Ro­bert Bloch
Eine Frau wie Lisa

 

Der Mond war ge­ra­de auf­ge­gan­gen. Sein Licht fiel auf den See, und als Vio­let her­ein­kam, wob es ein sil­ber­nes Netz um ihr Haar.

Aber es war nicht das Mond­licht, das ihr Ge­sicht so bleich er­schei­nen ließ. Es war die Angst.

»Was hast du?« frag­te ich.

»Ein Wer­wolf«, sag­te Vio­let.

Ich leg­te mei­ne Pfei­fe hin, er­hob mich aus dem Ses­sel und ging zu ihr. Wäh­rend­des­sen starr­te sie mich wei­ter an; sie stand da wie ei­ne große Por­zel­lan­pup­pe mit Glasau­gen.

Ich schüt­tel­te sie bei den Schul­tern. Der lee­re Blick ver­schwand.

»Al­so, was war?« frag­te ich.

»Es war ein Wer­wolf«, flüs­ter­te sie. »Ich hör­te ihn, wie er mir im Wald nach­lief. Sei­ne Pfo­ten tapp­ten hin­ter mir her. Ich hat­te zu­viel Angst, um mich um­zu­dre­hen, aber ich wuß­te, daß er da war. Er schlich nä­her und nä­her, und als der Mond auf­ging, heul­te er auf. Dann rann­te ich.«

»Du hast ihn heu­len ge­hört?«

»Ich bin mir fast si­cher.«

»Fast!«

Ih­re Au­gen ver­steck­ten sich hin­ter den ge­senk­ten Wim­pern. Sie ließ den Kopf hän­gen, und in ih­re Wan­gen schoß ei­ne flam­men­de Rö­te. Ich be­ob­ach­te­te sie und nick­te.

»Du hast in der Nä­he der Hüt­te einen Wolf heu­len ge­hört?« wie­der­hol­te ich.

»Hast du – denn nicht …?« brach­te sie mit er­stick­ter Stim­me her­vor.

Ich schüt­tel­te lang­sam und ent­schie­den den Kopf.

»Bit­te, Vio­let. Wir wol­len ver­nünf­tig sein. In der letz­ten Wo­che ha­ben wir das zwar ein hal­b­es dut­zend­mal durch­ge­kaut, aber ich bin be­reit, es noch ein­mal zu ver­su­chen.«

Ich nahm sie ganz sanft bei der Hand und führ­te sie zu ei­nem Stuhl. Dann gab ich ihr ei­ne Zi­ga­ret­te und reich­te ihr Feu­er. Die Zi­ga­ret­te zit­ter­te zwi­schen ih­ren Lip­pen.

»Jetzt hör zu, Lieb­ling«, be­gann ich. »Hier gibt es kei­ne Wöl­fe. Ka­na­di­sche Wild­nis oder nicht – hier hat man seit zwan­zig Jah­ren kei­nen Wolf mehr ge­se­hen. Der al­te Le­on un­ten im Dorf kann das be­stä­ti­gen. Und selbst wenn sich ein Wolf aus dem Nor­den hier­her ver­irrt hat und am See her­um­lun­gert, heißt das noch lan­ge nicht, daß es ein Wer­wolf ist. Du und ich ha­ben ge­nug ge­sun­den Men­schen­ver­stand, um über einen sol­chen dum­men Aber­glau­ben zu la­chen. Jetzt ver­su­che mal, die Fran­zo­sen un­ter dei­nen Vor­fah­ren zu ver­ges­sen und er­in­ne­re dich bit­te ge­nau dar­an, daß du mit ei­nem Ex­per­ten auf dem Ge­biet der Sa­gen und Le­gen­den ver­hei­ra­tet bist.«

Der Sei­ten­hieb auf ih­re fran­zö­si­sche Ab­stam­mung war ziem­lich bru­tal, aber ich woll­te sie aus ih­rer tris­ten Stim­mung her­aus­rei­ßen.

Die Wir­kung war ge­nau ent­ge­gen­ge­setzt. Sie be­gann zu zit­tern.

»Aber, Charles, du mußt doch et­was ge­hört ha­ben!« sag­te sie.

»Nichts«, mur­mel­te ich.

»Und wenn ich ihn nachts um die Hüt­te her­um­strei­fen hör­te – hast du da auch nichts be­merkt?«

»Nichts.«

»Die Nacht, als ich dich auf­weck­te – hast du da nicht sei­nen Schat­ten an der Wand ge­se­hen?«

Ich schüt­tel­te den Kopf und zwang mir ein Lä­cheln ab. »Es tä­te mir leid, wenn du zu vie­le mei­ner Ge­schich­ten ge­le­sen hät­test, Lieb­ling«, sag­te ich. »Aber ich weiß nicht, wie ich mir sonst dei­ne – äh – Wahn­vor­stel­lun­gen er­klä­ren soll­te.«

Vio­let zog an ih­rer Zi­ga­ret­te, und das En­de glüh­te auf. Ih­re Au­gen blie­ben aus­drucks­los.

»Du hast nie von die­sem Wolf ge­hört? Er ist dir nie im Wald nach­ge­lau­fen? Auch nicht, als du al­lein hier warst?« Ih­re Stim­me klang be­schwö­rend.

»Ich fürch­te nein. Du weißt, daß ich einen Mo­nat eher her­kam, um zu schrei­ben. Und das tat ich auch. Ich sah kei­ne Wer­wöl­fe, Geis­ter, Vam­pi­re, Dä­mo­nen, Djinns oder an­de­re Un­ge­heu­er. Nur In­dia­ner, Fran­zo­sen und nor­ma­le Men­schen. Ein­mal, als ich von Le­on zu­rück­kam, bil­de­te ich mir ein, einen ro­sa Ele­fan­ten zu se­hen, aber das stell­te sich als Irr­tum her­aus.«

Ich lä­chel­te; sie nicht.

»Ich fra­ge mich al­len Erns­tes, Vio­let, ob es nicht ein Feh­ler war, dich her­kom­men zu las­sen. Aber ich dach­te, du wür­dest dich in die al­ten Zei­ten zu­rück­ver­setzt füh­len. Schließ­lich soll­te der Auf­ent­halt in die­ser Wild­nis für ei­ne Fran­zö­sisch-Ka­na­di­e­rin ein Ver­gnü­gen sein. Aber jetzt fra­ge ich mich …«

»Du fragst dich, ob ich wahn­sin­nig bin.«

Die Wor­te ka­men ganz lang­sam über ih­re Lip­pen.

»Nein«, mur­mel­te ich. »Das ha­be ich nie ge­sagt.«

»Aber ge­dacht, Charles.«

»Nicht im ent­fern­tes­ten. Je­der Mensch hat mal … Stim­mun­gen. Je­der Arzt wird dir sa­gen, daß Stö­run­gen des Wahr­neh­mungs­ver­mö­gens nicht un­be­dingt auf ei­ne geis­ti­ge Stö­rung hin­deu­ten müs­sen.«

Ich sprach has­tig, konn­te aber se­hen, daß sie nicht über­zeugt war.

»Du kannst mir nichts vor­ma­chen, Charles. Und ich kann mir selbst auch nichts vor­ma­chen. Ir­gend et­was stimmt nicht.«

»Un­sinn. Den­ke nicht mehr dar­an.« Ich ver­such­te zu lä­cheln, aber es ge­lang mir nicht ganz. »Au­ßer­dem soll­te ich der letz­te sein, der die­se Mög­lich­keit auch nur an­deu­tungs­wei­se er­wähnt. Du weißt ja – wer im Glas­haus sitzt und so wei­ter. Er­in­nerst du dich noch, wie ich dich vor un­se­rer Hoch­zeit in Que­bec als He­xe zu be­zeich­nen pfleg­te? Ich nann­te dich die ro­te He­xe des Nor­dens und dich­te­te all die­se So­net­te, die ich dir dann ins Ohr flüs­ter­te.«

Vio­let schüt­tel­te den Kopf. »Das war et­was ganz an­de­res. Du wuß­test, was du ta­test. Du hast kei­ne Din­ge ge­se­hen oder ge­hört, die es gar nicht gibt.«

Ich räus­per­te mich. »Ich möch­te dir einen Vor­schlag ma­chen, Lie­bes. Du hast doch mit nie­mand au­ßer mir dar­über ge­spro­chen?«

»Nein.«

»Nun, ich möch­te dem al­len ein En­de be­rei­ten. Ich se­he, daß du dich da­mit ab­quälst. Aus die­sem Grund – und nur aus die­sem ein­zi­gen Grund – schla­ge ich vor, daß wir Dok­tor Me­roux kom­men las­sen. Na­tür­lich nur für ei­ne Be­ra­tung.

Ich hal­te sehr viel von ihm, nicht nur als Arzt, son­dern auch als Psych­ia­ter. Wie du weißt, ist die Psych­ia­trie sein Ste­cken­pferd. Na­tür­lich ist er nur ein Ama­teur mit ei­ner Hin­ter­wäld­ler-Pra­xis, aber er ge­nießt einen gu­ten Ruf. Ich bin si­cher, daß er al­les, was du ihm sagst, ver­trau­lich be­han­delt. Und viel­leicht kann er gleich die rich­ti­ge Dia­gno­se stel­len.«

»Nein, Charles. Ich will nicht mit Dok­tor Me­roux spre­chen.«

Ich run­zel­te die Stirn. »Wie du willst. Aber mich in­ter­es­sie­ren dei­ne Ide­en über einen mys­te­ri­ösen Wer­wolf. Ich möch­te gern wis­sen, was du in dei­ner Kind­heit über ›loup-ga­rous‹ ge­hört hast. Dei­ne Groß­mut­ter hat­te doch in­dia­ni­sches Blut, nicht wahr? Hat sie dich nie mit ir­gend­wel­chen Schau­er­ge­schich­ten zu To­de er­schreckt?«

Vio­let nick­te. »Oui – ich mei­ne, ja.«

Ich be­merk­te die­sen Rück­fall in die Spra­che ih­rer Kind­heit, ließ mir aber nichts an­mer­ken.

»Hat sie dir von den Wolfs­men­schen er­zählt, den Ly­kan­thro­pen, die sich ver­wan­deln, wenn der Mond ruft, und bel­lend auf al­len vie­ren her­um­lau­fen? Hat sie dir er­zählt, wie sie auf Beu­te ge­hen und nach den Keh­len ih­rer Op­fer schnap­pen, die da­durch selbst mit dem un­heil­vol­len Vi­rus in­fi­ziert wer­den?«

»Ja, das hat sie mir oft er­zählt.«

»Aha. Und jetzt, da du in die Wild­nis zu­rück­ge­kehrt bist, kom­men die Ängs­te dei­ner Kind­heit wie­der an die Ober­flä­che. Der Wer­wolf, mein Lie­bes, ist le­dig­lich das Sym­bol für ir­gend et­was, wo­vor du dich fürch­test. Viel­leicht ist es ein Schuld­kom­plex in dei­nem Un­ter­be­wußt­sein, der sich in der Hal­lu­zi­na­ti­on ei­nes Un­tiers aus­drückt, das den Zeit­punkt ab­lau­ert, an dem es of­fen in Er­schei­nung tre­ten kann.

