3. Kapitel
Mittwoch, 25. August 2004. Der Tag, an dem ich grün sah.
Die zweite Nacht im Gefängnis war nicht besser als die erste. Meine rechte Seite schmerzte nach wie vor und ich hob alle paar Minuten den Kopf, um zu sehen, ob jemand zur Tür hereinkam. Ziemlich unwahrscheinlich bei dieser Tür mit den mächtigen Riegeln, andererseits hatte ich das Mittagessen gestern auch verschlafen. Und im Gegensatz zu Dr. Frankes Aussage war ich hier drinnen nicht sicher, das hatte die Schlägerei im Gefängnishof gezeigt.
Ich war froh, um 6 Uhr geweckt zu werden. Der Frühstückskaffee schmeckte wie bei der Bundeswehr. Eine Kaffeebohne auf zehn Liter Wasser. Ich fragte mich, ob der Kaffee bei der NVA vielleicht noch schlechter geschmeckt hatte. Aber das war kaum möglich.
Wie am Vortag wartete ich in Monte-Christo-Manier in meiner Zelle. Obwohl ich nicht sollte, blickte ich alle fünf Minuten nach oben, in den Schlauch. Und der wurde immer enger. Um mich abzulenken, zog ich den Kassiber heraus, den ich sicherheitshalber in meiner Unterhose versteckt hatte, und begann, ihn auswendig zu lernen. Zwischendurch wieder der Blick in den Schlauch. Zurück auf den Zettel – konzentrieren! Vor allem auf die Codenummer meines Peinigers: BB618c. Ich wusste nicht, was ich mit dem Kassiber machen sollte. Die Gefängnisleitung informieren? Die Polizei einweihen? Würde mir Meininger glauben, dass mir jemand einen Mord in die Schuhe schieben wollte? Ich beschloss, nur meine engsten Vertrauten zu informieren, Hanna, Benno und Dr. Franke. Der erfahrene Jurist wusste bestimmt, was in einem solchen Fall zu tun war.
Endlich kam Grasmann und führte mich wieder in das Besuchsraum. Heute sei es ein Mann, teilte er mir mit leicht süffisantem Unterton mit. Offensichtlich war die Zahl der Besucher, die ich empfangen durfte, ungewöhnlich hoch.
Es war Benno. Ich freute mich so, meinen Cousin zu sehen, dass ich versucht war, ihn zu umarmen, doch ich dachte gerade noch rechtzeitig daran, dass genau dies verboten war. Heute saß eine andere Justizbeamtin neben uns. Ihr war das Ganze ziemlich egal, sie hörte uns kaum zu und las nebenbei die Thüringer Landeszeitung.
Benno ist einige Jahre älter als ich und strahlt mit seinem kräftigen, großen Körper und seinem akkurat geschnittenen dunklen Vollbart üblicherweise Ruhe und Souveränität aus. Allerdings zeigte er an diesem Tag deutliche Zeichen von Nervosität. Mehrmals nahm er seine Goldrandbrille ab, putzte sie umständlich und setzte sie wieder auf, um das Ganze dann von vorn zu beginnen. Nachdem er sich versichert hatte, dass es mir gesundheitlich gut ging, sagte er: »Denk daran, Dr. Franke und ich helfen dir, bitte halte durch!«
Seine Aufmunterung tat gut. »Danke, Benno. Ja, ich halte durch, ganz bestimmt. Das Schlimmste ist die Untätigkeit, ich sitze hier rum und kann nichts machen«, antwortete ich.
»Was würdest du denn machen, wenn du könntest?«
»Den Mörder suchen, natürlich.«
»Hendrik …, ganz ehrlich, selbst wenn du morgen entlassen wirst, wie willst du als einsamer Wolf den Mörder finden? Damals im Goetheruh-Fall hattest du zwar eine wichtige Rolle, aber du warst nicht allein. Siggi hat die Ermittlungen geleitet, er ist ein Profi und hatte die gesamte Polizeiorganisation hinter sich. Du kannst doch nicht allein einen Mörder jagen!«
»Allein sicher nicht, das stimmt«, sagte ich betont gelassen.
