Kapitel 31

Ich verstecke die Kleider hinter meinem Rücken, doch Jack hätte wahrscheinlich nicht einmal darauf geachtet, wenn ich mit einer Fahne gewedelt hätte. Er legte eine CD ein, auf der, wie er behauptete, jede Menge »groovige Jams« waren, die ihn in Packlaune versetzten.

Normalerweise hätte ich mit ihm darüber diskutiert, warum er eine spezielle CD brauchte, um ihn für etwas so Spezielles wie das Packen in Stimmung zu bringen, doch ich befand mich auf einer Mission. Als ich ins Badezimmer ging, tanzte Jack gerade zu Robert Palmer und warf schwungvoll einige seiner Comichefte in einen Karton.

Nach der Dusche schlüpfte ich in meine sexy Unterwäsche. Im Monat zuvor hatte mir Mae eine Kreditkarte gegeben und mich zum Internetshoppen animiert. Bei Fredericks of Hollywood hatte ich dieses kleine Teil entdeckt: Das Baby-Doll-Top und das passende Höschen waren dunkellila, aber leicht durchsichtig und mit Spitze besetzt. Mein Magen krampfte sich vor Aufregung zusammen, als ich die Badezimmertür öffnete.

An der freigeräumten Wand war der Geheimschrank zum Vorschein gekommen, in dem Jack seine Tausenden von DVDs aufbewahrte. Er war so damit beschäftigt, einen Karton mit den Filmen zu füllen und gleichzeitig zur Musik zu singen und zu tanzen, dass er mich gar nicht bemerkte. Ich lehnte mich aufreizend gegen den Türrahmen, und da ich nicht alles ruinieren wollte, indem ich diese Stellung veränderte, musste ich eine ganze Weile warten, bis er mich sah.

»Wahrscheinlich muss ich mir mal einen richtigen HiFi-Schrank zulegen, um die vielen Filme unterzubringen«, sagte Jack und starrte seine DVDs an. Einen Moment lang war er in Gedanken versunken, dann seufzte er und drehte sich endlich zu mir um. Ich habe keine Ahnung, was er sagen wollte, doch ihm fiel der Unterkiefer herunter, und er riss die Augen auf. »Wahnsinn!«

»Ein guter Wahnsinn?« Ich lief dunkelrot an. In meinem ganzen Leben war ich noch nie so verlegen gewesen. Vielleicht war es doch eine blödsinnige Idee.

»Aber ja.« Er schien sich ein wenig zu erholen und lächelte mich an. »Wofür ist das?«

»Das weißt du doch.« Ich biss mir auf die Lippe und sah zu ihm auf, in der Hoffnung, dass er den Wink mit dem Zaunpfahl verstand und mich nicht dazu zwang, es laut zu buchstabieren. Als ich einen Schritt auf ihn zumachte, verdarben Savage Garden mit Truly Madly Deeply die ganze Stimmung. »Kannst du etwas anderes einlegen?«

»Oh, natürlich.« Umständlich fischte er sich die Fernbedienung vom Bett und ließ sie fast fallen, ehe er zum nächsten Song zappte. »Ist der gut?«

»Super.« Jack kam zu mir zurück. Die Schmetterlinge in meinem Bauch machten es mir unmöglich, mich von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen, doch sein Hunger strahlte so intensiv und sehnsüchtig von ihm aus, dass er mich ebenfalls erfasste. Er stand vor mir, hielt mich fest und atmete tief aus. Mir war die Stellung unbequem und ich verschränkte die Arme vor dem Körper.

»Nein, mach das nicht!«, protestierte Jack etwas zu heftig. Ich ließ die Arme sinken und er berührte meine Wange und fuhr dann mit den Fingern durch mein Haar. »Du bist so fantastisch. Was machst du nur mit mir?«

»Ich liebe dich«, flüsterte ich.

»Ich habe ein Mordsglück«, murmelte Jack, beugte sich über mich und küsste mich.

Kaum hatte sein Mund den meinen gefunden, rauschte eine Woge durch mich hindurch. Das war Jack, den ich mehr liebte als alles andere auf der Welt. Ich hatte mich so in meine Angst vor dem Sex hineingesteigert, dass ich vergessen hatte, warum ich ihn eigentlich wollte. Als ich Jack küsste, seinen vertrauten Geschmack spürte, seine Lippen ... da wusste ich, dass ich ihn um jeden Preis wollte. Ich zog ihn fest an mich und wir stolperten rückwärts aufs Bett.

»Bist du sicher, dass du das willst?«, fragte Jack heiser.

Als Antwort zog ich ihm das Hemd aus. Er sah atemberaubend aus. Ich küsste seine nackte Brust und seine Haut brannte mir auf den Lippen.

