James Blish
Wenn die Wolfsblume
blüht
Gegen 22 Uhr gelangte Paul Foote zu der Ansicht, daß ein Ungeheuer an der Party bei den Newcliffes teilnahm.
Um diese Zeit hatte Foote schon viel getrunken – mehr als gut für ihn war. Er räkelte sich im vorderen Zimmer in einem zu bequemen Sessel, die Beine weit von sich gestreckt, die Arme auf den hohen Sessellehnen. Seine rechte Hand hielt mit losem Griff ein halbleeres Glas. Der dunkle Fleck auf einem grauen Hosenbein zeigte, wohin ein Teil des Glasinhalts geflossen war. Mit halb geschlossenen Augen beobachtete er Jarmoskowski am Flügel.
Der Pianist spielte endlich seine Transkription der Szene in der Wolfsschlucht aus dem ›Freischütz‹ von Weber. Obgleich es sich um ein brillantes technisches Renommierstück handelte, hatte Jarmoskowski es nie in öffentlichen Konzerten, sondern nur auf Gesellschaftsabenden gespielt. Er spielte es mit einem merkwürdig distanzierten Amüsement, wodurch die Kaskaden der Töne, die Newcliffes großem Baldwin-Flügel entströmten, noch erstaunlicher wirkten; die anderen Gäste hatten den ganzen Abend darauf gewartet.
Für Foote, den Maler, in dessen Ohr jegliche Musik wie Blechgerassel klang, war es kein Genuß. Es war ein enormer, ominöser Lärm, der gelegentlich abschwoll, um die Wiederholung einer Beschwörungsformel zu gestatten, deren Sinn ihm verborgen blieb.
Der Raum war stickig und erschien ihm nur halb so groß wie am Nachmittag. Foote kam es vor, als ob er das einzige Lebewesen darin sei, außer Jan Jarmoskowski. Die übrigen Gäste waren Wachsfiguren, die sich als in einem ästhetischen Trancezustand befangene Menschen ausgaben.
Über Jarmoskowskis Vitalität konnte es keinen Zweifel geben. Er sah nicht besonders gut aus, doch in ihm schien eine animalische Kraft zu stecken, die ihn attraktiv machte – das und die Schönheit der Präzision, mit der diese Kraft beherrscht wurde. Wenn seine großen, behaarten Hände auf die Tasten herniederfielen, erwartete man, daß der Flügel in Stücke sprang. Doch war der Anschlag seiner Finger bis auf ein Dyn kalkuliert.
Es war merkwürdig, hinter einem derartigen Gesicht soviel Zartheit zu entdecken. Das Haar auf seinem Rundschädel war zu lang, obwohl Jarmoskowski durchaus keine Musikertolle trug. Die Augenbrauen waren gerade und rechtwinklig und so buschig, daß sie sich über der gebogenen Nase zu treffen schienen.
Von seinem Platz aus bemerkte Foote zum erstenmal die merkwürdige Stellung der Ohrmuscheln des Polen, nach vorn geneigt, wie bei einem lauschenden Tier, so daß der obere Ansatzpunkt der Muschel höher war als die Knorpelleiste. Die Ohren schienen sich direkt in Richtung auf die Tasten nach vorn zu stellen, was Foote stark an den Hund auf dem Warenzeichen der Platten von His Masters Voice erinnerte.
Wo hatte er einen solchen Kopf schon einmal gesehen? Vielleicht bei Matthias Grünewald, auf dem Seitenflügel des Isenheimer Altars, wo die Versuchung des heiligen Antonius dargestellt ist. Oder war es eine der Illustrationen im Red Grimoire gewesen, jenen primitiven Holzschnitten, die von Chris Lundgren ›die Rorschach-Tests des mittelalterlichen Menschen‹ genannt wurden?
Auf einem Tischchen neben dem Sessel lag die brennende Zigarette des Malers in einem Aschenbecher aus Onyx, auf dessen Rand sich eine winzige Tänzerin aus Metall erhob. Aus dem Mundstück quoll eine weiße Rauchspirale nach unten und verbreiterte sich dort zu einem statischen Schwaden, der gegen das dunkle Holz wie der verschwommene Umriß eines Einzellers aussah. Jetzt verebbten die Töne plötzlich, und die Beschwörungsformel wurde gesprochen, drei gleichförmige Silben, gefolgt von einem antwortenden Wehegeheul. Die Mitte des Rauchschwadens hob sich ruckartig, als ob man etwas hineingeworfen hätte. Dann brauste der Flügel unter Jarmoskowskis Fingern wieder auf, und Foote kam es vor, als ob der Rauchschwaden sich mehr und mehr zu der Figur der metallenen Tänzerin formte. Sein Mund wurde trocken, und er rutschte bis zum Rand des Sitzes vor.
Die Transkription endete mit drei scharfen Akkorden, ein Schluß, der die drei abgehackten Noten der Beschwörung anklingen ließ. Die Rauch-Figurine schwankte und fiel in sich zusammen, als ob man sie erstochen hätte; dann löste sie sich schnell in Nichts auf. Jarmoskowski machte eine Pause, legte nachdenklich die Fingerkuppen gegeneinander und spielte dann seine eigene Komposition Galliard Fantasque.
Die Wachsfiguren rührten sich nicht, aber ein leiser, geisterhafter Seufzer des Erkennens kam von ihren unbewegten Lippen. Durch das Fenster hinter dem Pianisten zeigte sich im Schimmer des aufgehenden Mondes noch eine versteinerte Szenerie – die schneebedeckten Wiesen von Newcliffes schottischem Landsitz.
Noch ein Mensch mußte sich im Raum aufhalten, doch Foote konnte ihn nicht entdecken. Als er seine Augen, die schon keinen festen Punkt mehr fixieren konnten, über die Anwesenden schweifen ließ, um sie zu zählen, versagte sein Gedächtnis, und er kam zu keiner Endsumme. Aber der Eindruck blieb, daß es noch jemanden gab, der vorher nicht dagewesen war. Jemand, den Tom und Caroline nicht eingeladen hatten. Nicht Doris oder der Labour-Politiker Palmer; die beiden waren zu normal. Auch Bennington, der amerikanische Kritiker, wirkte viel zu dick und gemütlich, als daß er als unheimlich drohendes Wesen hätte betrachtet werden können. Den Psychiater Lundgren hatte Foote in Schweden näher kennengelernt, und Hermann Ehrenberg war bloß einer der vielen emigrierten Schriftsteller und zählte überhaupt nicht; und wenn er schon dabei war, so galt ein Schriftsteller in der Welt eines Malers so gut wie nichts, und damit schied auch Alec James aus.
Sein Blick wanderte unwillkürlich zum Komponisten zurück. Jarmoskowski konnte es nicht sein, er war schon dagewesen. Aber er hatte irgend etwas damit zu tun. Ein elftes Wesen hatte sich dazugesellt, und es stand mit Jarmoskowski in Zusammenhang.
Was war es?
Denn es war da – kein Zweifel. Die Energie, die normalerweise von Footes Verstand verbraucht worden wäre, strömte jetzt seinem Instinkt zu; denn seine Sinne waren betäubt. Mit schmerzhafter Deutlichkeit erfühlte sein Instinkt die Anwesenheit des Ungeheuers. Es hielt sich am Flügel auf, saß neben Jarmoskowski, verschmolz mit dem langen Körper und den schlangengleichen Fingern.
Foote hatte noch nie unter Säuferwahn gelitten, und er wußte, daß es auch jetzt nicht so war. Ein Teil seines Geistes, der nicht betrunken war und auch nie betrunken sein würde, hatte erkannt, daß sich irgendwo in diesem Raum das Grauen eingeschlichen hatte. Und da sein Verstand keinen skeptischen Schutzwall errichten konnte, erzitterte er bis ins Innerste.
Der rasende Flug der Töne brach abrupt ab. Foote zwinkerte überrascht.
»Schon?« fragte er überrascht.
»Schon?« echote Jarmoskowski. »Aber das war ein langes Stück, Paul. Ihr Erstaunen schmeichelt meiner Kompositionskunst.«
Seine Augen blickten direkt auf den Maler; sie waren gerötet, obgleich Jarmoskowski niemals trank. Foote versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, ob sie schon am Nachmittag so gewesen waren, und ob es überhaupt möglich war, daß menschliche Augen so rötlich schimmern konnten, wie es bei dem Pianisten der Fall war.
»Ihre Kompositionskunst?« sagte er, indem er versuchte, sein Gehirn wieder unter Kontrolle zu bekommen. Newcliffes Highballs waren wirklich verdammt stark. »Das kaum, Jan. Aber solche Finger könnten selbst der Melodie von ›Hänschen klein‹ Faszination verleihen.«
Er amüsierte sich innerlich über die vielfältigen Gefühle, die sich in Jarmoskowskis Miene spiegelten: Verwunderung über ein Kompliment von Foote – denn der Maler war bekannt für seine scharfe Zunge; und die unerklärliche Feindschaft, die bei ihrem ersten Zusammentreffen entstanden war, hatte Foote reichlich Gelegenheit gegeben, diesen seinen Ruf zu festigen –, dann nachdenkliche Überlegung und schließlich verhüllter Ärger, als ihm der Hohn, der in Footes Worten versteckt war, klar wurde. Trotzdem konnte er darüber lachen.
»Ja, die sind lang, nicht«, sagte er zu den anderen, indem er seine Finger wie eine dieser quäkenden Blasrollen, die sich beim Hineinblasen von einer Schnecke zu einer Schlange verwandeln, auf und zu rollte. »Aber es ist ein Irrtum, wenn man meint, daß sie mir beim Spielen helfen. Meist stolpern sie übereinander. Besonders diese beiden.«
Er hielt seine Hände hoch. An beiden waren Zeige- und Mittelfinger genau gleich lang.
»Ich vermute, daß Lundgren das eine Mutation nennen würde«, sagte Jarmoskowski. »Beim Klavierspielen ist es sehr lästig. Ich muß mir selbst für die leichtesten Stücke eigene Griffe ausarbeiten.«
Doris Gilmore, die früher bei Jarmoskowski in Prag studiert hatte und ihn offensichtlich immer noch liebte, schüttelte ihre kupferrote Haarmähne zurück und hielt ihre eigenen Hände hoch.
»Meine Finger sind richtige Stummel«, sagte sie bedauernd. »Wirklich nicht die Finger eines Pianisten.«
»Im Gegenteil – die Hände einer Virtuosin«, sagte Jarmoskowski. Er lächelte, kratzte geistesabwesend seine Handflächen, und Foote erblickte zwei Reihen blitzender, vollkommen gleichmäßiger Zähne. Nein, nicht ganz gleichmäßig. Die glänzenden Reihen schlössen fast mathematisch genau mit etwas längeren Eckzähnen ab. Sie erinnerten ihn an diese idiotische Geschichte von Poe – war es Berenice? Offensichtlich würde Jarmoskowski keines natürlichen Todes sterben. Ein Zahnarzt würde ihn umbringen, um in den Besitz dieses Gebisses zu kommen.
»Fünfundsiebzig Prozent der begabtesten Pianisten, die ich kenne, haben Hände wie Lastwagenfahrer«, sagte Jarmoskowski. »Auch Chirurgen, wie Lundgren bestätigen wird. Lange Finger sind meist ungeschickt.«
»Das scheint Sie jedenfalls nicht daran zu hindern, herrlich zu spielen«, sagte Newcliffe, indem er sich erhob.
»Danke, Tom.« Jarmoskowski schien die Tatsache, daß sein Gastgeber aufgestanden war, so zu deuten, daß er nicht weiterzuspielen brauchte. Er nahm die Füße von den Pedalen und schwang sich herum. Jetzt erhoben sich noch andere Gäste, auch Foote kämpfte sich aus den Tiefen des Sessels auf seine eingeschlafenen Füße. Er stellte sein Glas in sicherer Entfernung von dem Onyx-Aschenbecher auf das Tischchen und nahm bedachtsam Kurs auf Christian Lundgren.
»Chris, ich gehöre zu Ihrer Anhängerschaft«, sagte er und hatte Mühe, verständlich zu sprechen. »Aber jetzt habe ich doch eine Frage. Ich habe Ihren Vortrag gelesen, den Sie anläßlich des endokrinologischen Kongresses in Stockholm hielten. Sind Jarmoskowskis Hände nicht…«
»Ja, das sind sie«, sagte der Psychiater und sah Foote prüfend und sichtlich beunruhigt an. Plötzlich wußte Foote, was Lundgren dachte; er kannte den Wissenschaftler sehr gut. Der grauhaarige, schroffe Mann schätzte ab, wie betrunken Foote war, und ob er sich am nächsten Morgen noch an alles würde erinnern können.
Lundgren machte eine abweisende Geste.
»Ja, ich habe sie auch gesehen«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme. »Wahrscheinlich eine Mutation, wie er selbst sagte. Nicht jede Frau, durch deren Haar sich eine weiße Strähne zieht, ist eine Hexe. Das muß man auch Jan zubilligen.«
»Das ist nicht alles, Chris.«
»Das ist alles, was ich in Erwägung zu ziehen brauche, denn schließlich lebe ich im zwanzigsten Jahrhundert. Jetzt werde ich zu Bett gehen und alles vergessen. Und das, mein lieber Paul, soll sowohl ein Rat als auch eine Auskunft sein.«
Er stelzte hinaus und ließ Foote stehen, der sich fragte, ob er nun beruhigt oder noch besorgter sein sollte als vorher. Lundgren mußte ja wissen, was er sagte, und sicherlich besagte der silbrige Streifen in Doris Gilmores auffallendem Haar nichts weiter, als daß die Frisur viel zu schick war für ihr junges, sanftes Gesicht. Mit Jarmoskowski stand es anders; wenn er, trotz Lundgrens gegenteiliger Meinung, genau das war, was er zu sein schien.
Die Party ging auch ohne die Beteiligung von Foote und Lundgren munter weiter. Überall bildeten sich Gesprächsgruppen. Jarmoskowski und Doris saßen auf der Klavierbank und sprachen leise miteinander, hier und da unterbrochen durch ein paar brillante Läufe; anscheinend zeigte der Pole ihr, wie man die Sonate von Hindemith, die sie vor dem Abendessen dargeboten hatte, noch besser spielen konnte. James und Ehrenberg sezierten mit zivilisierter Brutalität ihre gegenseitigen Neuerscheinungen, und Newcliffe lauschte ihnen hingerissen. Die sanftmütige Caroline Newcliffe unterhielt sich lebhaft mit Bennington und Palmer über Nichtigkeiten. Niemand vermißte Lundgren, und es schien noch weniger wahrscheinlich, daß man Foote vermissen würde.
Mit wackliger Nonchalance spazierte er ins Eßzimmer, wo der Butler noch mit dem Abräumen beschäftigt war.
»‘tschuldigung«, sagte er. »Ein kleiner Versuch, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich geb’s morgen zurück.« Er nahm sich ein Messer vom Tisch, suchte die Tür vom Eßzimmer zur Diele und propellierte sich hindurch. Der Korridor war dämmrig, aber ausreichend erleuchtet; die Gespräche nebenan waren gut zu verstehen.
Als er an der Glastür vorbeiging, sah er durch den Store Bennington am Flügel stehen, der den Unterricht verfolgte. Gerade als Foote das Messer in die Jackentasche schob, klang Benningtons Stimme auf. Foote blieb stehen; er war ein unheilbarer Lauscher an der Wand.
»Foote hat seinen Ölkopf zu Bett gebracht«, bemerkte Bennington. »Ich fühle mich erleichtert. Ich dachte, er würde sich noch viel unangenehmer aufführen.«
»Weshalb hat er beim Abendessen soviel Wirbel wegen des Silberbestecks gemacht?« fragte das Mädchen.
»Tut er das immer?«
»Oft. Er ist wirklich ein großer Künstler, aber wenn man seiner Zeit um Jahre voraus ist, wirkt sich das häufig nachteilig auf das Nervensystem aus.«
»Er hat mich fast aus dem Konzept gebracht«, gestand Jarmoskowski. »Die ganze Zeit hat er mich angestarrt, als ob ich Wiederholungen vergessen hätte.«
Bennington lachte. »Die Gegenwart eines anderen anerkannten Künstlers scheint ihn bösartig zu machen. Sie sollten sich geschmeichelt fühlen, Jan.«
Footes Aufmerksamkeit wurde durch ein gewaltiges Gähnen von Palmer abgelenkt. Der Labourmann zeigte damit an, daß er sich langweilte und in Kürze ohne weitere Formalitäten verschwinden und zu Bett gehen würde. Zögernd ging Foote weiter; hinter ihm verklang das Stimmengewirr. Mit herabgezogenen Mundwinkeln ging er an der Treppe vorbei und weiter den Korridor entlang.
Ehe er die Tür seines Zimmers zumachte, lauschte er noch einen Augenblick Jarmoskowskis Spiel, dem einzigen Laut, der aus dieser Entfernung noch vernehmbar war. Dann schloß er die Tür. Die Leute mochten über ihn reden, was sie wollten, auch wenn es manchmal der Wahrheit entsprach. Aber vielleicht würde Jarmoskowski um Mitternacht eine Vorstellung ganz anderer Art geben.
Und in diesem Fall würde Foote froh sein, ein Messer zu haben.
Um 23.30 Uhr stand Jarmoskowski allein auf der Terrasse von Newcliffes Landsitz. Obgleich kein Wind ging, war die Nacht stechend kalt, doch er schien das nicht zu bemerken. Er stand regungslos, wie eine schwarze Statue, und nur die Atemluft, die wie ein Dampf strahl aus seiner Nase strömte, verriet, daß er lebte.
Durch den Schleier der Moirevorhänge vor Footes Fenster hatte Jarmoskowski das Aussehen einer hohen Säule aus schwarzem Stein – einer Säule, die über einem kochenden Krater Wache stand.
Anscheinend war die Vorderfront des Hauses ganz dunkel, denn kein Lichtschein fiel auf den Rücken des Pianisten. Er hob sich als schwarze Silhouette gegen den im Mondlicht schimmernden Schnee ab. Der Schatten des massiven Turms, der die Achse des Hauses bildete, wirkte wie der Turm einer mächtigen Burg. Foote sah die schmalen Schlitze der Schießscharten vor sich, die leer in die Landschaft starrten, und jede Mauerzacke trug einen Helm aus Schnee.
Er konnte fühlen, wie das Haus sich gegen das Drohen zusammenkauerte, das die weiße schottische Nacht in sich barg. Und über allem lag das Aroma des Alters. Die Vorhänge rochen nach Staub und Gewürzen. Es schien ganz ausgeschlossen, daß es außer Foote und Jarmoskowski noch andere lebende Wesen gab.
Nach einer Weile zog Foote den Vorhang leise etwas zurück. Da das Mondlicht auf sein Gesicht fiel, trat er etwas zurück und lugte durch den Spalt hinaus.
Falls Jarmoskowski die verstohlene Bewegung wahrgenommen hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Er blieb in die herbe Schönheit der Nacht versunken. Von seinem Platz aus konnte er Newcliffes Besitz fast ganz übersehen. Selbst der dunkle Saum des Waldes hinter dem Golfplatz war durch die trockene kalte Luft sichtbar. Ein paar Bäume, die dichter am Haus standen, warfen scharf gezeichnete Schatten auf den Schnee, Schatten, die im Mondlicht langsam Platz und Form veränderten.