Es dauerte einen Moment, bis Benno begriff, was ich meinte. Seine Augen weiteten sich. »Hendrik, du glaubst doch wohl nicht …«
Ich unterbrach ihn mit einer schnellen Handbewegung. Die Beamtin hob kurz den Kopf, vertiefte sich jedoch sofort wieder in ihre Lektüre.
»Doch, doch«, erwiderte ich ruhig, »genau das glaube ich.«
Benno nahm erneut seine Brille ab und schüttelte ungläubig den Kopf.
»Immerhin sind wir ja zu viert«, ergänzte ich. Es war völlig klar für mich, dass Hanna und Sophie uns helfen würden. Am liebsten hätte ich sofort mit den Nachforschungen begonnen, aber aus dem Gefängnis heraus war das unmöglich. Also musste ich Benno überzeugen, das für mich zu tun. Und zwar so, dass es nicht zu auffällig war, denn vielleicht registrierte die Beamtin ja doch etwas von dem, was wir besprachen.
»Pass auf, Benno, ich sage dir jetzt ein Gedicht auf. Bitte lerne es auswendig und schau danach im Internet.«
»Ein Gedicht? Bist du verrückt geworden?«
»Benno, bitte!«
Ich sah ihn flehend an, bis er endlich einwilligte. Ich war nicht sicher, ob er die gesamte Dimension des ›Gedichts‹ ermessen konnte, aber zumindest war er bereit, dem nachzugehen.
Nun stehst auch Du da wie ein Tor!
Seine Lieben gehen vor,
Frauenstein und Jändertanz,
Sind nun Deine letzte Chance!
BB618c
Er sah mich entgeistert an. »Willst du mich veräppeln?«
»Benno, bitte!« Ich sah ihn mit einem auffordernden Blick an, dem er nicht ausweichen konnte. Er fuhr sich mit der Hand durch den Bart. Wahrscheinlich hielt er mich für einen Gefängnis-Neurotiker, dem man besser seinen Willen lässt. Er rezitierte das Gedicht einige Male mit meiner Hilfe, bis er es komplett beherrschte, inklusive der Absendercodierung.
Plötzlich riss er die Augen auf: »Was soll das heißen …, deine letzte Chance? Bist du damit gemeint?«
Ich hob die Schultern.
»Mensch, Hendrik, du bist in Gefahr!«
»Kann sein, reg dich nicht auf, bald komme ich hier raus.«
»Vielleicht, wenn Dr. Franke es schafft, den Haftrichter zu überzeugen, aber selbst dann ist die Gefahr doch nicht vorüber!«
Ich nickte. »Stimmt. Ganz wohl ist mir dabei auch nicht.« Wir blickten uns beide an und waren uns einig, dass wir das Wort Angst nicht aussprechen mussten, obwohl es hier angebracht gewesen wäre. Typisch Mann, hätte Hanna jetzt gesagt. Und sie hätte recht gehabt.
»Siggi hat sich Urlaub genommen«, berichtete Benno, wohl auch, um das Thema zu wechseln. »Kriminalrat Lehnert hat ihn sofort von deinem Fall abgezogen. Obwohl Siggi vehement protestiert hat, ließ sich Lehnert nicht weichklopfen. Daraufhin hat Siggi die Konsequenzen gezogen.«
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Einerseits hatte ich natürlich erwartet, dass Siggi mir half, anderseits konnte ich ihn kaum dazu überreden, gegen die Dienstvorschrift zu verstoßen.
»Ich habe gestern gleich versucht, dich hier herauszuholen, leider vergeblich.« Benno hob die Schultern. »Ich war sogar beim Polizeipräsidenten.«
Ich sah ihn fragend an.
