn Sie be­stimmt nichts da­ge­gen ha­ben …«

»Nicht das ge­rings­te«, sag­te Do­ris. »Wenn un­se­re Un­ter­hal­tung Sie nicht be­läs­tigt.«

»Nein, nein.« Er ging zum Schreib­tisch, wo die lang­hal­si­ge Lam­pe stand, knips­te sie an und leg­te das Buch in den Licht­kreis. Ca­ro­li­nes Arm voll­führ­te wie­der rhyth­mi­sche, mo­no­to­ne Be­we­gun­gen über Do­ris’ ge­beug­tem Kopf. Die bei­den bo­ten ein in­ter­essan­tes Bild: Ca­ro­li­ne war nicht mehr die lang­ge­sich­ti­ge Hund- und Pferd-Eng­län­de­rin im Rei­t­an­zug, son­dern das ge­naue Ge­gen­teil da­von, hoch­ge­wach­sen, zart­häu­tig und fä­hig, ein großes Abend­kleid be­zau­bernd na­tür­lich zu tra­gen; und doch war sie stets ein­deu­tig die Frau des­sel­ben Man­nes. Do­ris hin­ge­gen war von dem fi­de­len jun­gen Mäd­chen zu ei­ner vor­zei­tig in sich zu­rück­ge­zo­ge­nen Jung­frau ge­wor­den, die am Seeu­fer war­tet; ih­re Ju­gend wur­de durch die müt­ter­li­che Ge­stalt, die ihr übers Haar strich, nicht so sehr be­tont als ver­geis­tigt.

Aber die­ses ei­nemal hat­te er et­was zu tun, das ihm wich­ti­ger vor­kam als die Skiz­ze zu ei­ner Stu­die. Er wand­te ih­nen den Rücken zu, setz­te sich hin und schlug das Ka­pi­tel auf, das Lund­gren er­wähnt hat­te. Er hät­te es lie­ber mit Lund­gren durch­ge­spro­chen, aber der Psych­ia­ter, so gut er sich auch ge­hal­ten hat­te, fühl­te sein Al­ter und hat­te sich zu Bett ge­legt.

Das Buch las sich nicht leicht. Es han­del­te sich um einen Über­blick über sel­te­ne Psy­cho­sen in rus­ti­ka­len Be­völ­ke­rungs­schich­ten.

Der Ver­fas­ser war ein Ame­ri­ka­ner, der ei­ne un­er­träg­li­che gön­ner­haf­te Ein­stel­lung zu den von ihm dis­ku­tier­ten The­men hat­te, und dar­über hin­aus da­durch be­hin­dert war, daß ihm jeg­li­che ru­di­men­tä­re Ver­traut­heit mit der eng­li­schen Spra­che ab­ging. Foo­te heg­te den Ver­dacht, daß sich frü­her oder spä­ter je­mand wie Lund­gren der gan­zen Sa­che von vorn an­neh­men muß­te.

Hin­ter ihm ver­schmolz das Mur­meln der Frau­en­stim­men mit dem Knis­tern der Flam­men. Es war ein war­mes, me­lo­di­sches Ge­räusch und so ein­schlä­fernd, daß Foo­te sich am En­de prak­tisch ei­nes je­den der schlecht auf­ge­bau­ten Ab­schnit­te da­bei er­tapp­te, wie er ein­nick­te. So war er ge­zwun­gen, fast je­den zwei­ten Satz noch ein­mal zu le­sen.

»Ich glau­be, daß Sie Tom zu Ih­rem er­ge­be­nen Skla­ven ge­macht ha­ben«, sag­te Ca­ro­li­ne. Die Bürs­te fuhr knis­ternd durch das Haar des Mäd­chens. »Er haßt Frau­en, die im­mer schwat­zen müs­sen. Das ist Pech für ihn, denn er mag Künst­ler al­ler Sor­ten, und so vie­le da­von sind Frau­en.«

 

… UND IN­NER­HALB WE­NI­GER Jah­re konn­te ich ei­ner er­staun­ten Welt be­wei­sen, daß zwi­schen ge­heim­kräf­ti­ger Ma­gie und den sym­pa­the­ti­ko­mi­me­ti­schen Ri­tua­len der Kind­heit ei­ne deut­li­che Be­zie­hung be­steht, die di­rekt in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den kann mit den un­wis­sen­den Phan­tas­te­rei­en bal­ka­ni­schen Aber­glau­bens, von dem ich so­eben ei­ne so gra­fi­sche Se­rie von Bei­spie­len ge­ge­ben ha­be. Kurz da­nach konn­te ich mit Hil­fe der Dok­to­ren Egk und Ber­gen­wei­ser de­mons­trie­ren …

 

»Und vie­le von ih­nen sind lei­der Pia­nis­tin­nen«, sag­te Do­ris. »Manch­mal wünsch­te ich, daß ich Har­fe oder Fa­gott spie­len wür­de.«

»Wis­sen Sie, manch­mal wünsch­te ich, ich wä­re kei­ne Frau. Es gibt wirk­lich viel Kon­kur­renz auf der Welt. Ihr Haar ist wun­der­schön. Der wei­ße Strei­fen ist so sehr Mo­de ge­wor­den, daß es ein Ver­gnü­gen ist, mal einen ech­ten zu sehen.«

»Dan­ke, Ca­ro­li­ne. Sie ha­ben mir sehr ge­hol­fen. Es geht mir schon viel bes­ser.«

»Ich ha­be noch nie ei­ne Frau ge­trof­fen«, sag­te Ca­ro­li­ne, »die sich nicht so­fort bes­ser fühl­te, wenn sie an­stän­dig fri­siert war. Be­drückt Sie die­se Sa­che wirk­lich so sehr?«

 

um klarzu­ma­chen, daß die­se to­tal falsche Auf­fas­sung der rea­len Welt kei­ne REA­LEN Kon­se­quen­zen ha­ben kann, au­ßer im Geist der Un­wis­sen­den. Um die Be­rich­te der sich ge­täuscht ha­ben­den Be­ob­ach­ter zu er­klä­ren, müs­sen wir vor al­lem an­neh­men …

 

»Wie könn­te es an­ders sein? Noch vor ein paar Ta­gen hät­te ich nicht einen Ge­dan­ken dar­an ver­schwen­det, aber wir sind doch wirk­lich auf die Jagd nach Jan ge­gan­gen, und es scheint doch tat­säch­lich kei­nen Zwei­fel mehr zu ge­ben. Es ist so furcht­ein­flö­ßend.«

»Na­tür­lich ist es das«, sag­te Ca­ro­li­ne. »Trotz­dem wür­de ich dar­über kei­nen Schlaf ver­lie­ren. Ich er­in­ne­re mich, wie Bru­cey ei­ne Ko­lik hat­te, als er fünf Wo­chen alt war. Zu der Zeit wur­de Lon­don von die­sen flie­gen­den Din­gern zer­bombt. Tom reg­te sich gräß­lich auf, und wir hat­ten das Haus vol­ler Flücht­lin­ge, was al­les noch kom­pli­zier­te. Und Jan ist wirk­lich ein net­ter Kerl, er hat viel für die Be­we­gung zur Fö­de­ra­ti­on der Welt ge­tan, war ei­ner der bes­ten Red­ner, den wir je hat­ten. Ich kann mir nicht vor­stel­len, daß er je­man­dem weh tun könn­te. Ich weiß, was Tom ma­chen wür­de, wenn er fest­stel­len müß­te, daß er sich in einen Wolf ver­wan­deln kann. Er wür­de sich selbst den Be­hör­den stel­len. Er ist wirk­lich ein erns­ter Mensch und ver­bringt je­des Wo­chen­en­de mit all die­sen Künst­lern, bis man sich fra­gen muß, ob es über­haupt noch einen nor­ma­len Men­schen auf der Welt gibt. Aber Jan hat Sinn für Hu­mor. Mor­gen ist er wie­der da und lacht uns aus.«

Foo­te blät­ter­te ei­ne Sei­te um, aber er gab nur noch vor, zu le­sen.

»Chris nimmt es sehr ernst«, sag­te Do­ris.

»Na­tür­lich, er ist ja Fach­mann. So, das wä­re ge­schafft. Und da ist Paul und liest sich die Au­gen aus dem Kopf. Ich hat­te Sie ganz ver­ges­sen. Ha­ben Sie et­was ge­fun­den?«

»Nicht viel«, sag­te Foo­te und wand­te sich um. »Ich brau­che Chris, da­mit er mir al­les er­klärt. Ich ha­be zu we­nig Übung dar­in, aus der­ar­ti­gen Ar­bei­ten das We­sent­li­che her­aus­zu­zie­hen. Mor­gen ma­che ich mich mit ihm zu­sam­men noch mal dar­an.«

Ca­ro­li­ne seufz­te. »Män­ner sind so hart­nä­ckig. Ist es nicht wun­der­voll, wie wich­tig Chris für uns ge­wor­den ist? Ich hät­te nicht im Traum dar­an ge­dacht, daß er mal der Held un­se­rer Par­ty wird.«

Do­ris stand auf. »Wenn Sie mit mir fer­tig sind, Ca­ro­li­ne – ich bin sehr mü­de. Gu­te Nacht, und vie­len Dank. Gu­te Nacht, Paul.«

»Gu­te Nacht«, sag­te Foo­te.

»Fer­tig«, sag­te Ca­ro­li­ne. »Gu­te Nacht, mei­ne Lie­be.«

 

Wie­der war es tie­fe Nacht. Der Schnee­sturm war vor­bei, über­all gab es neue Ver­we­hun­gen, und der Mond wur­de lang­sam sicht­bar. Ein star­ker Wind, der die Dach­rin­ne ent­lang­pfiff, an den Fens­tern rüt­tel­te und Äs­te knar­ren ließ, trieb die Wol­ken über das Haus hin­weg der Nord­see zu.

Die Ge­räusche brach­ten Un­ru­he in die At­mo­sphä­re des Hau­ses, die we­gen der ge­schlos­se­nen Fens­ter heiß und sti­ckig war und nach Knob­lauch stank. Es war schwie­rig, aus ih­nen an­de­re, we­ni­ger will­kom­me­ne Lau­te her­aus­zu­hö­ren. In dem lee­ren Zim­mer ne­ben Foo­te ver­ur­sach­ten sie ein Kom­men und Ge­hen von dün­nen Geis­tern, und die ge­duck­te Er­war­tung ei­nes auf­ge­deck­ten Bet­tes, das ei­nes merk­wür­dig de­for­mier­ten Gas­tes harr­te – ei­nes Gas­tes, der sich trotz des sil­ber­nen Kru­zi­fi­xes auf dem Kopf­kis­sen hin­ein­le­gen wür­de.

