12. Kapitel
Freitag, 3. September 2004. Der Tag der Verdammnis und Erhörung.
Der Rest ist nur sehr schwer zu beschreiben. Ich versuchte es dennoch, am Freitag früh gegen 2 Uhr, als ich völlig verrußt und verdreckt vor Hannas Tür stand.
Sie hatte schon von dem Desaster gehört und auf mich gewartet. Feuerwehren aus dem gesamten Umkreis waren unterwegs, Polizei, Blaulicht, Sirenen, ganz Weimar stand unter Schock. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, die Berichterstatter überschlugen sich.
Ich stand vor ihrer Tür, unfähig, mich zu bewegen, in einer Art Schockstarre. Hanna zog mich herein, schob mich unter die Dusche, brachte mir frische Kleidung, zum Teil von ihrem Vater, briet mir ein Spiegelei, das ich aber nicht hinunterbekam, öffnete mir eine Flasche Bier, selbst die konnte ich nicht ertragen, nur ein Glas Wasser und ein Stück trockenes Brot.
Langsam, ganz langsam begann ich zu erzählen, von der großen, grauen Rauchsäule, von den Flammen, die aus dem Dach herausschlugen, von Dr. Knoche, der mit seinem Fahrrad die Ackerwand herunterkam und wie paralysiert vor der brennenden Bibliothek stand, von den vielen Feuerwehrleuten, die verzweifelt versuchten, das Gebäude zu retten, von den Hunderten von Helfern, die viele, viele Bücher in Sicherheit gebracht hatten, diese zunächst auf die Straße gelegt hatten, bis Albert Busche dann auf die Idee gekommen war, das unterirdische Archiv zu öffnen und die Bücher sofort dorthin zu bringen, mit Menschenketten, die Buch um Buch weiterreichten, von den vielen Weimarer Bürgern, die draußen standen, helfen wollten, aber nicht konnten, denen die Betroffenheit ins Gesicht geschrieben stand, die täglich eher unachtsam an der Bibliothek vorbeigegangen waren, sich nun aber in einer kaum erlebten Solidarität um das Erbe Anna Amalias, Carl Augusts und Goethes sorgten.
Und natürlich erzählte ich Hanna von dem Moment, als ich Albert Busche am Kragen packte und ihn anschrie, dass wir jetzt sofort nach BB618c suchen müssten, das sei lebenswichtig für mich. Noch vor zwei Tagen hätte er mir mit einem wohldosierten Schwall thüringischer Schimpfwörter geantwortet. Nicht so in dieser Nacht. Er gab mir lediglich ein Zeichen und ging wortlos voran, durch Rauchschwaden und Löschwasserfontänen bis in den Rokokosaal, eine schmale Treppe hinauf zur ersten Galerie. Feuerwehrleute mahnten lautstark, das sei zu gefährlich, wir sollten da herunterkommen, Busche winkte nur verächtlich ab. Von oben fielen bereits Teile der Dachkonstruktion herunter, brennende Holzbalken, zum Glück nur in der Mitte des Saals. Von der ersten Galerie aus blickte ich in den verrußten Innenraum. Fast alle wertvollen Gemälde und Büsten waren bereits hinausgetragen worden, es sah gespenstisch aus. Busche brüllte mich an, wir hätten keine Zeit mehr, ich folgte ihm, er fand das Regal. Es stand in Flammen. Die Kartons rundherum: Alles brannte lichterloh. Ich wollte verzweifelt nach einem der Kartons greifen, mit bloßen Händen, aber Busche zog mich weg und gab mir eine Ohrfeige. Später würde er vielleicht einmal sagen, dass er sich darauf schon lange gefreut hatte, in diesem Moment war es aber nicht mehr als eine Zweckhandlung. Ich folgte ihm taumelnd nach unten, und wir retteten uns irgendwie durch den Hintereingang nach draußen in den Ilmpark. Busche bugsierte mich unter einen großen Baum und meinte, ich solle hier warten und mich ausruhen, er müsse sich um die anderen Bücher kümmern. Ich nickte geistesabwesend. In Gedanken sehe ich noch genau sein Gesicht, schwarz von Ruß. Und am Ende blieb die Erkenntnis, dass BB618c für immer verloren war.
Wie konnten Hanna und ich diese Situation ertragen? Die Last der verlorenen Hoffnung. Dazu den Tod der Mutter vor Augen, die Schwester, eben noch gewonnen, nun vielleicht wieder verloren. Und den Tod des Vaters noch nicht vollends wahrgenommen, geschweige denn verarbeitet. Onkel Leos Bild des Urvertrauens kam mir wieder in den Sinn. Nur so konnte es gehen: Vertrauen in uns selbst. Aber es war schwierig, in dieser Nacht etwas Positives zu finden. Meine Gedanken kreisten in solcher Situation oft um Bilder aus der Jugendzeit. Offenbach, meine Eltern, meine Freunde, meine Schule. Eine Lehrerin, Frau Janke, sie hatte oft gesagt: ›Auf der Suche nach den Dornen findet man keine Blüten.‹ Aber wo waren die Blüten? Immerhin war geklärt worden, wie unsere Fingerabdrücke in Balows Wohnung gekommen waren, gut. Das Misstrauen zwischen Siggi und mir war ausgeräumt, sehr gut. Gar nicht so wenige Blüten. Und – das Wichtigste: Hanna und ich hatten uns wiedergefunden, hatten das gegenseitige Urvertrauen wiederentdeckt – eine wunderschöne, leuchtende Blüte.
Während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, hatte ich mich auf den längeren Teil der Eckbank in Büchlers Küche gesetzt. Ich dachte noch, Hanna hätte irgendetwas gesagt. Aber ich konnte es nicht mehr hören, denn ich lehnte mich zur Seite und schlief ein.
Viele meiner Freunde wissen, dass ich ein Spezialist für vergessene Verabredungen bin. Was die meisten jedoch nicht wissen: Ich bin auch ein Spezialist für Albträume. Grausame Albträume. Ein Schlafforscher am Uniklinikum Frankfurt hatte mir einmal erklärt, dass Albträume vorwiegend in der zweiten Nachthälfte auftreten, in den sogenannten REM-Phasen, und dass diese unverarbeitetes Tagesgeschehen, Stresssituationen oder psychische Probleme aufarbeiten. Oft stehe ich dann am Rande einer hohen Felswand, nachts, hinter mir dunkler Wald, unter mir ein kleines, erleuchtetes Dorf, das sehr gemütlich aussieht, das mich magisch anzieht. Dann breite ich meine Arme aus und … Ich hörte ein Geräusch. Eine Art Kratzen. Ich wusste sofort, dass es nicht zu meinem Albtraum gehörte. Ich kannte diesen Traum, hatte ihn schon viele Male geträumt. Noch nie hatte es darin irgendein Geräusch gegeben.
Sofort war ich wach. Es dauerte einen Moment, bis ich wusste, wo ich mich befand: in Büchlers Küche. Ein Tier? Draußen war es noch dunkel. Ich streifte vorsichtig die Decke ab, die Hanna über mich gelegt hatte. Wieder dieses Kratzen. Es kam aus Richtung der Terrasse. Von Büchlers Küche gelangte man durch eine breite Flügeltür direkt nach draußen. Ich hob vorsichtig den Kopf. Nichts. Die Tür war geschlossen. Ich setzte mich und starrte durch die Glasscheibe nach draußen, bemüht, etwas zu erkennen. War da eine Bewegung? Nein.
Doch. Ein dunkler Schatten. Eine schwarze Hand.
Gedanken schossen mir durch den Kopf. Waffe. Telefon. Polizei. Hanna …
Die schwarze Hand schien durch die Scheibe zu greifen und öffnete von innen die Verriegelung. So etwas gibt es doch nur im Traum. Als ein großer, schmaler, menschlicher Schatten hinter der Scheibe erschien, war mir endgültig klar, dass dies Realität war. Langsam schwang die Tür auf.
Ich musste etwas tun. Ich sah mich um. Die Messer waren zu weit entfernt. Flucht? Schaffte ich den Weg bis zur Flurtür? Vor mir auf dem Küchentisch stand die Flasche Bier, die ich vergangene Nacht verschmäht hatte. Ich konnte nicht mehr warten, musste etwas tun.
Ich griff die Flasche fest am Hals. Der Eindringling rechnete offensichtlich nicht damit, dass sich jemand in der Küche aufhielt. Das war mein Vorteil. Ich holte blitzschnell aus und schleuderte die Bierflasche, so kraftvoll es ging, gegen den großen Schatten.
Der Mann war wendig. Er duckte sich weg und die Flasche flog mit einem Riesenknall in die Scheibe. Dann ging alles sehr schnell. Ich schoss hoch und wollte mich in Richtung Flur in Sicherheit bringen. Kaum hatte ich die Küchentür aufgerissen, stieß ich mit Hanna zusammen.
»Weg hier!«, schrie ich.
Sie stieß einen spitzen Schrei aus, ich rannte sie fast um, es gelang mir aber noch, die Küchentür zuzustoßen und den Schlüssel umzudrehen.
Wir hielten uns in den Armen, lehnten im Flur an der Wand und wagten kaum, Luft zu holen. Aus der Küche waren keine Geräusche zu hören. Was hatte er vor?
»Geh ins Schlafzimmer zu deiner Mutter«, flüsterte ich. Meine Stimme zitterte. »Schließ Tür und Fenster und rühr dich nicht!«
»Hendrik?«
»Bitte geh!«
Hanna löste sich widerwillig aus meiner Umarmung und ging in Richtung Schlafzimmer. Im Dunkel sah ich noch, wie sie etwas von der Kommode im Flur nahm.
»Nun mach schon!«, presste ich hervor. Hoffentlich hatte Hannas Mutter nichts mitbekommen.
Ich schlich zur Haustür. Nichts zu hören, nichts zu sehen. Ah – die Kellertür! Wie ein Besessener rannte ich zum anderen Ende des Flurs und horchte durch die Tür in den Keller hinein. Alles ruhig. Vorsichtig, ohne ein Geräusch zu verursachen, drehte ich den Schlüssel herum. Geschafft.
Ich wartete. Ich horchte. Ich zitterte. Meine einzige Verteidigungswaffe bestand aus einem Besenstiel, der im Flur darauf wartete, einen alten Stiel im Keller zu ersetzen. Aber was konnte man mit einem einfachen Besenstiel schon anfangen? Ich stand im Flur und lauschte. In solch einer Situation kann man kaum sagen, wie schnell die Zeit vergeht. Sekunden, Minuten und Stunden werden zu einer grauen, klumpigen Knetmasse. Wollte der Mann überhaupt noch einmal ins Haus eindringen? Schließlich wusste er ja nun, dass er erwartet wurde. Und was wollte er eigentlich?
Dann hörte ich wieder dieses Kratzen. Woher kam es? Schwer zu orten … von oben. Verdammt, er kam über den Balkon im ersten Stock!
Im selben Moment hörte ich Stimmen aus dem Garten: »Polizei, bleiben Sie stehen!« Es fiel ein Schuss. Dann war Ruhe.
Ohne dass ich sie bemerkt hatte, stand Hanna neben mir im Flur. Sie hatte sich den Bademantel ihres Vaters übergeworfen. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern. Von draußen kamen Schritte über die Terrasse.
»Hendrik?«
Diese Stimme kannte ich. »Hier sind wir, Siggi!«
Ich öffnete die Küchentür und schaltete das Licht ein.
»Mann, Siggi, sind wir froh, dich zu sehen!«
»Verdammter Mist«, fluchte Siggi, »er ist uns entwischt!«
Hinter ihm tauchten mehrere Kollegen auf. Hanna zitterte am ganzen Körper. »Ich sehe mal nach Mutter.«
Auch ich musste mich erst wieder fangen. Siggi telefonierte mit der Spurensicherung. Hanna kam zurück, sie lächelte: »Mutter schläft fest, sie hat von alldem nichts gehört. Ihre Atmung ist ruhig, es scheint ihr besser zu gehen.« Ich nickte ihr erleichtert zu. Sie begann, Kaffee zu kochen.
Siggi setzte sich auf die Eckbank.
Ich war zu nervös, wollte lieber stehen bleiben. »Wie kommt ihr eigentlich hierher?«, fragte ich Siggi.
Er sah mich erstaunt an. »Ihr habt doch die Notrufzentrale angerufen!«
Hanna. Das Telefon auf der Kommode im Flur. Sie hatte nichts gesagt, typisch Hanna, ich nahm dankbar ihre Hand. Die Kaffeemaschine blubberte vor sich hin. Ich bekam Sehnsucht nach einem Espresso.
»Das war offensichtlich der Mörder«, sagte Siggi, »er hat dich gesucht.«
»Er braucht sich keine Sorgen mehr zu machen«, sagte ich, »der wichtigste Hinweis auf den Täter ist gestern Abend in der Anna Amalia Bibliothek verbrannt.«
»Tatsächlich? Dieses BB618c-Dokument? Woher weißt du das?«
Ich erklärte Siggi kurz den Sachverhalt.
»Vorausgesetzt, er weiß das«, meinte Siggi.
»Der weiß doch alles.« Ich war frustriert.
»Auf jeden Fall wirst du ihm zu gefährlich, Hendrik!«
»Meinst du? »
»Na klar! Überleg doch mal, was der vorhin hier wollte? Dich freundlich wecken, oder was denkst du?«
Ich sah ihn fragend an.
»Dann schau mal, hier.« Seine Stimme bebte leicht. Er öffnete behutsam mit dem Ellenbogen die Terrassentür. »Vorsicht, nichts anfassen und nirgends drauftreten, schau nur mal durch die Tür, da rechts!« Er zeigte auf einen seltsamen Gegenstand, der auf der Terrasse neben einem Stuhl lag.
Erst beim näheren Hinschauen erkannte ich es: ein Handschuh. Es war jedoch kein normaler Handschuh, sondern einer aus Metall.
»Einer der Kollegen meint, das sei ein Kettenhandschuh«, sagte Siggi, »wird in Schlachtbetrieben genutzt beim Ausbeinen, um die Hände zu schützen. Er hatte mal einen Fall im Schlachthof Erfurt.«
Unwillkürlich zog sich mein Hals zusammen. Ich versuchte zu schlucken, aber es funktionierte nicht.
»Danke«, presste ich hervor.
»Schon gut, ist ja mein Job. Mir wäre es noch viel lieber gewesen, wir hätten ihn erwischt. Der Mann ist extrem schnell und wendig. Und er hatte Glück. Meine Kugel hat den Kirschbaum getroffen. Dann ist er da hinten im Gebüsch untergetaucht, Richtung Silberblick.«
Ich versuchte, etwas kaltes Wasser zu trinken, aber mein Hals war immer noch wie zugeschnürt.
Hanna hatte den Kettenhandschuh zum Glück nicht gesehen. Sie verteilte Kaffee. »Übrigens, Hendrik, mir ist heute Nacht etwas eingefallen. Der Vortrag zur Steinkunde von diesem Herrn …«
»Schwabe.«
»… genau, der wurde doch in Jena gehalten, oder?«
»Ja.«
»Es wäre doch gut möglich, dass die Uni davon eine Kopie hat?«
»Hmm, wäre möglich, aber solch ein spezielles Thema, ich weiß nicht …«
»Wenn überhaupt, dann muss es schnell gehen«, sagte Siggi, »kennst du jemanden an der Uni?«
»Nein, niemanden.«
»Knoche?«, fragte Hanna.