»Du kennst ihn. Göschke.«
»Ach, Göschke ist jetzt Polizeipräsident?«
»Ja, ja, steiler Aufstieg für das Fagott.«
Während des Goetheruh-Falls vor sechs Jahren hatte ich Göschke kennengelernt, er war damals Kriminalrat und leitete den gesamten Fall. Wegen seiner seltsamen Stimme hatte ich ihm den Spitznamen ›Das Fagott‹ gegeben.
»Ich muss los«, meinte Benno, »ich möchte noch zu Jasmin nach Umpferstedt, sie hat heute Geburtstag.«
»Braver Patenonkel. Schöne Grüße!«
»Danke und halt durch, Dr. Franke tut sein Bestes!«
»Ach, Benno, darf ich dich um einen weiteren Gefallen bitten? Rufst du bitte Dr. Knoche, unseren Bibliotheksdirektor, an und sagst ihm, ich sei diese Woche verhindert. Ich habe zwar einen sehr offenen Vertrag, aber eigentlich muss ich mich einmal pro Woche dort sehen lassen.«
»Ein offener Vertrag, was ist denn das?«
»Benno, bitte, das erkläre ich dir später mal, bei Ehringsdorfer und Nudelsalat.«
Er schien nicht begeistert. Nach dem seltsamen Gedicht nun auch noch eine Notlüge. Aber die Aussicht auf einen unserer gepflegten Männerabende ließ ihn einlenken.
Der tägliche Hofgang bereitete mir einige Sorgen. Ich hatte keine Lust, meine andere Niere auch noch hinzuhalten. Als ich in den Hof trat, sah ich mich sofort nach Grasmann um, doch der war nirgends zu sehen. Ich hielt mich möglichst abseits der anderen und schlich immer dicht an der Mauer entlang. Plötzlich stand ein schlanker Mann in einem grünen Hemd neben mir, offensichtlich auch ein U-Häftling. Er hielt eine brennende Zigarette zwischen seinen dünnen, vom Tabak bereits gelb gefärbten Fingern.
»Hör zu, Willi …«
»Meinen Sie mich?«
»Bist ja ’n echter Schnellmerker!«
»Aber …«
»Quatsch nicht so viel. Ich habe dich gestern beobachtet, war nicht ganz ungefährlich. Ich kenn mich hier aus, kann dir helfen!«
Ich warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Ich brauche keine Hilfe.«
»Glaub nur nicht, dass Grasmann sauber ist, dem kann man nicht trauen.«
»Ach, tatsächlich. Und Ihnen soll ich trauen?«
»Klar!«
»Pah …«
»Pass auf, Willi, Benno kennt mich und sein Vater auch, du kannst mir vertrauen!«
»Sein Vater?«
Ich überlegte. Der Mann lehnte lässig neben mir an der Mauer und blies den Rauch in die Luft. Er hatte hochstehende Backenknochen und harte Züge um den Mund. Auf mich machte er den Eindruck eines Marathonläufers.
»Wie heißen Sie?«, fragte ich.
»Das spielt keine Rolle, Leo kennt meinen Namen sowieso nicht. Und Gesa auch nicht.«
Er wusste also auch, wie meine Tante hieß.
»Okay, und was willst du dafür?«
»Nur ’ne Kleinigkeit …«
»Aha, und was heißt das?«
»10.000.«
»Was?«
»10.000!«
»Euro?«
»Quatsch nicht so viel!«
Ich sah ihn abschätzig an. »Danke, kein Interesse.«
»An deiner Stelle würd ich mir das noch mal überlegen.«
»Bestimmt nicht. Außerdem komme ich morgen hier raus, dann ist das Problem erledigt.«
»Wie du meinst«, antwortete der Mann im grünen Hemd und schlenderte langsam weiter.