In Foo­tes Ge­hirn war die Schran­ke zwi­schen dem Rea­len und dem Ir­rea­len ge­fal­len, und er konn­te nicht län­ger zwi­schen dem Kom­men und Ge­hen von Wol­ken­schat­ten und den dunklen We­gen der Geis­ter un­ter­schei­den. Er hat­te das ver­schlei­er­te Grenz­land be­tre­ten, wo al­les un­wirk­lich ist.

Nach ei­ner Wei­le fühl­te er sich in der sta­gnie­ren­den Luft schwe­ben, be­reit, beim lei­ses­ten An­stoß durch das gan­ze Zim­mer bis zur Tür­schwel­le zu trei­ben. Über ihm schlie­fen an­de­re un­ru­hig oder stöhn­ten und fuh­ren hoch, daß die Fe­dern quietsch­ten. Ir­gend et­was si­cker­te durch die Dun­kel­heit auf sie zu, ge­folgt vom Wind, der die Tü­ren zähl­te.

Eins.

Zwei.

Drei. Schon nä­her.

Vier. Der vier­te Schlä­fer stram­pel­te ein biß­chen. Foo­te konn­te über sich ein lei­ses Knar­ren der Fuß­bo­den­plan­ken hö­ren.

Fünf.

Sechs. Wer war Num­mer sechs. Wer ist der nächs­te? Wer?

Sie­ben …

O mein Gott, ich bin der nächs­te, ich bin der nächs­te …

Er roll­te sich zit­ternd zu­sam­men. Der Wind erstarb, und ei­ne über­wäl­ti­gen­de, un­ru­hi­ge Stil­le er­füll­te den Raum. Nach lan­gen Mi­nu­ten streck­te er sich wie­der aus und ver­fluch­te sich selbst. Al­ler­dings nicht laut, denn er hat­te Angst da­vor, sei­ne ei­ge­ne Stim­me zu hö­ren. Hör schon auf da­mit, Foo­te, du elen­der Narr. Du be­nimmst dich wie ein Kind, das sich vor dem schwar­zen Mann ver­steckt. Du bist ab­so­lut si­cher. Lund­gren hat es ge­sagt.

Ma­ma hat es ge­sagt.

Wo­her weiß Lund­gren das?

Er ist ein Fach­mann. Er hat einen Ar­ti­kel ge­schrie­ben. Los, sei wie­der ein Kind. Er­in­nerst du dich an dei­nen kind­li­chen Glau­ben an das ge­druck­te Wort? Al­so, dann. Jetzt schlaf ein, ver­stehst du?

Da geht das ver­damm­te Zäh­len wie­der los.

Doch nach ei­ner Wei­le schlief er ein, aber nicht für lan­ge, und im Traum fiel er durch sol­che Ab­grün­de, daß er im Kampf mit der De­cke er­wach­te und nach der ver­brauch­ten, knob­lauch­stin­ken­den Luft schnapp­te. In sei­nem Mund war ein fau­li­ger Ge­schmack, und sein Herz schlug dumpf. Er warf die De­cke ab, setz­te sich auf, zün­de­te mit zit­tern­der Hand ei­ne Zi­ga­ret­te an und ver­such­te, die Schat­ten, die die Streich­holz­flam­me warf, nicht zu se­hen.

Er war­te­te nicht län­ger auf das En­de der Nacht. Er hat­te ver­ges­sen, daß es je Ta­ges­licht ge­ge­ben hat­te. Er war­te­te nur auf das lei­se, un­ab­wend­ba­re Schnüf­feln, das ihm die An­kunft sei­nes Be­su­ches an­zei­gen wür­de. Aber als er aus dem Fens­ter blick­te, sah er den hel­len Strei­fen des ers­ten Mor­gen­lichts über dem Wald. Nach­dem er ei­ne Wei­le un­gläu­big hin­über­ge­starrt hat­te, drück­te er die Zi­ga­ret­te am Fuß des Leuch­ters aus – den er stän­dig mit sich her­um­schlepp­te, als ob er an ihm an­ge­wach­sen sei – und ließ sich in die Kis­sen fal­len. Er schlief so­fort fest ein.

Als er wie­der er­wach­te, hör­te er Ben­ning­tons Stim­me. »Ste­hen Sie auf, Mann«, sag­te der Kri­ti­ker. »Nein, Sie brau­chen nicht nach dem Leuch­ter zu grei­fen, bis jetzt ist al­les in Ord­nung.«

Foo­te grins­te und an­gel­te nach sei­nen Ho­sen. »Welch Ver­gnü­gen, einen so freund­li­chen Aus­druck in Ih­rem Ge­sicht zu se­hen, Ben­ning­ton«, sag­te er.

Ben­ning­ton war et­was ver­le­gen. »Ich ha­be Sie falsch be­ur­teilt«, sag­te er. »Wahr­schein­lich muß es erst zu ei­ner Kri­se kom­men, da­mit mein schwer­fäl­li­ges Ge­hirn be­greift, wel­che Ei­gen­schaf­ten ein Mensch hat. Sie ha­ben doch nichts da­ge­gen, wenn ich trotz­dem Ih­re neues­ten Ab­strak­tio­nen wei­ter­hin ab­leh­ne?«

»Das ist doch Ihr Be­ruf, ein Mies­ma­cher zu sein«, sag­te Foo­te fröh­lich. »Al­so, was ist los?«

»Ne­w­clif­fe ist schon sehr früh hin­aus­ge­gan­gen und hat die Fal­len in­spi­ziert. In ei­ner war ein präch­ti­ger Ha­se – heu­te gibt’s Ha­sen­pfef­fer, wird Ih­nen be­stimmt schme­cken –, die an­de­re war leer, aber an dem Me­tall und auf dem Schnee fan­den wir Blut­spu­ren. Lund­gren schläft noch, und wir ha­ben al­les für ihn auf­ge­ho­ben, was wir vom Me­tall ab­schab­ten. Trotz­dem dürf­te die Sa­che jetzt schon klar sein; es han­delt sich um ein Fetz­chen Fleisch mit gro­bem schwar­zem Haar.«

Ja­mes steck­te sei­nen Kopf ins Zim­mer und kam dann her­ein. »Ich hof­fe, das macht ihn zum Krüp­pel«, sag­te er und fin­ger­te ge­schickt ei­ne Zi­ga­ret­te aus Foo­tes Hem­den­ta­sche. »Ich bit­te um Ver­zei­hung. Au­ßer dem But­ler ist das gan­ze Per­so­nal ge­türmt, und nie­mand will uns Zi­ga­ret­ten aus dem Dorf brin­gen.«

»Mei­ne Gü­te«, sag­te Foo­te, »was sind Sie doch für ein mun­te­res Paar! Hüb­scher Son­nen­auf­gang, nicht?«

»Ja.«

In der Kü­che ge­sell­te sich Eh­ren­berg zu ih­nen, des­sen sonst so fri­sches Ge­sicht blaß und über­mü­det wirk­te.

»Einen be­son­ders schö­nen gu­ten Mor­gen, Her­mann. Wie se­hen Sie denn aus? Und wie wün­schen Sie das Früh­stück­sei zu­be­rei­tet?«

»Ver­dammt, wie kön­nen Sie nur so fi­del sein? Sie müs­sen sel­ber teil­wei­se ein bö­ser Geist sein.«

»Und Sie ein En­gel, denn kein mensch­li­ches We­sen kann so lan­ge töd­lich ernst sein – nicht mal am Fuß des Scha­fotts.«

»Ben­ning­ton, wenn Sie mein Früh­stück an­bren­nen las­sen, schmei­ße ich Sie oh­ne einen Pfen­nig Weg­zeh­rung ‘raus. – Hal­lo, Do­ris. Kön­nen Sie ko­chen?«

»Ich wer­de Kaf­fee ko­chen.« Wäh­rend sie noch sprach, tauch­te Ne­w­clif­fe auf, die Pfei­fe zwi­schen den Zäh­nen. »Wie steht’s mit Ih­nen, Tom?«

»Zu gü­tig«, sag­te Ne­w­clif­fe. »Schau­en Sie mal, wo­für hal­ten Sie das?« Er hol­te ein Knäu­el Öl­pa­pier aus sei­ner Ja­ck­en­ta­sche und öff­ne­te es vor­sich­tig. Auf dem Pa­pier la­gen ein paar blu­ti­ge Fet­zen. Do­ris würg­te und wand­te sich ab.

»Die hab’ ich heu­te früh aus der Fal­le ge­holt – Sie wa­ren da­bei, Ben­ning­ton –, und da war Haar dran. Und jetzt se­hen Sie mal ge­nau hin.«

Foo­te piek­te mit sei­nem Blei­stift in den Fet­zen her­um. »Mensch­lich«, sag­te er.

»Das den­ke ich auch.«

»War das nicht zu er­war­ten? Es war zwar schon hell, als Sie die Fal­le öff­ne­ten, aber die Son­ne war noch nicht auf­ge­gan­gen. Bei Ta­ges­licht nimmt ein Wer­wolf Men­schen­ge­stalt an – das hier ver­wan­del­te sich nur ein paar Mi­nu­ten, nach­dem Sie es ein­ge­wi­ckelt hat­ten. Was das Haar be­trifft – das hier sieht aus wie ein blut­be­fleck­tes Stück aus Jar­mos­kow­skis Hemd­man­schet­te.«

»Ja, wir ha­ben ihm was ab­ge­zwickt«, stimm­te Ben­ning­ton zu.

»Üb­ri­gens«, sag­te Ne­w­clif­fe, »wir ha­ben be­reits den ers­ten De­ser­teur. Pal­mer ist heu­te früh ab­ge­reist.«

»Kein großer Ver­lust«, sag­te Ja­mes. »Aber ich kann es ihm nach­füh­len. Wenn al­les vor­bei ist, wer­de ich mich einen Mo­nat in Brighton er­ho­len, und wenn die Welt zu­sam­men­stürzt!«

»Was? Jetzt im Win­ter?«

»Ist mir egal. Ich wer­de mir an­schau­en, wie sich Eb­be und Flut im WC ab­wech­seln.«

»Wenn Sie dann über­haupt noch le­ben«, sag­te Eh­ren­berg düs­ter.

»Her­mann, Sie sind ein Spaß­ver­der­ber und den­ken nur an den Welt­un­ter­gang.«

Von drau­ßen drang ein Ge­räusch her­ein. Es klang wie der größ­te Tee­kes­sel der Welt. Et­was flitz­te oben am Him­mel vor­bei, dreh­te sich um und flitz­te zu­rück. Foo­te trat ans Fens­ter.

»Schau­en Sie sich das an«, sag­te er und be­schat­te­te die Au­gen mit ei­ner Hand. »Ei­ne Avro-Dü­sen­ma­schi­ne – und der Pi­lot will hier lan­den. Der muß to­tal ver­rückt sein.«

Das Flug­zeug kreis­te mit ab­ge­stell­ten Mo­to­ren. Es ver­lor an Hö­he, setz­te auf dem Golf­platz auf und roll­te mit atem­be­rau­ben­der Ge­schwin­dig­keit di­rekt auf den Wald­rand zu. In letz­ter Se­kun­de fing der Pi­lot es sou­ve­rän ab, und der Schnee stäub­te in Fon­tä­nen hoch.