Ich bin noch nicht mal ein Ama­teur-Psych­ia­ter wie Dok­tor Me­roux, aber ich glau­be mit ziem­li­cher Si­cher­heit sa­gen zu kön­nen, daß ei­ne sol­che Ein­bil­dung ganz na­tür­lich ist. Wenn du of­fen mit mir dar­über spre­chen wür­dest, könn­ten wir viel­leicht die Art dei­ner Furcht er­ken­nen und das Übel an der Wur­zel pa­cken, das sich dir als knur­ren­des Un­tier dar­stellt, als my­tho­lo­gi­sches Zwit­ter­we­sen, das im Wald dei­nen Nacken be­gei­fert…«

»Nein! Hör auf! Bit­te, nicht jetzt – ich hal­te es nicht mehr aus!«

Vio­let schluchz­te. Ich trös­te­te sie un­ge­schickt.

»Ent­schul­di­ge. Du bist schon über­reizt ge­nug. Wir wol­len das Gan­ze vor­erst ver­ges­sen, Lie­bes, und ab­war­ten, bis du dich stark ge­nug fühlst. Jetzt ru­he dich ein biß­chen aus.«

Ich tät­schel­te ih­re Schul­ter und be­glei­te­te sie ins Schlaf­zim­mer.

Wir zo­gen uns aus und gin­gen zu Bett. Ich dreh­te den Docht her­un­ter, und die Lam­pe ging aus.

Es war ganz dun­kel, bis auf das Mond­licht, das durch die Baum­wip­fel drang. Der See war wie von silb­ri­gem Feu­er er­hellt, aber ich wand­te mich um, denn ich woll­te rasch ein­schla­fen.

Vio­let lag zu­erst ver­krampft ne­ben mir, aber be­vor ich ein­sch­lief, fühl­te ich noch, wie sie sich lang­sam ent­spann­te.

 

Ich weiß nicht, wie spät es war, als ich auf­wach­te. Vio­lets Fin­ger krall­ten sich in mei­ne Schul­ter, und ich hör­te, wie sie scharf den Atem ein­zog.

»Horch, Charles!« keuch­te sie.

Ich lausch­te.

»Hast du es ge­hört? Drau­ßen – wie es an der Tür kratzt?«

Ich schüt­tel­te den Kopf.

»Wach auf, Charles, du mußt es doch hö­ren! Erst hat es un­ter den Fens­tern her­um­ge­schnüf­felt, und jetzt scharrt es an der Tür. So tu doch was!«

Ich schwang mich aus dem Bett und griff nach ih­rem Arm.

»Los«, sag­te ich, »ge­hen wir nach­se­hen.«

Auf der Su­che nach der Ta­schen­lam­pe stol­per­te ich ge­gen einen Stuhl.

»Es rennt weg!« schluchz­te Vio­let. »Be­eil dich!«

In ei­ner Hand die Ta­schen­lam­pe hal­tend, zerr­te ich Vio­let durchs Zim­mer zur Tür. Dort ließ ich sie los und öff­ne­te das Schloß.

Die Tür schwang auf. Ich ließ den Licht­strahl in wei­tem Bo­gen spie­len. Auf der Lich­tung vor der Hüt­te reg­te sich nichts.

Dann leuch­te­te ich den Bo­den vor un­se­ren Fü­ßen ab.

Vio­let schrie auf.

»Da, Charles! Da, vor dem Ein­gang! Siehst du die Spu­ren nicht – die Spu­ren vor der Tür?«

Ich sah hin.

Und dort, klar in den wei­chen Erd­bo­den ein­ge­drückt, wa­ren un­ver­kenn­bar die Pfo­ten­ab­drücke ei­nes rie­si­gen Wolfs.

Ich wand­te mich um und sah Vio­let lan­ge schwei­gend an. Dann schüt­tel­te ich den Kopf.

»Nein, Lie­bes«, flüs­ter­te ich. »Du täuschst dich. Ich se­he nichts. Gar nichts.«

 

Am nächs­ten Mor­gen blieb Vio­let im Bett lie­gen, wäh­rend ich zum Dorf ging, um Li­sa zu be­su­chen.

Li­sa leb­te mit ih­rem Va­ter in der Nä­he der Kreu­zung. Der al­te Mann war ge­lähmt, und sie er­nähr­te ihn durch in­dia­ni­sche Perl­stick­ar­bei­ten und Korb­flech­te­rei für die Tou­ris­ten.

So lern­te ich sie im ver­gan­ge­nen Mo­nat ken­nen, als ich al­lein her­kam. Ich blieb an dem Ver­kaufs­stand am Stra­ßen­rand ste­hen und woll­te ein Arm­band für Vio­let kau­fen.

Dann sah ich Li­sa und ver­gaß al­les an­de­re.

Li­sa war halb In­dia­ne­rin, halb Göt­tin.

Ihr Haar war schwarz. Man konn­te sich kei­ne tiefe­re, glän­zen­de­re Schwär­ze vor­stel­len – bis man ihr in die Au­gen sah. Ih­re Au­gen wa­ren zwei ova­le Fens­ter, die sich in die Nacht öff­ne­ten. Ihr fei­nes Ge­sicht schi­en aus matt glän­zen­dem Kup­fer mo­del­liert zu sein. Ihr Kör­per war schlank und kräf­tig, aber er schi­en zu schmel­zen, wenn man sie in den Ar­men hielt.

Das konn­te ich sehr bald fest­stel­len. Und zwar zwei Ta­ge, nach­dem ich sie zum ers­ten­mal ge­se­hen hat­te.

Ich hat­te es gar nicht so ei­lig ge­habt. Aber Li­sa war halb In­dia­ne­rin, halb Göt­tin.

Ver­füh­re­risch wie die Nacht, die mit ih­rem Duft die dunkle Pracht von Li­sas Haar par­fü­mier­te – un­er­gründ­lich wie der rät­sel­haf­te Blick ih­rer Au­gen –, die gan­ze heid­nische Per­fek­ti­on ih­res Kör­pers war In­stinkt, ge­paart mit Sün­de.

Sie bot mir die bit­ter­sü­ße Kor­rup­ti­on der ur­al­ten und ver­bo­te­nen Frucht der Li­lith dar. Sie kam in ei­ner mond­lo­sen Nacht zu mir, schweig­sam wie ein Buhl­dä­mon, und ich lab­te mich an der Nacht und an der Fins­ter­nis.

Als Vio­let ein­traf, hör­ten un­se­re Zu­sam­men­künf­te auf. Ich sag­te Li­sa, daß wir vor­sich­tig sein müß­ten, und sie lach­te.

»Gut. Für ei­ne klei­ne Wei­le«, stimm­te sie zu.

»Ei­ne klei­ne Wei­le?«

Li­sa nick­te, ih­re Au­gen fun­kel­ten. »Ja. So­lan­ge dei­ne Frau noch am Le­ben ist.«

Sie sag­te das ganz selbst­ver­ständ­lich. Und dann wur­de mir be­wußt, daß es tat­säch­lich ei­ne selbst­ver­ständ­li­che Be­mer­kung war; denn sie war lo­gisch und ent­sprach der Wahr­heit.

Ich woll­te Vio­let nicht mehr. Ich woll­te die­ses an­de­re – die­ses an­de­re, das we­der Lie­be noch Lust war, son­dern die Ver­mäh­lung mei­ner See­le mit dem ab­so­lut Bö­sen.

Und wenn ich das woll­te, muß­te Vio­let ster­ben.

Ich sah Li­sa an und nick­te. »Willst du, daß ich sie tö­te?« frag­te ich.

»Nein. Es gibt an­de­re Mit­tel und We­ge.«

»In­dia­ni­schen Zau­ber?«

Noch vor ei­nem Mo­nat hat­te ich über die blo­ße An­deu­tung ge­lacht. Aber heu­te, da ich Li­sa kann­te, sie in mei­nen Ar­men ge­hal­ten hat­te, wuß­te ich, daß die­se An­deu­tung wohl­be­grün­det war.

»Nein. Nicht di­rekt. Was wür­dest du sa­gen, wenn dei­ne Frau nicht ster­ben müß­te? Was wür­dest du sa­gen, wenn sie weg­ge­hen müß­te?«

»Du meinst, wenn sie mich ver­las­sen wür­de – sich schei­den lie­ße?«

»Ich se­he, du ver­stehst mich nicht. Gibt es nicht Häu­ser, in de­nen man Ver­rück­te ein­sperrt?«

»Vio­let ist nicht ver­rückt. Sie ist so­gar sehr aus­ge­gli­chen. Es müß­te schon et­was Be­son­de­res sein, daß sie in den Wahn­sinn trei­ben könn­te.«

»So et­was wie der An­blick von Wöl­fen?«

»Von Wöl­fen?«

»Ein Wolf wird hin­ter dei­ner Frau her­lau­fen. Er wird sie pla­gen, sie quä­len, sie ver­fol­gen, wenn sie al­lein ist. Sie wird dich um ei­ne Er­klä­rung und um Hil­fe bit­ten. Du mußt dich wei­gern, ihr Glau­ben zu schen­ken. Es wird nicht lan­ge dau­ern, bis ihr Geist…«

Li­sa zuck­te mit den Schul­tern.

Ich frag­te sie nichts. Ich ak­zep­tier­te nur, was sie ge­sagt hat­te. Falls Li­sa in den Wald ging und die Scha­ma­nen kon­sul­tier­te oder Ge­be­te zu den Mäch­ten der Fins­ter­nis flüs­ter­te, so wuß­te ich nichts da­von.

Ich wuß­te nur, daß ein Wolf er­schi­en und mei­ne Frau ver­folg­te. Und ich gab vor, nichts zu hö­ren und nichts zu se­hen. Es kam so, wie Li­sa es pro­phe­zeit hat­te. Vio­let ver­lor den Ver­stand. Ir­gend­wie hat­te sich in ih­rem Ge­hirn die Vor­stel­lung ein­ge­nis­tet, ih­re nächt­li­che Ne­me­sis sei ein Wer­wolf. Um so bes­ser. Sie war auf dem bes­ten Weg, wahn­sin­nig zu wer­den.

Und Li­sa war­te­te und lä­chel­te ihr ver­stoh­le­nes Lä­cheln.

An die­sem Mor­gen war­te­te Li­sa auf mich in dem klei­nen Ver­kaufs­stand an der Kreu­zung.

Im hel­len Son­nen­licht wirk­te sie wie ei­ne ein­fa­che in­dia­ni­sche Perl­sticke­rin. Nur wenn ihr Ge­sicht vom Schat­ten ver­schlei­ert war, sah ich ih­re Au­gen und ihr Haar, schwarz und un­er­gründ­lich wie ihr ei­ge­nes in­ners­tes We­sen.

Sie leg­te ei­ne Hand auf mei­nen Arm, und ei­ne Wel­le aus Eis und Feu­er lief mir die Wir­bel­säu­le ent­lang.

»Und wie geht es dei­ner Frau?« flüs­ter­te sie.

»Nicht be­son­ders. In der letz­ten Nacht fand sie Wolfss­pu­ren vor un­se­rer Tür. Sie be­kam einen hys­te­ri­schen An­fall.«

Li­sa lä­chel­te.