Kaum hatte ich meine Gedanken einigermaßen geordnet, tauchte Grasmann neben mir auf: »Alles in Ordnung?«
Ich sah ihn verwirrt an. »Ja, ja …, alles in Ordnung, danke.« Grasmann drehte sich kopfschüttelnd um. Konnte ich mich auf meine Menschenkenntnis verlassen?
»Grasmann?«
»Ja?«
Ich beschloss, meinem Gefühl zu vertrauen.
»Entschuldigen Sie bitte, ich war nur so in Gedanken, es ist alles in Ordnung. Ich …«
»Ja?«
»Ich hätte eine Bitte. Eigentlich sogar zwei.«
Er runzelte die Stirn.
»Ich müsste mal telefonieren.«
»Und, was noch?« Er schien nicht begeistert.
»Duschen.«
Er schüttelte erstaunt den Kopf.
»Und zwar allein«, ergänzte ich, »vielleicht heute Abend. Ich muss unbedingt duschen, so fühle ich mich nicht wohl. Aber nicht zur allgemeinen Duschzeit. Nicht mit den anderen.«
»Angst?«
Ich nickte.
»Das mit dem Duschen kann ich einrichten. Wegen des Telefonats muss ich mit dem Anstaltsleiter reden. Ich sage Bescheid.«
»Danke!«
Er hob kurz die Hand, dann verschwand er.
Kurz vor dem Abendessen durfte ich telefonieren, aber nur mit meinem Anwalt. Und nur zehn Minuten lang. Ein Justizbeamter brachte mich in einen Raum mit fünf Telefonapparaten, die nur durch kleine Plexiglasplatten voneinander getrennt waren. Dr. Frankes Sekretärin verband mich sofort. Der Anwalt versicherte mir, dass er ein gutes Konzept ausgearbeitet habe, und machte mir Hoffnungen für den Termin beim Haftrichter morgen um 11 Uhr. Ich sagte ihm, ich müsse unbedingt mit Hanna sprechen, habe aber von der Gefängnisleitung keine Genehmigung erhalten. Er erklärte mir, dass dies in Thüringen üblich sei. Untersuchungshäftlinge dürften nur ihren Anwalt anrufen, diese Telefonate würden aber auch nicht abgehört. Dann vernahm ich ein Knacken in der Leitung, dachte schon, das Gespräch sei unterbrochen, doch kurz darauf erklang Hannas Stimme. Ich machte einen Freudensprung und stieß mir laut krachend meinen Kopf an einer Plexiglasplatte, die über mir befestigt war. Für Leute von 1,93 Meter Körperlänge war dieser ›Telefonsaal‹ nicht ausgelegt. Meine Freude ließ deutlich nach, als ich merkte, dass ich lediglich Hannas Anrufbeantworter erreicht hatte. Natürlich, sie war ja auf der Pharma-Schulung in Leipzig. Und solche Schulungen konnten abends sehr lange dauern. Nach einem erneuten Knacken hörte ich wieder Dr. Franke: »Tut mir leid, da haben Sie wohl Pech gehabt.«
»Ja, trotzdem vielen Dank, wenigstens habe ich ihre Stimme …«
»Schon gut, Herr Wilmut, wir haben nur zehn Minuten. Ich soll Ihnen noch etwas ausrichten von Herrn Kessler, wegen eines Gedichts.«
»Ah ja, sehr gut!« Spätestens, wenn ich entlassen wurde, wollte ich ihm von dem Kassiber berichten, im Moment waren mir die Kommunikationswege noch zu unsicher.
