9. Kapitel
Dienstag 31. August 2004. Der Tag, an dem Hanna einen Italiener traf.
Am Montagabend hatte Hanna nach zwei Tagen das dringende Bedürfnis, Cindys Wohnung zu verlassen. Sie kam sich fast vor wie im Gefängnis, auch wenn sie von Hendriks Schilderungen wusste, dass eine enge Zelle noch viel schlimmer war. Bisher hatte es keinerlei Anzeichen einer Fahndung nach ihr gegeben, keine Zeitungsberichte, keine Radio- oder Fernsehaufrufe, noch nicht einmal einen Steckbrief im Polizeirevier – Cindy hatte das überprüft. Zuerst hatten sie überlegt, mit Cindys Auto außerhalb von Weimar in den Wald zu fahren, entschieden sich jedoch gegen das Auto, da es immer passieren konnte, dass man in eine Routinekontrolle kam oder geblitzt wurde. Sie waren der Meinung, sich in der Menschenmenge der Weimarer Innenstadt unauffälliger bewegen zu können. Außerdem benötigte Hanna dringend einige Drogerieartikel. Nachdem sie den Einkauf erledigt hatten und alles gut gegangen war, konnten sie erleichtert aufatmen.
Am Dienstagvormittag rief Karola erneut an. Sie erklärte Hanna, dass sie gar nichts von Dr. Gründlich hielt, und zwar in einer Tonart, die keinen Raum für Interpretationen ließ. Hanna fasste einen Entschluss. Sie fragte Karola nach dem Namen des neuen Medikaments und versicherte ihr, sich darum zu kümmern. Sie besprach ihren Plan mit Cindy. Zwei Stunden später verließen sie beide das Haus. Die Taktik war dieselbe wie am Tag zuvor: sich unter die Menschen mischen. Am leichtesten fiel ihnen das in den touristischen Zentren, sodass sie beschlossen, sich einer Führung durch das Goethehaus anzuschließen.
Zur vereinbarten Zeit um 12 Uhr gab es nur noch Karten für eine Führung auf Italienisch, doch das war ihnen egal. Die Fremdenführerin schien eine in Deutschland lebende Italienerin zu sein. Als sie die große Treppe erklommen hatten, rief sie: »Salve!« Goethes im Parkett eingelassene Lieblingsbegrüßung passte wunderbar zu dem italienischen Vortrag. Die Gruppe hielt sich eine ganze Weile auf dem oberen Treppenabsatz auf. Von hier hatte man einen kompletten Blick in das von Goethe nach seiner zweiten Italienreise nachträglich umgebaute Treppenhaus, das den Höhepunkt Goethes italophiler Phase darstellte – für die Führerin natürlich ein dankbares Thema.
Endlich traten sie in den gelben Salon ein. Hanna erkannte sie sofort. Sie stand vor der monumentalen Gipsbüste des ›Zeus von Otricoli‹, mit dem Rücken zum Eingang. Langsam schlenderte Hanna durch den Raum, bis sie wie zufällig hinter ihr stand. »Wir sind da«, flüsterte sie.
»Christianezimmer«, antwortete Sophie, ohne sich umzudrehen. Hanna gab Cindy ein Zeichen mit dem Kopf in Richtung Brückenzimmer. Langsam, immer wieder die Bilder und Büsten betrachtend, durchquerten sie den in Blau gehaltenen Raum. Schiller, Kassandra, Herder, Achill. Im Zentrum des Raums der nackte Torso eines Knaben, von allen Seiten gut einsehbar, sowohl von vorn, beim Betreten des Raums, als auch von hinten, beim Verlassen des Brückenzimmers. Hanna konnte den Erklärungen der Italienerin nicht folgen, bemerkte jedoch, dass sie recht lange bei dem nackten Knaben verweilte und ihn von allen Seiten ausführlich schilderte. Ein Italiener mit schicken Lederschuhen und nach hinten gegeltem Haar stand neben der Rezitierenden und hörte aufmerksam zu. Hannas Blick traf den seinigen. Sie wandte sich ab und schob Cindy weiter in Richtung Garten. Hanna musste sich umschauen, denn sie war lange nicht hier gewesen. Der Rundweg führte nach links, in Christianes Vorzimmer. Hanna erinnerte sich an Hendriks Geschichte zu den beiden Bildern: Goethe und Christiane, als Ehepaar, einander zugewandt in einer Art von Zuneigung, die der Betrachter förmlich spürte. Hendrik war vollkommen aufgeregt gewesen, als er vor ein paar Wochen in einer Fachzeitschrift las, dass das Christiane-Bild möglicherweise gar nicht Christiane darstellte, sondern eine andere Frau. Es hing aber immer noch dort an seinem angestammten Platz, bis die Frage von den Experten endgültig geklärt war.