»Sie glaubt, es sei ein Wer­wolf, weißt du. Ich wünsch­te, du wür­dest mir die Wahr­heit sa­gen, Lieb­ling. Wie bringst du den Wolf da­zu, in Er­schei­nung zu tre­ten und ihr zu fol­gen?«

Li­sa lä­chel­te.

Ich seufz­te.

»Ich soll­te wohl nicht so neu­gie­rig sein.«

»So ist es, Charles. Ge­nügt es dir nicht, daß un­ser Plan funk­tio­niert. Daß Vio­let den Ver­stand ver­liert? Daß sie bald fort sein wird und wir zu­sam­men sein kön­nen – für im­mer?«

Ich sah sie groß an. »Ja, es ge­nügt. Aber ver­ra­te mir, wie es wei­ter­ge­hen soll.«

»Dei­ne Frau wird den Wolf se­hen. Wirk­lich se­hen. Sie wird von Angst über­wäl­tigt sein. Du wirst dich wie bis­her wei­gern, ihr Glau­ben zu schen­ken. Dann wird sie sich an die Be­hör­den wen­den. Sie wird ins Dorf ge­hen und ver­su­chen, die Leu­te zu über­zeu­gen. Je­der wird sie für ver­rückt hal­ten. Und wenn man dich fragt, weißt du von nichts. Nach kur­z­er Zeit wird der Dok­tor sich ge­zwun­gen se­hen, sie zu un­ter­su­chen. Und dann …«

»Sie wird den Wolf se­hen?« wie­der­hol­te ich. »Wirk­lich se­hen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Heu­te nacht, wenn du willst.«

Ich nick­te lang­sam. Dann über­fie­len mich Zwei­fel. »Aber sie ist schon bei­na­he völ­lig mit den Ner­ven fer­tig. Sie wird sich zu sehr fürch­ten, in den Wald zu ge­hen.«

»In die­sem Fall wird der Wolf zu ihr kom­men.«

»Gut. Ich wer­de die Spu­ren ver­wi­schen, ge­nau wie heu­te früh.«

»Ja. Und es wä­re bes­ser, wenn du heu­te nacht nicht in der Hüt­te blie­best. Du bist ein sen­si­bler Mensch, Charles. Es wür­de dir weh tun, die Pa­nik dei­ner Frau mit an­se­hen zu müs­sen.«

Vio­lets Bild trat vor mei­ne Au­gen – das Bild ih­res angst­ver­zerr­ten Ge­sichts, ih­rer auf­ge­ris­se­nen Au­gen, ih­res Mun­des, der sich zu ei­nem gel­len­den Angst­schrei öff­ne­te, als das Un­ge­heu­er aus ih­rer Phan­ta­sie sich plötz­lich vor ihr zum Sprung duck­te. Ja, ge­nau­so wür­de es sich ab­spie­len, und zwar bald.

Ich lä­chel­te.

Li­sa lä­chel­te zu­rück. Als ich weg­ging, konn­te ich sie la­chen hö­ren, und mir kam der Ge­dan­ke, daß an ih­rer Hei­ter­keit et­was Un­na­tür­li­ches sei.

Dann be­griff ich die Wahr­heit. Li­sa war selbst nicht ganz nor­mal.

 

An die­sem Abend wech­sel­ten wir beim Es­sen kein Wort. Als der Mond über dem See auf­stieg, stand Vio­let auf und ließ die Rol­los her­un­ter, wo­bei sie das Ge­sicht ver­zog.

»Was ist. Lie­bes? Ist es zu hell für dei­ne Au­gen?«

»Ich has­se es, Charles.«

»Aber es ist doch wun­der­schön?«

»Nicht in mei­nen Au­gen. Ich has­se die Nacht.«

Ich konn­te es mir leis­ten, groß­zü­gig zu sein. »Vio­let, ich ha­be nach­ge­dacht. Die­se Ge­gend hier ist nicht gut für dei­ne Ner­ven. Meinst du nicht, daß es für dich bes­ser wä­re, in die Stadt zu­rück­zu­fah­ren?«

»Al­lein?«

»Ich wür­de nach­kom­men, so­bald ich mit mei­ner Ar­beit fer­tig bin.«

Vio­let strich sich ei­ne kas­ta­ni­en­brau­ne Lo­cke aus der Stirn. Es traf mich wie ein Schlag, als ich be­merk­te, daß der kupf­ri­ge Schim­mer ver­schwun­den war. Das Haar hat­te kei­nen Glanz mehr; es sah stumpf und leb­los aus.

»Nein, Charles. Ich könn­te nicht al­lein fah­ren. Er wür­de mir fol­gen.«

»Er?«

»Der Wolf.«

»Aber Wöl­fe ge­hen nicht in die Städ­te.«

»Ge­wöhn­li­che Wöl­fe nicht. Aber die­ser …«

»Wie­so denkst du, daß die­ser Wolf, den du – äh – siehst, kein ge­wöhn­li­cher ist?«

Sie be­merk­te mein Zö­gern, aber ih­re Ver­zweif­lung war stär­ker als ih­re Zu­rück­hal­tung. Sie sprach has­tig wei­ter.

»Weil er nur nachts kommt. Weil es hier kei­ne ech­ten Wöl­fe gibt. Weil ich das Bö­se spü­re, das von ihm aus­geht. Er läuft nur mir nach, Charles – er ver­folgt mich! Und nur mich al­lein. Er scheint dar­auf zu war­ten, daß et­was ge­schieht. Wenn ich fort­gin­ge, wür­de er mir fol­gen. Ich kann ihm nicht ent­kom­men.«

»Du kannst ihm nicht ent­kom­men, weil er in dei­nem Ge­hirn ist«, schnapp­te ich. »Vio­let, ich ha­be sehr viel Ge­duld ge­habt. Ich ha­be mei­ne Ar­beit ver­nach­läs­sigt und mich um dich ge­küm­mert. Ich ha­be mir dei­ne Phan­tas­te­rei­en jetzt zwei Wo­chen lang an­ge­hört. Aber wenn du dir nicht selbst hel­fen kannst, dann müs­sen an­de­re es tun. Ich war heu­te nach­mit­tag so frei und ha­be dei­nen Fall mit Dok­tor Me­roux be­spro­chen. Er möch­te dich se­hen.«

Un­ter der Wucht mei­ner An­schul­di­gun­gen und Be­haup­tun­gen schi­en sie zu­sam­men­zu­bre­chen.

»Dann ist es al­so wahr«, flüs­ter­te sie. »Du glaubst wirk­lich, daß ich den Ver­stand ver­lo­ren ha­be …?«

»Es gibt kei­ne Wer­wöl­fe«, sag­te ich. »Ich kann eher an ei­ne geis­ti­ge Ver­wir­rung als an ein über­na­tür­li­ches We­sen glau­ben.«

Ich stand auf.

»Wo gehst du hin?« frag­te Vio­let ent­setzt.

»Zu Le­on«, sag­te ich. »Ich brau­che einen Drink. Die­se Sa­che geht mir auf die Ner­ven.«

»Charles, laß mich nicht al­lein – heu­te nacht.«

»Angst vor ima­gi­nären Wöl­fen?« frag­te ich sanft. »Na hör mal, mei­ne Lie­be! Wenn du möch­test, daß ich an dei­nen kla­ren Ver­stand glau­be, dann mußt du mir schon be­wei­sen, daß man dich ein paar Stun­den al­lein las­sen kann, oh­ne daß du einen Ner­ven­zu­sam­men­bruch be­kommst.«

»Charles …!«

Ich ging zur Tür und öff­ne­te sie. Sie zuck­te zu­sam­men, als das sil­ber­ne Mond­licht ins Zim­mer drang. Ich stand da und lä­chel­te sie an.

»Vio­let, ich bin über­aus nach­sich­tig mit dir ge­we­sen. Aber wenn du nicht zum Arzt ge­hen willst, dar­auf be­stehst, hier­zu­blei­ben, und dich wei­gerst zu­zu­ge­ben, daß du geis­tes­ge­stört bist, dann be­wei­se, daß du recht hast.«

Ich wand­te mich um, trat hin­aus, warf die Tür hin­ter mir zu und ging rasch den Pfad hin­un­ter.

Es war ei­ne herr­li­che Nacht, und ich at­me­te die Luft in tie­fen Zü­gen ein, wäh­rend ich zu der knapp zwei Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Kreu­zung wan­der­te.

Die Un­ge­duld trieb mich vor­an. Ich hat­te es ei­lig, mein Ziel zu er­rei­chen. In Wirk­lich­keit woll­te ich gar nicht zu Le­ons Ta­ver­ne.

Ich ging zu Li­sa.

Li­sas klei­ne Hüt­te war dun­kel, und ich frag­te mich, ob sie zu Bett ge­gan­gen sei. Ihr al­ter Va­ter schlief schon, das wuß­te ich. Von ihm war kei­ne Stö­rung zu er­war­ten.

Wäh­rend ich auf die Hüt­te zu­ging, hat­te ich be­reits be­schlos­sen, Li­sa auf­zu­we­cken, falls sie be­reits schlief. Ei­ne sol­che Nacht war nicht zum Schla­fen ge­schaf­fen.

Kurz vor der Tür ließ mich ein plötz­li­ches Ge­räusch an­hal­ten. Die Tür öff­ne­te sich lang­sam. Un­will­kür­lich trat ich in den Schat­ten zu­rück, als ei­ne Ge­stalt er­schi­en.

»Li­sa!« flüs­ter­te ich.

Sie dreh­te sich um und kam zu mir.

»So hat­test du al­so die­sel­be Idee«, mur­mel­te ich, als ich sie in die Ar­me nahm. »Komm, ma­chen wir, daß wir von hier weg­kom­men. Laß uns zum Strand ge­hen.«

Schwei­gend ging sie ne­ben mir her, als ich sie den Weg zum Was­ser führ­te.

Lan­ge Zeit blick­ten wir zum Mond hin­auf. Dann, als sich mei­ne Ar­me fes­ter um sie schlös­sen, wand­te sich Li­sa zu mir und schüt­tel­te den Kopf.

»Nein, Charles. Ich muß jetzt ge­hen.«

»Wo­hin?«

»Ich ha­be in der Nä­he der Kreu­zung et­was zu er­le­di­gen.«

»Das kann war­ten.«

Ich um­schloß ihr Ge­sicht mit mei­nen Hän­den, um sie zu küs­sen. Sie wich zu­rück.

»Was ist los, Li­sa?«

»Laß mich in Ru­he!«

»Ist et­was nicht in Ord­nung?«

»Es ist al­les in Ord­nung. Geh, Charles.«

Ich starr­te sie ver­blüfft an. Und sah, daß ihr Ge­sicht un­na­tür­lich ge­rötet war, die Au­gen hek­tisch glänz­ten und ihr Mund eher pro­tes­tie­rend als in Er­war­tung mei­ner Zärt­lich­kei­ten ge­öff­net war.

Sie sah mich nicht an. Sie sah durch mich hin­durch zum Mond hin. Ein Zwil­lings­mond spie­gel­te sich in ih­ren Au­gen. Die bei­den Mon­de schie­nen sich aus­zu­deh­nen, zu wach­sen und dann die dun­kel­ro­ten Pu­pil­len durch sil­ber­ne Feu­er­ku­geln zu er­set­zen.