»Es gibt zwei Orte namens Frauenstein, soll ich Ihnen sagen. Einer liegt im Erzgebirge, der andere ist ein Stadtteil von Wiesbaden. Dann gibt es noch eine Burg Frauenstein in Österreich. Ich hoffe, Sie können damit etwas anfangen.«
»Ja, ja, kann ich, vielen Dank. Das ist sehr gut!« Ich war ganz begeistert und wollte dem noch mehr Ausdruck verleihen, als mir die zehn Minuten wieder einfielen. »Sonst noch etwas?«
»Ja, in Jena gibt es eine Tanzschule Jänder, mehr habe er zu diesem Stichwort nicht gefunden.«
»Okay!«
»Und dann noch so ein komisches Kürzel: BB618c, sagt Ihnen das etwas?«
»Ja, ja!«, rief ich aufgeregt, in diesem Moment machte es klick und unser Gespräch war unterbrochen. Die zehn Minuten waren abgelaufen.
Ich rief laut »Mist!« und warf den Hörer unsanft auf die Gabel.
Zurück in der Zelle, stand mein Abendessen schon bereit. Es gab Pfefferminztee, Leberwurstbrot und Gurkensalat. Ich ärgerte mich so wegen des abgebrochenen Gesprächs, dass ich so gut wie nichts essen konnte. Nur den Gurkensalat probierte ich. Er schmeckte so schauderhaft, dass ich Mühe hatte, ihn herunterzuschlucken. An einem Gurkensalat konnte man eigentlich nicht viel falsch machen, die Gefängnisküche hatte es trotzdem geschafft. Ich trank den Tee. BB618c – diese Information wäre am wichtigsten gewesen. Bevor ich Gelegenheit hatte, mich noch mehr zu ärgern, kam Grasmann und brachte mich in den Sanitärbereich zum Duschen. Ich könne mir Zeit lassen, meinte er, ich sei ganz allein.
Ich hängte mein Handtuch an einen der vielen leeren Haken und warf meine Kleidung auf einen Hocker. Den Kassiber, den ich sorgsam in meiner Unterhose versteckt hatte, legte ich zuunterst auf den Sitz. Das warme Wasser tat gut, es wirkte wie eine beruhigende Medizin, löste Spannungen. Ich ließ es lange und heiß über meinen Körper laufen. Dann schäumte ich meine Haare und massierte die Kopfhaut. Als ich die Augen wieder öffnete, hing neben meinem Handtuch ein grünes Hemd.
Normalerweise bin ich nicht so leicht in Panik zu versetzen. Doch inzwischen war mein Leben nicht mehr normal. Es drohte zu kippen. Es drohte, sich in einen bloßen Ablauf von Ereignissen zu wandeln, auf die ich keinen Einfluss hatte.
Als ich das grüne Hemd sah, hatte ich nur noch einen Gedanken: Raus hier! Ich schnappte meine Kleidung vom Stuhl und rannte los. Nachdem ich an der Tür um die Ecke geschossen war, merkte ich noch, dass ich plötzlich das Gleichgewicht verlor. Das war das Letzte, woran ich mich erinnerte.
*
Der hagere Mann dachte an die Zeit direkt nach der Maueröffnung. Er war damals 19 Jahre alt gewesen. Völlig begeistert hatte er sofort seine Sachen gepackt, um in den Westen zu fahren. Er sah die Situation noch genau vor sich, so als sei es gestern gewesen: Am 10. November 1989 hatte er seine Ersparnisse bei der Staatsbank in der Steubenstraße abgehoben und am 11. November war er mit dem Zug nach Gießen gefahren. Am nächsten Tag bekam er im Notaufnahmelager an der Margaretenhütte sein Begrüßungsgeld, genau 100 DM. Er wollte einkaufen. Eine Frau schickte ihn in den Globus-Handelshof nach Dutenhofen, einem kleinen Ort in der Nähe. Als er aus dem Bus stieg und den Supermarkt betrat, glaubte er, seinen Augen kaum zu trauen. Regale, so hoch wie ein Einfamilienhaus in der DDR, voll mit Schokolade, Raviolidosen, Bananen, Comicheften und Mundwasser. Er war überwältigt. Und zugleich zornig. Hatten die Parteikader ihm nicht erzählt, dass es den Menschen im Kapitalismus schlecht ginge? Ja, das hatten sie ihm glaubhaft gemacht. Er setzte sich auf einige Persilkartons und begann zu weinen. Er weinte so hemmungslos, dass sogar Menschen stehen blieben und ihn fragten, ob sie helfen könnten. Er schüttelte den Kopf, nein, sie konnten nicht helfen. Am Ende sorgte er sich sogar um das Persil, dass es von seinen Tränen nicht plötzlich anfangen würde zu schäumen.