In der Großen Stube, auch ›Christianezimmer‹ genannt, luden zwei Vitrinen zum Betrachten der Exponate ein. Hanna versuchte, den Eindruck zu erwecken, als studiere sie aufmerksam die Goethe’schen Handschriften. Sophie trat ein. ›Gefunden‹. Eines der schönsten Gedichte von Goethe. Beide Versionen lagen hier als Handschrift des Meisters in der ersten Vitrine. Während die erste Version noch mit dem Einspruch des Blümchens: ›Soll ich zum Welken / Gebrochen sein?‹ endete, ging die zweite Version deutlich weiter: ›Mit allen Wurzeln / Hob ich es aus / Und trug’s zum Garten / Am hübschen Haus / Ich pflanzt es wieder / Am kühlen Ort / Nun zweigt und blüht es / Mir immer fort.‹ Mit dem Blümchen war Christiane gemeint. Hanna wunderte sich, wie gut Goethes Worte auf alltägliche Situationen passten, auch heute noch, nach 200 Jahren. Und es waren schöne Worte. Worte, die einem ans Herz gingen. Einen kurzen Moment dachte Hanna an Hendrik. Eigentlich hatte sie angenommen, dass auch ihre Liebe ›immer fortblühen würde‹. Sie seufzte leise.
»Wie heißt das Medikament?«, flüsterte Sophie.
»Revato«, antwortete Hanna.
»Aha. Ein Präparat, das bei pulmonaler Hypertonie gegeben wird, spezielle Therapie, sehr teuer, wird nur nach exakter, aufwendiger Diagnose verschrieben …«
»Lungenhochdruck?«
»Genau.«
»Ja, davon hat Karola erzählt. Ich kenne das Krankheitsbild kaum, wir führen solche Präparate bei Maropharm nicht, was bedeutet das genau?«
»Moment …« Sophie drehte eine Runde durch den Raum, so als sei sie eine überaus interessierte Besucherin. Sie trafen sich an der anderen Vitrine wieder. Brieföffner, Besteck, ein Stilett.
»Schwere Lungenkrankheit mit Einengung der Lungengefäße, führt unbehandelt nach ein bis zwei Jahren zum Tod.«
»Mutter hat Lungenkrebs im Endstadium.«
Sophie schluckte. Es fiel ihr offensichtlich schwer, Hanna nicht zu umarmen.
»Was meinst du?«, fragte Hanna.
Sophie hob unschlüssig die Hände. »Ich habe noch nie gehört, dass Revato bei dieser Diagnose eingesetzt wird, ist aber eventuell keine schlechte Idee, weil es die Lungengefäße dilatiert und die Luftnot lindert. Ich überprüfe das mal.«
»Danke, wann treffen wir uns wieder? Telefonieren ist zu riskant.«
Sophie nickte kurz. »Ich habe diese Woche Spätdienst, morgen im Schillerhaus, gleiche Zeit.«
»Geht klar.« Hanna drehte sich um und folgte dem Rundweg in Christianes Wohnzimmer. Cindy Valentine wartete dort auf sie. Sie strebten dem Ausgang entgegen, ohne Goethes Schätzen auch nur einen zusätzlichen Blick zu gönnen. Sicherheitshalber wollten sie sich direkt vor dem Goethehaus trennen, um sich später in Valentines Wohnung wieder zu treffen. Cindy bog nach rechts in die Seifengasse ab. Hanna wollte im Schutz der Touristen den Frauenplan überqueren und geradeaus in Richtung Marktplatz gehen. Im Augenwinkel sah sie vor dem ›Weißen Schwan‹ den italienischen Dandy stehen. »Oh nein, nicht der schon wieder!«, murmelte sie vor sich hin.
