An­thony Bou­cher
Professor Wolf

 

Die Bot­schaft lau­te­te: Sei nicht al­bern, Glo­ria.

Wolfe Wolf zer­knüll­te das Te­le­gramm­for­mu­lar zu ei­nem Ball und warf ihn hin­aus durchs Fens­ter in den strah­len­den Früh­lings­son­nen­schein. In flie­ßen­dem Mit­tel­hoch­deutsch gab er ei­ni­ge aus­ge­wähl­te, höchst pro­fa­ne Be­mer­kun­gen von sich.

Emi­ly hielt im Tip­pen des Bud­gets für die In­sti­tuts­bi­blio­thek in­ne. »Das ha­be ich nicht ganz ver­stan­den, Pro­fes­sor Wolf. Mit­tel­hoch­deutsch ist nicht mei­ne Stär­ke.«

»Rei­ne Im­pro­vi­sa­ti­on«, sag­te Pro­fes­sor Wolf und ließ dem Te­le­gramm ei­ne Num­mer der Fach­zeit­schrift für eng­li­sche und ger­ma­ni­sche Sprach­leh­re fol­gen.

Emi­ly stand auf. »Aber ir­gend et­was stimmt da nicht. Hat der Aus­schuß Ih­re Mo­no­gra­phie über Ha­ger ab­ge­lehnt?«

»Mei­ne epo­che­ma­chen­de Kon­tri­bu­ti­on zur För­de­rung der Wis­sen­schaft? O nein. So wich­tig ist es wie­der­um nicht.«

»Aber Sie sind so auf­ge­regt.«

»Ganz die treu­sor­gen­de Bü­ro-Ehe­frau!« zisch­te Wolf wü­tend. »Wie Sie es nur schaf­fen, schließ­lich hängt ja die gan­ze Ab­tei­lung an Ih­nen. Ver­schwin­den Sie!«

Emi­lys Ge­sicht drück­te be­rech­tig­te Em­pö­rung aus, und plötz­lich wirk­te sie gar nicht mehr farb­los. »Ich ver­bit­te mir die­sen Ton, Mr. Wolf! Ich will Ih­nen nur hel­fen. Und es ist nicht die gan­ze Ab­tei­lung; es ist…«

Pro­fes­sor Wolf er­griff ein Tin­ten­faß, warf einen Blick in Rich­tung Te­le­gramm und Zeit­schrift und stell­te das Tin­ten­faß wie­der auf den Tisch. »Nein. Es gibt bes­se­re Mit­tel und We­ge, um der Ver­zweif­lung zu frö­nen. Es ist leich­ter, sei­ne Sor­gen zu er­trän­ken, als sie zu zer­schmet­tern. – Sa­gen Sie Herbrecht, er soll mei­ne Zwei-Uhr-Vor­le­sung über­neh­men.«

»Wo­hin ge­hen Sie?«

»Stück­wei­se in die Höl­le. Wie­der­se­hen!«

»War­ten Sie. Viel­leicht kann ich Ih­nen hel­fen. Er­in­nern Sie sich, wie wü­tend der De­kan war, als Sie den Stu­den­ten Drinks ser­vier­ten? Viel­leicht kann ich …«

Wolf stand in der Tür­öff­nung, einen Arm pa­the­tisch aus­ge­streckt, und stieß mit dem merk­wür­di­gen Zei­ge­fin­ger, der ge­nau­so lang war wie der Mit­tel­fin­ger, in Emi­lys Rich­tung.

»Ma­dam, aka­de­misch ge­se­hen sind Sie un­ent­behr­lich. Sie sind so­zu­sa­gen die See­le der Ab­tei­lung. Aber im Au­gen­blick kann sich die ge­sam­te Ab­tei­lung von mir aus zur Höl­le sche­ren, wo sie zwei­fel­los wei­ter­hin Ih­rer wert­vol­len Diens­te be­darf.«

»Aber ver­ste­hen Sie denn nicht …« Emi­lys Stim­me zit­ter­te. »Nein. Na­tür­lich nicht. Sie sind ja bloß ein Mann – ach, nicht mal das. Sie sind bloß Pro­fes­sor Wolf. Sie sind Wau­wau!«

Wolf war sicht­lich er­schüt­tert. »Was bin ich?«

»Wau­wau. Je­der nennt Sie so, weil Sie Wolfe Wolf hei­ßen. Die Stu­den­ten – al­le! Aber Sie wür­den so et­was na­tür­lich nie mer­ken. Wau­wau – das sind Sie!«

»Dies«, sag­te Wolfe Wolf, »macht das Maß mei­ner Lei­den voll. Mein Herz bricht, mei­ne Welt liegt in Scher­ben, und ich muß fast zwei Ki­lo­me­ter bis zur nächs­ten Bar lau­fen; doch nicht ge­nug da­mit, ich wer­de auch noch Wau­wau ge­nannt. Le­ben Sie wohl!«

Er wand­te sich um und prall­te ge­gen ei­ne rie­si­ge wei­che Mas­se, die einen Laut von sich gab, der eben­so­gut ›Wau‹ hei­ßen wie ein über­rasch­tes Grun­zen sein konn­te.

Wolf trat einen Schritt zu­rück und ließ Pro­fes­sor Fea­ring samt Bauch und Knei­fer ein­tre­ten. Der Be­su­cher wat­schel­te zum Schreib­tisch, ließ sich in den Ses­sel plump­sen und at­me­te lan­ge und schnau­fend aus. »Mein lie­ber Jun­ge«, keuch­te er. »Welch ju­gend­li­ches Un­ge­stüm!«

»Ent­schul­di­ge, Os­car.«

»Ja, ja, die Ju­gend …« Pro­fes­sor Fea­ring such­te nach ei­nem Ta­schen­tuch, fand keins und po­lier­te sei­nen Knei­fer mit der zer­knit­ter­ten Kra­wat­te. »Was soll die Ei­le? Und warum weint Emi­ly?«

»Tut sie das?«

»Da ha­ben Sie es«, sag­te Emi­ly hoff­nungs­los und mur­mel­te »Wau­wau« in ihr feuch­tes Ta­schen­tuch.

»Und wes­halb flie­gen mir Ex­em­pla­re der Fach­zeit­schrift für eng­li­sche und ger­ma­ni­sche Sprach­leh­re um die Oh­ren, wäh­rend ich arg­los zum In­sti­tut wand­le? Han­delt es sich viel­leicht um Te­le­ki­ne­se?«

»Ent­schul­di­ge«, wie­der­hol­te Wolf kurz. »Ein Tem­pe­ra­ments­aus­bruch. Ich konn­te Glocks blö­de Ar­gu­men­ta­ti­on nicht län­ger er­tra­gen. Adieu.«

»Ei­ne Se­kun­de.« Pro­fes­sor Fea­ring kram­te in den un­zäh­li­gen Ta­schen sei­nes An­zugs her­um und brach­te ein Blatt gel­bes Pa­pier zum Vor­schein. »Ich glau­be, das ist deins.«

Wolf griff da­nach und zer­riß es in win­zi­ge Schnit­zel.

Fea­ring grins­te ver­gnügt. »Wie gut ich mich der Zei­ten er­in­ne­re, da Glo­ria hier stu­dier­te! Erst ges­tern abend muß­te ich wie­der dar­an den­ken, als ich mir Mond­licht und Me­lo­die an­sah. Die gan­ze Ab­tei­lung hat sie da­mals auf den Kopf ge­stellt. Mei­ne Gü­te, wenn ich jün­ger ge­we­sen wä­re …«

»Ich ge­he jetzt. Emi­ly, Sie den­ken an Herbrecht?«

Emi­ly schnupf­te und nick­te.

»Hör mal, Wolfe«, sag­te Fea­ring ernst. »Ich woll­te dich nicht ver­är­gern. Aber du mußt dich nicht so in dei­nen Kum­mer ver­boh­ren. Es gibt bes­se­re Mit­tel, um dei­ne Sor­gen los­zu­wer­den, als die Be­herr­schung zu ver­lie­ren oder dich zu be­trin­ken.«

»Wer hat da­von ge­spro­chen, daß …«

»Muß­test du es erst aus­spre­chen? Nein, mein Jun­ge, wenn du – du bist nicht streng re­li­gi­ös, oder?«

»Großer Gott, nein«, sag­te Wolf.

»Wenn du nur – ich möch­te dir einen Vor­schlag ma­chen, Wolfe. Komm doch heu­te abend in den Tem­pel. Wir ha­ben ei­ne be­son­de­re Ze­re­mo­nie ge­plant. Viel­leicht lenkt dich das von Glo… – von dei­nem Kum­mer ab.«

»Nein, dan­ke. Ich woll­te ja im­mer mal dei­nen Tem­pel be­su­chen – ich ha­be schon viel da­von ge­hört –, aber nicht heu­te abend. Ein an­der­mal.«

»Aber heu­te abend wird es be­son­ders in­ter­essant.«

»Wie­so? Was ist so Be­son­de­res am drei­ßigs­ten April?«

Fea­ring schüt­tel­te sein er­grau­tes Haupt.

»Es ist ge­ra­de­zu scho­ckie­rend, wie un­wis­send man­che Ge­lehr­te au­ßer­halb ih­res Fach­ge­biets sind – nun, du weißt ja, wie es ist, Wolfe, ich hof­fe, daß du doch kommst.«

»Vie­len Dank. Aber mit mei­nen Pro­ble­men wer­de ich auch oh­ne die Hil­fe über­na­tür­li­cher Kräf­te fer­tig. Ich schaf­fe es mit ein paar an­stän­di­gen Zom­bies – es geht nichts über ei­ne Wie­der­be­le­bung. Auf Wie­der­se­hen, Os­car.« Er war schon fast drau­ßen, als ihm noch et­was ein­fiel. »Tschüs, Emi­ly.«

»Wie über­eilt«, mur­mel­te Fea­ring. »Nein, wie un­be­dacht! Ach ja, es ist schön, jung zu sein, nicht wahr, Emi­ly?«

Statt ei­ner Ant­wort stürz­te sich Emi­ly auf ih­re Ar­beit, als ob al­le Höl­len­fu­ri­en hin­ter ihr her sei­en – und so war ihr auch zu­mu­te.

 

Die Son­ne ging schon un­ter, doch Wolfs tra­gi­sche Ge­schich­te hat­te im­mer noch kein En­de ge­fun­den. Der Bar­kee­per hat­te je­des ein­zel­ne Glas auf Hoch­glanz po­liert, doch ström­ten die end­lo­sen Wie­der­ho­lun­gen nach wie vor an sei­nem Ohr vor­bei: Er wur­de zwi­schen dem Ge­fühl ei­ner ge­ra­de­zu töd­li­chen Lan­ge­wei­le und un­ein­ge­schränk­ter Be­wun­de­rung für die un­be­grenz­te Trink­fes­tig­keit sei­nes Gas­tes hin und her ge­ris­sen.

»Ha­be ich Ih­nen schon er­zählt, wie sie mit­ten im Se­mes­ter schwänz­te?« frag­te Wolf.

»Erst drei­mal«, sag­te der Bar­kee­per.

»Na gut. Dann werd’ ich’s Ih­nen er­zäh­len. Sie ver­ste­hen, so mach’ ich das sonst nicht. Pro … pro­fe­scho­nel­le Ethik, die hab’ ich, ja. Aber das hier war an­ders. Es war nicht ein­fach je­mand, der es nicht wuß­te, bloß weil er es nicht wuß­te. In dem Fall war es ein Mäd­chen, das es nicht wuß­te, weil es nicht zu der Sor­te Mäd­chen ge­hör­te, die über die Sa­chen Be­scheid wuß­te, die ein Mäd­chen wis­sen muß, wenn es zu der Sor­te ge­hört, die das eben wis­sen muß. Verschtehn­se?«

Der Bar­kee­per warf dem rund­li­chen klei­nen Mann, der am an­de­ren En­de der The­ke saß und lang­sam einen Gin To­nic schlürf­te, einen ge­lang­weil­ten Blick zu.

»Sie hat mir das bei­ge­bracht. Hat mir ‘ne Men­ge bei­ge­bracht, und ich – ich kann im­mer noch, was­se mir bei­ge­bracht hat. Es war nicht wie ein Pro­fes­sor, der sich in ei­ne Stu­den­tin ver­liebt. Nein, es war an­ners. Es war wun­der­voll. Wie ein ganz neu­es Le­ben.«

Der Bar­kee­per rutsch­te un­auf­fäl­lig ans En­de der The­ke. »He, Sie!« flüs­ter­te er.

Der klei­ne Mann mit dem ko­mi­schen Bart blick­te von sei­nem Glas auf. »Ja, Kol­le­ge?«

»Wenn ich dem be­sof­fe­nen Pro­fes­sor noch fünf Mi­nu­ten zu­hö­ren muß, schlag’ ich die Ein­rich­tung zu­sam­men. Wie wär’s, wenn Sie mal für ein Weil­chen mei­nen Platz ein­näh­men?«

Der klei­ne Mann mus­ter­te Wolf und in­ter­es­sier­te sich be­son­ders für die Hand, die das Cock­tail­glas um­spann­te. »Gern, Kol­le­ge«, nick­te er.

Der Bar­kee­per stieß einen Seuf­zer der Er­leich­te­rung aus und ver­schwand.

»Sie war die Ju­gend selbst«, sag­te Wolf ein­dring­lich zu sei­nem neu­en Ge­gen­über. »Aber es war nicht nur das. Sie war Le­ben und Auf­re­gung, und Freu­de und Ek­sta­se und so. Vasch­tehn …« Er brach ab und starr­te auf sei­nen neu­en Zu­hö­rer. »Ko­misch«, stell­te er fest. »Und das di­rekt vor mei­nen Au­gen. Ko­misch.«

»Wie sag­ten Sie so­eben, Kol­le­ge?« frag­te der mol­li­ge klei­ne Mann, der jetzt vor ihm stand.

»Hab’ ich Ih­nen er­zählt, wie ich mal in ih­re Woh­nung ging, um ih­re Se­mes­ter­ab­schluß­ar­beit durch­zu­se­hen?«

»Nein. Aber zwei­fel­los wer­den Sie das gleich nach­ho­len.«

»Wo­her wis­sen Sie das? Al­so, an je­nem Abend …«

Der klei­ne Mann trank lang­sam, und doch war sein Glas leer, als Wolf end­lich mit sei­nem Be­richt über die eben­so sinn­lo­se wie zag­haf­te Flir­te­rei, die an dem Abend statt­fand, fer­tig war. Neue Gäs­te ka­men her­ein, und der Raum hat­te sich zu ei­nem Drit­tel ge­füllt.

»… und seit da­mals …« Wolf un­ter­brach sich scharf. »Das sind Sie ja gar nicht«, be­schwer­te er sich.

»O doch, Kol­le­ge.«

»Aber Sie sind ein Bar­kee­per, und Sie sind doch kei­ner.«

»Nein. Ich bin ein Zau­be­rer.«

»Oh. Das er­klärt al­les. Al­so, wie ich Ih­nen sag­te – he! Ih­re Glat­ze ist Bart.«

»Wie bit­te?«

»Ih­re Glat­ze ist Bart. Ge­nau wie Ihr Kopf. Bloß so Fran­sen drum ‘rum.«

»Mir ge­fällt es so.«

»Und Ihr Glas ist leer.«

»Ist schon recht.«

»O nein, das ist es nicht. Schließ­lich tref­fen Sie ja nicht je­den Abend einen Mann, der Glo­ria Gar­ton einen Hei­rats­an­trag mach­te und ab­ge­wie­sen wur­de. Das ist ein Grund zum Fei­ern.«

Wolf hieb mit der Faust auf die The­ke und hielt zwei Fin­ger hoch.

Der klei­ne Mann be­trach­te­te die bei­den gleich­lan­gen Fin­ger. »Nein«, sag­te er sanft. »Lie­ber nicht. Ich weiß, wie­viel ich ver­tra­ge. Wenn ich noch et­was trin­ke, könn­te es sein, daß et­was pas­siert.«

»Las­sen Sie’s pa­schie­ren.«

»Nein. Bit­te, Kol­le­ge. Ich möch­te lie­ber …«

Der Bar­kee­per brach­te die Drinks. »Bit­te«, flüs­ter­te er, »se­hen Sie zu, daß er ru­hig bleibt.«

Zö­gernd nipp­te der klei­ne Mann an sei­nem neu­en Gin To­nic.

Der Pro­fes­sor nahm einen hand­fes­ten Schluck von sei­nem x-ten Zom­bie. »Ich hei­ße Wau­wau«, pro­kla­mier­te er. »Vie­le Leu­te nen­nen mich Wolfe Wolf. Die den­ken, das ist ko­misch. Aber in Wirk­lich­keit hei­ße ich Wau­wau. Und Sie?«

»Ich hei­ße Ozy­man­di­as der Große.«

»Ul­ki­ger Na­me – das.«

»Ich sag­te Ih­nen, daß ich ein Zau­be­rer bin. Aber ich tre­te schon lan­ge nicht mehr auf. Thea­terdi­rek­to­ren sind in die­ser Be­zie­hung ko­misch. Nie­mand will einen ech­ten Zau­be­rer. Man will nicht mal ei­ne Pro­be mei­ner feins­ten Küns­te se­hen. Ich er­in­ne­re mich an ei­ne Nacht in Dar­jee­ling …«

»Freut mich, Sie ken­nen­zu­ler­nen, Mis­ter – Mis­ter …«

»Nen­nen Sie mich Oz­zy. Die meis­ten Leu­te re­den mich so an.«

»Nett, Sie ge­trof­fen zu ha­ben, Oz­zy. Al­so, die­ses Mäd­chen. Die­se Glo­ria. Sie vasch­tehn …?«

»Klar, Kol­le­ge.«

»Sie ist der An­sicht, ein Pro­fes­sor für Ger­ma­nis­tik sei ein Nichts. Sie will was At­trak­ti­ver­es. Sie sagt, wenn ich ein Schau­spie­ler oder G-man wä­re – vasch­tehn­se?«

Ozy­man­di­as der Große nick­te.

»Gut, gut. Sie vasch­tehn. Na fein. Aber warum re­den Sie dann im­mer dar­über? Sie vasch­tehn. Das wär’s. Zum Teu­fel da­mit.«

Ozy­man­di­as’ run­des, bär­ti­ges Ge­sicht ver­klär­te sich. »Klar«, sag­te er und setz­te be­schwingt hin­zu: »Und dar­auf wol­len wir an­sto­ßen.«

Sie stie­ßen an und tran­ken. Wolf nu­schel­te einen Trink­spruch auf Alt-Nie­der­frän­kisch und be­ging einen un­ver­zeih­li­chen Feh­ler bei der An­wen­dung des Ge­ni­tivs.

Die bei­den Gäs­te ne­ben ihm bra­chen in Ge­sang aus. Sie san­gen ›Mei­ne wil­de iri­sche Ro­se‹, aber es ge­dieh nicht so recht. »Was wir brau­chen«, sag­te der Mann mit der Me­lo­ne, »ist ein Te­nor.«

»Was ich brau­che«, nu­schel­te Wolf, »ist ei­ne Zi­ga­ret­te.«

»Aber gern«, sag­te Ozy­man­di­as der Große. Der Bar­kee­per stand di­rekt vor ih­nen und füll­te Bier ab. Ozy­man­di­as lang­te über die The­ke hin­weg, hol­te hin­ter dem Ohr des Bar­kee­pers ei­ne bren­nen­de Zi­ga­ret­te her­vor und gab sie sei­nem Ge­fähr­ten.

»Wo kommt die denn her?«

»Ich weiß nicht. Ich weiß nur, wie man sie her­vor­holt. Ich sag­te Ih­nen ja, daß ich ein Zau­be­rer bin.«

»Oh. Ich ver­ste­he. Pre­schi­gi­gischa­schi­on.«

»Nein. Ich bin kein Pres­ti­di­gi­ta­tor; ich sag­te Zau­be­rer. Oh, zum Kuckuck! Mehr als ein Gin To­nic, und schon be­gin­ne ich an­zu­ge­ben.«

»Ich glaub’ Ih­nen nicht«, sag­te Wolf ka­te­go­risch. »Es gibt kei­ne Zau­be­rer. Das ist ge­nau­so al­bern wie Os­car Fea­ring und sein Tem­pel, und was ist über­haupt am drei­ßigs­ten April so Be­son­de­res dran?«

Der Bär­ti­ge run­zel­te die Stirn. »Bit­te, Kol­le­ge. Wir wol­len nicht mehr da­von re­den.«

»Nein. Ich glau­be Ih­nen nicht. Rei­ne Pre­schischi-Ta­schen­spie­le­rei. Hat nichts mit Zau­be­rei zu tun.« Sei­ne Stim­me wur­de lau­ter. »Sie sind ein Schwind­ler.«

»Bit­te, be­ru­hi­gen Sie ihn«, flüs­ter­te der Bar­kee­per.

»Na gut«, sag­te Ozy­man­di­as re­si­gniert, »ich wer­de Ih­nen et­was zei­gen, das nicht Pres­ti­di­gi­ta­ti­on sein kann.« Die Män­ner ne­ben­an hat­ten wie­der zu sin­gen be­gon­nen. »Die brau­chen einen Te­nor. Gut, sie sol­len ihn ha­ben.«

Und die sü­ßes­te iri­sche Te­nor­stim­me, die je er­k­lun­gen war, ge­sell­te sich zu dem Du­ett. Die Sän­ger küm­mer­te es we­nig, wo die Stim­me her­kam. Sie ak­zep­tier­ten sie ein­fach und fühl­ten sich an­ge­spornt, ihr Bes­tes zu ge­ben.

Wolf war zwar be­ein­druckt, schüt­tel­te aber den Kopf. »Auch kei­ne Zau­be­rei. Das ist Ven­tri­lo­quis­mus.«

»In Wirk­lich­keit war das ein Stra­ßen­sän­ger, der wäh­rend der Os­ter-Re­vol­te um­kam. War ein fei­ner Kerl. Ich ha­be nie ei­ne schö­ne­re Stim­me ge­hört, es sei denn in je­ner Nacht in Dar­jee­ling, als …«

»Schwind­ler!« sag­te Wolfe Wolf laut und an­griffs­lus­tig.

Ozy­man­di­as fi­xier­te wie­der den lan­gen Zei­ge­fin­ger. Er be­trach­te­te die dunklen Au­gen­brau­en des Pro­fes­sors, die sich in ei­ner ge­ra­den Li­nie über der Na­sen­wur­zel tra­fen. Er hob die schlaf­fe Hand sei­nes Trink­ge­nos­sen von der The­ke und be­sah die In­nen­flä­che. Der Haar­wuchs war sehr fein, doch wahr­nehm­bar.