»Geh weg, Charles«, stieß sie her­vor. »Geh – schnell!«

Aber ich blieb.

Schließ­lich er­lebt man nicht je­den Tag das un­ge­wöhn­li­che Schau­spiel ei­ner ly­kan­thro­pen Me­ta­mor­pho­se. Und hier sah ich, wie ei­ne Frau sich in einen Wolf ver­wan­del­te.

Das ers­te An­zei­chen war der ver­än­der­te Atem­rhyth­mus. Aus dem At­men wur­de ein Keu­chen, aus dem Keu­chen ein hei­se­res Schnau­fen. Ich be­ob­ach­te­te, wie ihr Bu­sen sich hob und senk­te, hob und senk­te, hob und senk­te und – sich ver­wan­del­te.

Ih­re Schul­tern fie­len nach vorn ab. Der Kör­per schi­en sich nicht nie­der­zu­du­cken, son­dern förm­lich schräg weg­zu­wach­sen. Die Arm­stel­lung ver­schob sich.

Li­sa lag jetzt auf dem Bo­den. Sie krümm­te und wand sich bald im Schat­ten, bald im Mond­licht. Aber ih­re Haut schim­mer­te nicht mehr. Sie wur­de dunk­ler, grö­ber und be­deck­te sich mit Haar­bü­scheln.

Ih­re Be­we­gun­gen wa­ren wie die ei­ner Krei­ßen­den, und in ge­wis­ser Hin­sicht wa­ren es Preß­we­hen. Sie ge­bar ei­ne neue Form ih­rer selbst. Die Qual und das Zu­cken ih­res Kör­pers wa­ren rei­ne Re­fle­xe.

Es war fas­zi­nie­rend zu se­hen, wie ihr Schä­del sich ver­än­der­te, als ob die Hän­de ei­nes un­sicht­ba­ren Bild­hau­ers den le­ben­den Ton kne­te­ten und mo­del­lier­ten und die Kno­chen­struk­tur in ei­ne neue Form drück­ten.

Der lan­ge Kopf schi­en einen Mo­ment lang wun­der­lich kahl zu sein, dann sprang das fei­ne Fell hoch, die Oh­ren stell­ten sich nach au­ßen, und ih­re ro­sa Spit­zen zuck­ten an ei­nem ver­dick­ten Hals ent­lang.

Die Au­gen stell­ten sich schräg, wäh­rend sich die Zü­ge ih­res Ge­sichts ver­krampf­ten und in ei­ne lan­ge Schnau­ze ver­wan­del­ten. Das un­frei­wil­li­ge, mas­ken­haf­te Grin­sen wur­de zu ei­nem dro­hen­den Flet­schen, und dann spran­gen die Zäh­ne her­vor.

Die Klei­dung war von ihr ab­ge­fal­len, und ich konn­te die Um­wand­lung ih­rer Glie­der se­hen, als sie sich ver­kürz­ten, mit Fell be­deck­ten und sich wie­der streck­ten. Die Hän­de, die in höchs­ter Pein in der Er­de ge­scharrt hat­ten, wur­den zu Pfo­ten.

Der gan­ze Pro­zeß dau­er­te rund drei und ei­ne hal­be Mi­nu­te. Ich weiß es, denn ich ha­be auf die Uhr ge­se­hen.

O ja, ich ha­be die Zeit ge­nau ge­stoppt. Ich hät­te ei­gent­lich Angst ha­ben sol­len. Aber nicht je­dem Men­schen bie­tet sich die Ge­le­gen­heit, zu­zu­schau­en, wie aus ei­ner Frau ein Wolf wird. Ich be­trach­te­te die Trans­for­ma­ti­on so­zu­sa­gen mit pro­fes­sio­nel­lem In­ter­es­se. Die Fas­zi­na­ti­on ver­dräng­te die Angst.

Jetzt war die Ver­wand­lung be­en­det. Der Wolf stand vor mir, sprung­be­reit und keu­chend.

Jetzt ver­stand ich na­tür­lich al­les. Ver­stand, warum Li­sa so we­ni­ge Be­kann­te hat­te, warum sie so vie­le Aben­de al­lein ver­brach­te, warum sie mich ge­drängt hat­te, weg­zu­ge­hen – und warum sie das Ver­hal­ten des Phan­tom­wolfs so si­cher vor­aus­sa­gen konn­te.

Ich stand da und lä­chel­te.

Die wil­den Au­gen blick­ten mich fle­hend an. Ich neh­me an, sie hat­te er­war­tet, daß ich Schreck, Furcht oder zu­min­dest Ab­scheu zei­gen wür­de.

Mein Lä­cheln war ei­ne un­er­war­te­te Ant­wort. Aus dem fellbe­deck­ten Hals stieg ein Win­seln em­por, das sich fast zu ei­nem Schnur­ren stei­ger­te. Jetzt war sie be­ru­higt.

»Du soll­test dich auf den Weg ma­chen«, wis­per­te ich.

Sie zö­ger­te noch. Ich bück­te mich und tät­schel­te den Kopf, der vom Schweiß der über­stan­de­nen Pein noch feucht war. »Es ist ja al­les gut«, sag­te ich. »Ich ver­ste­he, Li­sa. Du kannst mir ver­trau­en. Und es än­dert nichts an mei­nen Ge­füh­len.«

Das Schnur­ren erstarb in der zot­ti­gen Brust des rie­si­gen Wolfs.

»Los, be­ei­le dich«, re­de­te ich ihr zu. »Vio­let ist ganz al­lein. Du hast ver­spro­chen, sie zu über­ra­schen.«

Das graue Tier wand­te sich um und trot­te­te auf den Wald zu.

Ich ging zum See hin­un­ter und sah dem Spiel der Mond­strah­len auf der Was­sero­ber­flä­che zu.

Schlag­ar­tig brach die ver­zö­ger­te emo­tio­nel­le Re­ak­ti­on über mich her­ein. Al­les war klar – zu klar.

Ich hat­te mich mit ei­nem Mäd­chen ver­bün­det, um mei­ne Frau in den Wahn­sinn zu trei­ben. Das Mäd­chen war selbst nicht ganz nor­mal. Und jetzt hat­te ich er­fah­ren, daß sie ein Wer­wolf war. Viel­leicht war auch ich leicht ver­rückt.

Aber so war die La­ge, und ich wuß­te kei­nen Aus­weg. Ich konn­te nicht mehr zu­rück. Al­les wür­de sich plan­ge­mäß ent­wi­ckeln. Und schließ­lich wür­de ich ha­ben, was ich woll­te. Aber – woll­te ich es noch?

Plötz­lich brach ein Schluch­zen aus mir her­aus.

Es war we­der Reue noch Selbst­be­mit­lei­dung, noch Furcht. Es war nur ein Ge­dan­ke, der mich über­fal­len hat­te – die Vor­stel­lung, daß ich Li­sa in den Ar­men hielt und spür­te, wie sie sich ver­wan­del­te; daß ich Li­sas ro­te Lip­pen küß­te und sich plötz­lich die Schnau­ze ei­nes Wolfs ge­gen mei­nen Mund preß­te.

Mein Schluch­zen wur­de von ei­nem Ge­heul un­ter­bro­chen, das aus der Tie­fe des Wal­des höh­nisch zu mir drang.

Ich hielt mir die Oh­ren zu und schau­der­te.

Plötz­lich fand ich mich wie­der, wie ich durch den Wald rann­te. Ich konn­te jetzt kein Ge­heul mehr hö­ren, doch das Keu­chen mei­ner Atem­zü­ge dröhn­te in mei­nen Oh­ren. Ich rann­te wie be­ses­sen, blind­lings, mein Ge­sicht und mei­ne Hän­de wur­den von den Zwei­gen zer­kratzt, wäh­rend ich auf die Hüt­te zu­jag­te.

In der Hüt­te war es dun­kel. Ich stürz­te an die Tür, woll­te sie öff­nen, aber sie war ver­schlos­sen.

Drin­nen schrie Vio­let auf, und ich war er­leich­tert. Zu­min­dest leb­te sie noch.

Denn jetzt hielt ein Ge­dan­ke mich ge­packt.

Wer­wöl­fe ver­brei­ten nicht nur Furcht und Schre­cken – sie tö­ten!

So wa­ren ih­re Schreie Mu­sik in mei­nen Oh­ren, und als ich die Tür end­lich auf­be­kom­men hat­te, stürz­te sie sich wei­nend in mei­ne Ar­me.

»Ich ha­be ihn ge­se­hen!« flüs­ter­te sie. »Er kam und sah durchs Fens­ter her­ein. Es war ein Wolf, aber die Au­gen wa­ren wie die ei­nes Men­schen. Sie starr­ten mich an, die­se grü­nen Au­gen – und dann ver­such­te er, die Tür auf­zu­ma­chen – er heul­te – ich glau­be, ich fiel in Ohn­macht – o Charles, hilf mir – hilf mir …«

Ich konn­te es nicht er­tra­gen. An­ge­sichts ih­rer To­des­angst konn­te ich mei­nen Plan nicht ver­wirk­li­chen. So nahm ich sie in die Ar­me und sprach trös­tend auf sie ein.

»Ja, Lieb­ling«, mur­mel­te ich. »Ich weiß, daß du ihn ge­se­hen hast, weil ich ihn auch sah, drau­ßen im Wald. Und ich ha­be sein Ge­heul ge­hört. Jetzt weiß ich, daß du recht hat­test – es gibt einen Wolf hier.«

»Einen Wer­wolf«, sag­te sie hart­nä­ckig.

»Je­den­falls einen Wolf. Und mor­gen ge­he ich ins Dorf, und wir wer­den schon ein paar Jä­ger zu­sam­men­trom­meln und das Scheu­sal fin­den.«

Da lä­chel­te sie mich an. Sie konn­te ihr Zit­tern nicht un­ter­drücken, aber sie brach­te ein Lä­cheln zu­stan­de.

»Du brauchst kei­ne Angst mehr zu ha­ben, Lie­bes«, sag­te ich. »Jetzt bin ich ja da. Al­les ist wie­der gut.«

In die­ser Nacht schlie­fen wir eng um­schlun­gen wie zwei ver­ängs­tig­te Kin­der.

Und ge­nau be­trach­tet, wa­ren wir auch nichts an­de­res.

Es war schon über Mit­tag, als ich er­wach­te. Vio­let be­rei­te­te in al­ler Ru­he das Früh­stück zu.

Ich stand auf und schab­te mit der Ra­sier­klin­ge über mein Ge­sicht. Das Es­sen stand auf dem Tisch, als ich mich hin­setz­te, aber ich brach­te kaum et­was hin­un­ter.

»Die Spu­ren lau­fen um die gan­ze Hüt­te«, sag­te Vio­let. Ih­re Stim­me klang fest – mein Glau­be ver­lieh ihr Kraft.

»Gut«, sag­te ich. »Ich ge­he jetzt zur Kreu­zung. Ich wer­de mit Le­on, Dok­tor Me­roux und ein paar an­de­ren re­den. Viel­leicht spre­che ich auch im Haupt­quar­tier der Moun­ties vor, wenn mich je­mand hin­fährt.«

»Du willst mit auf die Jagd ge­hen?«

»Ge­wiß. Ich will beim Ha­la­li da­bei sein. Das ist das min­des­te, was ich tun kann – sonst wür­de ich mir nie ver­zei­hen, daß ich dich so falsch be­ur­teilt ha­be.«

Sie küß­te mich.

