2. Kapitel
Dienstag, 24. August 2004. Der Tag, der mir Angst machte.
Es war bereits kurz nach Mitternacht, als die Zellentür hinter mir ins Schloss fiel. Ich zuckte zusammen. Die mächtigen Riegel rasteten ein. Als Kind hatte ich mich oft gefragt, wie es wohl in einer Gefängniszelle aussehen mochte, wie man sich fühlte, so allein. Doch jetzt, als ich es erlebte, interessierte mich das überhaupt nicht mehr. Ich war so erschöpft, dass ich mich nur noch auf die Pritsche legen und schlafen wollte. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, meine Kleidung auszuziehen. Als ich im Dunkeln dort lag, wollte die Müdigkeit jedoch nicht über mich kommen. Ein fremder Geruch störte mich, undefinierbare Geräusche ließen mich ein ums andere Mal aufhorchen. Ich drehte mich zur Wand und wieder zurück, meine Füße waren kalt und das Kissen zu dünn. Bilder zogen durch meinen Kopf: grüne Uniformjacken, ein lebloser Körper im Wasser, eine chromblitzende Espressomaschine, die mutterseelenallein mitten auf dem Rollplatz stand. Und dann kamen die Gedanken an den vergangenen Abend, an meine Festnahme und die Vernehmung.
Siggi hatte mich über meine Rechte belehrt. Während er im Hausflur wartete, packte ich ein paar Sachen zusammen. Einer der Uniformierten beobachtete mich dabei unablässig. Das sei so Vorschrift, meinte er. Selbst als ich auf die Toilette musste, kam er mit. Ich forderte ihn auf, mir wenigstens beim Packen zu helfen, was er jedoch ablehnte. Nach zehn Minuten hatte ich endlich alles beisammen.
Wir gingen stumm die Treppe hinunter. Erst im Streifenwagen sprach Siggi wieder mit mir. »Ich muss dich darauf hinweisen, dass ich ab sofort nur noch in Begleitung eines Kollegen mit dir sprechen darf. Wir bringen dich jetzt zur Vernehmung ins Polizeipräsidium.«
»Aber Siggi, du glaubst doch nicht etwa, dass ich diesen Fedor …«
»Balow«, ergänzte er.
»… dass ich den wirklich umgebracht habe?« Ich wartete jeden Moment darauf, dass Siggi in Lachen ausbrechen würde und sich das Ganze als schlechter Scherz herausstellte. Vielleicht kam auch irgendwo eine versteckte Kamera zum Vorschein.
»Was ich glaube, ist nicht von Belang«, antwortete Siggi förmlich, »fest steht, dass wir Beweise haben.«
»Beweise … mein Gott, was denn für Beweise?«
»Fingerabdrücke.«
Ich schluckte.
»In Balows Wohnung …« Er sah mich an. »Mensch, Hendrik, das sind zweifelsfrei deine Fingerabdrücke! Was hast du nur in dieser Wohnung gemacht?«
Ich stierte eine Weile vor mich hin, unfähig zu antworten.
»Hendrik?«
»Ich war noch nie in dieser Wohnung!« Meine Stimme klang schrill. »Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, ich hätte den Mann umgebracht?«
»Ich denke, du hältst jetzt besser den Mund.«
Wir fuhren zum Weimarer Polizeipräsidium am Rathenauplatz. Siggi führte mich durch die verwinkelten Flure des alten Gebäudes, das aus der NS-Zeit stammte. Die beiden Uniformierten begleiteten uns, es wurde nicht geredet. Zunächst erfolgte eine ›erkennungsdienstliche Behandlung‹, wie Siggi das nannte. Meine Fingerabdrücke wurden genommen, obwohl die ja offensichtlich schon vorhanden waren, meine persönlichen Daten aufgenommen und Fotos für die Verbrecherkartei angefertigt. Mein Foto zusammen mit den Visagen von Mördern und sonstigen Schwerkriminellen in derselben Kartei – unfassbar! Endlich erreichten wir den Vernehmungsraum: nüchtern, graubraune Wände, ein Tisch, Stühle, Telefon, ein Mikrofon. Nichts, was vom Zweck des Aufenthalts in diesem Raum ablenken konnte. Wenigstens war der Raum hell erleuchtet. Ich fühlte mich sehr unwohl. Zum Glück hatten sie mir keine Handschellen angelegt. Ich bekam Kaffee und Mineralwasser.
Kaum hatte ich mich gesetzt, wurde die Tür aufgerissen. Ein etwa 30-jähriger Mann stürmte herein, nach hinten gekämmte Gel-Haare, irgendein Boss-Armani-Lacoste-Shirt, italienische Schuhe.
»Was ist denn hier los?«, fragte er in den Raum hinein.
»Das ist KOK Meininger«, sagte Siggi in meine Richtung.
»Sie haben ihn ja schon geholt«, rief Meininger.
»Allerdings!«, antwortete Siggi.
Kriminaloberkommissar Meininger verzog sein Gesicht. »Ohne Handschellen?«
»Wie Sie sehen, ist er hier angekommen.«
»Ich übernehme ihn.«
»Natürlich«, antwortete Siggi, nicht mehr ganz so ruhig, und ging zur Tür. Er hatte mir vor ein paar Wochen erzählt, dass Kommissar Hermann, mit dem er viele Jahre gut zusammengearbeitet hatte, zum LKA nach Erfurt versetzt worden war und ihm stattdessen ›so ein junger Schnösel aus Berlin‹ als Mitarbeiter zugeteilt wurde. Ich hatte mir damals den Namen nicht gemerkt. Die Tür fiel ins Schloss.
Ich wackelte auf meinem Stuhl hin und her, unentschlossen, ob ich aufstehen oder sitzen bleiben sollte.
Meininger bemerkte das. »Bleiben Sie sitzen, Herr Wilmut!«
»Was ist denn los?«, fragte ich.
»Das geht Sie zwar eigentlich nichts an«, antwortete er betont gelassen, »aber damit Sie es gleich wissen, Ihr Freund Dorst wurde von dem Fall abgezogen, wegen Befangenheit.« Damit setzte er sich mir gegenüber, schickte einen der beiden Uniformierten hinaus und wies den anderen an, auf dem Stuhl neben der Tür Platz zu nehmen.