Der Zau­be­rer lä­chel­te tri­um­phie­rend. »Und Sie rümp­fen die Na­se über Zau­be­rei!«

»Was is­so ko­misch dran?«

Ozy­man­di­as senk­te die Stim­me. »Weil Sie, mein fei­ner pel­zi­ger Freund, ein Wer­wolf sind.«

Der iri­sche Mär­ty­rer sang nun die ›Ro­se von Tra­lee‹, und die bei­den Sterb­li­chen hiel­ten tap­fer mit.

»Was bin ich?«

»Ein Wer­wolf.«

»Aber so was gibt’s ja gar nicht. Das weiß je­der Narr.«

»Nar­ren wis­sen vie­les«, sag­te Ozy­man­di­as, »das den Wei­sen ver­bor­gen ist. Es gibt Wer­wöl­fe. Es hat sie im­mer ge­ge­ben und wird sie wahr­schein­lich im­mer ge­ben.« Er sprach so si­cher und sach­lich, als ob er er­wähn­te, daß die Er­de rund sei. »Und es gibt drei un­fehl­ba­re phy­si­sche Merk­ma­le: die zu­sam­men­ge­wach­se­nen Au­gen­brau­en, die lan­gen Zei­ge­fin­ger und die be­haar­ten Hand­flä­chen. All das ha­ben Sie. Selbst Ihr Na­me deu­tet dar­auf hin. Fa­mi­li­enna­men ent­ste­hen nicht zu­fäl­lig. Je­der Smith hat einen Vor­fahr, der Schmied war. Je­der Fi­scher ent­stammt ei­ner Fa­mi­lie, die sich mit dem Fisch­fang be­faß­te. Und Sie hei­ßen Wolf.«

Die­se Be­haup­tung wur­de so ru­hig aus­ge­spro­chen und klang so plau­si­bel, daß Wolf un­si­cher wur­de.

»Aber ein Wer­wolf ist ein Mensch, der sich in einen Wolf ver­wan­delt. Das hab’ ich noch nie ge­tan. Wirk­lich nicht.«

»Ein Säu­ge­tier«, sag­te Ozy­man­di­as, »ist ein Tier, das le­ben­de Jun­ge ge­biert und die­se säugt. Auch ei­ne Jung­frau ist ein Säu­ge­tier. Und die blo­ße Tat­sa­che, daß Sie sich noch nie ver­wan­delt ha­ben, än­dert nichts dar­an, daß Sie ein Wer­wolf sind.«

»Aber ein Wer­wolf …« Plötz­lich leuch­te­ten Wolfs Au­gen auf. »Ein Wer­wolf? Das ist ja viel bes­ser als ein G-man! Jetzt wer­de ich’s Glo­ria zei­gen!«

»Wie mei­nen Sie das, Kol­le­ge?«

Wolf klet­ter­te vom Bar­ho­cker her­un­ter. Die Auf­re­gung, in die ihn sein bril­lan­ter Ein­fall ver­setzt hat­te, schi­en ihn zu er­nüch­tern. Er pack­te den klei­nen Mann beim Är­mel. »Kom­men Sie. Wir su­chen uns einen Platz, an dem wir nicht ge­stört wer­den. Und dann be­wei­sen Sie, daß Sie wirk­lich ein Zau­be­rer sind.«

»Aber wie?«

»Sie zei­gen mir, wie ich mich ver­wan­deln kann.«

Ozy­man­di­as trank den Gin To­nic aus und spül­te sei­ne letz­ten Hem­mun­gen hin­un­ter. »Kol­le­ge«, ver­kün­de­te er, »es kann los­ge­hen!«

 

Pro­fes­sor Os­car Fea­ring stand hin­ter dem selt­sam ge­schnitz­ten Le­se­pult im Tem­pel zur fins­te­ren Wahr­heit und be­en­de­te so­nor mur­melnd das Ge­bet. »Und in die­ser Nacht von al­len Näch­ten, im Na­men des schwar­zen Lich­tes, das in der Fins­ter­nis glüht, dan­ken wir dir!« Er schloß das per­ga­ment­ge­bun­de­ne Buch und blick­te auf die we­ni­gen An­we­sen­den, in­dem er in­brüns­tig rief: »Wer will dem Herrn der Un­ter­welt sei­nen Dank dar­brin­gen?«

Ei­ne fül­li­ge Wit­we er­hob sich. »Ich ent­bie­te mei­nen Dank!« schrill­te sie auf­ge­regt. »Mei­ne Kat­ze war krank, tod­krank. Ich nahm von ih­rem Blut, bot es dem Herrn der Un­ter­welt dar, und er war gnä­dig und gab sie mir zu­rück.«

Hin­ter dem Al­tar über­prüf­te ein Elek­tri­ker die Schal­ter und spuck­te an­ge­wi­dert aus. »To­tal ver­rückt! Al­le mit­ein­an­der!«

Der Mann, der so­eben ei­ne gro­tes­ke und angst­ein­flö­ßen­de Ver­klei­dung an­leg­te, hielt einen Mo­ment in­ne und zuck­te mit den Schul­tern. »Wir wer­den gut be­zahlt. Was geht’s uns an, wenn die ver­rückt spie­len!«

Ein hoch­ge­wach­se­ner, ma­ge­rer al­ter Mann hat­te sich er­ho­ben. »Ich ent­bie­te mei­nen Dank!« rief er. »Ich dan­ke dem Herrn der Un­ter­welt da­für, daß ich mein großes Werk vollen­den konn­te. Mein Schutz­schirm ge­gen ma­gne­ti­sche Bom­ben hat sich als voll wirk­sam er­wie­sen zum Ruh­me un­se­res Lan­des, der Wis­sen­schaft und des Herrn der Un­ter­welt!«

»Spin­ner«, mur­mel­te der Elek­tri­ker.

Der Ko­stü­mier­te sah vor­sich­tig um die Ecke des Al­tars. »Was heißt hier Spin­ner. Das ist Chis­wick vom phy­si­ka­li­schen In­sti­tut. Man den­ke, so ein Mann fällt auf die­sen Blöd­sinn her­ein! Hör mal einen Mo­ment zu: Er er­zählt so­gar von den Re­gie­rungs­plä­nen, sei­ne Er­fin­dung zu ver­wen­den. Ich möch­te wet­ten, daß die Fünf­te Ko­lon­ne hier al­ler­hand auf­schnap­pen könn­te.«

Als die Ver­samm­lung ih­re Dank­sa­gung be­en­det hat­te, herrsch­te Schwei­gen im Tem­pel. Pro­fes­sor Fea­ring lehn­te sich über das Le­se­pult und sprach ru­hig und ein­drucks­voll. »Wie ihr wißt, mei­ne Brü­der in Fins­ter­nis, ist heu­te der drei­ßigs­te April, der Abend, den die Kir­che der Mär­ty­re­rin St. Wal­pur­gis ge­weiht hat, und den wir an­de­ren, tiefe­ren Zie­len wei­hen. Es ist der heu­ti­ge Abend, und nur der heu­ti­ge Abend, an dem es uns mög­lich ist, un­se­ren Dank dem Herrn der Un­ter­welt di­rekt ab­zu­stat­ten. Nicht in Form wil­der, or­gias­ti­scher Ob­szö­ni­tät, wie es fälsch­li­cher­wei­se im Mit­tel­al­ter als Wunsch des Herrn der Un­ter­welt ver­stan­den wur­de, son­dern mit Lob­prei­sung und tiefer, dunk­ler Freu­de, wie sie der Fins­ter­nis ent­springt.«

»Und jetzt hal­tet eu­re Hü­te fest«, zi­schel­te der Ko­stü­mier­te. »Hopp­la, jetzt komm’ ich!«

»Eka«, don­ner­te Fea­ring. »Dra tri cha­tur! Pan­cha! Schas sap­ta! Asch­ta na­va da­scha eke­da­scha!« Er hielt in­ne. Das war der ge­fähr­li­che Mo­ment, da viel­leicht ein an­we­sen­der Wis­sen­schaft­ler er­kann­te, daß die An­ru­fung zwar in Sans­krit er­folg­te, je­doch nur die ers­ten elf Zahl­wör­ter be­deu­te­te! Aber nie­mand rühr­te sich, und er fuhr in an­ge­mes­se­ne­rem La­tein fort: »Per vo­ta no­stra ip­se nunc sur­gat no­bis di­ca­tus Be­el­ze­bub!«

»Be­el­ze­bub«, wie­der­hol­te die Ver­samm­lung.

»Dein Stich­wort«, sag­te der Elek­tri­ker und be­tä­tig­te einen Schal­ter.

Das Licht fla­cker­te und er­losch. Durch den Al­tar­raum zuck­ten Blit­ze. Plötz­lich er­schol­len aus der Dun­kel­heit ein schar­fes Bel­len, ein Schmer­zens­schrei und ein lang­ge­zo­ge­nes Tri­umph­ge­heul.

Nun glüh­te ein schwa­ches blau­es Licht auf. In dem sanf­ten Schim­mer er­kann­te der Elek­tri­ker zu sei­nem größ­ten Er­stau­nen sei­nen ko­stü­mier­ten Ge­fähr­ten, des­sen ei­ne Hand blu­te­te.

»Was, zum …«, flüs­ter­te der Elek­tri­ker.

»Kei­ne Ah­nung. Ich bin aufs Stich­wort hin vor­ge­gan­gen, um mei­ne schre­cken­er­re­gen­de Er­schei­nung dar­zu­bie­ten, und was pas­siert? Ein rie­si­ger Hund taucht plötz­lich auf und beißt mich in die Hand. Warum hat man mir nicht ge­sagt, daß die Vor­stel­lung ge­än­dert wur­de?«

Im Schim­mer des blau­en Lichts be­trach­te­te die Ver­samm­lung an­däch­tig den rund­li­chen klei­nen Mann mit den Bart­fran­sen und den pracht­vol­len grau­en Wolf, der ne­ben ihm stand. »Heil, o Herr der Un­ter­welt«, dröhn­te der Chor, in dem das Mur­meln ei­ner al­ten Jung­fer – »aber, Liebs­te, ich könn­te schwö­ren, daß er letz­tes Jahr viel bes­ser aus­sah« – un­ter­ging.

»Kol­le­gen!« sag­te Ozy­man­di­as der Große, und nun herrsch­te tiefs­tes Schwei­gen, in furcht­sa­mer Span­nung wur­den die ge­wich­ti­gen Wor­te des Herrn der Un­ter­welt er­war­tet. Ozy­man­di­as mach­te einen Schritt nach vorn, schob sorg­fäl­tig die Zun­ge zwi­schen die Lip­pen, gab den reifs­ten und saf­tigs­ten Rülp­ser sei­ner Kar­rie­re von sich und ver­schwand samt Wolf.

 

Wolfe Wolf öff­ne­te die Au­gen und schloß sie gleich wie­der. Er hät­te nie­mals er­war­tet, daß es im ru­hi­gen, ge­pfleg­ten Ber­ke­ley Zen­tri­fu­gal­kam­mern gab. Das war nicht fair. Er lag im dunklen Zim­mer, war­te­te dar­auf, daß das Her­um­wir­beln auf­hör­te, und ver­such­te, die Er­eig­nis­se der ver­gan­ge­nen Nacht zu re­kon­stru­ie­ren.

Er er­in­ner­te sich ge­nau an die Bar und an die Zom­bies. Und an den Bar­kee­per. Ein sehr mit­füh­len­der Mensch, bis er sich plötz­lich in einen klei­nen Mann mit Fran­sen­bart ver­wan­delt hat­te. Und von da an wa­ren selt­sa­me Din­ge ge­sche­hen. Erst et­was mit ei­ner Zi­ga­ret­te, dann kam ein iri­scher Te­nor und schließ­lich ein Wer­wolf. Phan­tas­ti­sche Vor­stel­lung. Je­der Narr wuß­te, daß …

Wolf setz­te sich plötz­lich auf. Er selbst war der Wer­wolf. Er warf die Bett­de­cke zu­rück und starr­te auf sei­ne Bei­ne. Dann seufz­te er er­leich­tert auf. Es wa­ren lan­ge Bei­ne, ziem­lich be­haart und son­nen­ge­bräunt vom Ten­nis­s­pie­len. Aber es wa­ren un­leug­bar Men­schen­bei­ne.

Er stand auf, un­ter­drück­te ent­schlos­sen al­le Zwei­fel und sam­mel­te die Klei­dungs­stücke auf, die über das gan­ze Zim­mer ver­streut la­gen. In sei­nem Kopf schi­en zwar ei­ne gan­ze Mann­schaft mit Aus­schach­tungs­ar­bei­ten be­schäf­tigt zu sein, aber er hoff­te, das wür­de vor­über­ge­hen, wenn er sich nicht dar­um küm­mer­te. Eins stand fest, von jetzt ab wür­de er sich ver­nünf­tig be­neh­men. Ob Glo­ria oder kei­ne Glo­ria, ob ihm das Herz brach oder nicht, es hat­te kei­nen Sinn, sei­nen Kum­mer in Al­ko­hol zu er­trän­ken. Wenn man sich so elend fühl­te und so­gar un­ter der Ein­bil­dung la­bo­rier­te, ein Wer­wolf ge­we­sen zu sein …

Aber wie­so konn­te er sich das so ein­dring­lich vor­stel­len? Ein Bruch­stück der Er­in­ne­rung nach dem an­de­ren dräng­te sich in sein Be­wußt­sein, wäh­rend er sich an­zog. Wie er mit dem Bär­ti­gen zum Stra­w­ber­ry Ca­ny­on ge­gan­gen war, wie sie dort einen ein­sa­men Platz fan­den, wie er die Zau­ber­for­mel lern­te – er konn­te sich so­gar an die Wor­te er­in­nern: an das Wort für die Ver­wand­lung und an das Wort für die Zu­rück­ver­wand­lung.

Ent­spran­gen auch die­se Wor­te nur der Ein­bil­dungs­kraft ei­nes Be­trun­ke­nen? Hat­te er sich auch das nur ein­ge­bil­det, wor­an er sich sche­men­haft er­in­ner­te – die wun­der­vol­le, zau­ber­haf­te Frei­heit der Ver­wand­lung, der kur­ze, schar­fe Schmerz in dem Au­gen­blick, als sei­ne Ge­stalt sich ver­än­der­te, und da­nach die gren­zen­lo­se Glück­se­lig­keit, sich ge­schmei­dig und schnell­fü­ßig und frei be­we­gen zu kön­nen?

Er be­trach­te­te sich im Spie­gel. Er sah ge­nau­so aus, wie er aus­se­hen soll­te, au­ßer daß sein de­zen­ter grau­er Ein­rei­her zer­knautscht war. Ein ru­hi­ger Wis­sen­schaft­ler, viel­leicht mit ei­ner bes­se­ren Fi­gur, mehr Im­pul­si­vi­tät und ei­nem aus­ge­präg­te­ren Hang zur Ro­man­tik als die meis­ten an­de­ren, aber un­ver­kenn­bar – Pro­fes­sor Wolf.

Al­les an­de­re war un­sin­nig. Doch der im­pul­si­ve Teil sei­nes We­sens wis­per­te ihm zu, daß es nur einen Weg gab, um das zu be­wei­sen: in­dem er ›Das Wort‹ aus­sprach.

»Na gut«, sag­te Wolfe Wolf zu sei­nem Spie­gel­bild. »Ich werd’s dir be­wei­sen.« Und er sprach es aus.

Der Schmerz war schär­fer und stär­ker als in sei­ner Er­in­ne­rung. Al­ko­hol dämpf­te die Schmerz­emp­find­lich­keit. Einen Mo­ment lang über­fiel ihn ei­ne schlim­me Pein. Dann war al­les vor­über, und er streck­te glück­lich über­rascht sei­ne Glie­der.

Aber er war kein ge­schmei­di­ges, schnell­fü­ßi­ges und frei­es Tier. Er war ein Wolf, der hilf­los in ei­nem de­zen­ten grau­en Ein­rei­her ver­hed­dert war.

Er ver­such­te auf­zu­ste­hen und ein paar Schrit­te zu ma­chen, aber die Ja­cken­är­mel und Ho­sen­bei­ne wa­ren wie Fall­stri­cke, und er lan­de­te flach auf der Schnau­ze. Er stieß mit den Pfo­ten, ver­such­te, den An­zug zu zer­rei­ßen, hielt aber so­fort in­ne. Wer­wolf oder nicht, er war im­mer noch Pro­fes­sor Wolf, und der An­zug hat­te 35 Dol­lar ge­kos­tet. Es muß­te doch ein bil­li­ge­res Mit­tel ge­ben, um sei­ne Frei­heit zu er­lan­gen.

In Ge­dan­ken stieß er ei­ni­ge ge­die­ge­ne platt­deut­sche Flü­che aus. Die­se Kom­pli­ka­ti­on war in kei­ner der Wer­wolf-Le­gen­den vor­ge­kom­men, die er bis­her ge­le­sen hat­te. Im Buch wur­den die Leu­te – bumm! – Wöl­fe oder ver­wan­del­ten sich – peng! – in Men­schen zu­rück. Als Men­schen wa­ren sie be­klei­det, als Wöl­fe be­pelzt. Ei­ne glat­te Ir­re­füh­rung. Jetzt er­in­ner­te er sich, daß Ozy­man­di­as der Große ihm be­foh­len hat­te, sich aus­zu­zie­hen, ehe er ihm die Zau­ber­for­mel bei­brach­te.

Die Zau­ber­for­mel! Das war’s! Er brauch­te nur das Wort für die Rück­ver­wand­lung zu sa­gen: Abs­ar­ka!, und er wür­de wie­der ein Mann sein, der sich be­quem in sei­nem An­zug be­we­gen konn­te. Dann wür­de er sich erst­mal aus­zie­hen, ehe er einen neu­en Ver­such un­ter­nahm. Wirk­lich, mit et­was Über­le­gung war al­les ein­fach. »Abs­ar­ka!« sag­te er.

Oder zu­min­dest glaub­te er, es ge­sagt zu ha­ben. Doch aus sei­ner Schnau­ze kam nur ein Win­seln. Und er war im­mer noch ein de­zent ge­klei­de­ter hilflo­ser Wolf.

Das war schlimm. Wenn er nur durch das Wort Abs­ar­ka be­freit wer­den konn­te, er aber in sei­ner Wolfs­ge­stalt nicht zu spre­chen ver­moch­te – dann saß er in der Pat­sche. Für im­mer und ewig. Er konn­te na­tür­lich Oz­zy su­chen und fra­gen, aber wie soll­te ein in einen grau­en An­zug ver­wi­ckel­ter Wolf aus dem Ho­tel ge­lan­gen und auf die Su­che nach ei­ner un­be­kann­ten Adres­se ge­hen?

Er war ge­fan­gen. Er war ver­lo­ren. Er war …

»Abs­ar­ka!«

Pro­fes­sor Wolf er­hob sich in sei­nem fürch­ter­lich zer­knit­ter­ten An­zug und strahl­te Ozy­man­di­as den Großen an.

»Se­hen Sie, Kol­le­ge«, er­klär­te der klei­ne Zau­be­rer, »ich dach­te mir, daß Sie es gleich nach dem Auf­wa­chen ver­su­chen wür­den, und ich wuß­te na­tür­lich, daß Sie Schwie­rig­kei­ten ha­ben wür­den. So kam ich her, um Ih­nen zu hel­fen.«

Wolf zün­de­te sich ei­ne Zi­ga­ret­te an und reich­te Ozy­man­di­as das Päck­chen. »Als Sie ins Zim­mer ka­men«, sag­te er, »was sa­hen Sie da?«

»Sie in Wolfs­ge­stalt.«

»Dann ist es al­so wirk­lich – dann bin ich tat­säch­lich …«

»Stimmt. Sie sind ein ech­ter Wer­wolf.«

Wolf setz­te sich auf das zer­wühl­te Bett. »Ich muß es wohl glau­ben«, sag­te er lang­sam. »Und wenn ich es glau­be – dann heißt das, daß ich all das glau­ben muß, was ich bis­her als Ho­kus­po­kus ab­ge­lehnt ha­be. Ich muß an Göt­ter glau­ben und an den Teu­fel, an die Höl­le und …«

»Wer­den Sie nicht plu­ra­lis­tisch. Es gibt einen Gott.« Ozy­man­di­as sag­te das ge­nau­so ru­hig und über­zeu­gend, wie er am ver­gan­ge­nen Abend be­haup­tet hat­te, es gä­be Wer­wöl­fe.

»Und wenn es einen Gott gibt, dann ha­be ich ei­ne See­le?«

»Ja.«

»Und wenn ich ein Wer­wolf bin, dann – he!«

»Was be­drückt Sie, Kol­le­ge?«

»Gut, Oz­zy. Sie wis­sen al­les. Sa­gen Sie mir ehr­lich: Bin ich ein Ver­damm­ter?«

»Warum? Nur, weil Sie ein Wer­wolf sind? Aber nein. Ich will es Ih­nen er­klä­ren. Es gibt zwei Sor­ten Wer­wöl­fe. Da ist ein­mal die Art, die un­ter ei­nem Fluch lebt; sie kön­nen sich nicht ge­gen die Ver­wand­lung weh­ren. Und dann gibt es frei­wil­li­ge Wer­wöl­fe. Da­zu ge­hö­ren Sie. Auch die meis­ten An­ge­hö­ri­gen die­ser Ka­te­go­rie sind ver­dammt, weil sie bö­se und blut­dürs­tig sind und un­schul­di­ge Men­schen auf­fres­sen. Aber sie sind nicht ver­dam­mens­wert bö­se, weil sie Wer­wöl­fe sind, son­dern sie wur­den Wer­wöl­fe, weil sie ver­dam­mens­wert bö­se sind. Sie da­ge­gen ha­ben sich nur zum Spaß ver­wan­delt, und weil es Ih­nen als gu­tes Mit­tel er­schi­en, um ein Mäd­chen zu be­ein­dru­cken. Das ist ein un­schul­di­ges Mo­tiv, und daß Sie ein Wer­wolf sind, än­dert nichts dar­an. Ein Wer­wolf muß nicht un­be­dingt ein Un­ge­heu­er sein. Es ist nur so, daß man eben aus­schließ­lich über die bö­sen Wer­wöl­fe spricht.«

»Aber wie kann ich ein frei­wil­li­ger Wer­wolf sein, wenn Sie mir sag­ten, schon ehe ich mich ver­wan­del­te, daß ich ein Wer­wolf sei?«

»Nicht je­der kann sich ver­wan­deln. Das ist nur ei­ne Fä­hig­keit wie zum Bei­spiel das Oh­ren­wa­ckeln. Ent­we­der man kann es, oder man kann es nicht. Das ist al­les. Und ge­nau­so wie bei al­len an­de­ren Ei­gen­schaf­ten spielt wahr­schein­lich ein Erb­fak­tor ei­ne Rol­le, ob­gleich sich noch nie­mand nä­her mit die­ser Fra­ge be­faßt hat. Sie wa­ren ein Wer­wolf in pos­se; jetzt sind Sie ein Wer­wolf in es­se

»Dann ist al­so al­les in Ord­nung? Ich kann mich zum Spaß ver­wan­deln, und es ist ganz un­ge­fähr­lich?«

»Ab­so­lut.«

Wolf grins­te. »Na war­te, Glo­ria! Lang­wei­lig und unat­trak­tiv, ha! Einen Schau­spie­ler oder einen G-man hei­ra­ten, das kann je­der, aber einen Wer­wolf …«

»Ih­re Kin­der wer­den’s wahr­schein­lich auch sein«, sag­te Ozy­man­di­as fröh­lich.