Als er sich wieder beruhigt hatte, begann sein Kaufrausch. Er packte den Einkaufswagen voll bis über den Rand und wusste am Ende gar nicht, wie er das alles transportieren sollte. Deswegen kaufte er sich noch zwei klappbare Plastikkisten, in die er alles verstaute. Draußen vor dem Markt fand er etwas, das ihn vollends begeisterte: einen Grillstand mit Thüringer Rostbratwurst. Genauer gesagt: Bratwurst nach Thüringer Art. Die schmeckte zwar nicht so gut wie in Weimar, aber es war seine erste Freiheitswurst. Sogleich aß er noch eine zweite, um kurz danach festzustellen, dass ihm von den 100 DM nur noch 54 Pfennig geblieben waren, und die reichten nicht für den Bus zurück nach Gießen. Er hoffte, der Busfahrer würde DDR-Mark annehmen, aber da hatte er sich gewaltig getäuscht. Beim Thema Geld waren die Westler empfindlich. Zum Glück half ihm eine alte Frau, die auch aus Thüringen stammte, aber noch vor dem Mauerbau ›rübergemacht‹ hatte. Er bedankte sich höflich.
Als er wieder im Lager angekommen war, betrachtete er stolz seine Einkäufe. Eine junge Frau, die gerade aus Cottbus gekommen war und Hunger hatte, setzte sich zu ihm und half, die vier verschiedenen Sorten Salami zu probieren. Mailänder, Hüttenberger, französische und ungarische Salami. Als sie fertig waren, meinte sie, die Ungarische sei am besten, das hätte sie aber vorher schon gewusst, und wozu er eigentlich vier Sorten Salami bräuchte. Er sah sie verwundert an. Diese Frage war für ihn – rückblickend gesehen – der Auslöser einer wichtigen Erkenntnis: Es gab auch ein Zuviel an Freiheit.
Nach dem Essen war ihm schlecht. ›Zu viel Freiheit‹ lag ihm schwer im Magen, schwerer noch als zu viel Salami oder zu viel Thüringer Rostbratwurst. Später kamen noch 20 Reisebüros, 50 Restaurants, 150 Autohäuser und 300 Krankenkassen dazu.
*
Das nächste Bild, das mein Bewusstsein wieder erfassen konnte, war weiß. Verschwommen und weiß. Überhaupt alles um mich herum schien weiß zu sein. Eine Frauenstimme drang aus der Ferne zu mir: »Hendrik, hallo, Hendrik!« Eine Hand tätschelte vorsichtig meine Wange. »Hallo, Hendrik, wach auf!«
Ich wollte aber nicht aufwachen. Konnten mich denn nicht einfach alle in Ruhe lassen? Langsam erkannte ich ein Gesicht. Es war von dunklen Haaren eingerahmt – das konnte nicht Hanna sein. Enttäuscht legte ich meinen schweren Kopf wieder aufs Kissen.
»Hallo, Hendrik, ich bin’s, Sophie!«
Eigentlich hätte ich mich gefreut, Sophie zu sehen, aber nicht heute. Denn dies bedeutete: Ich war im Krankenhaus. Von einer Unfreiheit in die nächste.
»Da hast du ja einen schönen Sturz hingelegt in der Gefängnisdusche!«, bemerkte Sophie.
»Aha, und?«, murmelte ich.
»Leichte Gehirnerschütterung und linker Radiuskopf gebrochen.«
»Linker was?«
»Der Kopf des Unterarmknochens, kurz vor dem Ellenbogengelenk.«
Erst jetzt bemerkte ich, dass mein linker Arm in Gips lag.