Sie wollte gerade ausweichen, als der Italiener schnellen Schrittes auf sie zukam und in einwandfreiem Deutsch sagte: »Frau Hanna Büchler?«
Hanna blieb stehen und sah ihn erschrocken an. Er trug eine schreckliche Gelfrisur und hatte bronzegetönte Haut.
»Äh, ja, bitte?«
»Mein Name ist Meininger. Kriminaloberkommissar Meininger. Ich muss Sie bitten mitzukommen!«
*
Der hagere Mann suchte Daniel Baumert. Er stellte fest, dass dieser bei einem kleinen, aber feinen Architekturbüro in der Vorwerksgasse arbeitete. Sie kannten sich aus der Schulzeit, hatten sich aber inzwischen aus den Augen verloren. Er setzte sich in ein Café am Herderplatz. Gegen 18 Uhr kam Daniel endlich vorbei. Wie zufällig begrüßte er ihn. Lange nicht gesehen und doch wiedererkannt, wie geht’s dir, was machst du denn so? Sie kamen ins Gespräch und gingen langsam die Jakobstraße hinunter in Richtung Untergraben. Vor dem Kirms-Krackow-Haus blieb er stehen und setzte seine Schirmmütze auf, wegen der Sonne, wie er versicherte. Eigentlich hätte er Handschuhe benötigt, das wäre bei diesem Wetter aber zu auffällig gewesen, so vertraute er sich und seinen Fähigkeiten. Er fragte Daniel, ob er eigentlich den schönen Innenhof des Kirms-Krackow-Hauses schon einmal gesehen habe, mit dem schönen Brunnen und der alten Schwengelpumpe? Nein, noch nie? Dann lass uns doch mal hineingehen! Der Innenhof war abgeschieden und menschenleer, wurde von einem kleinen Säulengang eingerahmt, fast wie ein kleiner Kreuzgang. Er wusste, dass Daniel sich für alte Technik interessierte. Die Pumpe war ein seltenes Exemplar und Daniel betrachtete sie genau, kam mit dem Kopf ganz nah, um das metallene Muster zu erkennen.
Der hagere Mann sah sich um. In der Ecke stand ein Reisigbesen, daneben ein einzelner Besenstiel. Offensichtlich sollte der alte Stil ersetzt werden. Kurz entschlossen griff er den neuen Besenstiel, hielt ihn mit beiden Händen am unteren Ende, konzentrierte sich kurz. Dann schlug er blitzschnell und mit großer Wucht zu. Er wusste genau, wo er einen Menschen treffen musste, um sein Genick zu brechen. Ein kurzer Seufzer entwich Daniels Mund, dann fiel sein toter Körper nach vorn auf die Holzbretter am Fuß der Pumpe. Kein Tropfen Blut war geflossen. Das war ihm wichtig, denn er konnte kein Blut sehen. Er drehte sich um und stellte den Besenstiel genau an die gleiche Stelle, an der er ihn gefunden hatte. Dann verschwand er wendig und katzengleich. Das Ganze hatte höchstens eine halbe Minute gedauert.
›Der Täter muss gezielt und mit großer Wucht zugeschlagen haben.‹ So hieß es später in der Thüringer Allgemeinen. Der hagere Mann nickte zufrieden, als er den Artikel las. Dann entfernte er das Spanngummi von seinem schwarzen Notizbuch, schlug es auf und strich genüsslich den Namen Daniel Baumert von der Liste.