»Eigentlich war ich von Kriminalrat Lehnert beauftragt worden, Sie festzunehmen, Dorst ist mir zuvorgekommen. Ich werde das melden müssen.«
Ich grinste. »Tun Sie das.«
»Herr Wilmut, Ihnen wird vorgeworfen …«
»Ich weiß, was mir vorgeworfen wird. Ich soll einen Mann aus Tiefurt ermordet haben, das hat mir Sig… also Herr Dorst bereits erklärt. Sagen Sie mir lieber, was das soll, das ist doch absurd, ich kenne diesen Fedor Balow überhaupt nicht und habe in seiner Wohnung auch keine Fingerabdrücke hinterlassen!«
Meininger lächelte mildsüß. »Hat er Sie über Ihre Rechte aufgeklärt?«
»Ja, natürlich hat er das, also, was ist nun?«
»Wollen Sie einen Anwalt?«
»Weiß ich noch nicht, sagen Sie mir erst mal, wie Sie auf diese hirnverbrannte Idee kommen!«
Er drehte das Mikrofon zu mir herüber. »Ich weise Sie darauf hin, dass diese Vernehmung aufgezeichnet wird. Ich bin verpflichtet, Ihnen das zu sagen.«
Er wollte mich zappeln lassen, das war klar, mich schon vorab weichkochen. Nicht mit mir. »Vielen Dank für den Hinweis.«
»Bitte sehr!«
Ich sagte nichts.
Er sah mich spöttisch an. »Es sieht nicht gut aus für Sie.«
Ich reagierte nicht.
Meininger ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen. »Woher wissen Sie eigentlich von den Fingerabdrücken? Von KHK Dorst?«
Ich nickte.
Meininger hob die Augenbrauen. »Dazu war er nicht berechtigt.«
»Quatsch, Sie hätten mir das jetzt sowieso gesagt. Außerdem war er auch nicht dazu berechtigt, mich ohne Handschellen hierher zu bringen.«
»Ahaa …«, sagte Meininger gedehnt, »damit bestätigen Sie also, dass KHK Dorst vertrauliche Ermittlungsergebnisse an Sie weitergegeben und Sie entgegen der Dienstvorschrift ohne Handschellen hierher gebracht hat?«
Ich schwieg.
»Bestätigen Sie das, Herr Wilmut, oder nicht?« Seine Stimme wurde lauter.
Ich nickte.
»Wenn Sie nicken, hört man das auf dem Tonband nicht!«, rief er. »Also, bestätigen Sie das oder nicht?«
»Ja …«, antwortete ich.
»Lauter bitte!«
»Ja, verdammt noch mal!«, schrie ich und schoss aus meinem Stuhl hoch. Der Uniformierte an der Tür erhob sich sofort. Meininger winkte ab und blieb ruhig sitzen.
»Nehmen Sie bitte wieder Platz, Herr Wilmut!«
Ich setzte mich und nahm einen Schluck Wasser. Meine Hände zitterten. »Ich soll ein Mörder sein? Das ist ja lachhaft!«
Die Tür wurde geöffnet und ein Kollege reichte Meininger eine Akte, in die er kurz hineinsah. Dann wedelte er triumphierend mit dem Aktendeckel. »Hier ist der endgültige Beweis. Schöne klare Fingerabdrücke, Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand, alles auf einem Glas in der Spülmaschine. Sie müssen also mit ihm getrunken haben. Macht man ja nicht mit einem Unbekannten.«
»Und anschließend habe ich vergessen, die Spülmaschine anzustellen, oder wie?«
»Richtig, Herr Wilmut!«, erwiderte Meininger mit einem übertriebenen Kopfnicken.
Meine Stimme zitterte. »Das kann doch nur … ein Versehen sein, eine Verwechslung oder so etwas!«
»Nein.«
»Was heißt ›Nein‹?«
»Keine Verwechslung. Wir haben das mehrmals geprüft. Genauer gesagt, KHK Dorst hat es geprüft. Der Chef höchstpersönlich. Dann muss es ja wohl stimmen, oder?«
So langsam sanken mein Mut, mein Selbstvertrauen und meine Zuversicht, alles in einem.
»Fällt Ihnen dazu irgendeine Erklärung ein, Herr Dr. Wilmut?«
»Nein.«
»Was heißt ›Nein‹?«
»Nein heißt Nein. Ich habe keine Erklärung dafür. Ich kenne den Mann nicht und bin nie in seiner Wohnung gewesen.«
»Ihren Personaldaten ist zu entnehmen, dass Sie in Weimar geboren wurden, da kennen Sie doch bestimmt eine Menge Leute hier, Freunde, Bekannte, Verwandte?«
»Ja klar, und?«
»Dann kennen Sie doch bestimmt auch jemanden im Stadtteil Tiefurt?«
»Nein, da kenne ich niemanden, meine Verwandten wohnen alle in Weimar und Kromsdorf …«
Er bemerkte mein Zögern. »Und?«
»Na ja, in Denstedt.«
Meininger hob die Augenbrauen. »Sie kennen also jemanden in Denstedt?«
»Sagte ich doch eben, oder?«
»Wen?«
»Die Müllers.«
»Die Betreiber der Mühle?«
»Ja.«
»Die Betreiber der Mühle, an der die Leiche von Fedor Balow gefunden wurde?«
»Ja, genau die, muss ich hier eigentlich alles doppelt sagen?«
»Wie heißen Ihre Verwandten, die Müllerleute?«
»Na, Müller, habe ich doch schon gesagt.«
»Wie, die Müllerleute heißen Müller?«
»Richtig.«
»Welch interessante Fügung des Schicksals.«
»In Hessen würde man sagen: Sprüchklobber!«
»Ich komme aus Berlin.«
»Na, wie schön für Sie.«
»Wir werden die Müllers befragen«, stellte Meininger fest.
»Ja, können Sie gerne tun.«
»Danke für die Erlaubnis.«
»Bitte.«
»Wo waren Sie in der Nacht von Freitag auf Samstag letzter Woche?«, fragte Meininger.
»Ist er da ermordet worden?«
»Ich stelle hier die Fragen.«
»Ist ja gut. Abends war ich mit Hanna in der Pizzeria, bei Pepe in der Windischenstraße, das können Sie kontrollieren, er kennt uns.«
»Wann waren Sie dort?«
»Ab etwa 19 Uhr.«
»Natürlich werden wir das kontrollieren. Wer ist Hanna?«
»Hanna Büchler, meine Verlobte, wohnt in der Humboldtstraße.«
»So, so, Herr Wilmut ist also verlobt?«
Was erlaubte sich der Kerl eigentlich? Ich war kurz vor dem Platzen, entschied mich aber dazu, diesen Punkt kommentarlos zu schlucken. Er wollte mich provozieren und zu Fehlern verleiten. »Jaa …«, antwortete ich, »wir sind verlobt.«
»Gut, gut, ist ja Ihre Sache. Wie lange waren Sie bei Pepe?«
Ich überlegte. »Bis ungefähr 23 Uhr.«
»Und dann?«
»Sind wir nach Hause gegangen.«
»Getrennt?«
»Ja.«
»Sie wohnen nicht zusammen?«
»Nein.«
»Ahaa!«
Eigentlich bin ich ein friedliebender Mensch und neige nicht zur Gewalttätigkeit, doch in diesem Moment hatte ich große Lust, KOK Meininger meine Faust ins Gesicht zu rammen. Aber ich tat es nicht. Und das war gut so.