Jarmoskowski seufzte und kratzte sich die linke Handfläche. Seine Lippen bewegten sich lautlos.
Eine Wolke schob sich über den Mond, ihr Schatten eilte wie eine schwarze Flut dem Mondlicht voraus. Die sanften Wellen des Schneefeldes schienen wie Brecher vor der Flut dahinzurollen, vorwärts, zurück und dann wieder näher kommend. Ganz kurz ertönte ein dünnes Pfeifen des Windes, der kristalline Schneewolken von den Steinplatten der Terrasse hochwirbelte. Für eine lange Minute blieb alles still und dunkel. Dann ertönte aus der Richtung der Stallgebäude und Gewächshäuser das leise, anhaltende Jaulen eines Hundes, in das andere Hunde einstimmten.
Jarmoskowskis Zähne leuchteten aus dem Dunkel. Er verhielt noch einen Augenblick, dann wandte er blitzschnell den Kopf, und aus seinen Augen schoß ein rötlicher Blitz gegen das dunkle Fenster, hinter dem Foote stand. Foote ließ hastig die Vorhänge zusammenfallen, doch konnte er deutlich des Pianisten glitzernde Zähne sehen.
Wieder winselte der Hund. Jarmoskowski ging ins Haus zurück.
Foote schlich sich zur Tür und schielte vorsichtig in den Korridor hinaus.
Es gibt Männer, die an einer Bar nicht vorbeigehen können; andere können an keiner Frau vorbeigehen; und wiederum andere können an keiner seltenen Briefmarke oder einem Feuer vorbeigehen. Foote war der geborene Schnüffler, doch mußte man ihm diesmal eines zugute halten: Er wünschte selbst, daß er sich irrte.
Im Korridor brannte nur eine einzige schwache Lampe. Jarmoskowskis Zimmer lag neben dem von Foote am Ende des Flurs. Als der Pianist nachdenklich darauf zuging, öffnete sich die Tür gegenüber von Footes Zimmer, und Doris Gilmore erschien in einem gesteppten saphirblauen Morgenrock mit hohem Russenkragen. Die Wirkung wurde durch das Handtuch über ihrem Arm und durch die Zahnbürste in ihrer Hand etwas beeinträchtigt, doch sie sah erstaunlich hübsch aus.
»Oh!« sagte sie. Jarmoskowski wandte sich zu ihr, und eine Weile standen sie sich schweigend gegenüber.
Foote knirschte mit den Zähnen. Sollte auch das Mädchen ein Zeuge dessen werden, was er von Jarmoskowski erwartete? Das wäre im höchsten Grade unanständig. Und es mußte fast Mitternacht sein.
Noch immer rührten sich die beiden nicht. Zitternd schob sich Foote in den Korridor hinaus und schlich hinter Jarmoskowskis Rücken an der Wand entlang zu dessen Zimmer. Zum Glück war die Tür offen.
Mit leiserer Stimme sagte Doris: »Ach, du bist es, Jan. Du hast mich erschreckt.«
»Das habe ich bemerkt. Tut mir leid«, sagte Jarmoskowski. Wieder schob Foote seinen Kopf so weit vor, daß er die beiden sehen konnte. »Es scheint, daß wir beide die Nachteulen der hier Versammelten sind!«
»Ich glaube, die anderen sind alle betrunken. Besonders dieser widerliche Maler. Ich habe die Zeitschriften durchgeblättert, die Tom mir gab, und jetzt wollte ich auch versuchen zu schlafen. Was hast du denn gemacht?«
»Ich habe auf der Terrasse ein bißchen Luft geschnappt. Ich mag die Winternacht – die Luft beißt.«
»Auch die Hunde sind unruhig«, sagte sie. »Hast du sie gehört? Ich glaube, Brucey hat den Anfang gemacht.«
Jarmoskowski lächelte. »Sehr wahrscheinlich. Weshalb mag wohl Vollmond die Hunde so melancholisch stimmen?«
»Vielleicht geht ein Spuk um.«
»Das möchte ich bezweifeln«, sagte Jarmoskowski. »Das Haus ist nicht alt genug, um sich mit Gespenstern brüsten zu können; es ist zwar massiv gebaut, aber größtenteils relativ neu. Und soviel ich weiß, hat bisher keiner von Toms oder Carolines Verwandten das Privileg genossen, darin zu sterben.«
»Du sprichst, als ob du daran glaubtest.« Sie zog den Morgenmantel enger um sich. Foote konnte sich vorstellen, daß sie ein Schaudern unterdrückte.
»Ich stamme aus einem Land, in dem dieser Glaube weit verbreitet ist. In Polen sind Skeptiker meist aus dem Ausland importiert.«
»Ich wünschte, du würdest wenigstens so tun, als ob du eine Ausnahme wärst. Du machst mich schaudern, Jan.«
Er nickte ernsthaft. »Das ist – fair genug«, sagte er sanft.
Wieder Schweigen, während sie sich in dem trüben Licht erneut betrachteten. Dann machte Jarmoskowski einen Schritt vorwärts und nahm ihre Hände in seine Hände.
Foote fühlte sich ein wenig geniert. Nichts konnte normaler sein, und nichts interessierte ihn weniger. Wenn er sich doch getäuscht hatte, dann würde er sich bald in einer Situation befinden, für die es keine Entschuldigung gab.
Das Mädchen blickte unsicher lächelnd zu Jarmoskowski auf. Ihr Lächeln war so rührend, daß Foote sich in seiner Haut nicht mehr wohl fühlte.
»Jan«, sagte sie.
»Nein – Doris, warte«, sagte Jarmoskowski undeutlich. »Warte – nur einen Augenblick. Prag ist schon lange her.«
»Ich verstehe«, sagte sie und wollte ihre Hände aus den seiner. lösen.
Jarmoskowski sagte scharf: »Du verstehst überhaupt nichts. Damals war ich achtzehn und du – elf, glaube ich. Ich war sehr stolz darauf, von dir so angebetet zu werden, aber natürlich viel zu alt für dich. Jetzt ist der Altersunterschied nicht mehr so groß, und als ich heute nachmittag sah, wie schön du inzwischen geworden bist, da fielen die Jahre von mir ab – nein, nein, bitte hör mich zu Ende an! Ich muß dir noch etwas sagen. Ich liebe dich, Doris, genau wie auch du mich liebst. Aber …«
In dem kurzen Schweigen konnte Foote die schweren Atemzüge hören, die Doris zu unterdrücken versuchte. Er fühlte sich elend. Es ging ihn nichts an.
»Aber wir müssen noch etwas warten, Doris. Ich weiß etwas über dich, worüber du selbst dir noch nicht im klaren bist. Und ich muß dich vor etwas in Jan Jarmoskowski warnen, woran keiner von uns beiden früher auch nur im Traum gedacht haben würde.«
»Warnen – mich?«
»Ja.« Wieder machte er eine Pause. Dann sagte er: »Es wird dir schwerfallen, mir zu glauben. Aber wenn du es fertigbringst, können wir glücklich sein. Doris, ich kann kein Skeptiker sein. Ich bin …«
Er brach ab. Er hatte geistesabwesend auf ihre Hände geblickt, als ob er nach den treffenden englischen Worten suchte. Dann drehte er langsam ihre Hände um, bis die Handflächen nach oben wiesen. Ein Ausdruck des tiefsten Erschreckens trat in sein Gesicht, und Foote sah, wie sein Griff krampfhaft fester wurde.
Dieses starre Schweigen bestätigte Footes Verdacht, aber das bereitete ihm kein Vergnügen. Er hatte Angst.
Einen Moment lang schloß Jarmoskowski die Augen. Seine Wangenmuskulatur zuckte, so heftig biß er die Zähne zusammen. Dann faltete er langsam Doris’ Hände zusammen, und seine merkwürdigen Finger schlössen sich um sie herum. Als er die Augen wieder öffnete, glühten sie wie Flammen.
Doris riß ihre Hände weg und kreuzte sie über ihrer Brust. »Jan – Jan, was ist? Was ist mit dir?«
Sein Gesicht, das sich unter dem Schock der Erkenntnis verzerrt hatte, glättete sich wieder.
»Nichts«, sagte er. »Was ich sagen wollte, ist völlig sinnlos. Ich habe mich albern benommen. Bitte verzeih mir. Es war nett, dich wieder getroffen zu haben, Doris. Gute Nacht.«
Er ließ sie stehen und ging den Korridor entlang. Doris blickte ihm nach, ihre Wangen begannen, feucht zu glänzen, und in einer Hand hielt sie immer noch die Zahnbürste.
Jarmoskowski drehte den Griff seiner Zimmertür und warf die Tür hinter sich ins Schloß. Es gelang Foote gerade noch, sich wegzuducken.
Draußen heulte ein Hund auf, dann war es ruhig.
Das Mondlicht schien durch das Fenster von Jarmoskowskis Zimmer auf ein sorgfältig aufgedecktes Bett. Die kalte Luft war in jeden Winkel gedrungen. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar und ging über den Teppich zu dem Tisch neben dem Bett. In dem fahlen Licht wirkte sein Schatten seltsam verkürzt, als ob er auf allen vieren ginge. Auf dem Tischchen stand eine Lampe, und er wollte sie anknipsen.
Plötzlich stand er stockstill, die Hand nach dem Lichtschalter ausgestreckt. Er schien zu lauschen. Endlich wandte er sich um und blickte durch das Zimmer direkt auf die Stelle, wo Foote neben der Tür stand.
Dort war es am dunkelsten, da das Mondlicht nicht bis dahin reichte, aber Jarmoskowski sagte sofort: »Hallo, Paul, Sie sind ja reichlich spät auf.«
Foote antwortete nicht gleich. Er war immer noch vom Alkohol benebelt, und außerdem lähmte ihn die schiere Unmöglichkeit dessen, was er als Tatsache erkannt hatte. So stand er schweigend im Dunkel, beobachtete Jarmoskowskis verschwommenen Umriß neben dem Bett, und sein eigener Atem dröhnte laut in seinen Ohren. Zwischen ihnen lag der breite, flache Strahl des Mondlichts wie ein Fluß aus Metall.
»Ich gehe auch gleich schlafen«, sagte er endlich. Seine Stimme klang flach und rot und wie aus weiter Ferne, als ob sie jemand anderem gehörte. »Ich bin nur hergekommen, um Ihnen eine kleine Warnung zu geben.«
»So, so«, sagte Jarmoskowski freundlich. »Heute nacht scheinen sich Warnungen größter Beliebtheit zu erfreuen. Pflegen Sie Ihre Besuche immer mit einem Messer zu machen?«
»Das ist ja die Warnung, Jarmoskowski. Das Messer. Ich nehme es mit ins Bett. Es ist aus Silber.«
»Sie müssen betrunkener als gewöhnlich sein«, sagte der Komponist. »Warum gehen Sie jetzt nicht einfach ins Bett – mit dem Messer, wenn Ihnen das Spaß macht? Wir können uns am Morgen weiter unterhalten.«
»Kommen Sie mir nicht damit«, schnappte Foote. »Mir können Sie nichts vormachen. Ich weiß, was Sie sind.«
»Schön, Sie wissen also, was ich bin. Soll das ein Rätsel sein? Na gut, ich beiße an, wie Bennington sagen würde.«
»Ja, Sie würden beißen«, sagte Foote, und seine Stimme schwankte. »Soll ich wirklich sagen, was Sie sind, Jarmoskowski? Wo Sie herkommen, nennt man es ›wrolok‹, nicht wahr? In Frankreich heißt es ›loup-garou‹, in den Karpaten ›stregoika‹ oder ›strega‹, oder auch ›wlkoslak‹. In …«
»Ihr Sprachtalent ist größer als Ihr Verstand«, sagte Jarmoskowski. »Und ›stregoika‹ und ›strega‹ unterscheiden sich durch das Geschlecht, und keines von beiden ist dasselbe wie ›loup-garou‹. Trotzdem, Sie interessieren mich. Ist es jetzt nicht etwas außerhalb der Saison für all das? Wolfsblumen blühen nicht im Winter. Und vielleicht sind auch die Dinge, für die Sie so fließend die Namen herunterrasseln, in der heutigen Zeit etwas fehl am Platze.«
»Die Hunde hassen Sie«, sagte Foote sanft. »Das war eine prächtige Vorstellung, die Brucey heute nachmittag gab, als Tom ihn hereinbrachte und er Sie vorfand. Ich bezweifle, daß Sie es schon vergessen haben. Ich glaube eher, daß Sie schon oft gesehen haben, wie sich ein Hund seitwärts durch ein Zimmer schiebt, in dem Sie sind, und winselt und Sie bei jedem Schritt beobachtet, bis sein Herrchen ihn hinauszerrt. Brucey jault immer noch.
Und dann Ihr Erschrecken beim Anblick des silbernen Bestecks – und Ihre Ausrede mit den Gummisohlen. Sie werden sich erinnern, daß ich unter den Tisch guckte, und siehe da, Ihre Schuhe hatten Ledersohlen. Aber das war sowieso eine sehr schwache Ausrede, denn jeder Mensch weiß, daß man von ungeerdetem Silberbesteck keinen elektrischen Schlag bekommen kann, egal, wie lange man Gummiflächen aneinander reibt. Silber ist tödlich, nicht wahr, Jarmoskowski?
Und dann die Finger – die gleichlangen Mittel- und Zeigefinger –, das haben Sie sehr geschickt gedreht. Sie haben es mit Bedacht so eingerichtet, daß jeder sie sehen mußte. Es ist ja das Augenfällige, das übersehen wird. Aber, Jarmoskowski, dieser Trick ist schon in zu vielen Kriminalromanen durchgehechelt worden. Sie konnten damit weder Lundgren noch mich hinters Licht führen.«
»Ah, so«, sagte Jarmoskowski. »Das ist ja eine nette Liste.«
»Es geht noch weiter. Wie kommt es, daß Ihre Augen den ganzen Nachmittag grau waren und rot wurden, sowie der Mond aufging? Und Ihre Handflächen – sie sind behaart, aber Sie haben das Haar abrasiert, nicht wahr, Jarmoskowski? Ich habe beobachtet, wie Sie sich kratzten. Alles an Ihnen, Ihr Aussehen, wie Sie sprechen, wie Sie sich bewegen – alles schreit förmlich Ihre wahre Natur heraus, und wer die Zeichen kennt, versteht diese Sprache.«
Nach einem langen Schweigen sagte Jarmoskowski: »Ich verstehe. Sie waren sehr aufmerksam, Paul. Ich entnehme dem allen, daß Sie das sind, was man einen mißtrauischen Trunkenbold nennt. Aber ich danke Ihnen für die Warnung, Paul. Wollen wir mal annehmen, daß alles stimmt, was Sie über mich sagen. Na und? Wollen Sie es den anderen mitteilen? Wollen Sie bis ans Ende Ihrer Tage bekannt sein als …«
»Ich habe nicht die Absicht, irgend etwas zu sagen, wenn Sie mich nicht dazu zwingen. Sie sollten nur wissen, daß ich Bescheid weiß, falls Sie heute abend auf irgendeiner Handfläche den magischen Stern entdeckt haben sollten.«
Jarmoskowski lächelte. »Haben Sie auch daran gedacht, daß mir jetzt, da ich weiß, daß Sie Bescheid wissen, keine andere Wahl bleibt? Daß schon beim ersten Wort, das Sie zu mir sagten, Ihre Handfläche mit dem magischen Stern gebrandmarkt wurde?«
Daran hatte Foote nicht gedacht. Er hatte viel zuviel Zeit damit vergeudet, sich selbst einzureden, daß das Ganze nur eine Wahnvorstellung wäre. Das Messer fiel klappernd zu Boden, ehe er merkte, daß er es losgelassen hatte. Er strengte seine Augen an, um in der Dunkelheit seine Handflächen zu erkennen.
Von der anderen Seite des Zimmers erklang Jarmoskowskis distanzierte und amüsierte Stimme. »So – Sie hatten also nicht daran gedacht. So ein Pech. Besser nie als zu spät, Paul!«
Sein verschwommener Umriß schien stufenweise herabzusinken. Zuerst sah es nur aus, als ob er sich aufs Bett gesetzt habe; aber die Verkürzung ging immer weiter, dann schlängelte sich der Körper, und die Kleidung drehte sich mit, die Hemdbrust wurde ein undeutlicher Fleck auf der breiter werdenden Brust, die Schultern fielen herab, das spitze Kinn wurde zu einer stumpfen Schnauze, und die Zehennägel der Pfoten klickten auf den Fußboden, während er langsam auf Foote zuging. Er hielt den Schwanz gerade ausgestreckt, und die rauhe Haarkrause auf seinem Rücken stellte sich auf. Er schnüffelte.
Irgendwie setzte Foote seine Beine in Bewegung. Er fand den Türgriff und schleuderte sich in den Korridor hinaus.
Kaum eine Sekunde, nachdem er die Tür zugeschlagen hatte, donnerte ein schwerer Körper dagegen. Das Holz krachte laut. Er stemmte sich mit aller Macht gegen die Türfüllung. Er konnte fast nichts sehen; seine Augen schienen ins Innere seines Schädels gerollt zu sein.
Aus dem Dämmerlicht löste sich eine weiße Gestalt, und ein neuer Schauder überlief ihn. Aber es war nur das Mädchen.
»Paul! Um alles in der Welt! Was geht hier vor?«
»Schnell«, keuchte er, »bringen Sie mir Silber – irgendeinen schweren Gegenstand aus Silber – schnell!«
Das Drängen in seiner Stimme war stärker als ihr Erstaunen. Sie rannte in ihr Zimmer zurück. Dann verging eine ganze Ewigkeit, während er auf die Geräusche in Jarmoskowskis Zimmer lauschte.
Einmal dachte er, ein leises Rumpeln gehört zu haben, aber er war sich nicht sicher. In seinen Ohren brauste und pulsierte es so laut, daß er sich wunderte, daß nicht die ganze Umgebung davon aufwachte. Er hing am Türgriff und keuchte.
Dann kam das Mädchen und schleppte einen fast ein Meter hohen Silberleuchter herbei; eine Waffe, die für seine erschlafften Muskeln fast so schwer war. Er umklammerte den Türgriff nur noch mit der linken Hand und zückte den Leuchter ungeschickt mit der rechten.
»So«, sagte er in – wie er hoffte – grimmig entschlossenem Ton. »Jetzt kann er kommen.«
»Aber was ist denn eigentlich los?« fragte Doris. »Sie wecken ja das ganze Haus auf. Da, sehen Sie – selbst der Hund ist ‘reingekommen, um nachzusehen – «
»Der Hund!«
Er fuhr herum und ließ den Türgriff los. Keine zehn Schritte entfernt stand ein riesiges, kohlschwarzes Tier von fast einem Meter sechzig Länge und fletschte die glänzenden Zähne. Sobald es Foote erblickte, knurrte es. Seine Augen flackerten rötlich dunkel und still.
Dann sprang es.