*
Nach dem Besuch beim Erkennungsdienst wurde Hanna von KOK Meininger in den Vernehmungsraum gebracht. Sie war vor vielen Jahren einmal in einem Stasi-Verhörzimmer gewesen: weiß, kalt, abstoßend und über allem thronte das Porträt von Erich Honecker. Der Vernehmungsraum, in den Meininger sie führte, war zweckmäßig eingerichtet: ein Tisch, Stühle, Telefon, ein Mikrofon. Graubraune Wände strahlten eine gewisse Ruhe aus. Auf dem Tisch standen Mineralwasser und eine Kanne Kaffee.
Meininger saß Hanna gegenüber, auch Kriminalrat Lehnert war zugegen.
»Wo hatten Sie sich versteckt, Frau Büchler?«
»Ich hätte gerne einen Anwalt, bevor ich Fragen beantworte.«
»Natürlich, gerne, Sie können gleich telefonieren.« Er legte die Hand auf das Telefon. »Sie werden ja wohl nicht im Wald geschlafen haben, oder?«
»Nein, habe ich nicht.«
»Sondern?«
»Ich … also, ich möchte das erst beantworten, wenn mein Anwalt hier ist.«
»Da war Herr Wilmut aber auskunftsfreudiger, er hat mir sogar erzählt, dass Sie am liebsten bei Pepe in der Windischenstraße Pizza essen!«
»Ach, Wilmut!« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Was?«
»Wir haben uns getrennt.«
»Was?«
»Ja, wir haben uns getrennt!«
»Wie kam es denn dazu?«
»Ich glaube nicht, dass das hier eine Rolle spielt.«
»Die Entscheidung müssen Sie schon mir überlassen.«
Hannas Gesichtszüge erstarrten. Sie deutete auf das Telefon. »Anwalt!«, sagte sie.
»Was?«
»Können Sie eigentlich auch etwas anderes sagen als ›Was‹?«
Seine Augen funkelten. »Natürlich kann ich das.«
»Gut, dann versuchen Sie’s doch mal!«
»Frau Büchler, bitte …«, warf Lehnert ein.
Sie hob entschuldigend die Hand.
»… dann rufen Sie endlich Ihren Anwalt an.«
»Gerne«, antwortete Hanna, »wenn Ihr Herr Oberkommissar mal die Hand vom Telefon nehmen würde.«
Meininger zog seine Hand zurück, stand auf und ging hinaus. Auch Kriminalrat Lehnert verschwand, er hatte zu tun. Ja, alle hatten ›zu tun‹. Bis auf die Uniformierte, die auf einem Stuhl neben der Tür saß.
Hanna griff zum Hörer. Sophie war nicht erreichbar. Dafür aber Tante Gesa, die sofort einen Anwalt besorgen wollte, das sei kein Problem.
Meininger kam zurück. Sie warteten schweigend. Der Kriminaloberkommissar beschäftigte sich damit, seine italienischen Schnürsenkel zu lösen und anschließend wieder sorgfältig zusammenzuknüpfen. Dann holte er einen Kamm aus der Gesäßtasche und fuhr sich damit wiederholt durch seine Klebefrisur, was diese allerdings nicht verbesserte. Seine aztekenartige Gesichtsbräune wurde lediglich durch einige herunterrieselnde Schuppen getrübt. Hanna trank die Wasserflasche leer. Danach musste sie auf die Toilette, die Uniformierte begleitete sie. Wieder zurück im Verhörzimmer, wartete sie erneut eine Viertelstunde, während sich der Kriminaloberdandy die Fingernägel feilte. Endlich öffnete sich die Tür und ein extrem dicker Mann trat ein.
»Sie schon wieder!«, rief Meininger.
»Ja, ich bin so eine Art Familienanwalt.«
Er kam auf Hanna zu. »Guten Tag, Dr. Franke, Ihre Tante hat mich geschickt!«
»Sie ist zwar nicht meine Tante, aber gut, dass Sie da sind.« Hanna gab ihm die Hand.