»Und du wirst kei­ne Angst mehr ha­ben, al­lein hier­zu­blei­ben?«

»Nein. Jetzt nicht mehr.«

»Gut.«

Ich ging.

Auf dem Weg zum Dorf dach­te ich über vie­les nach. Mei­ne Me­di­ta­tio­nen wur­den jäh un­ter­bro­chen, als ich in Le­ons Ta­ver­ne ein­trat und einen Drink ver­lang­te.

Der di­cke Le­on sprach am an­de­ren En­de der The­ke mit dem klei­nen Dr. Me­roux. Er we­del­te mit den Ar­men und roll­te die Au­gen, doch als er mich sah, hielt er in­ne und kam zu mir. Er lehn­te sich über die The­ke und starr­te mir ins Ge­sicht.

»Ah, Mon­sieur Col­by, es tut gut, Sie zu se­hen.«

»Dan­ke, Le­on. Hat­te viel zu tun in der letz­ten Zeit – konn­te nicht oft her­kom­men.«

»Und es war in Ih­rer Hüt­te, wo Sie viel zu tun hat­ten?«

Wie­der die­ser star­re Blick. Ich zö­ger­te, biß mir auf die Lip­pen. Schließ­lich sag­te ich:

»Ja. Mei­ne Frau hat sich nicht ganz wohl ge­fühlt, und ich ha­be mich die meis­te Zeit um sie ge­küm­mert.«

»Es ist ein­sam dort oben, nicht wahr?«

»Sie wis­sen ja sel­ber, wie es ist.« Ich zuck­te mit den Schul­tern. »Warum fra­gen Sie?«

»Kein be­son­de­rer Grund. Es ist nur, daß ich gern wüß­te, ob Sie zu­fäl­lig in den letz­ten Näch­ten et­was ge­hört ha­ben?«

»Ob ich et­was ge­hört ha­be? Was hät­te ich hö­ren sol­len? Frösche und Zi­ka­den und …«

»Viel­leicht Wöl­fe?«

Ich blin­zel­te. Der di­cke Le­on starr­te mich wie­der an.

»Ha­ben Sie das Heu­len von ›le loup‹ ge­hört?« flüs­ter­te er.

Mein Kopf be­weg­te sich ver­nei­nend. Ich hoff­te, daß er dar­auf ach­te­te und nicht auf mei­ne zit­tern­den Hän­de.

»Selt­sam. Man möch­te mei­nen, daß das Echo über den See ge­tra­gen wür­de.«

»Aber hier gibt es doch kei­ne Wöl­fe.«

»Ah!« hauch­te Le­on. »Sie ir­ren sich.«

»Wo­her wis­sen Sie das?«

»Er­in­nern Sie sich an Big Pi­er­re, den Füh­rer – der Dunkle, der auf der an­de­ren Sei­te des Sees wohnt?« frag­te Le­on.

»Ja.«

»Big Pi­er­re ist ges­tern mit ei­ner Grup­pe zum Fluß auf­ge­bro­chen. Sei­ne Toch­ter Yvon­ne blieb zu­rück im Block­haus. Sie war in der Nacht al­lein. Da­her wis­sen wir über den Wolf Be­scheid.«

»Sie hat es Ih­nen er­zählt?«

»Sie hat es uns nicht er­zählt, non. Aber heu­te früh kam le bon Doc­teur Me­roux an ih­rer Tür vor­bei und hielt an, um ihr gu­ten Mor­gen zu sa­gen. Er fand sie im Hof. ›Le loup‹ hat­te sie in der Nacht at­ta­ckiert, mö­ge ih­re See­le in Frie­den ru­hen.«

»Tot?«

»Cer­tai­ne­ment. Man mag nicht dar­an den­ken. Dok­tor Me­roux ver­lor die Spur im Wald, aber wenn Big Pi­er­re zu­rück­kommt, wird er das Un­tier auf­spü­ren, ja.«

Dr. Me­roux schob sich die The­ke ent­lang, sein Schnurr­bart sträub­te sich förm­lich vor Auf­re­gung.

»Was hal­ten Sie da­von, Charles? Ein Ein­sied­ler­wolf in un­se­rem Be­zirk – ein Mord­wolf. Ich wer­de die Moun­ted Po­li­ce be­nach­rich­ti­gen und da­für sor­gen, daß ei­ne War­nung her­aus­geht. Wenn Sie die Lei­che des ar­men Kin­des ge­se­hen hät­ten …«

Ich stürz­te den In­halt mei­nes Gla­ses hin­un­ter und wand­te mich has­tig zum Ge­hen.

»Vio­let!« stieß ich her­vor. »Sie ist ganz al­lein. Ich muß so­fort zu­rück!«

Ich stol­per­te aus Le­ons Ta­ver­ne und eil­te die son­nen­be­schie­ne­ne Stra­ße ent­lang.

Jetzt wuß­te ich, wo Li­sa hin­ge­gan­gen war, nach­dem sie Vio­let ver­las­sen hat­te. Jetzt wuß­te ich, daß Wer­wöl­fe mehr tun, als nur ih­re Ge­stalt zu ver­wan­deln.

Ich hielt auf den Ver­kaufs­stand zu. Er war ge­schlos­sen. Al­le Vor­sicht in den Wind schla­gend, rann­te ich zur Tür. Die ein­zi­ge Ant­wort auf mein Klop­fen war das Mur­meln des ge­lähm­ten Grei­ses.

Ge­ra­de als ich mich zum Ge­hen wand­te, öff­ne­te sich die Tür. Li­sa stand da und blin­zel­te in das Son­nen­licht. Sie war blaß und er­schöpft, und ihr Haar hing of­fen über ih­ren nack­ten Rücken.

»Charles – was gibt es?«

Ich zog sie in den Schat­ten der Bäu­me hin­ter dem Haus. Sie sah zu mir hoch. Ihr Ge­sicht war von Er­schöp­fung ge­zeich­net, ih­re Au­gen wa­ren stumpf vor Mü­dig­keit.

Dann schlug ich hart zu. Sie zuck­te weg, ver­such­te sich zu du­cken, aber mei­ne an­de­re Hand hielt ih­re Schul­ter um­klam­mert. Ich schlug sie wie­der. Sie be­gann lei­se zu win­seln, wie ein Hund. Wie ein Wolf.

Wie­der schlug ich mit al­ler Kraft zu. Mein Hals war wie zu­ge­würgt, und ich brach­te die Wor­te nicht deut­lich her­vor.

»Du När­rin!« japs­te ich. »Warum hast du es ge­tan?«

Sie wein­te. Ich schüt­tel­te sie hef­tig.

»Hör auf! Glaubst du, ich weiß nicht, was in der letz­ten Nacht ge­sche­hen ist? Und die an­de­ren wis­sen es auch. Warum hast du es ge­tan, Li­sa?«

Da ver­stand sie und wuß­te, daß sie kei­ne Hoff­nung hat­te, mich täu­schen zu kön­nen.

»Ich muß­te«, wis­per­te sie. »Du hast ja kei­ne Ah­nung, wie es ist. Nach­dem ich dei­ne Frau in der Hüt­te ver­las­sen hat­te, ging ich um den See her­um zu­rück. Da war es, daß – es über mich kam.«

»Was kam über dich?«

»Der Hun­ger.«

Sie sag­te es ganz schlicht.

»Das kannst du nicht ver­ste­hen, nicht wahr? Wie der Hun­ger über einen kommt. Er nagt an dei­nem Ma­gen, und dann nagt er an dei­nem Ge­hirn, bis du nicht mehr den­ken kannst. Du kannst nur noch – han­deln. Und als ich an Big Pi­er­res Block­haus vor­bei­kam, stand Yvon­ne in der Dun­kel­heit am Brun­nen und hol­te Was­ser. Ich er­in­ne­re mich, daß ich sie dort ste­hen sah, und dann – wei­ter weiß ich nichts mehr.«

Ich schüt­tel­te sie, daß ih­re Zäh­ne auf­ein­an­der schlu­gen.

»Du weißt es nicht mehr, wie? Nun, das Mäd­chen ist tot.«

»Le bon Dieu sei ge­lobt!« hauch­te Li­sa.

Ich schnapp­te nach Luft. »Du dankst Gott – da­für?«

»Ge­wiß. Denn wenn sie nicht ge­stor­ben wä­re – wenn sie den Biß ei­nes Ge­schöp­fes mei­ner Art über­lebt hät­te –, dann wä­re sie selbst zu ei­ner die­ser un­glück­se­li­gen Krea­tu­ren ge­wor­den.«

»Oh.« Ich konn­te kaum flüs­tern.

»Ver­stehst du denn nicht? Ich tue es doch nicht aus frei­en Stücken. Es ist der Hun­ger, im­mer der Hun­ger. Frü­her, wenn ich – die Ver­wand­lung – kom­men fühl­te, bin ich weit fort­ge­gan­gen, da­mit nie­mand et­was merk­te. Aber letz­te Nacht kam der Hun­ger so schnell über mich, daß ich wehr­los war. Trotz­dem, es ist bes­ser, daß das ar­me Kind tot ist.«

»Das ist das, was du denkst«, sag­te ich. »Du läßt nur ein klei­nes De­tail au­ßer acht. Un­ser Plan ist rui­niert.«

»Wie­so?«

»Mei­ne Frau wird sich nicht mehr län­ger we­gen ei­nes ima­gi­nären Wolfs ängs­ti­gen. Wenn sie jetzt von ei­nem Raub­tier er­zählt, das sie ver­folgt, wird nie­mand sie für ver­rückt hal­ten. Je­der weiß jetzt, daß es tat­säch­lich einen Wolf gibt.«

»Ich ver­ste­he. Was schlägst du vor?«

»Nichts. Wir müs­sen un­se­ren Plan auf­ge­ben.«

Ih­re Ar­me schlan­gen sich um mei­nen Hals, ihr zer­schla­ge­nes Ge­sicht drück­te sich an das mei­ne. »Charles«, schluchz­te sie. »Du meinst, daß wir nicht zu­sam­men …«

»Wie kannst du das er­war­ten, nach dem, was du ge­tan hast?«

»Liebst du mich nicht mehr, Charles?«

Sie küß­te mich, und ih­re Lip­pen wa­ren sanft. Das war nicht der Kuß ei­nes Wolfs, son­dern der war­me, elek­tri­sie­ren­de Kuß ei­ner be­zau­bern­den Frau. Ih­re Ar­me wa­ren weich. Ich fühl­te, wie ich auf ih­re Um­ar­mung rea­gier­te, spür­te wie­der das un­glaub­li­che Be­geh­ren, das die­ses Mäd­chen in mir ent­fa­chen konn­te. Und ich wur­de schwach.

»Es wird uns schon et­was ein­fal­len«, sag­te ich. »Aber du mußt mir ver­spre­chen – was letz­te Nacht ge­sche­hen ist, darf sich nicht wie­der­ho­len. Und du darfst dich nie wie­der mei­ner Frau nä­hern.«

»Ich ver­spre­che es.« Sie seufz­te. »Es wird schwer zu hal­ten sein, die­ses Ver­spre­chen. Aber ich wer­de mein mög­lichs­tes tun. Du kommst heu­te abend zu mir, ja? Dann kön­nen wir Zu­sam­men­sein, und du wirst mich vor mei­nem – Hun­ger schüt­zen.«

»Ich wer­de heu­te abend zu dir kom­men«, sag­te ich.