Wolf schloß ver­träumt die Au­gen, öff­ne­te sie je­doch ab­rupt wie­der. »Wis­sen Sie, was?«

»Was?«

»Mein Ka­ter ist weg! Wie herr­lich! Wie – wie prak­tisch, ja. End­lich das voll­kom­me­ne Ka­ter­mit­tel. Ver­wand­le dich in einen Wolf und wie­der zu­rück und – oh, das woll­te ich ja wis­sen. Wie ver­wand­le ich mich zu­rück?«

»Durch Abs­ar­ka.«

»Das weiß ich. Aber wenn ich ein Wolf bin, kann ich’s nicht sa­gen.«

»Das«, sag­te Ozy­man­di­as be­küm­mert, »ist der Fluch al­ler Meis­ter der wei­ßen Ma­gie. Man kann im­mer nur die zweit­ran­gi­gen Zau­ber­for­meln an­wen­den, denn die bes­ten sind für die schwar­ze Kunst re­ser­viert. Ein Wer­wolf, der zur schwar­zen Ma­gie ge­hört, kann sich ganz nach Wunsch selbst zu­rück­ver­wan­deln. Ich er­in­ne­re mich, daß in Dar­jee­ling …«

»Aber wie steht es mit mir?«

»Das ist ja die Schwie­rig­keit! Sie brau­chen im­mer je­man­den, der für sie Abs­ar­ka sagt. So wie ich ges­tern abend, er­in­nern Sie sich? Nach­dem wir die Ver­samm­lung im Tem­pel Ih­res Freun­des … Hö­ren Sie, ich ha­be ei­ne Idee. Ich ha­be mich zur Ru­he ge­setzt, und ich kann sor­gen­frei le­ben, weil ich im­mer ein biß­chen was her­bei­zau­bern kann. Wol­len Sie Ih­re Wer­wolf­kar­rie­re ernst­haft ver­fol­gen?«

»Für die nächs­te Zeit, ja. Bis ich Glo­ria für mich ge­won­nen ha­be.«

»Dann könn­te ich doch hier im Ho­tel woh­nen und wä­re im­mer bei der Hand, wenn Sie je­man­den brau­chen, der Abs­ar­ka sagt. Spä­ter kön­nen Sie es ja dem Mäd­chen bei­brin­gen.«

Wolf streck­te ei­ne Hand aus. »Sehr edel­mü­tig von Ih­nen. Das wol­len wir mit ei­nem Hän­de­druck be­sie­geln.« Dann sah er auf die Uhr. »Ich ha­be heu­te vor­mit­tag zwei Vor­le­sun­gen ver­säumt. Es ist ja ganz schön, ein Wer­wolf zu sein, aber je­der Mensch muß sich sein Geld ver­die­nen.«

»Die meis­ten Men­schen.« Ozy­man­di­as streck­te einen Arm hoch in die Luft und pflück­te ei­ne Mün­ze her­un­ter. Er be­trach­te­te sie be­dau­ernd; es war ei­ne Gold­moi­do­re. »Zum Kuckuck mit den Geis­tern! Sie ka­pie­ren ein­fach nicht, daß die­se Mün­zen nicht mehr in Um­lauf sind.«

Aus Los An­ge­les, dach­te Wolf mit der ty­pi­schen Ver­ach­tung des Nord­ka­li­for­niers, als er das sa­lop­pe Sport­jackett und das knall­gel­be Hemd sei­nes Be­su­chers sah.

Der jun­ge Mann er­hob sich höf­lich, als der Pro­fes­sor ins Zim­mer kam. Sei­ne grü­nen Au­gen glänz­ten freund­lich, und sein ro­tes Haar flamm­te im Son­nen­licht. »Pro­fes­sor Wolf?« frag­te er.

Wolf sah un­ge­dul­dig zu sei­nem Schreib­tisch hin­über. »Ja.«

»Mein Na­me ist O’Breen. Ich hät­te Sie ger­ne ei­ne Mi­nu­te ge­spro­chen.«

»Mei­ne Sprech­stun­de ist diens­tags und don­ners­tags von drei bis vier. Jetzt war­tet ei­ne Men­ge Ar­beit auf mich.«

»Es hat nichts mit der Fa­kul­tät zu tun. Und es ist wich­tig.«

Der jun­ge Mann war freund­lich und un­ge­zwun­gen, trotz­dem ver­moch­te er den Ein­druck zu ver­mit­teln, daß er ein be­deu­ten­des An­lie­gen ha­be, und Wolfs Neu­gier wur­de ge­weckt. Der hoch­wich­ti­ge Brief an Glo­ria war zwei Vor­le­sun­gen lang lie­gen­ge­blie­ben; er konn­te auch noch fünf Mi­nu­ten län­ger war­ten.

»Al­so gut, Mr. O’Breen.«

»Und un­ter vier Au­gen, wenn ich bit­ten darf.«

Wolf hat­te Emi­ly noch gar nicht be­merkt. Jetzt wand­te er sich zu ihr und sag­te: »Wenn Sie nichts da­ge­gen ha­ben, Emi­ly …«

Emi­ly zuck­te mit den Schul­tern und ging hin­aus.

»Was gibt es so Wich­ti­ges und Ge­heim­nis­vol­les?«

»Nur ein paar Fra­gen. Ers­tens: Wie gut ken­nen Sie Glo­ria Gar­ton?«

Wolf schwieg einen Mo­ment. Er konn­te dem jun­gen Mann kaum sa­gen, daß er ihr ge­ra­de im Hin­blick auf sein neu­es Le­ben als Wer­wolf noch­mals einen Hei­rats­an­trag ma­chen woll­te. Statt des­sen er­wi­der­te er le­dig­lich: »Sie hat­te vor ein paar Jah­ren bei mir be­legt.«

»Ich sag­te ken­nen, nicht kann­te. Wie gut ken­nen Sie sie jetzt?«

»Wes­halb soll­te ich dar­auf ant­wor­ten?«

Der jun­ge Mann reich­te ihm ei­ne Vi­si­ten­kar­te. Wolf las: Fer­gus O’Breen, Pri­vat­de­tek­tiv. Staat­lich zu­ge­las­sen.

Wolf lä­chel­te. »Und worum geht es? Um Ma­te­ri­al für ei­ne Schei­dung? Das ist doch wohl die Spe­zia­li­tät der Pri­vat­de­tek­ti­ve.«

»Miß Gar­ton ist nicht ver­hei­ra­tet, und das wis­sen Sie auch. Ich möch­te nur wis­sen, ob Sie in letz­ter Zeit mit ihr in Ver­bin­dung ge­stan­den ha­ben.«

»Und ich möch­te nur wis­sen, wes­halb Sie mich das fra­gen.«

O’Breen stand auf und ging im Bü­ro her­um.

»Sieht nicht so aus, als ob wir auf die­se Wei­se wei­ter­kom­men. Darf ich es so ver­ste­hen, daß Sie sich wei­gern, über die Art Ih­rer Be­zie­hung zu Glo­ria Gar­ton et­was zu sa­gen?«

»Ich se­he kei­nen Grund für ei­ne an­de­re Ein­stel­lung.« Wolf wur­de lang­sam är­ger­lich.

Zu sei­ner Über­ra­schung grins­te der De­tek­tiv freund­lich. »Schön, las­sen wir das. Er­zäh­len Sie mir et­was über Ih­re Ab­tei­lung. Seit wann ist Ihr Per­so­nal hier?«

»Do­zen­ten und an­de­re?«

»Nur die Pro­fes­so­ren.«

»Ich bin seit sie­ben Jah­ren hier. Al­le an­de­ren min­des­tens zehn Jah­re, wahr­schein­lich so­gar län­ger. Wenn Sie das ge­nau wis­sen wol­len, kann der De­kan Ih­nen Be­scheid ge­ben, falls er Sie nicht, wie ich hof­fe – «, hier lä­chel­te Wolf lie­bens­wür­dig, »– ‘raus­schmeißt.«

O’Breen lach­te. »Pro­fes­sor, ich ha­be das Ge­fühl, wir könn­ten uns präch­tig ver­tra­gen. Noch ei­ne Fra­ge, und dann kön­nen Sie selbst mich ‘raus­schmei­ßen. Sind Sie ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger?«

»Na­tür­lich.«

»Und die an­de­ren?«

»Auch. – Hät­ten Sie jetzt wohl die Freund­lich­keit, mir den Grund für Ih­re ab­sur­den Fra­gen zu nen­nen?«

»Nein«, sag­te O’Breen lie­bens­wür­dig. »Auf Wie­der­se­hen, Pro­fes­sor.« Sei­ne flin­ken grü­nen Au­gen hat­ten wäh­rend der Un­ter­re­dung je­de Ein­zel­heit des Bü­ros re­gis­triert. Jetzt ruh­ten sie auf Wolfs lan­gem Zei­ge­fin­ger, wan­der­ten hin­auf zu den dich­ten Au­gen­brau­en und kehr­ten zum Fin­ger zu­rück. In den Au­gen spie­gel­te sich ein auf­kei­men­der Ver­dacht, als er das Bü­ro ver­ließ.

Ach, Un­fug, sag­te Wolf zu sich selbst. Ein Pri­vat­de­tek­tiv, gleich­gül­tig, wie wach sei­ne Au­gen und wie schein­bar ziel­los sei­ne Fra­gen wa­ren, wä­re si­cher­lich der letz­te Mensch auf Er­den, der die Merk­ma­le ei­ner Ly­kan­thro­pie er­ken­nen könn­te.

Selt­sam. Das Wort Wer­wolf war ak­zep­ta­bel. Man konn­te sa­gen ›Ich bin ein Wer­wolf‹, und al­les war in Ord­nung. Sag­te man aber ›Ich bin ein Ly­kan­throp‹, dann sträub­ten sich den an­de­ren die Nacken­haa­re. Wirk­lich merk­wür­dig. Das wä­re ein The­ma für ei­ne Un­ter­su­chung über den Ein­fluß der Ety­mo­lo­gie auf den Be­griffs­in­halt.

Ach was! Wolfe Wolf war nicht mehr in ers­ter Li­nie ein Ge­lehr­ter. Er war jetzt ein Wer­wolf, ein Wer­wolf aus Spaß; und Spaß woll­te er ha­ben. Er zün­de­te sei­ne Pfei­fe an, starr­te auf das lee­re Pa­pier und ver­such­te ver­zwei­felt, einen Brief an Glo­ria zu ent­wer­fen. Er soll­te ge­ra­de so viel an­deu­ten, daß sie fas­zi­niert war und ihr In­ter­es­se so lan­ge wach blieb, bis er nach Ab­schluß des Se­mes­ters zu ihr fah­ren und ihr die gan­ze wun­der­vol­le Wahr­heit ent­hül­len konn­te.

Pro­fes­sor Os­car Fea­ring schob sich äch­zend ins Zim­mer. »Gu­ten Tag, Wolfe. Viel Ar­beit?«

»Tag«, sag­te Wolf ab­we­send und starr­te wei­ter das Pa­pier an.

»Große Er­eig­nis­se ste­hen be­vor, was? Freust du dich auf die schö­ne Glo­ria?«

Wolf fuhr hoch. »Wie – was meinst du da­mit?«

Fea­ring reich­te ihm ei­ne Zei­tung hin­über.

»Du hast es noch nicht ge­hört?«

Wolf las mit wach­sen­dem Er­stau­nen und Ent­zücken:

 

GLO­RIA GAR­TON TRIFFT AM FREI­TAG EIN!

Ei­ne Toch­ter un­se­rer Stadt kehrt nach Ber­ke­ley zu­rück. Im Zu­ge der spek­ta­ku­lärs­ten Tal­ent­su­che, seit ei­ne Scar­lett O’Ha­ra ge­sucht wur­de, trifft Glo­ria Gar­ton, strah­len­der Star der Me­tro­po­lis-Film, am Frei­tag in Ber­ke­ley ein.

Am Frei­tagnach­mit­tag wird die Hun­de­be­völ­ke­rung von Ber­ke­ley im Cam­pus-Thea­ter Ge­le­gen­heit ha­ben, sich an dem im gan­zen Land lau­fen­den Wett­be­werb zu be­tei­li­gen, mit dem ein Hund für die Rol­le von Too­kah, dem Wolf in dem neu­en Me­tro­po­lis-Epos ›Fän­ge der Wild­nis‹ ge­sucht wird. Glo­ria Gar­ton wird den Pro­ben per­sön­lich bei­woh­nen.

»Ich ver­dan­ke Ber­ke­ley so viel«, sag­te Miß Gar­ton. »Ich se­he mit größ­ter Freu­de dem Wie­der­se­hen mit der Stadt und der Uni­ver­si­tät ent­ge­gen.« Miß Gar­ton spielt die Hauptrol­le in ›Fän­ge der Wild­nis‹.

Miß Gar­ton stu­dier­te an der Uni­ver­si­tät von Ka­li­for­ni­en, als sie ih­re ers­te Film­rol­le er­hielt. Sie ist Mit­glied der Thea­ter­ge­mein­de ›Mas­ke und Dolch‹ und der Rho-Rho-Rho- Ver­bin­dung.

 

Wolfe Wolf strahl­te. Das war ein glück­li­cher Zu­fall. Nun brauch­te er nicht bis zum En­de des Se­mes­ters zu war­ten. Er konn­te Glo­ria schon jetzt se­hen und sie mit wöl­fi­schem Un­ge­stüm um­wer­ben. Frei­tag – heu­te war Mitt­woch –, al­so noch zwei Näch­te, in de­nen er sich in der fei­nen Kunst des Wer­wolfs üben konn­te. Und dann …

Er be­merk­te, daß der äl­te­re Pro­fes­sor nie­der­ge­schla­gen aus­sah, und ei­ne reui­ge An­wand­lung über­kam ihn. »Wie ging’s ges­tern abend, Os­car?« frag­te er freund­lich. »Hat die Wal­pur­gis­nacht- Fei­er ge­klappt?«

Fea­ring warf ihm einen ei­gen­ar­ti­gen Blick zu.

»Hast du es in­zwi­schen her­aus­ge­fun­den? Ges­tern be­deu­te­te dir das Da­tum des drei­ßigs­ten April gar nichts.«

»Ich war neu­gie­rig ge­wor­den und ha­be nach­ge­se­hen. Al­so, wie war’s?«

»Ganz gut«, log Fea­ring. »Weißt du, Wolfe«, frag­te er nach ei­ner kur­z­en Pau­se, »was der Fluch ei­nes je­den Men­schen ist, der sich für das Ok­kul­te in­ter­es­siert?«

»Nein. Was?«

»Daß die wah­re Macht nie ge­nug ist. Für einen selbst viel­leicht, aber nicht für die an­de­ren. Gleich­gül­tig, über wel­che ech­ten Fä­hig­kei­ten man ver­fügt – man muß im­mer die Gren­ze zur Gau­ke­lei über­schrei­ten, um die an­de­ren über­zeu­gen zu kön­nen. Denk nur an St. Ger­main oder an Fran­cis Stu­art, oder an Cagliostro. Aber die größ­te Tra­gö­die ist, wenn man er­kennt, daß die ei­ge­nen Kräf­te stär­ker sind, als man selbst an­ge­nom­men hat, und daß man sich über­haupt nicht ir­gend­wel­cher Tricks hät­te zu be­die­nen brau­chen. Wenn man er­kennt, daß man sich über die Gren­zen sei­ner Kräf­te gar nicht im kla­ren ist. Dann …«

»Was dann, Os­car?«

»Dann, mein Jun­ge, fängt man an, sich zu fürch­ten.«

Wolf woll­te ihm et­was Trös­ten­des sa­gen. Er woll­te sa­gen, hör mal, Os­car, ich war’s. Kehr ru­hig wie­der zu dei­nen Tricks zu­rück und sei glück­lich. Aber das konn­te er nicht. Nur Oz­zy durf­te die Wahr­heit über den präch­ti­gen grau­en Wolf wis­sen. Nur Oz­zy und Glo­ria.

 

Die ein­sa­me Stel­le im Ca­non lag im hel­len Mond­licht. Die Nacht war still. Und Wolfe Wolf litt sehr un­ter Lam­pen­fie­ber. Jetzt, da es so­weit war – das Fias­ko von heu­te mor­gen zähl­te nicht, und an ges­tern abend konn­te er sich kaum er­in­nern –, fürch­te­te er sich vor dem Sprung ins Wolfs­le­ben und ver­such­te, den Au­gen­blick mög­lichst lan­ge hin­aus­zu­zö­gern.

»Glau­ben Sie«, frag­te er den Zau­be­rer ner­vös, »daß ich Glo­ria bei­brin­gen könn­te, wie man sich ver­wan­delt?«

Ozy­man­di­as über­leg­te. »Viel­leicht, Kol­le­ge. Es käme dar­auf an. Viel­leicht ist sie ei­ne Na­tur­be­ga­bung, viel­leicht nicht. Und man kann na­tür­lich nicht vor­her­sa­gen, in was sie sich ver­wan­deln wür­de.«

»Sie müß­te nicht un­be­dingt ei­ne Wöl­fin wer­den?«

»Na­tür­lich nicht. Wer die Fä­hig­keit be­sitzt, kann al­les mög­li­che wer­den. Und je­de Ras­se hat spe­zi­el­le In­ter­es­sen. Wir ha­ben ei­ne eng­lisch-mit­tel­eu­ro­päi­sche Tra­di­ti­on; da­her wis­sen wir am bes­ten über Wer­wöl­fe Be­scheid. Aber in Skan­di­na­vi­en hört man viel von Wer­bä­ren, nur nennt man sie dort Ber­ser­ker. Und im Ori­ent sind es Wer­ti­ger. Es ist ein Jam­mer, daß wir uns so viel mit den Wer­wöl­fen be­schäf­ti­gen, daß wir nur die­se Zei­chen er­ken­nen kön­nen. Ich wüß­te zum Bei­spiel nicht, wor­an ich einen Wer­ti­ger so­fort er­ken­nen könn­te.«

»Man kann al­so nicht wis­sen, was pas­siert, wenn ich sie die Zau­ber­for­mel leh­re?«

»Nein. Es gibt na­tür­lich Wer­tie­re, die nicht er­stre­bens­wert sind. Zum Bei­spiel Wer­amei­sen. Man ver­wan­delt sich, je­mand tritt drauf, und aus ist’s. Oder wie der Mann, den ich auf Ma­da­gas­kar ken­nen­lern­te. Ich sag­te ihm das Zau­ber­wort, und was ge­sch­ah? Er wur­de zum Wer­di­no­sau­ri­er, und bei der Ver­wand­lung zer­trüm­mer­te er das gan­ze Haus. Bei­na­he zer­tram­pel­te er mich auch, ehe ich Abs­ar­ka! sa­gen konn­te. Er hat­te dann ge­nug und ver­such­te es nie wie­der. Oder da­mals in Dar­jee­ling – aber wie ist es, Kol­le­ge? Wol­len Sie die gan­ze Nacht nackt her­um­ste­hen?«

»Nein«, sag­te Wolf. »Ich ver­wand­le mich jetzt. Neh­men Sie mei­nen An­zug ins Ho­tel mit?«

»Gern. Und ich ha­be ein ganz klei­nes Zau­ber­chen über den Nacht­por­tier ge­wor­fen, nur so viel, daß er kei­nen Wolf be­merkt, der ins Ho­tel kommt. Üb­ri­gens – ha­ben Sie ir­gend et­was ver­mißt?«

»Nicht daß ich wüß­te. Warum?«

»Mir war so, als ob heu­te nach­mit­tag je­mand aus ih­rem Zim­mer kam. Ich bin nicht ganz si­cher, aber ich glau­be, er kam aus Ih­rem Zim­mer. Ein jun­ger Mann mit ro­tem Haar und à la Hol­ly­wood ge­klei­det.«

Wolfe Wolf run­zel­te die Stirn. Das ver­stand er nicht. Die sinn­lo­se Fra­ge­rei war schon ei­ne Frech­heit ge­we­sen, aber das Zim­mer durch­su­chen – Doch was war schon ein De­tek­tiv ge­gen einen aus­ge­wach­se­nen Wer­wolf? Er grins­te, nick­te Ozy­man­di­as dem Großen freund­lich zu und sag­te das Zau­ber­wort.

Der Schmerz war nicht so schlimm wie am Mor­gen, aber im­mer noch stark ge­nug. Doch ging er gleich vor­bei, und sein Kör­per war von ei­nem Ge­fühl schran­ken­lo­ser Frei­heit er­füllt Er hob die Schnau­ze und schnüf­fel­te in die fri­sche Nacht­luft. Schon al­lein die­se neue fein­spü­ri­ge Na­se er­öff­ne­te ihm ein neu­es Pa­ra­dies. Er we­del­te Oz­zy freund­lich mit dem Schwanz zu und fiel in ei­ne lan­ge, fe­dern­de Gang­art.

Stun­den­lang ge­nüg­te es ihm, nur mit die­sem Ge­fühl der Leich­tig­keit her­um­zu­lau­fen. Es war das reins­te Ver­gnü­gen, sich nur an die­sem Wolfs­ge­fühl zu er­freu­en. Wolf trab­te in die Hü­gel und durch die dich­ten Wäl­der, die un­end­lich fern al­ler Zi­vi­li­sa­ti­on schie­nen. Sei­ne Bei­ne wa­ren kräf­tig und un­er­müd­lich, sei­ne Lun­gen ar­bei­te­ten mü­he­los. Im­mer neue Düf­te nach Erd­bo­den, Blät­tern und Luft um­schmei­chel­ten sei­ne Na­se, und das Le­ben war herr­lich.