Foote riß den Leuchter hoch und schwang ihn wieder – aber das Tier war weg. Es hatte mitten im Sprung abgestoppt. Am offenen Ende des Korridors bewegte sich etwas, dann war alles wieder dunkel und still.
»Er sah den Leuchter«, keuchte Foote. »Ist wahrscheinlich aus dem Fenster gesprungen und kam dann durch die Eingangstür herein. Dann sah er das Silber und machte sich davon.«
»Paul!« rief Doris. »Was – woher wußten Sie, daß es springen würde? Es war so riesig! Und was hat das Silber …«
Zu seiner eigenen Überraschung mußte er grinsen. Er konnte sich vorstellen, welchen Eindruck die Wahrheit auf Doris machen würde. »Das«, sagte er, »war ein Wolf, und zwar ein großer. Selbst die gewöhnliche Sorte ist nicht sehr freundlich, und …«
Im oberen Stockwerk erklangen Schritte, und dann dröhnte Newcliffes laut schimpfende Stimme. Newcliffe liebte laute Abende und stille Nächte. Jetzt schienen auch die anderen den Krach gehört zu haben, denn in kürzester Zeit drängten sich halbbekleidete Gestalten in den Korridor und wollten wissen, was los sei, oder verlangten entrüstet, daß man etwas weniger Lärm mache.
Abrupt ging das Licht an und beleuchtete verschlafene Gesichter und Gestalten im Nachthemd, die sich in Morgenröcke zwängen wollten. Newcliffe kam die Treppe herunter. Caroline, die ihn begleitete, sah selbst jetzt tadellos aus. Ihr verwundertes Gesicht war makellos schön. Sie war keine besondere Sportlerin, aber Parties liebte sie, und anscheinend war sie hocherfreut, daß die Party wieder losging.
»Was geht hier vor?« fragte Newcliffe nicht eben liebenswürdig. »Foote, haben Sie das angerichtet? Was soll der Lärm?«
»Werwolf«, sagte Foote und war sich bewußt, wie bedeutungslos das Wort klingen mußte. »Wir haben einen Werwolf hier. Und einer von uns ist als Opfer gebrandmarkt.«
Was hätte er sonst sagen sollen?
Eine Lawine von Fragen prasselte auf ihn hernieder, als die anderen ihn umdrängten. »Wie? Was war das? Ich glaube, er sagte Werwolf. Was soll das heißen. Jemand hat einen Wolf gesehen. Ist das vielleicht was Besonderes? Oh, dieser Lärm!«
»Paul«, klang Lundgrens Stimme durch das Geschrei. »Einzelheiten, bitte.«
»Jarmoskowski ist ein Werwolf«, sagte Foote entschlossen und bemühte sich, möglichst sachlich zu sprechen. »Ich hatte ihn schon länger unter Verdacht, ging in sein Zimmer und konfrontierte ihn mit meinen Beobachtungen. Er verwandelte sich vor meinen Augen.«
Die Erinnerung daran trieb ihm erneut den Schweiß aus den Poren. »Er erschien im Korridor und wollte uns angreifen. Ich habe ihn mit einem silbernen Leuchter in die Flucht geschlagen.« Er merkte, daß er den Leuchter noch in der Hand hatte und schwenkte ihn zum Beweis. »Doris hat den Wolf gesehen – sie kann es bestätigen.«
»Ja, ich sah ein riesiges hundeähnliches Tier«, gab Doris zu. »Und es sprang auf uns zu. Es war schwarz und hatte eine Menge Zähne. Aber, Paul – das soll Jan gewesen sein? Lächerlich!«
»Das kann man wohl sagen«, spottete Newcliffe. »Uns alle nur so zum Spaß aufzuwecken! Wahrscheinlich hat sich einer der Hunde losgemacht.«
»Haben Sie einen pechschwarzen Hund, der einen Meter sechzig lang ist?« fragte Foote verzweifelt. »Und wo ist Jarmoskowski jetzt? Wieso ist er nicht hier? Beantworten Sie mir diese Frage!«
Im Hintergrund gab Bennington ein skeptisches Grunzen von sich und öffnete die Tür zu Jarmoskowskis Zimmer. Alle wollten sich auf einmal hineindrängeln. Mühsam bahnte Foote sich einen Weg durch das Menschenknäuel.
»Sehen Sie? Hier ist er auch nicht. Und das Bett ist nicht berührt. Doris …« Er hielt inne und ihm wurde bewußt, was seine nächsten Worte für einen Eindruck machen mußten. Aber der Einsatz war zu hoch, als daß er auf gesellschaftliche Konventionen Rücksicht nehmen konnte. »Doris, Sie sahen ihn hineingehen. Sahen Sie ihn auch wieder herauskommen?«
Das Mädchen war verdutzt. »Nein, ich war ja in meinem Zimmer.«
»Gut. Jetzt sehen Sie sich mal das an.« Foote ging zum Fenster und zeigte hinaus. »Sehen Sie das? Die Spuren im Schnee?«
Einer nach dem anderen lehnte sich hinaus. Kein Zweifel. Die Spur eines Tieres, wohl die eines großen Hundes, begann direkt unter Jarmoskowskis Fenster an einer Stelle, wo aus dem zertretenen Schnee ersichtlich war, daß ein schwerer Körper dort gelandet war.
»Folgen Sie der Spur nur, sie führt zur Eingangstür und dann wieder weg – hoffe ich jedenfalls.«
»Haben Sie das schon festgestellt?« fragte James.
»Nicht nötig. Ich habe es ja mit eigenen Augen gesehen, James.«
»Vielleicht sind die Spuren bloß ein Zufall«, sagte Caroline. »Vielleicht ist Jan nur spazierengegangen.«
»Barfuß? Seine Schuhe sind hier.«
Bennington schwang sich mit einer für seinen dicken Bauch erstaunlichen Leichtigkeit über das Fensterbrett und ging in Pantoffeln der Spur nach. Nach einer Weile kam er durch die Tür wieder zurück.
»Paul hat recht«, sagte er in das aufgeregte Stimmengewirr. »Die Spur führt um die Terrasse herum zur Eingangstür, dann wieder weg und am Haus vorbei zum Golfplatz.« Er rollte ungeschickt die feuchten Pyjamabeine hoch. Foote fiel ein kleiner Stein vom Herzen; wenigstens war das Untier nicht mehr im Haus.
»Das ist doch alles völliger Unsinn«, erklärte Newcliffe ärgerlich. »Wir benehmen uns wie kleine Kinder, die sich im Dunkeln fürchten. Es gibt keine Werwölfe.«
»Darauf möchte ich nicht wetten«, sagte Ehrenberg. »Seit Jahrhunderten haben Millionen von Menschen an die Existenz von Werwölfen geglaubt. Wenn man die Zahl der Jahre mit der Zahl der Menschen multipliziert, kommt ein beträchtliches Endergebnis heraus, nicht wahr?«
Newcliffe wandte sich an Lundgren. »Chris, von Ihnen kann man wenigstens mit Sicherheit annehmen, daß Sie nicht den Verstand verloren haben.«
Der Psychiater lächelte dünn. »Sie haben meinen Stockholmer Vortrag nicht gelesen. Ich meine den Vortrag über Psychosen der Menschen im Mittelalter. Er befaßte sich hauptsächlich mit Lykanthropie – also mit Werwölfen.«
»Soll das heißen, daß Sie diese idiotische Geschichte glauben?«
»Ich habe Jarmoskowski schon in den frühen Abendstunden erkannt«, sagte Lundgren. »Er hat wohl seine Handflächen rasiert, aber er zeigt alle anderen Charakteristika – rötliche Augen bei Mondaufgang, gleichlange Zeige- und Mittelfinger, zugespitzte Ohren, zusammengewachsene Augenbrauen, gewölbtes Siebbein, obere Eckzähne verlängert. Kurz und gut – wir haben hier eine typische Überproduktion des Zirbeldrüsenhormons: einen Lykanthropen.«
»Warum haben Sie bis jetzt geschwiegen?«
»Weil ich nicht ausgelacht werden wollte«, sagte Lundgren trocken. »Und ich wollte Jarmoskowskis Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken. Menschen mit Drüsenstörungen sind unberechenbar.«
Foote grinste reuevoll. Wenn er daran gedacht hätte, ehe er Jarmoskowski stellte, würde er seinen Mund gehalten haben.
»Es gibt nicht mehr viele Fälle von Lykanthropie«, dozierte Lundgren. »Man findet höchstens in obskuren Zeitschriften etwas darüber. Es ist die wenig bekannte Entgleisung einer wenig bekannten Drüse mit innerer Sekretion. Darüber hinaus wissen wir nur das, was man schon anno vierzehnhundert wußte, nämlich daß diese Entgleisung anscheinend den Betroffenen befähigt, sein Erscheinungsbild willkürlich zu verändern.«
»Mir erscheint das Ganze immer noch absurd«, meinte Bennington. »Ich kenne Jan seit Jahren. Netter Kerl – hat mir mal aus einer verzwickten Lage geholfen, ohne daß er dazu verpflichtet war. Und ich glaube, es gibt schon genug Dissonanzen in diesem Haus, so daß ich wohl kein Unheil stifte, wenn ich sage, daß ich Paul Foote nicht mal so weit traue, wie ich ihn werfen kann. Bei Gott, Paul, wenn sich das als einer Ihrer beliebten Schabernacks herausstellen sollte…«
»Fragen Sie Lundgren«, sagte Foote.
Tiefes Schweigen folgte, das nur von schweren Atemzügen unterbrochen wurde. Lundgren war fast allen als die Autorität auf dem Gebiet der psychischen Anomalien durch hormonale Störungen bekannt. Niemand schien ihn fragen zu wollen.
»Paul hat recht«, sagte Lundgren. »Ob Sie es glauben oder nicht. Jarmoskowski ist ein Lykanthrop. Ein hyperpineal Gestörter. Keine andere Drüse kann die Blutgefäße des Auges so beeinflussen oder eine derartige Umorganisation der Soma ermöglichen. Jarmoskowski ist zweifellos ein Werwolf.«
Bennington sackte zusammen, und der Ausdruck indignierter Ungläubigkeit schwand aus seinem Blick. »Ich will verdammt sein!« murmelte er. »Das kann doch nicht wahr sein!«
»Wir müssen ihn noch heute nacht erwischen«, sagte Foote. »Er hat bei jemandem das Pentagramm gesehen – bei einem von uns.«
»Was ist das?« fragte James.
»Es ist ein fünfzackiger Stern in einem Kreis, ein uraltes magisches Symbol und in allen mystischen Büchern erwähnt, bis zurück zum vierten oder fünften Buch Mose. Der Werwolf sieht es auf der Handfläche seines nächsten Opfers.«
Ein keuchender Schrei entrang sich Doris’ Lippen.
»Also das war es!« rief sie. »Großer Gott, ich bin diejenige! Er sah irgend etwas auf meiner Hand, als wir im Korridor miteinander sprachen. Er war sehr erschrocken und ließ mich praktisch stehen. Er sagte, daß er mich vor etwas warnen wolle, und dann …«
»Beruhigen Sie sich«, sagte Bennington. »Je mehr wir sind, desto sicherer sind wir. Und wir sind ja alle hier.« Trotzdem konnte er sich nicht beherrschen, verstohlen über seine Schulter zu blicken.
»Das ist eine häufige Erscheinung bei lykanthropen Anfällen«, bestätigte Lundgren. »Aber, Paul, Sie irren sich über die Bedeutung, die er für einen Lykanthropen hat. Das Pentagramm bedeutet etwas ganz anderes. Doris, ich möchte Sie etwas fragen.«
»Ja – bitte, natürlich, Doktor Lundgren. Was möchten Sie wissen?«
»Was haben Sie heute abend mit der Knetmasse gemacht?«
»Ich – ich wollte Paul Foote einen Schreck einjagen«, sagte sie fast unhörbar.
»Wie? Glauben Sie mir, Doris, das ist sehr wichtig. Wie?«
»Aus seiner Zigarette kräuselte sich ein Rauchfaden. Ich – ich versuchte, ihm die Gestalt…«
»Sprechen Sie weiter.«
»… ihm die Gestalt einer Statuette zu geben«, sagte Foote trocken. Er spürte kalten Schweiß auf seiner Stirn. Das Mädchen warf ihm einen Seitenblick zu; dann nickte es und schlug die Augen nieder. »Die Musik war wie ein Anreiz«, murmelte sie.
»Sehr gut«, sagte Lundgren. »Doris, ich will Ihnen keine Schwierigkeiten machen. Haben Sie mit dieser Spielerei schon viel Erfolg gehabt?«
»In letzter Zeit, ja«, sagte sie lebhafter. »Es klappt nicht immer. Aber manchmal doch.«
»Chris, was soll das heißen?« fragte Foote.
»Das heißt, daß wir hier eine wichtige Verbündete besitzen, falls wir nur wissen, wie wir sie einzusetzen haben«, sagte Lundgren. »Im Mittelalter hätte man dieses Mädchen eine Hexe genannt. Heute würde man wahrscheinlich sagen, sie sei mit übernatürlichen Kräften begabt, obwohl ich gestehen muß, daß diese Ausdrucksweise auch nicht mehr erklärt.
Das ist die wahre Bedeutung des Pentagramms, und Jarmoskowski weiß es ganz genau. Der Werwolf kann sich am besten dann entfalten, wenn er eine Hexe zur Mithelferin hat, die ihm im menschlichen Leben Gefährtin, als Werwolf Spürerin und Markiererin ist. Die Erscheinung des Pentagramms zeigt dem Werwolf die Hexe, die er für sich bestimmt glaubt.«
»Das ist nicht gerade erfreulich«, sagte Doris mit schwacher Stimme.
»O doch. In all diesen uralten psychopathischen Verbindungen gibt es ein natürliches oder – wenn Sie so wollen – übernatürliches Gleichgewicht. Der Werwolf akzeptiert seine Partnerin in dem Glauben – der für ihn natürlich eine feststehende Erwartung ist –, daß die Hexe ihn früher oder später verraten wird. Das ist es, was Jarmoskowski so fassungslos gemacht hat; doch seine Verwandlung beweist, daß er das gewagte Spiel mitmacht. Er weiß so gut wie wir, wahrscheinlich sogar noch besser, daß Doris als Hexe noch ein Neuling und sich ihrer Fähigkeiten noch gar nicht bewußt ist. Er setzt ganz einfach darauf, daß wir nicht wissen, wie wir sie gegen ihn einsetzen können. Aber da irrt er sich.«
»Wir wissen also immer noch nicht, wen Jan sich als Opfer auserkoren hat«, sagte James schrill. »Damit ist alles klar. Wir müssen das – das Untier finden und töten. Wir müssen es töten, ehe es einen von uns umbringt – wenn nicht Doris, dann jemand anderen. Selbst wenn er uns verschont – es wäre genauso schlimm, ihn frei herumlaufen zu lassen.«
»Womit wollen Sie ihn töten?« fragte Lundgren sachlich.
»Eh?«
»Ich sagte, womit wollen Sie ihn töten? Mit dem Hormonüberschuß im Blut kann er über gewöhnliche Geschosse lachen. Und da es hier keine dem heiligen Hubert geweihte Kirchen gibt, können Sie ihn nicht mit einer wundertätigen Kugel in den Tod treiben.«
»Silber genügt«, sagte Frank.
»Ja, Silber genügt. Es vergiftet die Pinearin-Katalyse. Aber wollen Sie vielleicht einen ausgewachsenen Wolf mit Eßbestecken und Leuchtern erlegen? Oder versteht hier jemand genug von Metallurgie, um eine brauchbare Silberkugel gießen zu können?«
Foote seufzte. Jetzt, da die Last der Beweisführung von ihm genommen war und der Schock ihn ernüchtert hatte, war er fast wieder sein altes Selbst, trotz der tödlichen Drohung, die über ihm und den anderen schwebte.
»Ich hab’s ja immer gesagt«, meinte er, »auf einer Party bei den Newcliffes gibt es keine langweilige Minute.«
Es schlug halb zwei. Foote nahm eins von Newcliffes Gewehren und wog es in der Hand. Es fühlte sich nutzlos an. Er fragte: »Machen Sie Fortschritte?«
Die Gruppe am Küchenherd schüttelte wie auf Kommando gleichzeitig die Köpfe. Eine der Gasflammen war zu einem provisorischen Bunsenbrenner umgewandelt worden, und darüber versuchte man einige Gegenstände aus reinem Silber, meist mexikanischer Herkunft, zu schmelzen.
Als Schmelztiegel diente eine kleine irdene Schüssel. Die Stellfläche eines Blumentopfs diente als Deckel. Das Loch war mit Asbestfetzen ausgelegt, die man gewaltsam aus der Dachisolierung herausgerissen hatte. Lehmerde bildete das etwas zweifelhafte Bindemittel. Die große Flamme flackerte unregelmäßig und warf phantastische Schatten über die angespannten Gesichter.
»Jetzt ist es geschmolzen«, sagte Bennington, indem er den Deckel mit einer Zange anhob und vorsichtig darunterspähte. »Und was machen wir jetzt damit? Es von der Turmspitze hinunterfallen lassen?«
»Mit Schrot kann man keinen Wolf umbringen, es sei denn, man hat unverschämtes Glück«, erklärte Newcliffe. Jetzt, da es sich zeitweise nicht mehr um ein übernatürliches, sondern um ein gewöhnliches Jagdproblem handelte, war er in seinem Element. »Außerdem habe ich keine zuverlässige Schrotflinte. Aber es sollte uns doch gelingen, eine brauchbare Kugelform zustande zu bringen. Die Kugel sollte so weich sein, daß sie sich nicht im Lauf verklemmt.«
Er öffnete die Tür zur Kellertreppe und verschwand; in einer Hand hielt er ein paar normale Gewehrpatronen. Die Hunde begannen wieder leise zu jaulen. Doris zitterte. Foote legte einen Arm um ihre Schultern.
»Es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Wir werden ihn erwischen. Sie haben nichts zu befürchten.«
Sie schluckte. »Ich weiß«, sagte sie mit zugeschnürter Kehle. »Aber jedesmal, wenn ich daran denke, wie er auf meine Hände blickte, und wie rot seine Augen schillerten … Glauben Sie, daß er um das Haus herumschleicht? Daß die Hunde deshalb heulen?«
»Keine Ahnung«, sagte Foote bedächtig. »Aber bei Hunden kann man nie wissen. Sie können Dinge über weite Entfernungen hinweg spüren. Ich möchte annehmen, daß für eine Hundenase ein Mann mit Pinearin im Blutstrom eine starke Ausdünstung hat. Aber wahrscheinlich weiß er, daß wir hinter seinem Skalp her sind, und so wird er kaum in der Nähe herumschleichen.«
Sie brachte ein zittriges Lächeln zustande. »Ich will versuchen, nicht hysterisch zu werden.« Er klopfte ihr ungeschickt auf die Schulter und kam sich dabei ein bißchen komisch vor.
»Glauben Sie, daß wir die Hunde gebrauchen können?« wollte Ehrenberg wissen.