»Ach, du liebe Zeit, der hat jetzt anderes im Sinn. Seine Bibliothek ist abgebrannt.«
»Sonst jemand? Bitte, Hendrik, überleg noch mal …«
Ich setzte mich auf. »Jasmin!«
»Jasmin?«
»Ja, Bennos Nichte aus Umpferstedt, seine Patentochter, sie arbeitet in der Jenaer Unibibliothek, die könnten wir fragen …«
Während ich sprach, hatte ich bereits mein altes, graues Handy herausgezogen und wählte. Benno meldete sich schlaftrunken und meinte, ich solle mal auf die Uhr schauen. Ich tat, wie mir geheißen: kurz vor sechs. Es war schon so viel passiert an diesem Morgen, dass ich mich bereits viel weiter im Tag fortgeschritten wähnte. Ich entschuldigte mich mit dem galanten Hinweis, dass ich auf solch profane Umstände heute leider keine Rücksicht nehmen könne, und fragte ihn nach seiner Nichte aus Umpferstedt. Jasmin, wie heißt die noch weiter, wollte ich wissen …, ja richtig, Jasmin Birken. Sie arbeitet doch in der Unibibliothek Jena, oder? Genau, sie muss mir helfen, bitte ruf sie an, ich muss dorthin, unbedingt, ganz schnell. Benno beschwor mich, bis 9 Uhr stillzuhalten, vorher sei die Bibliothek in Jena sowieso nicht geöffnet, und sicherheitshalber, damit ich keinen Unsinn mache, wolle er mich begleiten. Tschüss, bis später.
Warten. Nicht gerade meine Stärke. Fast drei Stunden lang. Und immer noch kein Espresso. Die Kollegen von der Spurensicherung kamen, Siggi gab ihnen Anweisungen. Wir mussten die Küche verlassen und kümmerten uns beide um Hannas Mutter. Es schien ihr tatsächlich besser zu gehen. Als wir sie versorgt hatten und sie wieder eingeschlafen war, saßen wir Hand in Hand an ihrem Bett. Die Bilder von gestern Abend gingen mir wieder und wieder durch den Kopf. Und ein bestimmtes Bild drang ganz intensiv in mein Gedächtnis: die Menschenmenge vor der brennenden Bibliothek, mitten dazwischen Karola – ein Mann neben ihr, den Arm um ihre Schulter gelegt. Karolas Gesicht tauchte völlig klar in meiner Erinnerung auf, das Gesicht des Mannes aber war verschwommen. Nur eines blieb haften: Der Mann trug ein grünes Hemd. Sollte ich das Hanna sagen?
»Hendrik, der Mann wollte dich umbringen, stimmt’s?«
Ich nahm sie in den Arm. »Ja, sieht so aus. Zum Glück habe ich ein paar gute Freunde.«
»Und einen Schutzengel, wenn du nicht zufällig in der Küche geschlafen hättest …«
»Ja.« Mehr brachte ich nicht heraus.
»Du siehst ziemlich mitgenommen aus«, meinte Hanna. Sie strich mir ein paar Falten auf der Stirn glatt.
»Und ich habe das Gefühl, dass sich das heute nicht mehr ändern wird. Vielleicht ist heute der Tag der Entscheidung.«
Hanna sah mich unsicher an.
»Hast du etwas von Karola gehört?«, fragte ich.
»Nein, noch nichts.«
Es klopfte. Siggi bat mich, in die Küche zu kommen. Die Kriminaltechniker hatten festgestellt, dass der Mörder die Scheibe mit einem Gummisauger festgehalten und dann rundherum mit einem Glasschneider herausgeschnitten hatte. So konnte er die Terrassentür entriegeln und nahezu geräuschlos in die Wohnung gelangen. Profiarbeit, konstatierten sie.
»Ich habe telefoniert, wir sind wieder zwei Schritte weiter«, sagte Siggi, »ich weiß aber noch nicht, wie ich das einordnen soll.« Er nahm einen Schluck Kaffee. »Daniel Baumert war mehrere Jahre mit einer Claudia Holzgrewe liiert. Sie wohnten zusammen in Frankfurt am Main. Vor ein paar Monaten haben sie sich getrennt, er kam zurück nach Weimar. Letzte Woche hat sich Claudia Holzgrewe das Leben genommen, sie wurde am Montag in Frankfurt beerdigt.«
Meine Gedanken rotierten. »Am Montag? Aha. Weißt du, auf welchem Friedhof?«
Siggi zog das Spanngummi von seinem kleinen, schwarzen Notizbuch. »Um 15 Uhr auf einem … Waldfriedhof Oberrad.«
Eine Gänsehaut überzog meine Arme. Mein Gehirnspeicher drohte überzulaufen. Ich musste jetzt abwarten, alles ordnen und verarbeiten. »Gut, weiter?«
»Hans Gegenroth, er war fünf Jahre an der Waldschlösschen-Schule, danach am Gutenberg-Gymnasium in Weimar. Wir haben in mühsamer Kleinarbeit geprüft, wer seine Schüler waren und ob die irgendetwas mit unseren Fällen zu tun haben. Sabine Grüner und Daniel Baumert sind nicht ans Gymnasium gewechselt, aber Rico Grüner.«
»Okay, und was bedeutet das nun?«
»Bis jetzt noch gar nichts, keiner am Gutenberg-Gymnasium kann sich erinnern, wie das Verhältnis der beiden war. Meininger bleibt am Ball.«
»Schon wieder Meininger?«
»Na, bitte, Hendrik, ich muss mit den Leuten arbeiten, die ich habe, du hast dir diesen Busche auch nicht ausgesucht.«
»Ja, nein. Oder vielleicht doch.«
»Wie bitte?«
»Ach nichts, ich muss wieder zu Hanna.«
»Okay, ich fahre ins Büro, sag mir sofort Bescheid, wenn ihr das Dokument in Jena finden solltet. Und lasst die Terrassentür heute noch reparieren!«
Hanna saß wieder bei ihrer schlafenden Mutter.
»Sie wird kaum noch wach«, meinte sie, »aber wenigstens atmet sie ruhiger.«
Ich nahm behutsam ihre Hand.
»Das Alter ist nicht schön«, sagte Hanna, »aber trotzdem ruhig und beständig. In sich gekehrt. Auf das Wesentliche konzentriert.«
»Goethe hat sich auch Gedanken über das Alter gemacht.«
Sie lächelte. »Dem ist wohl zu allem etwas eingefallen.«
»Das kann man wohl sagen, und zwar in Worten, die uns bekannt vorkommen, obwohl wir sie noch nie gehört haben, die klingen wie unsere eigenen Worte, obwohl wir sie nie ausgesprochen haben:
Das Alter ist ein höflich Mann:
Einmal übers andre klopft er an,
Aber nun sagt niemand: Herein!
Und vor der Türe will er nicht sein.
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell,
Und nun heißts, er sei ein grober Gesell.«
Hanna sah mich erstaunt an. »Das stimmt. Mutter hat ihn nie hereinlassen wollen, den Altersmann. Doch nun ist er mit Macht eingetreten.«
In Frau Büchlers Schlafzimmer stand ein großer Korbsessel, ich ließ mich hineinfallen und schlief binnen Sekunden ein. Hanna wachte über uns beide.
Als Dr. Gründlich eintraf, war es bereits 8.30 Uhr. Langsam rappelte ich mich auf. Der Arzt sah mich immer noch mit einem deutlichen Missbehagen an, sagte aber nichts. Mit seiner Patientin war er sehr zufrieden. Das neue Medikament schien zu wirken. Er erklärte Hanna, dass er heute nicht mehr kommen könne, weil er an einem Halbmarathon in Erfurt teilnahm. Damit verschwand er.
Vor dem Haus ertönte ein dreifaches Hupen. Benno. Ich gab Hanna einen Kuss, schnappte meine Jacke und lief hinaus. Es war kühler geworden, dicke schwarze Wolken zogen vorüber. Benno drehte vor dem ehemaligen Haus meiner Großeltern, um in Richtung Stadtmitte zurückzufahren. Ich vermied den Anblick dieses vertrauten Hauses, denn er machte mich traurig. Als Großmutter Ende der 70er-Jahre nach Großvaters Tod zu uns in den Westen kam, schenkte sie das Haus ihrem Bruder. Er hatte nichts Besseres zu tun, als es zu verkaufen. Darf man ein Geschenk verkaufen? Ich weiß es nicht. Das Schlimmste jedoch war, dass ich erst davon erfuhr, als es schon zu spät war. Somit hatte ich keine Chance, das Haus für unsere Familie zu retten, besser gesagt: für mich zu retten. Dieses Haus, in dem ich fast alle meine Sommerferien verbracht hatte, in dem ich zwischen Himbeeren und Stachelbeeren Jugendträume von Indianern, Piraten und bildschönen Mädchen geträumt hatte. Dieses Haus, das Ausgangspunkt vieler wunderschöner Fahrten mit meinen Großeltern durch den Thüringer Wald, zum Hohenfelder Stausee, zum Kyffhäuser und den Dornburger Schlössern war. Eingebrannt in mein Gedächtnis, nie wieder zu löschen.
»Ich habe bereits mit Jasmin telefoniert«, sagte Benno und gab Gas, »wir holen sie in Umpferstedt ab, liegt ja auf dem Weg.«
Benno nahm den Stadtring und umfuhr die Innenstadt auf der nordwestlichen Route, da der gesamte Bereich um das Schloss wegen des Brandes gesperrt war. Er hätte sicher gerne mit mir über die beschädigte Anna Amalia Bibliothek gesprochen, seine Folgerungen und meine Einschätzung. Aber er merkte, dass es nicht der richtige Augenblick war. In solchen Dingen konnte er sehr sensibel sein. Wir brausten die Jenaer Straße entlang, den Lindenberg hinauf, vorbei am Süßenborner Einkaufsgebiet. Ein paar Minuten später hatten wir Umpferstedt erreicht. Jasmin wartete bereits vor der Tankstelle an der großen Kreuzung zum Autobahnabzweig.
»Morgen!«, brummelte sie, »das muss ja was Wichtiges sein!«
»Ja, sehr wichtig«, antwortete ich.
Sie musterte mich erstaunt und schwieg. Wir kannten uns flüchtig. Wie man sich in der entfernten Verwandtschaft eben so kennt. Eine jugendliche Endzwanzigerin mit Piercing und Kaugummi und ein leicht verschrobener Wessi-Onkel.
Eingangs Jena wurde meine Laune etwas besser. Ich erklärte Jasmin, um was es ging: um meine Rettung. Und um Hannas Rettung. Sie hörte schlagartig auf, ihr Kaugummi zu malträtieren. Ich gab ihr einen Zettel mit dem Titel des Schwabe-Vortrags über die Steinkunde.
»Datum, ungefähr?«, fragte sie.
»1825«, antwortete ich, ohne zu zögern.
Sie machte eine anerkennende Kopfbewegung. »Hört mal, Jungs …«, sie sprach immer so mit älteren Herren, »ich habe noch nicht gefrühstückt, wegen eurer dringenden Sache hier. In unserer Cafeteria gibt es einen Super-Espresso, den brauch ich vorher, sonst kann ich nicht denken, klaro?«
Benno grinste, während er auf den Parkplatz vor der Universitätsbibliothek einbog. »Klaro!«
»Null Problemo!«, fügte ich an.
Der Espresso war wirklich gut, und meine Laune verbesserte sich zusehends. Jasmin führte uns in den Lesesaal. »Mit der Anna Amalia, das is ja ’n Hammer!«, meinte sie.
»Kann man so sagen, deswegen sind wir ja hier. Der Schwabe-Vortrag ist mit verbrannt.«
»Ach, du Scheiße!«, rief sie in den Lesesaal hinein. Einige Köpfe gingen hoch. Die Aufsichtsperson, eine ältere Dame mit einer Hochsteckfrisur, kam prompt auf uns zu.
»Jasmin!«, zischte sie, »wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass hier Ruhe herrschen muss …«
»Ja, Frau Meineke, hier die Jungs, also, ich meine die beiden Herren sind aus Weimar, sie suchen ein wichtiges Dokument, das in der Anna Amalia verbrannt ist. Das ist Stadtrat Kessler, zuständig für Kultur und Bildung.«
Frau Meineke hob die Augenbrauen. »Guten Morgen, Herr Stadtrat, ich bin die Bibliotheksdirektorin!«
»Angenehm, Frau Direktor!«
»Und das ist Herr Wilmut«, sagte Jasmin schnell, »Sie wissen schon, der Goethe-Wilmut.«
Frau Meineke setzte ein breites Grinsen auf. »Herr Dr. Wilmut, freut mich außerordentlich …«
»Danke, Frau Meineke, wir haben es leider eilig, das Dokument, Sie wissen schon …«
»Gut, gut, dann müssen Sie mich aber später mal auf einen Kaffee einladen und wir diskutieren über Goethe, nicht wahr?«
»Gern, Frau Meineke!«
Sie drehte sich galant um und ging zurück zu ihrem Aufsichtsplatz. Jasmin hatte sich bereits an einen PC-Arbeitsplatz gesetzt und klimperte sicher und behände auf den Tasten herum. Mein Zettel lag neben ihr. Sie drückte effektvoll die Entertaste und lehnte sich zurück. »Jetzt müssen wir warten. Wenn eine grüne Meldung erscheint, ist das Dokument hier im Archiv. Wenn eine rote Meldung kommt, ist es nicht archiviert.«
Das EDV-System arbeitete. Bitte warten.
»Theoretisch könnte noch eine orange Meldung auftauchen, dann wäre das Buch ausgeliehen, aber solche historischen Dinger werden nicht außer Haus gegeben, höchstens in den Lesesaal.«
Bing, ein Fenster öffnete sich. Das Fenster war grün.
Ich hätte meine Freude beinahe in den Lesesaal hineingeschrien, dachte aber sofort an Frau Meineke. Benno schlug mir auf die Schulter, Jasmin klatschte meine Handfläche ab wie die Amerikaner. Give me five. Erinnerungen an meine Zeit beim Goethe-Institut in Boston.
Jasmin gab noch einige Befehle ein, dann sagte sie: »Ich gehe ins Archiv und hole es selbst. Am besten mache ich gleich eine Kopie, sind nur zehn Seiten, dann könnt ihr die mitnehmen. Espresso in der Zwischenzeit?«
Zu dem zweiten Espresso gab es ein Schinkenbrötchen. »Nicht schlecht, das Mädel«, sagte ich kauend.
»Ist ja auch mein Patenkind!«
»Na, dann …«
Ich berichtete Benno in schnellen Worten von der Brandnacht. Kurz und bündig. Kompakt und emotionslos. Anders hätte ich es nicht geschafft. Bevor ich zu dem nächtlichen Mordanschlag in der Humboldtstraße kam, flog die Tür der Cafeteria auf.
»Hier, Jungs, die Kopien!«
Ich riss sie ihr aus der Hand. Mein Espresso fiel um. Egal. Langsam lesen. Wirken lassen. Wo könnte etwas Verborgenes stehen? Benno wischte den verschütteten Espresso auf.