»Bei al­len Göt­tern, ich wet­te, das sind Ne­w­clif­fes Ku­geln!«

Sie rann­ten durch die Die­le auf die Ter­ras­se hin­aus. Ne­w­clif­fe stapf­te oh­ne Man­tel und Kopf­be­de­ckung auf das Flug­zeug zu. Ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter kam er mit dem Pi­lo­ten an­ge­keucht. Sie tru­gen ei­ne klei­ne Holz­kis­te. Dann gin­gen sie zur Ma­schi­ne zu­rück und brach­ten ei­ne grö­ße­re Kis­te, die of­fen­sicht­lich nicht so schwer war.

Ne­w­clif­fe spreng­te den De­ckel der ers­ten Kis­te ab. Dann seufz­te er tief auf. »Da sind sie – glän­zen­de Mes­sing­pa­tro­nen und stump­fe Sil­ber­la­dun­gen, ge­nau ein­ge­schlif­fen. Ein An­blick, der je­den Künst­ler ent­zücken soll­te. Von wo sind Sie ge­st­ar­tet?«

»Croy­don«, sag­te der Pi­lot. »Wenn Sie ge­stat­ten, Mr. Ne­w­clif­fe, man sag­te mir, daß ich gleich kas­sie­ren soll. Das macht sechs­hun­dert Pfund für die Ge­weh­re, zwei­hun­dert­fünf­zig für die Mu­ni­ti­on und hun­dert­fünf­zig für mich. Al­les in al­lem tau­send Pfund.«

»Ein durch­aus an­nehm­ba­rer Preis. Ich schrei­be Ih­nen gleich einen Scheck aus.«

Foo­te pfiff durch die Zäh­ne. Ganz of­fen­sicht­lich – nicht, daß er je dar­an ge­zwei­felt hat­te – ver­dien­te Tom Ne­w­clif­fe sei­nen Le­bens­un­ter­halt nicht mit Ma­len.

Der Pi­lot nahm den Scheck, und kurz dar­auf be­gann der Rie­sen­tee­kes­sel wie­der zu pfei­fen. Aus der großen Kis­te nahm Ne­w­clif­fe fun­kel­na­gel­neue Ge­weh­re her­aus, selt­sa­me un­hand­li­che Din­ger mit Mün­dungs­sper­re und un­ver­hält­nis­mä­ßig lan­gen Schäf­ten.

»Jetzt kann er kom­men«, sag­te er grim­mig. »Mit der Mu­ni­ti­on brau­chen wir nicht zu spa­ren, wir ha­ben ei­ne gan­ze Kis­te voll. So­bald er auf­taucht, schie­ßen Sie un­auf­hör­lich, als ob Sie einen Gar­ten­schlauch in der Hand ha­ben. Es sind Schnell­feu­er-Ge­weh­re. Wenn Sie ihn ir­gend­wo voll tref­fen, und sei es nur an der Hand, wird der Schock ihn tö­ten. Wenn Sie sei­nen Leib tref­fen, wird ei­ne so große Flä­che zer­fetzt, daß er sich nicht mehr ver­wan­deln kann.«

»Je­mand soll­te Chris auf­we­cken, da­mit auch er im Ge­brauch un­ter­wie­sen wer­den kann. Do­ris, sei­en Sie nett und klop­fen Sie an sei­ne Tür.«

Do­ris nick­te und ging die Trep­pe hin­auf.

»Die­ser He­bel hier ist der Un­ter­bre­cher. Wenn Sie ihn so ein­stel­len, feu­ert das Ge­wehr einen Schuß ab und lädt sich dann au­to­ma­tisch, ge­nau wie ein Ga­rand-Ge­wehr. Wenn Sie ihn so ein­stel­len, muß man selbst la­den. Die­se Ein­stel­lung ist für Dau­er­feu­er, dann wird je­de Pa­tro­ne aus dem Ma­ga­zin mit ho­her Ge­schwin­dig­keit aus­ge­wor­fen.«

»Don­ner­wet­ter«, sag­te Ja­mes be­wun­dernd. »Da­mit könn­ten wir uns ei­ne gan­ze Ar­mee vom Hals hal­ten.«

»Mo­ment mal – zwei schei­nen zu feh­len.«

»Das ist al­les, was Sie aus­ge­packt ha­ben«, sag­te Foo­te.

»Ja, aber ich selbst hat­te zwei äl­te­re Mo­del­le. Ich ha­be sie nie ge­braucht, denn es schi­en mir nicht sport­lich, mit ei­ner sol­chen Ka­no­ne auf die Jagd zu ge­hen. Aber ges­tern abend ha­be ich sie aus dem Schrank ge­nom­men.«

»Oh«, sag­te Ben­ning­ton wie in plötz­li­cher Er­leuch­tung. »Ich dach­te mir schon, daß mein Schieß­prü­gel ein biß­chen ko­misch aus­sah. Ich hab’ letz­te Nacht da­mit ge­schla­fen. Lund­gren hat das zwei­te.«

»Wo ist Lund­gren? Do­ris müß­te ihn längst auf­ge­weckt ha­ben. Se­hen Sie doch mal nach, Ben­ning­ton, und brin­gen Sie mir das Ge­wehr mit.«

»Ist der Rück­stoß nicht sehr stark?« frag­te Foo­te.

»Nicht so sehr, des­halb ist ja die Mün­dungs­sper­re da. Aber es ist doch Vor­sicht ge­bo­ten, wenn Sie auf Dau­er­feu­er ein­stel­len. Am bes­ten schießt man aus der Hüf­te her­aus, nicht von der Schul­ter – was ist das?«

»Ben­ning­tons Stim­me«, sag­te Foo­te, und sei­ne Kie­fer­mus­keln schie­nen plötz­lich ge­lähmt zu sein. »Do­ris ist et­was zu­ge­sto­ßen.« Al­le ras­ten die Trep­pe hin­auf.

Vor Lund­grens of­fe­ner Tür lag Do­ris zu Ben­ning­tons Fü­ßen. Sie war un­ver­letzt und nur ohn­mäch­tig. Der Kri­ti­ker war ge­ra­de da­bei, sich hef­tig zu über­ge­ben.

Auf Lund­grens Bett lag et­was.

Die Keh­le war zer­fleischt, und das Ge­sicht und al­le Weich­tei­le fehl­ten. An ei­ner Stel­le war das rech­te Bein bis auf den Kno­chen durch­ge­nagt, der im Son­nen­licht weiß und wie po­liert glänz­te.

Foo­te stand im grel­len Licht der Lam­pen ne­ben dem Flü­gel. Er hob die T–47 und be­trach­te­te die an­de­ren, die ängst­lich vor ihm stan­den.

»Nein«, sag­te er, »so nicht. Ich will nicht, daß Sie dicht zu­sam­men­ge­drängt ste­hen. Stel­len Sie sich in ei­ner Li­nie an der Wand da drü­ben auf, so daß ich je­den ein­zel­nen se­hen kann.«

Er grins­te kurz. »Ich hab’ Sie wohl über­rascht wie? Kei­ner hat sein Ge­wehr zur Hand. Na­tür­lich steht ein schwe­rer Leuch­ter hin­ter Ih­nen, Tom – aha, dach­te ich’s mir doch, daß Sie da­nach schiel­ten –, aber ich weiß aus Er­fah­rung, daß er für ein Wurf­ge­schoß zu schwer ist. Au­ßer­dem hab’ ich Sie schnel­ler er­schos­sen, als Sie mich er­schla­gen könn­ten.« Sei­ne Stim­me wur­de bös­ar­tig. »Und das tue ich auch, wenn Sie mich da­zu zwin­gen. Ich ra­te da­her je­dem von Ih­nen – auch den Da­men – je­de plötz­li­che Be­we­gung zu ver­mei­den.«

»Was soll das hei­ßen, Paul?« frag­te Ben­ning­ton är­ger­lich. »Als ob die Din­ge nicht schon schlimm ge­nug wä­ren …«

»Sie wer­den mich gleich ver­ste­hen. Stel­len Sie sich zu den an­de­ren, Ben­ning­ton. Schnell!«

Er be­weg­te das Ge­wehr un­miß­ver­ständ­lich. »Und den­ken Sie dar­an, was ich über plötz­li­che Be­we­gun­gen ge­sagt ha­be. Drau­ßen mag es zwar dun­kel sein, doch ha­be ich das Licht nicht zum Spaß ein­ge­schal­tet.«

Schwei­gend stell­ten die Leu­te sich an der Wand auf. In ih­ren Au­gen spie­gel­te sich der Ver­dacht, daß Foo­te wahn­sin­nig ge­wor­den sei – oder noch et­was Schlim­me­res.

»Gut. Jetzt kön­nen wir die Un­ter­hal­tung be­gin­nen. Sie müs­sen ver­ste­hen, daß ich nach dem, was Chris pas­siert ist, kein Ri­si­ko ein­ge­hen will. Zum Teil war es sei­ne Schuld, zum Teil mei­ne. Aber die Göt­ter ge­stat­ten nicht, daß man sich in ei­ner sol­chen Sa­che zwei­mal irrt. Er hat für sei­nen zwei­ten Irr­tum be­zahlt, und zwar einen Preis, den ich nicht zah­len möch­te, und den nie­mand hier zah­len soll, wenn ich es ver­hin­dern kann.«

»Wür­den Sie uns mit ei­ner Er­klä­rung beeh­ren, um was für einen Irr­tum es sich han­delt?« frag­te Ne­w­clif­fe ei­sig.

»Ja. Ich neh­me es Ih­nen nicht übel, daß Sie wü­tend auf mich sind, Tom, da ich Ihr Gast bin. Aber im Au­gen­blick muß ich Sie al­le gleich be­han­deln. Ich moch­te Lund­gren gern.«

Einen Mo­ment herrsch­te Schwei­gen, dann zog Ben­ning­ton leicht seuf­zend die Luft ein. »Al­le gleich?« flüs­ter­te er ver­stört. »Mein Gott, Paul! Sa­gen Sie uns, was Sie da­mit mei­nen!«

Al­le at­me­ten schwer. »Ich se­he, Sie wis­sen es be­reits, Ben­ning­ton. Ich mei­ne da­mit, daß Lund­gren nicht von Jar­mos­kow­ski ge­tö­tet wur­de. Je­mand an­ders hat ihn um­ge­bracht. Ein an­de­rer Wer­wolf – ja, wir ha­ben jetzt zwei. Und ei­ner be­fin­det sich hier in die­sem Zim­mer.«

»Über­rascht?« frag­te Foo­te kalt und deut­lich. »Aber es ist die Wahr­heit. Der Irr­tum, für den Chris so teu­er be­zahlt hat, ein Irr­tum, den auch ich be­gan­gen ha­be, ist der fol­gen­de: Nach dem Kampf mit Jan ha­ben wir ver­ges­sen, je­den ein­zel­nen auf Ver­let­zun­gen zu un­ter­su­chen. Da­mit ha­ben wir ei­nes der wich­tigs­ten Ge­set­ze der Ly­kan­thro­pie au­ßer acht ge­las­sen.