Aber nach ei­ni­gen Stun­den fühl­te Wolf sich ein­sam. Das war ja al­les ganz schön, doch wenn sei­ne Ge­fähr­tin Glo­ria es mit ihm tei­len könn­te … Und was nütz­te es, ein präch­ti­ger Wolf zu sein, wenn nie­mand da war, der ihn be­wun­der­te: Er be­gann, sich nach mensch­li­cher Ge­sell­schaft zu seh­nen, und kehr­te zur Stadt zu­rück.

 

In Ber­ke­ley geht man früh zu Bett. Die Stra­ßen wa­ren men­schen­leer. Hier und da brann­te ein Licht, wo ein Stu­dent wohl über sei­ner Prü­fungs­ar­beit brü­te­te. Auch Wolf hat­te so ge­paukt. In sei­ner jet­zi­gen Ge­stalt konn­te er nicht la­chen, aber sein Schwanz zuck­te amü­siert, als er sich dar­an er­in­ner­te.

In ei­ner baum­be­stan­de­nen Stra­ße hielt er an. Hier war die Wit­te­rung ganz frisch, ob­wohl er nie­man­den se­hen konn­te. Dann hör­te er ein lei­ses Wim­mern und trab­te dar­auf zu.

Hin­ter den Bü­schen ei­nes Vor­gar­tens saß ein trau­ri­ger klei­ner Jun­ge von un­ge­fähr zwei Jah­ren. Er zit­ter­te vor Käl­te und war an­schei­nend stun­den­lang um­her­ge­irrt. Wolf leg­te ei­ne Pfo­te auf die Schul­ter des Klei­nen und schüt­tel­te ihn sanft.

Der Jun­ge blick­te sich um und zeig­te kei­ne Angst. »Ho!« sag­te er, und sein Ge­sicht­chen hell­te sich auf.

Wolf knurr­te freund­lich, we­del­te mit dem Schwanz und scharr­te mit ei­ner Pfo­te, um dem Kind klarzu­ma­chen, daß er es be­glei­ten wür­de, wo im­mer es hin­woll­te.

Das Kind stand auf und wisch­te sich mit sei­nen schmut­zi­gen Händ­chen die Trä­nen weg, wo­bei es das gan­ze Ge­sicht ver­schmier­te. »Wei­wei­wei­wei!« sag­te es.

Er will wohl spie­len, dach­te Wolf. Sacht pack­te er einen Är­mel und zog dar­an.

»Wei­wei­wei­wei!« wie­der­hol­te der Jun­ge fest. »Kom­ma weg.«

Das er­schi­en Wolf höchst ver­wun­der­lich. Was konn­te der Klei­ne schon von Gram­ma­tik ver­ste­hen? Und dann ging ihm ein Licht auf. Das Kind ver­such­te, ›2222 Cor­ner Weg‹ zu sa­gen, wie man es ihm wohl un­zäh­li­ge Ma­le vor­ge­sagt hat­te. Wolf blick­te zum Stra­ßen­schild em­por. Der Cor­ner Weg war ganz in der Nä­he.

Wolf woll­te ni­cken, aber da­zu wa­ren sei­ne Hals­mus­keln nicht ge­eig­net. So we­del­te er wie­der mit dem Schwanz, hoff­te, der Klei­ne wür­de ihn ver­ste­hen, und setz­te sich in Be­we­gung.

Der klei­ne Jun­ge freu­te sich und sag­te: »Lie­ber Wau­wau.«

Einen Herz­schlag lang fühl­te sich Wolf wie ein Spi­on, den man plötz­lich mit sei­nem rich­ti­gen Na­men an­spricht. Dann wur­de ihm be­wußt, daß vie­le Leu­te ›Wau­wau‹ zu ei­nem Hund sa­gen, be­son­ders Kin­der.

Er führ­te das Kind sei­nem Zu­hau­se ent­ge­gen. Es war ein gu­tes Ge­fühl zu wis­sen, daß die­ses un­schul­di­ge klei­ne We­sen ihm blind­lings ver­trau­te. Ja, Kin­der wa­ren et­was Be­son­de­res; er hoff­te, daß Glo­ria sei­ne Mei­nung teil­te. Dann kam ihm der Ge­dan­ke, was wohl ge­sche­hen wür­de, wenn er dem Klei­nen das Zau­ber­wort bei­brach­te. Wie nett wä­re es, ein Hünd­chen zu ha­ben, das …

Er blieb ste­hen. Sei­ne Na­se zuck­te, und sei­ne Nacken­haa­re stell­ten sich auf. Vor ih­nen stand ein rie­si­ger Kö­ter, ei­ne Mi­schung aus Bern­har­di­ner und Es­ki­mo­hund. Aus sei­nem gif­ti­gen Knur­ren ging her­vor, daß er sich durch­aus nicht zu gu­ten Ta­ten ver­pflich­tet fühl­te. Er war ein Streu­ner, ein Feind von Mensch und Hund. Und sie muß­ten an ihm vor­bei.

Wolf hat­te kei­ne Lust zu kämp­fen. Si­cher, er war ge­nau­so groß und durch sei­nen mensch­li­chen Ver­stand auch viel klü­ger. Aber die Nar­ben aus ei­nem Hun­de­kampf wür­den sich auf der Haut von Pro­fes­sor Wolf nicht gut ma­chen, und au­ßer­dem be­stand die Ge­fahr, daß der Klei­ne ver­letzt wur­de. Es war wohl bes­ser, auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te wei­ter­zu­ge­hen. Doch ehe er das Kind ent­spre­chend wegdrän­gen konn­te, sprang der Kö­ter mit blut­dürs­ti­gem Knur­ren auf sie zu.

Wolf stell­te sich sprung­be­reit vor das Kind. Die Aus­sicht, daß er ver­wun­det wür­de, wog we­nig im Ver­gleich zu dem Ver­trau­en, das der Klei­ne zu ihm hat­te. Schon woll­te er dem An­grei­fer ei­ne Lek­ti­on er­tei­len, gleich­gül­tig, was er selbst da­bei ab­be­kam, als der große Hund plötz­lich sei­ne At­ta­cke stopp­te. Sein Knur­ren wur­de zu ei­nem er­bärm­li­chen Win­seln. Sei­ne Flan­ken zit­ter­ten. Er klemm­te den Schwanz zwi­schen die Bei­ne. Dann dreh­te er sich um und floh.

Das Kind glucks­te fröh­lich. »Bö­ser Wau­wau ist weg.« Es schlang sei­ne Ärm­chen um Wolfs Hals. »Gu­ter Wau­wau!« Dann rich­te­te es sich auf und sag­te ein­dring­lich »wei­wei­wei­wei Kom­ma weg«, und Wolf führ­te ihn wei­ter. Sein Wolfs­herz schlug so stolz, wie es nie zu­vor ge­schla­gen hat­te – nicht ein­mal weib­li­che Zärt­lich­keit hat­te das je zu be­wir­ken ver­mocht.

Num­mer ›wei­wei­wei­wei‹ war ein klei­nes Haus, das ziem­lich weit von der Stra­ße zu­rück­ge­setzt war. Es brann­te noch Licht, und schon vom Bür­ger­steig aus hör­te Wolf ei­ne schril­le Frau­en­stim­me.

»… schon seit fünf Uhr, und Sie müs­sen ihn fin­den, Wacht­meis­ter. Sie müs­sen! Wir ha­ben die gan­ze Nach­bar­schaft ab­ge­sucht und…«

Wolf stell­te sich auf die Hin­ter­pfo­ten und klin­gel­te mit der rech­ten Vor­der­pfo­te.

»Oh! Viel­leicht kommt je­mand. Die Nach­barn sag­ten, daß … Kom­men Sie, Wacht­meis­ter, wir wol­len nach­se­hen. Oh!«

Im glei­chen Mo­ment, als Wolf höf­lich bell­te und der Klei­ne »Ma­ma!« schrie, kreisch­te die jun­ge Frau los, teils vor Ent­zücken, weil sie ihr Kind wie­der hat­te, teils vor Schreck über den rie­si­gen grau­en Hund, der da­ne­ben stand. Sie riß das Kind hoch und wand­te sich an den Uni­for­mier­ten. »Wacht­meis­ter! Da! Die­ses schreck­li­che Un­tier! Es hat mei­nen Rob­by ent­führt!«

»Nein«, pro­tes­tier­te Rob­by ener­gisch, »gu­ter Wau­wau!«

Der Po­li­zist lach­te. »Wahr­schein­lich hat der Klei­ne recht. Das ist ein gu­ter Wau­wau. Fand Ih­ren Jun­gen und brach­te ihn her. Ha­ben Sie nicht einen Kno­chen für ihn?«

»Den gräß­li­chen Rie­sen­kö­ter in mein Haus las­sen? Nie­mals! Komm, Rob­by!«

»Will gu­ten Wau­wau ha­ben.«

»Ich werd’ dir gleich et­was wau­wau­en, du Her­um­trei­ber, weil du dei­nem Va­ter und mir ei­ne To­des­angst ein­ge­jagt hast. War­te, bis dein Va­ter da ist, der wird dich schon … Oh, gu­te Nacht, Wacht­meis­ter!« Die zu­schla­gen­de Tür schnitt Rob­bys Ge­brüll ab.

Der Po­li­zist tät­schel­te Wolfs Kopf. »Mach dir nichts draus. Du hast kei­nen Kno­chen ge­kriegt, und mir hat sie nicht mal ein Bier an­ge­bo­ten. Du bist aber ein Großer, was? Siehst fast wie ein Wolf aus. Wem ge­hörst du, und wie­so läufst du nachts her­um? Hä?« Er knips­te sei­ne Ta­schen­lam­pe an, um nach dem nicht vor­han­de­nen Hals­band zu se­hen.

Er rich­te­te sich auf und stieß einen Pfiff aus. »Kei­ne Hun­de­mar­ke, das ist schlimm. Du weißt, was ich jetzt tun soll­te? Dich ab­ge­ben. Wenn du nicht ein Held wärst, den man ge­ra­de um sei­nen Kno­chen be­tro­gen hat, wür­de ich … Ich muß es trotz­dem tun. Ge­setz ist Ge­setz, auch für Hel­den. Komm. Wir ge­hen spa­zie­ren.«

Wolf über­leg­te schnell. Das Asyl für ob­dach­lo­se Hun­de war der letz­te Ort auf der Welt, an dem er lan­den woll­te. Selbst Oz­zy wür­de ihn dort nicht ver­mu­ten. Nie­mand wür­de ihn von dort her­aus­ho­len. Nie­mand wür­de ›Abs­ar­ka‹ sa­gen, und das En­de wür­de ei­ne Do­sis Chlo­ro­form sein. Er riß sich aus dem Griff des Po­li­zis­ten los, er­reich­te mit ei­nem rie­si­gen Sprung den Bür­ger­steig und lief die Stra­ße ent­lang. So­bald er aus der Sicht­wei­te des Po­li­zis­ten war, schlüpf­te er durch ei­ne He­cke.

Er wit­ter­te den Po­li­zis­ten, noch ehe er ihn se­hen konn­te. Der Mann rann­te mit der gan­zen Schwer­fäl­lig­keit sei­ner zwei Zent­ner. Doch ge­gen­über der He­cke blieb er ste­hen. Wolf frag­te sich, ob sei­ne Kriegs­list miß­lun­gen sei. Aber der Be­am­te kratz­te sich nur am Kopf und brum­mel­te: »Ir­gend et­was stimmt da nicht. Wer hat ge­klin­gelt? Der Knirps konn­te nicht so hoch rei­chen, und der Hund – ach, Quatsch.« Und die­ser Aus­spruch schi­en all sei­ne Pro­ble­me ge­löst zu ha­ben.

Als sich sei­ne Fuß­trit­te ent­fernt hat­ten, be­kam Wolf ei­ne an­de­re Wit­te­rung in die Na­se. Er hat­te sie ge­ra­de als Kat­zen­ge­ruch iden­ti­fi­ziert, als je­mand sag­te: »Du bist ein Wer­wolf, nicht wahr?«

Wolf rich­te­te sich auf, mit ge­fletsch­ten Zäh­nen und ge­spann­ten Mus­keln. Er konn­te kei­nen Men­schen se­hen, und doch hat­te je­mand zu ihm ge­spro­chen. Un­will­kür­lich woll­te er sa­gen: ›Wo sind Sie?‹, aber es wur­de nur ein Knur­ren dar­aus.

»Di­rekt hin­ter dir, im Schat­ten. Du kannst mich doch rie­chen, oder nicht?«

»Aber du bist ei­ne Kat­ze«, dach­te Wolf knur­rend, »und du kannst spre­chen.«

»Na­tür­lich. Aber du hörst kei­ne mensch­li­chen Lau­te, nur dein Ge­hirn kann mei­ne Wor­te auf­neh­men. Wenn du dei­ne Men­schen­ge­stalt hät­test, wür­dest du nur den­ken, daß ich mi­aue. Bist du nun ein Wer­wolf oder nicht?«

»Wo­her … wie kommst du dar­auf?«

»Weil du dich nicht auf mich ge­stürzt hast, wie es je­der nor­ma­le Hund ge­tan hät­te. Au­ßer­dem, wenn Kon­fu­zi­us mir nichts Falsches er­zählt hat, bist du kein Hund, son­dern ein Wolf. Und hier gibt es kei­ne Wöl­fe mehr, es sei denn Wer­wöl­fe.«

»Wo­her weißt du das al­les? Bist du …«

»O nein. Ich bin ei­ne ganz ein­fa­che Kat­ze. Aber ich wohn­te frü­her ne­ben ei­nem Wer-Chow-Chow na­mens Kon­fu­zi­us. Er hat mir viel bei­ge­bracht.«

Wolf war höchst er­staunt. »Du meinst, es war ein Mensch, der sich in einen Chow-Chow ver­wan­delt hat­te, und so blieb? Als Hund wei­ter­leb­te?«

»Ja si­cher. Das war in den schlim­men Zei­ten der De­pres­si­on. Er sag­te, daß man als Hund ei­ne bes­se­re Chan­ce hät­te, er­nährt und ver­sorgt zu wer­den. Mei­ner An­sicht nach ei­ne sehr ge­sun­de Idee.«

»Aber wie furcht­bar! Wie kann ein Mensch sich so er­nied­ri­gen …?«

»Kein Mensch er­nied­rigt sich selbst; sie er­nied­ri­gen sich ge­gen­sei­tig. So kom­men die Wer­tie­re zu­stan­de. Die einen ha­ben sich ver­wan­delt, um nicht er­nied­rigt zu wer­den, die an­de­ren, um an­de­re bes­ser er­nied­ri­gen zu kön­nen. Zu wel­cher Sor­te ge­hörst du?«

»Nun, siehst du, ich …«

»Seh! Schau mal! Das gibt einen Spaß. Ein Über­fall.«

Wolf blick­te durch die He­cke. Ein gut­ge­klei­de­ter Mann mitt­le­ren Al­ters mach­te an­schei­nend noch einen Ver­dau­ungs­spa­zier­gang. Hin­ter ihm schlich ei­ne dün­ne Ge­stalt her. Als sie den Mann ein­ge­holt hat­te, flüs­ter­te sie dro­hend: »Hän­de hoch!«

Der Spa­zier­gän­ger sank zu­sam­men. Er war kä­se­bleich, und der Räu­ber lang­te in sei­ne Brust­ta­sche und hol­te ei­ne fet­te Brief­ta­sche her­aus.

Wo­zu, dach­te Wolf, ha­be ich die­sen kräf­ti­gen Kör­per, wenn ich bloß als Zu­schau­er hin­ter ei­ner He­cke sit­ze? An der ver­blüff­ten Kat­ze vor­bei jag­te er über die He­cke und lan­de­te mit den Vor­der­pfo­ten im Ge­sicht des Räu­bers. Der Bö­se­wicht fiel rück­lings nie­der, Wolf lag auf ihm. Dann gab es einen lau­ten Knall. Ei­ne Se­kun­de lang ver­spür­te Wolf einen ste­chen­den Schmerz in der Schul­ter, als ob man ihn mit ei­ner lan­gen Na­del ge­sto­chen hät­te, dann klang der Schmerz ab.

Aber sein mo­men­ta­nes Zu­rück­zu­cken hat­te dem Räu­ber Ge­le­gen­heit ge­ge­ben, wie­der auf die Fü­ße zu kom­men. »Hab’ dich nicht ge­trof­fen, was?« sag­te er. »Wol­len mal se­hen, wie dir ei­ne Ku­gel in den Bauch ge­fällt.«

Wäh­rend Wolf sprang, knall­ten drei Schüs­se hin­ter­ein­an­der. Ei­ne Se­kun­de lang hat­te er das schreck­lichs­te Bauch­weh sei­nes Le­bens. Dann lan­de­te er. Der Kopf des Räu­bers schlug auf dem As­phalt auf, und er rühr­te sich nicht mehr.

Über­all gin­gen Lich­ter an. Aus dem all­ge­mei­nen Ge­schrei hör­te Wolf die schril­le Stim­me von Rob­bys Mut­ter her­aus, und un­ter all den Ge­rü­chen wit­ter­te er den Po­li­zis­ten, dem er zu­vor ent­kom­men war. Er muß­te weg, und zwar schnell.

Die Stadt brach­te ihm nur Schwie­rig­kei­ten, ent­schied Wolf, wäh­rend er da­von­lief. Da blieb er lie­ber al­lein, bis er Glo­ria hat­te. Trotz­dem muß­te ihm Oz­zy vor­sichts­hal­ber ein Hals­band be­sor­gen, und…

Plötz­lich wur­de ihm klar, was ge­sche­hen war. Vier Ku­geln hat­ten ihn ge­trof­fen, da­von drei in den Bauch, und er war völ­lig un­ver­letzt! Das Le­ben als Wer­wolf hat­te ei­ni­ge be­acht­li­che Vor­tei­le zu bie­ten. Was könn­te ein Ver­bre­cher nicht al­les un­ter­neh­men, wenn er sich ku­gel­fest wüß­te! Oder – nein. Er war nur zum Spaß ein Wer­wolf ge­wor­den, und so soll­te es blei­ben.

Aber selbst für einen Wer­wolf ist es er­mü­dend, wenn auf ihn ge­schos­sen wird. Der ma­gi­sche und so­for­ti­ge Ver­schluß der Wun­den ver­braucht viel Ener­gie. Als Wolfe Wolf in den Frie­den und in die Ru­he der Wäl­der auf den Hü­geln ein­tauch­te, war je­der Über­mut ver­schwun­den. Er streck­te sich lang aus, ver­grub sei­nen Kopf zwi­schen den Vor­der­pfo­ten und schlief ein.

»Die Es­senz al­ler Ma­gie«, sag­te He­lio­phag von Smyr­na, »ist Täu­schung. Hier­von gibt es zwei Sor­ten. Durch Ma­gie täuscht der Zau­be­rer an­de­re; aber die Ma­gie täuscht den Zau­be­rer selbst.«

Bis jetzt hat­te sich Wolfe Wolfs ly­kan­thro­per Zau­ber als recht er­freu­lich er­wie­sen, doch jetzt kam die an­de­re Sei­te zum Vor­schein. Der ers­te Be­weis da­für war, daß er ein­sch­lief.

Er wach­te ver­wirrt wie­der auf. Sei­ne Träu­me wa­ren höchst mensch­lich ge­we­sen – er hat­te von Glo­ria ge­träumt –, ob­wohl er ei­ne an­de­re Ge­stalt hat­te, und er brauch­te Mi­nu­ten, bis er re­kon­stru­iert hat­te, wie­so er in die­ser Ge­stalt steck­te. Einen Mo­ment lang er­schi­en ihm der Traum, in dem er mit Glo­ria Blau­beer­waf­feln ge­ges­sen hat­te, wäh­rend sie auf der Berg- und Tal-Bahn fuh­ren, viel nor­ma­ler als die Wirk­lich­keit.

Aber er fand sich rasch wie­der zu­recht und blick­te zum Him­mel em­por. Die Son­ne schi­en schon vor ei­ner Stun­de auf­ge­gan­gen zu sein, es war al­so zwi­schen sechs und sie­ben Uhr. Heu­te war Don­ners­tag, da hat­te er um acht Uhr ei­ne Vor­le­sung. Es war al­so noch ge­nug Zeit, um sich zu­rück­zu­ver­wan­deln, zum Ra­sie­ren, An­zie­hen, Früh­stücken und das nor­ma­le Le­ben des Pro­fes­sors Wolf wie­der­auf­zu­neh­men, was ja im­mer­hin wich­tig war, wenn er ei­ne Frau er­näh­ren woll­te.

Wäh­rend er durch die Stra­ßen trab­te, ver­such­te er so zahm und un­wolf­mä­ßig wie mög­lich aus­zu­se­hen, und an­schei­nend ge­lang ihm das auch. Nie­mand be­ach­te­te ihn, au­ßer ei­ni­gen Kin­dern, die mit ihm spie­len woll­ten, und ein paar Hun­den, die ihn erst gif­tig an­knurr­ten und dann da­v­on­sch­li­chen. Sei­ne Freun­din, die Kat­ze, moch­te Wer­wöl­fen ge­gen­über to­le­rant sein, aber die Hun­de wa­ren es nicht.

Zu­ver­sicht­lich lief er die Stu­fen zum Ber­ke­ley Inn em­por. Der Por­tier war durch einen klei­nen Zau­ber un­schäd­lich ge­macht und wür­de kei­nen Wolf se­hen. Er brauch­te nur Oz­zy auf­zu­we­cken, da­mit er Abs­ar­ka sag­te, und …

»He! Wo willst du hin! Scher dich ‘raus, aber dal­li!«

Es war der Por­tier, ein kräf­ti­ger jun­ger Bur­sche, der am Fuß der Trep­pe stand und ihn weg­scheuch­te.

»Hier dür­fen kei­ne Hun­de ‘rein! Los, ver­duf­te!«

Ganz of­fen­sicht­lich stand die­ser Mann nicht un­ter ei­nem Zau­ber, und eben­so of­fen­sicht­lich gab es kei­ne Mög­lich­keit, an ihm vor­bei­zu­kom­men, es sei denn, er wür­de ihn mit wöl­fi­scher Kraft in Stücke rei­ßen. Ei­ne Se­kun­de lang zö­ger­te Wolf. Er muß­te sich zu­rück­ver­wan­deln. Wenn er nur nicht so lan­ge ge­schla­fen hät­te und hier­her ge­kom­men wä­re, ehe die­ser un­ver­zau­ber­te Por­tier sei­nen Dienst an­trat – aber was sein muß­te, muß­te …

Dann fiel ihm die Lö­sung sei­nes Pro­blems ein. Wolf wand­te sich um und lief weg, ge­ra­de als der Por­tier einen Aschen­be­cher nach ihm warf. Ku­geln mö­gen ja re­la­tiv schmerz­los sein, aber selbst der Hin­ter­teil ei­nes Wer­wolfs war, wie er so­eben er­fuhr, nicht un­emp­find­lich ge­gen Glas­ge­schos­se.