Ich fand es auf der dritten Seite. Schwabe zitierte Goethe. Er zitierte den Altmeister, damals, 1825, bereits überall bekannt, inzwischen 76 Jahre alt, also eine gute Quelle bei der ›Großherzoglichen Societät für die gesamte Mineralogie‹. Und in dem Goethe-Zitat ging es tatsächlich um den Amazonit. Hier musste die Lösung zu finden sein:
»Dieses Gestein namens Amazonit ist nicht blau noch grün zu nennen. Erscheint es dem Betrachter zu einem Momente grün, so leuchtet es Augenblicke später blauer als grün. Meint der geneigte Beobachter, es sei blau, so erkennt er in kurzer Zeit: es ist grüner als blau.«
»Es ist Grüner«, sagte ich leise.
Benno und Jasmin sahen mich verständnislos an.
»Es ist Grüner. Rico Grüner. Er ist der Mörder!«
»Bist du sicher?«, fragte Benno. Jasmin sah plötzlich ziemlich blass aus.
»Ja, ich bin sicher. Wir haben ihn unter Druck gesetzt, er hat reagiert, und das ist sein Zeichen. Sein Rätsel, das er mir aus unerfindlichen Gründen als letzten Ausweg gestellt hat. Er hat aber nicht damit gerechnet, dass ich es lösen würde. Ja, ganz bestimmt, er ist es. Ich muss Siggi anrufen!«
»Moment mal …« Jasmin schien ziemlich aufgeregt zu sein, »ihr meint doch nicht etwa den Rico Grüner, der mal in Tiefurt gewohnt hat?«
Mir blieb für einen Moment der Mund offen stehen. »Doch, genau den meine ich.«
Jasmin setzte sich. »Mir ist schlecht.«
»Wasser?«, fragte ihr Patenonkel fürsorglich. Sie nickte mühsam.
»Komm, Jasmin«, drängte ich, »raus damit, woher kennst du Rico?«
Benno kam mit dem Wasser, sie trank.
»Vom Gutenberg-Gymnasium, ich war zwei Klassen unter ihm, er hat mich … na ja …«
»Angebaggert?«
»Genau. Erst fand ich das toll, ein Junge aus der Oberstufe, ihr wisst schon. Wir gingen eine Weile miteinander. Dann wurde er immer zudringlicher, ich war noch nicht so weit …«
»Schon verstanden«, sagte Benno.
»Er war beleidigt, betrachtete es wohl als Ablehnung. Dann starb seine Mutter, das war schlimm für ihn. Sie war selbst Krankenschwester, half aber auch nichts. Seinen Vater konnte man eh abschreiben, voll der Alki. Nur seine Schwester war ganz in Ordnung. Sabine. Kurz darauf ist sie in den Hohenfelder Stausee gesprungen, kopfüber, querschnittsgelähmt.«
Sie schluckte. Ich forderte sie mit einer Handbewegung auf weiterzusprechen.
»Danach wurde Rico immer seltsamer, er war kaum noch auszuhalten, interessierte sich nur noch für seinen komischen japanischen Sport, verlor seine Arbeit, die Kunden hatten sich beschwert. Das sei aber nicht so schlimm, meinte er. Er würde studieren, Elektrotechnik oder so was. Da hat er sich richtig drin verbissen in die Idee. Aber er hat’s nicht geschafft. Irgendjemand sollte ihm dabei helfen, keine Ahnung, wer, er hat jahrelang auf den gewartet. War wohl ein Hirngespinst. Dann ist er aus Tiefurt weggezogen. So ein Blödsinn, wollte eine eigene Wohnung haben, ohne Arbeit und ohne Geld, hat nur noch Ravioli aus der Dose gegessen seitdem, da habe ich mich von ihm getrennt.«
Eine ganz dunkle Ahnung stieg in mir hoch. Meine Magenmühle drehte sich auf Hochtouren. »Sag mal, Jasmin, kennst du seine neue Adresse?«
»Nee, keinen blassen Dunst!«
»Und noch etwas, war Ricos Lieblingsfarbe zufällig Grün?«
Benno ging dazwischen: »Na, komm, Hendrik, jetzt fang nicht wieder mit deinem komischen Grün an!«
Jasmin starrte mich an. »Rico ist ein Grün-Fetischist. Woher weißt du das? Kennst du ihn?«
»Der Job, den er damals verloren hat, was für ein Job war das?«, fragte ich.
»Er war im Telekom-Shop in der Schillerstraße, hat dort Telefone verkauft, hauptsächlich Handys, nun sag schon, woher kennst du ihn?«
Ich hob die Hand. Kurze Auszeit. Tief durchatmen.
»Ich bin derjenige, der ihm helfen wollte, einen Studienplatz zu finden.«
»Was, du bist das?«
»Ich denke schon. Hatte er damals grüne Haare und ein grünes Handy?«
»Mann, du bist das tatsächlich! Zeig mal dein Handy …«
Ich zog mein altes graues Mobiltelefon aus der Tasche.
»Genau, er sagte immer, der große Unbekannte hat graue Haare und ein graues Handy. Hast du ihn denn vergessen oder was?«
Ich nickte betreten. »Ja, vergessen.«
Wir starrten alle drei vor uns hin.
»Er hatte aber meine Visitenkarte, Telefonnummer und alles …«, sagte ich.
»Davon hat er nie was erzählt.«
»Ich kannte nicht einmal seinen Namen«, sagte ich, »wusste nur, wo er arbeitet … aber egal: Ich hab ihn vergessen.«
Benno wurde unruhig: »Passt auf, Leute, lasst mal bitte die alten Geschichten, wir müssen uns um das Heute kümmern. Jetzt wissen wir, warum er Hendrik umbringen wollte, aber hat er nicht auch einen Grund, Jasmin umzubringen?«
»Ich habe es geahnt, es würde irgendwann total schiefgehen mit uns …«, Tränen liefen ihr die Wangen herunter. »Hilfst du mir, Onkel Benno?«
Er nahm sie in den Arm. »Natürlich helfe ich dir, Jasmin, keine Sorge, und Hendrik hilft dir auch. Ihr sitzt ja im gleichen Boot, und dann haben wir noch Siggi und die ganze Polizei …«
»… und Hanna, Onkel Leo, Sophie und einen Rechtsanwalt, Dr. Franke, die helfen uns alle!« Alle Freunde und Unterstützer mal aufzuzählen, hatte mir auch geholfen.
Sie wischte sich die Tränen weg. »Ich hab hier noch was mitgebracht, die Liste der Personen, die dieses Dokument zuletzt in der Lesesaal-Ausleihe hatten.«
»Mensch, Jasmin, du bist ja ’ne Wucht!«
Zumindest ein leichtes Lächeln konnte ich damit auf ihr Gesicht zaubern. Ich ging die Namen durch. Es waren nicht viele, nur drei. Und einer fiel mir sofort auf: Jürgen Zöld.
Schlagartig war ich völlig klar im Kopf. »Pass auf, Jasmin, wir bringen dich vorsichtshalber zu Onkel Leo und Tante Gesa, die passen auf dich auf. Dann muss ich dringend zu Siggi, um ihm die neuen Informationen mitzuteilen. Er muss entscheiden, was nun zu tun ist.«
»Aber was ist hier, mit Frau Meineke?«, fragte Jasmin.
»Das übernimmst du besser«, meinte Benno in meine Richtung.
Frau Meineke war durch eine Einladung ins Café Resi schnell zu überzeugen. Benno rauschte los. Jasmin legte sich, wie ein Schutz suchendes kleines Tierchen zusammengerollt, auf den Rücksitz. Ihr Nasenpiercing sah heute seltsam unpassend aus. Ich telefonierte mit Siggi, berichtete ihm in aller Kürze von unseren Erkenntnissen und kündigte mein Eintreffen im Präsidium in etwa 30 Minuten an.
Wir fuhren den Lindenberg hinab, Benno bog rechts in die Webichtallee ein, dann links in die Tiefurter Allee und hielt vor dem Haus seiner Eltern. Jasmin fühlte sich bei Tante Gesa sichtlich wohl, ein Stück Streuselkuchen verstärkte dieses Gefühl. Natürlich fiel auch eines für mich ab. Tante Gesas Streuselkuchen war weltberühmt. Nebenbei berichtete Benno seinem Vater in Stichworten von den Geschehnissen des heutigen Tages. Sie beschlossen, dass Benno hierbleiben sollte, als funktioneller und psychologischer Schutzpatron für Jasmin. Er rief seine Sekretärin an und bat sie, alle seine heutigen Termine abzusagen oder zu verschieben.
»Musst du nicht los?«, fragte Benno.
»Ja, ja, Siggi wartet …« Ich schnappte meine Jacke und verließ das Haus, wobei ich sogar vergaß, Tante Gesa nach dem Namen Zöld zu fragen.
20 Minuten später saß ich im Konferenzraum des K1, zusammen mit Siggi, Meininger, Kriminalrat Lehnert – wie immer im dunklen Anzug – und zwei Kollegen von der Kriminaltechnik. Auf Lehnerts Wunsch berichtete ich im Detail von unseren Erkenntnissen aus Jena. Siggi hakte sofort nach. »Das heißt also, er hat es auf dich abgesehen, weil du vergessen hast, ihm einen Studienplatz zu vermitteln? Ist das wirklich ein Mordmotiv?«
»Unter normalen Umständen nicht. Aber wir müssen in Betracht ziehen, dass Rico Grüner zu dieser Zeit schwer angeschlagen war. Seine Mutter war gestorben, sein Vater sowieso abgeschrieben – schwerer Alkoholiker –, kurz darauf landete seine Schwester im Rollstuhl. Er wird arbeitslos. Sein ganzes Leben bricht zusammen. Er klammert sich wie ein Ertrinkender an diese eine Hoffnung: Da ist jemand, der ihm einen Ausweg bietet. Und dieser Jemand war ich. Aber ich habe das vollkommen unterschätzt, habe ihn nicht ernst genommen. Das muss ich zugeben.«
»Na gut, das kann jedem passieren.«
Ich hob unschlüssig die Hände. »Wenn man es extrem interpretiert, war das für ihn eine Art psychischer Terror, den er mir mit dem Mordverdacht in gleicher Art abgelten wollte: mit Psychoterror!«
»Das klingt plausibel, Herr Wilmut«, antwortete Kriminalrat Lehnert, »wenn wir diesen Gedanken weiter verfolgen, dann müssten wir bei den anderen Opfern auch einen Grund suchen, der mit der Tötungsart zusammenhängt.«
»Einen haben wir schon, Chef«, sagte Siggi, »Meininger hat inzwischen herausgefunden, dass Hans Gegenroth zwar ein guter, geduldiger und gerechter Lehrer war, dass es aber eine Ausnahme gab, und zwar während seiner Zeit am Gutenberg-Gymnasium, ein Schüler, der ihn ständig gereizt und provoziert hat. Infolgedessen wurde Gegenroth genau das, was er sonst nicht war: ungeduldig und ungerecht. Er nörgelte an ihm herum, hielt ihm ständig andere Schüler als Vorbild vor und redete sogar schlecht über ihn. Man könnte fast sagen, er …«
»… nahm ihm die Luft zum Atmen«, ergänzte Meininger.
Alle starrten ihn an. Punktlandung.
»Und dieser Schüler hieß Rico Grüner«, ergänzte Siggi, obwohl es dieser Ergänzung gar nicht mehr bedurft hätte. »Und das war noch nicht alles. Heute Vormittag war Frau Valentine hier.«
»Cindy?«, fragte ich erstaunt.
»Ja, Cindy Valentine. Sie hatte Rico Grüner nach deinem Auftritt Samstagnacht in der Brasserie das Versprechen abgenommen, dich nicht anzuzeigen. Später wurde sie unsicher und hat sich nochmals mit ihm getroffen, um dieses Versprechen erneuern zu lassen. Bei diesem Treffen in ihrer Wohnung hat er versucht, sie zu erpressen. So ganz nebenbei, beim Hinausgehen, im Hausflur, sie könnte doch sicher etwas für seine Schwester tun, eine Verlängerung des Stipendiums an der Musikhochschule zum Beispiel. Cindy wollte sich tatsächlich darauf einlassen, mit Rücksicht auf dich …«, er warf mir einen kurzen Blick zu, »als sie dann aber hörte, dass einer seiner Kumpel dich trotzdem angezeigt hatte, kam sie zu mir.«
Meininger meldete sich. »Das Interessante daran ist, dass Rico Grüner erneut versucht hat, Ausbildungsvorteile herauszuschlagen, genauso wie bei Ihnen, Herr Wilmut, Zeichen einer soliden Existenzangst. Und: Er hat sich sehr wohl um seine Schwester gekümmert, entgegen der Aussage der redseligen Rentnerin. Sabine ist schließlich seine letzte Familienangehörige, und mehrere Jugendliche aus der Kirchengemeinde haben ein gutes Verhältnis der beiden bestätigt.«
»Guter Gedankengang, Meininger«, lobte der Kriminalrat, »und was schließen Sie daraus?«
»Ich schließe daraus, dass Rico Grüner ein großes Interesse an der Versorgung seiner Schwester hatte und Fedor Balow aufgefordert hat, sie zu heiraten, was entweder Balow oder Sabine Grüner nicht wollte, wahrscheinlich sogar Sabine selbst. Daraufhin sah Rico das Leben seiner Schwester quasi als verpfuscht an oder als …«
»Vergiftet!«, ergänzte ich.
Alle starrten mich an. Punktlandung.
»Fehlt nur noch Daniel Baumert.«
»Da tappen wir noch völlig im Dunkeln«, erklärte Siggi, »aber auch hier muss es einen Zusammenhang geben.«
»Das muss irgendetwas mit Claudia Holzgrewe zu tun haben«, sagte ich.
»Wieso?«
»Sie wurde genau an dem Tag beerdigt, an dem ich auf dem Goetheturm eingesperrt wurde. Und zwar auf dem Waldfriedhof Oberrad, der ist etwa zehn sportliche Laufminuten vom Goetheturm entfernt. Ich wette, Rico Grüner war dort …«
Siggi gab Meininger einen Wink: »Klären Sie das, bitte!«
Er nickte.
»Dasselbe gilt übrigens für eure Jasmin«, sagte Siggi, »wie heißt sie mit Nachnamen?«
»Birken, Jasmin Birken«, antwortete ich, »sie hat ihn verlassen, ihn sitzen lassen. Dafür wird er sich sicher auch etwas Böses ausgedacht haben. Zum Glück ist sie in Sicherheit.«
Es entspann sich eine kurze Diskussion zur Sicherheit von Jasmin Birken. Zumindest übers Wochenende war sie in der Kessler-Villa gut aufgehoben und mit Benno als Bodyguard zusätzlich geschützt. Zumal niemand wusste, dass sie dort war.
»Ich habe noch eine weitere Neuigkeit«, sagte ich, »Jasmin hat nachgesehen, wer das Schwabe-Dokument zuletzt ausgeliehen hatte. Da tauchte dieser Kumpel von Rico Grüner auf, er heißt Jürgen Zöld.«
»Jürgen Zöld?« Aus Meiningers Stimme klang das pure Entsetzen.
»Ja, warum?«
»Der wohnt bei mir im Haus, Bonhoefferstraße 4.«
Ein paar Sekunden verstrichen, bevor alle begriffen hatten, was das bedeutete.