Ein Mensch, der den Biß ei­nes Wer­wolfs über­lebt, wird selbst zu ei­nem Wer­wolf. So wird die Krank­heit über­tra­gen. An­schei­nend ge­langt das Pi­nea­rin im Spei­chel des Wolfs in den Blut­kreis­lauf, sti­mu­liert die Zir­bel­drü­se des Op­fers und …«

»Es wur­de aber nie­mand ge­bis­sen, Paul«, sag­te Do­ris ver­däch­tig be­sänf­ti­gend.

»O doch, selbst wenn es nur ei­ne leich­te Ver­let­zung war. Nie­mand au­ßer Chris und mir konn­te über die Mög­lich­keit ei­ner In­fek­ti­on durch Biß­wun­den Be­scheid wis­sen. An­schei­nend be­kam je­mand ein paar Krat­zer ab, hielt sie nicht für er­wäh­nens­wert, pin­sel­te Jod dar­auf und ver­gaß das Gan­ze – bis es zu spät war.«

Die Li­nie der Men­schen be­weg­te sich sacht. Köp­fe dreh­ten sich ver­stoh­len, Bli­cke wan­der­ten nach rechts und nach links.

»Paul, das ist doch nur ei­ne Hy­po­the­se«, sag­te Eh­ren­berg. »Es be­steht kein Grund für die An­nah­me, daß es wirk­lich so ge­we­sen ist, nur weil es plau­si­bel klingt.«

»Es gibt einen Grund. Jar­mos­kow­ski kann nicht ins Haus ge­lan­gen.«

»Das ist nicht be­wie­sen«, sag­te Eh­ren­berg.

»Ich wer­de es be­wei­sen. So­bald sich der An­fall er­eig­net hat­te, war Chris lo­gi­scher­wei­se das ers­te Op­fer. Der Ex­per­te und so­mit der ge­fähr­lichs­te Feind. Ich wünsch­te, ich hät­te schon vor dem Mit­tages­sen dar­an ge­dacht. Dann hät­te ich be­ob­ach­ten kön­nen, wer von Ih­nen kei­nen Ap­pe­tit hat­te. Wie dem auch sei, wenn ich recht ha­be, dann ver­hin­dern Chris’ Schutz­maß­nah­men ge­gen Jar­mos­kow­skis Ein­drin­gen auch Ihr Ent­kom­men. Falls Sie sich ein­bil­den, daß Sie je­mals die­sen Raum ver­las­sen kön­nen, sind Sie im Irr­tum!«

Er knirsch­te mit den Zäh­nen und be­herrsch­te sich wie­der. »So«, sag­te er. »Da­mit wä­re ich am En­de an­ge­kom­men. Stre­cken Sie Ih­re Hän­de aus!«

Fast in der glei­chen Se­kun­de war ein ra­sen­der Wolf im Zim­mer.

Nur Foo­te, der die gan­ze Li­nie über­blick­te, konn­te wis­sen, wer es war. Sein müh­sam zu­sam­men­ge­kratz­ter Mut, der auf schie­rer Angst ba­sier­te, ver­ließ ihn, und nur ent­setz­tes Mit­leid blieb zu­rück. Er ließ das Ge­wehr fal­len und brach in krank­haf­tes Schluch­zen aus. Das Un­tier duck­te sich zum Sprung an sei­ne Keh­le.

Ne­w­clif­fes Hand zuck­te zu­rück und er­griff den Leuch­ter. Er sprang vor­wärts und ließ ihn ge­gen die Flan­ke des Wer­wolfs sau­sen. Mit schar­fen Split­tern bars­ten Rip­pen. Der Wolf wur­de her­um­ge­schleu­dert, sei­ne Schen­kel schlu­gen auf dem Fuß­bo­den auf. Wie­der schlug Ne­w­clif­fe zu. Das Tier stürz­te nie­der, auf­heu­lend wie ein Hund, der von ei­nem Au­to über­fah­ren wird, und sei­ne Fän­ge schnapp­ten ins Lee­re.

Drei­mal hob Ne­w­clif­fe den Leuch­ter hoch und ließ ihn auf den Kopf kra­chen. Dann schrie das Tier mit ei­ner fast ver­traut klin­gen­den Stim­me auf und ver­en­de­te.

Lang­sam tas­te­ten sich die Kör­per­zel­len in ih­re Aus­gangs­po­si­tio­nen zu­rück. Selbst das Fell be­weg­te sich, schob sich zu­sam­men, wur­de re­gel­mä­ßi­ger – wie Stoff.

Die schlei­chen­de Me­ta­mor­pho­se wur­de nie ab­ge­schlos­sen; doch das Ding mit den haa­ri­gen Schen­keln und dem zer­schmet­ter­ten Schä­del, das zu Ne­w­clif­fes Fü­ßen lag, war er­kenn­bar.

Einst war es Ca­ro­li­ne Ne­w­clif­fe ge­we­sen.

Trä­nen rann­ten an Foo­tes Hand­flä­chen ent­lang, quol­len dar­un­ter her­vor und fie­len auf den Tep­pich. Nach ei­ner Wei­le ließ er die Hän­de sin­ken. Ver­schwom­men sah er in dem gel­ben Licht ei­ne un­be­weg­li­che Grup­pe von Wachs­fi­gu­ren. Ben­ning­tons Ge­sicht war asch­grau vor Übel­keit, aber so un­be­wegt wie das ei­ner Sta­tue. Ja­mes hat­te sich ge­gen die Wand ge­lehnt; er be­trach­te­te den ab­nor­ma­len Leich­nam, als ob er auf ei­ne Be­we­gung war­te. Eh­ren­berg hat­te sich mit ge­ball­ten Fäus­ten ab­ge­wen­det.

Was Ne­w­clif­fe be­traf, so zeig­te er über­haupt kei­ne Ge­fühls­re­gung. Er blieb ste­hen, wo er war, den blut­ver­schmier­ten Ker­zen­leuch­ter in der Hand hal­tend.

Sein Blick war leer.

Dann ging Do­ris zu Ne­w­clif­fe und be­rühr­te mit­füh­lend sei­ne Schul­ter. Die­ser kör­per­li­che Kon­takt schi­en wie ein ge­öff­ne­tes Ven­til zu wir­ken. Er fiel sicht­bar in sich zu­sam­men, mit ge­beug­ten Schul­tern; sein gan­zer Kör­per schi­en zu ei­ner aus­ge­trock­ne­ten Hül­le zu­sam­men­zu­schrump­fen.

Der Leuch­ter fiel zu Bo­den, schwank­te wild auf dem So­ckel hin und her und schlug dann über den Leich­nam. Da­bei kul­ler­te Foo­tes Zi­ga­ret­te­nen­de her­vor, das den gan­zen Tag lang am So­ckel­wulst ge­klebt hat­te, und roll­te in ver­rück­ten Krin­geln über den Fuß­bo­den.

»Tom«, sag­te Do­ris sanft. »Kom­men Sie. Hier kön­nen Sie nichts mehr tun.«

»Es war das Blut«, sag­te sei­ne lee­re Stim­me. »Sie hat­te einen Riß an ih­rer Hand. Faß­te die von der Fal­le ge­schab­ten Fet­zen an. Mei­ne Fal­le. Ich bin schuld. Nur ein Schnitt mit ei­nem Brot­mes­ser, als sie die Cana­pes her­rich­te­te. Ich bin schuld.«

»Nein, Tom. Sie ha­ben kei­ne Schuld. Jetzt müs­sen Sie sich aus­ru­hen.«

Sie nahm ihn bei der Hand. Er folg­te ihr ge­hor­sam, stol­pernd, wäh­rend sei­ne be­spritz­ten Schu­he über den Tep­pich schlurf­ten, und sein Atem kam wie ein lei­ses Wis­pern aus sei­nen Lun­gen. Dann schlos­sen sich die Dop­pel­tü­ren hin­ter ih­nen.

Ben­ning­ton ras­te zum Spül­be­cken in der Kü­che.

Foo­te setz­te sich auf den Kla­vier­sche­mel, sein mü­des Ge­sicht war steif von an­ge­trock­ne­ten Trä­nen. Wie die meis­ten Nicht­mu­si­ker tipp­te er fast in ei­ner Re­flex­be­we­gung auf die Tas­ten. Eh­ren­berg rühr­te sich nicht vom Fleck, er stand so still, als ob er gar nicht da­zu­ge­hör­te, aber Ja­mes wur­de von dem Ge­klim­per aus der Star­re ge­ris­sen. Er ging durchs Zim­mer, mach­te einen großen Bo­gen um den Leich­nam, und blick­te auf Foo­te hin­un­ter.

»Sie ha­ben rich­tig ge­han­delt«, sag­te er mit schwan­ken­der Stim­me. »Ver­dam­men Sie sich nicht selbst, Paul. Was Sie ta­ten, war ab­so­lut rich­tig – und auch gnä­dig.«

Foo­te nick­te. Er fühl­te – nichts. Gar nichts.

»Der Leich­nam?« sag­te Ja­mes.

»Ja. Es muß wohl sein.« Er stand auf. Zu­sam­men ho­ben sie den Kör­per hoch; man konn­te ihn schlecht hal­ten. Eh­ren­berg ver­harr­te stumm, blind und taub. Sie ma­nö­vrier­ten sich durch das Haus und wei­ter bis zum Ge­wächs­haus.

»Wir soll­ten sie hier­hin le­gen«, sag­te Foo­te, und auf sei­ner Zun­ge lag plötz­lich ein schar­fer, sau­rer Ge­schmack. »Hier, wo die Wolfs­blu­me blüh­te, die al­les aus­lös­te.«

»Das wä­re ei­ne Art poe­ti­scher Ge­rech­tig­keit«, sag­te Ja­mes. »Aber ich glau­be nicht, daß es klug wä­re. Tom hat dort hin­ten einen Werk­zeug­schup­pen, der nicht ge­heizt ist. Dort soll­te es kühl ge­nug sein.«

Sanft leg­ten sie den Kör­per auf den Ze­ment­fuß­bo­den, brei­te­ten ein paar gro­be Sä­cke aus und roll­ten den Kör­per auf die­se Un­ter­la­ge. Zum Zu­de­cken schi­en nichts vor­han­den zu sein. »Wir kön­nen sie mor­gen früh ab­ho­len las­sen«, sag­te Foo­te.

