Kapitel 10
Ezra lehnte in der Tür. Er sah schlimmer aus, als ich es mir je hätte vorstellen können. Er war totenbleich, und seine Kleider, der schwarze Pulli und die Jeans, die er auch in der Nacht zuvor getragen hatte, waren zerrissen und verdreckt. Als er ins Zimmer taumelte, fing ihn Peter auf und stützte ihn.
Am Hals und an den Handgelenken hatte Ezra Bissspuren. Das Revier der Lykane war fast eine Autostunde weit entfernt, viel Zeit, in der die Wunden hätten heilen können. Trotzdem waren die Bisse noch rot und geschwollen und Ezra war völlig ausgelaugt.
»Er braucht rasch Blut«, sagte Peter und bedeutete mir, Ezra zu halten. Während er ins Bad lief und Blutkonserven holte, bemühte ich mich um Ezra. Ich legte einen Arm um ihn und half ihm zum Bett. Seine dunkelbraunen Augen waren glasig. Nie hatte ich einen Vampir in einem so furchtbaren Zustand gesehen. Als ich mich neben ihn aufs Bett setzte, kippte er zur Seite um und landete mit dem Kopf auf meinem Schoß. Mit schmerzverzerrtem Gesicht klammerte er sich an meinen Oberschenkel.
»Hier ist Blut«, sagte Peter, der gerade wieder ins Zimmer kam. Als er sah, wie Ezra sich an mir festhielt, verzog er den Mund zu einem schmalen Strich.
»Ich kann nichts zu mir nehmen. Noch nicht.« Ezra sah aus, als bereite ihm schon der bloße Gedanke an Blut Schmerzen.
Ich schob ihm das Haar aus der Stirn. Seine Haut fühlte sich feucht an. Nach dem Blutverlust hätte ich vermutet, dass ihm nur frisches Blut helfen konnte, doch dann dämmerte mir, was geschehen sein musste.
Die Lykane hatten sich von ihm genährt. Vampire lassen das normalerweise nur durch ihren Partner zu, denn der Austausch von Blut hat eine sexuelle Komponente.
Als Jack mich gebissen hatte, hatte ich gespürt, wie er mich durchströmte, wie seine Liebe und Zuneigung mich vollkommen erfüllten. Ezra aber war von einem Rudel blutrünstiger Ungeheuer gebissen worden. All ihr Schmerz, all ihre Wut brannten nun in ihm. Körperlich und gefühlsmäßig zehrte ihn das völlig aus.
Ezra stöhnte vor Schmerz. Mit seinem Klammergriff hätte er mir, wäre ich noch ein Mensch gewesen, sämtliche Knochen gebrochen und Organe zerdrückt. Trotz seiner Schwäche fühlten sich seine Muskeln unter meinen Händen hart wie Beton an. Sein Körper war vor lauter Anspannung stocksteif.
»Mein Blut ...« Ezra zwang die Worte mit aller Kraft heraus.
»Ruh dich aus. Du musst jetzt nicht reden.« Ich fuhr ihm beruhigend mit den Fingern durchs blonde Haar.
»Nein«, sagte Ezra mit schwacher Stimme. »Mein Blut für euer Blut. Es ist vorbei. Wir müssen weg hier. Peter, kannst du ...«
»Ich kümmere mich um alles«, sagte Peter, als Ezras Stimme versagte. Er bemühte sich um Haltung, doch seine Augen brannten vor Mitgefühl. Es musste schrecklich für ihn sein zu wissen, dass Ezra sein Blut für Peters Leben gegeben hatte. Er warf ihm einen schuldbewussten Blick zu und machte sich an die Arbeit. Zunächst erledigte er Telefonate, die ich überwiegend nicht verstand, weil sie auf Finnisch geführt wurden.
»Ich will dich wirklich nicht damit belasten«, sagte Ezra und versuchte, ein Stück von mir abzurücken.
»Nein, ist schon gut«, widersprach ich. »Mach dir keine Sorgen.«
»Aber ich ...« Ezra brach ab. Ein Beben ging durch seinen Körper, und er krallte sich so fest an mich, dass mir fast die Luft wegblieb. Als es vorüber war, ließ die Spannung ein wenig nach. »Es tut mir so leid.«
»Ezra, es ist schon gut.«
Als Peter seine Anrufe erledigt hatte, betrachtete er Ezra eine Weile. Ich spürte, dass Ezra um Atem rang und Schmerzensschreie unterdrückte, und sah Peter Hilfe suchend an, doch der wich meinem Blick aus.