Die Lö­sung war nar­ren­si­cher. Der Nach­teil war, daß er ei­ne Stun­de war­ten muß­te, und er hat­te Hun­ger. Er er­tapp­te sich da­bei, wie er in­ter­es­siert ein fet­tes Ba­by in ei­nem Kin­der­wa­gen be­äug­te. Ei­ne an­de­re Ge­stalt hat an­de­re Ge­lüs­te im Ge­fol­ge. Er konn­te ver­ste­hen, wie ein ur­sprüng­lich wohl­ge­sinn­ter Wer­wolf zum Un­ge­heu­er wer­den konn­te. Aber er hat­te einen stär­ke­ren Wil­len und war viel klü­ger. Sein Ma­gen konn­te war­ten, bis er sei­nen Plan in die Tat um­ge­setzt hat­te.

Der Pfört­ner hat­te schon die Ein­gangs­tür zum In­sti­tut auf­ge­schlos­sen, aber noch war nie­mand im Ge­bäu­de. Wolf er­reich­te un­be­merkt den zwei­ten Stock, wo sein Hör­saal lag. Es war schon et­was schwie­ri­ger, die Krei­de zwi­schen den Zäh­nen zu hal­ten, da der fei­ne Staub ihn würg­te. Aber er schaff­te es, in­dem er sei­ne Vor­der­pfo­ten auf den Schwamm­hal­ter stütz­te. Dann muß­te er drei­mal hoch­sprin­gen, bis er den Zu­g­ring der Roll­ta­fel er­wi­scht hat­te, aber als das auch ge­schafft war, brauch­te er nur noch un­ter den Schreib­tisch zu krie­chen und zu hof­fen, daß er in­zwi­schen nicht ver­hun­gern wür­de.

Als sich die Stu­den­ten des Deutsch­kur­ses 31 B zö­gernd zur Acht-Uhr-Vor­le­sung ein­fan­den, wa­ren sie über­rascht, ei­ne Ta­fel vor­zu­fin­den, auf wel­cher der Ein­fluß des Gold­stan­dards auf die Welt­wirt­schaft dar­ge­stellt war, aber sie nah­men an, daß der In­sti­tuts­die­ner es über­se­hen ha­be, und belie­ßen es da­bei.

Der Wolf un­ter dem Schreib­tisch be­lausch­te un­be­merkt die Un­ter­hal­tun­gen, hör­te, wie die hüb­sche Blon­di­ne in der ers­ten Rei­he sich mit drei ver­schie­de­nen Män­nern für ein und den­sel­ben Abend ver­ab­re­de­te, und ent­schied schließ­lich, daß sich für das Ge­lin­gen sei­nes Plans jetzt ge­nug Stu­den­ten ein­ge­fun­den hat­ten. Er rutsch­te so weit her­vor, daß er den Zu­g­ring fas­sen konn­te, ruck­te ein­mal dar­an und ließ los.

Die Ta­fel roll­te mit Ge­tö­se nach oben. Die Stu­den­ten hör­ten im Schwat­zen auf, sa­hen auf die Ta­fel und er­blick­ten in großen wack­li­gen Buch­sta­ben das mys­te­ri­öse Wort

 

ABS­AR­KA.

 

Es funk­tio­nier­te. Wenn ge­nü­gend Leu­te ver­sam­melt wa­ren, konn­te man mit an Si­cher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit da­mit rech­nen, daß ir­gend je­mand das ge­heim­nis­vol­le Wort laut aus­sprach. Es war die viel­be­gehr­te Blon­di­ne, die es tat.

»Abs­ar­ka«, sag­te sie ver­wun­dert.

Und da stand Pro­fes­sor Wolfe Wolf und lä­chel­te sei­ne Klas­se freund­lich an.

Der ein­zi­ge Schön­heits­feh­ler war nur: Sein An­zug lag im Ber­ke­ley-Ho­tel, und er stand split­ter­nackt auf dem Po­di­um. Zwei sei­ner bes­ten Stu­den­tin­nen kreisch­ten auf, ei­ne fiel in Ohn­macht. Die Blon­di­ne ki­cher­te an­er­ken­nend.

Emi­ly konn­te es kaum glau­ben und be­mit­lei­de­te ihn.

Pro­fes­sor Fea­ring war mit­füh­lend, aber re­ser­viert.

Der In­sti­tuts­di­rek­tor war kühl.

Der De­kan der phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät war fros­tig.

Der Rek­tor der Uni­ver­si­tät war ei­sig.

Wolfe Wolf war ar­beits­los.

Und He­lio­phag von Smyr­na hat­te recht. »Die Es­senz der Ma­gie ist Täu­schung.«

 

»Aber was soll ich tun?« klag­te Wolf in sein Zom­bie-Glas hin­ein. »Ich bin ver­ra­ten und ver­kauft. Glo­ria kommt mor­gen nach Ber­ke­ley, und was bin ich? Ein Nichts. Nur ein nutz­lo­ser, wert­lo­ser Wer­wolf. Da­mit kann man kei­ne Frau er­näh­ren. Oder ei­ne Fa­mi­lie. Man kann – man kann nicht mal einen Hei­rats­an­trag ma­chen. – Ich will noch einen. Wol­len Sie nicht doch noch einen?«

Ozy­man­di­as der Große schüt­tel­te sein run­des, bär­ti­ges Haupt. »Das letz­te­mal, als ich zwei Drinks hat­te, fing die gan­ze Ge­schich­te an. Es ist bes­ser, wenn ich mich be­herr­sche. Aber, Kol­le­ge, Sie sind ein ge­sun­der, kräf­ti­ger, jun­ger Mann. Es soll­te Ih­nen doch ge­lin­gen, ir­gend­wo Ar­beit zu fin­den.«

»Wo? Ich bin nur für ei­ne Uni­ver­si­täts­lauf­bahn aus­ge­bil­det, und da­mit ist es nach dem letz­ten Skan­dal end­gül­tig aus. Wel­che Uni­ver­si­tät wür­de je­man­den neh­men, der nackt im Hör­saal er­scheint und sich noch nicht ein­mal mit Voll­trun­ken­heit ent­schul­di­gen kann? Und wenn ich mich nach ei­ner an­de­ren Stel­lung um­se­he, muß ich Re­fe­ren­zen an­ge­ben und den Leu­ten er­zäh­len, was ich bis­her ge­macht ha­be. Wenn man dann nach­fragt … Oz­zy, ich bin ein ver­lo­re­ner Mann.«

»Nur nicht ver­zwei­feln, Kol­le­ge. Ich ha­be die Er­fah­rung ge­macht, daß man durch Zau­be­rei in schlim­me Si­tua­tio­nen ge­ra­ten kann, daß es aber im­mer einen Aus­weg gibt. Wenn ich an den Abend in Dar­jee­ling den­ke …«

»Aber was kann ich tun? Ich wer­de wie Kon­fu­zi­us, der Wer-Chow-Chow, en­den und von Al­mo­sen le­ben müs­sen, falls Sie je­man­den aus­fin­dig ma­chen kön­nen, der einen Wer­wolf als Haus­tier ha­ben will.«

»Die Idee ist gar nicht so übel«, sag­te Ozy­man­di­as be­däch­tig.

»Ach, Un­sinn! Das soll­te nur ein Witz sein. Zu­min­dest kann ich mei­ne Selbst­ach­tung be­wah­ren, selbst wenn ich Wohl­fahrts­emp­fän­ger wer­de. Und ich möch­te wet­ten, daß auch die Wohl­fahrts­be­hör­den nack­te Män­ner nicht son­der­lich mö­gen.«

»Nein. Ich mein­te nicht, daß Sie als Haus­tier ge­hen soll­ten. Aber be­trach­ten Sie Ih­re La­ge mal von der Sei­te: Was sind Ih­re Ak­ti­va? Sie ha­ben nur zwei un­ge­wöhn­li­che Fä­hig­kei­ten: Sie kön­nen Deutsch, und das nützt Ih­nen nichts mehr.«

»Stimmt.«

»Ih­re zwei­te Be­ga­bung ist, daß Sie sich in einen Wer­wolf ver­wan­deln kön­nen. Gut. Es muß doch ei­ne Mög­lich­keit ge­ben, dar­aus Ka­pi­tal zu schla­gen. Wir wol­len mal nach­den­ken.«

»Un­sinn.«

»Nicht ganz. Für je­de Wa­re gibt es einen Markt. Man muß ihn nur fin­den. Und Sie, Kol­le­ge, wer­den der ers­te kom­mer­zi­el­le Wer­wolf der Ge­schich­te sein.«

»Ich könn­te … man sagt, daß Ri­pleys Ku­rio­si­tä­ten­ka­bi­nett gu­te Ga­gen zahlt. Soll ich mich sechs­mal pro Tag zum Ent­zücken des Pu­bli­kums ver­wan­deln?«

Ozy­man­di­as schüt­tel­te be­dau­ernd den Kopf. »Nein, das wä­re nichts. Die Leu­te wol­len kei­ne ech­te Zau­be­rei. Das gibt ih­nen ein un­be­hag­li­ches Ge­fühl, sie fan­gen an, sich zu fra­gen, was es sonst noch Rät­sel­haf­tes auf der Welt gibt. Sie wol­len ganz si­cher sein, daß das Gan­ze nur ein Trick ist. Ich spre­che aus Er­fah­rung. Ich muß­te aus dem Ge­schäft aus­stei­gen, weil ich für Ta­schen­spie­le­rei­en un­ge­eig­net bin. Ich konn­te nur ech­te Ma­gie bie­ten.«

»Wie wä­re es mit Blin­den­hund?«

»Da­für kom­men nur Weib­chen in Fra­ge.«

»Wenn ich ver­wan­delt bin, ver­ste­he ich die Spra­che an­de­rer Tie­re. Viel­leicht könn­te ich Hun­de­trai­ner wer­den – nein, un­mög­lich. Hun­de fürch­ten sich vor mir zu To­de.«

Aber Ozy­man­di­as’ blaß­blaue Au­gen leuch­te­ten auf. »Kol­le­ge, Sie sind auf der rich­ti­gen Spur! Warum kommt Ih­re fa­bu­lö­se Glo­ria nach Ber­ke­ley?«

»Pu­bli­ci­ty für ei­ne Tal­ent­su­che.«

»Wo­für?«

»Für einen Hund, der die Hauptrol­le in ›Fän­ge der Wild­nis‹ spie­len soll.«

»Und was für ein Hund soll das sein?«

Wolfs Au­gen wur­den rund, und sein Un­ter­kie­fer klapp­te nach un­ten. »Ein Wolf«, sag­te er lei­se.

Und die bei­den Män­ner sa­hen sich schwei­gend in die Au­gen.

»Das ist nur die Schuld von die­sem Hund, den Dis­ney er­fun­den hat«, klag­te der Trai­ner. »Plu­to kann al­les. Rein­weg al­les. Al­so müs­sen auch un­se­re ar­men Kö­ter al­les kön­nen. Hö­ren Sie sich nur die­sen Schwach­kopf an: ›Der Hund soll ins Zim­mer kom­men, dem Ba­by die Pfo­te ge­ben, an­deu­ten, daß er den Hel­den trotz sei­ner Ver­klei­dung als Es­ki­mo er­kannt hat, zum Tisch ge­hen, den Kno­chen fin­den und freu­dig mit den Pfo­ten klat­schen!‹ Wer, um al­les in der Welt, kann ei­nem Hund die­se Si­gna­le ein­trich­tern?«

Glo­ria Gar­ton sag­te: »Oh!« Es ge­lang ihr, mit die­sem einen Laut ihr tie­fes Mit­ge­fühl aus­zu­drücken, daß der Trai­ner ein gut­aus­se­hen­der jun­ger Mann sei, den sie ger­ne wie­der­se­hen wür­de, und daß kein Hun­de­st­ar ihr die Schau steh­len wür­de. Sie zupf­te ih­ren Rock zu­recht, lehn­te sich zu­rück und ver­lieh dem ein­fa­chen Holz­stuhl auf der Pro­be­büh­ne das Aus­se­hen ei­nes Kö­nigs­thro­nes.

»Dan­ke.« Der Mann mit der li­la Bas­ken­müt­ze we­del­te den letz­ten er­folg­lo­sen Be­wer­ber weg und las von ei­ner Kar­te: »Hund: Wop­sie. Be­sit­zer: Mrs. Chan­ning Gal­braith. Trai­ner: Lu­ther Ne­w­by. Brin­gen Sie ihn ‘rein.«

Ein As­sis­tent saus­te hin­ter die Büh­ne, und durch ei­ne of­fe­ne Tür war ängst­li­ches Jau­len und Win­seln zu hö­ren.

»Was ist mit den Hun­den los?« frag­te der Mann mit der li­la Bas­ken­müt­ze. »Die schei­nen sich ja zu To­de zu ängs­ti­gen.«

»Ich glau­be«, sag­te Fer­gus O’Breen, »das liegt an dem großen grau­en Wolf. Die an­de­ren schei­nen ihn nicht zu mö­gen.«

Glo­ria Gar­ton senk­te die pur­pur ge­schmink­ten Au­gen­li­der und warf dem jun­gen Mann einen Blick zu, der ih­ren Ver­dacht aus­drücken soll­te. An sich war es nicht merk­wür­dig, daß er hier war. Sei­ne Schwes­ter war Chefin der Pu­bli­ci­ty-Ab­tei­lung von Me­tro­po­lis, und er hat­te ei­ni­ge ver­trau­li­che Un­ter­su­chun­gen für das Stu­dio durch­ge­führt, ein­mal so­gar für sie selbst, als ihr Chauf­feur sie er­pres­sen woll­te. Fer­gus O’Breen ge­hör­te da­zu; trotz­dem stör­te sie et­was an sei­ner Ge­gen­wart.

Der As­sis­tent brach­te Mrs. Gal­braiths Wop­sie her­ein. Der Mann mit der li­la Bas­ken­müt­ze warf einen Blick dar­auf und tat einen Schrei, der von den Wän­den hal­lend zu­rück­ge­wor­fen wur­de. End­lich konn­te er spre­chen. »Ein Wolf! Too­kah ist die groß­ar­tigs­te Rol­le, die je für einen Wolf ge­schrie­ben wur­de! Und was bringt man uns? Einen Ter­ri­er!«

»Aber wenn Sie uns nur ei­ne Pro­be …«, woll­te Wop­sies schlan­ker jun­ger Trai­ner pro­tes­tie­ren.

»Raus!« kreisch­te der Mann mit der li­la Bas­ken­müt­ze. »Raus, ehe ich die Be­herr­schung ver­lie­re!«

Wop­sie und ihr Trai­ner schli­chen hin­aus.

»In El Pa­so«, la­men­tier­te der Be­set­zungs­chef, »brach­te man mir einen haar­lo­sen Me­xi­ka­ner. In St. Louis war es ein Pe­ki­ne­se!« Er nahm die nächs­te Kar­te und las: »Hund: Yog­goth. Be­sit­zer und Trai­ner: Mr. O. Z. Man­ders. Her­ein da­mit.«

Das Win­seln hin­ter der Büh­ne erstarb, als Yog­goth her­ein­ge­führt wur­de. Der Mann mit der li­la Bas­ken­müt­ze warf dem bär­ti­gen Be­sit­zer und Trai­ner kaum einen Blick zu. Er sah nur den pracht­vol­len grau­en Wolf. »Wenn du nur spie­len könn­test…«, be­te­te er mit der In­brunst, mit der so man­cher Mann schon ge­dacht hat­te: »Wenn du nur ko­chen könn­test…«

Er schob die Bas­ken­müt­ze noch schie­fer und schnapp­te: »Al­so, Mr. Man­ders. Der Hund soll ins Zim­mer kom­men, dem Ba­by ei­ne Pfo­te ge­ben, an­deu­ten, daß er den Hel­den trotz der Ver­klei­dung als Es­ki­mo er­kannt hat, zum Tisch ge­hen, den Kno­chen fin­den und freu­dig die Pfo­ten zu­sam­menschla­gen. Ba­by hier, hier, hier, Ba­by hier. Ver­stan­den?«

Mr. Man­ders sah sei­nen Wolf an und wie­der­hol­te: »Ver­stan­den?« Yog­goth we­del­te mit dem Schwanz.

»Gut, Kol­le­ge«, sag­te Mr. Man­ders. »Dann tu’s.« Yog­goth tat es.

Die li­la Bas­ken­müt­ze se­gel­te durch die Luft, ge­tra­gen von den Schall­wel­len der Freu­den­schreie ih­res Be­sit­zers. »Er kann’s!« gur­gel­te er glück­se­lig. »Er kann’s!«

»Na­tür­lich, Kol­le­gen«, sag­te Mr. Man­ders ru­hig.

Der Plu­to-has­sen­de Trai­ner er­starr­te. Fer­gus O’Breen war sprach­los vor Stau­nen. Selbst Glo­ria Gar­tons kö­nig­li­che Mie­ne drück­te Er­stau­nen und In­ter­es­se aus.

»Wol­len Sie da­mit sa­gen, daß er al­les kann?« quiek­te der Ex­be­sit­zer der li­la Bas­ken­müt­ze.

»Al­les«, be­stä­tig­te Mr. Man­ders.

»Kann er – wie ist das gleich in der Sze­ne im Tanz­pa­last – kann er einen Mann um­wer­fen, ihn auf den Bauch rol­len und sei­ne Hüft­ta­sche durch­su­chen?«

Noch ehe Mr. Man­ders sa­gen konn­te: »Na­tür­lich!«, hat­te Yog­goth sein Kön­nen un­ter Be­weis ge­stellt, wo­bei er sich Fer­gus O’Breens als ge­eig­ne­ten Ob­jekts be­dien­te.

»Oh, köst­li­cher Frie­de«, schnauf­te der Be­set­zungs­chef. »Char­ley! Schick al­le weg! Kei­ne wei­te­ren Be­wer­ber! Wir ha­ben Too­kah ge­fun­den! Ach, es ist zu schön!«

Der Trai­ner wand­te sich an Mr. Man­ders. »Es ist mehr als nur das, Sir. Ei­ne über­mensch­li­che Leis­tung! Ich kann be­schwö­ren, daß ich nicht das kleins­te Zei­chen be­merkt ha­be, und das bei so kom­pli­zier­ten Hand­lun­gen! Sa­gen Sie, Mr. Man­ders, nach wel­chem Sys­tem ar­bei­ten Sie?«

Mr. Man­ders räus­per­te sich. »Be­rufs­ge­heim­nis, jun­ger Mann. Ich ha­be vor, spä­ter ei­ne Dres­sur­schu­le zu er­öff­nen, aber bis da­hin … Sie ver­ste­hen …«

»Na­tür­lich, Sir, ich ver­ste­he. Aber so et­was ha­be ich noch nie im Le­ben ge­se­hen.«

»Ge­stat­ten Sie mir ei­ne Fra­ge«, kam Fer­gus O’Breens Stim­me vom Fuß­bo­den her. »Kann ihr Wun­der­hund auch wie­der von mir ab­las­sen?«

Mr. Man­ders un­ter­drück­te ein Grin­sen. »Na­tür­lich. Yog­goth!«

Fer­gus stand auf und klopf­te den Büh­nen­staub von sei­ner Ho­se. »Ich könn­te schwö­ren«, knurr­te er, »daß die­ses Biest es ge­nos­sen hat.«

»Ich hof­fe. Sie sind nicht be­lei­digt, Mis­ter …«

»O’Breen. Nicht im min­des­ten. Ich schla­ge so­gar vor, daß wir die­ses Er­eig­nis ge­büh­rend fei­ern. Da ich weiß, daß man so na­he dem Uni­ver­si­täts­ge­län­de kei­nen Al­ko­hol be­kom­men kann, ha­be ich vor­sichts­hal­ber ei­ne Fla­sche mit­ge­bracht.«

»Oh«, sag­te Glo­ria Gar­ton und drück­te da­mit aus, daß Sauf­ge­la­ge für ge­wöhn­lich un­ter ih­rer Wür­de wa­ren, daß dies je­doch ei­ne be­son­de­re Ge­le­gen­heit sei, und daß viel­leicht doch ei­ni­ges zu­guns­ten des grün­äu­gi­gen De­tek­tivs ge­sagt wer­den kön­ne.

Das ging al­les viel zu glatt, dach­te Wolf-Yog­goth. Ir­gend­wo muß­te ei­ne Fal­le sein. Si­cher­lich war dies die idea­le Ge­le­gen­heit, sich als Wer­wolf sein Geld zu ver­die­nen. Ein schö­ner Kör­per, der die mensch­li­che Spra­che ver­ste­hen und An­wei­sun­gen aus­füh­ren kann, ist im­mer die Ant­wort auf das Ge­bet ei­nes je­den Re­gis­seurs. So­lan­ge es gut­ging, war es ein per­fek­tes Ar­ran­ge­ment. Und wenn ›Fän­ge der Wild­nis‹ ein Kas­sen­schla­ger wur­de, dann folg­ten si­cher wei­te­re Yog­goth-Fil­me nach. So war es auch mit Rin-Tin-Tin ge­we­sen.

An sei­ne Oh­ren drang ein ver­trau­tes »Oh!«, und er wand­te sei­ne Auf­merk­sam­keit Glo­ria zu. Die­ses ›Oh‹ hieß, daß sie ei­gent­lich nichts mehr trin­ken soll­te, daß Al­ko­hol ihr aber nichts aus­mach­te und dies ein be­son­de­rer An­laß sei, und da­her wür­de sie noch einen Drink neh­men.

Sie war noch schö­ner, als er sie in Er­in­ne­rung ge­habt hat­te. Sie trug ihr gol­de­nes Haar jetzt schul­ter­lang, und es fiel in so schö­nen Wel­len, daß er sich be­herr­schen muß­te, um es nicht mit ei­ner Pfo­te zu be­rüh­ren. Auch ihr Kör­per war ge­reift und sah viel ein­la­den­der und ver­hei­ßungs­vol­ler aus als frü­her. Und in sei­ner neu­en Ge­stalt ent­deck­te er, daß ih­re stärks­te At­trak­ti­on, die er als Mensch nicht hat­te ge­büh­rend wür­di­gen kön­nen, der be­tö­ren­de, be­rau­schen­de Duft ih­res Kör­pers war.