»Oh, nein!«
»Halb so schlimm, Hendrik, das heilt von selbst, glatter Bruch, wir brauchen nicht zu operieren, lediglich drei bis vier Wochen Gips. Und du musst dich schonen, wegen der Gehirnerschütterung.« Sie klang sehr geschäftsmäßig. Mir fiel auf, dass ich sie noch nie in ihrer Arbeitsumgebung kennengelernt hatte, immer nur im privaten Umfeld. Hier war sie nicht mehr die warmherzige, charmante Sophie, sondern eine professionell auftretende Ärztin, die klare Ansagen machte. Ich war noch unentschlossen, ob ich dem etwas Positives abgewinnen konnte.
»Schonen? Bei dem, was gerade mit mir passiert?«, entgegnete ich mühsam, »irgendjemand da draußen steuert mein Leben, ich habe die Kontrolle verloren.«
»Na, nun übertreib mal nicht, du bist lediglich auf ein paar Gurkenschalen ausgerutscht.«
»Aha.« Ich versuchte, mich aufzusetzen. »Du meinst also, Gurkenschalen in einem Duschraum sind normal?«
»Nein, natürlich nicht, das kann ein komischer Zufall sein …«
»Ja, komisch schon, aber kein Zufall, da bin ich sicher. Zum Abendessen gab es Gurkensalat und kurz danach entsorgt jemand die Schalen im Duschraum?«
»Und was war es dann? Ein Mordanschlag?«
Ich ließ mich wieder ins Kissen fallen. Mein linker Arm schmerzte.
»Ich weiß es nicht. Vielleicht kein Mordanschlag, aber so etwas Ähnliches.«
Sophie kräuselte die Stirn.
»Und bevor du fragst«, fuhr ich fort, »ich weiß, was ich sage, und bin bei vollem Bewusstsein.«
»Also gut, jedenfalls brauchst du jetzt strikte Ruhe«, sagte sie, »ich muss auf die anderen Stationen. Die Nachtschwester schaut nach dir, sie kann mich jederzeit anrufen, ich habe Dienst bis morgen früh. Gute Besserung!«
Die Nachtschwester war eine stämmige Person mit einem ausladenden Vorbau. Sie schien ihr Fach zu verstehen und erklärte mir die Vorbereitungen für die Nacht. Draußen wurde es bereits dunkel. Die Infusion lief, ich bekam Medikamente, ein paar Schluck Tee – leider nicht mehr – und eine Klingel, falls ich sie rufen wollte. Ihre Stimme war beruhigend und verständnisvoll. Als sie sich verabschiedete, sagte sie: »Ach, übrigens, es ist ein Brief für Sie abgegeben worden, möchten Sie ihn lesen?«
»Ein Brief? Von wem?«
»Keine Ahnung, er lag plötzlich im Stationszimmer. Ohne Absender.«
Wahrscheinlich eine Überraschung, von Hanna oder von Benno, dachte ich. »Ja, ich möchte ihn lesen.«
Sie holte den Briefumschlag aus dem Stationszimmer, legte ihn mir auf die Bettdecke und blieb stehen. Offensichtlich wollte sie gern wissen, von wem die Nachricht kam. Ich tat ihr den Gefallen, öffnete den Umschlag und zog ein einzelnes Blatt heraus:
Da liegst Du nun, Du alter Tor!
Seine Lieben gehen vor,
Frauenstein und Jändertanz,
Sind nun Deine letzte Chance!
BB618c
Mir wurde schlagartig schwindlig und die schöne, weiße Welt, an die ich mich gerade gewöhnt hatte, verschwand im Nebel. Von irgendwo hörte ich noch einen Alarmton und den Ruf der Nachtschwester. Dann versank ich in dem tiefen See der Zeitlosigkeit.