11. Kapitel

 

Donnerstag, 2. September 2004. Der Tag, der sich in unser Gedächtnis einbrannte.

 

An diesem denkwürdigen Donnerstag stand ich früh auf, weil ich vor unserem Trip nach Jena noch nach Hanna und ihrer Mutter sehen wollte. Ich war sehr froh, dass ich Büchlers Haus einfach wieder so betreten konnte, so wie früher in den Sommerferien. Nur dass Hannas Mutter nicht mehr an der Tür stand. ›Der Hendrik von nebenan‹, so hatte sie mich immer begrüßt. Schöne Erinnerungen.

Ihr Zustand war schlecht. Der Atem ging rasselnd, teilweise spuckte sie blutigen Schleim. Ich war geschockt. Zunächst erkannte sie mich gar nicht.

»Mutter, Hendrik ist gekommen!«, sagte Hanna.

Keine Reaktion.

»Ich bin’s, der Hendrik von nebenan!«, sagte ich.

Sie tastete nach meiner Hand. »Hendrik, du bist ein guter Junge, bitte kümmere dich um Hanna.«

Ich konnte die Tränen kaum unterdrücken. »Ja, Frau Büchler, ich werde mich um Hanna kümmern.«

Ein leichtes Lächeln lag auf ihren Lippen. »Du wirst sie heiraten, ja?«

Ich wagte nicht, Hanna anzusehen.

»Hendrik, wirst du sie heiraten?«, wiederholte ihre Mutter mit schwacher Stimme. Hanna verließ den Raum.

»Ja, Frau Büchler, ich werde sie heiraten, ich verspreche es.« Meine Güte, wie konnte ich so etwas einfach sagen, am Totenbett einer Mutter!

Zufrieden lehnte sie sich zurück. Ihre Gesichtszüge waren entspannt.

»Möchten Sie etwas trinken?«, fragte ich.

Sie nickte kurz. Ich gab ihr einen Schluck Tee, dann verabschiedete ich mich.

Hanna saß in der Küche und weinte. Ich setzte mich zu ihr. »Es wird schwer ohne sie, aber du wirst es schaffen«, sagte ich, »ich werde dir helfen.«

Sie nickte.

»Tut mir leid, ich muss los, bin um halb neun mit Siggi verabredet.« Ich küsste sie. »Es wird Zeit, heute muss ich pünktlich sein.«

»Ausnahmsweise?«

»Ja, ausnahmsweise!«

 

Der Verkehr in Weimar schien heute wesentlich dichter zu sein als sonst. Meine linke Hand war inzwischen einigermaßen zum Lenken zu gebrauchen. Es wäre allerdings wesentlich bequemer gewesen, wenn ich ein Automatik-Getriebe gehabt hätte. Doch so etwas hatte mein 20 Jahre alter Volvo nicht zu bieten. Im Vorüberfahren sah ich ein Plakat, das für morgen den Bundesparteitag der CDU ankündigte. Deswegen die Betriebsamkeit in der Stadt. Dass ich das nicht mitbekommen hatte – innerlich schüttelte ich den Kopf über mich selbst. Normalerweise höre ich mehrmals täglich die Nachrichten. Zurzeit interessierte mich das aktuelle Geschehen jedoch überhaupt nicht. Ich beschloss, mir eine Nachrichtenpause zu gönnen, so lange, bis der Mörder gefasst war. Auf diese Weise brauchte ich mir wenigstens selbst kein schlechtes Gewissen zu machen.

Siggi wartete bereits auf dem Rollplatz. Etwa eine halbe Stunde später standen wir vor dem Institut für Rechtsmedizin der Uni Jena. Professor Schymski erwartete uns. Er war der Nachfolger von Professor Kübler, der uns damals zum Goetheruh-Fall einen interessanten Vortrag zur DNA-Analyse gehalten hatte. Doch heute ging es um Todesursachen und Mordwerkzeuge. Die Bilder in Küblers Büro hatte Professor Schymski übernommen. Alle von Schmidt-Rottluff, düstere Eindrücke mit roten Flächen der Hoffnung.

»Sie haben mir da zwei Klienten gebracht«, begann der Professor. Er hatte dünne, graue Haare und trug einen Seemannspullover.

Mir war nicht klar, von wem er sprach.

»Zunächst sei gesagt, dass beide tot waren, als sie hier ankamen.«

»Das dachten wir uns«, antwortete Siggi.

»Nun, Herr Hauptkommissar, da sollten Sie sich nie zu sicher sein. Wir hatten schon einige Scheintote hier zur Obduktion, die uns vom Tisch gesprungen sind.«

»Was?«

»Sicher. Unterkühlung, überforderte Hausärzte …«

»Entschuldigung, Herr Professor, wir haben einen wichtigen Fall zu lösen, unsere Zeit ist leider begrenzt.«

»Ja, ja, natürlich. Also der erste Klient …«, er blätterte in seinen Papieren, »ein Herr Gegenroth … ja?«

»Genau.«

»Der war mausetot …«

Siggi verdrehte die Augen.