»Meine Herren«, Kriminalrat Lehnert war ruckartig aufgestanden, »ich fordere das SEK aus Erfurt an, alle machen sich einsatzbereit, auch Herr Wilmut, bitte. Sie sind der Einzige, der Rico Grüner bisher gesehen hat. Kugelsichere Weste anlegen und immer bei Herrn Dorst bleiben. Weimar-Nord, Bonhoefferstraße 4, Abmarsch in 15 Minuten. Fragen?«
Keine Fragen. Das Spiel begann. Ein ernstes Spiel.
*
Der hagere Mann musste sich eingestehen, dass er Wilmut unterschätzt hatte. Aber noch gab er sich nicht geschlagen. Schließlich betrieb er nicht umsonst seinen Sport. Angst, Zweifel, Überraschung und Verwirrung. Das galt es zu überwinden. Das hatte er gelernt.
Nachdem die Aktion in der Humboldtstraße keinen Erfolg gebracht hatte, beschloss er, sich auf die Tiefurter Allee zu konzentrieren. Er wusste, dass Wilmut über kurz oder lang dort auftauchen würde. Bei dem tollen Onkel Leo und der allerliebsten Tante Gesa. Er besaß ein hervorragendes Gedächtnis und eine gute Konzentrationsfähigkeit. Die meisten seiner Mitmenschen wussten das nicht. Am wenigsten sein ehemaliger Lehrer Hans Gegenroth. Er hatte dafür büßen müssen. Diese Fähigkeiten hatten ihm schon oft geholfen. So auch heute. Er hatte viele Informationen über Wilmut gesammelt, die an einem sicheren Ort versteckt waren. Zugleich trug er diese aber immer bei sich, in seinem ›Personal Memory‹. Auch die Adresse von Wilmuts Onkel.
Er wartete bereits seit einigen Stunden in dem alten Volvo schräg gegenüber der Kessler-Villa. Endlich kam Wilmut. Zusammen mit seinem Cousin Benno. Da war jetzt nichts zu machen, die beiden zusammen, das wäre zu gefährlich. Dann sah er Jasmin Birken. Na, wenn das kein Zufall war! Dann musste sie eben zuerst dran glauben. Sie hatte ihn sitzen lassen. Nun würde sie sitzen. Und zwar sehr lange.
*
Die Bonhoefferstraße 4 ist ein achtstöckiges Hochhaus. Von den oberen Stockwerken aus hat man einen guten Überblick über das Gelände. Lehnert saß mit zwei Beamten im Einsatzwagen, der als Abholfahrzeug einer Wäschefirma getarnt war und direkt vor dem Haus parkte. Das SEK war noch unterwegs, würde aber in zehn Minuten eintreffen. Siggi kam mit seinem Privatwagen, um nicht aufzufallen. Meininger und ich begleiteten ihn. Unterwegs telefonierte Meininger mit KK Milster vom K2. Zöld war ein stadtbekannter Hehler und Kleinkrimineller, gegen den aber derzeit nichts vorlag.
Wir betraten das Haus Bonhoefferstraße 4. Da Meininger selbst dort wohnte, war er unauffällig. Siggi und ich benahmen uns wie alte Freunde. Wir mussten uns einen Überblick verschaffen. Meininger wohnte ganz oben, im achten Stock, mit einer schönen Dachterrasse und einem tollen Blick über den Westen von Weimar und den Ettersberg. Sogar das Mahnmal der Gedenkstätte Buchenwald war gut zu erkennen. Meininger kannte lediglich einen der Hausbewohner, einen Herrn Petermann, und den nur flüchtig. Etwa die Hälfte der Klingelschilder und Briefkästen war unbeschriftet. Auch einen Jürgen Zöld gab es demnach nicht.
Siggi entschied, den Hausmeister zu befragen. Er wohnte im Erdgeschoss. Der Hausmeister hatte eine kräftige Stimme, und Meininger hatte Mühe, dem Mann zu erklären, dass wir von der Kriminalpolizei wären, ohne dass diese Information gleich durchs gesamte Treppenhaus schallte. Endlich bat er uns in die Wohnung. Seine Informationen waren Gold wert. Jürgen Zöld wohnte im ersten Stock rechts, der Name Rico Grüner war ihm unbekannt. Siggi sprach übers Funkgerät mit Lehnert und sie entschieden, zunächst in die Zöld-Wohnung zu gehen, aber mit dem ›Kleinen Besteck‹. Was das bedeutete, würde ich schon sehen. Ein Kripo-Kollege stieg aus dem Wäschereifahrzeug, er trug einen entsprechend beschrifteten Anzug und einen Wäschebeutel. Er ging in den ersten Stock und klingelte an Zölds Wohnungstür. Siggi und Meininger standen mit gezogener Waffe neben der Tür, sodass man sie durch den Spion nicht sehen konnte. Ich musste einen Treppenabsatz höher warten.
Der Wäschemann klingelte. Keine Reaktion. Erneutes Klingeln. »Ich kaufe nichts«, erklang es von drinnen.
Der Wäschemann klopfte an die Tür. »Entschuldigung, würden Sie bitte die Wäsche für Herrn Petermann annehmen, er ist nicht zu Hause!«
»Was geht mich denn dem seine Wäsche an!«, tönte es von drinnen.
»Ach, wissen Sie, der Herr Petermann hat uns angerufen, dass er länger arbeiten muss und dass Sie so ein netter Nachbar sind, Sie würden die Wäsche bestimmt annehmen!«
Nach einer kurzen Denkpause drehte sich der Schlüssel im Schloss. Siggi und Meininger entsicherten ihre Waffen. Die Tür öffnete sich einen kleinen Spalt. Die Kette war noch eingerastet. »Geben Sie her!«
Als der Mann in der Wohnung gerade den Wäschebeutel in den Händen hielt, sprang Siggi hervor und trat so heftig gegen die Tür, dass die Kette zerriss und der Mann in den Flur geschleudert wurde. Innerhalb einer Minute war er überwältigt, die Wohnung durchkämmt, kontrolliert und ›sauber‹, wie Meininger es nannte.
Siggi rief mich herein. »Im Wohnzimmer sitzen zwei Männer, keine Gefahr mehr, beide in Handschellen. Schau sie dir an, ob du sie kennst, und vor allem, ob Rico Grüner dabei ist.«
Der eine Mann hatte ein blaues Auge, wahrscheinlich von Siggis Tritt gegen die Tür. Er war mir unbekannt. Der andere war kräftig und breitschultrig. Es war nicht Rico Grüner.
»Den hier kenne ich nicht«, sagte ich und deutete auf den Mann mit dem Veilchen.
»Kein Problem, ein alter Bekannter: Jürgen Zöld.«
»Was sind das denn hier für Stasi-Methoden, ich werde mich beschweren!«, rief Zöld empört.
»Der zweite ist uns unbekannt«, sagte Siggi, »und er verweigert jegliche Aussage.«
»Kein Problem. Sein Name ist Grasmann. Gunter Grasmann. Er ist Justizvollzugsbeamter.«
Siggi sah mich erstaunt an. »U-Haft?«
»Ja.«
»Okay, was der hier zu suchen hat, klären wir später, jetzt gehen wir hoch zu Rico Grüner.«
»Wieso hoch …?« Zöld biss sich auf die Lippen.
Unten im Erdgeschoss gab es nur eine Wohnung ohne Namensschild. Rechts, direkt unter Jürgen Zöld. Siggi nahm das Funkgerät: »Grüner wohnt im Erdgeschoss rechts, bitte übernehmen!«
Etwa zwei Minuten hörten wir gar nichts. Plötzlich ein lauter Schlag, ein Geräusch wie eine fallende Tür und ein wildes Stimmengewirr. »Polizei, kommen Sie heraus! Jeder Widerstand ist zwecklos!«
Wir warteten weitere zwei Minuten und gingen dann hinunter. Es war ein unwirkliches Bild. Sechs oder sieben Männer des SEK sicherten jeden einzelnen Raum, in ihren schwarzen Kampfanzügen und Helmen sahen sie aus wie von einem anderen Stern.
»Der Vogel ist ausgeflogen«, konstatierte einer der SEK-Leute.
Die Wohnung selbst war leer. Ich glaube, ich hatte noch nie solch eine trostlose Behausung gesehen. Das Wort ›Wohnung‹ birgt ja in sich einen Hauch von wohnlich, gemütlich. Dies jedoch war nicht mehr als eine Ansammlung von eingemauerter Luft, vielleicht noch nicht einmal das, denn in der Küche stank es bestialisch. Etwa 20 leere Raviolidosen lagen herum, die Wand voller Tomatenspritzer, zum größten Teil verschimmelt, kein Tisch oder Stuhl, kein Herd, kein Kühlschrank, ein fest installiertes Waschbecken, aber kein heißes Wasser und auch kein Strom.
»Was ist das denn?«, fragte ich Meininger, auf die leeren Dosen deutend.
Er zuckte mit den Achseln, nahm einen der Blechbehälter in die Hand und betrachtete das Etikett. »Vermutlich aus meinem Keller«, sagte er. »Hatte schon länger den Verdacht, dass mich einer beklaut.«
In der Küche war nichts zu holen. Ich musste mir ein Bild von Grüner machen, versuchen, seine Gedanken nachzuvollziehen, sein Leben zu rekonstruieren, vielleicht würden wir ihm so auf die Spur kommen. Siggi öffnete die Tür zum Bad. Kacheln in DDR-Optik. Über der Toilette hing ein alter Bilderrahmen mit einem Gedicht.
Ein junger Mensch ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie
Und ward dann auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei,
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie’s denn so Leute haben.
Der setzt notdürftig sich aufs Grab
Und legte da sein Häuflein ab,
Beschaute freundlich seinen Dreck,
Ging wohl eratmet wieder weg
Und sprach zu sich bedächtiglich:
»Der gute Mensch, wie hat er sich verdorben!
Hätt’ er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!
»Wer schreibt denn so einen Mist?«, brummte Siggi.
»Das kann ich dir sagen«, antwortete ich, »ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe.«
Er grinste und dachte offensichtlich, ich hätte einen Scherz gemacht.
Im Wohnzimmer stand ein kleiner, alter Fernseher auf dem Boden, ansonsten war der Raum komplett leer. An der Wand hingen einige Bilder von dunkel gekleideten Männern mit langen Gewändern, Helmen und einer Art Holzschwert in der Hand. Ich betrachtete sie eine Weile. Einer der SEK-Beamten stellte sich neben mich.
»Hallo, Herr Wilmut!« Eine Frauenstimme.
Ich drehte mich überrascht um. Sie nahm den Helm ab. Lange blonde Haare fielen heraus. Dieses Gesicht …
»Ich bin’s, Nicole!«
»Meine Güte, Nicole …« Ich versuchte, sie zu umarmen, doch mit all ihrer Ausrüstung war das kaum möglich.
»Sechs Jahre sind eine lange Zeit«, sagte ich.
Sie lächelte. Nun erkannte ich sie wieder, sah ihr Lächeln vor mir, mehr ein angedeutetes Lächeln, das aus den Augenwinkeln kam, diskret und selbstbewusst. Damals gab sie mir damit ein Zeichen. Ein Zeichen, das mir sagen sollte: Wir schaffen das, wir holen Hanna dort heraus, aus der Gewalt von Jens Werner Gensing.
»Wir haben uns doch damals geduzt, oder?«
»Stimmt«, antwortete sie, »Entschuldigung! Was ist mit deinem Arm passiert?«
»Ausgerutscht, glatter Bruch, muss nur wieder zusammenwachsen.«
»Es muss zusammenwachsen, was zusammengehört.« Sie lächelte.
»Genau.« Ich sah wieder auf die Bilder.
»Kendo«, sagte sie.
»Wie bitte?«
»Hier, auf den Fotos, das sind Kendo-Kämpfer.«
Ich winkte Siggi herbei. Professionelle Begrüßung zwischen ihm und Nicole. Alles fit? Klar, Herr Hauptkommissar.
»Und diese … Stöcke?«, fragte ich.
»Das sind Kendo-Schwerter, aus Holz, sehr gefährlich, wenn man damit umgehen kann. Und wenn man es darauf anlegt: tödlich!«
Siggi telefonierte mit seinem Büro. Alle Kendo-Schulen in Thüringen kontaktieren, nach Rico Grüner fragen. Seine Anweisungen waren klar und präzise.
»Nicole, erzähl mir bitte mehr von diesem Kendo, was ist das Wesen, wo kommt es her?«
»Ein japanischer Kampfsport. Wenn dieser Rico Grüner schon länger dabei ist, dann hat er Ausdauer, Konzentration und geistige Wendigkeit gelernt. Oder anders gesagt, er wurde geschult, die vier Todsünden des Kendo zu überwinden: Angst, Zweifel, Überraschung und Verwirrung.«
Ich war beeindruckt. »Woher weißt du das alles?«
»Gehört zu unserer Ausbildung.«
Das SEK könne jetzt abziehen, rief Siggi.
Nicole setzte ihren Helm wieder auf. »Auf Wiedersehen, Herr … Hendrik. Und viele Grüße an Hanna!«
»Danke. Ach, Nicole …«
»Ja, bitte?«
»Hast du im Zusammenhang mit japanischem Kampfsport schon mal von einem Kettenhandschuh gehört?«
Sie sah mich mit großen Augen an. Siggi kam näher.
»Allerdings. Das ist die harte Variante, damit können Würgegriffe innerhalb kurzer Zeit töten. Wird von den Kampfsportlern komplett abgelehnt. Von der Yakuza allerdings nicht.«
»Yakuza?«
»Japanische Mafia.«
Ich nickte. »Danke!«
Angst, Zweifel, Überraschung und Verwirrung. Das versuchte Rico Grüner zu überwinden. Und er glaubte, dies mithilfe des Kendo zu schaffen. Aber es war ihm nicht wirklich gelungen.
Ich ging ins Schlafzimmer. Ein einfaches Bettgestell, eine wacklige Kommode, leer. Die Spurensicherung war inzwischen eingetroffen, zwei der Kollegen kannte ich noch von heute morgen aus Büchlers Haus. Sie begrüßten mich mit einem kurzen Kopfnicken. Ich hatte sie bereits arbeiten gesehen, sehr akkurat und gewissenhaft. Jedes kleinste Detail konnte uns weiterbringen. Sie machten sich wortlos an die Arbeit.
Als ich über den Morgen des heutigen Tages nachdachte, merkte ich plötzlich, wie müde und erschöpft ich war. Kein Wunder, nach der kurzen Nacht und all den aufwühlenden Ereignissen. Mittlerweile war es kurz nach zwei.
»Du musst jetzt hier raus, Hendrik, damit die Spusi in Ruhe arbeiten kann«, sagte Siggi, »geh mal runter in den Einsatzwagen, die Kollegen haben etwas zu essen besorgt.«
Es gab frische Brötchen und Knackwurst, so wie sich das in Thüringen gehört. Selbst an die Hallorenkugeln hatte jemand gedacht, ich griff dankbar zu. Nur der Espresso fehlte. Nach dem Essen konnte ich mich auf dem Beifahrersitz des Fahrzeugs etwas zurücklehnen und entspannen. Etwa eine halbe Stunde döste ich unruhig vor mich hin.