»Ganz bestimmt«, sagte Lundgren. »Hunde sind schon immer unsere besten Verbündeten gegen alle Abnormalitäten gewesen. Sie haben ja die Wut gesehen, in die Jarmoskowskis bloße Anwesenheit Brucey versetzte. Er muß die bevorstehende Verwandlung gespürt haben. Ah, Tom – was haben Sie erreicht?«
Newcliffe stellte eine hölzerne Umpflanzkiste auf den Küchentisch. »Ich habe von jedem Gewehr eine Patronenhülse aufgebrochen und die Kugel herausgenommen«, sagte er. »Eine habe ich dann in den Lehm hier gedrückt. Durch die Kälte ist der Lehm ziemlich hart geworden, so daß die Eindrücke brauchbare Formen abgeben sollten. Bringt das Silber her.«
Bennington hob den improvisierten Schmelztiegel vom Brenner, und sofort schoß eine hohe, flackernde blaue Flamme auf. James drehte sie vorsichtig aus.
»So, und jetzt gießen Sie«, sagte Newcliffe. »Chris, meinen Sie, daß es helfen würde, einen Segen oder so etwas zu rezitieren?«
»Nur wenn Jarmoskowski es hören könnte, und wahrscheinlich nicht einmal dann, da wir keinen Priester unter uns haben.«
»Na gut. Gießen Sie, Bennington, ehe die Masse zu hart ist.«
Bennington ließ in jede Form etwas geschmolzenes Silber fließen, und Newcliffe wischte den Überschuß weg, ehe er dick werden konnte. Zu jeder anderen Zeit hätte die Szene komisch gewirkt – jetzt erinnerte sie an eine groteske Darstellung von Holbein. Newcliffe hob die Kiste hoch und trug sie in den Keller, wo die leeren Patronenhülsen auf ihre neue Füllung warteten.
»Also, wer ist geeignet?« fragte Foote. »Wir haben sechs Gewehre. James, wie steht’s mit Ihnen?«
»Ich könnte nicht mal aus einem Meter Entfernung einen Elefanten treffen. Tom ist ein Meisterschütze. Bennington auch, jedenfalls mit einer Schrotflinte.«
»Ich kann auch mit einem Gewehr umgehen«, sagte Bennington unsicher.
»Ich auch«, sagte Palmer kurz. »Nicht daß ich mich vordrängen will.«
»Ich habe einige Erfahrung im Schießen«, sagte Foote. »Während der Schlacht von Dünkirchen habe ich sogar mal etwas getroffen.«
»Und ich«, sagte Lundgren, »bin Ehrenmitglied der schweizerischen Miliz.«
Niemand lachte. Selbst Palmer merkte, daß Lundgren sich auf seine ihm eigene unauffällige Art brüstete, und daß er dazu jedes Recht hatte. Newcliffe kam wieder zum Vorschein.
»Ich hab’ sie ‘rausgeholt, mit Schnee gekühlt und mit einer Feile geglättet. Wahrscheinlich haben sie sich in hohem Maß kristallisiert, aber das braucht uns nicht zu stören. Schlimmstenfalls gehen sie wie Dumdumgeschosse los – ich hoffe, niemand von Ihnen wird den Einwand erheben, daß das nicht human wäre?«
Er lud jedes Gewehr mit einer Patrone und sicherte die Waffen. »Hat keinen Sinn, richtig aufzuladen, denn normale Kugeln sind sowieso nutzlos, wie Chris sagt. Sie müssen eben mit dem ersten Schuß treffen. Wer ist ausgewählt worden?«
Foote, Palmer, Lundgren und Bennington nahmen jeder ein Gewehr. Newcliffe nahm das fünfte und gab das letzte seiner Frau.
»Moment mal«, protestierte James. »Glauben Sie, daß das richtig ist, Tom? Ich meine, Caroline mitzunehmen?«
»Aber natürlich«, sagte Newcliffe erstaunt. »Sie schießt geradezu phantastisch – hat mich schon ein paarmal um einen Preis gebracht. Ich dachte, alle würden mitkommen.«
»Das wäre nicht richtig«, sagte Foote, »besonders nicht für Doris, da der Wolf … Ich will sagen, daß sie meiner Ansicht nach nicht mitkommen sollte.«
»Wollen Sie einen Scharfschützen zu ihrem Schutz abziehen? Oder wollen Sie sie allein hierlassen?«
»O nein«, schrie Doris auf, »nicht hier! Ich muß mitkommen! Ich will nicht ganz allein im Haus warten. Vielleicht kommt er zurück, und dann wäre niemand bei mir. Das könnte ich nicht ertragen!«
»Schwer zu sagen, was Jarmoskowski aus einer solchen Situation für Lehren ziehen würde«, sagte Lundgren, »oder, was noch schlimmer ist, was er Doris beibringen könnte, ohne daß sie es merkt. Für uns andere – verzeihen Sie meine brutale Aufrichtigkeit, Doris –, wäre es viel übler, wenn er sie nicht töten würde als umgekehrt. Es ist besser, wenn wir das bißchen Magie, über das wir verfügen, mitnehmen, als daß wir es für Jan hierlassen.«
»Damit wäre die Frage entschieden«, sagte Newcliffe entschlossen. »Gehen wir. Es ist schon nach zwei.«
Er zog seinen dicken Mantel an und stapfte mit dem verschlafenen Stallknecht hinaus, um die Hunde freizulassen. Auch die übrigen zogen sich warm an. Doris und Caroline nahmen Skianzüge. Nacheinander trafen sie wieder im Wohnzimmer ein.
Lundgrens Augen hefteten sich auf eine Vase mit irisähnlichen Blumen, die auf dem Flügel stand. »Nanu, was ist denn das?« fragte er.
»Eisenhut«, wurde er von Caroline informiert. »Wir züchten die Pflanzen im Gewächshaus. Hübsch, nicht? Obwohl der Gärtner sagt, daß sie giftig sind.«
»Chris«, sagte Foote, »es sind doch nicht etwa – Wolfsblumen?«
Der Psychiater schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Botaniker und kann die verschiedenen Eisenhutarten nicht voneinander unterscheiden. Aber das ist auch gleichgültig; Lykanthropen sind gegen alle Arten allergisch. Der Blütenstaub, verstehen Sie? Es ist wie beim Heuschnupfen. Der Lykanthrop atmet den Blütenstaub ein, es kommt zu einem anaphylaktischen Schock und …«
»Wie der letzte Dreh des Messers«, murmelte James.
Von draußen hereindringendes Hundegebell kündigte an, daß Newcliffe fertig war. Mit ernsten Mienen ging die Gesellschaft auf die Terrasse hinaus. Aus irgendeinem Grund vermied jeder, auf die Wolfsspuren im Schnee zu treten. Sie machten den Eindruck von zum Tode Verurteilten auf dem Wege zum Richtplatz. Lundgren nahm einen der Blütenzweige mit.
Der Mond war schon im Untergehen, und sein Licht warf den Schatten des Hauses weit ins Gelände. Aber es war immer noch hell genug, und außerdem war das Haus vom Keller bis zur Turmspitze erleuchtet. In der durcheinanderwirbelnden, kläffenden Meute entdeckte Lundgren Brucey und hielt ihm blitzschnell den Blumenzweig vor die Nase. Der Hund schnupperte kurz daran, duckte sich zusammen und knurrte leise.
»Wolfsblumen«, sagte Lundgren. »Die anderen Eisenhutarten machen Hunden nichts aus. Das ist wahrscheinlich die Basis der Legende. Sie sollten Ihren Gärtner entlassen, Caroline. Vielleicht ist er schuld daran, daß dies mitten im Winter geschehen konnte. Normalerweise ist die Lykanthropie eine Herbstkrankheit.«
James sagte:
»Selbst ein Mann, der innig betet,
Ehe er sich legt zur Ruh’,
Kann zum Wolf werden,
wenn die Wolfsblume blüht,
Und der helle Mond schaut zu.«
»Hören Sie auf, Sie flößen mir Grauen ein«, schnappte Foote ärgerlich.
»Also, die Hunde wissen jetzt Bescheid«, sagte Newcliffe. »Gut. Sie hätten es schwer gehabt, die Spur vom hartgefrorenen Schnee aufzunehmen, aber Brucey kann sie anführen. Gehen wir.«
In den Schneeverwehungen waren die Wolfsspuren klar und deutlich zu sehen. Der Schnee hatte eine harte Kruste, von der ein böiger Wind feine pulvrige Schauer winziger Eiskristalle hochwirbelte. Die Spur führte seitlich am Haus vorbei, wie Bennington berichtet hatte, und weiter zum Golfplatz. Die kleine Gruppe stapfte grimmig daneben. Für die Hunde war die Spur kalt, aber ab und zu nahmen sie doch eine schwache Witterung auf, und dann drängten sie vorwärts und zerrten ihren Herrn mit. Meistens mußten sich die Verfolger allerdings auf ihre Augen verlassen.
Im Westen, über dem Firth of Lome, hatten sich die Wolken dick zusammengeballt. Der Mond sank tiefer. Footes Schatten, mal lang, mal kurz, marschierte vor ihm her, und der verharschte Schnee knirschte und krachte unter seinen Füßen. Die Nacht schien unnatürlich still zu sein, als warte sie auf etwas; und die Gruppe der Verfolger bewegte sich in tiefem Schweigen, das nur hin und wieder von einem Knurren oder einem gedämpften Bellen unterbrochen wurde.
Einmal lief die Spur ein Stück zurück, dann wieder vorwärts, als ob das Untier sich einen Moment umgedreht hätte, um einen Blick zurück zum Haus zu werfen, ehe es weiterschlich. Aber sonst lief die Spur direkt auf den dunklen Waldrand zu.
Als der Gürtel des Gebüschs begann, blieben alle stehen und blickten angestrengt voraus, die Gewehre halb im Anschlag. Die Mündungen schwankten nervös mit, wenn die Hunde ihre Köpfe hin und her wandten. Weit hinter ihnen segelte der riesige Wolkenschatten weiter. Gegen den schwarzen Hintergrund wirkte das hell erleuchtete Haus, als ob es lichterloh brenne.
»Wir hätten das Licht ausmachen sollen«, murmelte Newcliffe, als er zurückblickte. »Es verrät uns.«
Die Hunde zerrten an ihren Leinen. Von Westen her ertönte ein kaum hörbares Rumpeln wie von einem Wintergewitter. Brucey wandte seine zuckende Nase zum Wald zu und knurrte.
»Er ist da drin, ganz bestimmt.«
»Wir sollten uns beeilen«, wisperte Bennington. »In fünf Minuten ist es stockfinster. Es sieht nach Sturm aus.«
Noch immer zögerten sie und äugten in das schweigende Dunkel des Waldes. Dann wedelte Newcliffe mit den Händen, als Zeichen dafür, daß man eine auseinandergezogene Schützenkette bilden sollte. Die anderen gehorchten und folgten ihm dann. Footes Finger zitterten am Drücker.
Der Wald war tiefdunkel und still. Ab und zu knarrte ein Ast, wenn jemand dagegen stieß, oder krachte ein Zweig wie eine scharfe Explosion. Foote konnte fast nichts sehen. Seine Füße verfingen sich im Unterholz oder brachen hart durch die Schneekruste. Jedesmal, wenn er mit der Schulter gegen einen Baumstamm stieß, fielen ganze Schneeschauer auf ihn hernieder.
Nach einer Weile begannen die verzerrten, kahlen Bäume ihn an etwas zu erinnern. Er dachte kurz nach, dann hatte er es. Es war ein Kupferstich von Dore vom Höllenwald in einer illustrierten Dante-Ausgabe, der ihm eine panische Angst eingejagt hatte, als er noch klein war: Der Wald, in dem jeder Baum ein Sünder war und Nester von Harpyien trug, und wo jeder Zweig blutete, wenn er abgebrochen wurde. Noch immer jagte ihm das Bild einen leisen Schauder ein; im Vergleich dazu erschien ihm der Wald hinter Newcliffes Golfplatz fast gemütlich.
Die Hunde zerrten und keuchten, wanden sich hierhin und dorthin; doch jetzt knurrten sie nicht mehr, sondern schwiegen mit gespannter, mordlustiger Aufmerksamkeit. Eine Hand berührte Footes Arm, und er schrak zusammen. Aber es war nur Doris.
»Sie wittern etwas«, flüsterte Bennington. »Lassen wir sie los, Tom.«
Newcliffe zog straff an, beugte sich dann hinunter und machte die Leinen los. Ein Hund nach dem anderen sprang lautlos vorwärts und verschwand.
Über den Wald hinweg zogen die aufkommenden Sturmwolken und verhüllten den Mond. Jetzt war es stockfinster. Aus Newcliffes freier Hand schoß der Strahl einer starken Taschenlampe und fiel auf eine Spur im Schnee. Das blauweiße Licht schien die Dunkelheit noch schwärzer zu machen.
»Ich tu’s nicht gern«, sagte Newcliffe. »Dadurch verraten wir uns. Aber er weiß ja, daß wir … Oh, jetzt schneit es wieder!«
»Dann wollen wir gehen, ehe die Spur zugeschneit ist«, sagte Foote.
Vielstimmige ungestüme Standlaute, die wie Töne aus Jagdhörnern klangen, schollen plötzlich durch den Wald. Es waren wilde und herrliche Laute. Foote, der so etwas noch nie gehört hatte, hatte eine Sekunde lang das Gefühl, sein Herz stünde still. Niemals hätte er eine so reine Harmonie mit profanen Hundekehlen assoziiert.
»Ja, das ist es!« rief Newcliffe. »Hört sie euch an! Los, pack ihn, Brucey!«
Sie stürzten sich mit lautem Krachen vorwärts. Das Gebell schien wie Glockenklang zu dröhnen.
»Was für ein Lärm«, keuchte Bennington. »Die wecken ja die ganze Umgebung auf!«
Sie arbeiteten sich blindlings durch den verschneiten Wald vorwärts. Dann hatten sie plötzlich eine kleine Lichtung erreicht. Schneeflocken schwebten durch die Luft. Etwas schoß zwischen Footes Beinen hindurch, schnappte wild nach ihm, und er stolperte und fiel in eine Schneeverwehung.
Eine Stimme schrie etwas Unverständliches. Footes Mund war voll Schnee. Er riß seinen Kopf hoch – und sah direkt in die roten, wutglühenden Augen des Wolfs.
Er stand auf der anderen Seite der Lichtung, den Kopf Foote zugewandt, und die Hunde sprangen um ihn herum und schnappten wütend nach seinen Beinen. Er gab keinen Laut von sich, sondern stand da mit gespreizten Vorderläufen, den Kopf unter die gewaltigen Schultern geneigt, die Lippen in einer Travestie von Jarmoskowskis Lächeln zurückgezogen. Seiner langen Schnauze entströmte der Atem als horizontaler Dampfstrahl, wie der Schweif eines unheilbringenden Kometen.
Er war stärker als alle anderen zusammen, und er wußte es. Einen Augenblick lang stand er bewegungslos, nur der dichte Schwanz pendelte langsam hin und her. Dann kam einer der Hunde ihm zu nahe.
Der massige Kopf fuhr zur Seite. Der Hund jaulte auf und sprang zurück. Die Hunde waren bereits gewarnt; einer von ihnen wand sich auf dem Boden, und eine schwarze Pfütze färbte den Schnee.
»Schießt, in Gottes Namen!« kreischte James.
Newcliffe schlug sein Gewehr an, ließ es aber unentschlossen wieder sinken. »Ich kann nicht«, sagte er. »Die Hunde sind mir in der Schußlinie.«
»Zum Teufel mit den Hunden – wir sind doch nicht auf einer Fuchsjagd! Schießen Sie, Tom, Sie sind der einzige von uns, der frei steht!«
Palmer war es, der den ersten Schuß abgab. Er hatte keinen Grund, Newcliffes kostbare Hunde zu schonen. Gleichzeitig erspähte Foote einen schmalen Spalt zwischen den Hunden und nutzte die Gelegenheit.
Der Doppelschlag der beiden Gewehre hallte durch den Wald, und hinter der linken Hinterpfote des Wolfs stäubte der Schnee auf. Die andere Kugel – man würde nie herausbekommen, welche näher am Ziel gewesen war – traf gegen einen hartgefrorenen Baumstamm und jaulte als Querschläger weiter. Der Wolf duckte sich langsam zum Sprung.
Die Verfolger stöhnten auf; mit donnernder Stimme rief Newcliffe seine Hunde zurück. Bennington nahm mit unendlicher Sorgfalt Ziel.
Der Werwolf wartete nicht länger. Mit einem heiseren Aufbrüllen raste er durch die Hunde hindurch und griff an.
Foote sprang schützend vor Doris und hielt einen Arm vor seine eigene Kehle. Die Welt schien sich in ein Pandämonium aus Schreien, Brüllen, Knurren und dem frenetischen Gebell der Hunde aufzulösen. Der Schnee fiel dicht. Newcliffes Taschenlampe fiel zu Boden und rollte weg. Sie sandte ihren Lichtstrahl zu den Wipfeln der Bäume empor.
Dann gab es einen Laut, als ob ein schwerer Körper sich schnell entferne. Allmählich erstarb der Lärm.
»Ist jemand verletzt?« fragte James. Ein lautes »Nein« ertönte von allen Seiten.
»Das genügt nicht«, prustete Bennington. »Ein Toter kann nicht mehr reden. Kopfzählung, bitte!«
Newcliffe hatte seine Taschenlampe geholt und leuchtete herum, aber der Schneefall hatte sich zum Schneesturm entwickelt, und es war nichts zu erkennen. »Caroline?« fragte er besorgt.
»Ja, mein Guter. Völlig durchnäßt, aber lebend.«
»Doris? Gut. Paul, wo sind Sie – oh, ich glaube, ich kann Sie sehen. Ehrenberg? Und Palmer? So, das war’s, Bennington. Weiter war niemand eingeladen, außer …«
»Er hat sich davongemacht«, sagte Bennington ironisch. »Die Unterhaltung behagte ihm nicht. Und diesmal deckt der Schnee seine Spur zu. Rufen Sie Ihre Hunde zurück, Tom.«
»Nicht mehr nötig«, sagte Newcliffe. Zum erstenmal, seit das Unheil begonnen hatte, klang seine Stimme etwas müde. »Wenn ich sie einmal rufe, dann genügt das.«
Er ging mit schweren Schritten zu dem verletzten Hund, dessen Körper schwach zuckte, als ob er dem Befehl seines Herrn folgen wollte. Newcliffe hockte sich hin und streichelte den sich hin und her windenden Kopf.
»So – so«, sagte er sanft. »So, Brucey. Komm, sei ruhig. So, Brucey – so.«
Immer noch murmelnd, brachte er das Gewehr mit einer Hand in Anschlag. Der Schwanz des Hundes schlug einmal gegen den Schnee.
Das Gewehr krachte.
Newcliffe stand langsam auf und wandte seinen Blick ab.
»Sieht aus, als ob wir die erste Runde verloren haben«, sagte er tonlos.
Der Morgen schien rasch anzubrechen. Der Butler ging phlegmatisch durchs ganze Haus und schaltete das Licht aus. Falls er wußte, was vorging, ließ er sich nichts anmerken.