»… und hat uns vor einige Probleme gestellt. Er ist an mangelnder Sauerstoffzufuhr gestorben, das zeigt die Augenstruktur, auch der Zustand der Lungen und …«

Siggi hüstelte.

»Na gut: Er ist erstickt«, sagte Schymski.

»Okay. Und wo ist nun das Problem?«, fragte Siggi.

»Sein Kehlkopf wurde eingedrückt, möglicherweise durch einen Schlag, beispielsweise mit der Handkante.«

Siggi und ich nickten.

»Nur, das passt überhaupt nicht zum Polizeibericht«, fuhr der Professor fort, »dort steht, dass seine Frau im Nebenzimmer schlief. Nun gut, manche Menschen schlafen fest, aber dieser Vorgang hätte einen Riesenlärm verursacht. Herr Gegenroth wäre nicht sofort tot gewesen, er hätte sich gewehrt, hätte um sich geschlagen, gehustet, geröchelt und so weiter …«

»Verstehe.«

»Es gibt nur eine Möglichkeit: Der Mörder muss ihn zuvor betäubt haben.«

»Womit?«

»Diese sophistische Frage haben wir uns auch gestellt. Unsere Toxikologen haben keinerlei Pharmaka im Körper des Klienten feststellen können.«

Er machte eine Kunstpause, wahrscheinlich, um seinen Triumph auszukosten. Ich sah auf die Uhr.

»Wir haben aber etwas Auffälliges festgestellt, das bisher überhaupt nicht ins Bild passte: Fingerabdrücke an beiden Seiten des Halses unterhalb der Kieferknochen und am Nacken. Keine Stellen zum Ansatz eines Würgegriffes, der die Luftzufuhr behindert. Aber Ansatzpunkte eines Arterienwürgegriffes.«

Ich sah ihn verständnislos an.

»Mit einem geübten Griff ist es möglich, die Blutzufuhr der beiden Karotiden … äh, also der beiden Halsschlagadern zu unterbrechen. Nach 10 bis 15 Sekunden wird das Opfer bewusstlos.«

»So schnell?«

»Ja, so schnell. Der Mörder muss von hinten gekommen sein, wir haben Daumenabdrücke am Nacken gefunden. Anschließend konnte er ohne Probleme mit einem gezielten Handkantenschlag den Kehlkopf und den Zungengrund zertrümmern.«

Mir lief es kalt den Rücken herunter.

»Und noch etwas: Die Würgemale stammen nicht einfach von normalen Fingern. Es haben sich dort Hämatome gebildet, die nicht erklärbar sind, so als hätte der Mörder … Eisenhände gehabt.«

»Wie bitte?«

»Anders kann ich es nicht erklären, der Rest ist Ihre Arbeit!«

Siggi kniff die Lippen zusammen. »Und Sie sind sich absolut sicher?«

»Herr Hauptkommissar, ich bin einer der erfahrensten Thanatologen in Deutschland, glauben Sie mir.« Er sagte das sehr sachlich, ohne einen Unterton der Belehrung oder Überheblichkeit.

»Entschuldigung, aber was ist ein Thanatologe?«, fragte ich.

»Jemand Verrücktes, der unbedingt wissen möchte, warum und wie Leute ums Leben gekommen sind.«

Siggi wiegte seinen Kahlkopf unschlüssig hin und her. »Und wie ist es mit dem Todeszeitpunkt? Der ist relativ ungenau angegeben, plus/minus zwei Stunden, können Sie das vielleicht etwas präzisieren?«

»Schauen Sie, eigentlich können wir den Todeszeitpunkt überhaupt nicht angeben. Alles, was Sie dazu aus Film und Fernsehen kennen, ist Humbug.« Er richtete sich im Stuhl auf. »Wir benutzen die Nomogramme nach Professor Henske, Leichenabkühlung, Sie wissen schon, aber je nach Auffindesituation nützen die manchmal nicht viel. Seien Sie froh, dass mein Kollege sich auf eine Genauigkeit von plus/minus zwei Stunden eingelassen hat, wohl wegen der weitgehend konstanten klimatischen Situation im Wohnzimmer. Normalerweise beträgt das Vorhersageintervall plus/minus drei Stunden.«

Siggi hob unschlüssig die Hände, wagte aber keinen Widerspruch.