Ih­re Au­gen fla­cker­ten in plötz­li­cher Furcht. »Charles«, flüs­ter­te sie, »du mußt kom­men, ehe der Mond auf­geht.«

Als ich zur Hüt­te zu­rück­kam, war­te­te Vio­let vor der Tür auf mich. »Hast du es ge­hört?« frag­te sie.

»Wo­her weißt du es?« gab ich zu­rück.

»Ein Mann ist hier, der dich spre­chen will. Er hat es mir er­zählt. Er frag­te mich über den Wolf, und ich er­zähl­te, was sich kürz­lich ab­ge­spielt hat. Er ist drin­nen und war­tet auf dich.«

»Du hast es ihm er­zählt«, wie­der­hol­te ich, »und er will mich spre­chen.«

»Ja. Geh am bes­ten al­lein hin­ein. Er heißt Cra­gin und ist von der Moun­ted Po­li­ce.«

Mir blieb nichts an­de­res üb­rig, als hin­ein­zu­ge­hen.

Ich hat­te noch nie je­man­den von der Nor­thwest Moun­ted Po­li­ce ge­se­hen. Wenn nicht die Uni­form ge­we­sen wä­re, hät­te Mr. Cra­gin ein groß­städ­ti­scher Po­li­zei­be­am­ter sein kön­nen.

»Mr. Charles Col­by?« frag­te er und stand auf.

»Ja. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich glau­be, das wis­sen Sie. Es han­delt sich um den Tod der klei­nen Yvon­ne Be­auch­amps, drü­ben am See.«

Ich seufz­te. »Man sag­te es mir im Dorf. Ein Wolf, nicht wahr? Man frag­te mich, ob ich einen ge­se­hen hät­te.«

»Und ha­ben Sie?«

Ich zö­ger­te, und das war falsch. Der große Mann in der Uni­form sah mich lä­chelnd an.

»Ist nicht so wich­tig. Je­der, der sich die Mü­he macht, die Um­ge­bung Ih­rer Hüt­te zu be­trach­ten, kann Hun­der­te von Wolfss­pu­ren se­hen. Üb­ri­gens führt ei­ne Spur von hier aus um den See her­um bis zum Block­haus der Be­auch­amps. Ich bin ihr heu­te nach­mit­tag ge­folgt.«

Ich konn­te nichts sa­gen. Ich woll­te mir ei­ne Zi­ga­ret­te an­zün­den und wünsch­te so­fort, es nicht ver­sucht zu ha­ben.

»Au­ßer­dem«, fuhr Cra­gin fort, »ha­be ich mit Ih­rer Frau ge­spro­chen. Sie scheint al­les über die­sen Wolf zu wis­sen.«

»Wirk­lich? Hat sie Ih­nen er­zählt, daß sie letz­te Nacht einen hier ge­se­hen hat?«

»Ja.« Crag­ins Lä­cheln ver­schwand. »Wo wa­ren Sie üb­ri­gens letz­te Nacht, als der Wolf er­schi­en?«

»Im Dorf.«

»In der Ta­ver­ne?«

»Nein. Ich mach­te bloß einen Spa­zier­gang.«

»Einen Spa­zier­gang?«

Un­ser Dia­log war nicht son­der­lich geist­reich, aber er in­ter­es­sier­te mich. Ich er­kann­te, daß Cra­gin ein be­stimm­tes Ziel ver­folg­te. So war es auch.

»Las­sen wir das für den Au­gen­blick«, schlug er vor. »Ich ha­be so­wie­so al­le wich­ti­gen Tat­sa­chen bei­sam­men. Jetzt ver­su­che ich nur, et­was über die Ge­wohn­hei­ten des Mord­wolfs her­aus­zu­fin­den. Wir stel­len näm­lich ei­ne Grup­pe von Jä­gern zu­sam­men. Sie hät­ten wohl kei­ne Lust, sich uns an­zu­schlie­ßen, weil das nicht auf Ih­rer Li­nie liegt, stimmt’s?«

Ich schwieg.

»Nun, stimmt’s?« wie­der­hol­te er. »Sie sind Schrift­stel­ler, nicht wahr?«

Ich nick­te.

»Wie ich hö­re, ha­ben Sie ei­ne Men­ge über über­na­tür­li­che Er­schei­nun­gen ge­schrie­ben. Sie ha­ben ge­ra­de ei­ne Ge­schich­te über ei­ne Art un­sicht­ba­res Mon­s­trum be­en­det, sagt Ih­re Frau.«

Ich nick­te wie­der. Das war am leich­tes­ten, im­mer nur zu ni­cken.

Cra­gin er­hob sich. »Krie­gen Sie da manch­mal ko­mi­sche An­wand­lun­gen?« frag­te er mich.

»Was soll das hei­ßen?«

»Es scheint mir ein­leuch­tend zu sein, daß ein Schrift­stel­ler wie Sie na­tür­lich ein biß­chen – an­ders sein könn­te. Wenn ich so sa­gen darf, könn­te ich mir vor­stel­len, daß je­mand, der über Mons­tren schreibt, über man­che Din­ge ziem­lich merk­wür­di­ge An­sich­ten ha­ben muß.«

Mir blieb die Luft weg, was ich hin­ter ei­nem schnel­len Grin­sen ver­barg. »Wol­len Sie da­mit an­deu­ten, daß, wenn ich ei­ne Ge­schich­te über ein Mon­s­trum schrei­be, es sich um ein au­to­bio­gra­phi­sches Ka­pi­tel han­delt?«

Das hat­te er nicht er­war­tet. Ich stieß so­fort nach.

»Na, was ist Ih­nen denn?« sag­te ich mit schlep­pen­der Stim­me. »Fin­den Sie, daß ich wie ein Vam­pir aus­se­he?«

Cra­gin quäl­te sich ein Lä­cheln ab. »Es ge­hört zu mei­nem Be­ruf, miß­trau­isch zu sein. Zei­gen Sie mir Ih­re Zäh­ne, ehe ich ant­wor­te.«

Ich mach­te den Mund auf und sag­te: »Aah!«

Das ge­fiel ihm auch nicht.

Ich sah mei­nen Vor­teil und nutz­te ihn.

»Was wol­len Sie ei­gent­lich, Cra­gin?« sag­te ich for­dernd. »Sie wis­sen, daß mei­ne Frau einen Wolf ge­se­hen hat. Sie wis­sen, daß er letz­te Nacht er­schie­nen ist. Sie wis­sen, daß er von hier weg­lief, an­schei­nend um den See ging, das Mäd­chen tö­te­te und ver­schwand.

Wir ha­ben Ih­nen al­le Aus­künf­te ge­ge­ben, die Sie ha­ben woll­ten, es sei denn, Sie heg­ten die va­ge Idee, daß ich selbst ir­gend­ein Un­ge­heu­er sei. Viel­leicht ver­lei­tet Ih­re hoch­wis­sen­schaft­li­che Po­li­zei­theo­rie Sie zu der An­nah­me, daß ich mich in einen Wolf ver­wand­le, mei­ne Frau er­schre­cke und dann weg­lau­fe und mir im Dun­keln ein Op­fer su­che.«

Jetzt hat­te ich ihn in Ver­le­gen­heit ge­bracht. »Ich bin an euch Hin­ter­wäld­ler­ty­pen nicht ge­wöhnt«, sag­te ich. »Na­tür­lich wuß­te ich, daß ei­ni­ge der Halb­blu­t­in­dia­ner hier an Geis­ter und Wer­wöl­fe und Dä­mo­nen glau­ben, aber ich dach­te nicht, daß Mit­glie­der der Moun­ted Po­li­ce sich die­sen Aber­glau­ben zu ei­gen ma­chen.«

»Aber wirk­lich, Mr. Col­by, ich …«

Mei­ne Hand lag auf der Tür­klin­ke. Ich deu­te­te hin­aus und lä­chel­te lie­bens­wür­dig.

»Ich schla­ge vor, daß Sie Ih­ren Wolf ja­gen ge­hen.«

Er be­folg­te die­sen Rat und ging.

Ich setz­te mich hin und ge­stat­te­te mir den Lu­xus ei­nes ge­die­ge­nen Schweiß­aus­bruchs, als Vio­let her­ein­kam.

Zum ers­ten­mal be­nahm ich mich ver­nünf­tig. Mei­ne di­rek­te At­ta­cke hat­te si­cher­lich je­den Ver­dacht zer­streut, den Cra­gin ge­hegt ha­ben moch­te. Ich hat­te ihn da­zu ge­bracht, daß er sich ob sei­nes ge­hei­men Glau­bens schäm­te, daß in den Flüs­ter­ge­schich­ten über Wer­wöl­fe viel­leicht doch ein Körn­chen Wahr­heit steck­te.

Ich be­schloß, mit Vio­let ge­nau­so zu ver­fah­ren. Ganz ru­hig be­rich­te­te ich ihr den Ver­lauf der Un­ter­re­dung.

Sie hör­te schwei­gend zu.

»Und jetzt, Liebs­te, er­kennst du si­cher­lich die Wahr­heit«, schloß ich. »Der Wolf ist wirk­lich – aber es ist nur ein Wolf. Du dach­test, er könn­te noch et­was an­de­res sein, weil er ei­ne ge­wis­se In­tel­li­genz zeig­te. Dok­tor Me­roux sag­te mir, daß der­ar­ti­ge Mord­wöl­fe an Men­schen ge­wöhnt und viel schlau­er sind.

Aber als er tö­te­te, be­nahm er sich wie ein Tier. Es ist ein Wolf und wei­ter nichts. Heu­te nacht wer­den sie ihn stel­len, und du kannst wie­der ru­hig schla­fen.«

Vio­let leg­te ei­ne Hand auf mei­nen Arm.

»Bleibst du hier?« frag­te sie.

Ich run­zel­te die Stirn.

»Nein. Ich ge­he zur Kreu­zung und schlie­ße mich den Jä­gern an. Es ist ei­ne Eh­ren­sa­che für mich, da­bei­zu­sein.«

»Ich wünsch­te, du wür­dest… Ich ha­be Angst…«

»Schließ die Tü­ren ab. Ein Wolf kann kein Tür­schloß auf­ma­chen.«

»Aber…«

»Ich ge­he mit auf die Jagd. Glau­be mir, du wirst si­che­rer sein, wenn ich heu­te nacht nicht hier bin.«

 

Es war kurz vor Mond­auf­gang, als ich Li­sa un­ter den Bäu­men hin­ter dem Haus traf.

Sie stand im Schat­ten, und mir fiel ein Stein vom Her­zen, als ich sah, daß es ei­ne Frau war, die auf mich war­te­te, und nicht ein Wolf.

Ihr Lä­cheln und ih­re zärt­li­che Be­grü­ßung be­ru­hig­ten mich noch mehr.