Newcliffe telefonierte mit London. »Cappy? Hier spricht Tom. Hören Sie zu und passen Sie gut auf, es ist verdammt wichtig. Rufen Sie bei Consolidated Warfare an – nein, nein, nicht in Zürich, es gibt eine Niederlassung in London – und bestellen Sie eine Kiste Gewehrpatronen vom Kaliber .30 – lassen Sie mich ausreden, zum Kuckuck, ich bin noch nicht fertig! – mit Silberkugeln. Ja, Sie haben richtig gehört – Silber –, und zwar reines Silber. Nein, nicht Sterlingsilber, das ist zu hart für meine Zwecke. Sagen Sie den Leuten, sie sollen die Sendung per Flugzeug schicken; ich muß sie bis morgen haben. Ist mir egal, ob das unmöglich ist. Bieten Sie ihnen genug an, ich bezahle es. Und die Sendung ist mir direkt ins Haus zu liefern. Am Loch Rannoch, zwanzig Kilometer westlich von Blair Atholl. Natürlich wissen Sie, wo es ist, aber woher soll der Pilot es wissen, wenn Sie es ihm nicht sagen? Jetzt wiederholen Sie alles.«
»Knoblauch«, sagte Lundgren zu Caroline. Sie schrieb es brav auf ihre Einkaufsliste. »Wie viele Fenster hat das Haus? Wir brauchen für jedes eine Zehe und außerdem ein halbes Dutzend Gläser gemahlenen Rosmarin.«
Er wandte sich an Foote. »Wir müssen an jede Möglichkeit denken«, sagte er ernst. »Sobald Tom mit dem Telefonieren fertig ist, werde ich versuchen, den Ortspfarrer zu erreichen und ihn bitten, mit einem Haufen silberner Kruzifixe herzukommen. Sie müssen mir glauben, Paul, daß all dieser mittelalterliche Hokuspokus eine echte physiologische Basis hat.
Die Kräuter haben eine spasmolytische Wirkung – sie wirken ähnlich wie Adrenalin bei Heufieber und kupieren den Anfall. Möglicherweise kann Jan seine Wolfsgestalt nicht beibehalten, wenn er genug davon in die Lungen bekommt.
Was das Religiöse betrifft – nun, das ist vielleicht ein rein psychologischer Effekt, vielleicht auch nicht, das kann ich nicht beurteilen. Es kann sein, daß Jan davon nicht beeindruckt wird, falls er ein Skeptiker ist, aber ich habe den Verdacht, daß er …« Hier versagte Lundgrens sonst so vorzügliches Englisch. Offensichtlich war das gesuchte Wort nicht in seinem Vokabular enthalten. »Abergläubisch«, sagte er. »Criandre.«
»Ich verstehe«, sagte Foote.
»Wer könnte wohl mehr Grund dafür haben als er?«
»Aber wie kann er überhaupt die Wolfsgestalt beibehalten, Chris?«
»Oh, das ist am leichtesten. Sie wissen ja, daß Wasser die Form des Behälters annimmt, in den man es füllt? Nun, auch das Protoplasma ist flüssig. Das Hormon der Zirbeldrüse verringert die Oberflächenspannung der Zellen. Gleichzeitig stellt es eine direkte Verbindung zwischen dem sympathischen Nervensystem und der Gehirnrinde her, indem es die Leistungsfähigkeit des Liquors als Elektrolytträger über die Norm hinaus steigert…«
»Halt, da komme ich nicht mehr mit!«
»Ich erkläre es Ihnen später. Ich habe einige Bücher in meinem Gepäck, die sich mit diesem Problem befassen, und die ich Ihnen zeigen möchte. Jedenfalls ist das Resultat ein innerhalb bestimmter Grenzen verformbarer Körper. Die Wolfsgestalt ist die leichteste, da beim Skelettaufbau gewisse Ähnlichkeiten bestehen. Das Pinearin kann den Knochenbau nicht wesentlich beeinflussen. Eine Affengestalt wäre noch leichter, aber die Grenzen der eigenen Ökologie werden nie überschritten. Ein Weraffe wäre in Afrika logisch, aber nicht hier. Außerdem fressen Affen keine Menschen, und das ist der schrecklichste Aspekt dieser Krankheit.«
»Und Vampire?«
»Vampire«, dozierte Lundgren autoritativ, »sind Leute, die wir in Gummizellen einsperren. Es ist unmöglich, das Knochengerüst so weit zu verändern. Sie bilden sich nur ein, daß sie Fledermäuse seien. Aber auch das gehört in das Gebiet der hormonalen Imbalanz.
Die Endstadien sind spektakulär. Mit dem Ansteigen des Pinearin-Blutspiegels ist die zellulare Oberflächenspannung so weit reduziert, daß die Zellen buchstäblich verkochen. Am Schluß ist nur noch ein Mischmasch da. Der Prozeß kommt zum Stillstand, wenn das Gefäßsystem das Hormon nicht länger transportieren kann, aber natürlich stirbt das Opfer, ehe es soweit kommt.«
Foote schluckte. »Und es gibt kein Heilmittel?«
»Noch nicht. Nur Linderungsmittel. Vielleicht wird man einmal ein Heilmittel entwickeln – aber bis dahin … Glauben Sie mir, wir tun Jan einen Gefallen.«
»Außerdem«, sagte Newcliffe, »fahren Sie hin und holen mir sechs Selbstlader. Nein, keine Brownings, damit kann man nicht gut umgehen. Am besten amerikanische T-siebenundvierzig. Na schön, von mir aus ist die Konstruktion geheim – wozu zahlen wir soviel Bestechungsgelder an CWS? Was? Nun, man könnte es eine Belagerung nennen. Gut, Cappy. Nein, ich komme diese Woche nicht. Zahlen Sie alle aus und schicken Sie die Leute bis auf weiteres nach Hause. Nein, Sie natürlich nicht. Gut. Ja, das scheint in Ordnung zu sein.«
»Ein Glück, daß Newcliffe reich ist«, sagte Foote.
»Ein Glück, daß er mich – und Sie hat«, sagte Lundgren. »Wollen mal sehen, ob die Methoden des zwanzigsten Jahrhunderts mit diesem mittelalterlichen Wahnsinn fertig werden.«
Newcliffe hing auf, und Lundgren legte sofort das Telefon in Beschlag.
»Sobald der Stallknecht aus dem Dorf zurück ist«, sagte Newcliffe, »gehe ich ‘raus und lege Fallen. Vielleicht kann Jan verborgenes Metall entdecken – es gibt Hunde, die es bei feuchtem Wetter wittern können –, aber man muß es versuchen.«
»Was könnte ihn denn daran hindern, einfach wegzugehen?« fragte Doris hoffnungsvoll. Ihre von Erschöpfung und Furcht umschatteten Augen rührten Foote. Nichts erinnerte mehr an das fröhliche junge Mädchen im Skianzug, das erst vor so kurzer Zeit hier aufgekreuzt war.
»Ich fürchte – Sie!« sagte er sanft. »So wie ich es verstehe, glaubt er, daß er durch das Pentagramm gebunden ist.« Vom Telefon her, wo er anscheinend mit jedem Ohr auf ein anderes Gespräch lauschte, nickte Lundgren energisch herüber. »In den alten Büchern ist das Zeichen als sichere Falle für Dämonen und ähnliches beschrieben, wenn man sie hineinlocken oder –zaubern kann. Und wenn der Werwolf einmal die ihm bestimmte Partnerin erkannt hat, fühlt er sich gezwungen, so lange zu bleiben, bis die Verbindung vollzogen ist.«
»Macht Ihnen das nicht Angst vor mir?« fragte Doris mit zitternder Stimme.
Er berührte ihre Hand. »Seien Sie nicht albern. Schließlich muß man ja nicht alles glauben, was die Legende berichtet, bloß weil ein Teil der Wahrheit entspricht. Das Pentagramm müssen wir akzeptieren; aber ich persönlich möchte kein Urteil fällen, was die Hexerei betrifft.«
Lundgren sagte »Entschuldigung!« und legte eine Hand über die Sprechmuschel. »Dauert nur sieben Tage«, sagte er.
»Der Zwang? Dann müssen wir ihn vorher erwischen.«
»Vielleicht könnten wir trotzdem heute nacht schlafen«, sagte Doris zweifelnd.
»Von Schlaf kann keine Rede sein, bis wir ihn haben«, verkündete Newcliffe. »Ich könnte den Kerl in flüssigem Blei sieden, weil er Brucey umgebracht hat.«
»Brucey«, schnaubte Palmer. »Können Sie denn an nichts als Ihre verdammten Köter denken, wenn unser aller Leben in Gefahr ist?« Newcliffe drehte ihm den Rücken zu, aber Bennington ergriff seinen Arm.
»Jetzt ist’s genug«, sagte der Amerikaner ruhig. »Und das gilt für Sie beide. In unserer Lage können wir nicht Streit anfangen. Ich weiß, daß Sie mit den Nerven am Ende sind. Uns allen geht es so. Aber ein Streit würde es Jan nur leichter machen.«
»Bravo«, sagte Lundgren. Er legte den Hörer auf und gesellte sich den anderen zu. »Es war nicht schwierig, den ehrwürdigen Vater für die Idee zu gewinnen«, sagte er. »Er war verblüfft, aber er wies es nicht von sich. Leider hat er nur genug Kruzifixe für die Fenster im Erdgeschoß, jedenfalls silberne. Er sagt, goldene seien viel beliebter. Ach, übrigens, er möchte ein Bild von Jan, falls er im Dorf auftauchen sollte.«
»Es gibt keine Fotos von Jarmoskowski«, sagte Newcliffe entschieden. »Er hat nie gestattet, daß man ihn fotografiert. Das hat seinem Konzertmanager ganz schönes Kopfzerbrechen bereitet.«
»Das ist selbstverständlich«, sagte Lundgren. »Da seine Zellradiogene ständig stimuliert sind, würde jede Aufnahme überbelichtet sein – wahrscheinlich wäre gar nichts zu sehen. Und das wiederum würde Jan entlarven.«
»Das ist zwar schade, aber keine Katastrophe«, sagte Foote. Er war froh, sich nützlich machen zu können. Aus Carolines Schreibsekretär nahm er einen Briefbogen und einen Bleistift heraus. Innerhalb von zehn Minuten hatte er den Kopf von Jarmoskowski im Drei-Viertel-Profil gezeichnet, so wie er ihn an dem schon so lange zurückzuliegen scheinenden Abend am Flügel gesehen hatte. Lundgren betrachtete die Zeichnung.
»Haargenau getroffen«, sagte er. »Tom kann das mit einem Boten ins Dorf schicken. Sie können sehr gut zeichnen, Paul.«
Bennington lachte. »Damit sagen Sie ihm nichts Neues«, sagte er. Trotzdem, dachte Paul, war der Kritiker nicht mehr so feindselig wie sonst.
»Und was nun?« fragte James.
»Wir warten«, sagte Newcliffe. »Palmers Gewehr ist durch die eine handgegossene Kugel ruiniert, und Footes sieht nicht besser aus. Wir können es uns nicht leisten, daß unsere Waffen unbrauchbar sind. Wie ich Consolidated kenne, sind die maschinengegossenen Kugeln morgen hier, und dann besteht Hoffnung, daß wir ihn erwischen. Im Moment können wir uns nur ruhig verhalten und hoffen, daß unsere Verteidigungsmittel wirksam sind. Er hat bewiesen, daß er uns im offenen Gelände überlegen ist.«
Die anderen blickten sich besorgt an. Allmählich begriffen sie, was es hieß, tagsüber hilflos und untätig zu warten und verwunschene Nächte durchzustehen. Aber dem einmütigen Beschluß der beiden Meisterjäger – Newcliffe und Lundgren – mußten sie sich beugen.
Die Konferenz endete in Schweigen.
Als Foote mit einem der Bücher, die Lundgren ihm geliehen hatte, in das kleine Arbeitszimmer kam, war er überrascht und etwas enttäuscht, Caroline und Doris dort zu finden. Doris saß auf einem Hocker dicht am Kamingitter, das Feuer wärmte ihr Gesicht, und eine Flut rotgoldenen Haares floß über ihren Rücken. Caroline, die dicht hinter ihr saß, bürstete es mit gleichmäßigen Strichen.
»O Pardon«, sagte er. »Ich wußte nicht, daß Sie hier sind. Ich wollte ein bißchen lesen, und dieser Raum schien mir dazu sehr geeignet.«
»Aber natürlich, Paul«, sagte Caroline. »Lassen Sie sich durch uns nicht stören. Wir kamen wegen des Kaminfeuers her.«
»Ja, wenn Sie bestimmt nichts dagegen haben …«
»Nicht das geringste«, sagte Doris. »Wenn unsere Unterhaltung Sie nicht belästigt.«
»Nein, nein.« Er ging zum Schreibtisch, wo die langhalsige Lampe stand, knipste sie an und legte das Buch in den Lichtkreis. Carolines Arm vollführte wieder rhythmische, monotone Bewegungen über Doris’ gebeugtem Kopf. Die beiden boten ein interessantes Bild: Caroline war nicht mehr die langgesichtige Hund- und Pferd-Engländerin im Reitanzug, sondern das genaue Gegenteil davon, hochgewachsen, zarthäutig und fähig, ein großes Abendkleid bezaubernd natürlich zu tragen; und doch war sie stets eindeutig die Frau desselben Mannes. Doris hingegen war von dem fidelen jungen Mädchen zu einer vorzeitig in sich zurückgezogenen Jungfrau geworden, die am Seeufer wartet; ihre Jugend wurde durch die mütterliche Gestalt, die ihr übers Haar strich, nicht so sehr betont als vergeistigt.
Aber dieses einemal hatte er etwas zu tun, das ihm wichtiger vorkam als die Skizze zu einer Studie. Er wandte ihnen den Rücken zu, setzte sich hin und schlug das Kapitel auf, das Lundgren erwähnt hatte. Er hätte es lieber mit Lundgren durchgesprochen, aber der Psychiater, so gut er sich auch gehalten hatte, fühlte sein Alter und hatte sich zu Bett gelegt.
Das Buch las sich nicht leicht. Es handelte sich um einen Überblick über seltene Psychosen in rustikalen Bevölkerungsschichten.
Der Verfasser war ein Amerikaner, der eine unerträgliche gönnerhafte Einstellung zu den von ihm diskutierten Themen hatte, und darüber hinaus dadurch behindert war, daß ihm jegliche rudimentäre Vertrautheit mit der englischen Sprache abging. Foote hegte den Verdacht, daß sich früher oder später jemand wie Lundgren der ganzen Sache von vorn annehmen mußte.
Hinter ihm verschmolz das Murmeln der Frauenstimmen mit dem Knistern der Flammen. Es war ein warmes, melodisches Geräusch und so einschläfernd, daß Foote sich am Ende praktisch eines jeden der schlecht aufgebauten Abschnitte dabei ertappte, wie er einnickte. So war er gezwungen, fast jeden zweiten Satz noch einmal zu lesen.
»Ich glaube, daß Sie Tom zu Ihrem ergebenen Sklaven gemacht haben«, sagte Caroline. Die Bürste fuhr knisternd durch das Haar des Mädchens. »Er haßt Frauen, die immer schwatzen müssen. Das ist Pech für ihn, denn er mag Künstler aller Sorten, und so viele davon sind Frauen.«
… UND INNERHALB WENIGER Jahre konnte ich einer erstaunten Welt beweisen, daß zwischen geheimkräftiger Magie und den sympathetikomimetischen Ritualen der Kindheit eine deutliche Beziehung besteht, die direkt in Verbindung gebracht werden kann mit den unwissenden Phantastereien balkanischen Aberglaubens, von dem ich soeben eine so grafische Serie von Beispielen gegeben habe. Kurz danach konnte ich mit Hilfe der Doktoren Egk und Bergenweiser demonstrieren …
»Und viele von ihnen sind leider Pianistinnen«, sagte Doris. »Manchmal wünschte ich, daß ich Harfe oder Fagott spielen würde.«
»Wissen Sie, manchmal wünschte ich, ich wäre keine Frau. Es gibt wirklich viel Konkurrenz auf der Welt. Ihr Haar ist wunderschön. Der weiße Streifen ist so sehr Mode geworden, daß es ein Vergnügen ist, mal einen echten zu sehen.«
»Danke, Caroline. Sie haben mir sehr geholfen. Es geht mir schon viel besser.«
»Ich habe noch nie eine Frau getroffen«, sagte Caroline, »die sich nicht sofort besser fühlte, wenn sie anständig frisiert war. Bedrückt Sie diese Sache wirklich so sehr?«
… um klarzumachen, daß diese total falsche Auffassung der realen Welt keine REALEN Konsequenzen haben kann, außer im Geist der Unwissenden. Um die Berichte der sich getäuscht habenden Beobachter zu erklären, müssen wir vor allem annehmen …
»Wie könnte es anders sein? Noch vor ein paar Tagen hätte ich nicht einen Gedanken daran verschwendet, aber wir sind doch wirklich auf die Jagd nach Jan gegangen, und es scheint doch tatsächlich keinen Zweifel mehr zu geben. Es ist so furchteinflößend.«
»Natürlich ist es das«, sagte Caroline. »Trotzdem würde ich darüber keinen Schlaf verlieren. Ich erinnere mich, wie Brucey eine Kolik hatte, als er fünf Wochen alt war. Zu der Zeit wurde London von diesen fliegenden Dingern zerbombt. Tom regte sich gräßlich auf, und wir hatten das Haus voller Flüchtlinge, was alles noch komplizierte. Und Jan ist wirklich ein netter Kerl, er hat viel für die Bewegung zur Föderation der Welt getan, war einer der besten Redner, den wir je hatten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er jemandem weh tun könnte. Ich weiß, was Tom machen würde, wenn er feststellen müßte, daß er sich in einen Wolf verwandeln kann. Er würde sich selbst den Behörden stellen. Er ist wirklich ein ernster Mensch und verbringt jedes Wochenende mit all diesen Künstlern, bis man sich fragen muß, ob es überhaupt noch einen normalen Menschen auf der Welt gibt. Aber Jan hat Sinn für Humor. Morgen ist er wieder da und lacht uns aus.«
Foote blätterte eine Seite um, aber er gab nur noch vor, zu lesen.
»Chris nimmt es sehr ernst«, sagte Doris.
»Natürlich, er ist ja Fachmann. So, das wäre geschafft. Und da ist Paul und liest sich die Augen aus dem Kopf. Ich hatte Sie ganz vergessen. Haben Sie etwas gefunden?«
»Nicht viel«, sagte Foote und wandte sich um. »Ich brauche Chris, damit er mir alles erklärt. Ich habe zu wenig Übung darin, aus derartigen Arbeiten das Wesentliche herauszuziehen. Morgen mache ich mich mit ihm zusammen noch mal daran.«
Caroline seufzte. »Männer sind so hartnäckig. Ist es nicht wundervoll, wie wichtig Chris für uns geworden ist? Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, daß er mal der Held unserer Party wird.«
Doris stand auf. »Wenn Sie mit mir fertig sind, Caroline – ich bin sehr müde. Gute Nacht, und vielen Dank. Gute Nacht, Paul.«
»Gute Nacht«, sagte Foote.