»Dann haben wir noch einen zweiten Klienten …«

»Daniel Baumert.«

»Genau. Relativ klarer Fall: Genickbruch durch stumpfe Gewalteinwirkung. Tatwaffe war ein runder, zylindrischer Gegenstand mit etwa zwei Zentimeter Durchmesser. Bei dieser enormen Gewalteinwirkung kann es sich nur um eine schwere Eisenstange gehandelt haben. Das war’s, meine Herren, ich muss jetzt zu meiner Vorlesung.«

Damit erhob er sich, rauschte in Richtung Tür, drückte Siggi im Vorbeiflug zwei Akten in die Hand und murmelte drei bis fünf Mal: »Auf Wiedersehen.«

Während der Rückfahrt sprach Siggi kein Wort. Erst als er mich am Beethovenplatz absetzte, fragte er, ob ich Professor Schymski glaubte, was Hans Gegenroth betraf. Ich sah keine andere Möglichkeit, als ihm zu glauben. Im Grunde fand ich es auch egal, ob der Mörder Eisenfinger besaß oder nicht: In jedem Fall hatte er Hans Gegenroth grausam umgebracht.

Ich verabschiedete mich und ging zu Fuß in Richtung Residenzschloss. Es war ein schöner, klarer Septembermorgen. Der Ilmpark lag in einem leichten Dunst, einige Sonnenstrahlen kämpften sich mühsam hindurch. Dank des abrupten Gesprächsendes in Jena hatte ich noch eine viertel Stunde Zeit. Ein bekannter Journalist hatte einmal in der ›Zeit‹ geschrieben: ›Zeit zu haben ist der Luxus unserer Zeit.‹ Ich ging langsam am Haus der Frau von Stein entlang, ließ das Grüne Schloss, in dem sich der Rokokosaal befindet, rechts liegen und überquerte den Platz der Demokratie. Das Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek liegt gegenüber im Roten Schloss, wo ein moderner Kubus hinter alten Mauern aus dem Boden zu wachsen scheint – immer wieder ein beeindruckendes Bild. Praktischerweise sind die beiden oberirdischen Teile der Bibliothek unterirdisch miteinander verbunden. Unter dem Platz der Demokratie war in den vergangenen Jahren ein Archiv für etwa eine Million Bücher errichtet worden. Nach Jahren der Bauaktivität war der Platz erst seit Kurzem wieder befahrbar.

Fünf Minuten vor 11 Uhr betrat ich den großen Konferenzraum des Studienzentrums. Fast alle Kollegen waren anwesend. Ich begrüßte die meisten kurz, auch die stellvertretende Direktorin Frau Knüpfer und meinen lieben, ach so einfältigen Kollegen Dr. Albert Busche. Seine Gesichtszüge waren wie immer eingefroren. Einige fragten mich nach dem Gipsarm, es blieb nicht viel Zeit für private Gespräche.

Dr. Knoche begann pünktlich. Es ging um zwei wichtige Punkte: das Jugendbildungsprojekt ›Cicerone‹ und die anstehende Renovierung des Grünen Schlosses.

»Jedes Jahr kommen Hunderte von Schulklassen aus ganz Deutschland nach Weimar, um die klassischen Stätten zu besuchen«, sagte Knoche. »Lehrer und professionelle Führer versuchen, die Schüler für das kulturelle Erbe der Stadt zu interessieren. Oft gelingt dies, vielfach aber reden Erwachsene und junge Menschen aneinander vorbei. Wie wäre es, wenn eines Tages Schüler von Schülern geführt würden?«

Ein allgemeines Gemurmel setzte ein. Ich fand die Idee hervorragend. Busche brummte etwas vor sich hin, das sich wie Unsinn und Quatsch anhörte.

»Bitte, meine Damen und Herren, wir brauchen uns mit der Idee als solche nicht auseinanderzusetzen, die Klassik Stiftung Weimar hat mit Unterstützung des Thüringer Kultusministeriums und der Friedrich-Schiller-Universität Jena bereits beschlossen, dieses Projekt durchzuführen.«

»Und warum sitzen wir dann überhaupt hier?«, fragte Busche.

»Weil wir zwei Abgeordnete in die Projektleitungsgruppe entsenden dürfen. Und die sollten wir heute bestimmen.«

»Das wird doch sowieso wieder der Wilmut!«, nörgelte Busche.

Dr. Knoche grinste. »Das ist ein sehr guter Vorschlag, Herr Busche, denn Herr Wilmut verfügt als Hochschullehrer über das entsprechende didaktische Verständnis.«

Busche lief rot an, sagte aber nichts.

»Weiterhin brauchen wir einen zweiten Kollegen, und da haben Frau Knüpfer und ich an einen sehr erfahrenen Mann gedacht, der die Örtlichkeiten und auch die Organisationsstrukturen der Klassik Stiftung sehr gut kennt, weil er schon viele verschiedene Funktionen in der Stiftung innehatte.«

Alle sahen Dr. Knoche gespannt an. Er warf Frau Knüpfer einen kurzen Blick zu. Sie beugte sich nach vorn und verschränkte die Arme vor sich auf der Tischplatte. »Wir dachten da an Sie, Herr Busche!«

Busche riss die Augen auf. »Ich? Mit Herrn Wilmut?«

»Ja, genau«, antwortete Dr. Knoche, »oder möchten Sie an dem Projekt vielleicht gar nicht teilnehmen, dann finden wir bestimmt …«

»Doch, doch, natürlich, nur …«

»Nur was?«, fragte Frau Knüpfer.