»Und danach?«, fragte er.
»Was danach?«
»Ich brauche Ihr Alibi für die gesamte Nacht. Also, was haben Sie danach gemacht?«
»Na, geschlafen natürlich.«
»Allein?«
Ich schnaubte.
Er grinste. »Ich muss Sie das fragen, Herr Dr. Wilmut, reine Routine.«
»Klar, reine Routine. Ja, ich schlief allein.«
»Und das kann wahrscheinlich niemand bezeugen, oder?«
»Doch, Luna.«
»Aha«, triumphierte Meininger, »Sie waren also doch nicht allein!«
»Luna ist das literarische Synonym für den Mond. Er schien voll und rund, direkt in mein Fenster, fragen Sie ihn.«
»Sehr witzig.«
Ich grinste. »Finde ich auch.«
»Also haben Sie für den Rest der Nacht kein Alibi?«
»Stimmt.«
»Schlecht für Sie«, sagte er mit einem bedeutungsvollen Kopfnicken.
»Ich möchte jetzt einen Anwalt«, sagte ich.
»Wusste ich doch.«
»Klar, Sie wissen ja alles!«
Meininger ließ sich nicht provozieren. Er schob mir das Telefon hin. Ich rief Benno an. Als ich laut den Namen Stadtrat Kessler nannte, schien Meininger einen kurzen Moment beeindruckt. Aber nur für einen kurzen Moment. Ich berichtete Benno von meiner Situation und bat ihn, einen Anwalt für mich zu besorgen. Er rief noch einmal zurück und klang sehr aufgeregt, ich musste warten.
Inzwischen bekam ich frischen Kaffee, leider keinen Espresso. Meininger verließ mehrfach den Raum, um nach ein paar Minuten zurückzukommen und mich weiter völlig ungeniert anzugrinsen. Kurz darauf klingelte das Telefon, Meininger nahm ab, es war noch immer nicht Benno, meine Geduld war fast zu Ende. Der Kriminaloberkommissar telefonierte laut und blaffte mehrfach ins Telefon. Offensichtlich ging es um einen nervigen Nachbarn namens Zöld. Komischer Name …, nun ja, auch ein Kriminalbeamter hat ein Privatleben, dasjenige von KOK Meininger interessierte mich jedoch nicht im Geringsten. Nach einer guten halben Stunde hatte Benno endlich einen Anwalt gefunden. Der konnte zwar erst am nächsten Tag kommen, doch ich war froh, überhaupt Hilfe zu bekommen.
»Kennen Sie jemanden, der im Krankenhaus oder in einer Arztpraxis arbeitet oder gearbeitet hat?«, fragte Meininger unvermittelt.
»Ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts mehr!«, antwortete ich trotzig.
Meininger lehnte sich entspannt zurück. »Das ist Ihr gutes Recht.«
Dann schwieg er. Und ich schwieg ebenso. Er fixierte mich. Ungefähr zwei Minuten lang.
»Was sollte das mit dem Krankenhaus?«, fragte ich schließlich.
»Nun ja, das könnte wichtig für Sie sein.«
Ich sah ihn an. Er hatte aufgehört zu grinsen.
»Ich kenne jemanden, der im Krankenhaus arbeitet. Die Frau von Stadtrat Kessler.«
Ein breites Grinsen verzog sein Gesicht. »Aha, die Frau unseres verehrten Stadtrats. Wie heißt sie denn und wo arbeitet sie?«
Ich zögerte. Das alles konnte er auch leicht ohne mich herausfinden, warum also nicht kooperieren.
»Dr. Sophie Kessler. Sie ist Oberärztin in der Chirurgie, hier im Weimarer Krankenhaus.«
»Interessant!«
»Was soll das?« Ich beugte mich vor und sah ihn auffordernd an.
Er streckte sich mir entgegen, bis sein Kopf dicht vor meinem Gesicht war. »Fedor Balow ist durch eine Überdosis Insulin getötet worden. Der Mörder muss ein Mindestmaß an medizinischen Kenntnissen gehabt haben.«
Ich war geschockt. Je mehr ich sagte, desto mehr schien ich mich zu belasten. Und Siggi und Sophie gleich mit.
»Jetzt sage ich überhaupt nichts mehr.«
»Gut, gut, für heute habe ich auch genug erfahren.«
Er telefonierte kurz und stand auf. »Wir haben einen Haftbefehl gegen Sie beantragt. Dem Antrag wurde soeben stattgegeben, Sie dürfen bei uns übernachten.«
»Was? In einer Zelle?«
»In unserer staatlichen Pension. Und zwar kostenfrei.« Er lachte.
Ich war zu müde, um auf seinen schlechten Scherz zu reagieren.
»Sie müssen noch zum Haftrichter, er ist soeben eingetroffen.« Meininger grinste. »Das geht aber schnell, reine Formsache, dann können Sie sich hinlegen.«
Am nächsten Morgen wurde ich um 6 Uhr geweckt. Ich hatte den Eindruck, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen. Möglicherweise war ich gegen Morgen aber doch etwas weggedämmert. Jedenfalls fühlte ich mich wie nach einer durchzechten Nacht, nur dass mir die Höhe der Zeche noch Sorgen bereitete.
Die Zelle war ungefähr drei mal fünf Meter groß. Siggi hatte mir bereits von kleineren Zellen berichtet. Ich hatte also Glück gehabt. Glück? Ein Junge aus meiner Schulklasse in Offenbach fiel mir ein. Er hieß Gerald, soweit ich mich erinnere. Gerald hatte immer Pech, besonders bei der Notenvergabe, und pflegte stets zu sagen: ›Das Glück läuft mir nach, aber ich bin schneller.‹
Eine kleine Nasszelle mit Toilette und Waschbecken vervollständigte mein Glück. Wenigstens konnten einem die Wachleute durch die Türklappe nicht beim Pinkeln zusehen. Ein hochklappbares Bett, ein Schreibtisch, ein Stuhl – das war’s. Man dürfe nicht nach oben sehen, durch den Schlaucheffekt käme einem die Zelle sonst noch kleiner vor. Das sagte jedenfalls Grasmann, einer der Justizvollzugsbeamten. Er war ganz vernünftig, immer höflich, ab und zu auch mal ein aufmunterndes Wort. Nur anfassen durfte man ihn nicht, unter keinen Umständen. Ich hörte davon, wie ein Untersuchungshäftling ihm nur einmal kurz auf die Schulter geklopft hatte. Blitzschnell hatte Grasmann ihm die Arme auf den Rücken gedreht und Handschellen angelegt. Anschließend war er wegen Angriffs auf einen Justizbeamten für drei Tage in die Isolierzelle gewandert. Bei so etwas kannte Grasmann offensichtlich keinen Spaß.
