7. Kapitel

 

Sonntag, 29. August 2004. Der Tag, an dem Hanna zum ersten Mal Whiskey trank.

 

Hanna wusste, dass sie sich auf Cindy Valentine verlassen konnte. Selbst als sie am Freitag spät abends in der Geleitstraße vor der Tür stand, zögerte Cindy keinen Moment, sie hereinzulassen. Hannas seltsamer Aufzug mit Schirmmütze und Rucksack erstaunte ihre Freundin zwar, doch es blieb keine Zeit mehr an diesem Abend für lange Erklärungen. Cindy musste am nächsten Tag früh aufstehen. Sie leitete eine Studentenexkursion nach Eisenach – Wartburg und Bach-Museum. John war für zwei Wochen in Texas.

Hanna traute sich den gesamten Samstag über nicht aus dem Haus. Sie schaute ab und zu vorsichtig aus dem Fenster, hinunter auf die Geleitstraße, um nach den Anzeichen einer polizeilichen Suchaktion zu spähen, glücklicherweise konnte sie nichts erkennen. Die Stadt war voller Touristen, alles schien normal, wie jedes Wochenende, der Grill am Goetheplatz qualmte, die Rostbratwürste brutzelten, nichts ließ erkennen, dass eine gewisse Hanna Büchler gesucht wurde. Allerdings war sie sich bewusst, dass die Polizeimaschinerie bereits angelaufen war und am Montag auf Hochtouren kommen würde. Sie konnte sich nicht sicher fühlen. Und sie wusste, dass auch Hendrik sich nicht sicher fühlen würde, obwohl er zunächst in Freiheit war. Seltsamerweise dachte sie ganz nüchtern über ihn nach, so, als seien sie Leidensgenossen, Mitglieder einer verbotenen Partei, Angehörige der Resistance oder einer gefährdeten Rasse, um die sich niemand kümmerte. Mehr verband sie nicht. Nicht mehr.

Am Samstagabend rief Cindy an, sie war zurück in Weimar und wollte mit ihren Studenten in die Brasserie am Rollplatz auf ein Abschlussbier. Währenddessen sah sich Hanna im Fernsehen einen Liebesfilm an, ohne sich wirklich darauf konzentrieren zu können. Am Ende hätte sie noch nicht einmal die Handlung wiedergeben können. Sie döste auf der Couch vor sich hin. Als spät in der Nacht ein Thüringen-Journal kam, in dem von einem spektakulären Selbstmord in Weimar berichtet wurde, horchte sie auf. Ein Mann hatte sich in der Bahnunterführung zwischen Kromsdorf und Weimar-Nord erhängt. Als ein Autofahrer kurz danach durch den Tunnel fuhr, hing der leblose Körper plötzlich vor seinem Auto. Er konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und streifte ihn, der Fahrer erlitt einen Schock. Nach den Nachrichten folgte ein alter Western mit John Wayne, der Hanna halbwegs wach hielt. Manchmal vermischten sich Realität und Fiktion. John Wayne schlug zornig eine Tür zu, die sich anhörte wie eine deutsche Wohnungstür.

Plötzlich stand Cindy vor ihr. Hanna sah auf die Uhr: Viertel nach eins. Zu ihrer Überraschung machte Cindy einen sehr ernsten Eindruck. Sie hatte noch nicht einmal ihre Handtasche abgestellt, als sie schon fragte: »Was ist mit dem Hendrik los?«

»Wie kommst du darauf?«

»Well, du klingelst mitten in der Nacht bei mir, das muss etwas Wichtiges sein, was ist mit diesem Kerl?«

»Du hast recht, es hat mit Hendrik zu tun, aber das ist eine lange Geschichte, du bist sicher müde …«

»Ich bin nicht müde, ich will wissen, was los ist, komm, wir trinken erst mal einen Piccolo!«

»Also gut«, antwortete Hanna. Sie setzten sich in die Küche. Leider fand sich kein Piccolo mehr, auch kein Wein oder Bier, nur noch eine halbe Flasche Whiskey. Hanna mochte den Geruch eigentlich nicht und hatte bislang nie Whiskey getrunken, doch im Moment war ihr das egal. Sie kippte ihn hinunter und schüttelte sich.

Dann erzählte sie die ganze Geschichte, von dem Toten an der Denstedter Mühle, von Hendriks Festnahme, dem Mordverdacht, seinen Erlebnissen während der Untersuchungshaft, von dem Kassiber und dem Mann im grünen Hemd, Hendriks Unfall in der Dusche, bis hin zum Krankenhausaufenthalt und dem missglückten Heiratsantrag.