»Nichts, schon gut.«

»Herr Wilmut, sind Sie einverstanden?«, fragte der Direktor.

»Natürlich, gerne«, antwortete ich.

»Sonst irgendwelche Einsprüche oder Bedenken?« Dr. Knoche blickte in die Runde. Alle schüttelten den Kopf.

»Gut, dann gibt Ihnen Frau Knüpfer jetzt noch ein paar allgemeine Informationen zu dem Projekt …« Er machte eine einladende Handbewegung in Richtung seiner Stellvertreterin.

»Das Projekt trägt die Bezeichnung ›Cicerone – Schüler führen Schüler‹«, erklärte Frau Knüpfer, »das Wort Cicerone beruht auf einem scherzhaften Vergleich mit der Beredsamkeit von Marcus Tullius Cicero. Nun ja … ich bin nicht begeistert von dieser Projektbezeichnung, aber das wurde an anderer Stelle entschieden. Geisteswissenschaftlich interessierte Jugendliche werden in mehreren Intensivkursen dazu ausgebildet, selbst Schulklassen zu führen. Das Projekt teilt sich in drei Stufen. Wir sind an Stufe Eins beteiligt, die sich hauptsächlich an Schüler der Jahrgangsstufe 11 mit dem Leistungsfach Deutsch richtet. Der inhaltliche Bogen spannt sich von Goethe bis Gropius. Herr Wilmut wird als Seminarleiter für sein Spezialgebiet Johann Wolfgang von Goethe fungieren, Herr Busche wird ihm in allen Fragen der Organisation und Koordination den Rücken freihalten.«

Busche verzog keine Miene.

»Werden den Schülern denn Unterkünfte bereitgestellt?«, fragte eine Kollegin.

»Ja, auch das, und zwar im Wielandgut in Oßmannstedt, dort ist genug Platz. Die Unterkunft wird finanziell unterstützt, die Schüler haben jedoch einen eigenen, adäquaten Beitrag zu leisten.«

Alle schienen zufrieden.

Dr. Knoche räusperte sich. »Sonst noch Fragen? Keine? Gut … Herr Wilmut und Herr Busche, Sie nehmen bitte zusammen mit Frau Knüpfer heute Nachmittag um 15 Uhr an der konstituierenden Sitzung des Projekts Cicerone drüben im Schloss teil.«

Busche und ich nickten zustimmend. ›Drüben im Schloss‹ hieß im internen Weimarer Sprachgebrauch: im Sitzungssaal des großen Residenzschlosses.

»Ich danke Ihnen, wir machen eine kurze Pause, in zehn Minuten geht’s weiter. Einziges verbleibendes Thema ist die Renovierung der historischen Bibliothek.«

Auf der Toilette traf ich Busche. Ich versuchte, in möglichst neutralem Tonfall zu sagen: »Also, dann auf gute Zusammenarbeit!«

Die Antwort kam prompt: »Ihren Sarkasmus können Sie sich sparen!«

Es wurde Zeit, einmal in Ruhe mit dem Kollegen Busche zu reden, ihn zu fragen, was eigentlich sein Problem sei und ob wir dies zusammen aus dem Weg räumen konnten. Wenn es sein musste, mithilfe einer Flasche Aro. Dazu musste ich aber den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Ort abwarten.

»Das neue Archiv ist bezugsbereit«, erklärte Dr. Knoche. »Morgen werden wir damit beginnen, die Bücher und Exponate aus dem Grünen Schloss in das neue Archiv zu überführen, um sie dort zwischenzulagern. Dann wird mit der Renovierung des Rokokosaals und der umliegenden Gebäudeteile begonnen. Im zweiten Schritt folgt dann der Bücherturm. Frau Knüpfer verteilt jetzt einen Ablaufplan für morgen und Samstag. Sie wissen ja bereits, dass wir unter diesen besonderen Umständen auch am Samstag arbeiten müssen, Freizeitausgleich können Sie in meinem Sekretariat beantragen. Ausgenommen von diesem Arbeitsplan sind Herr Busche und Herr Wilmut, die sich, wie bereits gesagt, um das Cicerone-Projekt kümmern. Beide stehen uns im Notfall allerdings zur Verfügung.«

»Was für ein Notfall sollte das denn sein?«, fragte Busche.

Knoche sah ihn unschlüssig an. »Na, Sie können Fragen stellen! Nur im äußersten Notfall, da müsste schon …«

»… die Bibliothek abbrennen?«

Frau Knüpfer schoss aus ihrem Stuhl hoch. »Herr Busche, mit solchen Dingen macht man keine Witze!«

»Aber …«

»Kein Aber, solche Scherze möchte ich nicht hören. Den Albtraum jedes Bibliothekars brauchen Sie hier nicht zu verbalisieren!«

Ihre Hände zitterten. Sie setzte sich wieder. Busche hob die Augenbrauen und schwieg. Wir alle waren ziemlich beeindruckt. So hatten wir Frau Knüpfer noch nie erlebt.