»Ich wuß­te, daß du kom­men wür­dest«, sag­te sie. »Jetzt kön­nen wir Zu­sam­men­sein. Oh, Charles, ich ha­be sol­che Angst!«

»Angst?«

»Ja. Hast du es nicht ge­hört? Die­ser Cra­gin – von der Moun­ted Po­li­ce –, was er ge­sagt hat? Er kam heu­te zu mir und frag­te, ob ich et­was über den Wolf wüß­te. Le­on hat in der Ta­ver­ne wie ein al­tes Weib ge­klatscht, daß ich nachts spa­zie­ren­ge­he, und er hat Ge­schich­ten über Wer­wöl­fe er­zählt.«

»Mach dir kei­ne Sor­gen«, trös­te­te ich sie und er­zähl­te ihr kurz von mei­ner Un­ter­hal­tung mit Cra­gin.

»Aber sie ge­hen heu­te nacht auf die Jagd«, sag­te Li­sa. »Le­on hat sein Lo­kal ge­schlos­sen, und die meis­ten Män­ner ge­hen mit Cra­gin. Sie sind bei Son­nen­un­ter­gang auf­ge­bro­chen und um den See her­um­ge­gan­gen. Sie wol­len bei Big Pi­er­res Block­haus an­fan­gen und von dort aus dem Wolf nach­spü­ren.«

»Warum soll­te dich das be­un­ru­hi­gen?« ant­wor­te­te ich lä­chelnd. »Es gibt kei­nen Wolf. Heu­te nacht sind du und ich zu­sam­men.«

»Ja, das stimmt«, sag­te Li­sa. »So­lan­ge ich bei dir bin, brau­che ich nichts zu fürch­ten.« Sie be­deu­te­te mir, ihr zu dem Steilab­hang hin­ter den Bäu­men zu fol­gen.

»Wol­len wir uns hier­her set­zen und uns un­ter­hal­ten?« schlug sie vor. »Le­on hat zwar zu, aber ich war vor­her dort und ha­be Wein be­sorgt. Du magst doch Wein, Charles, nicht wahr?«

Sie lang­te einen Krug her­vor, und wir leg­ten uns ins Gras.

Der Wein war süß, aber stark. Als der Mond im Os­ten auf­ging, trank ich.

Plötz­lich pack­te sie mich an der Schul­ter.

»Horch!«

Ich hör­te es von weit­her – von weit über dem See. In das schwa­che Ge­schrei mensch­li­cher Stim­men misch­te sich ein schril­les, mo­no­to­nes Ge­kläff.

»Sie sind auf der Jagd und ha­ben Hun­de da­bei.«

Li­sa schau­der­te zu­sam­men. Ich nahm einen tie­fen Schluck und zog sie an mich.

»Kein Grund zur Be­un­ru­hi­gung«, trös­te­te ich sie.

Trotz­dem fühl­te ich, wie Furcht in mir auf­stieg, als ich zum Him­mel auf­blick­te, und die­se Furcht wuchs mit den lau­ter wer­den­den Ge­räuschen, die vom See her her­über­klan­gen.

Sie jag­ten einen Wer­wolf – und ich hielt sie in mei­nen Ar­men.

Li­sas stol­zes, wil­des Pro­fil hob sich ge­gen die blas­se Mond­schei­be ab.

Mond und Mäd­chen, die sich ge­gen­sei­tig an­starr­ten. Und ich starr­te auf bei­de …

Wenn der Mond auf­steigt, so auch das ver­fluch­te Übel in den Adern des Wer­wolf s …

»Li­sa«, flüs­ter­te ich, »fühlst du dich wohl?«

»Na­tür­lich, Charles. Hier, trink!«

»Ich mei­ne, du fühlst nicht, daß dir et­was – ge­sche­hen könn­te?«

»Nein. Nicht heu­te nacht. Al­les ist in Ord­nung. Ich bin ja bei dir.«

Sie lach­te und küß­te mich. Ich trank, um die Furcht her­un­ter­zu­spü­len, die ich nicht ver­trei­ben konn­te.

»Du wirst Vio­let nicht wie­der er­schre­cken? Du wirst nicht mehr bei Nacht her­um­strei­fen, bis über al­les Gras ge­wach­sen ist?«

»Na­tür­lich nicht.« Sie hielt mir den Krug an die Lip­pen.

»Du wirst Ge­duld ha­ben? Du wirst war­ten, bis ich einen neu­en Plan aus­ge­dacht ha­be?«

»Was im­mer du willst, Liebs­ter.«

Ich sah sie voll an. »Es kann lan­ge dau­ern. Viel­leicht geht es nicht so schnell, wie ich erst dach­te. Viel­leicht bleibt uns kein an­de­rer Aus­weg als die Schei­dung. Vio­let denkt in die­sen Din­gen sehr streng, und viel­leicht wird sie da­ge­gen an­kämp­fen. Die ju­ris­ti­sche Ab­wick­lung kann Jah­re dau­ern. Kannst du so lan­ge war­ten?«

»Schei­dung? Jah­re?«

»Du mußt mir ver­spre­chen, daß du war­ten wirst. Daß du we­der Vio­let noch je­mand an­ders scha­dest. Sonst kön­nen wir nicht zu­sam­men­blei­ben.«

Aus dem Schat­ten blick­te mich ihr Ge­sicht an. Dann neig­te sie sich vor, und ih­re Lip­pen such­ten mei­nen Mund.

»Gut, Charles. Wenn es nicht an­ders geht, dann kann ich war­ten. Ich kann war­ten.«

Ich trank wie­der. Ich sah al­les ganz deut­lich; dann ver­schwom­men; dann wie­der deut­lich. Das Hun­de­ge­bell dröhn­te in mei­nen Oh­ren, dann sank es zu ei­nem fer­nen Sur­ren ab. Li­sas Ge­sicht sah rie­sen­groß aus, dann ver­schwamm es zu nichts.

Der Wein war schuld dar­an, aber das war mir egal. Ich be­saß Li­sas Ver­spre­chen und Li­sas Lip­pen. Ich er­trug die Span­nung nicht län­ger. Die­se letz­ten Ta­ge wa­ren wie ein nicht en­den­wol­len­der Alp­traum ge­we­sen.

Ich trank tief vom Wein und von den Lip­pen.

Dann schlief ich ein …

Auf­wa­chen!

Ei­ne Stim­me drang ein­dring­lich an mein Ohr.

»Auf­wa­chen, Col­by! So ma­chen Sie doch!«

Ich öff­ne­te die Au­gen und setz­te mich auf. Der Mond stand hoch am Him­mel, und sein blei­ches Licht fiel auf das Ge­sicht, das sich zu mir her­un­ter­beug­te – das Ge­sicht von Dr. Me­roux.

»Hab’ ge­schla­fen«, mur­mel­te ich. »Wo ist Li­sa?«

»Li­sa? Au­ßer Ih­nen ist nie­mand hier. Wa­chen Sie auf, Mann, und kom­men Sie mit.«

Ich stand auf, schwank­te einen Mo­ment, fing mich dann.

»Sind Sie in Ord­nung?«

»Ja, Dok­tor. Was ist los?«

»Ich weiß nicht, ob …«

In sei­ner Stim­me la­gen Un­ent­schlos­sen­heit und ei­ne An­deu­tung von Furcht. Die­se An­deu­tung sprang auf mich über. Plötz­lich war ich nüch­tern und rief laut:

»Re­den Sie, Dok­tor! Was ist ge­sche­hen?«

»Es han­delt sich um Ih­re Frau«, sag­te er lang­sam. »Der Wolf kam heu­te nacht zu Ih­rer Hüt­te. Ich kam zu­fäl­lig vor­bei und woll­te nur mal nach­se­hen, ob al­les in Ord­nung sei. Als ich an­kam, war der Wolf schon ver­schwun­den. Aber …«

»Ja?«

»Der Wolf hat­te Vio­let die Keh­le zer­bis­sen.«

Wir ras­ten durch die Dun­kel­heit, wie in ei­nem schwar­zen Ne­bel, der der Nacht um uns und der Furcht in uns ent­stamm­te.

Li­sa hat­te ge­lo­gen. Sie hat­te mir Wein ge­ge­ben, ge­war­tet, bis ich ein­ge­schla­fen war und dann zu­ge­schla­gen!

Ich konn­te an nichts an­de­res den­ken.

Wir hat­ten die Hüt­te er­reicht. Dr. Me­roux knie­te ne­ben dem Bett, auf dem Vio­let lag. Sie lä­chel­te schwach.

»Lebt sie noch?« keuch­te ich.

»Ja. Ih­re Keh­le war auf­ge­ris­sen, aber ich konn­te die Blu­tung recht­zei­tig zum Still­stand brin­gen. Es ist nicht all­zu schlimm, doch hat sie einen Schock er­lit­ten. Hal­ten Sie sie für ein oder zwei Ta­ge ru­hig.«

Ich knie­te ne­ben mei­ner Frau nie­der und leg­te mei­ne Lip­pen über dem ver­bun­de­nen Hals an ih­re Wan­ge.

»Gott sei ge­dankt«, flüs­ter­te ich.

»Stel­len Sie ihr kei­ne Fra­gen«, emp­fahl Me­roux. »Sie soll sich aus­ru­hen. An­schei­nend kam ich gleich nach dem Über­fall hier an. Der Wolf muß durch das Fens­ter her­ein­ge­sprun­gen sein. Wie Sie se­hen, ist das Glas zer­split­tert. Als ich nä­her kam, schoß er wie­der ins Freie und lief weg. Die Spu­ren sind über­all zu se­hen.«

Ich be­glei­te­te ihn hin­aus. Es war, wie er ge­sagt hat­te.

»Die Jä­ger wer­den bald hier sein«, sag­te er. »Jetzt kön­nen sie die Spur leicht auf­neh­men, den­ke ich.«

Ich nick­te.

Plötz­lich er­klang Ge­bell aus dem Wald. Die Stim­men auf­ge­reg­ter Män­ner ver­misch­ten sich mit dem Ge­heul der Hun­de.

Dr. Me­roux zwir­bel­te sei­nen Schnurr­bart und wand­te sich um. »Sie ha­ben ihn ge­stellt!« rief er. »Hö­ren Sie nur!«

Ru­fe und lei­se Wor­te. Knacken­de Ge­räusche aus dem Ge­hölz. Ein schril­ler Schrei. Und dann …

Ei­ne Sal­ve von Ge­wehr­schüs­sen.

»Nom de Dieu! Sie ha­ben ihn!« frohlock­te der Arzt.

Wie­der Hun­de­ge­bell, aber jetzt nä­her. Zwei­ge krach­ten un­ter ei­li­gen Schrit­ten. Die Stim­men wa­ren ganz nah.

Und da, aus der Lich­tung vor der Hüt­te, kroch der Wolf.

Das rie­si­ge Tier keuch­te er­schöpft. Es schlepp­te sei­nen zer­schos­se­nen Kör­per über den of­fe­nen Platz, ei­ne schwar­ze Blut­spur hin­ter sich las­send. Der große Kopf kipp­te hin und her, das Maul stand of­fen, und das Tier win­sel­te schmerz­er­füllt, wäh­rend es auf uns zu­kam.

Me­roux zog sei­nen Re­vol­ver her­vor und ent­si­cher­te ihn. Ich hielt sei­ne Hand fest.