Irgendwann öffnete Siggi die Tür. »Schau dir das an!« Er hielt mir eine Plastiktüte mit Papieren vor die Nase. »Hing in der Toilettenspülung.«
Ich breitete alles auf dem kleinen Tisch der Kommandozentrale aus und versuchte, mir einen Überblick zu verschaffen. Jede Menge Ausdrucke von Webseiten, Goethe, sein Leben, seine Werke, Leihscheine der Universitätsbibliothek Jena, alle ausgestellt auf Jürgen Zöld, Notizen über mich, meine Wohnung und meinen Lebenswandel, ein Mietvertrag für die Bonhoefferstraße 4, ausgestellt auf den Namen Michael Müller, ein Plan von Tiefurt, Kendo-Bilder, alte Fotos aus der Schule, eines von Hans Gegenroth, ein Liebesbrief an Sabine von ›deinem liebsten Fedor‹, eine Kopie der Kfz-Zulassung eines alten Volvo, noch ein Jahr älter als mein Vehikel, ausgestellt auf Jürgen Zöld, keine Hinweise auf Daniel Baumert.
»Das bestätigt alle unsere bisherigen Theorien«, sagte ich, »enthält aber keine Informationen zu Daniel Baumert und keine Hinweise auf das, was Grüner jetzt vorhat oder wo er sich aufhalten könnte.«
»Mist!«, fluchte Siggi.
Einer der Spusi-Leute kam auf uns zu. »Das hier haben wir im Müllcontainer gefunden.« Er hielt eine durchsichtige Plastiktüte hoch. Darin befanden sich die verkohlten Reste eines kleinen, schwarzen Notizbuchs, das zuvor mit einem Spanngummi zusammengehalten worden war. Die aufgeschlagene Seite enthielt eine Art Liste mit Namen. Ich legte die Tüte auf den Tisch, zog eine Lampe heran und beugte mich dicht darüber. Oben war noch ›mut‹ zu erkennen, darunter ›ow‹, der Rest war verbrannt. Weiter konnte ich ›Gegenroth‹ und ›Daniel B‹ entziffern, beide durchgestrichen. Und darunter erkannte ich einen weiteren Namen.
»Siggi!« Er drehte sich zu mir um. Ich zeigte auf die unterste Zeile: ›Jasmin Birken‹.
»Meininger, Sie übernehmen hier, ich muss los!« Und schon sprintete Siggi zu seinem Auto, ich hinterher. Mein linker Arm schmerzte beim Rennen. Siggi fuhr mit Blaulicht und Sirene, ich hielt mich krampfhaft mit der rechten Hand am Türgriff fest. Eingangs der Tiefurter Allee schaltete er alle Warnzeichen aus und fuhr langsamer. Er passierte in normalem Tempo Onkel Leos Haus, um die Lage zu prüfen. Nichts Auffälliges. Siggi parkte einige Häuser weiter in Richtung Webichtallee. Hoffentlich kamen wir noch rechtzeitig.
Mir fiel der Zugang durch Dr. Frankes Garten ein, und ich zeigte Siggi, wie er dort hinkam. Angesichts meines Gipsarms hielten wir es beide für angebracht, dass ich zunächst draußen wartete. Außerdem hatte ich keine Waffe. Ich stellte mich hinter einen Baum, sodass man mich von drinnen nicht sehen konnte. Warten. Schon wieder. Sollte ich Benno anrufen? Ich hielt mein graues Mobiltelefon bereits in der Hand. Dann steckte ich es wieder ein. Siggi hätte bestimmt etwas gesagt, wenn er das für sinnvoll erachtet hätte. Warten. Ich sah mich um. Ein Auto auf der anderen Straßenseite zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein alter dunkelgrüner Volvo, ungefähr das gleiche Baujahr wie mein Vehikel … Mensch, wach auf! Das Nummernschild: WE – JZ 520. Jürgen Zölds Volvo. Rico Grüner war hier. Ich fror. An solch einem schönen Spätsommertag mit klarem Himmel und prallem Sonnenschein ist es fast unmöglich zu frieren. Doch ich fror.
Zwei Fahrzeuge hinter dem Volvo parkte der weiße Kastenwagen einer Baufirma. Nur nicht auffallen. Ich ging wie ein ganz normaler Fußgänger hinüber, schlenderte an dem Volvo vorbei und warf einen Blick hinein, leer. Ich blieb hinter dem Kastenwagen stehen.
Kaum hatte ich mich versteckt, hörte ich laute Stimmen aus Kesslers Haus, Türenschlagen, dann einen Schuss, die Haustür sprang auf und ein Mann kam herausgerannt.
Ich erkannte ihn sofort, selbst ohne seine grünen Haare. Ich versuchte zu überlegen, was Siggi in meiner Situation getan hätte. Aha, der Fußtritt gegen die Tür. Rico Grüner hatte gerade die Fahrertür des Volvo aufgerissen, da schoss ich hinter dem Kastenwagen hervor und trat so heftig wie möglich gegen die halb offene Tür. Leider traf ich genau die Scheibe. Sie zersplitterte, aber Rico Grüner wurde nicht entscheidend getroffen. Im Gegenteil, ich verlor das Gleichgewicht, Grüner versetzte mir einen Schlag gegen die Brust und ich flog auf die Motorhaube. Für einen kurzen Moment sah er mir in die Augen.
»Na, Angst?«, fragte er spöttisch.
»Nein, keine Angst, keine Zweifel, keine Überraschung und keine Verwirrung!«
Das schien ihn zu beeindrucken. Ich machte eine kurze Bewegung, wie ein Torwart vor dem Elfmeter, um den Schützen zu irritieren. Er hob die Faust und schlug zu. Ich war darauf vorbereitet. Schnell zog ich den Kopf zur Seite, seine Hand knallte auf die Motorhaube, ich holte aus und schlug ihm die Kunststoffschale meines Gipsarms gezielt und mit großer Wucht genau auf seine rechte Schläfe. Mit einem kurzen Seufzer sackte er auf die Straße.
Siggi kam aus dem Haus gerannt. Vollkommen überrascht sah er Rico Grüner am Boden liegen. »Geh rein und kümmere dich um Benno, auf der Terrasse, Notarzt ist unterwegs, ich kümmere mich um den hier!«
Benno, mein Gott, ich raste über die Straße, durch den Vorgarten, ins Haus, durch den Flur und das Wohnzimmer, wie in Trance. Benno lag auf dem Terrassenboden, Tante Gesa und Jasmin waren bei ihm, sie hatten ihm ein Kopfkissen untergeschoben. Dann sah ich, dass sein Kopf unnatürlich schräg weg stand. Er atmete schwer. Jasmin kühlte seinen Nacken mit Wasserkompressen. Ich wollte gerade fragen, was passiert war, da sah ich das Kendo-Schwert zwischen den Astern liegen. Tante Gesa und Jasmin weinten.
»Er hat ihn kommen sehen«, sagte Onkel Leo, »er wollte uns verteidigen, mit einem Spaten. Keine Chance, der Kerl war unheimlich wendig und schnell. Wahrscheinlich hat Kommissar Dorst ihm das Leben gerettet. Als der Mann gerade zuschlagen wollte, hat er einen Schuss in die Luft abgegeben. Das hat ihn irritiert. Er hat Benno am Nacken getroffen. Ich weiß nicht …« Seine Stimme zitterte.
Die Notärztin kam durch den Garten gerannt. Es war Sophie.
Als ich einigermaßen wieder zu mir kam, war es 16.30 Uhr. Ich hatte das Gefühl, dieser Tag würde nie zu Ende gehen. Benno war bereits im Krankenhaus, Tante Gesa war mit ihm gefahren. Sie hatte mich davon überzeugt hierzubleiben, sie wollte mich auf dem Laufenden halten. Onkel Leo kümmerte sich um Jasmin. Sie war völlig aufgelöst und machte sich Vorwürfe, sie sei schuld an Bennos Verletzung. »Hoffentlich wird er wieder gesund«, sagte sie ein ums andere Mal. Ich verstehe nicht viel von medizinischen Fragen, aber eines war klar: Sein Zustand war ernst.
Rico Grüner war von einem Streifenwagen abgeholt worden. Siggi kam zurück ins Haus. Ich saß in der Küche und hatte ein ganzes Blech Streuselkuchen vor mir stehen. Frustessen pur. Er setzte sich zu mir.
»Ich … es tut mir leid mit Benno«, sagte er.
»Mach dir bloß keine Vorwürfe, Onkel Leo hat mir alles erzählt. Du hast ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.«
Er sah mich zweifelnd an.
»Grüner ist ein ausgebildeter Kendo-Kämpfer, wenn der ungestört den richtigen Punkt trifft, ist nichts mehr zu machen. Siehe Daniel Baumert.«
Siggi nickte. »Stimmt, sogar mit einem handelsüblichen Besenstiel, wir haben es rekonstruiert, keine Eisenstange. Offensichtlich trug er keine Handschuhe. Wir haben verwertbares DNA-Material gefunden, es ist auf dem Weg zu Professor Schymski.«
Onkel Leo kam herein: »Aro?«
Wir nickten beide. »Aber nur einen bitte, Herr Kessler, der Tag ist noch nicht zu Ende.«
»Für mich schon«, sagte ich.
»Leider nicht, Hendrik, ich brauche dich bei Grüners Vernehmung, das wird nicht einfach. Du musst nur von außen zuhören und mir eventuell einige Tipps geben. Du kennst ihn am besten.«
»Ach, Siggi, muss das wirklich sein? Ich möchte zu Hanna, und dann zu Benno …«
Er überlegte. »Na gut, es dauert sowieso noch bis zur Vernehmung, erkennungsdienstliche Behandlung, ärztliche Untersuchung und so weiter, 18 Uhr reicht. Dann kannst du vorher noch zu Hanna.«
»Also meinetwegen«, brummte ich.
Als ich nach dem Aro greifen wollte, merkte ich, dass mein linker Arm höllisch brannte, vom Handgelenk bis hoch zum Ellenbogen. Hoffentlich nicht schon wieder ins Krankenhaus. Ich nahm den Aro mit der rechten Hand, wir stießen an. An Onkel Leos Garderobe fand ich einen Schal, den ich als Armschlinge verwendete. Dann bat ich Siggi, mich in der Humboldtstraße abzusetzen.
Als ich bei Büchlers klingelte, öffnete Karola die Tür.
»Hallo, Klonschaf-Wilmut!«, lachte sie.
»Mensch, Karola, ich freu mich, dich zu sehen!« Vor zwei Wochen wären mir diese Worte sicher nicht über die Lippen gekommen. Wir umarmten uns. Bevor ich etwas fragen konnte, kam ein Mann in einem grünen Hemd aus dem Wohnzimmer, etwa mein Alter, der Typ aus meinem Tagtraum vor der brennenden Bibliothek.
»Das ist Günther Bergengruen, mein Vater«, stellte Karola mit unterschwelligem Stolz vor, »er war gerade in der Stadt …«
Ich erinnerte mich, der CDU-Parteitag, das opportunistische Arschloch – aber auch ihr Vater. Wir begrüßten uns förmlich.
»Wo ist Hanna?«, wollte ich wissen.
»Bei Mutter, es geht ihr besser!«
Vorsichtig klopfte ich an die Schlafzimmertür. Ein recht kräftiges »Herein!« ertönte von drinnen. Ich war sehr glücklich, Hanna zu sehen, und auch froh, dass es Frau Büchler deutlich besser ging. Ich umarmte beide, küsste Hanna, wollte sie fühlen und bei mir haben. Karola und ihr Vater standen in der Tür. Offensichtlich hatten sich alle zu einem vernünftigen, toleranten Miteinander entschlossen. Vielleicht sogar zu einem liebevollen Miteinander.
Als hätte er gerade noch gefehlt, stand plötzlich Dr. Gründlich im Flur. »Ich wollte nur mal kurz nach meiner Patientin schauen!« Man sah ihm die Erschöpfung von seinem Halbmarathon noch an.
»Nun gehen Sie erst mal nach Hause«, sagte Hanna, »Mutter geht es gut.« Er nickte dankbar. Schnell zog ich Dr. Gründlich in die Küche und schloss die Tür. Er verpasste mir zwei Spritzen. Die reichen bis morgen, meinte er, dann müsse ich aber ins Krankenhaus zum Röntgen. Er verabschiedete sich.
Hanna kam zu mir. »Hat er nach deinem Arm gesehen?«
»Ja, alles klar.«
»Schmerzen?«
»Geht so.« Ich zog sie neben mich auf die Eckbank. »Hanna, es ist viel passiert heute. Du hattest recht, wir haben das Schwabe-Dokument in Jena gefunden. Und wir haben den Mörder. Es ist Grüner. Rico Grüner.«
Sie sah mich mit großen Augen an. »Rico Grüner? Aber warum …«
»Ich erkläre dir alles später, ich muss noch mal weg.«
»Ist jetzt alles vorbei?«
»Für uns ja.«
»Was heißt das?«
»Benno – er ist schwer verletzt.«
»Oh, mein Gott!« Ich erklärte ihr in kurzen Sätzen, was passiert war, die Bonhoefferstraße ließ ich aus.
»Soll ich zu Benno ins Krankenhaus? Jetzt kann ich ja wieder aus dem Haus, Mutter geht es besser und Karola ist wieder da …«
»Hanna, bitte, Sophie ist bei ihm und Tante Gesa, mehr geht derzeit nicht.«
»So schlimm?«
»Ja, so schlimm.« Ich kniff die Lippen zusammen. »Ich muss leider wieder los …«
»Hendrik?«
»Tut mir leid, Siggi braucht mich für die Vernehmung, der Kerl muss hinter Gitter!«
Sie nickte. Die Tränen standen ihr in den Augen. Ich verließ Büchlers Haus durch den Garten.
Als ich über den Flur des K1 ging, kam Meininger aus seinem Büro heraus: »Herr Wilmut, Sabine Grüner ist hier. Ich habe sie vernommen, sie möchte kurz mit Ihnen sprechen.«
Sabine Grüner war mir sofort sympathisch. Grüne Augen, ein offener Blick, gekennzeichnet von den Ereignissen der letzten Tage, tiefe Augenringe. Sie trug eine hellblaue Sommerbluse und Jeans, ihre Beine waren dünn und unbeweglich. Sie drehte den Rollstuhl zur Tür, als ich eintrat. Ich gab ihr wortlos die Hand und zog mir einen Stuhl heran. Sie trug eine Perlenkette.
»Herr Wilmut, es fällt mir sehr schwer, mit Ihnen zu reden …«, begann sie.
»Sie müssen das nicht.«
»Möglich, aber ich möchte es. Es gibt Dinge, vor denen kann man nicht weglaufen.« Sie ließ die rechte Bremse ihres Rollstuhls nervös auf- und zuschnappen. »Mein Bruder hat Ihnen großes Leid zugefügt. Ihnen und Frau Büchler. So etwas kann man nicht entschuldigen, ich möchte Ihnen aber sagen … es tut mir sehr leid.«
Ich nickte.
»Mein Bruder hat viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen, doch nichts auf der Welt rechtfertigt einen Mord.« Sie schüttelte den Kopf. »Nichts auf der Welt! Er wollte mir helfen, nun wird er viele Jahre ins Gefängnis gehen und was nützt mir das?« Sie hob die Hände. »Gar nichts!«
Ich merkte, dass sie es ernst meinte.