Knoches hohe Stirn war von einer feinen Rötung überzogen. Er blickte uns über seinen Brillenrand an. »Haben Sie Fragen zum Ablaufplan?«

Es gab noch viele Fragen, Gruppen wurden gebildet, Zeitpunkte abgestimmt, Büchersegmente zugeordnet. Anschließend gingen die meisten mit Frau Knüpfer in das neue Tiefarchiv.

»Herr Wilmut, Sie kommen bitte gleich mal in mein Büro!«, rief Dr. Knoche beim Verlassen des Konferenzraums. Ich winkte zustimmend.

Ich war froh, Dr. Knoche als meinen Zweitchef zu haben. Mit ihm konnte man reden, ruhig und sachlich. Und er war ein hochrangiger Experte des Bibliothekswesens. Kein Vergleich zu meinem exaltierten, selbstverliebten und chaotischen Professor in Frankfurt. Vermutlich war der noch chaotischer als ich, und das will schon etwas heißen. Ich schnappte meine Akten und ging schnurstracks in Knoches Büro.

»Herr Wilmut, Sie genießen hier weitgehende Freiheit. Sie dürfen arbeiten, wann und wo Sie wollen, aber dass Sie sich so lange nicht in der Bibliothek sehen lassen, nur mal kurz am Samstagnachmittag reinschneien…, und dann dieser mysteriöse Anruf von Stadtrat Kessler … Also, was ist los?«

Nun half nur noch die Wahrheit. »Ich war im Gefängnis!«

Knoche schüttelte unwirsch den Kopf. »Nun setzen Sie sich erst einmal und reden Sie keinen Unsinn!«

Es dauerte eine Weile, bis ich ihn davon überzeugt hatte, dass ich wirklich im Gefängnis war, dass ich des Mordes verdächtigt wurde, inzwischen aber aus dem Schneider war. Fast jedenfalls – aber das sagte ich nicht. Um wirklich glaubhaft zu sein, musste ich die komplette Geschichte noch einmal erzählen. Inzwischen nun zum vierten Mal. Vielleicht war es auch die fünfte Wiederholung, ich hatte vergessen mitzuzählen. Es machte keinen Spaß, sich andauernd für etwas rechtfertigen zu müssen, das man nicht getan hatte. Ich bat Dr. Knoche, alle Informationen vertraulich zu behandeln, bis der Mörder gefasst war. Er war verwirrt. Und beeindruckt. Wahrscheinlich wusste er nicht so recht, ob er mir vertrauen konnte und ob er mir helfen sollte.

»Kann ich Ihnen irgendwie …beistehen?«, fragte er langsam.

»Im Moment nicht, danke. Ich melde mich, falls ich Hilfe brauche.«

 

Nach dem Gespräch ging ich zurück in mein Büro. Es fiel mir schwer, aber ich musste mich um die Suche nach BB618c kümmern, Siggi hatte es mir ja eingebläut. Ich öffnete den roten Aktendeckel und breitete alle Papiere, die mit dem Fall Balow zusammenhingen, vor mir aus. Ein Blatt mit dem Kassibertext, auf dem ich wild herumgekritzelt hatte, eine Karte von Weimar, mit Tiefurt, Kromsdorf und Denstedt, und verschiedene Ausdrucke aus dem Internet, unter anderem zu Papst Gregor und Wiesbaden-Frauenstein. Auch der selbstverliebte Goethe-Text war dabei. Als ich mich gerade etwas eingedacht hatte, öffnete sich meine Bürotür. Ich hob den Kopf. Albert Busche. Ich fühlte mich gestört.

»Was gibt’s?«

Er trat näher. »Der Herr Wilmut, wie immer die Höflichkeit in Person!«

»Meine Güte, Entschuldigung, ich bin beschäftigt …«

»Was ist denn da so wichtig?«, rief Busche, und ehe ich es verhindern konnte, hatte er das Blatt mit dem Kassibertext in der Hand.

Ich verdrehte die Augen.

»Aber Herr Wilmut«, meinte Busche oberlehrerhaft, »so schreibt man doch nicht unsere Zeitschriftencodierungen. Wenn schon, dann wenigstens korrekt …«

Er kritzelte etwas auf den Blattrand und reichte es mir: Bb6:18[c].

»Im Übrigen, wenn Sie diesen Text suchen, müssen Sie bis nächste Woche warten, die historischen Zeitschriften befinden sich im Rokokosaal, da darf heute niemand mehr hinein!«

Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was er gesagt hatte.