»Nein!« wis­per­te ich. »Nein!«

Ich ging auf den Wolf zu. Sei­ne Au­gen tra­fen die mei­nen, doch spie­gel­te sich kein Er­ken­nen dar­in – nur der gla­si­ge Blick des her­an­na­hen­den To­des.

»Li­sa!« flüs­ter­te ich. »Du konn­test nicht war­ten.«

Der Arzt hör­te nicht, was ich sag­te, wohl aber der Wolf. Der Kopf ruck­te hoch, und ein ab­ge­ris­se­ner Laut kam aus dem zot­ti­gen Hals.

Dann starb der Wolf.

Ich sah ihn ster­ben. Der Vor­gang war ganz ein­fach. Die Pfo­ten ver­steif­ten sich, der Kopf sank her­un­ter, und der Wolf lag lang aus­ge­streckt da.

Ich konn­te da­bei­ste­hen und zu­se­hen, wie der Wolf starb.

Was dann ge­sch­ah, war nicht so leicht zu er­tra­gen.

Denn Li­sa starb.

Als ich die Ver­wand­lung von Frau zu Wolf be­ob­ach­te­te, hat­te ich kal­ten Blu­tes die Zeit ge­stoppt.

Jetzt, da ich die Ver­wand­lung von Wolf zu Frau sah, konn­te ich nur schau­dern und auf­schrei­en.

Der Kör­per dehn­te sich, wand sich, streck­te sich. Die Oh­ren san­ken in den Schä­del, die Glie­der wur­den län­ger und be­deck­ten sich mit weißem Fleisch. Ne­ben mir schrie Dr. Me­roux, aber ich ver­moch­te ihn nicht zu ver­ste­hen. Ich konn­te nur un­ver­wandt hin­schau­en, als die Wolfs­ge­stalt ver­schwand und Li­sa in ih­rer nack­ten Lieb­lich­keit wie ei­ne auf­bre­chen­de Knos­pe er­schi­en – ei­ne wei­ße, blas­se To­des­li­lie.

Dort lag sie, ein to­tes Mäd­chen im Mond­licht. Ich wein­te auf und wand­te mich ab.

»Nein – das kann nicht sein!«

Der hei­se­re Auf­schrei des Arz­tes rief mich zu­rück. Er deu­te­te mit zit­tern­der Hand auf die wei­ße Ge­stalt zu un­se­ren Fü­ßen.

Ich starr­te dar­auf und sah – noch ei­ne Ver­wand­lung!

Es geht über mei­ne Kraft, die­se Ver­wand­lung zu be­schrei­ben. Ich kann mich nur er­in­nern, daß Li­sa mir nie er­zählt hat­te, wie und wann sie ein Op­fer der Ly­kan­thro­pie ge­wor­den war. Ich weiß nur, daß die Nah­rung, an wel­cher der Wer­wolf sich labt, ihm ei­ne un­na­tür­li­che Ju­gend ver­leiht.

Denn die Frau zu un­se­ren Fü­ßen al­ter­te vor un­se­ren Au­gen.

Frau zu Wolf – die­se Me­ta­mor­pho­se ist wi­der­lich ge­nug an­zu­se­hen. Aber die­se letz­te Scheuß­lich­keit war viel scho­ckie­ren­der. Aus dem be­zau­bern­den Mäd­chen wur­de ei­ne ur­al­te Frau.

Und aus der al­ten Frau wur­de noch Schlim­me­res.

Zum Schluß lag et­was un­glaub­lich Al­tes leb­los auf der Er­de. Et­was Zer­knautsch­tes und Ge­schrum­pel­tes gaff­te mit dem Grin­sen ei­ner Mu­mie zum Mond hin­auf.

Li­sa hat­te end­lich ih­re wah­re Ge­stalt an­ge­nom­men.

 

Der Rest muß sehr schnell ge­sche­hen sein. Die Män­ner ka­men mit den Hun­den. Dr. Me­roux beug­te sich über das Et­was, das Wolf und Frau ge­we­sen und jetzt kei­nes von bei­den war. Ich ver­lor das Be­wußt­sein.

Als ich am fol­gen­den Nach­mit­tag zu mir kam, ver­band Dr. Me­roux ge­ra­de Vio­lets Wun­de. Sie konn­te schon wie­der auf­ste­hen und brach­te mir et­was Sup­pe. Dann schlief ich wie­der ein.

Am nächs­ten Mor­gen kam Me­roux wie­der. Ich fühl­te mich kräf­tig ge­nug, im Bett auf­zu­sit­zen und ihm Fra­gen zu stel­len. Was er be­rich­te­te, be­ru­hig­te mich.

Al­lem An­schein nach hat­te Dr. Me­roux sehr wei­se ge­han­delt. Er hat­te die Wer­wolf-Ge­schich­te be­stä­tigt, die to­te Krea­tur je­doch nicht als Li­sa iden­ti­fi­ziert. Mit Crag­ins Hil­fe wur­de die Sa­che ver­tuscht. Schließ­lich hät­te ei­ne wei­te­re Un­ter­su­chung kei­nen Sinn ge­habt. Um des all­ge­mei­nen Frie­dens wil­len war es für al­le Be­tei­lig­ten am bes­ten, die An­ge­le­gen­heit fal­len­zu­las­sen.

Vio­let war fast wie­der ihr al­tes Selbst.

Ges­tern nacht beich­te­te ich ihr al­les.

Sie lä­chel­te nur.

Viel­leicht, wenn sie sich ganz er­holt hat, wird sie in die Stadt zu­rück­keh­ren und die Schei­dung ein­rei­chen. Sie hat sich we­der an­mer­ken las­sen, daß sie mir ver­ge­ben hat, noch hat sie sich ir­gend­wie ge­äu­ßert. Sie scheint un­ru­hig und ver­stört zu sein.

Heu­te hat sie einen Spa­zier­gang un­ter­nom­men.

Ich ha­be den gan­zen Nach­mit­tag hier ge­ses­sen und die­sen Be­richt ge­tippt. Ich den­ke, daß sie jetzt, da die Son­ne un­ter­ge­gan­gen ist, zu­rück­kom­men wird. Falls sie nicht schon heim­lich in die Stadt zu­rück­ge­fah­ren ist. Aber da die Wun­de erst halb ver­heilt ist, wür­de sie wahr­schein­lich noch kei­ne Rei­se un­ter­neh­men.

Über dem See steigt der Mond auf, aber ich will ihn nicht se­hen. Ich kann nichts er­tra­gen, was an die ver­gan­ge­nen Er­eig­nis­se ge­mahnt. In­dem ich dies schrei­be, hof­fe ich, mich von den Er­in­ne­run­gen zu rei­ni­gen.

Viel­leicht wer­de ich ir­gend­wann ein­mal wie­der Frie­den fin­den. Ich bin jetzt da­von über­zeugt, daß Vio­let mich haßt, aber sie wird sich schei­den las­sen, und ich wer­de wei­ter­le­ben.

Ja. Sie sah aus, als has­se sie mich. Weil ich einen Wer­wolf schick­te, der sie tö­ten soll­te …

Aber ich schwei­fe ab. Ich darf nicht dar­an den­ken. Nein.

Und doch muß ich an et­was den­ken. Ich will noch nicht mit dem Schrei­ben auf­hö­ren. Dann wä­re ich ge­zwun­gen, al­lein hier zu sit­zen, wäh­rend die Nacht sich als Grab­tuch auf ei­ne to­te Er­de her­nie­der­senkt. Ja, ich wür­de hier sit­zen müs­sen und dem Schwei­gen lau­schen. Ich wür­de an­se­hen müs­sen, wie der Mond über dem See auf­steigt, und auf Vio­lets Rück­kehr war­ten.

Wo mag sie heu­te wohl hin­ge­gan­gen sein? Mit der Hals­wun­de ist es nicht gut für sie, weit zu ge­hen.

Die Wun­de in ih­rem Hals – wo Li­sa sie ge­bis­sen hat­te.

Da ist et­was, wor­an ich mich in die­sem Zu­sam­men­hang zu er­in­nern ver­su­che. Aber ich kann nicht klar den­ken. Doch ich weiß, daß ich mir et­was über die Wun­de ins Ge­dächt­nis zu­rück­ru­fen will. Das hat auch mit mei­ner Furcht vor dem Mond­licht und vor dem Al­lein­sein zu tun.

Was war es nur?

Jetzt weiß ich es wie­der!

Ja. Ich er­in­ne­re mich.

Und ich be­te dar­um, daß Vio­let nie wie­der­kommt.

Sie war un­ru­hig heu­te, und sie ging al­lein in den Wald. Ich weiß, wes­halb sie weg­ging.

Die Wun­de übt ih­ren Ein­fluß aus.

Ich er­in­ne­re mich an Li­sas Wor­te, als ich ihr sag­te, daß die klei­ne Yvon­ne tot sei. Sie hat­te Gott ge­dankt. Weil Yvon­ne, wenn sie den Biß über­lebt hät­te, auch ein …

Vio­let war ge­bis­sen wor­den. Vio­let war nicht ge­stor­ben. Jetzt kann das Gift in ih­rem Kör­per ar­bei­ten. Und der Mond steht hoch, hoch über dem See. Vio­let, die durch den Wald rennt, ist ein …

Da! Drau­ßen vor dem Fens­ter – ich kann sie se­hen!

Ich kann es se­hen.

Wäh­rend ich das schrei­be, schleicht es auf die Hüt­te zu. Ich kann es im Mond­licht se­hen, das das glat­te Rücken­fell auf­schim­mern läßt. Das Mond­licht glänzt auch auf der schwar­zen Schnau­ze und auf den spit­zen, schar­fen Zäh­nen.

Vio­let haßt mich.

Vio­let kommt zu­rück. Aber nicht als – Frau.

Ha­be ich die Tür ver­schlos­sen? Ja.

Gut. Sie kann nicht her­ein­kom­men. Soll sie drau­ßen mit der Pfo­te an die Tür schar­ren. Krat­zen. Und tief in der Keh­le knur­ren. Die­se Keh­le – die­se Fän­ge!

Viel­leicht kommt Cra­gin, oder Dr. Me­roux. Wenn nicht, blei­be ich die gan­ze Nacht hier sit­zen. Am Mor­gen wird sie weg­ge­hen. Wenn sie dann zu­rück­kommt, kann ich sie weg­brin­gen las­sen.

Ja, ich wer­de war­ten.

Aber die­ses Ge­heul! Es reißt an mei­nen Ner­ven. Sie weiß, daß ich hier bin. Sie kann mich tip­pen hö­ren. Sie weiß. Und wenn sie an mich her­an­kom­men könn­te …

Aber das kann sie nicht. Ich bin in Si­cher­heit hier.

Was hat sie jetzt vor? Sie ist nicht mehr an der Tür. Ich kann das Tap­pen der Pfo­ten un­ter dem Fens­ter hö­ren.

Das Fens­ter!

Das Glas zer­split­ter­te, als Li­sa neu­lich her­ein­sprang. Es ist kein Glas im Fens­ter …

Sie heult auf. Sie wird her­ein­sprin­gen. Ja.

Ich kann es jetzt se­hen! Da – der Kör­per ei­nes sprin­gen­den Wolfs im Mond­licht…

Vio­let – Vio …