»Fertig«, sagte Caroline. »Gute Nacht, meine Liebe.«
Wieder war es tiefe Nacht. Der Schneesturm war vorbei, überall gab es neue Verwehungen, und der Mond wurde langsam sichtbar. Ein starker Wind, der die Dachrinne entlangpfiff, an den Fenstern rüttelte und Äste knarren ließ, trieb die Wolken über das Haus hinweg der Nordsee zu.
Die Geräusche brachten Unruhe in die Atmosphäre des Hauses, die wegen der geschlossenen Fenster heiß und stickig war und nach Knoblauch stank. Es war schwierig, aus ihnen andere, weniger willkommene Laute herauszuhören. In dem leeren Zimmer neben Foote verursachten sie ein Kommen und Gehen von dünnen Geistern, und die geduckte Erwartung eines aufgedeckten Bettes, das eines merkwürdig deformierten Gastes harrte – eines Gastes, der sich trotz des silbernen Kruzifixes auf dem Kopfkissen hineinlegen würde.
In Footes Gehirn war die Schranke zwischen dem Realen und dem Irrealen gefallen, und er konnte nicht länger zwischen dem Kommen und Gehen von Wolkenschatten und den dunklen Wegen der Geister unterscheiden. Er hatte das verschleierte Grenzland betreten, wo alles unwirklich ist.
Nach einer Weile fühlte er sich in der stagnierenden Luft schweben, bereit, beim leisesten Anstoß durch das ganze Zimmer bis zur Türschwelle zu treiben. Über ihm schliefen andere unruhig oder stöhnten und fuhren hoch, daß die Federn quietschten. Irgend etwas sickerte durch die Dunkelheit auf sie zu, gefolgt vom Wind, der die Türen zählte.
Eins.
Zwei.
Drei. Schon näher.
Vier. Der vierte Schläfer strampelte ein bißchen. Foote konnte über sich ein leises Knarren der Fußbodenplanken hören.
Fünf.
Sechs. Wer war Nummer sechs. Wer ist der nächste? Wer?
Sieben …
O mein Gott, ich bin der nächste, ich bin der nächste …
Er rollte sich zitternd zusammen. Der Wind erstarb, und eine überwältigende, unruhige Stille erfüllte den Raum. Nach langen Minuten streckte er sich wieder aus und verfluchte sich selbst. Allerdings nicht laut, denn er hatte Angst davor, seine eigene Stimme zu hören. Hör schon auf damit, Foote, du elender Narr. Du benimmst dich wie ein Kind, das sich vor dem schwarzen Mann versteckt. Du bist absolut sicher. Lundgren hat es gesagt.
Mama hat es gesagt.
Woher weiß Lundgren das?
Er ist ein Fachmann. Er hat einen Artikel geschrieben. Los, sei wieder ein Kind. Erinnerst du dich an deinen kindlichen Glauben an das gedruckte Wort? Also, dann. Jetzt schlaf ein, verstehst du?
Da geht das verdammte Zählen wieder los.
Doch nach einer Weile schlief er ein, aber nicht für lange, und im Traum fiel er durch solche Abgründe, daß er im Kampf mit der Decke erwachte und nach der verbrauchten, knoblauchstinkenden Luft schnappte. In seinem Mund war ein fauliger Geschmack, und sein Herz schlug dumpf. Er warf die Decke ab, setzte sich auf, zündete mit zitternder Hand eine Zigarette an und versuchte, die Schatten, die die Streichholzflamme warf, nicht zu sehen.
Er wartete nicht länger auf das Ende der Nacht. Er hatte vergessen, daß es je Tageslicht gegeben hatte. Er wartete nur auf das leise, unabwendbare Schnüffeln, das ihm die Ankunft seines Besuches anzeigen würde. Aber als er aus dem Fenster blickte, sah er den hellen Streifen des ersten Morgenlichts über dem Wald. Nachdem er eine Weile ungläubig hinübergestarrt hatte, drückte er die Zigarette am Fuß des Leuchters aus – den er ständig mit sich herumschleppte, als ob er an ihm angewachsen sei – und ließ sich in die Kissen fallen. Er schlief sofort fest ein.
Als er wieder erwachte, hörte er Benningtons Stimme. »Stehen Sie auf, Mann«, sagte der Kritiker. »Nein, Sie brauchen nicht nach dem Leuchter zu greifen, bis jetzt ist alles in Ordnung.«
Foote grinste und angelte nach seinen Hosen. »Welch Vergnügen, einen so freundlichen Ausdruck in Ihrem Gesicht zu sehen, Bennington«, sagte er.
Bennington war etwas verlegen. »Ich habe Sie falsch beurteilt«, sagte er. »Wahrscheinlich muß es erst zu einer Krise kommen, damit mein schwerfälliges Gehirn begreift, welche Eigenschaften ein Mensch hat. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich trotzdem Ihre neuesten Abstraktionen weiterhin ablehne?«
»Das ist doch Ihr Beruf, ein Miesmacher zu sein«, sagte Foote fröhlich. »Also, was ist los?«
»Newcliffe ist schon sehr früh hinausgegangen und hat die Fallen inspiziert. In einer war ein prächtiger Hase – heute gibt’s Hasenpfeffer, wird Ihnen bestimmt schmecken –, die andere war leer, aber an dem Metall und auf dem Schnee fanden wir Blutspuren. Lundgren schläft noch, und wir haben alles für ihn aufgehoben, was wir vom Metall abschabten. Trotzdem dürfte die Sache jetzt schon klar sein; es handelt sich um ein Fetzchen Fleisch mit grobem schwarzem Haar.«
James steckte seinen Kopf ins Zimmer und kam dann herein. »Ich hoffe, das macht ihn zum Krüppel«, sagte er und fingerte geschickt eine Zigarette aus Footes Hemdentasche. »Ich bitte um Verzeihung. Außer dem Butler ist das ganze Personal getürmt, und niemand will uns Zigaretten aus dem Dorf bringen.«
»Meine Güte«, sagte Foote, »was sind Sie doch für ein munteres Paar! Hübscher Sonnenaufgang, nicht?«
»Ja.«
In der Küche gesellte sich Ehrenberg zu ihnen, dessen sonst so frisches Gesicht blaß und übermüdet wirkte.
»Einen besonders schönen guten Morgen, Hermann. Wie sehen Sie denn aus? Und wie wünschen Sie das Frühstücksei zubereitet?«
»Verdammt, wie können Sie nur so fidel sein? Sie müssen selber teilweise ein böser Geist sein.«
»Und Sie ein Engel, denn kein menschliches Wesen kann so lange tödlich ernst sein – nicht mal am Fuß des Schafotts.«
»Bennington, wenn Sie mein Frühstück anbrennen lassen, schmeiße ich Sie ohne einen Pfennig Wegzehrung ‘raus. – Hallo, Doris. Können Sie kochen?«
»Ich werde Kaffee kochen.« Während sie noch sprach, tauchte Newcliffe auf, die Pfeife zwischen den Zähnen. »Wie steht’s mit Ihnen, Tom?«
»Zu gütig«, sagte Newcliffe. »Schauen Sie mal, wofür halten Sie das?« Er holte ein Knäuel Ölpapier aus seiner Jackentasche und öffnete es vorsichtig. Auf dem Papier lagen ein paar blutige Fetzen. Doris würgte und wandte sich ab.
»Die hab’ ich heute früh aus der Falle geholt – Sie waren dabei, Bennington –, und da war Haar dran. Und jetzt sehen Sie mal genau hin.«
Foote piekte mit seinem Bleistift in den Fetzen herum. »Menschlich«, sagte er.
»Das denke ich auch.«
»War das nicht zu erwarten? Es war zwar schon hell, als Sie die Falle öffneten, aber die Sonne war noch nicht aufgegangen. Bei Tageslicht nimmt ein Werwolf Menschengestalt an – das hier verwandelte sich nur ein paar Minuten, nachdem Sie es eingewickelt hatten. Was das Haar betrifft – das hier sieht aus wie ein blutbeflecktes Stück aus Jarmoskowskis Hemdmanschette.«
»Ja, wir haben ihm was abgezwickt«, stimmte Bennington zu.
»Übrigens«, sagte Newcliffe, »wir haben bereits den ersten Deserteur. Palmer ist heute früh abgereist.«
»Kein großer Verlust«, sagte James. »Aber ich kann es ihm nachfühlen. Wenn alles vorbei ist, werde ich mich einen Monat in Brighton erholen, und wenn die Welt zusammenstürzt!«
»Was? Jetzt im Winter?«
»Ist mir egal. Ich werde mir anschauen, wie sich Ebbe und Flut im WC abwechseln.«
»Wenn Sie dann überhaupt noch leben«, sagte Ehrenberg düster.
»Hermann, Sie sind ein Spaßverderber und denken nur an den Weltuntergang.«
Von draußen drang ein Geräusch herein. Es klang wie der größte Teekessel der Welt. Etwas flitzte oben am Himmel vorbei, drehte sich um und flitzte zurück. Foote trat ans Fenster.
»Schauen Sie sich das an«, sagte er und beschattete die Augen mit einer Hand. »Eine Avro-Düsenmaschine – und der Pilot will hier landen. Der muß total verrückt sein.«
Das Flugzeug kreiste mit abgestellten Motoren. Es verlor an Höhe, setzte auf dem Golfplatz auf und rollte mit atemberaubender Geschwindigkeit direkt auf den Waldrand zu. In letzter Sekunde fing der Pilot es souverän ab, und der Schnee stäubte in Fontänen hoch.
»Bei allen Göttern, ich wette, das sind Newcliffes Kugeln!«
Sie rannten durch die Diele auf die Terrasse hinaus. Newcliffe stapfte ohne Mantel und Kopfbedeckung auf das Flugzeug zu. Einige Minuten später kam er mit dem Piloten angekeucht. Sie trugen eine kleine Holzkiste. Dann gingen sie zur Maschine zurück und brachten eine größere Kiste, die offensichtlich nicht so schwer war.
Newcliffe sprengte den Deckel der ersten Kiste ab. Dann seufzte er tief auf. »Da sind sie – glänzende Messingpatronen und stumpfe Silberladungen, genau eingeschliffen. Ein Anblick, der jeden Künstler entzücken sollte. Von wo sind Sie gestartet?«
»Croydon«, sagte der Pilot. »Wenn Sie gestatten, Mr. Newcliffe, man sagte mir, daß ich gleich kassieren soll. Das macht sechshundert Pfund für die Gewehre, zweihundertfünfzig für die Munition und hundertfünfzig für mich. Alles in allem tausend Pfund.«
»Ein durchaus annehmbarer Preis. Ich schreibe Ihnen gleich einen Scheck aus.«
Foote pfiff durch die Zähne. Ganz offensichtlich – nicht, daß er je daran gezweifelt hatte – verdiente Tom Newcliffe seinen Lebensunterhalt nicht mit Malen.
Der Pilot nahm den Scheck, und kurz darauf begann der Riesenteekessel wieder zu pfeifen. Aus der großen Kiste nahm Newcliffe funkelnagelneue Gewehre heraus, seltsame unhandliche Dinger mit Mündungssperre und unverhältnismäßig langen Schäften.
»Jetzt kann er kommen«, sagte er grimmig. »Mit der Munition brauchen wir nicht zu sparen, wir haben eine ganze Kiste voll. Sobald er auftaucht, schießen Sie unaufhörlich, als ob Sie einen Gartenschlauch in der Hand haben. Es sind Schnellfeuer-Gewehre. Wenn Sie ihn irgendwo voll treffen, und sei es nur an der Hand, wird der Schock ihn töten. Wenn Sie seinen Leib treffen, wird eine so große Fläche zerfetzt, daß er sich nicht mehr verwandeln kann.«
»Jemand sollte Chris aufwecken, damit auch er im Gebrauch unterwiesen werden kann. Doris, seien Sie nett und klopfen Sie an seine Tür.«
Doris nickte und ging die Treppe hinauf.
»Dieser Hebel hier ist der Unterbrecher. Wenn Sie ihn so einstellen, feuert das Gewehr einen Schuß ab und lädt sich dann automatisch, genau wie ein Garand-Gewehr. Wenn Sie ihn so einstellen, muß man selbst laden. Diese Einstellung ist für Dauerfeuer, dann wird jede Patrone aus dem Magazin mit hoher Geschwindigkeit ausgeworfen.«
»Donnerwetter«, sagte James bewundernd. »Damit könnten wir uns eine ganze Armee vom Hals halten.«
»Moment mal – zwei scheinen zu fehlen.«
»Das ist alles, was Sie ausgepackt haben«, sagte Foote.
»Ja, aber ich selbst hatte zwei ältere Modelle. Ich habe sie nie gebraucht, denn es schien mir nicht sportlich, mit einer solchen Kanone auf die Jagd zu gehen. Aber gestern abend habe ich sie aus dem Schrank genommen.«
»Oh«, sagte Bennington wie in plötzlicher Erleuchtung. »Ich dachte mir schon, daß mein Schießprügel ein bißchen komisch aussah. Ich hab’ letzte Nacht damit geschlafen. Lundgren hat das zweite.«
»Wo ist Lundgren? Doris müßte ihn längst aufgeweckt haben. Sehen Sie doch mal nach, Bennington, und bringen Sie mir das Gewehr mit.«
»Ist der Rückstoß nicht sehr stark?« fragte Foote.
»Nicht so sehr, deshalb ist ja die Mündungssperre da. Aber es ist doch Vorsicht geboten, wenn Sie auf Dauerfeuer einstellen. Am besten schießt man aus der Hüfte heraus, nicht von der Schulter – was ist das?«
»Benningtons Stimme«, sagte Foote, und seine Kiefermuskeln schienen plötzlich gelähmt zu sein. »Doris ist etwas zugestoßen.« Alle rasten die Treppe hinauf.
Vor Lundgrens offener Tür lag Doris zu Benningtons Füßen. Sie war unverletzt und nur ohnmächtig. Der Kritiker war gerade dabei, sich heftig zu übergeben.
Auf Lundgrens Bett lag etwas.
Die Kehle war zerfleischt, und das Gesicht und alle Weichteile fehlten. An einer Stelle war das rechte Bein bis auf den Knochen durchgenagt, der im Sonnenlicht weiß und wie poliert glänzte.
Foote stand im grellen Licht der Lampen neben dem Flügel. Er hob die T–47 und betrachtete die anderen, die ängstlich vor ihm standen.
»Nein«, sagte er, »so nicht. Ich will nicht, daß Sie dicht zusammengedrängt stehen. Stellen Sie sich in einer Linie an der Wand da drüben auf, so daß ich jeden einzelnen sehen kann.«
Er grinste kurz. »Ich hab’ Sie wohl überrascht wie? Keiner hat sein Gewehr zur Hand. Natürlich steht ein schwerer Leuchter hinter Ihnen, Tom – aha, dachte ich’s mir doch, daß Sie danach schielten –, aber ich weiß aus Erfahrung, daß er für ein Wurfgeschoß zu schwer ist. Außerdem hab’ ich Sie schneller erschossen, als Sie mich erschlagen könnten.« Seine Stimme wurde bösartig. »Und das tue ich auch, wenn Sie mich dazu zwingen. Ich rate daher jedem von Ihnen – auch den Damen – jede plötzliche Bewegung zu vermeiden.«
»Was soll das heißen, Paul?« fragte Bennington ärgerlich. »Als ob die Dinge nicht schon schlimm genug wären …«
»Sie werden mich gleich verstehen. Stellen Sie sich zu den anderen, Bennington. Schnell!«
Er bewegte das Gewehr unmißverständlich. »Und denken Sie daran, was ich über plötzliche Bewegungen gesagt habe. Draußen mag es zwar dunkel sein, doch habe ich das Licht nicht zum Spaß eingeschaltet.«
Schweigend stellten die Leute sich an der Wand auf. In ihren Augen spiegelte sich der Verdacht, daß Foote wahnsinnig geworden sei – oder noch etwas Schlimmeres.
»Gut. Jetzt können wir die Unterhaltung beginnen. Sie müssen verstehen, daß ich nach dem, was Chris passiert ist, kein Risiko eingehen will. Zum Teil war es seine Schuld, zum Teil meine. Aber die Götter gestatten nicht, daß man sich in einer solchen Sache zweimal irrt. Er hat für seinen zweiten Irrtum bezahlt, und zwar einen Preis, den ich nicht zahlen möchte, und den niemand hier zahlen soll, wenn ich es verhindern kann.«
»Würden Sie uns mit einer Erklärung beehren, um was für einen Irrtum es sich handelt?« fragte Newcliffe eisig.
»Ja. Ich nehme es Ihnen nicht übel, daß Sie wütend auf mich sind, Tom, da ich Ihr Gast bin. Aber im Augenblick muß ich Sie alle gleich behandeln. Ich mochte Lundgren gern.«
Einen Moment herrschte Schweigen, dann zog Bennington leicht seufzend die Luft ein. »Alle gleich?« flüsterte er verstört. »Mein Gott, Paul! Sagen Sie uns, was Sie damit meinen!«
Alle atmeten schwer. »Ich sehe, Sie wissen es bereits, Bennington. Ich meine damit, daß Lundgren nicht von Jarmoskowski getötet wurde. Jemand anders hat ihn umgebracht. Ein anderer Werwolf – ja, wir haben jetzt zwei. Und einer befindet sich hier in diesem Zimmer.«
»Überrascht?« fragte Foote kalt und deutlich. »Aber es ist die Wahrheit. Der Irrtum, für den Chris so teuer bezahlt hat, ein Irrtum, den auch ich begangen habe, ist der folgende: Nach dem Kampf mit Jan haben wir vergessen, jeden einzelnen auf Verletzungen zu untersuchen. Damit haben wir eines der wichtigsten Gesetze der Lykanthropie außer acht gelassen.
Ein Mensch, der den Biß eines Werwolfs überlebt, wird selbst zu einem Werwolf. So wird die Krankheit übertragen. Anscheinend gelangt das Pinearin im Speichel des Wolfs in den Blutkreislauf, stimuliert die Zirbeldrüse des Opfers und …«
»Es wurde aber niemand gebissen, Paul«, sagte Doris verdächtig besänftigend.
»O doch, selbst wenn es nur eine leichte Verletzung war. Niemand außer Chris und mir konnte über die Möglichkeit einer Infektion durch Bißwunden Bescheid wissen. Anscheinend bekam jemand ein paar Kratzer ab, hielt sie nicht für erwähnenswert, pinselte Jod darauf und vergaß das Ganze – bis es zu spät war.«
Die Linie der Menschen bewegte sich sacht. Köpfe drehten sich verstohlen, Blicke wanderten nach rechts und nach links.
»Paul, das ist doch nur eine Hypothese«, sagte Ehrenberg. »Es besteht kein Grund für die Annahme, daß es wirklich so gewesen ist, nur weil es plausibel klingt.«
»Es gibt einen Grund. Jarmoskowski kann nicht ins Haus gelangen.«
»Das ist nicht bewiesen«, sagte Ehrenberg.