»Wer­den wir nicht mit den Be­hör­den Schwie­rig­kei­ten ha­ben?« frag­te Ja­mes stirn­run­zelnd. »Ei­ne Frau, de­ren Schä­del mit ei­nem stump­fen Ge­gen­stand zer­trüm­mert wur­de …«

»Ich glau­be, der Pfar­rer wird uns hel­fen, und mit Lund­gren auch«, sag­te Foo­te trau­rig. »In Schott­land kann die Ster­be­ur­kun­de vom Pfar­rer aus­ge­stellt wer­den. Au­ßer­dem, Alec – ist das hier ei­ne Frau? Zwei­fel­los ist es nicht Ca­ro­li­ne.«

Ja­mes warf einen kur­z­en Blick auf die haa­ri­gen, mus­ku­lö­sen Schen­kel. »Nein. Im ju­ris­ti­schen Sinn ist es – nichts. Ich ver­ste­he, was Sie mei­nen.«

Sie kehr­ten zum Haus zu­rück. »Und Jar­mos­kow­ski?« frag­te Ja­mes.

»Heu­te nacht nicht. Wir sind al­le zu mü­de und er­schüt­tert. Und es scheint auch si­cher ge­nug für uns zu sein. Da­für hat Chris ge­sorgt.«

Eh­ren­berg war ver­schwun­den. Ja­mes sah sich in dem großen lee­ren Raum um.

»Noch ei­ne Nacht. Ach, was ist das für ei­ne elen­de Ge­schich­te. Gu­te Nacht, Paul.«

Er ging hin­aus. Foo­te blieb noch ein Weil­chen ste­hen und be­trach­te­te nach­denk­lich den Blut­fle­cken auf dem kost­ba­ren Per­ser­tep­pich. Dann be­fühl­te er sein Ge­sicht und sei­nen Hals, un­ter­such­te sei­ne Hän­de, Ar­me und Bei­ne und sei­ne Brust.

Nicht ein Krat­zer. Tom hat­te sehr schnell ge­han­delt. Er war er­schöpft, konn­te sich aber nicht über­win­den, zu Bett zu ge­hen. Lund­gren war tot, und jetzt war es sein Pro­blem. Ihm war klar, wie we­nig er im­mer noch dar­über wuß­te, aber es stand fest, daß die an­de­ren noch viel we­ni­ger wuß­ten als er. Jetzt war er der Herr im Haus, und die Ver­ant­wor­tung für den nächs­ten To­des­fall wür­de auf ihm las­ten.

Er ging im Zim­mer her­um, über­zeug­te sich, daß die Fens­ter ge­schlos­sen und die Kru­zi­fi­xe an ih­rem Platz wa­ren, und knips­te die Lam­pen aus. Der Knob­lauch fing an ran­zig zu wer­den – er stank wie Mer­cap­tan –, war aber, so­weit er es be­ur­tei­len konn­te, noch wirk­sam. Er ließ ei­ne Lam­pe bren­nen, nahm sein Ge­wehr und ging in den Kor­ri­dor hin­aus.

Die Tür von Do­ris’ Zim­mer stand of­fen, doch fiel kein Licht­schim­mer her­aus. An­schei­nend war sie noch oben und küm­mer­te sich um Ne­w­clif­fe. Ein paar Mi­nu­ten stand er un­ent­schlos­sen da, dann zog er sich müh­sam die Trep­pe hin­auf.

Er fand sie in Ca­ro­li­nes Zim­mer, den Kopf auf den Arm ge­legt, in­mit­ten der um­her­ge­streu­ten kost­ba­ren Do­sen und Fla­schen, die zu Ca­ro­li­nes kos­me­ti­schem In­ven­tar ge­hör­ten. Das Zim­mer war er­staun­lich ver­spielt ein­ge­rich­tet; selbst über dem Te­le­fon saß ei­ne Pup­pe. Dies war wohl der ein­zi­ge Raum ge­we­sen, den Ca­ro­li­ne als ih­re ur­ei­ge­ne Do­mä­ne be­trach­tet hat­te, wo die ath­le­ti­sche Guts­her­rin der sehr weib­li­chen Frau hat­te wei­chen müs­sen.

Und was hat­te wie­der­um die an­mu­ti­ge Frau ver­jagt? War sie in ei­ne ent­fern­te Ecke ih­res Seins ge­drängt wor­den, als Ca­ro­li­ne von dem Un­tier, das sich in ihr ent­wi­ckel­te, mehr und mehr in Be­sitz ge­nom­men wur­de? Was spiel­te sich im Ge­hirn ei­nes Wer­wolfs ab?

Ges­tern abend zum Bei­spiel, als sie Do­ris’ Haar bürs­te­te, war sie ihm ganz und gar wie die Ca­ro­li­ne Ne­w­clif­fe mit dem schö­nen Ge­sicht und dem lee­ren Ver­stand vor­ge­kom­men, für die er ei­ne ech­te Zu­nei­gung fühl­te. Aber da war sie schon im Be­sitz des an­de­ren. Sein Hals zog sich schmerz­haft zu­sam­men, als er sich be­wußt wur­de, daß in ih­rer müt­ter­li­chen Für­sor­ge schon et­was von der ge­spann­ten Auf­merk­sam­keit des Jä­gers ge­le­gen hat­te.

Män­ner sind so hart­nä­ckig. Ist es nicht wun­der­voll, wie wich­tig Chris für uns ge­wor­den ist?

In die­sem Au­gen­blick hat­te sich ihr Ziel von Do­ris zu Chris ver­la­gert, und das hat­te nur Foo­tes Be­mer­kung über sei­ne Un­fä­hig­keit be­wirkt, oh­ne die Hil­fe des Psych­ia­ters zu­recht­zu­kom­men. Heu­te abend hat­te er ge­sagt, daß Chris das lo­gischs­te An­griffs­ziel ge­we­sen sei, weil er der Ex­per­te war – doch das war Ca­ro­li­ne gar nicht klar zu Be­wußt­sein ge­kom­men, höchs­tens als Nach­ge­dan­ke. So ar­bei­te­te der Ver­stand ei­nes Wolfs; Ca­ro­li­ne selbst hat­te zu­erst nur die Ge­fahr er­kannt, die in der Hart­nä­ckig­keit lag.

Und es war Ca­ro­li­ne, die Frau, und nicht der Wolf ge­we­sen, die Do­ris ur­sprüng­lich als ers­tes Op­fer aus­er­ko­ren hat­te. Schließ­lich war Do­ris, dank Toms Vor­lie­be für mas­ku­li­ne Sport­ar­ten und sei­ner Ab­nei­gung ge­gen mo­der­ne Mäd­chen, die ein­zi­ge an­de­re Frau auf der Par­ty ge­we­sen; und Ca­ro­li­ne hat­te er­wähnt, daß Tom sich zu Do­ris hin­ge­zo­gen fühl­te. Wo fing der Wolf an, wo hör­te der Mensch auf? Oder wa­ren bei­de in­ein­an­der ver­schmol­zen wie zwei ur­sprüng­li­che harm­lo­se Sub­stan­zen, de­ren Ver­bin­dung gif­tig ist? Frü­her war Ca­ro­li­ne zur Ei­fer­sucht nicht fä­hig ge­we­sen, aber als das Übel ihr Blut ver­seuch­te, war sie nicht mehr nur sie selbst ge­we­sen.

Er seufz­te. Do­ris, die fest zu schla­fen ge­schie­nen hat­te, rühr­te sich, und als er über die Schwel­le trat, fuhr sie auf. Ih­re Au­gen wa­ren ge­rötet und hat­ten einen merk­wür­di­gen Aus­druck.

»Ent­schul­di­gen Sie«, sag­te er, »aber ich ha­be Sie ge­sucht. Ich muß mit Ih­nen re­den, Do­ris. Bis jetzt ha­be ich es im­mer wie­der auf­ge­scho­ben, aber jetzt kann ich das nicht mehr län­ger. Darf ich?«

»Ja, na­tür­lich, Paul«, sag­te sie mü­de. »Ich ha­be mich Ih­nen ge­gen­über schä­big be­nom­men. Es ist zwar et­was spät für ei­ne Ent­schul­di­gung, aber ich möch­te sa­gen, daß es mir leid tut.«

Er lä­chel­te. »Viel­leicht hat­te ich es nicht an­ders ver­dient. Wie geht’s Tom?«

»Er – er fühlt sich nicht wohl. Er weiß nicht, wo er ist und was er tut. Er hat ei­ne Klei­nig­keit ge­ges­sen und ist dann ein­ge­schla­fen, aber er at­met so merk­wür­dig.« Sie be­gann ih­re Hän­de zu kne­ten. »Was wol­len Sie von mir?«

»Do­ris – was ist mit die­ser He­xen­kunst? Lund­gren schi­en an­zu­neh­men, daß uns das hel­fen könn­te. Und weiß Gott – wir brau­chen Hil­fe. Ha­ben Sie ei­ne Ah­nung, wes­halb Chris es für so wich­tig hielt? Ich mei­ne, über das hin­aus, was er uns er­zähl­te?«

Sie schüt­tel­te den Kopf. »Ich hielt es da­mals für ein biß­chen al­bern und ver­ste­he es im­mer noch nicht. Ich ken­ne ein paar klei­ne Tricks, das ist al­les, zum Bei­spiel den mit dem Rauch. Ich ha­be nie dar­über nach­ge­dacht, es schi­en mir ei­gent­lich ei­ne ganz na­tür­li­che Be­ga­bung zu sein, und ich hielt es mehr oder min­der für Ta­schen­spie­le­rei. Ich ha­be auf der Büh­ne Zau­ber­tricks ge­se­hen, die mir viel un­er­klär­li­cher vor­ka­men.«

»Aber es wa­ren Tricks – nicht die Ober­win­dung ei­nes Na­tur­ge­set­zes.«

»Was weiß ich schon über Na­tur­ge­set­ze«, sag­te sie. »Mir er­scheint es na­tür­lich, daß, wenn man einen form­ba­ren Kör­per be­ein­flus­sen will, man ir­gend­ei­ne an­de­re plas­ti­sche Mas­se, die zur Hand ist, ent­spre­chend formt. Um Rauch ge­fü­gig zu ma­chen, kne­tet man Ton oder ir­gend et­was an­de­res. Ist das nicht na­tür­lich?«

»Nicht be­son­ders«, sag­te er tro­cken. »Das ist ein Ge­setz der Ma­gie, fall uns die­ser Ge­dan­ke Trost bringt. Aber es wird als falsches Ge­setz an­ge­se­hen.«

»Bei mir hat es aber funk­tio­niert«, sag­te sie schul­ter­zu­ckend.

Er beug­te sich vor. »Das weiß ich, und des­halb bin ich hier. Wenn Sie das kön­nen, dann gibt es auch an­de­res, was Sie be­herr­schen – Din­ge, die uns hel­fen könn­ten. Ich möch­te mit Ih­nen noch­mals al­les durch­spre­chen, was Chris von Ih­ren Fä­hig­kei­ten hielt, viel­leicht fällt Ih­nen dann ir­gend et­was ein, was für uns von Nut­zen wä­re.«

Sie drück­te ih­re Hän­de ge­gen die Wan­gen und ließ sie wie­der in den Schoß sin­ken. »Ich will’s ver­su­chen«, sag­te sie.