Das Gewicht seines Körpers drückte schwer gegen meinen. Sein Herz hämmerte in der Brust und ich spürte den Gleichtakt mit meinem Herzen. Instinktiv presste ich mich gegen ihn und griff mit den Fingern in sein Haar. Er küsste mich leidenschaftlich, und ich zitterte vor Erregung, als sein Mund meinen Hals hinunter wanderte.

Ich stöhnte, doch erst als ich seine Lippen an meiner Halsschlagader spürte, merkte ich, wie sehr ich mir wünschte, dass er mich biss. Er war so hungrig danach, nach mir, dass ich den Kopf nach hinten neigte und ihm die Kehle darbot.

Der stechende Schmerz seiner Zähne war vorüber, ehe ich ihn überhaupt gespürt hatte, und vom Hals aus breitete sich glühende Ekstase über meinen ganzen Körper aus. Ich spürte sein Herz auf meiner Brust, über meinem Herzen, und dieser doppelte Schlag gab mir das Gefühl, als sei er in mir. Die Lust gaukelte mir vor, dass ich ihn schmecken konnte, das würzige, süße Aroma seines Blutes, und meine Blutgier stieg. Dass ich ihn unbedingt wollte, während er mich hatte, war gleichzeitig Qual und Glückseligkeit. Ich spürte, dass mein Körper drohte, die Kontrolle zu verlieren und dem Durst nachzugeben.

Doch da ich spürte, wie sehr er mich liebte, konnte ich dem Drang widerstehen. Seine Liebe strömte mir durch die Adern. Sie kam von ihm, doch es fühlte sich an, als komme sie tief aus meinem Innern. Ich bedeutete ihm alles und er war die reine Freude. Ich hatte mich ihm nie näher gefühlt, hatte ihn nie mehr geliebt.

Ein Ruck ging durch meinen Körper und ich keuchte vor Schmerz. Plötzlich fühlte sich mein Körper kalt und einsam an. Jack hatte aufgehört, Blut zu saugen. Ehe ich auch nur sagen konnte, wie leer ich mich fühlte, war sein Mund auf meinem. Dass ich auf seinen Lippen mein Blut schmeckte, hatte eine merkwürdige Wirkung auf mich. Ich presste mich noch fester gegen ihn, suchte verzweifelt die brennende Hitze seiner Haut. Ich fühlte, wie seine Hand stark und sicher auf meiner Hüfte lag und seine Finger meinen Slip herunterschoben. Ich setzte mich auf, um das Oberteil auszuziehen, und seine Arme umschlangen mich. Seine nackte Haut glühte auf meiner. Ich legte mich hin und er sah mir in die Augen.

»Ich liebe dich so sehr«, sagte Jack atemlos und schob mir das Haar aus der Stirn.

Dann spürte ich ihn, wie er in mich hineinglitt, und mir blieb der Atem weg. Der Schmerz war stärker, als ich es erwartet hatte, doch schon wenige Sekunden später war er nur noch eine vage Erinnerung. Ich vergrub meine Finger in seinem Rücken und zog ihn an mich. Er küsste mich auf den Mund, den Hals, die Schultern, und ich stöhnte lustvoll.

Nie in meinem Leben hatte ich mich so vollständig gefühlt wie in diesem Augenblick. Ich hatte das Gefühl, nur für ihn gemacht zu sein, nur dafür. In mir explodierte die Lust, und ich musste mir auf die Lippen beißen, um nicht zu schreien.

Als Jack sich entspannte, stützte er sich auf der Matratze ab, damit nicht sein volles Gewicht auf meinem Körper ruhte. Er legte die Stirn auf meine Schulter und rang nach Atem. Als er mir sanft das Schlüsselbein küsste, zitterte meine Haut unter seinen Lippen.

Mein Körper glühte vor Glück. Ich war schwach, ich konnte nur verschwommen sehen und wusste, dass mein Magen vor Hunger schmerzen musste, fühlte es jedoch nicht.

»War das gut so?«, fragte Jack und sah mir in die Augen.

»So etwas Unglaubliches habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt.« Ich lächelte ihn an und berührte sein Gesicht. Er kam mir plötzlich zu wunderbar vor, um echt zu sein. »War es schön für dich?«

»Ob es schön war?« Er lachte und klang dabei herrlich erschöpft. Dass ich ihn so müde gemacht hatte, brachte meinen Körper zum Kribbeln. »Oh Gott, Alice. Ich wusste gar nicht, dass es so gut sein kann.« Er ließ sich neben mich aufs Kissen fallen und zog mich in die Arme, sodass mein Kopf auf seiner Brust lag. »Oh Mann. Ich kann gar nicht glauben, dass ich mir das bisher habe entgehen lassen.«

»Stimmt«, kicherte ich. Ich fühlte mich heiter und gelöst. Ich kuschelte mich, so nah es ging, an ihn heran und genoss die Berührung seiner Haut.