»Er hat immer nur zwei Interessen gehabt: Sport und Politik. Und er ist ein Mensch, der seine Interessen intensiv pflegt.«
»Welche Art Sport war das?«, fragte ich.
»Japanischer Kampfsport, Judo und Kendo.«
»Und wo hat er trainiert?«
»Das weiß ich nicht. Früher war er in einem Studio im Industriegebiet Nord, Rießnerstraße, das hat aber dann geschlossen, danach … keine Ahnung.«
»Ich kümmere mich darum«, sagte Meininger.
»Und die Politik?«
»Das war schon ernster«, antwortete Sabine Grüner, »ich denke, er hat sich betrogen gefühlt, von beiden Systemen. Nirgendwo ist er richtig auf die Beine gekommen. ›Zuerst hatte ich zu wenig Freiheit, dann zu viel‹, hat er immer gesagt.«
»In dieser Situation waren alle DDR-Bürger«, sagte ich, »aber nicht alle 16 Millionen haben deswegen einen Mord begangen.«
Sie sah mich an. »Ja, natürlich. Ich sehe das mit ›Zu viel Freiheit‹ sowieso anders. Freiheit bedeutet auch Verantwortlichkeit. Das ist der Grund, weshalb viele Menschen nicht mit ihr klarkommen. Die meisten Behinderten sind es gewohnt, Verantwortung für sich zu übernehmen. Und wir hatten noch nie so viel Freiheiten wie nach der Wende. Auch sonst bin ich mit unserem Land recht zufrieden.«
»Außer?«
»Was meinen Sie?«
»Nun, ›rechtzufrieden‹ lässt ja noch ein wenig Raum für Unzufriedenheit, oder?«
»Stimmt«, sagte Sabine Grüner. Sie zögerte einen Moment. »Es gehört zwar nicht hierher …« Sie sah Meininger an.
»Das kommt natürlich nicht ins Protokoll«, sagte er.
Sie drehte sich wieder mir zu. »… aber Sie machen den Eindruck, als interessiere Sie das tatsächlich. Das Einzige, was mich am heutigen Deutschland wirklich stört, sind die Waffenexporte. Wir sind der drittgrößte Waffenproduzent weltweit. Und die meisten Politiker, die das unterstützen, regen sich gleichzeitig über die Mauertoten auf!«
»Das mit den Waffenexporten stimmt«, sagte ich langsam »aber dieser Vergleich, ich weiß nicht …«
»Ach, meinen Sie, direkter Mord an der Mauer sei schlimmer als indirekter Mord, der durch kapitalistische Raffgier entstanden ist? Fragen Sie mal die Mütter der Toten …«
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Und sie forderte keine Antwort. Das Gesagte stand im Raum und verlangte weder nach einer Klarstellung noch nach einem Gegenargument.
»Mein Bruder hat sich übrigens sehr darüber geärgert, dass er nicht an den Montagsdemonstrationen teilgenommen hat. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, dass er sich selbst dafür gehasst hat.«
Da tauchte es wieder auf, dieses Wort: Hass.
»Und Sie? Waren Sie bei den Montagsdemonstrationen?«
»Ja, ich war einmal dabei, in Leipzig, zusammen mit etwa 30 anderen Rollstuhlfahrern aus dem Bezirk Erfurt. Rico hat mir das hoch angerechnet. Er meinte, das sei gefährlich, weil ich nicht einfach so wegrennen könne, wenn etwas passiert. Aber auf Behinderte schießt niemand.«
»Sicher?«
»Ja, auch die Vopos sind Menschen.«
Ich war beeindruckt. Meininger wurde unruhig, die Zeit drängte.
»Wir suchen noch einige Antworten«, wechselte ich das Thema.
»Das stimmt«, schaltete sich Meininger ein, »zum Beispiel ist der Mord an Daniel Baumert noch nicht geklärt, wissen Sie etwas darüber?«
»Daniel, ja, Daniel Baumert, er ging mit mir zur Schule, wir waren ein unzertrennliches Trio, Daniel, Jasmin und ich.«
»Welche Jasmin?«, fragte ich sofort.
»Jasmin Birken.«
»Aha«, triumphierte Meininger, »Ihr Bruder wollte Jasmin …«
»Ist gut, Meininger, jetzt nicht …«
Er sah mich beleidigt an.
»Es geht jetzt um Daniel Baumert«, sagte ich, »erzählen Sie uns bitte mehr von ihm.«
»Er war ein fröhlicher, unkomplizierter Typ, was manchmal aber dazu führte, dass er Problemen aus dem Weg ging, vor ihnen weglief. Wie bereits erwähnt, das geht auf Dauer nicht gut.«
»Was waren das für Probleme, zum Beispiel?«, fragte ich.
»Na, beispielsweise das Problem Claudia Holzgrewe. Rico kannte sie aus der Schule, war damals wohl verknallt in sie. Sie ging dann mit ihren Eltern in den Westen. Später, nach der Wende, hat sie Daniel kennengelernt. Claudia war ernsthafter, sie hat Probleme angepackt und ausdiskutiert. Von daher hätte sie besser zu Rico gepasst. Aber so kam es nicht. Sie war mit Daniel zusammen, bis Claudia Depressionen bekam, die Hintergründe kenne ich nicht. Daniel hat sie verlassen, mit so etwas konnte er nicht umgehen. Rico hat mir das vor ein paar Tagen erzählt.«
»Und dann hat Claudia Holzgrewe sich das Leben genommen.«
»Stimmt, woher …?«
»Na, wir machen eben auch unsere Arbeit«, erwiderte Meininger.
»Könnte es sein, dass Ihr Bruder Daniel Baumert dafür bestrafen wollte?«, fragte ich.
Sie sah mich erstaunt an. »Ich weiß nicht … also, Sie meinen, er hat auch Daniel …«
Ich nickte. Sie begann zu weinen.
»Das werden wir ihm schon noch nachweisen!«, tönte Meininger. Das Wort ›einfühlsam‹ schien dieser Mann nicht zu kennen. »Übrigens, hatte Ihr Bruder irgendwann einmal Kontakt zu einem Schlachthaus, einer Metzgerei oder Ähnlichem?«
Sie riss die Augen auf. »Was meinen Sie, was soll das …«
»Beantworten Sie doch bitte einfach meine Frage, sonst nichts!«
Die Tränen liefen ihr herunter. »In den Schulferien hat er ab und zu bei den Weimarer Wurstwaren in Nohra gearbeitet, hat sich etwas Taschengeld verdient, mehr weiß ich nicht.«
Ich gab ihr ein Papiertaschentuch. »Das reicht, vielen Dank. Wir müssen jetzt gehen«, sagte ich.
Sie warf mir einen dankbaren Blick zu. »Kann ich noch etwas …?«
»Ja, Frau Grüner, Sie können noch etwas für mich tun. Die Perlenkette«, ich zeigte auf ihren Hals, »ist die zufällig ein Geschenk Ihres Bruders?«
Ich merkte, wie es ihr den Hals zuschnürte. Sie nickte.
»Sie gehört Hanna … Frau Büchler. Meiner Verlobten. Ein Geschenk ihrer Mutter.«
Ohne ein Wort zu sagen, griff sie in ihren Nacken, öffnete den Verschluss und reichte mir die Kette. Ihr Gesicht war rot angelaufen.
»Danke«, sagte ich.
Dann stand ich auf dem Flur und sah zu, wie sie zum Aufzug rollte. Kurz bevor sie einstieg, winkte sie mir zu.
Manchmal wäre es gut, sich ein paar Minuten hinzusetzen und über ein Gespräch nachzudenken, dem nachzuspüren, was die Essenz des Gesagten und des Gehörten war. Aber wieder einmal blieb keine Zeit dazu, Meininger und ich mussten zu Rico Grüners Vernehmung. Auf dem Weg zum Vernehmungsraum fiel mir etwas Wichtiges ein. »Meininger, Frau Grüner hat berichtet, dass ihr Bruder auch Judo trainierte, nicht nur Kendo. Können Sie feststellen, ob beim Judo Würgegriffe benutzt werden? Sie wissen schon, die Aussage von …«
»… Professor Schymski, ich weiß. Und ich habe das bereits recherchiert. Beim Judo werden tatsächlich Würgegriffe eingesetzt, natürlich nur zu rein sportlichen Zwecken. Im Zweifelsfall wird sofort abgeschlagen.«
»Was heißt das?«
»Der Unterlegene schlägt mit der Hand auf den Boden, als Zeichen dafür, dass er aufgibt.«
»Und wenn er nicht mehr abschlagen kann, weil er bereits bewusstlos ist? Wir haben gehört, dass das sehr schnell gehen kann.«
Meininger hob seine schuppenübersäten Schultern. »Weiß ich auch nicht.«
»Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, dem Thema Judo nachzugehen?«
»Ich habe nicht nach Judo gesucht, sondern nach Sportarten, in denen Würgegriffe eingesetzt werden.«
Zum ersten Mal musste ich Meininger einen gewissen Respekt zollen.
»Sehr gut!«
Rico Grüner war mir vor allem durch seine hagere Gestalt und seine fahrigen Bewegungen in Erinnerung geblieben. Sein Gesicht war mir fremd. Er saß hinter der großen Scheibe in genau dem Vernehmungsraum, in dem Hanna und ich auch schon gesessen hatten, und strahlte eine unübersehbare Arroganz aus. Ich begann zu ahnen, was Siggi mit der Bemerkung ›Diese Vernehmung wird nicht einfach‹ gemeint hatte. Lehnert und ich beobachteten das Geschehen von außen. Auch die Staatsanwältin hatte sich angekündigt.
Kaum hatten Siggi und Meininger den Raum betreten, stand Rico Grüner auf: »Na endlich, ich warte hier schon seit einer Stunde, was soll das denn?«
»Nun sind wir ja da, also setzen Sie sich bitte!«, sagte Meininger.
Bevor Grüner etwas antworten konnte, öffnete sich die Tür und Frau Sobeck trat ein, mit einem Schreibblock unter dem Arm, so wie letzten Mittwoch.
»Herr Grüner, das ist Frau Sobeck«, erklärte Siggi, »sie wird alles, was Sie sagen, aufschreiben. Das hat den Vorteil, dass Sie es sofort kontrollieren können, um versehentliche Fehler zu vermeiden. Ist das in Ordnung?«
»Wie Sie meinen!«, brummte Grüner.
»Gut, Frau Sobeck, bitte notieren Sie, dass der Angeklagte mit dem vorgeschlagenen Ablauf der Vernehmung einverstanden ist.«
Die Angesprochene nickte und schrieb in atemberaubender Geschwindigkeit auf, was Siggi ihr vorgegeben hatte. Meininger saß Rico Grüner gegenüber, Frau Sobeck an der einen Seite des Tisches, Siggi ihr gegenüber an der anderen Seite.
»Warum wird nicht alles auf Band aufgezeichnet?«, fragte ich Lehnert, »die manuelle Mitschrift ist doch sehr mühsam und langwierig.«
»Das ist die spezielle Arbeitsweise von KHK Dorst«, antwortete er, »Sie werden schon sehen …«
Siggi fragte Rico Grüner, ob er einen Anwalt wolle. Nein, antwortete dieser, das könne er schon selbst regeln.
Nach den üblichen Formalitäten, Name, Adresse, Geburtsdatum und dergleichen, sagte Siggi: »Herr Grüner, Sie werden beschuldigt, Fedor Balow, Hans Gegenroth und Daniel Baumert ermordet zu haben …«
»So ’n Quatsch …«
»Bitte lassen Sie mich ausreden, danach können Sie antworten. Weiterhin wird Ihnen zur Last gelegt, Mordanschläge auf Herrn Wilmut und Frau Birken ausgeübt zu haben. Möchten Sie dazu eine Aussage machen?«
»Was für ’n Unsinn, ich hab nur den Bruch in der Tiefurter Allee gemacht, sonst nichts.«
»Aha«, erwiderte Siggi, »einen Bruch am hellen Nachmittag, während sich drei Personen im Haus befanden?«
»Mir doch egal, ich kann so was.« Grüner lehnte sich locker zurück und streckte in fast schon provozierender Manier die Beine aus.
»Das haben wir ja gesehen«, sagte Meininger, »bereits auf der Terrasse wurden Sie abgefangen. Tolle Leistung!« Dabei fuhr er sich ebenso lässig mit seinem Schuppenrechen durchs Haar.
»Pah! Abgefangen!« Rico Grüner setzte sich auf. »Greift mich der Typ doch tatsächlich mit einem Spaten an – mit einem Spaten!« Das letzte Wort brüllte er fast.
»Sie haben Herrn Kessler dabei schwer verletzt!«, schrie Meininger zurück und knallte seinen Kamm so heftig auf den Tisch, dass die weißen Partikel nur so umhersprangen.
»Na und, selbst dran schuld.«
»Und Sie hatten ganz zufällig Ihr Kendo-Schwert bei sich?«, fragte Meininger scharf.
»Ein echter Kämpfer hat das immer bei sich.«
»Ein echter Kämpfer, Mann, Sie haben wohl zu viele Kung-Fu-Filme gesehen?«
Grüners Blick versteinerte.
»Moment, Meininger«, ging Siggi dazwischen, »das ist ja schließlich Herrn Grüners Privatvergnügen, etwas anderes würde mich viel mehr interessieren …«, er wandte sich Rico Grüner zu, »kennen Sie Frau Birken, Jasmin Birken?«
»Flüchtig, sie war in Sabines Klasse, mehr nicht.«
Siggi gab Frau Sobeck einen Wink, dessen es gar nicht bedurft hätte, sie schrieb sowieso alles mit. »Gut, Jasmin Birken kennen Sie also nur flüchtig.« Er sah auf.
»Na, hab ich doch schon gesagt, oder?«
»Ja, haben Sie gesagt.«
Ich war völlig konsterniert. »Der lügt doch wie gedruckt«, sagte ich empört zu Lehnert, »was soll denn das?«
»Nur ruhig, Herr Wilmut, abwarten.« Er knöpfte sein Jackett zu. »Herr Dorst ist unser bester Vernehmungsspezialist.«
Siggi blätterte in seinem kleinen, schwarzen Notizbuch und legte es demonstrativ vor sich auf den Tisch. »Herr Grüner, besitzen Sie ein Auto?«
»Nein.«
»Wem gehört dann der Volvo, mit dem Sie in die Tiefurter Allee kamen?«
»Einem Freund.«
»Wie heißt der Freund?«
»Das muss ich nicht sagen.«
»Nein, das müssen Sie nicht.« Mehr antwortete Siggi nicht. Dann schwieg er. Lange.
Grüner wand sich auf seinem Stuhl. Doch er kippte nicht. »Ich hab Zeit«, sagte er.
»Ich auch«, antwortete Siggi und lächelte.
»Gut, dann bringen Sie mir mal ’ne Zeitung!«
Meininger wollte etwas sagen, doch Siggi stoppte ihn mit einem Handzeichen. »Gerne«, erwiderte er, »wenn Sie mit der Zeitung fertig sind, dann würde ich sie auch gerne lesen!«
Rico Grüner grinste. »Nicht schlecht.«
»Glauben Sie ernsthaft, wir könnten den Besitzer des Volvo nicht ermitteln? Das Ding hat ja schließlich ein Kennzeichen.«
Lehnert beugte sich zu mir herüber: »Er will ihn dazu bringen, von selbst den Namen auszusprechen, das löst die Zunge für weitere Aussagen.«
Ich nickte ihm anerkennend zu.