»Fein. Chris sag­te, daß in al­ten Zei­ten He­xen Per­so­nen mit über­na­tür­li­chem Wahr­neh­mungs­ver­mö­gen und ähn­li­chen Fä­hig­kei­ten wa­ren. Er war wohl auch der Mei­nung, daß die ma­gi­schen Ri­ten, die zur Aus­übung der He­xen­kunst ge­hör­ten, nur einen ma­ni­pu­la­ti­ven Zweck hat­ten – sym­bo­li­sche Ob­jek­te, die die He­xe zur Kon­zen­tra­ti­on ih­rer über­sinn­li­chen Kräf­te be­nö­tig­te. Wenn er recht hat­te, dann sind die ›Ge­set­ze‹ der Ma­gie wirk­lich nur il­lu­so­risch, und was wirk­lich am Werk war, war et­was viel Ge­heim­nis­vol­le­res.«

»Ich glau­be, ich ver­ste­he Sie«, sag­te Do­ris. »Und wor­auf soll das hin­aus­füh­ren?«

»Kei­ne Ah­nung. Aber zu­min­dest kann ich Ih­nen ein paar Fra­gen stel­len. Hat­ten Sie je einen pro­phe­ti­schen Traum, Do­ris? Ver­ste­hen Sie et­was von Chi­ro­man­tie? Kön­nen Sie Ho­ro­sko­pe stel­len? Oder hat­ten Sie je­mals das Ge­fühl, daß Sie in die Zu­kunft se­hen kön­nen?«

Sie schüt­tel­te ent­schie­den den Kopf.

»Gut, dann fällt das al­les weg. Kam es Ih­nen je vor, als ob Sie Ge­dan­ken­le­sen könn­ten?«

»Manch­mal kann man die Ge­dan­ken an­de­rer er­ra­ten …«

»Nein, nein«, sag­te Foo­te. »Ich mei­ne, wa­ren Sie je­mals si­cher, daß Sie…«

»Nie­mals.«

»Wie steht es da­mit, daß Sie die La­ge von Ge­gen­stän­den in ei­nem an­de­ren Zim­mer oder in ei­ner an­de­ren Stadt – nein. Wa­ren Sie je­mals na­he bei ei­nem Feu­er aus un­ge­klär­ter Ur­sa­che? Ein Feu­er, das ein­fach durch Ih­re An­we­sen­heit ent­stand?«

»Nein, Paul, ich ha­be noch nie ein an­de­res Feu­er als Ka­min­feu­er ge­se­hen.«

»Ha­ben Sie je et­was be­wegt oder be­ein­flußt, das grö­ßer oder schwie­ri­ger war als ei­ne Rauch­fah­ne?«

Do­ris run­zel­te die Stirn. »Schon oft«, sag­te sie. »Aber es wa­ren nur klei­ne Din­ge. Ein­mal muß­te ich ei­ne Sän­ge­rin mit ei­ner ver­ros­te­ten So­pran­stim­me be­glei­ten. Sie war hoch­nä­sig und dräng­te sich im­mer in den Mit­tel­punkt. Ich ha­be die Schlei­fen auf ih­ren Schu­hen mit­ein­an­der ver­kno­tet, so daß sie hin­fiel, als sie sich das ers­te­mal ver­beug­te, aber es war furcht­bar schwie­rig, und ich ha­be vor An­stren­gung ge­schwitzt.«

Foo­te un­ter­drück­te einen Seuf­zer. »Wie ha­ben Sie es ge­macht?«

»Ich weiß nicht ge­nau. Wahr­schein­lich hät­te ich es nie ge­schafft, wenn die Schluß­num­mer nicht ›Das Buch der hän­gen­den Gär­ten‹ ge­we­sen wä­re.« Sie lä­chel­te ein we­nig. »Wenn Sie al­ler­dings Schön­bergs ver­rück­ten Kon­tra­punkt nicht ken­nen, wird Ih­nen das nichts sa­gen.«

»Es sagt mir lei­der ge­nug. Jetzt kann ich Sie bloß noch fra­gen, ob Sie je­mals ei­ne Frau in ei­ne wei­ße Maus ver­wan­delt ha­ben oder auf ei­nem Be­senstiel durch die Luft ge­rit­ten sind. Do­ris, fällt Ih­nen denn gar nichts ein? Chris hat nie ins Lee­re hin­ein­ge­re­det; wenn er sag­te, daß Sie uns hel­fen kön­nen, dann mein­te er das. Aber er ist tot, und wir kön­nen ihn nicht mehr fra­gen. Jetzt hängt es von Ih­nen ab.«

Sie brach in Trä­nen aus. Foo­te stand un­be­hol­fen auf. Er hat­te kei­ne Ah­nung, was er jetzt tun soll­te.

»Do­ris…«

»Ich weiß nicht«; jam­mer­te sie. »Ich bin kei­ne He­xe! Ich ha­be nie ei­ne He­xe sein wol­len! Ich weiß nichts, über­haupt nichts, und ich bin mü­de und ha­be Angst, und bit­te ge­hen Sie jetzt, bit­te …«

Er wand­te sich hilf­los ab, woll­te sich wie­der um­dre­hen, und in die­ser Se­kun­de ging ihr Kla­gen im Dröh­nen ei­nes Schnell­feu­er­ge­wehrs un­ter, das von oben kam.

Foo­te ras­te aus dem Zim­mer und die Trep­pen hin­un­ter. Das Erd­ge­schoß schi­en un­ter dem Licht der ein­sa­men Lam­pe ver­las­sen da­zu­lie­gen. Von oben her­ab krach­te wie­der Ge­wehr­feu­er; dann kam Ben­ning­ton die Trep­pe her­un­ter­ges­aust.

»Wir müs­sen heu­te nacht auf­pas­sen«, keuch­te er, als er Foo­te er­blick­te. »Er ist da. Ich ha­be ge­se­hen, wie er in Wolfs­ge­stalt aus dem Wald kam. Ich ha­be das gan­ze Ma­ga­zin ver­schos­sen, aber ge­gen die Bäu­me war er nicht gut aus­zu­ma­chen, Als er sich zu­rück­zog, ha­be ich noch­mals zehn Run­den ge­schos­sen, aber ich ha­be ihn be­stimmt nicht ge­trof­fen. Ge­weh­re sind nicht mei­ne Stär­ke.«

»Von wo aus ha­ben Sie ge­schos­sen?«

»Von der Turm­stu­be aus.« Sein Ge­sicht war ernst und streng. »Ich ging ‘rauf, um noch mal Luft zu schnap­pen und einen Blick über die Ge­gend zu wer­fen, und da war er. Ich hof­fe, daß er heu­te nacht noch ein­mal zu­rück­kommt. Ich möch­te der­je­ni­ge sein, der ihn tö­tet.«

»Sie sind nicht der ein­zi­ge.«

»Da­für sei Gott ge­dankt. Und jetzt gu­te Nacht. Hal­ten Sie die Au­gen of­fen.«

Foo­te stand noch ei­ne Wei­le im Dun­keln, nach­dem Ben­ning­ton ver­schwun­den war. Ben­ning­ton hat­te ihn nach­denk­lich ge­macht.

Wäh­rend­des­sen kam Do­ris vor­sich­tig die Trep­pe her­un­ter. Sie trug einen klei­nen, kom­pak­ten Ge­gen­stand. Da er schon das Licht aus­ge­knipst hat­te, konn­te er nicht er­ken­nen, was es war. Sie ging ge­ra­de­wegs in ihr Zim­mer.

Ich will der­je­ni­ge sein, der ihn tö­tet.

Selbst der ge­mä­ßig­te Ben­ning­ton konn­te das jetzt sa­gen. Aber Foo­te, der das da­hin­ter­lie­gen­de Ge­fühl nur zu gut ver­stand, stell­te zu sei­ner Über­ra­schung fest, daß er es nicht tei­len konn­te.

Wie soll­te man die­se ge­schla­ge­nen Men­schen has­sen? Warum war es für nor­ma­le Men­schen wie Ben­ning­ton so schwer, sich klarzu­ma­chen, daß die Ly­kan­thro­pie ei­ne Krank­heit wie je­de an­de­re war, die ih­re ei­ge­ne Ätio­lo­gie hat­te und ih­re Op­fer oh­ne An­se­hen der Per­son über­fiel? Ben­ning­ton stand in dem Ruf, durch und durch li­be­ral zu sein; si­cher brach­te er es nicht übers Herz, einen Al­ko­ho­li­ker oder einen Rausch­gift­süch­ti­gen zu has­sen. Auch wuß­te er – und er war der ers­te ge­we­sen, der dar­auf hin­ge­wie­sen hat­te –, daß Jar­mos­kow­ski als Mensch hilfs­be­reit, mit­füh­lend und hoch­in­tel­li­gent war; daß Ca­ro­li­ne, wie der ar­me Teu­fel in An­dre­jews Das ro­te La­chen, edel­mü­tig und sanft ge­we­sen war und nie­man­dem et­was Bö­ses ge­wünscht hat­te. Doch jetzt war er von Haß er­füllt.

Er hat­te na­tür­lich Angst, ge­nau wie Foo­te auch. Foo­te frag­te sich, ob es ihm wohl je in den Sinn kom­men wür­de, daß Gott viel­leicht auf der Sei­te der Wer­wöl­fe stand.

Das war die Blas­phe­mie ei­nes er­schöpf­ten Ge­hirns; doch konn­te er die­sen Ge­dan­ken nicht los­wer­den. Wie nun, wenn Jar­mos­kow­ski sei­nen Trieb be­sieg­te und sich ver­steck­te, bis die sie­ben Ta­ge um wa­ren? Dann könn­te er ver­schwin­den. Schott­land war groß und dünn be­sie­delt. Er hät­te es dann nicht mehr nö­tig, sei­ne Op­fer zu tö­ten – nur noch dann, wenn er wirk­lich Hun­ger hat­te. Ein Biß hier, ein Krat­zer dort…

Und von sei­nem Jagd­ge­biet aus wür­de sich der Kreis der Ly­kan­thro­pie im­mer wei­ter aus­deh­nen, bis …

Viel­leicht hat­te Gott er­kannt, daß die nor­ma­le Mensch­heit nicht fä­hig war, die Welt zu re­gie­ren. Viel­leicht hat­te er be­schlos­sen, den ›Nos­fe­ra­tu‹, den ›Un­to­ten‹, ei­ne Chan­ce zu ge­ben. Viel­leicht stand die Mensch­heit an der Schwel­le zu je­ner Fins­ter­nis, in die er die gan­ze letz­te Nacht ge­blickt hat­te.