»Auf ›Fän­ge der Wild­nis‹!« sag­te Fer­gus O’Breen. »Und mö­ge dem hüb­schen Jün­gel­chen, das den Hel­den mimt, üb­ler mit­ge­spielt wer­den als vor­hin mir.«

Wolf-Yog­goth grins­te in sich hin­ein. Das hat­te ihm Spaß ge­macht. Und dem De­tek­tiv wür­de es ei­ne Leh­re sein, nicht in frem­den Ho­tel­zim­mern her­um­zu­schnüf­feln.

»Warum soll­ten wir über dem Fei­ern un­se­ren Star ver­nach­läs­si­gen?« sag­te Ozy­man­di­as der Große. »Hier, Yog­goth.« Er hielt ihm die Fla­sche hin.

»Er trinkt so­gar«, sag­te der Be­set­zungs­chef ent­zückt.

»Na­tür­lich. Schon als er ganz jung war.«

Wolf nahm einen tie­fen Schluck. Das tat gut – warm und be­rau­schend, ganz wie Glo­ri­as Ge­ruch.

»Wie steht’s mit Ih­nen, Mr. Man­ders?« frag­te der De­tek­tiv zum fünf­ten­mal. »Es ist doch Ih­re Fei­er. Das ar­me Vieh wird ja die vier­stel­li­gen Schecks von Me­tro­po­lis nicht be­kom­men. Sie hat­ten erst einen ein­zi­gen Drink.«

»Mehr trin­ke ich nicht, Kol­le­ge. Ich weiß, wie­viel ich ver­tra­gen kann. Wenn ich zwei Drinks ha­be, dann pas­siert im­mer was.«

»Kann mehr pas­sie­ren als die Dres­sur von Wun­der­hun­den? Los, O’Breen. Gie­ßen Sie ihm ein. Wir wol­len se­hen, was dann pas­siert.«

Fer­gus stärk­te sich reich­lich. »Trin­ken Sie. Ich ha­be noch ei­ne Fla­sche im Wa­gen, und ich ha­be schon ge­nug in­tus, um fest ent­schlos­sen zu sein, die­sen Raum nicht nüch­tern zu ver­las­sen. Und ich will auch nicht, daß mei­ne Um­ge­bung nüch­tern ist.« In sei­nen grü­nen Au­gen flamm­te es wild.

»Nein, dan­ke, Kol­le­ge.«

Glo­ria Gar­ton er­hob sich von ih­rem Thron, schritt zu dem mol­li­gen klei­nen Mann hin­über und blieb dicht ne­ben ihm ste­hen, ei­ne Hand auf sei­nen Arm ge­legt. »Oh«, sag­te sie und drück­te da­mit aus, daß Hun­de zwar Hun­de sei­en, die­se Par­ty je­doch ihr zu Eh­ren statt­fän­de und sie sei­ne Wei­ge­rung als per­sön­li­che Be­lei­di­gung be­trach­ten wür­de.

Ozy­man­di­as der Große sah Glo­ria an, seufz­te, zuck­te mit den Schul­tern, er­gab sich in sein Schick­sal und trank.

»Ha­ben Sie schon vie­le Hun­de ab­ge­rich­tet?« frag­te der Be­set­zungs­chef.

»Nein, Kol­le­ge. Das ist mein ers­ter.«

»Dann ist es ja noch er­staun­li­cher. Wel­chen Be­ruf üben Sie sonst aus?«

»Ich bin ein Zau­be­rer.«

»Oh«, sag­te Glo­ria Gar­ton, was ihr Ent­zücken aus­drücken soll­te.

Sie ging so­gar so weit, daß sie sag­te: »Ich ha­be einen Freund, der die schwar­ze Kunst aus­übt.«

»Ich fürch­te, Ma­dam, daß mei­ne weiß ist. Das ist schon schwie­rig ge­nug. Die schwar­ze Kunst birgt ech­te Ge­fah­ren in sich.«

»Mo­ment mal!« schal­te­te sich Fer­gus ein. »Sie mei­nen, Sie sind ein rich­ti­ger Zau­be­rer? Nicht bloß ein Pres­ti… Ta­schen­spie­ler?«

»Na­tür­lich, Kol­le­ge.«

»Fei­ne Sa­che«, sag­te der Be­set­zungs­chef. »Man muß nur die Spie­gel gut ver­ber­gen.«

»Ja«, sag­te Fer­gus. »Aber was kön­nen Sie zum Bei­spiel zau­bern, Mr. Man­ders?«

»Nun, ich ver­wand­le …«

Hier bell­te Yog­goth laut.

»O nein«, sag­te Ozy­man­di­as has­tig, »das wür­de wohl doch mei­ne Kräf­te über­stei­gen. Aber ich kann …«

»Be­herr­schen Sie den in­di­schen Seil­trick?« frag­te Glo­ria trä­ge. »Mein Freund sagt, das sei furcht­bar schwie­rig.«

»Schwie­rig? Kei­ne Spur, Ma­dam. Ich er­in­ne­re mich an den Abend in Dar­jee­ling …«

Fer­gus nahm er­neut einen großen Schluck. »Ich«, ver­kün­de­te er bo­ckig, »will den in­di­schen Seil­trick se­hen. Ich ken­ne Leu­te, die Leu­te ken­nen, die Leu­te ken­nen, die es ge­se­hen ha­ben, und nä­her bin ich nie her­an­ge­kom­men. Und ich glau­be es nicht.«

»Aber, Kol­le­ge, es ist ganz ein­fach.«

»Ich glaub’s nicht.«

Ozy­man­di­as der Große rich­te­te sich zu sei­ner gan­zen nicht vor­han­de­nen Län­ge auf. »Kol­le­ge, dann wer­de ich Sie ei­nes Bes­se­ren be­leh­ren.« Yog­goth zupf­te war­nend sei­ne Rock­schö­ße. »Laß mich in Ru­he, Wolf. Man will mich ver­leum­den.«

Fer­gus brach­te ein Stück Seil her­bei. »Ist das ge­eig­net?«

»Bes­tens.«

»Was geht hier vor?« woll­te der Be­set­zungs­chef wis­sen.

»Sch!« sag­te Glo­ria. »Oh …«

Sie strahl­te Ozy­man­di­as hin­ge­ris­sen an, dem die Brust so schwoll, daß die Knöp­fe fast ab­spran­gen. »Mei­ne Da­men und Her­ren!« ver­kün­de­te er mit Don­ner­stim­me. »Sie se­hen jetzt Ozy­man­di­as den Großen und – den in­di­schen Seil­trick! Lei­der ha­be ich kei­nen klei­nen Jun­gen hier«, füg­te er ernst­haft hin­zu, »den ich in Stück­chen zer­schnei­den kann, es sei denn, daß viel­leicht ei­ner von Ih­nen – nein? Gut, dann ver­su­chen wir es so. Ist aber nicht so ein­drucks­voll. Willst du viel­leicht mit der Kläf­fe­rei auf­hö­ren, Wolf?«

»Ich dach­te, er heißt Yo­gi«, sag­te Fer­gus.

»Yog­goth. Da er aber müt­ter­li­cher­seits ein Wolf ist … Ru­he jetzt!«

Wäh­rend er sprach, hat­te er das Seil auf­ge­rollt. Jetzt leg­te er die Seil­rol­le in die Mit­te der Büh­ne, wo sie wie ei­ne an­griffs­lus­ti­ge Klap­per­schlan­ge aus­sah. Er stell­te sich da­ne­ben und mur­mel­te rou­ti­niert und so ra­send schnell sei­ne Be­schwö­run­gen und be­weg­te sich da­bei so rasch, daß selbst Wolf-Yog­goths über­mensch­lich schar­fe Sin­ne ihm nicht fol­gen konn­ten.

Das En­de des Seils lös­te sich von der Rol­le, er­hob sich in die Luft, schwank­te ein paar­mal hin und her, als ob es sich über die Rich­tung ver­ge­wis­sern woll­te, und schoß dann wie ein Pfeil em­por, bis das Seil ab­ge­rollt war. Das un­te­re En­de schweb­te gut drei Zen­ti­me­ter über dem Fuß­bo­den.

Glo­ria keuch­te. Der Be­set­zungs­chef stürz­te sei­nen Drink hin­ter die Gur­gel. Fer­gus starr­te aus ir­gend­ei­nem Grund auf den Hund.

»Und nun, mei­ne Da­men und Her­ren – oh, ver­dammt, ich wünsch­te, ich hät­te einen Jun­gen zum Zer­schnei­den hier –, wird Ozy­man­di­as der Große das Seil hin­an­klet­tern in je­ne Ge­fil­de, die nur die Ein­ge­weih­ten ken­nen. Bin gleich wie­der zu­rück«, sag­te er be­ru­hi­gend zu Wolf.

Sei­ne mol­li­gen Hän­de grif­fen nach dem Seil und ruck­ten dar­an. Sei­ne Knie schwan­gen sich nach oben und klemm­ten sich um die han­fe­ne Säu­le. Und wei­ter ging’s nach oben, wie ein Af­fe an ei­ner Stan­ge, auf­wärts, auf­wärts, im­mer wei­ter …

… bis er plötz­lich ver­schwun­den war.

Ein­fach ver­schwun­den. Glo­ria konn­te nicht mal mehr ›Oh!‹ sa­gen. Der Be­set­zungs­chef setz­te sich mit sei­nen schö­nen Fla­nell­ho­sen auf den dre­cki­gen Büh­nen­bo­den und starr­te of­fe­nen Mun­des.

Fer­gus fluch­te lei­se und me­lo­disch. Und Wolf lief pri­ckelnd ei­ne bö­se Vor­ah­nung die Wir­bel­säu­le ent­lang.

Die Tür zum Büh­nen­raum öff­ne­te sich, und zwei Män­ner in Ar­beits­klei­dung ka­men her­ein. »He!« sag­te der ers­te. »Was ma­chen Sie denn hier?«

»Wir kom­men von der Me­tro­po­lis-Film«, be­gann der Be­set­zungs­chef zu er­klä­ren, in­dem er auf die Fü­ße kam.

»Und wenn Sie aus Wa­shing­ton sind, wir müs­sen al­les ab­räu­men. Heu­te abend ist hier Film­vor­füh­rung. Los, Joe, hilf mir, sie ‘raus­zu­schmei­ßen. Und die Töle auch.«

»Das geht nicht, Fred«, sag­te Joe ehr­furchts­voll und deu­te­te auf Glo­ria. Sei­ne Stim­me sank zu ei­nem scheu­en Flüs­tern her­ab. »Das ist Glo­ria Gar­ton…«

»Tat­säch­lich. Hal­lo, Miß Gar­ton, Ihr letz­ter Film war ein fei­ner Schmacht­fet­zen!«

»Ih­re Ver­eh­rer, Teu­ers­te«, mur­mel­te Fer­gus.

»Los!« schrie Fred. »Al­les ‘raus! Wir müs­sen sau­ber­ma­chen. Und du, Joe, nimm das Seil weg!«

Ehe Fer­gus ei­ne Be­we­gung ma­chen konn­te, ehe Wolf zu ei­nem ret­ten­den Sprung an­set­zen konn­te, hat­te der flin­ke Büh­nen­ar­bei­ter das Seil ge­grif­fen und roll­te es auf.

Wolf starr­te nach oben. Nichts war dort. Gar nichts. Ir­gend­wo über dem Sei­len­de war der ein­zi­ge Mensch auf Er­den, von dem er mit ab­so­lu­ter Si­cher­heit wuß­te, daß er für ihn Abs­ar­ka sa­gen wür­de; und die­sem Men­schen war jetzt für im­mer der Rück­weg ab­ge­schnit­ten.

 

Wolfe Wolf rä­kel­te sich auf dem Fuß­bo­den von Glo­ri­as Bou­doir und sah zu, wie die Di­va ihr ver­füh­re­rischs­tes Ne­gli­ge über­warf.

So war es schön. Das war die Er­fül­lung sei­ner Träu­me. Der ein­zi­ge Schön­heits­feh­ler war, daß er noch in der Wolfs­ge­stalt steck­te.

Glo­ria wand­te sich um, beug­te sich her­un­ter und kraul­te ihn un­ter der Schnau­ze. »Bist ein schlau­es Hun­di­lein, was?«

Wolf konn­te ein Knur­ren nicht un­ter­drücken.

»Magst du die klei­ne Glo­ria nicht? Bö­ses Hun­di­lein.«

Das war schlim­mer als je­de Fol­ter. Hier war er, im Schlaf­zim­mer sei­ner An­ge­be­te­ten, all ih­re Rei­ze la­gen un­ver­hüllt vor sei­nen Au­gen, und dann sag­te sie Hun­di­lein! Wolf war zu­erst glück­lich ge­we­sen, als Glo­ria sich an­bot, für ih­ren Film­part­ner zu sor­gen, bis sein Trai­ner zu­rück­kam; denn nie­mand woll­te ein­ge­ste­hen, daß Mr. O. Z. Man­ders wirk­lich und wahr­haf­tig ver­schwun­den sei. Doch jetzt wur­de ihm lang­sam klar, daß ihm die­se Si­tua­ti­on mehr Pein als Ver­gnü­gen be­rei­ten könn­te.

»Wöl­fe sind ul­kig«, stell­te Glo­ria fest. Wenn sie al­lein war, war sie ge­sprä­chi­ger, da dann kei­ne Not­wen­dig­keit be­stand, ei­ne ge­heim­nis­vol­le Fas­zi­na­ti­on aus­zu­strah­len. »Ich kann­te mal einen Wolf, aber der hieß wirk­lich so. Er war ein Mann. Und ein höchst ko­mi­scher.«

Un­ter dem grau­en Pelz schlug Wolfs Herz schnel­ler. Sei­nen ei­ge­nen Na­men von Glo­ri­as war­men Lip­pen aus­ge­spro­chen zu hö­ren … Doch ehe sie fort­fah­ren konn­te, klopf­te die Zo­fe an die Tür.

»Ein Mr. O’Breen möch­te Sie spre­chen, Ma­dam.«

»Sa­gen Sie ihm, er soll wie­der ge­hen.«

»Er sagt, es sei wich­tig, und er sieht ganz so aus, als ob er ge­walt­tä­tig wer­den könn­te.«

»Na gut.« Glo­ria er­hob sich und zog das Ne­gli­ge sitt­sa­mer zu­sam­men. »Komm, Yog – nein, das ist ein al­ber­ner Na­me. Ich wer­de dich Wolfi nen­nen, das ist net­ter. Komm, Wolfi, und be­schüt­ze mich vor dem bö­sen großen De­tek­tiv.«

Fer­gus O’Breen schritt mit ei­ner ge­wis­sen bös­ar­ti­gen Be­stimmt­heit im Sa­lon auf und ab. Er hielt in­ne, als Glo­ria und der Hund her­ein­ka­men.

»Ach?« sag­te er. »Ver­stär­kung?«

»Brau­che ich die?« schnurr­te Glo­ria.

»Hö­ren Sie zu, mei­ne An­ge­be­te­te.« Die grü­nen Au­gen glit­zer­ten kalt und töd­lich. »Sie ha­ben ei­ni­ge Spiel­chen ge­spielt, und worum es auch ging – ei­nes wa­ren die­se Spiel­chen nicht: mo­ra­lisch.«

Glo­ria schenk­te ihm ein trä­ges Lä­cheln. »Sie sind äu­ßerst amüsant, Fer­gus.«

»Dan­ke. Das kann man von Ih­ren Ak­ti­vi­tä­ten wohl kaum sa­gen.«

»Sie sind im­mer noch ein klei­ner Jun­ge, der Räu­ber und Gen­darm spielt. Hin­ter wel­chem Phan­tom sind Sie jetzt her?«

»Ha, ha«, sag­te Fer­gus höf­lich. »Die Ant­wort auf die­se Fra­ge ist Ih­nen bes­ser be­kannt als mir. Des­halb bin ich hier.«

Wolf war ver­dutzt. Er ver­stand den Sinn die­ses Ge­sprächs zwar nicht, aber er spür­te die Span­nung, die in der Luft lag.

»Nur wei­ter«, schnapp­te Glo­ria un­ge­dul­dig. »Und ver­ges­sen Sie da­bei nicht, wie herz­lich die Me­tro­po­lis-Film sich bei Ih­nen da­für be­dan­ken wird, daß Sie einen ih­rer stärks­ten Kas­sen­ma­gne­ten ver­är­gert ha­ben.«

»Es gibt Din­ge, mei­ne Sü­ße, die wich­ti­ger sind als je­de Fil­me­rei, ob­gleich man dort, wo Sie her­kom­men, viel­leicht ge­gen­tei­li­ger Mei­nung ist. Ei­nes die­ser Din­ge ist ein Staats­ge­fü­ge, das Ver­ei­nig­te Staa­ten heißt. Ein an­de­res ist ei­ne ab­strak­te Dok­trin, die man De­mo­kra­tie nennt.«

»Und?«

»Und so will ich ei­ne Fra­ge an Sie rich­ten: Wes­halb sind Sie nach Ber­ke­ley ge­kom­men?«

»Aus Pu­bli­ci­ty-Grün­den na­tür­lich. Ih­re ei­ge­ne Schwes­ter hat sich das aus­ge­dacht.«

»Aber Sie sind ei­ne lau­ni­sche Di­va ge­wor­den und ha­ben bes­se­re Pro­jek­te ab­ge­lehnt. Warum grif­fen Sie jetzt so be­geis­tert zu?«

»Sie pfle­gen für ge­wöhn­lich nicht bei Pu­bli­ci­ty-Tou­ren zu er­schei­nen. Wes­halb sind Sie hier, Fer­gus?«

Fer­gus schritt wie­der auf und ab. »Und wes­halb ha­ben Sie so­fort nach Ih­rer An­kunft das ger­ma­nis­ti­sche In­sti­tut be­sucht?«

»Ist die Er­klä­rung da­für nicht ganz ein­fach? Ich ha­be hier mal stu­diert.«

»Ihr Haupt­fach war Thea­ter­wis­sen­schaft, und Sie sind nicht mal in die Nä­he vom Litt­le-Thea­ter ge­gan­gen. Warum das ger­ma­nis­ti­sche In­sti­tut?« Er blieb vor ihr ste­hen und fi­xier­te sie mit sei­nen grü­nen Au­gen.

Glo­ria nahm die Hal­tung ei­ner ge­fan­ge­nen Kö­ni­gin an, die ih­rem bar­ba­ri­schen Er­obe­rer die Stirn bie­tet. »Al­so gut. Wenn Sie es un­be­dingt wis­sen wol­len –, ich ging ins ger­ma­nis­ti­sche In­sti­tut, um den Mann zu be­su­chen, den ich lie­be.«

Wolf hielt den Atem an und be­müh­te sich, mit sei­nem Schwanz nicht zu we­deln.

»Ja«, fuhr sie lei­den­schaft­lich fort, »Sie rei­ßen mir die letz­te Hül­le von der See­le und zwin­gen mich, et­was zu ge­ste­hen, was zu­erst er hät­te hö­ren sol­len. Je­ner Mann mach­te mir einen schrift­li­chen Hei­rats­an­trag. Ich war dumm und lehn­te ab. Aber ich muß­te im­mer wie­der dar­an den­ken, und dann war ich mir si­cher. Als ich nach Ber­ke­ley kam, muß­te ich ihn se­hen.«

»Und ha­ben Sie?«

»Die mau­si­ge klei­ne Se­kre­tä­rin sag­te mir, er sei nicht da. Aber ich wer­de ihn se­hen. Und dann …«

Fer­gus ver­neig­te sich steif. »Dann kann man Ih­nen bei­den nur Glück wün­schen. Und wer ist die­ser Glück­lichs­te von al­len?«

»Pro­fes­sor Wolfe Wolf.«

»Bei dem es sich zwei­fel­los um die Per­son han­delt, die hier er­wähnt ist?« Er zog ein Pa­pier aus der Ja­ck­en­ta­sche und hielt es Glo­ria vor die Au­gen. Sie erblaß­te und schwieg. Aber Wolfe Wolf war an kei­ner Ant­wort in­ter­es­siert. Er wuß­te jetzt, wie sein Pro­blem zu lö­sen war und schlich sich un­be­merkt ins Schlaf­zim­mer.

 

Ei­ne Mi­nu­te spä­ter be­trat Glo­ria Gar­ton das Schlaf­zim­mer, ganz ver­stört. Sie ent­stöp­sel­te ei­ne der Par­füm­fla­schen auf dem Toi­let­ten­tisch und goß sich einen Whis­ky ein. Als sie einen Blick in den Spie­gel warf, zog sie über­rascht die Au­gen­brau­en hoch. Mit ih­rem ei­ge­nen tiefro­ten Lip­pen­stift hat­te je­mand das mys­te­ri­öse Wort

 

ABS­AR­KA

 

quer über die Schei­be ge­schmiert.

Stirn­run­zelnd las sie es laut.

Hin­ter ei­nem Wand­schirm trat Pro­fes­sor Wolfe Wolf her­vor, höchst un­pas­send in einen üp­pi­gen Mor­gen­rock gehüllt. »Glo­ria, Liebs­te …«, rief er.