Um 7 Uhr wurde das Frühstück gebracht, danach passierte fast drei Stunden nichts. Niemand kam, ich durfte nicht in den Hof, es schien fast, als hätte man mich vergessen. Wie den Grafen von Monte Christo. In solchen Situationen unbestimmter Langeweile versuche ich meistens, mir Goethe’sche Gedichte ins Gedächtnis zu rufen. Zu den meisten Lebenssituationen ist dem Altmeister etwas eingefallen, und bekanntlich hatte er fast alle seine Eingebungen niedergeschrieben, etwa 60 Jahre lang. Doch heute funktionierten meine Assoziationen mit Goethes Gedankenwelt nicht. Die hässliche Gegenwart überlagerte die goldene Vergangenheit. Endlich, um kurz vor zehn, wurde ich zur Vernehmung abgeholt. Ein Justizbeamter erklärte mir, dass mein Anwalt da sei und wir vor der Vernehmung eine halbe Stunde Zeit hätten, uns zu besprechen.
Der Vernehmungsraum hier im Untersuchungsgefängnis unterschied sich kaum von demjenigen gestern Abend im Polizeipräsidium. Der Anwalt erhob sich mühsam von seinem Stuhl, als ich eintrat.
»Dr. Franke«, stellte er sich vor.
»Dr. Wilmut«, entgegnete ich.
Er lächelte. »Hallo, Herr Wilmut!«
»Hallo, Herr Franke!«
Der Anwalt war ein sehr dicker Mensch. Ich schätzte ihn auf etwa 60 Jahre, 1,70 Meter und 130 Kilogramm. »Herr Wilmut, ich hoffe, Sie werden gut behandelt. Fehlt es Ihnen an irgendetwas?«
»Danke, alles in Ordnung. Was mir allerdings fehlt, ist meine Freiheit.«
»Verstehe. Deswegen bin ich hier. Bitte nehmen Sie Platz.«
Ich setzte mich.
»Zunächst darf ich Sie bitten, mir eine Vollmacht auszustellen. Herr Kessler hat Ihnen das sicher schon angekündigt.«
Ich nickte und unterschrieb, ohne den Text gelesen zu haben, vertragliche Regelungen waren mir jetzt egal.
»Wann kann ich hier raus?«, fragte ich.
»Na, langsam, langsam. Der Haftprüfungstermin ist für Donnerstagvormittag angesetzt, bis dahin muss ich noch jede Menge Informationen sammeln und eine saubere Begründung schreiben. Dann bekommen Sie eventuell Haftverschonung, müssen aber in der Stadt bleiben und sich wahrscheinlich einmal am Tag bei der Polizei melden. Eventuell.«
»Übermorgen erst?«
»Herr Wilmut, ich verstehe Sie, aber bitte seien Sie nicht so ungeduldig. Theoretisch könnten Sie bis zu sechs Monate in Untersuchungshaft bleiben. Ich versuche gerade, daraus drei Tage zu machen.«
»Sechs Monate? Und das ohne Beweise?«
»Nun, drei blitzsaubere Fingerabdrücke in der Wohnung des Ermordeten sind schon ein wichtiger Beweis. Aber – vertrauen Sie mir bitte!«
Etwas anderes blieb mir gar nicht übrig. Ich nickte. »Im Übrigen ist am Sonntag Landtagswahl, ich habe ja wohl ein Recht, daran teilzunehmen, oder?«
Dr. Franke sah mich erstaunt an. »Ich denke, zurzeit haben wir wichtigere Probleme.«
»Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber für mich ist es eine Verpflichtung, wählen zu gehen. Schon meine Eltern haben das immer zelebriert, direkt am Wahltag, mit einem Glas Sekt hinterher und einer kleinen Feier. Selbst Briefwahl kam für uns nie infrage.«
Der Rechtsanwalt schien nicht begeistert zu sein. »Gut, ich habe Sie verstanden …«, er machte sich eine kurze Notiz, »dennoch müssen wir uns zunächst um den Haftprüfungstermin kümmern. Wenn Sie am Donnerstag freikommen, können Sie wählen, so oft Sie wollen.«
Ich holte Luft, um etwas zu entgegnen, aber Dr. Franke unterbrach mich.
»Ich habe inzwischen Akteneinsicht bekommen.« Er blätterte in seinen Papieren.
»Und?«
»Zunächst nahm die Polizei an, es handele sich um einen Todesfall ohne Fremdverschulden …«
»Ja, das hat mir Siggi auch gesagt!«
»Wer?«
»Herr Dorst. Kriminalhauptkommissar Dorst.«
Dr. Franke nickte. »Dazu kommen wir noch. Jedenfalls hat sich inzwischen herausgestellt, dass es Mord war.«
»Sicher?«
»Absolut sicher. Herr Balow wurde mit einer Überdosis Insulin ermordet. Er war kein Diabetiker und hat auch nie Insulin besessen. Während der Autopsie wurde das zunächst nicht festgestellt, da das moderne, synthetisch hergestellte Insulin nur sehr schwer nachweisbar ist.«
»Aha …«, meinte ich nachdenklich. Nach dem gestrigen Schockzustand meiner Gehirnwindungen begannen diese ganz langsam wieder zu arbeiten.
»Die Spurensicherung fand im Müllcontainer vor Balows Haus zwei Insulinspritzen. Danach wurde die Leiche erneut untersucht und man fand tatsächlich eine Einstichstelle, und zwar in der Kniebeuge, die Fotos liegen der Akte bei. Diese Einstichstelle ist für einen Suizid sehr ungewöhnlich, da sie von einem Selbstmörder schwer erreichbar ist. Außerdem hat die Rechtsmedizin festgestellt, dass ein Mensch mit solch einer Konzentration von Insulin eventuell noch bis zum Müllcontainer gehen kann, aber auf keinen Fall wieder hoch in den zweiten Stock. Zudem befanden sich auf beiden Spritzen keinerlei Fingerabdrücke, sodass die Ermittler davon ausgehen, dass diese nach der Tat abgewischt wurden. Ich denke, an den Ergebnissen in punkto Mord oder Selbstmord gibt es keinen Ansatzpunkt für uns, die sind wasserdicht.«
»Das klingt so, als hätten Sie einen anderen Ansatzpunkt?«
Dr. Franke hob kurz die Schultern. »Mal sehen. Was mich zunächst einmal stutzig macht: Sie sagten, der Grund Ihrer vorläufigen Festnahme seien die Fingerabdrücke auf dem Glas in Balows Wohnung gewesen. Aber woher hatte die Polizei Ihre Fingerabdrücke, wenn Sie doch erst nach Ihrer Festnahme erkennungsdienstlich behandelt wurden?«
Ich sah ihn erstaunt an. »Keine Ahnung …«
»Für solch einen Abgleich müssten Ihre Fingerabdrücke in der AFIS-Datenbank gespeichert sein, was aber datenschutzrechtlich nur möglich ist, wenn Sie bereits einmal straffällig waren.« Er sah mich an.