Cindy hörte aufmerksam zu. Als Hanna zu Ende gesprochen hatte, schüttelte sie ungläubig den Kopf. »Das passt ja zu dem, was heute Abend passiert ist.«

Hanna sah sie erstaunt an. »Heute Abend?«

»Ja, wir waren drinnen in der Brasserie, weil es inzwischen etwas kühl geworden war, draußen saßen noch drei Männer in grünen Hemden, so ungefähr Mitternacht war das, plötzlich stürmt der Hendrik aus seinem Haus nebenan und … wie sagt man, pöbelen?«

Hanna riss die Augen auf: »Pöbeln?«

»Ja, genau, er pöbelt herum, schreit die Männer an, sie sollen verschwinden und ihn endlich in Ruhe lassen, also wirklich – das war shocking!« Immer, wenn Cindy aufgeregt war, fielen ihr die passenden deutschen Worte nicht mehr ein. »Die drei haben ja gar nichts gemacht, nur dagesessen und Bier getrunken, keinen Lärm gemacht und gar nichts!«

»Und dann?«

»Dann ging Thomas von der Brasserie hinaus und versuchte, Hendrik zu beruhigen, die beiden Kerle kennen sich ja gut, aber es funktionierte nicht. Bis Benno dazukam.«

»Benno? Wo kam der denn her?«

»Bin nicht sicher, wohl aus Hendriks Haus.«

»Und dann hat sich Hendrik beruhigt?«

»Ja, aber nur mit viel Zureden. Ich habe dann mit den drei Männern gesprochen, die wollten Hendrik nämlich anzeigen.«

»Nein!«, entfuhr es Hanna.

»Ja, ja, aber einen von denen kenne ich, habe ihn gebeten, das Ganze zu vergessen, habe gesagt, Hendrik ist gestresst und so weiter …«

»Danke, Cindy!« Hanna schluckte. Cindy schenkte ihr noch einen Whiskey ein, den sie in einem Schluck hinuntergoss. Langsam gewöhnte sie sich an den Geschmack. »Und du meinst, der Typ, den du kennst …«

»Rico?«

»Ja, ich meine, wird er wirklich keine Anzeige erstatten?«

»Nein, nein, ich kenne den Kerl, seine Schwester ist eine Studentin in meiner Klavierklasse, traurige Geschichte, sie sitzt im Rollstuhl, schwierige Familie, na ja, sie hatte Glück, hat ein Stipendium bei uns bekommen. Rico kümmert sich sehr um seine Schwester, aber er selbst kommt nicht weiter, arbeitslos und so …«

»Moment mal«, Hanna stieß aus Versehen gegen die Whiskeyflasche, sodass diese fast umgefallen wäre, »diese Familie kenne ich doch!«

»Woher?«

»Hendrik hat von denen erzählt, Rico und seine Schwester sind, glaube ich, als Zeugen im Todesfall Fedor Balow vernommen worden.«

»Ach …«

»Wohnen die in Tiefurt?«

»Ja, in der Hauptstraße.«

»Genau, dann sind sie Nachbarn von diesem Balow.«

»Okay, deswegen sind die befragt worden, ob sie was gesehen haben und so weiter.«

»So wird’s wohl sein«, sagte Hanna, »Weimar ist ein Dorf. Warum hatten die eigentlich alle grüne Hemden an?«

»Die haben den Sieg ihrer Fußballmannschaft gefeiert und hatten alle ein grünes Trikot an, das sind die Farben des Vereins, du weißt schon, wie die Kerle so sind …«

Hanna nickte nachdenklich. »Hendrik hat derzeit ein Problem mit dieser Farbe.«

»Was?«

»Ich habe dir doch von der Schlägerei im Gefängnishof erzählt und dem Mann im grünen Hemd …«

»Okay, verstehe.«

»Kann ich noch ein paar Tage bei dir bleiben?«

»Natürlich.«

Hanna hob den Kopf und sah Cindy an. »Ich will ehrlich sein, die Polizei sucht nicht nur Hendrik, sondern auch mich!«

»Oh, no!«

»Angeblich soll ich auch in den Mord verwickelt sein.«

»What a bullshit!«

Da Hanna in der DDR keinen Englischunterricht gehabt hatte, fiel es ihr oft schwer, Cindys amerikanische Ausdrücke zu verstehen. Dieser jedoch war klar.