»Haben Sie das verstanden, Herr Wilmut?«

»Äh, ja, Herr Busche, ich meine … von welchem Text sprechen Sie eigentlich?«

Jetzt verdrehte Busche seinerseits die Augen. »Na, von dem hier: Bb6:18[c], den meinen Sie doch wohl, oder?«

Ganz langsam erhob ich mich. »Sie meinen … also, wenn ich Sie richtig verstanden habe …«

»Was stammeln Sie denn so rum, Wilmut? Das ist das Kürzel für eine historische Zeitschrift aus dem 18. Jahrhundert, gehört zu einer speziellen Serie, die die Bibliothek damals übereignet bekam. Der Mäzen, ein Graf von Maltriz, verlangte, dass seine Stücke separat katalogisiert werden, deswegen die ungewöhnliche Katalognummernstruktur. Na ja, so was wissen Sie eben nicht!«

»Stimmt. Außerdem sind Sie ein Organisationsgenie, Busche, was man von mir nicht gerade sagen kann.«

»Ich stelle fest, dass wir zum ersten Mal einer Meinung sind.«

»Schön«, murmelte ich, während ich das Blatt studierte. »Sagen Sie, Busche, wenn wir diese Nummer haben, können wir … also, ich meine, können Sie dann auch den Titel in unserem Computersystem einsehen?«

»Selbstverständlich!«

Da war es wieder, dieses Gefühl des besonderen Augenblicks.

»Würden Sie bitte …«

Albert Busche sah mich erstaunt an. »Ich kann mich nicht erinnern, dass Sie schon einmal bitte zu mir gesagt hätten.«

»Na, na, Busche!«, tadelte ich, während er sich für sein Alter äußerst behände auf meinen Bürostuhl schwang und sich in das Bibliothekssystem einloggte. Es dauerte etwa zwei Minuten, dann erschien der Titel auf dem Bildschirm.

»Hier, sehen Sie!«, sagte er triumphierend und drehte den Monitor zu mir herüber.

›Die Steinkunde als fürstliche Lieblingswissenschaft gepriesen in einer Rede zur Feier des silbernen Jubelfestes der Großherzoglichen Societät für die gesammte Mineralogie zu Jena von Dr. Johann Friedrich Heinrich Schwabe‹

Meine Magenmühle begann zu rotieren. Mir wurde schwindlig, ich musste mich setzen. Steinkunde, Frauenstein, Amazonit, Jena – ein Puzzleteil fügte sich ins andere.

»Ich brauche den kompletten Text«, sagte ich leise.

»Wie gesagt, da müssen Sie bis nächste Woche warten. In den Rokokosaal darf niemand mehr hinein, morgen wird alles ins Archiv gebracht. Erst ab Montag haben wir wieder Zugriff.«

»Busche, das ist eindeutig zu spät!«, sagte ich.

Er sah mich irritiert an. »Was ist das jetzt wieder für eine Spinnerei von Ihnen, Sie arbeiten doch wohl nicht am Wochenende, oder?«

»Es ist privat.«

Er sah mich an. »Geht’s Ihnen nicht gut?«

»Es ging mir tatsächlich schon mal besser, aber hören Sie, ich bin in einer prekären Situation …« Wie soll man das jemandem erklären, wenn nicht in der Gesamtfassung. Konnte ich Albert Busche vertrauen? Meine Magenmühle hatte aufgehört, sich zu drehen. Ich betrachtete das als spontane Zustimmung.

»Herr Busche, ich brauche Ihre Hilfe, bitte!«

Er stand auf. »Sie brauchen meine Hilfe? Das ist ja mal was ganz Neues.«

»Stimmt. Aber so ist es. Darf ich Ihnen erzählen, um was es geht? Dauert aber ein paar Minuten …«

Ich stand auf und schloss die Tür zu meinem Büro. Dann berichtete ich vom Kern der Geschichte, zum fünften oder sechsten Mal, und bat ihn, vorläufig alles absolut vertraulich zu behandeln. Er hatte von den drei Morden in der Zeitung gelesen, insofern war er sofort im Bilde. Und zu meinem größten Erstaunen war er geradezu begierig, mir zu helfen.

»Passen Sie auf«, meinte er in einem fast schon verschwörerischen Ton, »die einzige Möglichkeit ist morgen früh gegen 6 Uhr, da ist noch niemand im Grünen Schloss, die Handwerker und die Umzugshelfer sind für 8 Uhr bestellt, der Hausmeister wird wohl gegen 7 Uhr dort sein. Ich habe alle Schlüssel, wir müssen nur das Regal finden, die Ordnungsnummer habe ich bereits, und dann den zugehörigen Karton, in den die Zeitschriften verpackt wurden, der steht vermutlich direkt davor. Wir haben nur eine Stunde Zeit.«

»Mann, Busche, Sie sind ein Genie!«

»Das haben Sie heute schon zum zweiten Mal gesagt, den Tag muss ich im Kalender rot anstreichen!«

Ich kannte Busche nur mit eingefrorenem Gesicht. Dass er auch eine gewisse Art von Humor besaß, war mir völlig neu.