Ich schüttelte den Kopf. »Da war bisher nichts. Nichts außer ein paar Punkten in Flensburg.«
Er machte sich einige Notizen. »Okay, das werde ich klären. Hier steht übrigens auch, dass noch ein zweites Glas gefunden wurde, genau dasselbe Modell, auch mit Fingerabdrücken, aber nicht den ihrigen. Die anderen konnten bisher noch nicht zugeordnet werden.«
»Vielleicht hatte ich ja einen Komplizen?«
»Ich denke, davon wird die Polizei ausgehen.«
»Am Ende hat mir womöglich Hanna geholfen?«
»Herr Wilmut, bitte lassen Sie uns bei den Tatsachen bleiben …«
Meine Gedanken rotierten. Zum ersten Mal seit meiner Festnahme hatte ich das Gefühl, wieder Herr meiner Sinne zu sein, meine gedankliche Freiheit wiedergefunden zu haben. »Um welche Art von Gläsern handelt es sich denn?«
»Beides normale Trinkgläser, in der Akte als Saftgläser bezeichnet, mehr steht hier nicht.«
»Und die soll der Mörder in Balows Wohnung … vergessen haben?«
Der Anwalt wiegte seinen dicken, halslosen Kopf unentschlossen hin und her. »Wissen Sie, ich habe schon viele Strafprozesse mitgemacht. Erst schafft es jemand, seinem Plan für die perfekte Tat akkurat zu folgen, dann unterläuft ihm ein dummer Flüchtigkeitsfehler. Außerdem standen die Gläser nicht mitten im Raum, sondern in der Spülmaschine. Man könnte also davon ausgehen, dass Sie nur vergessen haben, die Maschine anzustellen.«
Ich überlegte einen Moment. »Sie glauben mir doch, dass ich unschuldig bin, oder?«
Er sah mir in die Augen. »Herr Wilmut, wenn ich das nicht glauben würde, wäre ich nicht hier!«
»Wirklich? Sie machen doch auch nur Ihren Job.«
»Das schon«, antwortete er ernst, »aber ich täusche mich in meinen Mandanten nur sehr selten. Fragen Sie Herrn Kessler.«
»Gut, gut, entschuldigen Sie bitte!«
»Kein Problem.«
»Das Glas könnte auch jemand absichtlich dort hingestellt haben, oder?«
»Prinzipiell schon …«
»Aber?«
»Nun, für den Haftrichter wird das unglaubwürdig klingen, das hieße ja, jemand will Ihnen einen Mord in die Schuhe schieben – sehr weit hergeholt.«
»Herr Franke, Sie haben recht, das klingt unwahrscheinlich. Aber … ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht: Es gibt keine andere Lösung. Irgendjemand will mir einen Mord anhängen. Ich weiß nicht, warum, ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich ihm oder ihr … angetan haben könnte. Aber es gibt einen Menschen, der mich vernichten will!«
Dr. Franke sah mich entsetzt an. Es dauerte eine Weile, bis er meine Worte begriffen hatte. »Das ist ja … unglaublich!« Er schüttelte den Kopf. »So etwas habe ich in meiner gesamten Berufslaufbahn noch nicht erlebt. Sind Sie sicher?« Für einen Moment wirkte er ratlos. »Das hieße ja, Sie sind in Gefahr!«
»Ich weiß nicht genau«, erwiderte ich, zunächst einmal erleichtert, dass er mir überhaupt glaubte, »wahrscheinlich will er oder sie mich indirekt bekämpfen, indem ich als Mörder hingestellt werde. Es sieht nicht so aus, als wolle er mich direkt angreifen.«
»Stimmt. Und im Übrigen sind Sie hier im Gefängnis auch erst einmal in Sicherheit. Gewissermaßen ein Vorteil.«
Zum ersten Mal seit meiner Festnahme musste ich lachen. »Sie holen mich aber trotzdem hier raus?«
Er lächelte. »Natürlich.« Er blätterte wieder in seinen Akten. »Ich muss bis übermorgen eine Strategie ausarbeiten. Wahrscheinlich werde ich darauf aufbauen, dass keine Fingerabdrücke von Ihnen an immobilen Gegenständen in der Wohnung gefunden wurden, denn nur dann wäre eindeutig bewiesen, dass Sie in der Wohnung waren. Ich muss außerdem die Zeugenaussagen noch sorgfältig durcharbeiten.«
»Was für Zeugenaussagen?«
»Nun, die Polizei hat natürlich Zeugen befragt, einen Nachbarn aus der Hauptstraße in Tiefurt, ein gewisser Rico Grüner, und seine Schwester. Herr Grüner hatte offensichtlich nicht viel zu berichten. Seine Schwester Sabine sitzt im Rollstuhl, ihre Aussage ist eindeutiger und präziser als die ihres Bruders, bringt uns aber infolge ihres eingeschränkten Bewegungsradius nicht weiter. Dann gab es da noch einen Briefträger namens Baumert, scheint ein typischer Dampfplauderer zu sein. Kennen Sie einen der drei?«
»Nein, ich kenne niemanden in Tiefurt, das habe ich doch gestern schon gesagt.« Ich merkte selbst, wie meine Laune zusehends schlechter wurde. Schließlich war Dr. Franke bei meiner Vernehmung gestern nicht dabei gewesen.
»Gut, gut. Im Übrigen, Herr Wilmut, rate ich Ihnen, den Namen Ihres Freundes Siegfried Dorst während des gesamten Verfahrens nicht mehr zu erwähnen. Das könnte sonst den Eindruck erwecken, Sie wollten sich dadurch Vorteile verschaffen.«
»Ich …« Plötzlich wurde mir klar, wie töricht ich mich gestern Abend verhalten hatte. Dennoch war Siggi immer noch mein Freund.
»Ich weiß, was Sie jetzt denken«, sagte Dr. Franke, »Sie brauchen Ihren Freund deswegen nicht zu verleugnen. Aber reden Sie nicht aktiv von ihm.«
Ich nickte.
Er sah auf die Uhr. »Die Vernehmung beginnt gleich. Ich möchte Sie bitten, diesmal nichts zu sagen, verstehen Sie, nichts! Überlassen Sie das Reden komplett mir.«
»Geht klar.« Normalerweise kann ich gut für mich allein sprechen, doch in diesem Fall war mir das sehr recht. Dr. Franke würde sich von Meininger sicher nicht so einwickeln lassen wie ich gestern Abend.