Er biß die Zäh­ne auf­ein­an­der und stieß einen Laut der Er­bit­te­rung über sich selbst aus. Wenn er so wei­ter­mach­te, wür­den Schock und Er­schöp­fung ihn in den­sel­ben Zu­stand trei­ben, in dem Ne­w­clif­fe jetzt war. Er wisch­te sich mit den Hän­den über die Stirn und ging in das klei­ne Ar­beits­zim­mer.

Das Ka­min­feu­er war aus­ge­gan­gen, und er hat­te nichts da, um es wie­der an­zu­fa­chen. Trotz­dem war das Zim­mer wär­mer, als es jetzt sein Bett sein wür­de. Er setz­te sich an den klei­nen Schreib­tisch und schlug Lund­grens Buch auf.

Fall­be­rich­te über Stig­ma­ti­sier­te. Be­rich­te über He­xensab­ba­te wie sie Krafft-Ebing hät­te schrei­ben kön­nen. Die Tanzwut. Die Theo­rie der Dienst­bar­keit. Geis­ter­be­schwö­rung und Geis­ter­aus­trei­bung. Der Be­sen als herm­aphro­di­ti­sches Sym­bol. Frä­sers Ge­set­ze. Die Be­ob­ach­tun­gen von Lu­den Le­ry-Brühl. Der Fall Bert­rand. Po­li­ti­scher Kom­men­tar in Dra­cu­la. Ne­kro­man­tie, Ne­kro­phi­lie. Nordau über den ma­gi­schen und den mo­der­nen Men­schen. Die grund­le­gen­den Ri­ten der An­ti-Kir­che. Fe­ti­schis­mus und die Theo­rie über Ta­lis­ma­ne…

Wei­ter und wei­ter und wei­ter, und ge­nau­so un­ver­ständ­lich wie zu­vor. Oh­ne Chris hat­te er kei­ne Hoff­nung, sich die­ses Ma­te­ri­al ein­zu­ver­lei­ben. Jetzt wa­ren die Ge­weh­re mit den Sil­ber­ku­geln die letz­te Ret­tung; die Quel­le des Wis­sens über das Phä­no­men, ge­gen das sie kämpf­ten, war ver­siegt.

Foo­te blick­te mü­de auf die Uhr auf dem Ka­min­sims. Sei­ne er­geb­nis­lo­se Ex­pe­di­ti­on durch das Buch hat­te zwei Stun­den ge­dau­ert. Er konn­te es nicht län­ger auf­schie­ben, in sein Zim­mer zu ge­hen. Er er­hob sich steif, nahm das Ge­wehr, knips­te das Licht aus und ging hin­aus in den kal­ten Kor­ri­dor.

Als er an Do­ris’ Zim­mer vor­bei­ging, sah er, daß die Tür einen schma­len Spalt of­fen­stand. Im Zim­mer mur­mel­ten zwei Stim­men.

Foo­te, der un­heil­ba­re Lau­scher an der Wand, blieb ste­hen und hör­te mit.

Erst Jah­re da­nach fand Foo­te her­aus, wie es an­ge­fan­gen hat­te. Do­ris war von den Er­eig­nis­sen des Ta­ges phy­sisch er­schöpft; den un­ter Schock­ein­wir­kung ste­hen­den Ne­w­clif­fe zu ver­sor­gen, ihn mit ei­nem Löf­fel zu füt­tern, auf sein Brab­beln über Fal­len und Brot­mes­ser ein­zu­ge­hen und ihn end­lich zu Bett zu brin­gen, hat­te sie aus­ge­laugt. So war sie fast au­gen­blick­lich ein­ge­schla­fen. Es war ein tiefer, traum­lo­ser Schlaf, durch den sich je­doch ei­ne va­ge, schwa­che Un­ter­strö­mung der Ver­zweif­lung zog. Als das lei­se Klop­fen ge­gen die Fens­ter­schei­ben end­lich in ihr Be­wußt­sein drang, hat­te sie kei­ne Ah­nung, wie lan­ge sie schon ge­schla­fen hat­te.

Sie setz­te sich müh­sam auf und zwang sich, die Au­gen zu öff­nen. Hel­les Mond­licht, das die Schnee­flo­cken drau­ßen zum Glit­zern brach­te, fiel durch das Fens­ter, ge­gen das sich ei­ne hoch­ge­wach­se­ne mensch­li­che Ge­stalt ab­hob. Sie konn­te zwar das Ge­sicht nicht er­ken­nen, aber über das röt­li­che Fun­keln der Au­gen gab es kei­nen Zwei­fel. Sie lang­te nach ih­rem Ge­wehr und brach­te es un­ge­schickt in Schuß­po­si­ti­on.

Jar­mos­kow­ski duck­te nicht weg. Er hielt sei­ne Ar­me et­was von sei­nem Kör­per ab, die Hand­flä­chen nach vorn ge­dreht, fast wie ein Bitt­stel­ler, und war­te­te. Un­ent­schlos­sen ließ sie das Ge­wehr sin­ken. Worum woll­te er sie bit­ten?

Als die Mün­dung nach un­ten sank, sah sie, daß die Ein­stel­lung auf Dau­er­feu­er stand. Sie schob sie sorg­fäl­tig auf Ein­zel­schuß. Sie fürch­te­te den Rück­stoß, den Ne­w­clif­fe er­wähnt hat­te, und fühl­te sich treff­si­che­rer, wenn sie einen Schuß nach dem an­de­ren ab­ge­ben konn­te.

Jar­mos­kow­ski klopf­te wie­der, und sein Fin­ger mach­te ei­ne Be­we­gung. Sie sag­te sich, daß er be­stimmt schon her­ein­ge­kom­men wä­re, wenn er es ge­konnt hät­te, und nahm sich Zeit, ih­ren Mor­gen­rock über­zu­zie­hen. Dann, den Fin­ger an den Ab­zug ge­legt, ging sie zum Fens­ter. Es war fest ver­schlos­sen, und in der Mit­te hing ein Kru­zi­fix an ei­nem Sei­den­fa­den. Sie be­rühr­te es, dann öff­ne­te sie ei­ne klei­ne Schei­be di­rekt über Jar­mos­kow­skis Kopf.

»Hal­lo, Do­ris«, sag­te er lei­se. »Hin­ter dem Fens­ter siehst du wie ein Bank­kas­sier aus. Darf ich et­was ein­zah­len, Fräu­lein?«

»Hal­lo.« Sie fühl­te mehr Un­si­cher­heit als Angst. War es Wirk­lich­keit oder nur die Wie­der­ho­lung ei­nes Alp­traums?

»Was willst du? Ich soll­te dich er­schie­ßen. Oder kannst du mir einen Grund nen­nen, wes­halb ich es nicht tun soll­te?«

»Ja, das kann ich. Sonst wür­de ich nicht die­ses Ri­si­ko ein­ge­hen. Das ist aber ein ge­fähr­lich aus­se­hen­des Ding!«

»Es ist mit zehn Sil­ber­ku­geln ge­la­den.«

»Ich weiß. Man hat schon vor­hin da­mit auf mich ge­schos­sen. Und ich bie­te dir ein gu­tes Ziel, so daß ei­ne Flucht aus­ge­schlos­sen ist – mei­ne Na­se ist voll Ros­ma­rin.« Er lä­chel­te trau­rig. »Und Lund­gren und Ca­ro­li­ne sind tot, durch mei­ne Schuld. Ich ver­die­ne den Tod; des­halb bin ich hier.«

»Dein Wunsch wird dir er­füllt wer­den, Jan«, sag­te sie. »Aber ich weiß, daß du noch einen an­de­ren Grund ha­ben mußt. Wohl­an denn, ich neh­me den Kampf mit dir auf. Aber erst ha­be ich ei­ni­ge Fra­gen an dich.«

»Fra­ge.«

»Du trägst dei­nen Abend­an­zug. Paul sag­te, er hät­te sich mit dir ver­wan­delt. Wie ist das mög­lich?«

»Aber ein Wolf hat Klei­dung«, sag­te Jar­mos­kow­ski. »Er ist nicht nackt wie ein Mensch. Und si­cher hat Chris über den Ein­fluß des Pi­nea­rins auf die Zell­ra­dio­ge­ne ge­spro­chen. Die­se klei­nen Kör­per wir­ken auf je­de or­ga­ni­sche Ma­te­rie ein, Wol­le, Baum­wol­le, Lei­nen, ganz egal, was es ist. Wenn ich mich ver­wand­le, ver­wan­delt sich mei­ne Klei­dung auch. Ich kann es nicht gut er­klä­ren; denn es liegt ei­nem im Blut – wie Mu­si­ka­li­tät, Do­ris. Ent­we­der man kann es, oder man kann es nicht. Wenn man es kann, ver­wan­delt man sich.«

»Jan – gibt es vie­le Men­schen, die so sind wie du? Chris schi­en an­zu­neh­men…«

Jar­mos­kow­skis Lä­cheln wur­de leicht spöt­tisch. »Geh’ an ei­nem be­lie­bi­gen Tag in einen Bahn­hof – Wa­ter­loo, ei­ne Un­ter­grund­bahn­sta­ti­on, Grand Cen­tral in New York; stell dich auf einen er­höh­ten Platz und be­trach­te die Men­ge in ei­nem Spie­gel. Wir sind in ei­nem mit Sil­ber un­ter­leg­ten Spie­gel nicht sicht­bar. Oder fra­ge in Ame­ri­ka einen von die­sen Stra­ßen­fo­to­gra­fen, die einen ge­gen den ei­ge­nen Wil­len knip­sen und ei­nem dann die Bil­der ver­kau­fen wol­len, wie vie­le sei­ner Schnapp­schüs­se nur den Hin­ter­grund zei­gen.«

Sei­ne Stim­me ver­dun­kel­te sich und nahm einen fei­er­li­chen Klang an. »Lund­gren hat mit al­lem, was er sag­te, recht ge­habt. Heut­zu­ta­ge ist die Ly­kan­thro­pie nur noch ei­ne Krank­heit. Wir sind nicht un­s­terb­lich. Vor lan­ger Zeit muß es Mu­ta­tio­nen ge­ge­ben ha­ben, bei de­nen die Zir­bel­drü­se ak­ti­viert war; aber kei­ne der Ar­ten über­leb­te, au­ßer den Wer­wöl­fen, und die Wer­wöl­fe sind Be­ses­se­ne – wie ich. Wir ster­ben aus.

Ei­nes Ta­ges wird es wie­der ei­ne Mu­ta­ti­on ge­ben, bei der die Ak­ti­vi­tät der Zir­bel­drü­se in an­de­re Bah­nen ge­lenkt ist, und dann wer­den al­le Men­schen ih­re Ge­stalt ver­än­dern kön­nen, oh­ne da­für die­sen schreck­li­chen Kan­ni­ba­lis­mus als Stra­fe auf sich neh­men zu müs­sen. Aber für uns, die Ly­kan­thro­pen, die le­ben­den Irr­tü­mer der Evo­lu­ti­on, gibt es kei­ne Hoff­nung.