Grüner hob die Hände. »Also gut, er gehört Jürgen Zöld, das wissen Sie dann ja wohl schon.«
»Na also, geht doch. Haben Sie irgendwelche Bekannte im Untersuchungsgefängnis?«
»Nein, niemanden.«
Siggi entfernte wieder das Spanngummi und blätterte in seinem Notizbuch. »Kennen Sie einen Gunter Grasmann?«
»Wer soll das denn sein?«
»Herr Grüner, würden Sie bitte meine Fragen nicht andauernd mit einer Gegenfrage beantworten?«
»Meine Güte, ja. Nein.«
»Was heißt das, Ja oder Nein?«
»Nein, ich kenne keinen Gunter Grasmann.«
Der Name kam schnell und ohne Zögern über seine Lippen.
»Gut«, sagte Siggi.
Rico Grüner lächelte spöttisch. Dieses Lächeln kannte ich. Von seinem Angriff auf der Motorhaube.
»Weiß der Kerl schon irgendwas von unserer Wohnungsdurchsuchung?«, fragte ich.
»Nein, natürlich nicht«, antwortete Lehnert.
Die Staatsanwältin kam zu uns, klein, korpulent, dunkles, kurzes Haar. »Läuft alles?«, fragte sie.
»Ja«, meinte Lehnert, »Dorst macht das schon.«
»Dorst? Na, dann ist ja alles im grünen Bereich.« Sie drehte sich um und verschwand. ›Im grünen Bereich‹ hatte für mich inzwischen eine andere Bedeutung bekommen.
Siggi fuhr fort. »Herr Grüner, wo waren Sie am Abend des 18. August 2004?«
»Was soll denn da passiert sein?«
Meininger stand ruckartig auf, sein Stuhl kippte nach hinten um. »Herr Grüner, wir stellen hier die Fragen, nicht Sie, also antworten Sie! Wo waren Sie am Abend des 18. August 2004?«
Rico Grüner schien beeindruckt. »Ich war …, also das war, glaube ich, ein Samstag …«
»Ein Freitag!«, rief Meininger, er stand immer noch aufrecht vor dem Tisch, Rico Grüner genau gegenüber.
Lehnert sagte: »Meininger geht die harte Tour, Dorst ist der Verständige, sie traktieren ihn immer abwechselnd.«
»Wird das auch alles mitgeschrieben?«, fragte ich.
»Natürlich, es wird sogar vermerkt, dass ich hier draußen als Supervisor mithöre. Ich unterschreibe auch das Protokoll. Das ist wichtig, gerade weil er keinen Anwalt hat, nicht dass später jemand behauptet, wir hätten mit illegalen Mitteln gearbeitet.«
Grüner überlegte. »Jaaa, da war ich bei Jürgen, wir haben Fernsehen geguckt und ein paar Flaschen Bier getrunken.«
»Was gab’s im Fernsehen?«
»Einen Krimi.«
»Welchen Krimi?«
»Erst ›Der Alte‹ und dann ›SOKO Leipzig‹.«
»Kein überzeugendes Alibi.«
»Beweisen Sie mir doch das Gegenteil!«
Meininger setzte sich wieder.
»Kennen Sie Fedor Balow?«, fragte Siggi.
»Ja.«
»Woher?
»Wohnte bei uns in Tiefurt, Hauptstraße, war mal mit meiner Schwester verlobt.«
»Verlobt?«
»Ja, verlobt, Mann, warum wiederholen Sie eigentlich alles wie ein Papagei?«
»Gab es eine offizielle Verlobungsfeier?«
»Nein, nur so, im kleinen Rahmen.«
»Wann und wo?«
»Mann, das weiß ich doch nicht mehr, fragen Sie halt meine Schwester.«
»Wir haben bereits mit ihr gesprochen.«
Grüner sah unsicher zwischen den beiden Kommissaren hin und her. »Und, was hat sie gesagt?«
»Das dürfen wir Ihnen leider nicht sagen, Dienstvorschrift!«
»Scheiß-Dienstvorschrift …«
»Und, fanden Sie das gut?«, fragte Siggi weiter.
»Was?«
»Dass Fedor Balow mit Ihrer Schwester verlobt war?«
»Na klar, er wollte sie ja heiraten.«
»Hat er aber nicht.«
»Ja, das weiß ich auch.«
»Waren Sie wütend deswegen?«
»Nein, enttäuscht, aber nicht wütend.«
Siggi gab Frau Sobeck ein seltsames Handzeichen. »Haben Sie ihn ermordet?«
»Nein, habe ich nicht.«
»Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden.«
Grüner fuchtelte mit den Händen herum. »Mann, hören Sie schwer, ich habe den Typ nicht ermordet!«
Ich sah Lehnert an. »Mit den vielen Rückfragen will er ihn aus dem Gleichgewicht bringen?«
»Richtig.«
»Ist ja gut«, sagte Siggi, »schauen Sie sich bitte an, was Frau Sobeck geschrieben hat, damit es keine Missverständnisse gibt.«
»Mensch, was soll das?«
»Ist nur zu Ihrem Nutzen, Herr Grüner, also bitte!«
Frau Sobeck schob ihm das Blatt hin. Er las es mit ruhelosem Blick. »Ich habe doch gesagt, ich war nicht wütend wegen der gelösten Verlobung, nur enttäuscht, das habe ich doch extra gesagt, jetzt steht hier wütend, was soll …?«
»Entschuldigen Sie, Herr Grüner, das kann mal vorkommen, würden Sie es bitte selbst korrigieren und Ihre Unterschrift danebensetzen, Sie wissen schon … das ist ein offizielles Dokument.«
Frau Sobeck schob ihm den Kugelschreiber hinüber, Grüner änderte das Wort und setzte eine großspurige Unterschrift daneben. »Ich hab Hunger«, sagte er.
»Gut, ich kümmere mich darum«, antwortete Siggi, »wie wäre es mit Ravioli?«
Rico Grüner riss die Augen auf.
Meininger schaltete sich wieder ein. »Aber erst, wenn Sie unsere Fragen beantwortet haben, klar!«
»Aber …«
»Haben Sie den Brand in der Denstedter Mühle gelegt?«
»Ich? Nee, das war doch dieser Gegenroth.«
Meininger straffte den Rücken. »Nein, es war ein Kabelbrand durch Marderbiss, eindeutig bewiesen. Warum hat Hans Gegenroth sich schuldig bekannt?«
»Fragen Sie doch ihn!«
»Er ist tot, das wissen Sie genau!«
»Ach ja, hatte ich ganz vergessen.« Grüner lehnte sich lässig zurück.
»Hatten Sie mal Streit mit ihm?«, fragte Siggi.
»Nee.«
»Sicher?«
»Sie nerven, Herr Hauptkommissar!«
»Möglich«, antwortete Siggi ruhig, »also, sicher?«
»Jaaa, sicher!«, knurrte Grüner.
Siggi wartete, bis Frau Sobeck alles notiert hatte, dann sagte er: »Herr Grüner, lesen Sie bitte alles durch und unterschreiben Sie jede Seite, Sie wissen ja …«
»… wegen der Missverständnisse?«
»Genau. Danach machen wir eine viertel Stunde Pause und ich kümmere mich um die Ravioli.«
Grüner las die fünf eng beschriebenen Seiten aufmerksam durch und unterschrieb sie, jede einzeln, mit einem schwungvollen, hoffnungsvollen ›Rico Grüner‹.
Meininger ging in sein Büro, ein Uniformierter brachte Grüner zur Toilette. Lehnert reichte Siggi einen Kaffee, er trank ohne Kommentar. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
»Ich habe mit Sabine Grüner gesprochen«, erklärte ich, »ihr Bruder war als Schüler in Claudia Holzgrewe verliebt. Es ist gut möglich, dass Rico Grüner Daniel bestrafen wollte, weil der Claudia Holzgrewe verlassen hat. Daniel Baumert war laut ihrer Aussage ein Mensch, der Probleme scheute, sie nicht wahrhaben wollte.«
»Gut. Haben wir schon den Abgleich der DNA von dem Besenstiel mit der Speichelprobe von Grüner?«, fragte Siggi.
»Nein, erst am Montag«, antwortete der Kriminalrat.
»Meine Güte, warum dauert das denn so lange?«
»Herr Dorst, bitte, es ist Freitagabend, das Labor in Jena ist bereits geschlossen und eine Notbesetzung gibt es nur noch jedes zweite Wochenende. Sparmaßnahmen, das wissen Sie doch.«
Siggi verdrehte die Augen.
Ich zeigte auf Rico Grüner, der sich hinter der Scheibe inzwischen wieder auf seinem Stuhl rekelte. »Ich glaube übrigens, dass ihn mit Jürgen Zöld eine starke Freundschaft verbindet. Rico Grüner durfte sein Auto benutzen, und Zöld hat ihm die Bücher aus der Unibibliothek in Jena besorgt. Außerdem war er das Verbindungsglied zu Gunter Grasmann.«
»Und die beiden haben sich oft mit einem Kasten Bier in Jürgen Zölds Wohnung getroffen«, ergänzte Lehnert, »steht jedenfalls in Zölds Vernehmungsprotokoll.«
»Das passt«, sagte ich, »Freundschaft zwischen Männern. Ein starkes Motiv, eine Frage der Ehre. Taucht auch häufig in der Literatur auf.«
Siggi überlegte. »Gut, es geht weiter. Hendrik, gib mir mal dein Handy.«
»Was?«
»Nun gib her, wirst schon sehen!«
Ich zog mein altes Handy aus der Hosentasche und kramte dabei auch die Perlenkette hervor.
»Was ist das?«, wollte Siggi wissen.
»Hannas Perlenkette, hat Rico Grüner aus unserem Bad gestohlen und seiner Schwester geschenkt. Sie hat sie mir vorhin zurückgegeben.«
»Sehr gut, die brauche ich auch!«
Ehe ich etwas sagen konnte, steckte er beides ein und ging wieder in Richtung Vernehmungsraum. Vor der Tür unterhielt er sich kurz mit Meininger und Frau Sobeck. Ich konnte nur Bruchstücke verstehen, aber es schien sich um eine Art strategischer Absprache zu handeln.
»Herr Grüner, möchten Sie noch einen Kaffee? Oder Wasser?«, fragte Siggi in ruhigem Ton.
»Nein, Ravioli.«
»Die sind noch nicht heiß.«
»Kein Problem, ich esse auch kalte Ravioli.«
»So viel Esskultur muss schon sein. Haben Sie mal in einer Metzgerei gearbeitet?«
»Nein, so ’n Quatsch!«
»Oder in einem Schlachtbetrieb?«
Rico Grüner blickte stur auf die Tischplatte und schwieg.
»Na, also, was ist?«, rief Meininger dazwischen.
»Ja, also in den Schulferien habe ich ab und zu bei den Weimarer Wurstwaren gearbeitet.«
»In Nohra?«
»Ja.«
»Was haben Sie dort gemacht?«, fragte Siggi.
»Nichts Besonderes, hauptsächlich Kisten ein- und ausgeladen.«
»Kein Fleisch bearbeitet, ausgebeint oder geschnitten?«
»Nein.«
»Also keine Arbeit mit dem Messer?«
»Nein, Mann, was soll das denn …?«
»Kennen Sie eine Claudia Holzgrewe?«
Jetzt wirkte Rico Grüner zum ersten Mal wirklich irritiert. Mit dieser Frage hatte er anscheinend nicht gerechnet. »Das geht Sie nichts an.«
»Vielleicht. Möglicherweise aber doch. Warum hat sie sich das Leben genommen?«
»Das weiß ich doch nicht!« Die Venen an Grüners Stirn traten deutlich hervor.
»Waren Sie auf ihrer Beerdigung?«
»Nee, weiß ja noch nicht mal, wo die stattgefunden hat.«
»Gut.« Siggi warf einen Blick in Frau Sobecks Aufzeichnungen. Sie hatte gerade eine weitere Seite vollendet. Er schob die Seite zu Grüner hinüber. »Stimmt das so? Keine Arbeit mit dem Messer und keine Beerdigung?«
»Natürlich stimmt das!«
»Gut, dann lesen Sie das bitte noch einmal durch und unterschreiben Sie«, sagte Siggi freundlich.
Grüner tat, wie ihm geheißen.
»Woher kennen Sie Hendrik Wilmut?«, fuhr Siggi umgehend fort.
»War mal ein Kunde von mir.«
»Im Telekom-Shop?«
»Ja.«
»Was hat er gekauft?«
»Weiß ich nicht mehr.«
»Glaube ich nicht.«
»Mir scheißegal, was Sie glauben.«
»Herr Grüner, Sie sollten etwas freundlicher zu mir sein. Offensichtlich ist Ihnen der Ernst Ihrer Lage nicht bewusst.« Siggis Stimme klang ruhig und sachlich. »Ich glaube, dass Sie ganz genau wissen, was Sie Herrn Wilmut verkauft haben. Sie haben nämlich ein sehr gutes Gedächtnis.«
»Ach, tatsächlich? Da wären Sie aber der Erste, der das feststellt«, meinte Grüner ungerührt.
Nun wurde Siggi etwas lauter: »Also, was haben Sie ihm verkauft?«
»Tut mir leid, vergessen.«
»War es vielleicht dieses Handy hier?« Damit knallte Meininger mein altes graues Handy auf den Tisch.
»Woher …« Er schwieg. Seine Kiefer mahlten nervös aufeinander. Er überlegte.
»Und was ist hiermit?«, rief Siggi und zog die Perlenkette aus der Hosentasche.
Rico Grüner erhob sich und versuchte, danach zu greifen. »Die gehört Sabine!«
Meininger stand sofort auf. »Hinsetzen!«
Grüner gehorchte.
»Die gehört Hanna Büchler!«, sagte Siggi mit Nachdruck.
»Scheiße!«, schrie Rico Grüner. Es kostete ihn viel Mühe, sitzen zu bleiben. Meininger beobachtete ihn genau.
Siggi sah auf die Uhr. »Sie haben Glück, Ihre Ravioli sind jetzt da, Sie können erst essen.«
»Und dann?«
»Das entscheidet der Haftrichter, vorläufig können wir Ihnen nichts nachweisen.«
Rico Grüner grinste. »Gut, dann Ravioli!«
Siggi verließ den Raum. Seine Laune schien gut zu sein.
»Zufrieden?«, fragte ich.
»Allerdings! Jetzt habe ich ihn gleich. Geh du mal in die Kantine und bring mir bitte ein Leberwurstbrötchen mit, ich muss das Protokoll prüfen und mich mit Meininger absprechen. Bis gleich.«
Der Kriminalrat begleitete mich, wir aßen jeder eine Bockwurst und tranken ein Ehringsdorfer dazu.
»Zum Glück hat wenigstens unsere Kantine eine Notbesetzung«, meinte er.
Ich sah auf die Uhr. Bereits 19.30 Uhr. Dieser Tag zog sich in die Länge wie Kaugummi. Mein Arm tat nicht mehr weh, die Spritzen hatten gewirkt. Nach 15 Minuten beendeten wir unsere Mahlzeit. Ich kaufte das Leberwurstbrötchen für Siggi und wir gingen zurück ins K1.