»Und noch etwas. Wundern Sie sich nicht, dass Sie die meiste Zeit Ihres Gefängnisaufenthalts innerhalb der Zelle verbringen müssen. Gemäß der deutschen Strafprozessordnung dürfen Untersuchungshäftlinge, abgesehen von Anwaltsbesuchen und Vernehmungen, nur eine Stunde pro Tag die Zelle verlassen.«
»Nur eine Stunde?«
»Ja, so ist es. Strenger als im Zuchthaus. Aber nur noch bis übermorgen.« Er sah mich aufmunternd an.
»Na, hoffen wir’s.«
Meininger trat ein. Ihm folgte ein etwa 40-jähriger Mann im dunklen Anzug, smart, aber nicht unsympathisch. Er stellte sich als Kriminalrat Lehnert vor.
Nach einem kurzen Schlagabtausch zwischen Meininger und Dr. Franke waren die Fronten geklärt und Meininger beleidigt. Er hatte offensichtlich gehofft, mich wieder in die Zange nehmen zu können. Stattdessen übernahm der Kriminalrat die Gesprächsführung, ruhig und sachlich, er und mein Anwalt lagen auf der gleichen Wellenlänge. Nach einer guten halben Stunde war das Spektakel vorbei, die Meinungen ausgetauscht, Dr. Franke wollte, dass ich freikam, die Polizisten wollten das nicht, zu entscheiden hatte der Haftrichter am Donnerstag um 11 Uhr.
Als alle bereits aufgestanden waren und sich verabschiedet hatten, sagte Dr. Franke ganz beiläufig: »Ach, übrigens, Herr Lehnert, woher hatten Sie eigentlich die Fingerabdrücke meines Mandanten zum Abgleich?«
Kriminalrat Lehnert stand in der geöffneten Tür. »Von seiner erkennungsdienstlichen Behandlung natürlich.«
»Angeblich hatten Sie aber vorher schon Fingerabdrücke zum Vergleich.«
»Wer sagt das?«
»Hauptkommissar Dorst!«
Der Kriminalrat blickte Meininger an.
»Nun ja …«, stammelte dieser, »es war ja zunächst nur ein Verdacht …«
»Woher hatten Sie die Fingerabdrücke?«, fragte Dr. Franke scharf.
Meininger zögerte.
Lehnert ließ die Tür ins Schloss fallen. »Woher?« Seine Stimme war leise, aber durchdringend.
»Herr Wilmut und seine … Verlobte waren vor einigen Jahren als eine Art Amateurdetektiv für uns tätig, daher waren Ihre Fingerabdrücke noch bei uns gespeichert.«
Ich war kurz davor, Meininger an die Gurgel zu springen, aber Dr. Franke hielt mich zurück. Amateurdetektive! Damals, im Sommer 1998, auf der Jagd nach dem Goethehausdieb, wurden die Fingerabdrücke aller beteiligter Personen genommen. Die Zeitungen hatten lange von dem Fall berichtet, der unter dem Namen ›Goetheruh‹ in die Archive eingegangen war. Ich hatte als Literaturexperte geholfen, den Täter zu fassen, indem ich dessen Nachrichten entschlüsselte.
Lehnert bekam einen roten Kopf und sah Meininger an, als wolle er ihm seinerseits an die Gurgel springen. Ich begriff nicht.
»Was heißt denn bei uns gespeichert?«, fragte Lehnert. »In welcher Datenbank? Im AFIS?«
»Nein«, antwortete Meininger kleinlaut, »AFIS gab es damals noch nicht. Wir haben in unserer alten Weimarer Software gesucht, weil wir ein paar alte Bekannte verdächtigt haben, Herr Dorst wusste, wie man da reinkommt, und da fanden wir zufällig die Übereinstimmung …«
»Herr Wilmut«, sagte Dr. Franke, »die langfristige Speicherung von Fingerabdrücken ist nur dann datenschutzrechtlich gestattet, wenn der Betreffende wegen eines Verbrechens rechtskräftig verurteilt wurde. Ihre Fingerabdrücke hätten also sofort nach Abschluss des Goetheruh-Falls gelöscht werden müssen. Ich werde die Aufhebung des Haftbefehls wegen dieses Verfahrensfehlers beantragen!«
»Moment …«, ich überlegte, »nein, Herr Franke, ich möchte nicht wegen eines Verfahrensfehlers entlastet werden. Ich möchte, dass meine Unschuld einwandfrei bewiesen wird. Denn ich bin unschuldig. Ich habe Fedor Balow nicht ermordet!«
Dr. Franke hob die Augenbrauen, klappte sein Notizbuch mit einem deutlichen Knall zu und presste ein undeutliches »Bis morgen!« zwischen seinen Zähnen hervor. Dann verließ er den Vernehmungsraum mit schnellen Schritten. Lehnert gab Meininger einen Wink, ihm zu folgen. Ich wurde in meine Zelle zurückgebracht.
Die ruhelose Nacht machte sich bemerkbar und ich fiel in einen festen Schlaf, aus dem ich nicht einmal erwachte, als das Mittagessen hereingebracht wurde. Drei Stunden später schlug ich die Augen wieder auf. Mein Essen war kalt, ein paar Kartoffeln und etwas Gemüse stillten meinen Hunger. Gegen 14 Uhr kam Grasmann herein und meinte, ich hätte Besuch. Eine Frau. Meine Laune verbesserte sich schlagartig. Grasmann führte mich zu den Besuchsräumen im Untergeschoss. Er wies mich ausdrücklich darauf hin, dass es nicht gestattet sei, den Besucher, insbesondere die Besucherin – dabei grinste er breit – zu berühren, ihr die Hand zu geben oder sogar Zärtlichkeiten auszutauschen.
In dem Besuchsraum standen drei Tische in relativ großem Abstand. Zu jedem Tisch gehörten drei Stühle. Hanna stand an dem mittleren Tisch. Auf dem zugehörigen dritten Stuhl saß eine Justizbeamtin.
Mein Blick wanderte völlig verwirrt zwischen Hanna und der Beamtin hin und her.
»Herr Wilmut?«
»Äh, ja …«
»Bitte setzen Sie sich hierhin. Frau Büchler bitte dort.« Damit zeigte sie auf den Stuhl mir gegenüber. »Ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie sich nicht berühren dürfen und dass Sie sich nicht über Themen unterhalten dürfen, die die Anklageschrift betreffen. Sie haben 30 Minuten Zeit.« Daraufhin machte sie eine Handbewegung, die ich eigentlich nur von Ringrichtern aus dem Boxsport kannte und auf die naturgemäß die Aufforderung ›Box!‹ folgte.