»Wolf!« stieß sie her­vor. »Was ma­chen Sie in mei­nem Zim­mer?«

»Ich lie­be Sie. Ich ha­be Sie im­mer ge­liebt, seit Sie den Un­ter­schied zwi­schen ei­nem tran­si­ti­ven und ei­nem in­tran­si­ti­ven Verb nicht wuß­ten. Und jetzt, da ich weiß, daß Sie mich lie­ben …«

»Wie ent­setz­lich! Bit­te ge­hen Sie!«

»Glo­ria…«

»Raus, oder ich het­ze mei­nen Hund auf Sie! Wolfi – komm, bra­ver Wolfi!«

»Tut mir leid, Glo­ria, aber Wolfi wird nicht kom­men.«

»Oh, Sie Mon­s­trum! Ha­ben Sie ihm et­was an­ge­tan? Ha­ben Sie …?«

»Ich wür­de nicht ein Haar sei­nes Fel­les krüm­men. Denn se­hen Sie, Liebs­te, ich bin Wolfi.«

»Was um al­les in der Welt« – Glo­ria sah sich im Zim­mer um. Es stand un­leug­bar fest, daß es kei­ne Spur von ei­nem Wolf gab. Und hier stand ein Mann vor ihr, der nur einen ih­rer Mor­gen­rö­cke trug, und von ei­nem Her­ren­an­zug war nichts zu se­hen. Und nach die­sem ko­mi­schen klei­nen Mann und dem Seil …

»Sie hiel­ten mich für nüch­tern und lang­wei­lig«, fuhr Wolf fort. »Sie dach­ten, ich sei in mei­nem Gleis völ­lig fest­ge­fah­ren. Ein Schau­spie­ler oder G-man er­schi­en Ih­nen ver­lo­cken­der. Aber ich, Glo­ria, bin et­was viel Auf­re­gen­de­res, als Sie es sich je hät­ten träu­men las­sen. Ich wür­de es kei­nem an­de­ren Men­schen sa­gen. Ich, Glo­ria, bin ein Wer­wolf.«

Glo­ria schnapp­te nach Luft. »Das darf doch nicht wahr sein! Und doch – es paßt al­les zu­sam­men. Was ich im In­sti­tut über Sie hör­te und Ihr Freund mit dem ko­mi­schen Bart, und dann sein Ver­schwin­den, und – na­tür­lich! – das er­klärt auch die Tricks, die ein ech­ter Hund un­mög­lich hät­te aus­füh­ren kön­nen.«

»Glau­ben Sie mir jetzt, Liebs­te?«

Glo­ria stand auf und stürz­te sich in sei­ne Ar­me. »Ich glau­be dir, Ge­lieb­ter. Wie wun­der­voll! Ich wet­te, daß es in ganz Hol­ly­wood kei­ne Frau gibt, die je mit ei­nem Wer­wolf ver­hei­ra­tet war.«

»Dann willst du …?«

»Na­tür­lich, Liebs­ter. Wir wer­den das schon ar­ran­gie­ren. Wir heu­ern ir­gend je­man­den an, der im Stu­dio als dein Trai­ner fun­giert, und abends, wenn wir zu Hau­se sind, sa­ge ich Abs­ar­ka! Es wird herr­lich wer­den!«

»Glo­ria …«, mur­mel­te Wolf zärt­lich und an­be­tend.

»Nur noch eins, Liebs­ter. Nur ei­ne Klei­nig­keit. Tust du dei­ner Glo­ria einen Ge­fal­len?«

»Was du willst.«

»Dann zeig mir, wie du dich ver­wan­delst. Jetzt gleich. Und dann sa­ge ich Abs­ar­ka, und du bist wie­der da.«

Wolf sag­te das Zau­ber­wort. Er war von so schran­ken­lo­ser Glück­se­lig­keit er­füllt, daß er den Ver­wand­lungs­schmerz kaum fühl­te. Er toll­te auf sei­nen Wolfs­bei­nen im Zim­mer her­um, dann blieb er schwan­zwe­delnd vor Glo­ria ste­hen und er­war­te­te ihr Lob.

Glo­ria tät­schel­te sei­nen Kopf. »Bra­ver Hund, Wolfi. Und jetzt, Lieb­ling, kannst du im­mer so blei­ben.«

Wolf japs­te über­rascht.

»Du hast mich ge­hört, Wolfi. Du bleibst, wie du bist. Du hast doch nicht et­wa den sen­ti­men­ta­len Blöd­sinn ge­glaubt, den ich dem De­tek­tiv auf­tisch­te? Dich lie­ben? Wel­che Zeit­ver­geu­dung! Aber so kannst du mir nütz­lich sein. Dein Trai­ner ist nicht mehr da, al­so be­hal­te ich dich und kann zu­sätz­lich tau­send Dol­lar die Wo­che ver­die­nen. Das ist doch fein. Und Pro­fes­sor Wolfe Wolf ist für im­mer und ewig in der Ver­sen­kung ver­schwun­den, was ge­nau in mei­ne Plä­ne paßt.«

Wolf knurr­te.

»Aber, aber, nicht ek­lig wer­den, Wolfi. Du wür­dest doch die lie­be klei­ne Glo­ria nicht be­dro­hen wol­len? Ver­giß nicht, was ich für dich tun kann. Ich bin der ein­zi­ge Mensch, der dich zu­rück­ver­wan­deln kann. Du wür­dest es nie wa­gen, je­mand an­de­rem das Wort zu ver­ra­ten. Du wür­dest nicht wa­gen, an­de­re Leu­te wis­sen zu las­sen, wer du in Wirk­lich­keit bist. Ein un­ge­bil­de­ter Mensch wür­de dich viel­leicht tö­ten, ein klu­ger Mensch wür­de dich im Ir­ren­haus ein­lie­fern.«

Wolf kam im­mer noch dro­hend nä­her.

»O nein. Du kannst mir nichts an­ha­ben. Ich brau­che nur das Wort zu sa­gen, das auf dem Spie­gel steht, und du bist kein ge­fähr­li­cher Wolf mehr, son­dern bloß ein Mann, der in mein Zim­mer ein­ge­drun­gen ist. Ich wür­de schrei­en, und nach dem, was ges­tern im In­sti­tut pas­siert ist, wür­de es nicht lan­ge dau­ern, bis du im Ir­ren­haus lan­dest.«

Wolf zog sich zu­rück und ließ den Schwanz hän­gen.

»Siehst du, Wolfi, mein Lieb­ling? Glo­ria hat dich ge­nau da, wo sie dich ha­ben woll­te. Und jetzt wirst du schön brav sein.«

Es klopf­te und Glo­ria rief: »Her­ein!«

»Ein Herr möch­te Sie spre­chen, Ma­dam«, sag­te die Zo­fe. »Ein Pro­fes­sor Fea­ring.«

Glo­ria lä­chel­te ihr grau­sams­tes und kö­nig­lichs­tes Lä­cheln. »Komm, Wolfi. Das könn­te auch dich in­ter­es­sie­ren.«

 

Pro­fes­sor Os­car Fea­ring, der sei­ne Lei­bes­fül­le in einen Ses­sel ge­quetscht hat­te, lä­chel­te gü­tig, als Glo­ria und der Wolf ins Zim­mer ka­men. »Oh, mei­ne Lie­be. Ein neu­es Haus­tier. Sehr rüh­rend.«

»Und was für ein Schoß­hünd­chen, Os­car! War­te, bis ich’s dir er­zählt ha­be.«

Pro­fes­sor Fea­ring po­lier­te sei­nen Knei­fer an sei­nem Ja­cken­är­mel. »Und du war­te, bis ich dir er­zählt ha­be, was ich er­fah­ren ha­be. Chis­wick hat die Ar­beit am Schutz­schirm ge­gen ma­gne­ti­sche Bom­ben ab­ge­schlos­sen. Der of­fi­zi­el­le Test ist für nächs­te Wo­che an­ge­setzt. Und Farns­worth ist mit sei­nem neu­en Ver­fah­ren für die Ge­win­nung von Os­mi­um auch bald so­weit. Je­den Tag kann der Gas­krieg aus­bre­chen, und wer dann den größ­ten Vor­rat an …«

»Fein, Os­car«, un­ter­brach Glo­ria ihn, »aber das kann al­les war­ten. Jetzt ha­ben wir an­de­re Sor­gen.«

»Wie meinst du das, mei­ne Lie­be?«

»Hast du einen rot­haa­ri­gen jun­gen Iren mit ei­nem gel­ben Hemd ge­se­hen?«

»Nein – doch, ja. Ich ha­be ihn ge­se­hen, wie er ges­tern aus dem Bü­ro kam. Ich glau­be, er hat mit Wolf ge­spro­chen.«

»Er ist auf un­se­rer Spur. Er ist ein De­tek­tiv aus Los An­ge­les und hin­ter uns her. Ir­gend­wo hat er ein Do­ku­ment ge­fun­den, das wir hät­ten ver­nich­ten sol­len. Er weiß, daß ich mit drin­ste­cke, und er weiß, daß ich mit je­man­dem im ger­ma­nis­ti­schen In­sti­tut in Ver­bin­dung ste­he.«

Pro­fes­sor Fea­ring be­trach­te­te die Glä­ser sei­nes Knei­fers, be­fand sie für sau­ber, und setz­te ihn auf die Na­se. »Nur kei­ne Auf­re­gung, mei­ne Lie­be. Nur kei­ne Hys­te­rie. Wir wol­len das in al­ler Ru­he be­spre­chen. Weiß er über den Tem­pel der fins­te­ren Wahr­heit Be­scheid?«

»Noch nicht. Auch über dich nicht. Er weiß nur, daß es je­mand vom In­sti­tut ist.«

»Nun denn, was könn­te ein­fa­cher sein? Du hast ge­hört, wie merk­wür­dig Wolfe Wolf sich be­nom­men hat?«

»Und ob.« Glo­ria lach­te spöt­tisch.

»Je­der­mann weiß, daß er in dich ver­liebt ist. Schie­be die Schuld auf ihn. Es soll­te dir nicht schwer­fal­len, dich als un­schul­di­ges Werk­zeug hin­zu­stel­len. Len­ke die Auf­merk­sam­keit auf ihn, und un­se­rer Or­ga­ni­sa­ti­on wird nichts ge­sche­hen. Der Tem­pel der fins­te­ren Wahr­heit kann wei­ter­hin sei­ne mys­ti­sche Funk­ti­on er­fül­len und aus mü­den Wis­sen­schaft­lern, die ei­ne falsche Re­li­gi­on als Ge­fühls­ven­til brau­chen, noch viel wert­vol­le­re In­for­ma­tio­nen her­aus­ho­len.«

»Das ha­be ich schon ver­sucht. Ich ha­be O’Breen ein sol­ches Mär­chen über mei­ne Zu­nei­gung zu Wolf er­zählt, daß er tod­si­cher den­ken muß, ich woll­te da­mit et­was an­de­res ver­tu­schen. Ich glau­be, er hat an­ge­bis­sen. Aber die La­ge ist viel ver­zwick­ter, als du denkst. Weißt du, wo Wolfe Wolf ist?«

»Das weiß nie­mand. Nach­dem der Rek­tor ihn – äh – ge­ta­delt hat­te, ver­schwand er spur­los.«

Glo­ria lach­te wie­der. »Er ist hier. In die­sem Zim­mer.«

»Mei­ne Teu­re! Ge­heim­tü­ren und so wei­ter? Du nimmst dei­ne Ar­beit zu ernst. Wo?«

»Da!«

Pro­fes­sor Fea­ring war er­schüt­tert. »Ist das dein Ernst?«

»Es ist mir da­mit ge­nau­so ernst wie dir mit der Zu­kunft des Mar­xis­mus. Das ist Wolfe Wolf.«

Fea­ring nä­her­te sich un­gläu­big dem Wolf und streck­te ei­ne Hand aus.

»Viel­leicht beißt er«, warn­te Glo­ria ei­ne Se­kun­de zu spät.

Fea­ring starr­te auf sei­ne blu­ten­de Hand. »Das zu­min­dest«, stell­te er fest, »ist die rei­ne Wahr­heit.« Und er hob den Fuß, um Wolf einen Tritt zu ver­set­zen.

»Nicht, Os­car! Laß ihn in Ru­he. Du mußt mir ein­fach glau­ben – es ist ei­ne zu kom­pli­zier­te Ge­schich­te. Aber die­ser Wolf ist Wolfe Wolf, und er ist völ­lig in mei­ner Hand. Wir len­ken den Ver­dacht auf ihn, und ich be­hal­te ihn hier, wäh­rend Fer­gus und die Ab­wehr­leu­te auf die Jagd nach ihm ge­hen.«

»Mei­ne Teu­re«, stieß Fea­ring her­vor. »Du bist ver­rückt. Du bist viel ver­rück­ter als die from­men Mit­glie­der des Tem­pels.« Er nahm den Knei­fer ab und starr­te wie­der auf den Wolf. »Und doch, Diens­tag abend … Sag mir nur das ei­ne: Von wem hast du die­sen – die­sen Wolf be­kom­men?«

»Von ei­nem ko­mi­schen klei­nen Di­cken mit Bart­fran­sen.«

Fea­ring war vor Stau­nen starr. Of­fen­sicht­lich er­in­ner­te er sich an die Er­eig­nis­se im Tem­pel und an den Wolf und den Bär­ti­gen. »Gut, mei­ne Lie­be. Ich glau­be dir. Fra­ge mich nicht, warum, aber ich glau­be dir. Und jetzt…«

»Jetzt ist al­les klar, nicht wahr? Wir be­hal­ten ihn hier, wo er hilf­los ist, und be­nüt­zen ihn zu …«

»Der Wolf als Sün­den­bock. Ja. Sehr hübsch.«

»Oh! Noch et­was!« Sie hat­te plötz­lich Angst.

Wolfe Wolf über­dach­te die Mög­lich­keit ei­nes Über­ra­schungs­an­griffs auf Fea­ring. Wahr­schein­lich konn­te er flie­hen, ehe Glo­ria Abs­ar­ka sag­te. Aber was dann? Wem konn­te er sich zur Zu­rück­ver­wand­lung an­ver­trau­en? Ins­be­son­de­re wenn die G-men hin­ter ihm her wa­ren.

»Was ist?« frag­te Fea­ring.

»Die Se­kre­tä­rin. Die klei­ne Maus im Bü­ro. Sie weiß, daß ich nach dir ge­fragt ha­be und nicht nach Wolf. Fer­gus kann noch nicht mit ihr ge­spro­chen ha­ben, weil er auf mei­ne Ge­schich­te her­ein­fiel. Aber er wird’s si­cher noch tun. Er ist sehr gründ­lich.«

»Hmm. In die­sem Fall…«

»Ja, Os­car?«

»Man muß sich um sie küm­mern.« Pro­fes­sor Os­car Fea­ring lä­chel­te und griff nach dem Te­le­fon.

In die­sem Au­gen­blick hat­te Wolf ei­ne plötz­li­che Ein­ge­bung und han­del­te im­pul­siv. Sei­ne Zäh­ne wa­ren kräf­tig, kräf­tig ge­nug, um die Te­le­fon­schnur von der Wand zu rei­ßen. Da­zu be­nö­tig­te er nur ei­ne Se­kun­de, und in der nächs­ten Se­kun­de war er aus dem Zim­mer und im Kor­ri­dor, ehe Glo­ria den Mund öff­nen und das Wort sa­gen konn­te, das ihn von ei­nem star­ken und ge­fähr­li­chen Wolf in einen schwa­chen Mann zu­rück­ver­wan­deln wür­de.

Er hör­te gel­len­de Schreie und ein- oder zwei­mal die War­nung ›toll­wü­ti­ger Hund!‹, wäh­rend er durch die Hal­le jag­te, aber er küm­mer­te sich nicht dar­um. Haupt­sa­che, daß er Emi­ly in ih­rer Woh­nung er­reich­te, ehe man sich um sie ›küm­mer­te‹. Ih­re Aus­sa­ge war über­aus wich­tig; sie konn­te be­wir­ken, daß Fer­gus und die Ab­wehr­leu­te er­kann­ten, wer der wah­re Schul­di­ge war. Au­ßer­dem, ge­stand er sich plötz­lich ein, war Emi­ly ein net­tes Mäd­chen.

Pro Wohn­block stieß er mit 1,66 Men­schen zu­sam­men, und wenn die Flü­che, die man ihm nach­sand­te, auch nur die ge­rings­te Wir­kung hat­ten, war er für al­le Ewig­keit und dar­über hin­aus ver­dammt. Aber er kam rasch vor­an, und nur das zähl­te. Er saus­te über Kreu­zun­gen, be­hin­der­te Last­wa­gen, und ein­mal sprang er so­gar über ein Au­to, das ihm im Weg stand. Al­les ging gut, und er hat­te schon die Hälf­te des Weges zu­rück­ge­legt, als zwei Zent­ner Men­schen­fleisch auf ihn her­nie­der­krach­ten.

Durch die Ster­ne, die vor sei­nen Au­gen tanz­ten, weil je­mand mit sei­nem Kopf auf den As­phalt häm­mer­te, sah er sei­ne Ne­me­sis – den Po­li­zis­ten, der um sein Bier ge­kom­men war.

»Hab’ ich dich end­lich«, sag­te der Be­am­te. »Jetzt wol­len wir mal se­hen, ob du ei­ne Steu­er­mar­ke hast. Du wuß­test wohl nicht, daß ich Fuß­ball spie­le, was?«

Der Po­li­zist hielt ei­ne Hand­voll Fell schmerz­haft ge­packt. Ein neu­gie­ri­ger Zu­schau­er­kreis stand her­um und rief dem Be­am­ten die tolls­ten Ratschlä­ge zu.

»Wei­ter­ge­hen, Leu­te«, mahn­te er. »Dies ist ei­ne Pri­vat­an­ge­le­gen­heit zwi­schen mir und die­sem Vieh. Na los, komm!« Und er riß noch kräf­ti­ger an dem Fell.

Wolf ließ ein großes Stück Fell samt der Haut dar­un­ter in der Hand des Po­li­zis­ten und spür­te, wie das Blut aus der Hals­wun­de lief. Die er­schreck­ten Leu­te lie­ßen ihn durch. Zwei Ku­geln zisch­ten hin­ter ihm her, dann blieb der ver­blüff­tes­te Po­li­zist von ganz Ber­ke­ley zu­rück.

»Ich hab’ ihn ge­trof­fen«, wie­der­hol­te er im­mer wie­der ver­ständ­nis­los, »ich hab’ ihn ge­trof­fen …«

Wolf ras­te den Cor­ner Weg ent­lang. Noch zwei Blocks, dann hat­te er den klei­nen Bun­ga­low er­reicht, den Emi­ly mit ei­ner Hilf­sas­sis­ten­tin teil­te. Das ka­put­te Te­le­fon konn­te Fea­ring nicht lan­ge auf­ge­hal­ten ha­ben; si­cher hat­te er in­zwi­schen die Be­feh­le er­teilt, und sei­ne Spieß­ge­sel­len wa­ren un­ter­wegs. Aber jetzt war er fast da.

»Ho!« rief ihm ei­ne Kin­der­stim­me zu. »Gu­ter Wau­wau ist da!«

Ge­gen­über stand das klei­ne Haus, wo Rob­by und sei­ne zän­ki­sche Mut­ter wohn­ten. Das Kind hat­te auf dem Bür­ger­steig ge­spielt. Jetzt sah er sei­nen viel­be­wun­der­ten Ret­ter und stapf­te auf un­si­che­ren Bein­chen über die Stra­ße. »Gu­ter Wau­wau!« rief er da­bei. »Wart’ auf Rob­by!«

Wolf lief wei­ter. Jetzt war kei­ne Zeit zum Spie­len, auch nicht mit dem ent­zückends­ten Kerl­chen. Und dann sah er das Au­to. Es war ei­ne zer­beul­te, über und über mit wit­zig sein sol­len­den In­schrif­ten be­pin­sel­te Ka­le­sche, und der Ober­schü­ler am Steu­er woll­te an­schei­nend sei­ner ne­ben ihm sit­zen­den Freun­din zei­gen, wie schnell das Ding noch fah­ren konn­te. Sie war ein hüb­sches Mäd­chen, und wer ach­te­te da schon auf Kin­der?

Rob­by war di­rekt in der Bahn des Wa­gens. Wolf schnell­te sich ab. Er sprang so dicht am Wa­gen vor­bei, daß die Hit­ze des Küh­lers sei­ne Flan­ke streif­te. Mit den Vor­der­pfo­ten stieß er Rob­by aus der Ge­fah­ren­zo­ne. Bei­de roll­ten zu Bo­den, ge­ra­de als der Wa­gen über sein Schwan­zen­de fuhr.

Das hüb­sche Mäd­chen schrie auf. »Ho­mer! Ha­ben wir sie über­fah­ren?«

Ho­mer sag­te nichts, und der Wa­gen saus­te wei­ter.

Rob­bys Schreie wur­den lau­ter. »Du tust mir weh! Du tust mir weh! Bö-ö-öser Wau­wau!«

Sei­ne Mut­ter er­schi­en auf der Ve­ran­da und stimm­te in das Wut­ge­heul ein. Der Krach war fürch­ter­lich. Um den Cho­rus zu ver­voll­stän­di­gen und um sei­nen zer­quetsch­ten Schwanz zu be­kla­gen, gab Wolf einen gräß­li­chen Heu­ler von sich und jag­te da­von. Er hat­te kei­ne Zeit, um das Miß­ver­ständ­nis auf­zu­klä­ren.

Aber die­se bei­den Zwi­schen­fäl­le hat­ten aus­ge­reicht. Rob­by und der Po­li­zist wa­ren zu un­be­wuß­ten Werk­zeu­gen von Os­car Fea­ring ge­wor­den. Als Wolf an Emi­lys Bun­ga­low an­kam, fuhr ge­ra­de ei­ne graue Li­mou­si­ne ab. Auf dem Rück­sitz war ein schlan­kes, zier­li­ches Mäd­chen, das sich ver­zwei­felt wehr­te.

Selbst ein Wer­wolf kann mit ei­nem Au­to nicht Schritt hal­ten. Nach kur­z­er Jagd gab Wolf die Ver­fol­gung auf und setz­te sich keu­chend hin. Merk­wür­dig, dach­te er, ab­ge­hetzt wie er war, wenn man nicht schwit­zen kann, muß man den Mund auf­ma­chen und die Zun­ge her­aus­hän­gen las­sen, und …

»Hast du Schwie­rig­kei­ten?« frag­te ei­ne be­sorg­te Stim­me.

Wolf er­kann­te die Kat­ze. »O Him­mel, ja«, gab er aus vol­lem Her­zen zu. »Mehr, als du es dir vor­stel­len kannst.«

»Hung­rig?« frag­te die Kat­ze. »Der klei­ne Jun­ge da hin­ten ist recht wohl­ge­nährt.«

»Halt den Mund«, fauch­te Wolf.

»Par­don; ich dach­te nur an das, was Kon­fu­zi­us mir über Wer­wöl­fe er­zähl­te. Du bist doch nicht et­wa ein Men­schen­freund?«

»Doch, ich glau­be, ich bin’s. Ich weiß, daß ein Wer­wolf ein blut­trie­fen­der Schläch­ter sein soll­te, aber im Mo­ment muß ich ein Men­schen­le­ben ret­ten.«

»Und das soll ich dir glau­ben?«

»Es ist die Wahr­heit.«

»Oh«, sag­te die Kat­ze phi­lo­so­phisch, »dun­kel ist die Wahr­heit und vol­ler Täu­schun­gen.«

Wolfe Wolf sprang auf die Pfo­ten. »Dan­ke«, bell­te er, »du hast mir den Weg ge­zeigt.«

»Wie bit­te?«

»Ha­be kei­ne Zeit mehr.« Und da­mit ras­te Wolf im Höl­len­tem­po in Rich­tung Tem­pel der fins­te­ren Wahr­heit.