»Ich werde es beweisen. Sobald sich der Anfall ereignet hatte, war Chris logischerweise das erste Opfer. Der Experte und somit der gefährlichste Feind. Ich wünschte, ich hätte schon vor dem Mittagessen daran gedacht. Dann hätte ich beobachten können, wer von Ihnen keinen Appetit hatte. Wie dem auch sei, wenn ich recht habe, dann verhindern Chris’ Schutzmaßnahmen gegen Jarmoskowskis Eindringen auch Ihr Entkommen. Falls Sie sich einbilden, daß Sie jemals diesen Raum verlassen können, sind Sie im Irrtum!«
Er knirschte mit den Zähnen und beherrschte sich wieder. »So«, sagte er. »Damit wäre ich am Ende angekommen. Strecken Sie Ihre Hände aus!«
Fast in der gleichen Sekunde war ein rasender Wolf im Zimmer.
Nur Foote, der die ganze Linie überblickte, konnte wissen, wer es war. Sein mühsam zusammengekratzter Mut, der auf schierer Angst basierte, verließ ihn, und nur entsetztes Mitleid blieb zurück. Er ließ das Gewehr fallen und brach in krankhaftes Schluchzen aus. Das Untier duckte sich zum Sprung an seine Kehle.
Newcliffes Hand zuckte zurück und ergriff den Leuchter. Er sprang vorwärts und ließ ihn gegen die Flanke des Werwolfs sausen. Mit scharfen Splittern barsten Rippen. Der Wolf wurde herumgeschleudert, seine Schenkel schlugen auf dem Fußboden auf. Wieder schlug Newcliffe zu. Das Tier stürzte nieder, aufheulend wie ein Hund, der von einem Auto überfahren wird, und seine Fänge schnappten ins Leere.
Dreimal hob Newcliffe den Leuchter hoch und ließ ihn auf den Kopf krachen. Dann schrie das Tier mit einer fast vertraut klingenden Stimme auf und verendete.
Langsam tasteten sich die Körperzellen in ihre Ausgangspositionen zurück. Selbst das Fell bewegte sich, schob sich zusammen, wurde regelmäßiger – wie Stoff.
Die schleichende Metamorphose wurde nie abgeschlossen; doch das Ding mit den haarigen Schenkeln und dem zerschmetterten Schädel, das zu Newcliffes Füßen lag, war erkennbar.
Einst war es Caroline Newcliffe gewesen.
Tränen rannten an Footes Handflächen entlang, quollen darunter hervor und fielen auf den Teppich. Nach einer Weile ließ er die Hände sinken. Verschwommen sah er in dem gelben Licht eine unbewegliche Gruppe von Wachsfiguren. Benningtons Gesicht war aschgrau vor Übelkeit, aber so unbewegt wie das einer Statue. James hatte sich gegen die Wand gelehnt; er betrachtete den abnormalen Leichnam, als ob er auf eine Bewegung warte. Ehrenberg hatte sich mit geballten Fäusten abgewendet.
Was Newcliffe betraf, so zeigte er überhaupt keine Gefühlsregung. Er blieb stehen, wo er war, den blutverschmierten Kerzenleuchter in der Hand haltend.
Sein Blick war leer.
Dann ging Doris zu Newcliffe und berührte mitfühlend seine Schulter. Dieser körperliche Kontakt schien wie ein geöffnetes Ventil zu wirken. Er fiel sichtbar in sich zusammen, mit gebeugten Schultern; sein ganzer Körper schien zu einer ausgetrockneten Hülle zusammenzuschrumpfen.
Der Leuchter fiel zu Boden, schwankte wild auf dem Sockel hin und her und schlug dann über den Leichnam. Dabei kullerte Footes Zigarettenende hervor, das den ganzen Tag lang am Sockelwulst geklebt hatte, und rollte in verrückten Kringeln über den Fußboden.
»Tom«, sagte Doris sanft. »Kommen Sie. Hier können Sie nichts mehr tun.«
»Es war das Blut«, sagte seine leere Stimme. »Sie hatte einen Riß an ihrer Hand. Faßte die von der Falle geschabten Fetzen an. Meine Falle. Ich bin schuld. Nur ein Schnitt mit einem Brotmesser, als sie die Canapes herrichtete. Ich bin schuld.«
»Nein, Tom. Sie haben keine Schuld. Jetzt müssen Sie sich ausruhen.«
Sie nahm ihn bei der Hand. Er folgte ihr gehorsam, stolpernd, während seine bespritzten Schuhe über den Teppich schlurften, und sein Atem kam wie ein leises Wispern aus seinen Lungen. Dann schlossen sich die Doppeltüren hinter ihnen.
Bennington raste zum Spülbecken in der Küche.
Foote setzte sich auf den Klavierschemel, sein müdes Gesicht war steif von angetrockneten Tränen. Wie die meisten Nichtmusiker tippte er fast in einer Reflexbewegung auf die Tasten. Ehrenberg rührte sich nicht vom Fleck, er stand so still, als ob er gar nicht dazugehörte, aber James wurde von dem Geklimper aus der Starre gerissen. Er ging durchs Zimmer, machte einen großen Bogen um den Leichnam, und blickte auf Foote hinunter.
»Sie haben richtig gehandelt«, sagte er mit schwankender Stimme. »Verdammen Sie sich nicht selbst, Paul. Was Sie taten, war absolut richtig – und auch gnädig.«
Foote nickte. Er fühlte – nichts. Gar nichts.
»Der Leichnam?« sagte James.
»Ja. Es muß wohl sein.« Er stand auf. Zusammen hoben sie den Körper hoch; man konnte ihn schlecht halten. Ehrenberg verharrte stumm, blind und taub. Sie manövrierten sich durch das Haus und weiter bis zum Gewächshaus.
»Wir sollten sie hierhin legen«, sagte Foote, und auf seiner Zunge lag plötzlich ein scharfer, saurer Geschmack. »Hier, wo die Wolfsblume blühte, die alles auslöste.«
»Das wäre eine Art poetischer Gerechtigkeit«, sagte James. »Aber ich glaube nicht, daß es klug wäre. Tom hat dort hinten einen Werkzeugschuppen, der nicht geheizt ist. Dort sollte es kühl genug sein.«
Sanft legten sie den Körper auf den Zementfußboden, breiteten ein paar grobe Säcke aus und rollten den Körper auf diese Unterlage. Zum Zudecken schien nichts vorhanden zu sein. »Wir können sie morgen früh abholen lassen«, sagte Foote.
»Werden wir nicht mit den Behörden Schwierigkeiten haben?« fragte James stirnrunzelnd. »Eine Frau, deren Schädel mit einem stumpfen Gegenstand zertrümmert wurde …«
»Ich glaube, der Pfarrer wird uns helfen, und mit Lundgren auch«, sagte Foote traurig. »In Schottland kann die Sterbeurkunde vom Pfarrer ausgestellt werden. Außerdem, Alec – ist das hier eine Frau? Zweifellos ist es nicht Caroline.«
James warf einen kurzen Blick auf die haarigen, muskulösen Schenkel. »Nein. Im juristischen Sinn ist es – nichts. Ich verstehe, was Sie meinen.«
Sie kehrten zum Haus zurück. »Und Jarmoskowski?« fragte James.
»Heute nacht nicht. Wir sind alle zu müde und erschüttert. Und es scheint auch sicher genug für uns zu sein. Dafür hat Chris gesorgt.«
Ehrenberg war verschwunden. James sah sich in dem großen leeren Raum um.
»Noch eine Nacht. Ach, was ist das für eine elende Geschichte. Gute Nacht, Paul.«
Er ging hinaus. Foote blieb noch ein Weilchen stehen und betrachtete nachdenklich den Blutflecken auf dem kostbaren Perserteppich. Dann befühlte er sein Gesicht und seinen Hals, untersuchte seine Hände, Arme und Beine und seine Brust.
Nicht ein Kratzer. Tom hatte sehr schnell gehandelt. Er war erschöpft, konnte sich aber nicht überwinden, zu Bett zu gehen. Lundgren war tot, und jetzt war es sein Problem. Ihm war klar, wie wenig er immer noch darüber wußte, aber es stand fest, daß die anderen noch viel weniger wußten als er. Jetzt war er der Herr im Haus, und die Verantwortung für den nächsten Todesfall würde auf ihm lasten.
Er ging im Zimmer herum, überzeugte sich, daß die Fenster geschlossen und die Kruzifixe an ihrem Platz waren, und knipste die Lampen aus. Der Knoblauch fing an ranzig zu werden – er stank wie Mercaptan –, war aber, soweit er es beurteilen konnte, noch wirksam. Er ließ eine Lampe brennen, nahm sein Gewehr und ging in den Korridor hinaus.
Die Tür von Doris’ Zimmer stand offen, doch fiel kein Lichtschimmer heraus. Anscheinend war sie noch oben und kümmerte sich um Newcliffe. Ein paar Minuten stand er unentschlossen da, dann zog er sich mühsam die Treppe hinauf.
Er fand sie in Carolines Zimmer, den Kopf auf den Arm gelegt, inmitten der umhergestreuten kostbaren Dosen und Flaschen, die zu Carolines kosmetischem Inventar gehörten. Das Zimmer war erstaunlich verspielt eingerichtet; selbst über dem Telefon saß eine Puppe. Dies war wohl der einzige Raum gewesen, den Caroline als ihre ureigene Domäne betrachtet hatte, wo die athletische Gutsherrin der sehr weiblichen Frau hatte weichen müssen.
Und was hatte wiederum die anmutige Frau verjagt? War sie in eine entfernte Ecke ihres Seins gedrängt worden, als Caroline von dem Untier, das sich in ihr entwickelte, mehr und mehr in Besitz genommen wurde? Was spielte sich im Gehirn eines Werwolfs ab?
Gestern abend zum Beispiel, als sie Doris’ Haar bürstete, war sie ihm ganz und gar wie die Caroline Newcliffe mit dem schönen Gesicht und dem leeren Verstand vorgekommen, für die er eine echte Zuneigung fühlte. Aber da war sie schon im Besitz des anderen. Sein Hals zog sich schmerzhaft zusammen, als er sich bewußt wurde, daß in ihrer mütterlichen Fürsorge schon etwas von der gespannten Aufmerksamkeit des Jägers gelegen hatte.
Männer sind so hartnäckig. Ist es nicht wundervoll, wie wichtig Chris für uns geworden ist?
In diesem Augenblick hatte sich ihr Ziel von Doris zu Chris verlagert, und das hatte nur Footes Bemerkung über seine Unfähigkeit bewirkt, ohne die Hilfe des Psychiaters zurechtzukommen. Heute abend hatte er gesagt, daß Chris das logischste Angriffsziel gewesen sei, weil er der Experte war – doch das war Caroline gar nicht klar zu Bewußtsein gekommen, höchstens als Nachgedanke. So arbeitete der Verstand eines Wolfs; Caroline selbst hatte zuerst nur die Gefahr erkannt, die in der Hartnäckigkeit lag.
Und es war Caroline, die Frau, und nicht der Wolf gewesen, die Doris ursprünglich als erstes Opfer auserkoren hatte. Schließlich war Doris, dank Toms Vorliebe für maskuline Sportarten und seiner Abneigung gegen moderne Mädchen, die einzige andere Frau auf der Party gewesen; und Caroline hatte erwähnt, daß Tom sich zu Doris hingezogen fühlte. Wo fing der Wolf an, wo hörte der Mensch auf? Oder waren beide ineinander verschmolzen wie zwei ursprüngliche harmlose Substanzen, deren Verbindung giftig ist? Früher war Caroline zur Eifersucht nicht fähig gewesen, aber als das Übel ihr Blut verseuchte, war sie nicht mehr nur sie selbst gewesen.
Er seufzte. Doris, die fest zu schlafen geschienen hatte, rührte sich, und als er über die Schwelle trat, fuhr sie auf. Ihre Augen waren gerötet und hatten einen merkwürdigen Ausdruck.
»Entschuldigen Sie«, sagte er, »aber ich habe Sie gesucht. Ich muß mit Ihnen reden, Doris. Bis jetzt habe ich es immer wieder aufgeschoben, aber jetzt kann ich das nicht mehr länger. Darf ich?«
»Ja, natürlich, Paul«, sagte sie müde. »Ich habe mich Ihnen gegenüber schäbig benommen. Es ist zwar etwas spät für eine Entschuldigung, aber ich möchte sagen, daß es mir leid tut.«
Er lächelte. »Vielleicht hatte ich es nicht anders verdient. Wie geht’s Tom?«
»Er – er fühlt sich nicht wohl. Er weiß nicht, wo er ist und was er tut. Er hat eine Kleinigkeit gegessen und ist dann eingeschlafen, aber er atmet so merkwürdig.« Sie begann ihre Hände zu kneten. »Was wollen Sie von mir?«
»Doris – was ist mit dieser Hexenkunst? Lundgren schien anzunehmen, daß uns das helfen könnte. Und weiß Gott – wir brauchen Hilfe. Haben Sie eine Ahnung, weshalb Chris es für so wichtig hielt? Ich meine, über das hinaus, was er uns erzählte?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hielt es damals für ein bißchen albern und verstehe es immer noch nicht. Ich kenne ein paar kleine Tricks, das ist alles, zum Beispiel den mit dem Rauch. Ich habe nie darüber nachgedacht, es schien mir eigentlich eine ganz natürliche Begabung zu sein, und ich hielt es mehr oder minder für Taschenspielerei. Ich habe auf der Bühne Zaubertricks gesehen, die mir viel unerklärlicher vorkamen.«
»Aber es waren Tricks – nicht die Oberwindung eines Naturgesetzes.«
»Was weiß ich schon über Naturgesetze«, sagte sie. »Mir erscheint es natürlich, daß, wenn man einen formbaren Körper beeinflussen will, man irgendeine andere plastische Masse, die zur Hand ist, entsprechend formt. Um Rauch gefügig zu machen, knetet man Ton oder irgend etwas anderes. Ist das nicht natürlich?«
»Nicht besonders«, sagte er trocken. »Das ist ein Gesetz der Magie, fall uns dieser Gedanke Trost bringt. Aber es wird als falsches Gesetz angesehen.«
»Bei mir hat es aber funktioniert«, sagte sie schulterzuckend.
Er beugte sich vor. »Das weiß ich, und deshalb bin ich hier. Wenn Sie das können, dann gibt es auch anderes, was Sie beherrschen – Dinge, die uns helfen könnten. Ich möchte mit Ihnen nochmals alles durchsprechen, was Chris von Ihren Fähigkeiten hielt, vielleicht fällt Ihnen dann irgend etwas ein, was für uns von Nutzen wäre.«
Sie drückte ihre Hände gegen die Wangen und ließ sie wieder in den Schoß sinken. »Ich will’s versuchen«, sagte sie.
»Fein. Chris sagte, daß in alten Zeiten Hexen Personen mit übernatürlichem Wahrnehmungsvermögen und ähnlichen Fähigkeiten waren. Er war wohl auch der Meinung, daß die magischen Riten, die zur Ausübung der Hexenkunst gehörten, nur einen manipulativen Zweck hatten – symbolische Objekte, die die Hexe zur Konzentration ihrer übersinnlichen Kräfte benötigte. Wenn er recht hatte, dann sind die ›Gesetze‹ der Magie wirklich nur illusorisch, und was wirklich am Werk war, war etwas viel Geheimnisvolleres.«
»Ich glaube, ich verstehe Sie«, sagte Doris. »Und worauf soll das hinausführen?«
»Keine Ahnung. Aber zumindest kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Hatten Sie je einen prophetischen Traum, Doris? Verstehen Sie etwas von Chiromantie? Können Sie Horoskope stellen? Oder hatten Sie jemals das Gefühl, daß Sie in die Zukunft sehen können?«
Sie schüttelte entschieden den Kopf.
»Gut, dann fällt das alles weg. Kam es Ihnen je vor, als ob Sie Gedankenlesen könnten?«
»Manchmal kann man die Gedanken anderer erraten …«
»Nein, nein«, sagte Foote. »Ich meine, waren Sie jemals sicher, daß Sie…«
»Niemals.«
»Wie steht es damit, daß Sie die Lage von Gegenständen in einem anderen Zimmer oder in einer anderen Stadt – nein. Waren Sie jemals nahe bei einem Feuer aus ungeklärter Ursache? Ein Feuer, das einfach durch Ihre Anwesenheit entstand?«
»Nein, Paul, ich habe noch nie ein anderes Feuer als Kaminfeuer gesehen.«
»Haben Sie je etwas bewegt oder beeinflußt, das größer oder schwieriger war als eine Rauchfahne?«
Doris runzelte die Stirn. »Schon oft«, sagte sie. »Aber es waren nur kleine Dinge. Einmal mußte ich eine Sängerin mit einer verrosteten Sopranstimme begleiten. Sie war hochnäsig und drängte sich immer in den Mittelpunkt. Ich habe die Schleifen auf ihren Schuhen miteinander verknotet, so daß sie hinfiel, als sie sich das erstemal verbeugte, aber es war furchtbar schwierig, und ich habe vor Anstrengung geschwitzt.«
Foote unterdrückte einen Seufzer. »Wie haben Sie es gemacht?«
»Ich weiß nicht genau. Wahrscheinlich hätte ich es nie geschafft, wenn die Schlußnummer nicht ›Das Buch der hängenden Gärten‹ gewesen wäre.« Sie lächelte ein wenig. »Wenn Sie allerdings Schönbergs verrückten Kontrapunkt nicht kennen, wird Ihnen das nichts sagen.«
»Es sagt mir leider genug. Jetzt kann ich Sie bloß noch fragen, ob Sie jemals eine Frau in eine weiße Maus verwandelt haben oder auf einem Besenstiel durch die Luft geritten sind. Doris, fällt Ihnen denn gar nichts ein? Chris hat nie ins Leere hineingeredet; wenn er sagte, daß Sie uns helfen können, dann meinte er das. Aber er ist tot, und wir können ihn nicht mehr fragen. Jetzt hängt es von Ihnen ab.«
Sie brach in Tränen aus. Foote stand unbeholfen auf. Er hatte keine Ahnung, was er jetzt tun sollte.
»Doris…«
»Ich weiß nicht«; jammerte sie. »Ich bin keine Hexe! Ich habe nie eine Hexe sein wollen! Ich weiß nichts, überhaupt nichts, und ich bin müde und habe Angst, und bitte gehen Sie jetzt, bitte …«
Er wandte sich hilflos ab, wollte sich wieder umdrehen, und in dieser Sekunde ging ihr Klagen im Dröhnen eines Schnellfeuergewehrs unter, das von oben kam.
Foote raste aus dem Zimmer und die Treppen hinunter. Das Erdgeschoß schien unter dem Licht der einsamen Lampe verlassen dazuliegen. Von oben herab krachte wieder Gewehrfeuer; dann kam Bennington die Treppe heruntergesaust.