Doch ich wollte nicht mit Hanna boxen, ich wollte sie in die Arme nehmen. Aber das durfte ich nicht. Ich durfte noch nicht einmal ihre Hand berühren. Das fiel mir unsagbar schwer. Und Hanna ebenso. Ihre kinnlangen blonden Haare waren leicht zerzaust, ihre schönen blauen Augen leicht gerötet, wahrscheinlich vom Wind.
»Ich konnte leider nicht eher kommen«, sagte sie etwas unsicher, mit einem kurzen Seitenblick zu der Justizbeamtin, »ich musste erst im Büro des zuständigen Richters eine Besuchserlaubnis beantragen.«
»Eine Besuchserlaubnis …?«, wiederholte ich erstaunt.
»Ja, und das war schwer genug, der Richter wollte eigentlich nicht, dass du gleich am ersten Tag Besuch bekommst. Ich musste Benno …«
»Schon klar!«, unterbrach ich sie schnell. Meine Hand wanderte langsam immer weiter zu Hannas Hand hinüber.
»Was machen wir jetzt?«, fragte sie.
»Ich bin unschuldig …«, begann ich.
Die Beamtin in der grünen Uniformjacke räusperte sich laut.
Hanna sah mich mit leicht geneigtem Kopf an. Du weißt, ich halte zu dir, ich liebe dich. Das alles sagte ihr Blick. Ich lächelte.
»Donnerstagabend sind wir mit Cindy und John zum Pizzaessen verabredet«, berichtete sie, »bei den beiden zu Hause, wie wir es schon oft gemacht haben, ganz ungezwungen, ohne Krawatte, im Holzfällerhemd!«
Ich musste lachen. Bei unserem ersten Pizza-Treffen mit Cindy und John in deren Wohnung in der Geleitstraße hatte ich in feinem Zwirn mit Krawatte vor der Tür gestanden und John erschien im Holzfällerhemd. Es wurde ein sehr schöner Abend.
»Das heißt …?« Ich blickte zu der Beamtin hinüber. Sie verzog keine Miene. Hanna nickte. Sie ging also felsenfest davon aus, dass ich am Donnerstag aus dem Gefängnis herauskam.
»Wie geht es deiner Mutter?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.
»Nicht gut«, antwortete Hanna, »sie schläft viel. Sie muss sich ausruhen, den ganzen Stress der letzten Jahre abschütteln.«
»Und du?«
Hanna lächelte. »Danke. Ich komme zurecht. Obwohl Vater mir sehr fehlt, mache ich die Entdeckung, dass ich mich … freier fühle. Eine neue Art von Freiheit, ohne einen Kranken, den man ständig beaufsichtigen muss. Ich traue mich noch gar nicht, das zuzugeben.«
»Kannst du ruhig«, versicherte ich, »dein Vater fände das bestimmt auch gut!«
Sie wiegte den Kopf unschlüssig hin und her. Wahrscheinlich dachte sie an die posthumen Zwiesprachen, die ich mit meinem Vater zu führen pflegte. Hanna und ich redeten noch eine Weile über unsere Väter und deren Bedeutung für unser eigenes Leben.
»Wie war dein Gespräch mit Karola?«, wollte Hanna wissen.
»Längere Geschichte«, erwiderte ich, »erzähle ich dir später, wenn wir mehr Zeit haben.«
»Übermorgen?«
Ich lächelte. »Ja, genau, übermorgen!«
»Karola bleibt noch ein paar Tage in Weimar, um Mutter und mich zu unterstützen. Ich muss morgen nach Leipzig fahren, auf eine Schulung. Maropharm bringt ein neues Präparat für Diabetiker auf den Markt und alle Pharmavertreter werden geschult. Ich komme also erst am Donnerstagabend zurück.«
»Und Karola versorgt deine Mutter? Meinst du, das geht gut?«
»Ja, ja, das klappt schon.« Irgendetwas in ihrer Stimme sagte mir, dass noch etwas anderes dahintersteckte, aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber zu sprechen. Dachte ich zumindest.
»Wie geht es dir hier drin?«, wollte Hanna wissen.
»Na, was soll ich sagen, es ist kein Hotel, das Essen ist fürchterlich und ich schlafe schlecht. Aber das Schlimmste ist die Ungewissheit.«
Hanna nickte.
»Noch eine Minute!«, stellte die Justizbeamtin fest.
»Hanna …«
»Ja?«
»Tust du mir bitte einen Gefallen?«
»Natürlich.«
»Meine Mutter hat heute Geburtstag, sie ist zu Hause in Offenbach, rufst du sie bitte an und bestellst ihr … schöne Grüße? Aber sag ihr nicht, wo ich bin, denk dir eine Ausrede aus, bitte!«
»Ja, mache ich …«, sagte Hanna zärtlich.
Ich suchte ihre Hand.
»Die Besuchszeit ist zu Ende«, ging die Beamtin dazwischen, »bitte erheben Sie sich!«
Ich sah Hanna noch lange hinterher, selbst als die Tür schon ins Schloss gefallen war. Grasmann stand bereits neben mir und wartete. »Kommen Sie«, meinte er.
*
Der hagere Mann hatte die Sportschuhe ausgezogen und sich geduscht. Ein Bett, eine wacklige Kommode und ein winziger alter Fernseher waren ihm noch geblieben in seiner Zweiraumwohnung im Erdgeschoss des Hochhauses Bonhoefferstraße 4. In der Küche gab es lediglich ein fest installiertes Waschbecken, das nicht demontiert werden konnte, sonst hätte es der Gerichtsvollzieher wohl längst mitgenommen. Auf dem Fensterbrett standen eine Flasche Mineralwasser und eine geöffnete Konservendose. Er hatte die Ravioli kalt gegessen, da er keinen Herd mehr besaß. Den kleinen Fernseher hatte er im Keller eines Nachbarn zwischengelagert. Dort war das Schloss defekt, und er konnte ein und aus gehen, wann immer er Lust hatte. Er wollte aber nichts stehlen. Außer ein paar Dosen Ravioli ab und zu. Das merkte der smarte Nachbar nicht, er wohnte erst seit Kurzem hier und würde sowieso nicht lange bleiben. Diese Gegend im Weimarer Norden war nicht sein Niveau. Jedenfalls war der Junggeselle gut bestückt mit Fertiggerichten.
Als der Gerichtsvollzieher sein destruktives Werk beendet hatte, konnte der hagere Mann seinen Fernseher wieder hervorholen. So war es ihm wenigstens möglich, seine geliebten Sportsendungen und die politischen Magazine zu schauen, alles andere interessierte ihn nicht. Im ersten Programm lief ein Bericht über die Montagsdemonstrationen 1989 in Leipzig. Immer, wenn er diese Bilder sah, bekam er ein schlechtes Gewissen. Er hatte in Leipzig nie mitgemacht, später ärgerte ihn das maßlos. Er hätte diesem maroden Staat zeigen müssen, was er dachte, was er fühlte, was ihn ärgerte. Aber er hatte es nicht geschafft.