»Alles klar«, sagte ich, »wir sehen uns später zur Sitzung im Residenzschloss.«

»Und morgen früh um 6 Uhr am Hintereingang des Grünen Schlosses.«

 

Endlich ein konkreter Hinweis. Und ich hatte recht behalten mit meiner Vermutung: Der Kassibertext hatte tatsächlich mit Goethe zu tun. Ein bisschen stolz war ich schon darauf. Aber noch hatten wir das Rätsel nicht vollständig gelöst. Es war bekannt, dass ich mich auf Goethe, sein Leben und sein Werk spezialisiert hatte. Der Kerl wollte mich offensichtlich genau hier packen, an der Stelle, an der ich mich am sichersten fühlte. Ganz schön mutig von ihm. Aber warum? Es schien fast so, als wolle er mich bestrafen. Ja, bestrafen war das richtige Wort. Aber wofür?

Ich musste die Neuigkeiten sofort loswerden. Hanna ging ans Telefon, sie wirkte jedoch unkonzentriert und fahrig, der Alltag mit einer Todkranken war schwer. Da Karola nicht zu Hause war, hatte Hanna sich Urlaub genommen. Natürlich freute sie sich über meine neuen Erkenntnisse. Eine Sorge weniger. Ach ja, Karola hatte heute Mittag angerufen, es gehe ihr gut, sie könne aber nicht sagen, wo sie sich aufhalte und wann sie zurückkomme. Sehr seltsam. Ich verzichtete auf eine eingehende Diskussion über die Steinkunde und mögliche Mörder, das wäre zu viel für sie gewesen. Stattdessen bot ich ihr Hilfe an, ja, bitte, einkaufen, Apotheke und Supermarkt, gerne, bis später.

Danach rief ich Siggi an. Er interessierte sich sehr für meine neuen Erkenntnisse.

»Du meinst also, er will dich bestrafen?«, fragte er.

»Genau, und ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Ich glaube, er wollte alle seine Opfer bestrafen.«

»Wie kommst du darauf?«

»Jedes Opfer wurde auf unterschiedliche Art umgebracht, auch für mich hat er sich eine ganz spezielle Methode ausgedacht: lebenslang unschuldig im Gefängnis sitzen. Fast so schlimm, wie zu sterben.«

»Vielleicht sogar noch schlimmer.«

»Möglich. Ich weiß nur noch nicht, für was ich bestraft werden soll. Diese Spur könntest du für die anderen Opfer auch verfolgen, irgendwo müssen die Stränge zusammenlaufen. Und morgen weiß ich vielleicht mehr über BB618c.«

»Gut. Das ist auch dringend notwendig. Nach der Anzeige gegen dich ist Lehnert wieder sehr misstrauisch geworden. Er weiß nicht, was er tun soll …

»Wie meinst du das?«

»Er braucht dich einerseits, um den Fall zu lösen, ist sich aber immer noch nicht sicher, ob du nicht selbst die Lösung des Falls bist, verstehst du?«

Ich wickelte das Telefonkabel mehrmals um meinen Finger und starrte ihn an, bis er blau wurde.

»Verstehe.«

»Er hat mich angewiesen, dich nicht aus den Augen zu lassen!«

»Aha.«

»Das geht natürlich nicht. Außerdem vertraue ich dir.«

Ich schluckte.

»Aber bitte, Hendrik, tu nichts Unüberlegtes, im Zweifelsfall frag mich vorher.«

»Okay!«

»Wir waren übrigens auch nicht untätig heute, es gibt ein paar Neuigkeiten.«

»Und?«

»Können wir uns heute Abend treffen?«

»Ich … ich muss gleich auf eine Sitzung. Danach will ich Hanna helfen, einkaufen und so, frühestens ab 19 Uhr.«

»Gut, viertel nach sieben im Café Resi.«

 

*

 

Der hagere Mann hatte über seinen Informanten in der Justizvollzugsanstalt erfahren, dass Wilmut wieder frei war. Er wollte das kaum glauben. Um sicherzugehen, beobachtete er den gesamten Mittwoch über Wilmuts Wohnung am Rollplatz. Tatsächlich kam dieser am Abend nach Hause, ging vorher noch in die Brasserie, schien sich sogar mit dem Wirt wieder versöhnt zu haben und bekam anschließend Besuch von einem Glatzkopf.

Und nicht nur das: Auch Hanna Büchler bewegte sich unbehelligt in ihrem Haus in der Humboldtstraße. Offensichtlich war sie gar nicht festgenommen worden.

Der hagere Mann fuhr zurück in seine leere Wohnung in der Bonhoefferstraße. Er war so frustriert, dass er sein kleines, schwarzes Notizbuch gegen die Wand schleuderte. Dann trat er voller Wut in den stinkenden Haufen Raviolidosen, sodass diese lärmend auseinanderstoben. Die Wand war bedeckt mit einer Spur eklig roter, halb verschimmelter Raviolireste. Ähnliche Spuren hatte er schon in Splatter-Filmen gesehen. Er hasste Blut.