Kriminalrat Lehnert kehrte ebenso zurück. Er trug eine Akte in der Hand, die er vor Meininger auf den Tisch legte und stumm mit dem Finger darauf zeigte. Der öffnete sie kurz. Ein Grinsen ging über sein Gesicht. »Können wir jetzt mal anfangen?«, fragte er.
»Aber gerne, Herr Kriminaloberkommissar!«, antwortete Dr. Franke und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Hanna wunderte sich, dass das Sitzmöbel seinem Gewicht standhielt.
»Frau Büchler, wir haben Sie gesucht«, sagte Meininger, »wir haben Frau Dr. Kessler observiert, weil wir wissen, dass Sie befreundet sind. Wo haben Sie sich in den letzten beiden Tagen aufgehalten?«
»Moment bitte …«, unterbrach Dr. Franke, »zunächst möchte ich klarstellen, dass meine Mandantin keine Ahnung davon hatte, dass nach ihr gesucht wurde, die Fahndung verlief ja wohl nicht öffentlich, über die Medien, oder …?« Er sah Kriminalrat Lehnert an.
Der schüttelte den Kopf.
»Existiert ein Haftbefehl gegen Frau Büchler?«
»Nein.«
»Gut, meine Mandantin hat eine Freundin besucht, wer das ist, spielt hier keine Rolle. Im Übrigen möchte ich zuerst wissen, was Sie meiner Mandantin vorwerfen!«
Lehnert gab Meininger einen Wink.
»Frau Büchler wird vorgeworfen, zusammen mit Herrn Wilmut den Tod von Fedor Balow aus Tiefurt durch Vergiften mit Insulin herbeigeführt zu haben.«
Hanna schluckte.
»Beweise?«, fragte Dr. Franke.
»Erstens habe ich einige Erkundigungen über Frau Büchler eingeholt. Sie arbeitet bei Maropharm im Bereich Diabetespräparate, insofern hat sie Kenntnisse über die Wirkung von Insulin und auch Zugang zu entsprechenden Medikamenten.«
Hanna wurde blass. Dr. Franke machte eine beruhigende Handbewegung. »Diese Kenntnisse haben viele Leute«, sagte er, »Ärzte, Krankenschwestern und so weiter. Außerdem sind die Kenntnisse und die Gelegenheit zu einem Verbrechen noch lange kein Beweis dafür, dieses auch tatsächlich begangen zu haben.«
»Stimmt, aber zwei Fingerabdrücke von Frau Büchler auf einem Glas in der Spülmaschine von Fedor Balow, das ist ein Beweis.« Meininger öffnete die Akte und schob sie Dr. Franke über den Tisch.
»Woher haben Sie Frau Büchlers Fingerabdrücke?«
Hanna hob die rechte Hand. Ihre Fingerbeeren waren geschwärzt.
Der Kriminalrat räusperte sich. »Wir haben vermutet, dass Frau Büchler Herrn Wilmut bei der Tat geholfen hat, schließlich sind die beiden … oder besser, waren die beiden verlobt, deswegen haben wir sie gesucht. Die Vermutung hat sich ja nun bestätigt.«
Der Anwalt nickte und begann, die Akte zu studieren. »Auch in der Spülmaschine?«
»Genau. Hatten wir ja schon einmal. Zwei Gläser, gleiche Bauart, eines mit Herrn Wilmuts Fingerabdrücken, das andere mit den Abdrücken von Frau Büchler – klare Sache!«
»Hmm«, machte Dr. Franke, »das kommt mir komisch vor, zwei gleiche Gläser, jeweils mit den Fingerabdrücken, irgendwie …«
»Was meinen Sie?«, fragte Kriminalrat Lehnert.
»Wie arrangiert, so als … wollte jemand, dass Sie die Gläser finden.«
»Quatsch!« Meininger straffte den Rücken.