In den ersten Jahren nach der Wende verdrängte er die Gedanken an sein Verhalten. Er verdrängte sogar die Gedanken an seine gesamte DDR-Vergangenheit. Er fürchtete die Schmerzen ungeschönter Erinnerung. Endlich, nach fünf oder sechs Jahren, begann er, darüber nachzudenken, warum er versagt hatte. Inzwischen wusste er es: Angst. Ein Wort, das er selten gebrauchte. Aber er musste es sich eingestehen. Er hatte Angst gehabt. Und er hasste sich dafür.
Doch nun war die Zeit der Angst vorbei.
*
Gegen 16 Uhr durfte ich eine Stunde mit den anderen Untersuchungshäftlingen im Gefängnishof spazieren gehen. Bei herrlichem Sommerwetter versuchte ich, die frische Luft zu genießen. Einige Männer standen an der Mauer und rauchten. Andere liefen ziellos im Hof umher, nervös und aufgeregt. Ich begann mich zu fragen, was jeder Einzelne von ihnen wohl verbrochen haben mochte. Sah man einem Menschen an, dass er ein Mörder war? Sicher nicht. Mir sah man es ja auch nicht an, dass ich kein Mörder war. Leider.
Irgendwie geriet ich in eine Gruppe von Männern, die sich laut unterhielten, sich anscheinend stritten. Ich war noch völlig in Gedanken, als ich mich plötzlich in der Mitte dieser Gruppe wiederfand und angerempelt wurde. Immer wieder, von allen Seiten. Einige johlten und pfiffen, andere pöbelten mich an.
»Du blöder Wichser, bild dir bloß nicht ein, du wärst unschuldig, so was gibt’s hier drinnen nicht. Und die Büchler, die alte Schlampe, kannst du voll vergessen!«
Ich versuchte, mich zu wehren, doch ich hatte keine Chance gegen sieben, acht kräftige Männer. Ich drehte mich mehrmals um die eigene Achse, verlor komplett die Übersicht, schwankte, bekam einen Schlag in die Nieren, die Luft blieb mir weg. Ich wollte zurückschlagen, boxte jedoch nur in die Luft und erntete hämisches Lachen.
Plötzlich stand Grasmann neben mir, zog mich aus dem Knäuel von Männern heraus und stellte sich vor mich.
»Was ist hier los?«
Keiner antwortete. Alle blieben ruhig stehen. Dann, ganz langsam, ohne dass ich es richtig bemerkte, verschwand einer nach dem anderen im Gefängnisgebäude, bis Grasmann und ich allein auf dem Hof standen. Er legte mir den Arm um die Schultern. »Alles halb so schlimm, das kommt hier öfter vor. Da werden Sie sich noch dran gewöhnen!«
Ich war mir ganz sicher, dass ich mich daran nicht gewöhnen wollte.
Trotz der Schlägerei hatte mir der Aufenthalt an der frischen Luft gutgetan. Meine rechte Seite schmerzte zwar noch von dem Schlag, aber es war erträglich. Grasmann hatte mir von der Krankenstation eine Salbe besorgt, die den Schmerz linderte. Gegen 18 Uhr bekam ich das Abendessen in die Zelle gebracht. Eine Tasse Kräutertee, zwei Scheiben pappiges Brot und etwas Wurst. Mit der bekannten und von mir heiß geliebten Thüringer Wurst hatte das jedoch nichts zu tun. Ich spülte eine Scheibe Brot mit der Hälfte des Kräutertees herunter, den Rest ließ ich zurückgehen. Was hätte ich jetzt für ein frisch gezapftes Ehringsdorfer Urbräu gegeben. Oder einen Espresso mit einer schönen hellbraunen, feinperlenden Crema. Meine neue ECM-4 fiel mir ein. Sie stand immer noch halb ausgepackt im Wohnzimmer.
Warum war ich hier gelandet? Hatte ich etwas falsch gemacht? Die Fingerabdrücke musste ich wohl akzeptieren. Nur – wie waren sie dort hingekommen? Langsam zweifelte ich an mir selbst. War ich wirklich nicht in der Wohnung von Fedor Balow gewesen? Ich überlegte angestrengt, ob ich diesen Mann vielleicht irgendwoher kannte. Aus Tiefurt sicher nicht. Natürlich konnte ich ihn irgendwo gesehen haben, in einer Weimarer Kneipe, in Kromsdorf beim Fußball, in der Denstedter Mühle, eigentlich überall. Ich konnte ihm begegnet sein, ohne seinen Namen zu kennen. Vielleicht hatte er das Glas, aus dem ich getrunken hatte, tatsächlich aus einer Kneipe oder einem Restaurant gestohlen und mit nach Hause genommen. Aber warum hätte er das tun sollen?
Plötzlich fühlte ich etwas Ungewohntes in der Brusttasche meines Hemds. Ich konnte mich nicht daran erinnern, etwas hineingetan zu haben. Dennoch spürte ich einen Gegenstand, er war nicht groß und er war biegsam. Ich tastete danach. Ein zusammengefaltetes Stück Papier. Wie kam das in meine Hemdtasche? Die Rempelei auf dem Gefängnishof kam mir sofort in den Sinn. Ich faltete das Papier auseinander.
Im oberen Teil des Zettels war ein Rest des offiziellen Briefkopfs der thüringischen Justizverwaltung zu sehen. Darunter stand in krakeliger Handschrift:
Nun stehst auch Du da wie ein Tor!
Seine Lieben gehen vor,
Frauenstein und Jändertanz,
Sind nun Deine letzte Chance!
BB618c
Ich war völlig konsterniert. Galt das mir? Oder war das eine Verwechslung? Nein, seit gestern gab es keine Verwechslungen mehr in meinem Leben. Ich wurde persönlich angesprochen: ›Deine letzte Chance!‹ Irgendjemand hatte es auf mich abgesehen, und dieser Jemand schien Macht zu haben, denn er hatte mich ins Gefängnis gebracht. Als mir klar wurde, dass mich zum ersten Mal ein anderer Mensch abgrundtief hasste, begann mein Puls zu rasen. Ich wusste nicht, warum er mich hasste. Und ich hatte nicht die geringste Ahnung, wer sich hinter der codierten Unterschrift ›BB618c‹ verbarg.
Es gibt Worte in der deutschen Sprache, die ich für mich persönlich nur sehr selten benutze. Eines davon ist das Wort Angst. Doch beim Lesen des Kassibers ergriff mich eine echte, tiefe, kindliche Angst.