Das schi­en ihm der wahr­schein­lichs­te Ort zu sein. Schließ­lich hat­te Fea­ring sein Haupt­quar­tier dort. Zu­min­dest er­schi­en es als wahr­schein­lich, daß der Tem­pel, wenn kei­ne An­be­tun­gen statt­fan­den, der Ban­de als Un­ter­schlupf diente. Er ras­te und sprang und quetsch­te sich durch Lücken im Ver­kehr. Aber wäh­rend er vor­her nicht son­der­lich auf sich sel­ber ge­ach­tet hat­te, wuß­te Wolf jetzt, daß er zwar im­mun ge­gen Ku­geln, nicht aber ge­gen das Über­fah­ren­wer­den war. Sein Schwanz tat im­mer noch fürch­ter­lich weh. Aber er muß­te es schaf­fen. Er muß­te sich von dem Ver­dacht rei­ni­gen, sag­te er sich im­mer wie­der; aber in Wirk­lich­keit dach­te er nur: Ich muß Emi­ly ret­ten.

Als er noch einen Block ent­fernt war, hör­te er Schüs­se. Pis­to­len­schüs­se und, so kam es ihm vor, auch das Rat­tern ei­nes Ma­schi­nen­ge­wehrs. Das ver­stand er zwar nicht, doch er lief wei­ter. Dann fuhr ein knall­gel­ber Sport­wa­gen an ihm vor­bei, aus des­sen Fens­ter ein hel­ler Blitz zuck­te. In­stink­tiv duck­te er sich. Auch wenn man ku­gel­fest ist, stellt man sich nicht als Ziel­schei­be hin.

Der Sport­wa­gen fuhr wei­ter, und er woll­te ihm schon fol­gen, als er einen fun­keln­den Me­tall­schim­mer be­merk­te. Die Ku­gel, die ihn ver­fehlt hat­te, war von ei­ner Zie­gel­mau­er ab­ge­prallt und lag auf dem Bür­ger­steig. Da lag sie glit­zernd vor ihm – rei­nes Sil­ber.

Das, so wur­de ihm ab­rupt klar, war das En­de sei­ner Im­mu­ni­tät. Fea­ring hat­te Glo­ri­as Ge­schich­te Glau­ben ge­schenkt, und auf Grund sei­ner Be­schäf­ti­gung mit dem Ok­kul­tis­mus kann­te er auch die wirk­sa­me Ge­gen­waf­fe. Von jetzt an könn­te ei­ne Ku­gel mehr sein als nur ein Na­del­stich und sei­nen so­for­ti­gen Tod be­deu­ten.

Er setz­te sei­nen Weg fort.

Vor­sich­tig nä­her­te er sich dem Tem­pel und such­te hin­ter den Sträu­chern De­ckung. Aber er war nicht der ein­zi­ge, der De­ckung such­te. Vor dem Tem­pel stand ein zer­schos­se­nes Au­to, und da­hin­ter kau­er­ten Fer­gus O’Breen und ein mond­ge­sich­ti­ger Rie­se. Mit ih­ren Re­vol­vern schös­sen sie auf gut Glück auf den Turm des Tem­pels.

Wolfs schar­fes Ge­hör fing ih­re Un­ter­hal­tung trotz des Ge­knal­les auf. »Ga­be ist hin­ten«, er­klär­te der Rie­se. »Aber das nützt uns we­nig. Weißt du, was der Turm in Wirk­lich­keit ist? Ein dreh­ba­rer, ge­pan­zer­ter Ma­schi­nen­ge­wehr-Stand. Die ha­ben sich auf ei­ne der­ar­ti­ge Si­tua­ti­on vor­be­rei­tet. So­viel wir wis­sen, sind nur zwei Män­ner drin, aber sie kön­nen das gan­ze Ge­län­de be­strei­chen.«

»Nur zwei?« mur­mel­te Fer­gus.

»Und das Mäd­chen. Sie ha­ben ein Mäd­chen her­ge­bracht. Falls es noch lebt.«

Fer­gus ziel­te sorg­fäl­tig, feu­er­te und duck­te sich rasch hin­ter den Wa­gen, als ei­ne Ku­gel um Haa­res­brei­te an ihm vor­bei­fuhr. »Wie­der da­ne­ben! Bei al­len Göt­tern Grie­chen­lands, Moon, es muß doch einen Weg ge­ben, um da ‘rein­zu­kom­men. Wie wä­re es mit Trä­nen­gas?«

Der Rie­se grunz­te. »Glaubst du, daß du aus die­sem Win­kel ge­nau die Schieß­schar­te des Pan­zer­turms tref­fen kannst?«

»Das Mäd­chen …«, sag­te Fer­gus.

Wolf war­te­te nicht län­ger. Als er vor­wärts sprang, sah der Ma­schi­nen­ge­wehr­schüt­ze ihn und leg­te ei­ne Sal­ve auf ihn. Sie traf ihn wie ein Re­gen­guß aus Stahl­na­deln. Wolfs Ner­ven schmerz­ten von der An­stren­gung, die Wun­den zu schlie­ßen. We­nigs­tens be­nutz­te man kei­ne Sil­ber­ge­schos­se.

Die Ein­gangs­tür war ver­schlos­sen, aber die Kraft sei­nes Sprun­ges ließ ihn hin­durch­bre­chen, und da­bei prell­te er sei­ne ei­ne Schul­ter. Der Pos­ten im Erd­ge­schoß, ein wi­der­li­cher Kerl mit ei­nem her­vor­ste­hen­den Adams­ap­fel, sprang auf, den Re­vol­ver schuß­be­reit in der Hand. Hin­ter ihm, in­mit­ten der Pa­ra­pher­na­li­en, die für den Kult ge­braucht wur­den – ze­re­mo­ni­el­le Ge­wän­der, Weih­rauch­kes­sel, selt­sa­me Bü­cher und so­gar ein Oui­ja-Brett –, lag Emi­ly.

Der Pos­ten feu­er­te. Die Ku­geln tra­fen Wolf mit­ten in die Brust, und er war auf sei­nen Tod ge­faßt. Aber auch dies­mal wa­ren es nur Blei­ku­geln ge­we­sen, und er sprang vor­wärts. Sei­nem Sprung fehl­te der ge­wohn­te Schwung, denn er war fast am En­de sei­ner Kräf­te. Er hät­te sich so gern auf den küh­len Erd­bo­den ge­legt, um sich zu er­ho­len. So stieß er zwar ge­gen sei­nen Feind, konn­te ihn aber nicht zu Bo­den wer­fen.

Der Mann dreh­te sei­nen nutz­lo­sen Re­vol­ver um und schlug den Griff auf den Kopf des Tie­res. Wolf stol­per­te zu­rück, ver­lor das Gleich­ge­wicht und fiel um. Einen Mo­ment lang konn­te er sich nicht wie­der er­he­ben. Die Ver­su­chung, ein­fach so lie­gen zu blei­ben, war über­mäch­tig.

Das Mäd­chen be­weg­te sich. Ih­re ge­fes­sel­ten Hän­de pack­ten ei­ne Ecke des Oui­ja-Bretts. Ir­gend­wie kam sie auf die Fü­ße und hob die Ar­me. Ge­ra­de als sich der Pos­ten auf den wehr­lo­sen Wolf stür­zen woll­te, schwang sie das schwe­re Brett nach un­ten und be­täub­te den Mann.

Wolf sprang wie­der auf die Fü­ße. Ei­ne Se­kun­de lang fühl­te er sich ver­sucht, zu­zu­bei­ßen. Sein Blick haf­te­te auf dem Adams­ap­fel, und er leck­te sich die Lef­zen. Dann hör­te er das Rat­tern des Ma­schi­nen­ge­wehrs und riß sich von die­sem An­blick los.

Für einen Wolf ist es schwer, wenn nicht fast un­mög­lich, ei­ne Lei­ter hoch­zu­klet­tern. Aber wenn er sei­ne Kie­fer als Zan­ge be­nützt und sich von Spros­se zu Spros­se zieht, kann er es schaf­fen. Wolf war schon halb oben, als der Schüt­ze ihn hör­te. Das Rat­tern hör­te auf, und Wolf ver­nahm einen saf­ti­gen li­taui­schen Fluch. Dann sah er auch den Mann, einen Blon­den mit schie­fem Na­sen­bein, der auf ihn her­un­ter­blick­te.

Der an­de­re Mann hat­te mit Blei­ku­geln ge­schos­sen, al­so hat­te die­ser hier die Sil­ber­ku­geln. Aber zum Um­keh­ren war es zu spät. Wolf biß in die nächs­te Spros­se und zog sich hoch, als die Ku­gel ste­chend in sei­ne Schnau­ze fuhr. Die Au­gen starr vor Schreck, feu­er­te der Blon­de wie­der, und Wolf er­klomm die nächs­te Spros­se. Nach dem drit­ten Schuß ver­schwand der Mann schnell au­ßer Sicht­wei­te.

Un­ten peitsch­ten im­mer noch Schüs­se, aber das Ma­schi­nen­ge­wehr blieb stumm. Der Blon­de lehn­te ver­stei­nert vor Schreck an der Wand des Pan­zer­turms, als der Wolf auf der Platt­form er­schi­en. Wolf blieb ste­hen und rang nach Atem. Er war halb­tot vor Mü­dig­keit und An­stren­gung, aber erst muß­te er die­sen Mann hier er­le­di­gen.

Der Blon­de hob die Pis­to­le, ziel­te sorg­fäl­tig und schoß noch ein­mal. Ei­ne fürch­ter­li­che Se­kun­de lang starr­te er auf den an­schei­nend un­s­terb­li­chen Wolf und er­in­ner­te sich an die Ge­schich­ten, die sei­ne Groß­mut­ter ihm er­zählt hat­te. Jetzt wuß­te er Be­scheid. Er steck­te sich die Mün­dung der Schuß­waf­fe in den Mund und drück­te ab.

Wolf hat­te zwar in sei­ner jet­zi­gen Ge­stalt noch nichts ge­ges­sen, aber an­schei­nend war der In­halt sei­nes mensch­li­chen Ma­gens vom Wolfs­ma­gen über­nom­men wor­den. Er muß­te sich über­ge­ben.

Da er die Lei­ter nicht hin­un­ter­klet­tern konn­te, sprang er und lan­de­te er­staun­li­cher­wei­se auf al­len vier Pfo­ten. Er schlepp­te sei­nen mü­den und zer­schla­ge­nen Kör­per bis zu Emi­ly hin, die im­mer noch ne­ben dem ohn­mäch­ti­gen Pos­ten saß und des­sen Re­vol­ver in der Hand hielt. Sie be­weg­te die Waf­fe un­ge­wiß hin und her, als der Wolf nä­her kam, als ob sie sich über sei­ne Ge­füh­le ihr ge­gen­über nicht im kla­ren sei.

Die Zeit war kurz. Da das Ma­schi­nen­ge­wehr nicht mehr schoß, wür­den Fer­gus und sei­ne Ge­fähr­ten je­den Au­gen­blick im Tem­pel er­schei­nen. Wolf schnup­per­te her­um und fand die Plan­chet­te des Oui­ja-Bretts. Er stieß das herz­för­mi­ge Holz auf das Brett und fing an, es mit der Pfo­te her­um­zu­schie­ben.

Emi­ly be­ob­ach­te­te ihn ge­spannt und ver­wun­dert. »A«, sag­te sie laut. »B – S …«

Wolf be­en­de­te das Wort und stell­te sich di­rekt ne­ben einen ze­re­mo­ni­el­len Um­hang hin. »Willst du mir et­was sa­gen?« frag­te Emi­ly nach­denk­lich.

Wolf we­del­te hef­tig be­ja­hend mit dem Schwanz und be­gann noch ein­mal.

»A …«, wie­der­hol­te Emi­ly. »B-S-A-R …«

Er konn­te schon hö­ren, wie sich Fuß­schrit­te nä­her­ten.

»… K-A. Was soll das hei­ßen? Abs­ar­ka …«

Ex­pro­fes­sor Wolfe Wolf wi­ckel­te sei­ne Blö­ße has­tig in den Um­hang der fins­te­ren Wahr­heit.

Noch ehe er und Emi­ly er­fas­sen konn­ten, was da ge­sch­ah, hat­te er sie in sei­ne Ar­me ge­schlos­sen, küß­te sie dank­bar und fiel in Ohn­macht.

 

So­gar die mensch­li­che Na­se von Wolf wit­ter­te so­fort, daß er im Kran­ken­haus war. Sein Kör­per war im­mer noch mü­de und er­schöpft. Die kah­le Stel­le am Hin­ter­kopf, wo der Po­li­zist ihm die Haa­re aus­ge­ris­sen hat­te, schmerz­te im­mer noch. Und dort, wo ihn der Re­vol­ver­kol­ben ge­trof­fen hat­te, prang­te ei­ne Beu­le. Dort, wo sein Schwanz ge­we­sen war, tat es ihm bei je­der Be­we­gung weh. Aber das La­ken war kühl, und er konn­te sich end­lich aus­ru­hen, und Emi­ly war in Si­cher­heit.

»Ich weiß zwar nicht, wie Sie da ‘rein­ge­ra­ten sind und was Sie ge­macht ha­ben, Mr. Wolf. Aber ich möch­te Ih­nen sa­gen, daß Sie Ih­rem Land einen großen Dienst er­wie­sen ha­ben«, sag­te der Rie­se mit dem Mond­ge­sicht.

Auch Fer­gus O’Breen saß am Bett­rand. »Herz­li­chen Glück­wunsch, Wolf. Ich weiß zwar nicht, ob der Arzt da­mit ein­ver­stan­den ist, aber neh­men Sie ru­hig.«

Wolfe Wolf trank dank­bar einen Schluck Whis­ky und blick­te dann fra­gend zu dem großen Mann hin.

»Das ist Moon Laf­fer­ty«, sag­te Fer­gus. »Er ist vom FBI und hat mir ge­hol­fen, den Agen­ten­ring plat­zen zu las­sen.«

»Sie ha­ben sie er­wi­scht – al­le?« frag­te Wolf.

»Fea­ring und die Gar­ton noch im Ho­tel«, dröhn­te Laf­fer­ty.

»Aber wie – ich dach­te …«

»Sie dach­ten, wir sei­en hin­ter Ih­nen her, nicht wahr?« ant­wor­te­te Fer­gus. »Das hat­te sich die Gar­ton so aus­ge­dacht, aber ich bin ihr nicht ganz auf den Leim ge­gan­gen. Se­hen Sie, ich hat­te schon mit Ih­rer Se­kre­tä­rin ge­spro­chen. Ich wuß­te al­so, daß sie nach Fea­ring ge­fragt hat­te. Und als ich mich über Fea­ring er­kun­dig­te und vom Tem­pel und den For­schungs­ar­bei­ten ei­ni­ger Sek­ten­an­hän­ger hör­te, war das Gan­ze klar.«

»Fei­ne Ar­beit, Mr. Wolf«, sag­te Laf­fer­ty. »Wenn wir Ih­nen auch mal einen Ge­fal­len tun kön­nen – und wie Sie in den MG-Turm ein­ge­drun­gen sind – na, O’Breen, wir se­hen uns nach­her noch. Ich muß mich um mei­ne Ar­beit küm­mern. Gu­te Bes­se­rung, Wolf.«

Fer­gus war­te­te, bis sie al­lein wa­ren. Dann lehn­te er sich vor und frag­te ver­trau­lich: »Na, wie steht’s jetzt, Wolf? Neh­men Sie Ih­re Film­kar­rie­re wie­der auf?«

Wolf schnapp­te nach Luft. »Was für ei­ne Film­kar­rie­re?«

»Wol­len Sie im­mer noch Too­kah spie­len? Vor­aus­ge­setzt na­tür­lich, daß die Auf­nah­men in dem Zucht­haus statt­fin­den, in dem Miß Gar­ton sitzt.«

Wolf such­te nach Wor­ten. »Was soll der Un­sinn …«

»Aber, lie­ber Wolf, es dürf­te doch klar sein, daß ich zu­min­dest so viel weiß. Es ist wohl am bes­ten, wenn Sie mir die gan­ze Ge­schich­te er­zäh­len.«

Im­mer noch be­nom­men, kam Wolf die­ser Auf­for­de­rung nach. »Aber wo­her wuß­ten Sie Be­scheid?« frag­te er zum Schluß.

Fer­gus grins­te. »Do­ro­thy Sayers schrieb mal, daß man in Kri­mi­nal­ro­ma­ne das Über­na­tür­li­che nur dann hin­ein­brin­gen darf, wenn es an­schlie­ßend wie­der ent­my­sti­fi­ziert wird. Mag sein, daß das stimmt. Aber im Le­ben geht das nicht im­mer so ein­fach. Zum Bei­spiel in un­se­rem Fall. Zu vie­le De­tails grif­fen in­ein­an­der. Ih­re Au­gen­brau­en, Ih­re Fin­ger, die of­fen­sicht­lich ech­ten Zau­ber­kräf­te Ih­res Freun­des, die Tricks, die kein Hund oh­ne be­stimm­te Zei­chen aus­füh­ren könn­te, die Art und Wei­se, wie die an­de­ren Hun­de jaul­ten und win­sel­ten. Ich hab’ zwar einen har­ten Schä­del, aber ich bin Ire. Bis zu ei­ner ge­wis­sen Gren­ze bin ich Ma­te­ria­list, doch was zu­viel ist, ist zu­viel.«

»Fea­ring hat es auch ge­glaubt«, sag­te Wolf. »Aber eins möch­te ich noch wis­sen. Nach­dem man ein­mal mit ei­ner sil­ber­nen Ku­gel auf mich ge­schos­sen hat­te, ver­wen­de­te man nach­her nur Blei­ku­geln. Warum war ich nach dem ers­ten­mal vor Sil­ber­ku­geln si­cher?«

»Das kann ich Ih­nen er­klä­ren«, sag­te Fer­gus. »Nicht die ›an­de­ren‹ ha­ben die Sil­ber­ku­gel ab­ge­feu­ert. Denn se­hen Sie, Wolf, bis zur letz­ten Mi­nu­te glaub­te ich, daß Sie auf der an­de­ren Sei­te stün­den. Es kam mir nicht in den Sinn, daß auch ein Wer­wolf ein an­stän­di­ger Kerl sein kann. Ich ha­be mir al­so ei­ne Ku­gel­form be­sorgt, ging zu ei­nem Sil­ber­schmied und – na, ich bin froh, daß ich nicht traf«, sag­te er auf­rich­tig.

»Das trös­tet mich un­ge­mein.«

»Keh­ren wir zu mei­ner Fra­ge von vor­hin zu­rück. Wol­len Sie wie­der zum Film? Wenn nicht, möch­te ich Ih­nen einen an­de­ren Vor­schlag ma­chen.«

»Und der wä­re?«

»Sie sag­ten, daß Sie dar­über nach­dach­ten, wie Sie aus Ih­rer spe­zi­el­len Fä­hig­keit einen prak­ti­schen Nut­zen schla­gen könn­ten. Gut. Sie sind kräf­tig und schnell. Sie kön­nen Men­schen ei­ne der­ar­ti­ge Furcht ein­ja­gen, daß sie Selbst­mord be­ge­hen. Sie kön­nen Ge­sprä­che mit­hö­ren, die kein Mensch be­lau­schen könn­te. Sie sind ku­gel­fest. Gibt es bes­se­re Qua­li­fi­ka­tio­nen für einen G-man?«

Wolf quol­len die Au­gen aus dem Kopf. »Ich? Ein G-man?«

»Moon hat mir er­zählt, wie drin­gend neue Leu­te ge­braucht wer­den. Die An­for­de­run­gen wur­den neu­lich erst ge­än­dert, so daß Ih­re Sprach­kennt­nis­se an­stel­le ei­nes Ju­ra­stu­di­ums oder ei­ner Aus­bil­dung als Buch­hal­ter, wie man es bis­her ver­lang­te, ge­nü­gen. Und nach dem, was Sie heu­te ge­leis­tet ha­ben, wird man we­nig auf den klei­nen Skan­dal wäh­rend Ih­rer Aka­de­miker­zeit ge­ben. Moon ist sehr an­ge­tan von Ih­nen.«

Wolf war sprach­los. Noch vor drei Ta­gen hat­te es ihn be­drückt, daß er we­der Schau­spie­ler noch G-man war. Und jetzt…

»Über­le­gen Sie es sich«, sag­te Fer­gus.

»Das wer­de ich tun. Ganz be­stimmt. Oh, da fällt mir noch et­was ein. Hat man ir­gend­ei­ne Spur von Oz­zy ge­fun­den?«

»Nichts.«

»Ich mag ihn gern. Ich muß ihn fin­den und …«

»Wenn er der Zau­be­rer ist, für den ich ihn hal­te, dann bleibt er nur da oben, weil es ihm be­hagt.«

»Ich weiß nicht recht. Auch die Ma­gie hat ih­re Fall­stri­cke. Ich spre­che aus ei­ge­ner Er­fah­rung. Ich wer­de al­les für den al­ten Fran­sen­bart-Kol­le­gen tun, was in mei­ner Macht steht.«

»Viel Glück. Soll ich Ih­ren nächs­ten Be­such her­ein­las­sen?«

»Wer ist es?«

»Ih­re Se­kre­tä­rin. Sie ist zwei­fel­los streng dienst­lich ge­kom­men.«

Fer­gus ver­schwand dis­kret, nach­dem er Emi­ly ein­ge­las­sen hat­te. Sie ging zum Bett und griff nach Wolfs Hand. Sei­ne Au­gen nah­men ih­re ru­hi­ge, be­zau­bernd ein­fa­che Er­schei­nung auf, wäh­rend sein Ver­stand sich frag­te, wel­cher Gril­le ei­ner zu­rück­ge­blie­be­nen Ent­wick­lung er es zu ver­dan­ken hat­te, daß er den auf­dring­li­chen Rei­zen von Glo­ria der­ar­tig hat­te er­lie­gen kön­nen.

Lan­ge Zeit herrsch­te Schwei­gen. Dann sag­ten bei­de wie aus ei­nem Mun­de: »Wie soll ich dir dan­ken? Du hast mir das Le­ben ge­ret­tet.«

Wolf lach­te. »Wir wol­len dar­über nicht strei­ten. Laß uns ein­fach sa­gen, wir ha­ben un­ser bei­der Le­ben ge­ret­tet.«

»Ist das dein Ernst?« frag­te Emi­ly.

Wolf drück­te ih­re Hand. »Hast du es nicht satt, nur ei­ne Bü­ro-Frau zu sein?«

 

Im Ba­sar von Dar­jee­ling starr­te Chu­lun­dra Lin­ga­suta in stum­mem Er­stau­nen sein Seil an. Vor fünf Mi­nu­ten war der jun­ge Ali hin­auf­ge­klet­tert, aber als er jetzt her­un­ter­kam, war er hun­dert Pfund schwe­rer und trug einen selt­sa­men Fran­sen­bart.