»Ich wurde gewarnt, deswegen musste ich von zu Hause weg.«

»No problem, du bleibst natürlich hier.«

»Denk aber dran: Du machst dich damit strafbar.«

»Sorry, was heißt strafbar

»Nun ja«, stotterte Hanna, »das … das ist nicht erlaubt, du kannst dafür bestraft werden.«

»Ha«, rief Cindy, »das ist mir egal, du bleibst hier!«

»Danke.«

»War das alles?«

»Wie, alles

»Mit Hendrik?«

Hanna zögerte.

»Habt ihr gestritten?«

Hanna sah zum Fenster hinaus ins Dunkle. »Ja.«

»Come on, erzähl es mir.« Cindy legte ihre Hand auf Hannas Arm. »Bitte.«

Sie sah Cindy traurig an. Ihre schönen blauen Augen waren zu dunklen Strichen geworden. »Meine Mutter ist krank. Sehr krank. Dann dieser ganze Polizei-Mist und ausgerechnet jetzt macht er mir einen Heiratsantrag.«

»Oh, shit!«, entfuhr es Cindy. »Sorry, solche Worte benutze ich sonst nicht oft.«

Hanna winkte ab. »Und dann noch mit ungewaschenen Haaren, einem eingelaufenen, hässlichen Bademantel und einer gelben Rose!«

»Oh, no! Ist er verrückt, der Kerl?« Cindy schüttelte heftig den Kopf, sodass ihre blonden Haare hin und her geschleudert wurden.

»Moment, das Schlimmste kommt erst noch. Dann habe ich gesagt, ich kann ihm jetzt keine Antwort geben, ich habe ja nicht abgelehnt, nur verschoben, verstehst du, und da hat er mich rausgeworfen!«

»Rausgeworfen?«

»Ja, aus dem Raum geworfen, rausgeschmissen, piss off!« Hanna wusste selbst nicht, woher sie plötzlich diesen Ausdruck kannte.

Cindy wurde blass. »Hanna, bitte beruhige dich …«

»Nein, ich will mich aber nicht beruhigen! Das ist doch unverschämt, oder?«

»Ja, nun, ich mag Hendrik sehr, aber da hast du recht!«

»Immer macht er solche komischen Heiratsanträge, mit denen kann ich nichts anfangen, verdammt noch mal!«

Cindy trank ihren Whiskey aus und zog die Augenbrauen hoch. »Was hast du eben gesagt? Immer macht er solche komischen Heiratsanträge?«

Hanna starrte wieder aus dem Fenster hinaus. »Ja«, sagte sie leise, »er hat mir schon einmal einen Antrag gemacht, vor zwei Jahren, als er in die neue Wohnung gezogen ist. Er dachte wohl, ich könnte dort mit einziehen, aber ich musste meiner Mutter beistehen, sie war mit der Krankheit meines Vaters total überfordert, das hat Hendrik damals ja auch eingesehen.«

Cindy sah sie entsetzt an. »Du hast Hendrik zweimal eine Abfuhr … gegeben?«

»Quatsch, zweimal verschoben nur …«, antwortete sie etwas unsicher.

Cindy erhob sich. »Liebst du ihn noch?«

»Willst du eine ehrliche Antwort?«

»Natürlich.«

»Ich weiß es nicht.«

 

*

 

Der hagere Mann dachte an seine Mutter. Sie hatte sehr bewusst gelebt, kannte sich gut in Gesundheitsfragen aus, schließlich war sie Krankenschwester gewesen. Sie hatte ihm viel über gesunde Ernährung beigebracht. Wenn sie sehen könnte, dass er kalte Ravioli aus der Dose aß, würde sie aus dem Grab steigen und ihn zur Rede stellen.

Sie hatte im Sophienhaus gearbeitet, zuletzt in der Diabetikerambulanz, und hatte viel Wert auf Bewegung, frische Luft und Vorsorgeuntersuchungen gelegt. Doch all das konnte nicht verhindern, dass sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb. Mit 51 Jahren. Er war damals gerade einmal 18 Jahre alt gewesen. Vergeblich hatte er die Ärzte angefleht, seine Mutter nach Berlin in die Charité bringen zu lassen, das war das medizinische Kompetenzzentrum der DDR. Aber nein, es sei sowieso schon zu spät. Die Mutter war nicht in der SED gewesen, sonst hätte sie bessere Chancen gehabt, da war er sich sicher. Später erfuhr er, dass es nicht nur die Charité gab, sondern auch eine spezielle Klinik für Parteikader in Berlin-Buch. Seltsamerweise gingen all diese Fakten irgendwie verloren. Sie schwammen eine Weile an der Oberfläche des Deutschland-Teichs, tauchten dann langsam ab, bis sie schließlich im Schlamm der Vergangenheit versanken, den niemand aufwühlen wollte. Das hätte ja möglicherweise den gesamten Teich eintrüben können.