»Wir müssen heute nacht aufpassen«, keuchte er, als er Foote erblickte. »Er ist da. Ich habe gesehen, wie er in Wolfsgestalt aus dem Wald kam. Ich habe das ganze Magazin verschossen, aber gegen die Bäume war er nicht gut auszumachen, Als er sich zurückzog, habe ich nochmals zehn Runden geschossen, aber ich habe ihn bestimmt nicht getroffen. Gewehre sind nicht meine Stärke.«
»Von wo aus haben Sie geschossen?«
»Von der Turmstube aus.« Sein Gesicht war ernst und streng. »Ich ging ‘rauf, um noch mal Luft zu schnappen und einen Blick über die Gegend zu werfen, und da war er. Ich hoffe, daß er heute nacht noch einmal zurückkommt. Ich möchte derjenige sein, der ihn tötet.«
»Sie sind nicht der einzige.«
»Dafür sei Gott gedankt. Und jetzt gute Nacht. Halten Sie die Augen offen.«
Foote stand noch eine Weile im Dunkeln, nachdem Bennington verschwunden war. Bennington hatte ihn nachdenklich gemacht.
Währenddessen kam Doris vorsichtig die Treppe herunter. Sie trug einen kleinen, kompakten Gegenstand. Da er schon das Licht ausgeknipst hatte, konnte er nicht erkennen, was es war. Sie ging geradewegs in ihr Zimmer.
Ich will derjenige sein, der ihn tötet.
Selbst der gemäßigte Bennington konnte das jetzt sagen. Aber Foote, der das dahinterliegende Gefühl nur zu gut verstand, stellte zu seiner Überraschung fest, daß er es nicht teilen konnte.
Wie sollte man diese geschlagenen Menschen hassen? Warum war es für normale Menschen wie Bennington so schwer, sich klarzumachen, daß die Lykanthropie eine Krankheit wie jede andere war, die ihre eigene Ätiologie hatte und ihre Opfer ohne Ansehen der Person überfiel? Bennington stand in dem Ruf, durch und durch liberal zu sein; sicher brachte er es nicht übers Herz, einen Alkoholiker oder einen Rauschgiftsüchtigen zu hassen. Auch wußte er – und er war der erste gewesen, der darauf hingewiesen hatte –, daß Jarmoskowski als Mensch hilfsbereit, mitfühlend und hochintelligent war; daß Caroline, wie der arme Teufel in Andrejews Das rote Lachen, edelmütig und sanft gewesen war und niemandem etwas Böses gewünscht hatte. Doch jetzt war er von Haß erfüllt.
Er hatte natürlich Angst, genau wie Foote auch. Foote fragte sich, ob es ihm wohl je in den Sinn kommen würde, daß Gott vielleicht auf der Seite der Werwölfe stand.
Das war die Blasphemie eines erschöpften Gehirns; doch konnte er diesen Gedanken nicht loswerden. Wie nun, wenn Jarmoskowski seinen Trieb besiegte und sich versteckte, bis die sieben Tage um waren? Dann könnte er verschwinden. Schottland war groß und dünn besiedelt. Er hätte es dann nicht mehr nötig, seine Opfer zu töten – nur noch dann, wenn er wirklich Hunger hatte. Ein Biß hier, ein Kratzer dort…
Und von seinem Jagdgebiet aus würde sich der Kreis der Lykanthropie immer weiter ausdehnen, bis …
Vielleicht hatte Gott erkannt, daß die normale Menschheit nicht fähig war, die Welt zu regieren. Vielleicht hatte er beschlossen, den ›Nosferatu‹, den ›Untoten‹, eine Chance zu geben. Vielleicht stand die Menschheit an der Schwelle zu jener Finsternis, in die er die ganze letzte Nacht geblickt hatte.
Er biß die Zähne aufeinander und stieß einen Laut der Erbitterung über sich selbst aus. Wenn er so weitermachte, würden Schock und Erschöpfung ihn in denselben Zustand treiben, in dem Newcliffe jetzt war. Er wischte sich mit den Händen über die Stirn und ging in das kleine Arbeitszimmer.
Das Kaminfeuer war ausgegangen, und er hatte nichts da, um es wieder anzufachen. Trotzdem war das Zimmer wärmer, als es jetzt sein Bett sein würde. Er setzte sich an den kleinen Schreibtisch und schlug Lundgrens Buch auf.
Fallberichte über Stigmatisierte. Berichte über Hexensabbate wie sie Krafft-Ebing hätte schreiben können. Die Tanzwut. Die Theorie der Dienstbarkeit. Geisterbeschwörung und Geisteraustreibung. Der Besen als hermaphroditisches Symbol. Fräsers Gesetze. Die Beobachtungen von Luden Lery-Brühl. Der Fall Bertrand. Politischer Kommentar in Dracula. Nekromantie, Nekrophilie. Nordau über den magischen und den modernen Menschen. Die grundlegenden Riten der Anti-Kirche. Fetischismus und die Theorie über Talismane…
Weiter und weiter und weiter, und genauso unverständlich wie zuvor. Ohne Chris hatte er keine Hoffnung, sich dieses Material einzuverleiben. Jetzt waren die Gewehre mit den Silberkugeln die letzte Rettung; die Quelle des Wissens über das Phänomen, gegen das sie kämpften, war versiegt.
Foote blickte müde auf die Uhr auf dem Kaminsims. Seine ergebnislose Expedition durch das Buch hatte zwei Stunden gedauert. Er konnte es nicht länger aufschieben, in sein Zimmer zu gehen. Er erhob sich steif, nahm das Gewehr, knipste das Licht aus und ging hinaus in den kalten Korridor.
Als er an Doris’ Zimmer vorbeiging, sah er, daß die Tür einen schmalen Spalt offenstand. Im Zimmer murmelten zwei Stimmen.
Foote, der unheilbare Lauscher an der Wand, blieb stehen und hörte mit.
Erst Jahre danach fand Foote heraus, wie es angefangen hatte. Doris war von den Ereignissen des Tages physisch erschöpft; den unter Schockeinwirkung stehenden Newcliffe zu versorgen, ihn mit einem Löffel zu füttern, auf sein Brabbeln über Fallen und Brotmesser einzugehen und ihn endlich zu Bett zu bringen, hatte sie ausgelaugt. So war sie fast augenblicklich eingeschlafen. Es war ein tiefer, traumloser Schlaf, durch den sich jedoch eine vage, schwache Unterströmung der Verzweiflung zog. Als das leise Klopfen gegen die Fensterscheiben endlich in ihr Bewußtsein drang, hatte sie keine Ahnung, wie lange sie schon geschlafen hatte.
Sie setzte sich mühsam auf und zwang sich, die Augen zu öffnen. Helles Mondlicht, das die Schneeflocken draußen zum Glitzern brachte, fiel durch das Fenster, gegen das sich eine hochgewachsene menschliche Gestalt abhob. Sie konnte zwar das Gesicht nicht erkennen, aber über das rötliche Funkeln der Augen gab es keinen Zweifel. Sie langte nach ihrem Gewehr und brachte es ungeschickt in Schußposition.
Jarmoskowski duckte nicht weg. Er hielt seine Arme etwas von seinem Körper ab, die Handflächen nach vorn gedreht, fast wie ein Bittsteller, und wartete. Unentschlossen ließ sie das Gewehr sinken. Worum wollte er sie bitten?
Als die Mündung nach unten sank, sah sie, daß die Einstellung auf Dauerfeuer stand. Sie schob sie sorgfältig auf Einzelschuß. Sie fürchtete den Rückstoß, den Newcliffe erwähnt hatte, und fühlte sich treffsicherer, wenn sie einen Schuß nach dem anderen abgeben konnte.
Jarmoskowski klopfte wieder, und sein Finger machte eine Bewegung. Sie sagte sich, daß er bestimmt schon hereingekommen wäre, wenn er es gekonnt hätte, und nahm sich Zeit, ihren Morgenrock überzuziehen. Dann, den Finger an den Abzug gelegt, ging sie zum Fenster. Es war fest verschlossen, und in der Mitte hing ein Kruzifix an einem Seidenfaden. Sie berührte es, dann öffnete sie eine kleine Scheibe direkt über Jarmoskowskis Kopf.
»Hallo, Doris«, sagte er leise. »Hinter dem Fenster siehst du wie ein Bankkassier aus. Darf ich etwas einzahlen, Fräulein?«
»Hallo.« Sie fühlte mehr Unsicherheit als Angst. War es Wirklichkeit oder nur die Wiederholung eines Alptraums?
»Was willst du? Ich sollte dich erschießen. Oder kannst du mir einen Grund nennen, weshalb ich es nicht tun sollte?«
»Ja, das kann ich. Sonst würde ich nicht dieses Risiko eingehen. Das ist aber ein gefährlich aussehendes Ding!«
»Es ist mit zehn Silberkugeln geladen.«
»Ich weiß. Man hat schon vorhin damit auf mich geschossen. Und ich biete dir ein gutes Ziel, so daß eine Flucht ausgeschlossen ist – meine Nase ist voll Rosmarin.« Er lächelte traurig. »Und Lundgren und Caroline sind tot, durch meine Schuld. Ich verdiene den Tod; deshalb bin ich hier.«
»Dein Wunsch wird dir erfüllt werden, Jan«, sagte sie. »Aber ich weiß, daß du noch einen anderen Grund haben mußt. Wohlan denn, ich nehme den Kampf mit dir auf. Aber erst habe ich einige Fragen an dich.«
»Frage.«
»Du trägst deinen Abendanzug. Paul sagte, er hätte sich mit dir verwandelt. Wie ist das möglich?«
»Aber ein Wolf hat Kleidung«, sagte Jarmoskowski. »Er ist nicht nackt wie ein Mensch. Und sicher hat Chris über den Einfluß des Pinearins auf die Zellradiogene gesprochen. Diese kleinen Körper wirken auf jede organische Materie ein, Wolle, Baumwolle, Leinen, ganz egal, was es ist. Wenn ich mich verwandle, verwandelt sich meine Kleidung auch. Ich kann es nicht gut erklären; denn es liegt einem im Blut – wie Musikalität, Doris. Entweder man kann es, oder man kann es nicht. Wenn man es kann, verwandelt man sich.«
»Jan – gibt es viele Menschen, die so sind wie du? Chris schien anzunehmen…«
Jarmoskowskis Lächeln wurde leicht spöttisch. »Geh’ an einem beliebigen Tag in einen Bahnhof – Waterloo, eine Untergrundbahnstation, Grand Central in New York; stell dich auf einen erhöhten Platz und betrachte die Menge in einem Spiegel. Wir sind in einem mit Silber unterlegten Spiegel nicht sichtbar. Oder frage in Amerika einen von diesen Straßenfotografen, die einen gegen den eigenen Willen knipsen und einem dann die Bilder verkaufen wollen, wie viele seiner Schnappschüsse nur den Hintergrund zeigen.«
Seine Stimme verdunkelte sich und nahm einen feierlichen Klang an. »Lundgren hat mit allem, was er sagte, recht gehabt. Heutzutage ist die Lykanthropie nur noch eine Krankheit. Wir sind nicht unsterblich. Vor langer Zeit muß es Mutationen gegeben haben, bei denen die Zirbeldrüse aktiviert war; aber keine der Arten überlebte, außer den Werwölfen, und die Werwölfe sind Besessene – wie ich. Wir sterben aus.
Eines Tages wird es wieder eine Mutation geben, bei der die Aktivität der Zirbeldrüse in andere Bahnen gelenkt ist, und dann werden alle Menschen ihre Gestalt verändern können, ohne dafür diesen schrecklichen Kannibalismus als Strafe auf sich nehmen zu müssen. Aber für uns, die Lykanthropen, die lebenden Irrtümer der Evolution, gibt es keine Hoffnung.
Es ist nicht gut, wenn ein Mensch von Land zu Land wandern muß, immer wissend, daß er in den Augen seiner Mitmenschen ein Monstrum und von seinem Gott auf ewig verflucht ist – wenn er überhaupt einen Gott hat. Ich bin durch Europa gereist, habe Konzerte gegeben und damit anderen Freude bereitet, ich habe für andere Kompositionen geschrieben, habe Menschen kennengelernt und Freundschaften geschlossen, und immer gab es früher oder später Geflüster, seltsame Blicke und aufkeimenden Schrecken.
Ob ich nun als das Scheusal gejagt wurde, das ich war, oder ob es sich nur um einen langsam wachsenden Abscheu handelte – man hat mich vertrieben. Haß, Silber, Kruzifixe – das ist im Grunde genommen alles dasselbe.
Manchmal konnte ich ein paar Monate ungestört an einem Ort bleiben, und dann bekam mein Leben den Anstrich eines normalen Daseins. Ich konnte mich der Musik widmen und Menschen um mich haben, die ich gern hatte, und – selber Mensch sein. Dann blühte die Wolfsblume wieder, und die Luft trug ihren Blütenstaub, und wenn das Licht des Mondes auf diese Blume fiel, dann kochte in meinem Blut dieses Etwas, das ich in mir trage.
Und dann machte ich meinen Freunden gegenüber Ausflüchte und ging nach Schweden, wo Lundgren lebte, und wo es viel später Frühling wurde. Ich hatte Lundgren sehr gern, und ich glaubte, er hat nie etwas gemerkt bis vorgestern abend; ich war immer sehr vorsichtig.
Ein- oder zweimal reiste ich nicht nordwärts, und dann hämmerten die Leute, die meine Freunde gewesen waren, hinter meinem Rücken Silber und warteten an dunklen Ecken auf mich. Nachdem das jahrelang so gegangen war, wollte man mich nicht mehr in Mitteleuropa. Gleichzeitig mit meinem Ruhm als Komponist und Pianist verbreiteten sich dunkle Gerüchte, von denen keines die Wahrheit traf, aber nahe genug herankam.
Städte, in denen ich nie zuvor gewesen war, verschlossen mir ihre Pforten. Die Konzertsäle waren auf viele Monate voraus gebucht, so daß ich keinen Termin bekommen konnte, Gasthöfe und Hotels waren auf unbestimmte Zeit belegt, niemand hatte mehr Zeit, mit mir zu sprechen, meinem Spiel zu lauschen, mir einen Brief zu schreiben.
Ich war auch verliebt, aber – darüber kann ich nicht sprechen.
So ging ich nach Amerika. Dort glaubt niemand an Werwölfe. Ich suchte nach wissenschaftlicher Hilfe, worum ich Lundgren nie gebeten hatte, weil ich fürchtete, ihm zu schaden. Aber ich hoffte drüben jemanden zu finden, der mit dem fertig werden konnte, was aus mir geworden war. Ich pflegte zu sagen, ich sei während einer Jagd auf Graf Hrutkais Besitzungen gebissen worden und hätte im Herbst darauf den ersten Anfall gehabt.
Aber alles schlug fehl. Gleichgültig, wohin ich gehe, der primitive Haß gegen das, was ich bin, ist im Herzen der Menschen genauso verankert wie in den Herzen der Hunde. Es gab keine Hilfe für mich.
Ich bin gekommen, um zu bitten, daß endlich ein Ende gemacht wird.«
Langsam rollten Tränen über Doris’ Wangen. Die Stimme schwand dahin. Sie schien nicht zu verstummen, sondern sich in eine private Hölle zurückzuziehen, wo kein menschliches Ohr sie mehr hören konnte. Jarmoskowski stand schweigend im Mondlicht, seine Augen loderten in tiefem, blutigem Rot.
Doris sagte: »Jan – Jan, es tut mir leid, es tut mir so leid! Was kann ich tun?«
»Schieß!«
»Ich – kann nicht!«
»Bitte, Doris.«
Das Mädchen schluchzte laut. »Jan – nicht! Ich kann nicht. Du weißt, daß ich es nicht kann. Geh, bitte geh!«
Jarmoskowski sagte: »Dann komm mit mir, Doris. Mach das Fenster auf und komm mit mir.«
»Wohin?«
»Ist das so wichtig? Du hast mir den Tod verweigert, um den ich bat. Kannst du mir diese letzte verzweifelte Hoffnung auf Liebe verweigern, kannst du deine eigene Liebe verleugnen, deinen innerlichsten Wunsch? Das wäre abscheulich grausam.
Es ist jetzt zu spät, zu spät für dich, um vorzugeben, daß dich vor mir ekelt. Komm mit mir.«
Er streckte seine Hände aus.
»Sag Lebewohl«, bat er. »Lebewohl zu diesen selbstgerechten Menschen. Ich gebe dir von meinem Blut, und zusammen wollen wir die Welt durchstreifen, wild und unzähmbar, die letzten unserer Rasse. Man wird lange an uns denken, das verspreche ich dir.«
»Jan …«
»Ich bin hier. Komm jetzt.«
Wie eine Schlafwandlerin öffnete sie die Fensterflügel. Jarmoskowski regte sich nicht, sondern sah von ihr zum Kruzifix. Sie löste den Faden und ließ es auf den Boden klirren.
»Nach uns soll es keine Dunkelheit geben, die mit unserer Dunkelheit verglichen werden kann«, sagte Jarmoskowski. »Laß sie ruhen – laß die Welt ruhen.«
Er sprang mit so plötzlicher raubtierhafter Kraft ins Zimmer, daß man die Bewegung kaum wahrnehmen konnte. Von der Tür her hämmerte mit dämonischer Wildheit ein Schnellfeuergewehr. Die Wucht der Silberkugeln warf Jarmoskowski gegen das Fenster zurück. Foote senkte die rauchende Mündung und machte einen Schritt ins Zimmer.
»Zu spät, Jan«, sagte er steinern.
Doris jammerte auf wie ein Kind, das aus einem bösen Traum erwacht. Jarmoskowskis Lippen bewegten sich, doch konnte er nicht mehr sprechen. Die Anstrengung ließ blutigen Schaum vor seinen Mund treten. Noch eine Sekunde lang stand er aufrecht da und streckte eine Hand nach dem Mädchen aus. Dann verkrampften sich seine Finger, und er sackte zusammen.
Er lächelte und starb.
»Weshalb ist er ins Zimmer gekommen?« flüsterte Foote. »Ich hätte ihn nie getroffen, wenn er draußen geblieben wäre.«
Er wandte sich an das schluchzende Mädchen. »Doris, Sie müssen es mir sagen, wenn Sie es wissen. Mit seinen scharfen Ohren hätte er meine Atemzüge hören müssen. Aber er blieb – und er kam herein, direkt in meine Schußlinie. Warum?«
Das Mädchen antwortete nicht. Statt dessen ging sie mit steifen Schritten, als ob sie plötzlich eine alte Frau geworden wäre, zur Nachttischlampe und knipste sie an. Unter der Lampe stand eine groteske Figurine, in der Foote kaum Carolines Telefonpuppe erkennen konnte. Alle Rüschen waren abgerissen, und über die blanke Stirn war ein schwerer schwarzer Strich gezogen, der Jarmoskowskis dicke Augenbrauen imitieren sollte. An einem Handgelenk waren mit einem Gummiband die Hautfetzen befestigt, die Newcliffe aus der Falle geschabt hatte. Und um die Puppe herum war auf der Tischplatte mit Lippenstift ein Pentagramm gezeichnet.
Die werdende Hexe hatte sich von der weißen der schwarzen Magie zugewandt. Doris hatte die unheilvolle Kunst des Puppenzaubers wiederentdeckt und ihren teuflischen Geliebten vernichtet.
Voll Mitleid wandte Foote sich zu ihr um; und ganz langsam, als würde sie von den Kräften eines fernen Planeten bewegt, schwang die Mündung des Gewehrs mit. Zusammen warteten der Mann und die Waffe auf sie.
Beide würden Geduld haben müssen.