 

*

 

Das ›Café Residenz‹, kurz ›Café Resi‹ genannt, war neben der Brasserie am Rollplatz und dem Café-Laden in der Karlstraße mein drittes Ersatzwohnzimmer. Wir setzten uns an einen Tisch vorne an der Ecke mit Blick auf das Residenzschloss.

»Wie geht’s denn Frau Büchler?«, fragte Siggi als Erstes.

»Nicht gut, sie baut zusehends ab. Hanna ist bei ihr, sie kann sie nicht allein lassen. Und Karola, na ja, du weißt ja …«

»Ja, untergetaucht. Ein Mann?«

»Sieht so aus. ›Ich muss ihn unbedingt wiedersehen.‹ Ob das ausgerechnet jetzt sein muss?«

»Solche Dinge lassen sich manchmal nicht aufhalten, das weißt du selbst.«

»Ja, ja. Und – was meint Lehnert?«

»Unverändert. Schwankend zwischen Misstrauen und Hoffnung.«

»Kein neuer Haftbefehl gegen mich?«

»Nein, aber er will dich sehen. Morgen Mittag, 12 Uhr, im Polizeipräsidium.«

»Warum?«

»Wegen der Schlägerei in der Brasserie. Wir müssen dem nachgehen, wir können das nicht einfach ignorieren.«

»Schon klar. Jetzt bin ich aber gespannt auf eure neuen Ermittlungsergebnisse …«

Siggi lächelte. »Ich habe mir Sabine Grüner nochmals vorgenommen. Ihre erste Aussage war sehr detailliert und differenziert. Aber ich hatte den Eindruck, dass etwas Wichtiges fehlt.«

»Aha, Spürnase!«

»Nach über einer Stunde sind wir auf den Punkt gekommen. Sie hatte ein Verhältnis mit Fedor Balow.«

Ich pfiff leise durch die Zähne. Siggi öffnete sein kleines, schwarzes Notizbuch.

»›Allerdings sind die Tatsachen mit diesem Wort nur ungenügend beschrieben.‹ Das ist ein Originalsatz aus dem Vernehmungsprotokoll. Balow war der erste Mann, der sich nach Sabine Grüners Unfall – Kopfsprung in den Hohenfelder Stausee – ernsthaft für sie interessiert hat. Schließlich hat er sie nach zwei Jahren verlassen. Sie kann es aber nicht gewesen sein, sie wäre nicht die Treppe zu Balows Wohnung in den zweiten Stock hochgekommen, es gibt keinen Aufzug. Und sie hat ein Alibi, war den gesamten Abend im Jugendclub der Kirchengemeinde, dann haben sie zwei Jugendliche nach Hause gebracht.«

»Und ihr Bruder?«

»Der wohnt schon seit Jahren in der Innenstadt und ist an seiner Schwester nicht sehr interessiert. Sagt sie selbst und auch die redselige Rentnerin von nebenan. Außerdem hat er keine direkte Verbindung zu Hans Gegenroth. Auch nicht zu dir. Und er hat ebenfalls ein Alibi, war bei einem Kumpel, einem Herrn Zöld.«

»Zöld? Komischer Name …«

»Ja, klingt irgendwie slawisch, oder?«

»Eher ungarisch, ich frag mal Tante Gesa bei Gelegenheit. Irgendwie kommt mir dieser Name bekannt vor …«

»Woher?«

Ich schüttelte nachdenklich den Kopf. »Tut mir leid, ich komme nicht drauf.«

»Gut, dann habe ich einige Erkundigungen über diesen Dr. Gründlich eingeholt.« Er grinste. »Interessante Figur, kam vor etwa fünf Jahren aus Rostock nach Weimar. Dort ist er aktenkundig wegen Drogenvergehen.«

»Aha, Selbstmedikation?«

»Genau, so wie die Kollegen in Rostock berichten, nutzte er die Drogen nur für den Eigengebrauch. Ansonsten bescheinigen ihm die Mediziner in der Uniklinik hohe Sachkenntnis. Hervorragender Arzt, sehr patientenorientiert, guter Pharmakologe.«

»Ach, du liebe Zeit, ich weiß nicht, ob ich Hanna das sagen soll …«

»Besser nicht.«

Ich zuckte unentschlossen mit den Achseln.

Unser Essen kam, wir speisten, ohne zu reden. Manchmal tut es gut, gemeinsam zu schweigen. Als ich das Besteck beiseitegelegt hatte, sah ich zufällig aus dem Fenster, Richtung Südosten. Hinter dem Gebäudekomplex des Roten Schlosses stieg eine große, dunkle Rauchsäule in den Himmel. Ich konnte sie nicht genau lokalisieren, konnte auch nicht sagen, was dort wie lange schon brannte. Doch ohne mein Zutun stieg eine eigene, innere Rauchsäule der Ahnung in mir auf. Wie in einem Albtraum sah ich mich neben Hauptkommissar Dorst und Frau Knüpfer sitzen und hörte mich sagen: »Die Bibliothek brennt!«