 

*

 

Hanna hatte gut geschlafen in ihrer zweiten Nacht bei Valentines und erschien recht gut gelaunt zum Sonntagsfrühstück. Cindy hatte amerikanisches Rührei zubereitet, mit Bacon und Ahornsirup. Etwa eine halbe Stunde lang schafften sie es, nicht über Hendriks schockierendes Verhalten vom Vorabend zu sprechen. Doch plötzlich sprudelte es aus Cindy heraus, sie musste noch einmal alles erzählen, wie schlimm das für sie war, weil sie Hendrik ja kannte, und wie verändert er ihr vorgekommen war und dass sie zwar ziemlich sauer auf ihn sei, sich aber gleichzeitig Sorgen um ihn mache. Schließlich kenne sie Rico Grüner nur über seine Schwester und sei unsicher, ob er Hendrik nicht doch anzeigen würde. Hanna wollte eigentlich von all dem nichts mehr hören, musste jedoch zugeben, dass sie sich auch um Hendrik sorgte. Auch wenn ihre Gefühle anderer Art waren als vor dem Streit mit ihm. Sie machte sich Sorgen, aber sie hatte keine Angst um ihn. Nach längerer Diskussion entschieden sie, Rico in Cindys Wohnung einzuladen. Cindy sollte dann mit ihm reden, seine Glaubwürdigkeit prüfen und ihn nochmals bitten, keine Anzeige zu erstatten. Natürlich durfte er nichts von Hannas Anwesenheit erfahren, sie sollte aus dem Schlafzimmer die Unterhaltung mithören und sich selbst ein Bild von der Zuverlässigkeit des jungen Mannes machen.

 

Rico Grüner erschien zum Abendessen. Cindy briet ihm einen Riesen-Hamburger, den er verschlang, als hätte er seit zwei Wochen nichts mehr gegessen. Anschließend unterhielten sie sich über den vergangenen Abend, insbesondere über Hendriks Verhalten vor der Brasserie. Mehrmals beteuerte Rico, dass er Hendrik zuvor noch nie gesehen hätte, was ebenso für seine beiden Fußballkameraden gelte, und dass sie deswegen ›voll geschockt‹ von seinen Anschuldigungen gewesen waren. Hinter der Schlafzimmertür hörte Hanna alles mit und nickte vor sich hin, als Cindy versicherte, für Ricos Empörung Verständnis zu haben. Zufrieden verfolgte sie das weitere Gespräch, in dem Cindy mit ein paar Ausreden, die sie sich vorher zurechtgelegt hatten, erklärte, dass hier eine Verwechslung vorliegen müsse wegen der grünen Hemden, dass Hendrik zurzeit sehr unter Stress stünde und Rico die Sache auf sich beruhen lassen solle. Am Ende entschuldigte sie sich sogar für Hendrik.

Hanna konnte den Besucher nicht sehen, lediglich hören, seine Stimme war angenehm und sie bemerkte mit Respekt, dass er nicht versuchte, bei ihrer Freundin im Gegenzug irgendwelche Vorteile für seine Schwester herauszuholen.

Cindy brachte Rico Grüner zur Tür und Hanna hörte, wie sie im Flur noch einige Sätze wechselten, ohne dass sie verstand, was gesprochen wurde.

Die beiden Freundinnen waren sehr zufrieden mit dem Gespräch.

 

Gegen 22 Uhr klingelte Karolas Handy. Es dauerte eine Weile, bis Hanna begriff, dass der fremde Klingelton ihr galt.

»Ist schon komisch, wenn man seine eigene Nummer anruft«, meinte Karola.

Hanna lächelte. »Wie geht’s Mutter?«

»Nicht gut«, antwortete Karola, »sie hat den ganzen Tag über gehustet und ist sehr schwach.«

»War Dr. Gründlich noch mal da?«

»Ja, heute Mittag, er hat ihr ein zusätzliches Medikament gegeben, aber …«

»Karola, bitte, was ist los?«

»Ich habe eher den Eindruck, dass es Mutter danach noch schlechter ging!«