Es ist nicht gut, wenn ein Mensch von Land zu Land wan­dern muß, im­mer wis­send, daß er in den Au­gen sei­ner Mit­menschen ein Mon­s­trum und von sei­nem Gott auf ewig ver­flucht ist – wenn er über­haupt einen Gott hat. Ich bin durch Eu­ro­pa ge­reist, ha­be Kon­zer­te ge­ge­ben und da­mit an­de­ren Freu­de be­rei­tet, ich ha­be für an­de­re Kom­po­si­tio­nen ge­schrie­ben, ha­be Men­schen ken­nen­ge­lernt und Freund­schaf­ten ge­schlos­sen, und im­mer gab es frü­her oder spä­ter Ge­flüs­ter, selt­sa­me Bli­cke und auf­kei­men­den Schre­cken.

Ob ich nun als das Scheu­sal ge­jagt wur­de, das ich war, oder ob es sich nur um einen lang­sam wach­sen­den Ab­scheu han­del­te – man hat mich ver­trie­ben. Haß, Sil­ber, Kru­zi­fi­xe – das ist im Grun­de ge­nom­men al­les das­sel­be.

Manch­mal konn­te ich ein paar Mo­na­te un­ge­stört an ei­nem Ort blei­ben, und dann be­kam mein Le­ben den An­strich ei­nes nor­ma­len Da­seins. Ich konn­te mich der Mu­sik wid­men und Men­schen um mich ha­ben, die ich gern hat­te, und – sel­ber Mensch sein. Dann blüh­te die Wolfs­blu­me wie­der, und die Luft trug ih­ren Blü­ten­staub, und wenn das Licht des Mon­des auf die­se Blu­me fiel, dann koch­te in mei­nem Blut die­ses Et­was, das ich in mir tra­ge.

Und dann mach­te ich mei­nen Freun­den ge­gen­über Aus­flüch­te und ging nach Schwe­den, wo Lund­gren leb­te, und wo es viel spä­ter Früh­ling wur­de. Ich hat­te Lund­gren sehr gern, und ich glaub­te, er hat nie et­was ge­merkt bis vor­ges­tern abend; ich war im­mer sehr vor­sich­tig.

Ein- oder zwei­mal reis­te ich nicht nord­wärts, und dann häm­mer­ten die Leu­te, die mei­ne Freun­de ge­we­sen wa­ren, hin­ter mei­nem Rücken Sil­ber und war­te­ten an dunklen Ecken auf mich. Nach­dem das jah­re­lang so ge­gan­gen war, woll­te man mich nicht mehr in Mit­tel­eu­ro­pa. Gleich­zei­tig mit mei­nem Ruhm als Kom­po­nist und Pia­nist ver­brei­te­ten sich dunkle Ge­rüch­te, von de­nen kei­nes die Wahr­heit traf, aber na­he ge­nug her­an­kam.

Städ­te, in de­nen ich nie zu­vor ge­we­sen war, ver­schlos­sen mir ih­re Pfor­ten. Die Kon­zert­sä­le wa­ren auf vie­le Mo­na­te vor­aus ge­bucht, so daß ich kei­nen Ter­min be­kom­men konn­te, Gast­hö­fe und Ho­tels wa­ren auf un­be­stimm­te Zeit be­legt, nie­mand hat­te mehr Zeit, mit mir zu spre­chen, mei­nem Spiel zu lau­schen, mir einen Brief zu schrei­ben.

Ich war auch ver­liebt, aber – dar­über kann ich nicht spre­chen.

So ging ich nach Ame­ri­ka. Dort glaubt nie­mand an Wer­wöl­fe. Ich such­te nach wis­sen­schaft­li­cher Hil­fe, worum ich Lund­gren nie ge­be­ten hat­te, weil ich fürch­te­te, ihm zu scha­den. Aber ich hoff­te drü­ben je­man­den zu fin­den, der mit dem fer­tig wer­den konn­te, was aus mir ge­wor­den war. Ich pfleg­te zu sa­gen, ich sei wäh­rend ei­ner Jagd auf Graf Hrut­kais Be­sit­zun­gen ge­bis­sen wor­den und hät­te im Herbst dar­auf den ers­ten An­fall ge­habt.

Aber al­les schlug fehl. Gleich­gül­tig, wo­hin ich ge­he, der pri­mi­ti­ve Haß ge­gen das, was ich bin, ist im Her­zen der Men­schen ge­nau­so ver­an­kert wie in den Her­zen der Hun­de. Es gab kei­ne Hil­fe für mich.

Ich bin ge­kom­men, um zu bit­ten, daß end­lich ein En­de ge­macht wird.«

Lang­sam roll­ten Trä­nen über Do­ris’ Wan­gen. Die Stim­me schwand da­hin. Sie schi­en nicht zu ver­stum­men, son­dern sich in ei­ne pri­va­te Höl­le zu­rück­zu­zie­hen, wo kein mensch­li­ches Ohr sie mehr hö­ren konn­te. Jar­mos­kow­ski stand schwei­gend im Mond­licht, sei­ne Au­gen lo­der­ten in tie­fem, blu­ti­gem Rot.

Do­ris sag­te: »Jan – Jan, es tut mir leid, es tut mir so leid! Was kann ich tun?«

»Schieß!«

»Ich – kann nicht!«

»Bit­te, Do­ris.«

Das Mäd­chen schluchz­te laut. »Jan – nicht! Ich kann nicht. Du weißt, daß ich es nicht kann. Geh, bit­te geh!«

Jar­mos­kow­ski sag­te: »Dann komm mit mir, Do­ris. Mach das Fens­ter auf und komm mit mir.«

»Wo­hin?«

»Ist das so wich­tig? Du hast mir den Tod ver­wei­gert, um den ich bat. Kannst du mir die­se letz­te ver­zwei­fel­te Hoff­nung auf Lie­be ver­wei­gern, kannst du dei­ne ei­ge­ne Lie­be ver­leug­nen, dei­nen in­ner­lichs­ten Wunsch? Das wä­re ab­scheu­lich grau­sam.

Es ist jetzt zu spät, zu spät für dich, um vor­zu­ge­ben, daß dich vor mir ekelt. Komm mit mir.«

Er streck­te sei­ne Hän­de aus.

»Sag Le­be­wohl«, bat er. »Le­be­wohl zu die­sen selbst­ge­rech­ten Men­schen. Ich ge­be dir von mei­nem Blut, und zu­sam­men wol­len wir die Welt durch­strei­fen, wild und un­zähm­bar, die letz­ten un­se­rer Ras­se. Man wird lan­ge an uns den­ken, das ver­spre­che ich dir.«

»Jan …«

»Ich bin hier. Komm jetzt.«

Wie ei­ne Schlaf­wand­le­rin öff­ne­te sie die Fens­ter­flü­gel. Jar­mos­kow­ski reg­te sich nicht, son­dern sah von ihr zum Kru­zi­fix. Sie lös­te den Fa­den und ließ es auf den Bo­den klir­ren.

»Nach uns soll es kei­ne Dun­kel­heit ge­ben, die mit un­se­rer Dun­kel­heit ver­gli­chen wer­den kann«, sag­te Jar­mos­kow­ski. »Laß sie ru­hen – laß die Welt ru­hen.«

Er sprang mit so plötz­li­cher raub­tier­haf­ter Kraft ins Zim­mer, daß man die Be­we­gung kaum wahr­neh­men konn­te. Von der Tür her häm­mer­te mit dä­mo­ni­scher Wild­heit ein Schnell­feu­er­ge­wehr. Die Wucht der Sil­ber­ku­geln warf Jar­mos­kow­ski ge­gen das Fens­ter zu­rück. Foo­te senk­te die rau­chen­de Mün­dung und mach­te einen Schritt ins Zim­mer.

»Zu spät, Jan«, sag­te er stei­nern.

Do­ris jam­mer­te auf wie ein Kind, das aus ei­nem bö­sen Traum er­wacht. Jar­mos­kow­skis Lip­pen be­weg­ten sich, doch konn­te er nicht mehr spre­chen. Die An­stren­gung ließ blu­ti­gen Schaum vor sei­nen Mund tre­ten. Noch ei­ne Se­kun­de lang stand er auf­recht da und streck­te ei­ne Hand nach dem Mäd­chen aus. Dann ver­krampf­ten sich sei­ne Fin­ger, und er sack­te zu­sam­men.

Er lä­chel­te und starb.

»Wes­halb ist er ins Zim­mer ge­kom­men?« flüs­ter­te Foo­te. »Ich hät­te ihn nie ge­trof­fen, wenn er drau­ßen ge­blie­ben wä­re.«

Er wand­te sich an das schluch­zen­de Mäd­chen. »Do­ris, Sie müs­sen es mir sa­gen, wenn Sie es wis­sen. Mit sei­nen schar­fen Oh­ren hät­te er mei­ne Atem­zü­ge hö­ren müs­sen. Aber er blieb – und er kam her­ein, di­rekt in mei­ne Schuß­li­nie. Warum?«

Das Mäd­chen ant­wor­te­te nicht. Statt des­sen ging sie mit stei­fen Schrit­ten, als ob sie plötz­lich ei­ne al­te Frau ge­wor­den wä­re, zur Nacht­tisch­lam­pe und knips­te sie an. Un­ter der Lam­pe stand ei­ne gro­tes­ke Fi­gu­ri­ne, in der Foo­te kaum Ca­ro­li­nes Te­le­fon­pup­pe er­ken­nen konn­te. Al­le Rü­schen wa­ren ab­ge­ris­sen, und über die blan­ke Stirn war ein schwe­rer schwar­zer Strich ge­zo­gen, der Jar­mos­kow­skis di­cke Au­gen­brau­en imi­tie­ren soll­te. An ei­nem Hand­ge­lenk wa­ren mit ei­nem Gum­mi­band die Haut­fet­zen be­fes­tigt, die Ne­w­clif­fe aus der Fal­le ge­schabt hat­te. Und um die Pup­pe her­um war auf der Tisch­plat­te mit Lip­pen­stift ein Pen­ta­gramm ge­zeich­net.

Die wer­den­de He­xe hat­te sich von der wei­ßen der schwar­zen Ma­gie zu­ge­wandt. Do­ris hat­te die un­heil­vol­le Kunst des Pup­pen­zau­bers wie­der­ent­deckt und ih­ren teuf­li­schen Ge­lieb­ten ver­nich­tet.

Voll Mit­leid wand­te Foo­te sich zu ihr um; und ganz lang­sam, als wür­de sie von den Kräf­ten ei­nes fer­nen Pla­ne­ten be­wegt, schwang die Mün­dung des Ge­wehrs mit. Zu­sam­men war­te­ten der Mann und die Waf­fe auf sie.

Bei­de wür­den Ge­duld ha­ben müs­sen.