»Wow.« Jack lachte wieder. »Du weißt das vielleicht nicht, aber du bist die fantastischste Person, der ich je begegnet bin. Ich liebe dich wie verrückt.«

»Gut.« Ich küsste seine Brust und lächelte zu ihm auf. »Denn genau so fühle ich auch für dich.«

Der Blutverlust und die Ekstase hatten mich ausgelaugt. Nachdem sich durch die Erregung eine Art Schleier über meine Augen gelegt hatte, begann ich, wieder klar zu sehen, und in meinem Magen rumorte es schmerzlich, doch ich war zu müde, um mich darum zu kümmern. Ich wollte nur für alle Zeiten in Jacks Armen sein und dem Klang seines Herzens lauschen. Unsere Körper kehrten langsam zur normalen Temperatur zurück und Jack deckte mich sorgsam zu.

Ich war gerade am Eindösen, als mein Handy klingelte. Da es aus dem Badezimmer zu kommen schien, beschloss ich, es zu überhören. Als der Klingelton verstummte, kuschelte ich mich wieder in Jacks Arme. Eine Sekunde später klingelte es wieder. Ich stöhnte.

»Soll ich rangehen?«, fragte Jack.

»Lass mal, das hört auch wieder auf«, sagte ich und zog ihn näher an mich heran. Um das Gespräch anzunehmen, musste er aufstehen, und das wollte ich nicht. Kurz nachdem das Handy verstummt war, ging das Klingeln wieder los.

»Tut mir leid, ich muss doch hin.« Als er sich von mir löste, grummelte ich, ließ ihn aber gehen. Er zog sich seine Boxershorts an, und ich sah ihm hinterher, als er ins Bad ging, immer dem Klang des Handys folgend.

Als ich ihn so betrachtete und mir klarmachte, wie wunderbar er war, schwoll mir das Herz. Wir beide gehörten jetzt wirklich zusammen.

Das Handy hörte wieder auf zu klingeln und Jack seufzte. »Ich hole es trotzdem, für den Fall, dass es wieder anfängt. Wo ist es denn?«

»Ich weiß es nicht.« Ich setzte mich auf und zog mir die Decke bis über die Schultern.

»Wenn man danach sucht, klingelt es natürlich nicht.« Er wühlte im Wäschekorb, weil ich mein Handy gern in die Jeanstasche steckte. Da ertönte wieder der Klingelton. »Alice, wie kommt dein Handy in den Medizinschrank?« Er öffnete die Schranktür.

»Vielleicht habe ich es da abgelegt, als ich das Mundwasser rausgeholt habe?« Ich zuckte die Schultern. »Mach es einfach aus und komm wieder ins Bett.«

»Oh.« Er kam aus dem Bad und hielt es mir hin. »Es ist Jane.«

»Da gehe ich besser dran.« Ich erwischte sie gerade noch, ehe die Sprachbox ansprang. Jack setzte sich neben mich aufs Bett. »Hallo?«

»Alice? Gott sei Dank, dass du drangegangen bist!« Jane schluchzte vor Erleichterung, ihre Stimme zitterte. »Ich stecke in Schwierigkeiten, und ... oh Gott. Es tut mir so leid. Ich weiß nicht ...« Der verängstigte Klang ihrer Stimme verscheuchte sämtliche warmen, prickelnden Gefühle in mir.

»Was ist denn los?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht! Sie haben mich gezwungen, dich anzurufen!«, sagte Jane. Dann kreischte sie und ihre Stimme entfernte sich.

»Jane? Jane!«, rief ich.

»Hier ist nicht Jane«, erwiderte eine männliche Stimme, bei der sich mir sämtliche Nackenhaare aufstellten. Sie klang kräftig und hatte einen Akzent, den ich nicht einordnen konnte. Fast britisch, vielleicht auch deutsch, aber weicher. »Ich vermute, ich spreche mit Alice?«

»Wo ist Jane?«, wollte ich wissen. Ich war nicht bereit zu antworten, ehe er mir erklärte, was los war. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Jack sich anzog. Ich war mir nicht sicher, ob er das Gespräch mithörte oder nur auf meine Panik reagierte.

»Wenn du sie wieder sehen willst, schlage ich vor, du kommst und holst sie dir«, sagte der Mann. Es war etwas bösartig Spielerisches in seinem Tonfall. Ich hörte Jane im Hintergrund weinen. »Wo sind wir? Du musst es uns schon sagen, wenn deine Freundin dich retten soll.«

»Du Mistkerl!«, knurrte ich. »Lass sie in Ruhe! Wenn wir dich finden, bringen wir dich um!«

»Wir?« Er gluckste. »Noch besser.« Im Hintergrund kreischte Jane.

»Loring Park!«, schluchzte Jane. »Wir sind im Loring Park! Aber Alice, komm nicht! Sie werden ...« Sie kreischte wieder und beendete den Satz nicht mehr.

»Du kannst dir vorstellen, dass wir es eilig haben, also handle schnell«, sagte der Mann. Dann war die Leitung tot.