Siggi und Meininger warteten im Beobachtungsraum. Sie betrachteten Rico Grüner, der fast schläfrig in seinem Stuhl hing, den leeren Ravioliteller vor sich stehend.
»So, dann machen wir weiter«, sagte Meininger und raffte seine Sachen zusammen.
»Noch nicht«, sagte Siggi, »wir warten noch ein paar Minuten.«
»Aber jetzt haben wir ihn doch fast so weit!«
Ich verstand überhaupt nichts.
Siggi sah durch die Scheibe. »Er soll sich ruhig noch eine Weile in Sicherheit wiegen, das passt mir sehr gut.«
Meininger wollte etwas erwidern, doch Kriminalrat Lehnert winkte ab. »Machen Sie einfach das, was Dorst sagt, okay?«
Meininger schwieg. Siggi biss in sein Leberwurstbrötchen, die gute Thüringer Wurst verströmte einen leckeren Geruch. Dann trank er in aller Gemütsruhe einen Kaffee. Grüner war eingenickt.
»So, Meininger, jetzt ist er so weit. Er gehört Ihnen!«
Meininger grinste. Er riss die Tür zum Vernehmungsraum auf, dicht gefolgt von Siggi. Grüner schoss hoch, er taumelte leicht, sein Hemd klebte ihm an den Schultern.
»Hinsetzen!«, befahl Meininger.
»Was soll das«, rief Rico Grüner, »ich denke, wir sind fertig?«
»In keiner Weise«, sagte Meininger scharf, »jetzt geht es erst richtig los, also hinsetzen!«
»Sie wollen mich doch nur fertigmachen!«, rief Grüner und gestikulierte wild mit seinen Händen vor Meiningers Gesicht herum. Was dann folgte, dauerte nur wenige Sekunden: Meininger packte Rico Grüner am rechten Arm, drehte ihm diesen auf den Rücken, drückte ihn auf seinen Stuhl und legte ihm Handschellen an. Grüner lief der Schweiß an den Schläfen herab.
»Haben Sie sich wieder beruhigt?«, fragte Siggi.
Grüner antwortete nicht.
»Ich gehe nur noch mal kurz das Protokoll durch«, sagte Siggi und hielt die Blätter hoch, »Sie haben unterschrieben, dass Sie Jasmin Birken nur flüchtig kennen, oder?«
»Na, es steht doch da!«
»Obwohl wir von Jasmin Birken selbst wissen, dass Sie sogar mit ihr liiert waren …«
»Was soll das denn jetzt?«, rief Grüner.
»Halten Sie den Mund«, schrie Meininger, »Sie wurden nichts gefragt!«
Siggi strich sich mit der flachen Hand über seinen Kahlkopf. »Sie behaupten weiterhin, keinerlei Verbindung zum Untersuchungsgefängnis zu haben und keinen Gunter Grasmann zu kennen. Aber als wir Ihren Freund Jürgen Zöld heute Nachmittag festgenommen haben, saß der Justizvollzugsbeamte Grasmann neben ihm.«
Grüner zuckte zusammen.
»Er hat bereits zugegeben, diverse Informationen aus dem Justizvollzug an Sie weitergegeben zu haben und Ihnen auch sonst einige Gefallen getan zu haben.«
»Was denn für Gefallen?«
»Einschüchterung und Bedrohung von Mitgefangenen, zum Beispiel.«
»Pah!«
»Oder das heimliche Zustecken von Kassibern während einer Rangelei auf dem Gefängnishof.«
Grüner zog die Augenbrauen hoch.
»Weiterhin behaupten Sie, ein Alibi für den 18. August, den Abend der Ermordung Fedor Balows, zu haben, obwohl Ihr Kumpel Jürgen Zöld dieses bereits widerrufen hat.«
»Das ist nicht wahr!«
»Doch, wir haben seine schriftliche Aussage. Nächster Punkt: Sie behaupten, wegen der aufgelösten Verlobung Balows mit Ihrer Schwester nicht wütend gewesen zu sein, auch das ist falsch. Ihre Schwester hat uns genau geschildert, wie Sie Balow damals körperlich angegriffen haben.«
»Das haben Sie vielleicht falsch verstanden«, stotterte Rico Grüner, »oder ich habe mich unklar ausgedrückt, ich meine … das kann ja mal passieren, oder?«
»Prinzipiell schon, aber Sie haben uns separat mit Ihrer Unterschrift bestätigt, dass Sie nicht wütend waren, sondern nur enttäuscht. Sie erinnern sich noch, wegen der Missverständnisse …!«
Grüner antwortete nicht. Er saß bleich auf seinem Stuhl.
Ich nickte Lehnert zu. Mein Respekt für Siggis professionelle Arbeit wuchs unaufhaltsam.
»Meininger, nehmen Sie Herrn Grüner bitte die Handschellen wieder ab, das ist sehr unbequem, oder?«
Grüner nickte. Meininger öffnete die Handschellen.
Kaum hatte sich Rico Grüner ein wenig die geröteten Handgelenke massiert, machte Siggi weiter. »Sie behaupten, Ihr Verhältnis zu Hans Gegenroth sei harmonisch gewesen, was mein Kollege Meininger in akribischer Kleinarbeit widerlegt hat. Er fand Klassenbucheinträge und schriftliche Verwarnungen in den Akten des Gutenberg-Gymnasiums, die genau das Gegenteil bezeugen. Sie haben ihn erwürgt.«
»Quatsch. Ich kann gar kein Blut sehen.«
»Das glaube ich Ihnen.«
»Na also …«
»Erwürgen, vergiften, Genickbruch – alles ohne Blut.«
Grüner sah ihn erstaunt an.
»Herr Grüner, wir wissen alles.«
»ALLES!«, schrie Meininger.
Grüners Blick ging nervös zwischen den beiden Kommissaren hin und her.
»An Gegenroths Hals waren Würgemale wie von Eisenhänden«, sagte Siggi.
»EISENHÄNDE!«, rief Meininger.
»Was soll das?« Grüner versuchte aufzustehen.
»Bleiben Sie sitzen«, sagte Siggi scharf, »oder KOK Meininger legt Ihnen sofort wieder Handschellen an! Eisenhände sind gleichbedeutend mit Kettenhandschuhen.«
»KETTENHANDSCHUHE!«, wiederholte Meininger.
»Ich habe doch gesagt, dass ich in Nohra nie mit dem Messer gearbeitet habe …«
»Interessanterweise stellen Sie sofort eine Verbindung zwischen den Kettenhandschuhen und der Wurstfabrik in Nohra her«, bemerkt Siggi.
»Außerdem können Sie trotzdem die Kettenhandschuhe entwendet haben«, ergänzte Meininger, »auch wenn Sie in einer anderen Abteilung gearbeitet haben.«
»Und …«, fuhr Siggi fort, »Sie behaupten, nicht auf Claudia Holzgrewes Beerdigung gewesen zu sein. Wir haben inzwischen mit Claudias Mutter gesprochen, Sie waren eindeutig dort in Frankfurt auf dem …«, er blätterte in seinem Notizbuch, »Waldfriedhof in Oberrad!«
»Sie haben uns belogen, Grüner«, rief Meininger dazwischen, »und zwar mehrmals und systematisch!«
»Nein!«
»Und dann haben Sie einen Fehler gemacht!«, warf Siggi ein.
»Nein!«
»FEHLER!«, rief Meininger.
»Neiiin!«
»Doch«, sagte Siggi, »Sie haben den Besenstiel im Hinterhof des Kirms-Krackow-Hauses mit bloßen Händen angefasst. Zuerst haben wir es gar nicht für möglich gehalten, dass dies die Waffe sein könnte. Aber da wussten wir noch nichts von Ihren Kendo-Künsten. Jedenfalls haben wir eine DNA-Probe. Und jetzt raten Sie mal, mit wessen DNA die übereinstimmt?«
Rico Grüner riss die Augen auf. Aber nur kurz. Sein Widerstand war erloschen.
Ich sah Lehnert an. »Wieso …?«
»Dorst hat nur gesagt, er solle mal raten, mit wessen DNA die Probe übereinstimmt. Rechtlich einwandfrei.«
Siggi – der Fuchs.
Dann holte Kriminalhauptkommissar Dorst zum letzten und entscheidenden Schlag aus.
»Schauen Sie mal mein schönes, kleines Notizbuch an!«
Grüner versuchte wegzusehen.
»Nun schauen Sie’s schon an!«
Rico Grüner drehte den Kopf.
»Und nun sehen Sie hier«, sagte Siggi, hob einen Aktendeckel und holte die Plastiktüte mit dem verbrannten Notizbuch heraus. Grüners Mund blieb offen stehen. Er legte den Kopf auf die Tischplatte und begann, hemmungslos zu weinen.
Für einen Moment tat er mir leid. Doch nur für einen sehr kurzen Moment. So kurz, dass keine Uhr diese Zeit hätte messen können. Mehr Mitleid hatte ich nicht übrig für einen dreifachen Mörder.
Meininger ging hinaus, um Frau Sobeck zu holen. Siggi reichte Rico Grüner ein Glas Wasser. »Und nun, Herr Grüner, erzählen Sie mir bitte alles der Reihe nach, das erleichtert.«
Damit begann Rico Grüner zu berichten, alle Details, ohne etwas auszulassen. Sein Geständnis dauerte über eine Stunde, und alles wurde von Frau Sobeck aufgezeichnet. Erstaunlicherweise waren wir während der Ermittlungen den Tatsachen schon sehr nahe gekommen. Mit einer Ausnahme: Wir hatten angenommen, er habe den Mord an Daniel Baumert auch geplant wie die anderen, doch es war eine spontane Entscheidung. Dadurch unterlief Rico Grüner der einzige handwerkliche Fehler. Das Wissen über Insulin hatte er von seiner Mutter, die als Krankenschwester in der Diabetikerambulanz des Weimarer Krankenhauses gearbeitet hatte. Damit gelang ihm ein elegant-makaberer Schachzug, mit dem er Fedor Balow und mich gleichzeitig zu bestrafen suchte. Einige Informationen zu Goethe hatte ihm Zöld aus der Unibibliothek Jena besorgt, den Rest holte er sich aus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, in der er als Michael Müller aus der Bonhoefferstraße 4 eingetragen war. Unter dem gleichen Namen führte ihn der japanische Kampfsport-Club im Gewerbegebiet Kromsdorf-Süd.
Es war bereits 21 Uhr. Ich war sehr müde, sehnte mich nach einem ruhigen Wochenende mit Hanna, zwei bis drei Tassen Espresso und einem Besuch im Goethehaus, das ich in den vergangenen zwei Wochen sträflich vernachlässigt hatte. Doch eine Frage musste noch geklärt werden. Ich bat Kriminalrat Lehnert, in den Vernehmungsraum gehen zu dürfen. Er nickte.
Ich öffnete die Tür. Siggi winkte mich herein. »Sie kennen Herrn Wilmut ja bereits.«
Grüner nickte, schaffte es jedoch nicht, mir ins Gesicht zu sehen.
Ich brauchte eine Weile, bis ich sprechen konnte. Man sitzt nicht alle Tage seinem Beinahe-Mörder gegenüber. »Warum … haben Sie mir dieses Rätsel geschickt?«
»Die Japaner stehen für ehrenvollen Sport«, presste er hervor, »der Gegner bekommt immer eine kleine Chance.«
»Die war allerdings sehr klein.«
»Nicht klein genug für Sie …«
»Und warum bekam nur ich diese Chance?«
»Jeder hatte seine Chance, jeder auf seinem Gebiet.« Er sprach jetzt klar und konzentriert. »Fedor habe ich die Chance gegeben, Sabine zu heiraten. Er hat nur gelacht.«
»Und Hans Gegenroth?«
»Er hat mich vor der ganzen Klasse gedemütigt und sollte sich zur Strafe vor der gesamten Öffentlichkeit bloßstellen. Er sollte selbst eine Straftat verüben und dann ins Gefängnis gehen. Aber er hat’s vermasselt – sein Pech. Dafür habe ich ihn öffentlich zur Schau gestellt.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Und Daniel hatte seine Chance bereits zuvor bekommen«, ergänzte er, »Claudias Mutter hat ihn angefleht, zu ihrer Tochter zurückzukehren.«
Ich stand auf. »Auch wenn diese Personen Ihnen Unrecht angetan haben, sind sie doch nicht für Ihr verkorkstes Leben verantwortlich.«
Er starrte auf die Tischplatte. »Ich … ich musste alle bestrafen. Was sollte ich sonst tun, mein Leben hatte keinen anderen Zweck mehr …«
Ich schüttelte unwillig den Kopf.
»Sie verstehen das nicht …«
»Nein, das verstehe ich allerdings nicht.«
»Sie haben diesen Wechsel nicht mitgemacht. Sie sind zwar hier geboren, aber im Westen aufgewachsen, die BRD war Ihre gewohnte Umgebung, Ihre normale Lebensform. Die DDR war nur ein Ferienland für Sie, für uns aber war sie die tägliche Realität.«
»Das stimmt. Jedem ehemaligen DDR-Bürger gebührt dafür mein Respekt. Trotzdem rechtfertigt das keinen Mord. Und weder der eine noch der andere Staat ist für Ihre Taten verantwortlich, nur Sie selbst!«
»Herr Wilmut?« Zum ersten Mal sah er mich direkt an.
»Was wollen Sie denn noch?«
»Ich habe Angst …«
Ich zuckte mit den Achseln.
»… um meine Schwester. Ich habe meiner Mutter auf dem Totenbett versprochen, mich um sie zu kümmern. Kennen Sie solche Versprechen?«
Ich konnte nicht antworten.
»Sie braucht Freiheit. Besonders Bewegungsfreiheit. Können Sie sich vielleicht ein wenig um Sabine kümmern?«
Ich hatte die Türklinke schon in der Hand, drehte mich noch einmal um. »Gut, Grüner, ich kümmere mich um Ihre Schwester, Sie haben ja noch etwas gut bei mir.«
»Abführen!«, befahl Siggi.
Das Letzte, was ich von Rico Grüner sah, war seine hagere, schmale Gestalt, die sich über den Flur entfernte. Ich schloss die Tür. Es war 21.32 Uhr.
Um genau 21.52 Uhr an diesem Freitag, den 3. September 2004, stand ich vor Büchlers Haus in der Humboldtstraße. Endlich. Endlich konnte dieser Tag zu Ende gehen. Dieser Tag der Verdammnis und Erhörung. Hanna öffnete. Als sie mir in die Augen sah, wusste ich, dass etwas passiert war.
»Mutter ist tot.«
Ich nahm sie in den Arm. Sie weinte nicht mehr. So standen wir ein paar Minuten in der Tür. ›Der Tod ist nichts Endgültiges.‹ Das hatte der Pfarrer gesagt.
»Deine Mutter hat dir etwas hinterlassen«, sagte ich leise, »es wird dich immer an sie erinnern.« Ich legte ihr die Perlenkette vorsichtig in beide Hände.
Hanna sah mich an. Mit einem Blick, der Urvertrauen ausstrahlte. Eine einzelne Träne rann ihre Wange hinab. Sie wischte sie mit dem Handrücken ab. Dann ging sie in den Vorgarten, schnitt eine rote Rose ab und sagte: »Hendrik, ich möchte bei dir bleiben. Für immer. Möchtest du mich heiraten?«