»Ruhe ist jetzt für ihn am besten«, sagte Peter. »Die Gefühle werden nachlassen mit der Zeit. Unser Flug geht in sieben Stunden. Bis dahin kann er sich ausruhen und etwas zu sich nehmen. Dann müsste es ihm so gut gehen, dass er es zumindest nach Hause schafft.«
Peter packte unsere Sachen und bereitete die Abreise vor. Ich hätte ihm gern geholfen, wollte aber Ezra nicht allein lassen. Schließlich schlug Peter vor, noch ein wenig zu schlafen. Ezra fiel immer wieder in die Bewusstlosigkeit. Ich döste ein, schreckte aber immer, wenn Ezra stöhnte oder sich vor Schmerzen krümmte, wieder auf.
Als Peter mich am Abend weckte, hielt sich Ezra immer noch an mir fest, doch sein Griff hatte sich gelockert. Peter half ihm ins Badezimmer, wo er sich wusch und etwas Blut trank. Ich stand auf und streckte mich. Mein ganzer Körper schmerzte nach Ezras Klammergriff.
Völlig erledigt stand ich neben dem Bett, als Peter aus dem Bad kam. Sein besorgter Blick war mir peinlich, daher lenkte ich mich mit Aufräumen ab.
»Alice.« Peter legte mir die Hand auf den Arm. »Wie geht es dir?«
»Besser als Ezra.« Ich lachte hohl.
Als ich zu ihm aufblickte, konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Die Tränen strömten mir über das Gesicht. Er zog mich in seine Arme. Ich vergrub mein Gesicht in seinem Hemd und schluchzte hemmungslos.
»Danke. Und Entschuldigung«, murmelte ich, als ich mich wieder halbwegs im Griff hatte und mich von ihm löste. Er behielt die Hand auf meinem Arm, als fürchte er, ich würde gleich wieder in Tränen ausbrechen, wenn er mich losließe.
»Mach dir keine Sorgen. Ich habe doch gemerkt, wie schwer das für dich war«, sagte Peter.
»Er weint nicht einmal.« Ich verfluchte die Tränen auf meinem Gesicht und schämte mich, weil ich mich aufführte wie ein kleines Kind.
»Für ihn ist es anders. Er hat so etwas schon erlebt, wenn auch vielleicht nicht in diesem Ausmaß.« Peters Blick wurde hart.
»Wie meinst du das, er hat das schon erlebt?«, fragte ich.
»Sein ehemaliger ›Meister‹ Willem hat ihn so misshandelt. Das war ein grässlicher Sadist. Diesmal hatte es Ezra mit einem ganzen Rudel Sadisten zu tun. Ich bin auch schon gebissen worden, aber nicht von so vielen. Das ist ...« Er brach ab.
»Was?«, hakte ich nach.
»Das Blut brannte mir in den Adern. Mein Körper wehrte sich dagegen, dabei war ich sowieso schon ausgelaugt. Zu den körperlichen Qualen, die unerträglich sind, kommt der seelische Schmerz. Man will Dinge, die man sonst nicht will. Man ekelt sich vor sich selbst und ...« Er schüttelte den Kopf. »Das ist Folter, nichts anderes.«
»Wird er sich erholen?«, fragte ich.
In diesem Moment kam Ezra aus dem Bad. Er trug frische Kleider. Die Bisse an Hals und Handgelenk waren endlich verheilt. Er war noch blass und wirkte traurig und erschöpft, doch er konnte sich wieder normal bewegen.
Auf dem Weg zum Flughafen sprach er kaum ein Wort. Er war angespannt und kämpfte wohl immer noch gegen Schmerzen. Im Flugzeug entschuldigte er sich immer wieder flüsternd bei mir. Ich wiegelte ab, ich sagte, er hätte mit Sicherheit dasselbe für mich getan.
Mein Respekt für Ezra wurde durch dieses Erlebnis nur noch größer. Wenn es ihm dermaßen zusetzte, hätte es jeden anderen umgebracht.
Auf dem Rückflug in die USA hielt er die Augen fest geschlossen und die Lippen aufeinandergepresst. Ich konnte den Blick kaum von ihm abwenden, weil ich fürchtete, dass er sonst doch noch sterben könnte.