»Welche Art Gläser waren das eigentlich? Das stand doch in der Akte, oder?«, fragte Dr. Franke.
»Natürlich«, entgegnete der Kriminaloberkommissar, »Gläser aus der Born-Senf-Produktion in Bad Langensalza. Wir haben uns das extra von der Firmenzentrale in Erfurt bestätigen lassen.«
Hanna sprang auf. »Senfgläser! Born-Senf! Natürlich, das ist es …«
Meininger winkte verächtlich ab.
»… im Mai wurde in Hendriks Wohnung eingebrochen, meine Perlenkette wurde gestohlen – war ein Geschenk meiner Mutter. Außerdem Bargeld und die Musikanlage.« Hanna war vollkommen aufgeregt. »Hendrik benutzte die Born-Senf-Gläser immer im Bad, da standen zwei, ich fand das blöd und sagte ihm mehrmals, dass ich mal zwei richtige Zahnputzbecher kaufen würde, und plötzlich waren die Gläser verschwunden, das war nach dem Einbruch, jetzt fällt es mir ein. Ich dachte, er hätte die Dinger endlich weggeworfen, aber der ist ja ein Sturkopf, wir haben da nie drüber gesprochen …« Sie stockte. Auf einmal wurde ihr klar, dass Hendrik und sie über einige Dinge nicht gesprochen hatten. Die drei Männer sahen sie erstaunt an.
»Frau Büchler?«
»Ja?«
»Können Sie das beweisen?«
Sie überlegte. »Ich nicht. Aber vielleicht Ihre Kollegen, die haben viele Fotos gemacht nach dem Einbruch, auch im Bad.«
»Na und, was soll das bringen?«, nörgelte Kommissar Klebefrisur.
»Meininger!« Lehnerts Stimme hatte einen Befehlston bekommen. »Besorgen Sie die Fotos vom K2.«
Der Angesprochene brummte etwas Unverständliches und verließ den Raum. Sein rechter italienischer Schnürsenkel hing offen herunter. Hoffentlich stürzt er nicht, dachte Hanna. Jedenfalls nicht zu schwer.
Es war bereits 14 Uhr, Hanna und Dr. Franke konnten mit Kriminalrat Lehnert in die Kantine des Polizeipräsidiums gehen. Die Pause tat gut, das Essen ebenso. KOK Meininger durfte nichts essen, er musste ins Archiv.
Etwa eine Stunde später war Hannas Verdacht bestätigt. Die Fotos zeigten die Spiegelablage in Hendriks Bad, auf der die gestohlene Perlenkette gelegen hatte, ohne die Gläser.
»Ich habe inzwischen mit Herrn Wilmut telefoniert«, berichtete Lehnert, »er wartete gerade im Frankfurter Hauptbahnhof auf seinen Zug nach Weimar. Er hat Ihre Aussage, Frau Büchler, bezüglich der beiden Gläser bestätigt. Und er sagt, dass er sie nicht entsorgt hat. Alles Weitere werde ich morgen um 10 Uhr hier im Polizeipräsidium mit ihm klären.«
»Und – was passiert jetzt mit Frau Büchler?«, fragte Dr. Franke.
Der Kriminalrat sah Hanna an: »Sie können gehen!« Meininger verzog keine Miene.
Lehnert hob den Zeigefinger: »Auch wenn das kein eindeutiger Beweis Ihrer Unschuld ist. Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung. Und morgen um 10 Uhr hätte ich Sie auch gerne dabei, vielleicht können wir gemeinsam einige Dinge klären. Herr Dr. Franke, passt Ihnen die Uhrzeit?«
Franke sah ihn erstaunt an. »Danke der Nachfrage. 10 Uhr passt.«
»Und noch eins …«, der Blick des Kriminalrats ging von Hanna zu Dr. Franke und blieb schließlich am Kriminaloberkommissar hängen, »… ich möchte, dass Hauptkommissar Dorst diesen Fall wieder übernimmt!«
Die Aztekenbräune wich schlagartig einer Kalkwand.