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Zur Marathon-Vorbereitung gehört das Tempo-Training. Achim ist der Held der Tartanbahn.

 

Ich fliege. Meine Füße berühren den Boden nicht mehr. Meine Lungenbläschen saugen jedes Sauerstoffmolekül ein, das Hämoglobin jubiliert, der Muskel produziert schiere Kraft. »Freude hat mir Gott gegeben. Sehet! Wie ein goldner Stern!« 400 Meter, eine Runde auf der Bahn, das ist meine Distanz. Pures Glück. Die ersten 150 Meter jedenfalls. Schiller durchfährt mich bis ins Mark. Auf den letzten 250 Metern dann wonniges Leid: »Dem Schicksal leihe sie die Zunge, selbst herzlos, ohne Mitgefühl.«

Ein Nachmittag auf dem Hubertus-Sportplatz, das ist die wahre Schlacht der Muskelfasern, das Hirn spielt verrückt. Vielleicht ist das Glück. Auf jeden Fall die perfekte Vorbereitung. Schnellkraft tanken. Hier auf dem Hubi sind keine Weicheier wie die übermotorisierten Millionäre vom niedergewirtschafteten Grunewald-Tennisclub nebenan, die sich ihren Sport vom bankrotten Senat finanzieren lassen. Hier ist das Wadenmeer. Schau der Schenkel. Lechz und Posen. Jeder für sich. Aber alle gucken verstohlen. Wer hat sich schon Leistungs-Adern wie Feuerwehrschläuche ergaloppiert? Und wer trägt Quark unterm Hosenbein? Wo laufen Sie denn? Triumph. Verzweifeln. Sechs Bahnen breit Darwin. 400 existentielle Meter.

Tartan ist wieder da. Heute zu Füßen der Herren vom Postsportverein: der drahtige Aufschneider in seinem Schnucki-Höschen, der oben ohne läuft. Der behaarte Vollbart-Honk, der statt Laufstil komisch mit dem Hintern wackelt, aber irre schnell ist. Der Vileda-Wischmob-Kopf, der immer losläuft wie ein Irrer, nur um fürchterlich einzubrechen. Die Mittfünfzigerin mit dem blondierten Bubi, deren irrer Kampflesben-Blick mir Angst macht. Die langbeinige Weitspringerin, die immer nur hüpft und stretcht und trippelt und dann einfach wieder nach Hause geht. Kein einziger normaler Mensch hier.

Nur ich. Kämpfer. Held der zehnmal 400 Meter. Ich muss schneller werden. Raus aus dem Trott. Qualität kommt von Qual. Fünf Runden habe ich schon, jeweils 90 Sekunden. Noch einmal fünf. Die ersten Meter sind geil, dann kriecht das Laktat die Beine hoch. Süße Qual. Nur schnell genug ist es nie. Der Flitzer mit dem Nichts von Hose hat mich schon zweimal überholt. Ich versuche Voodoo. Seine Hose soll platzen. Klappt leider nicht.

Noch ein paar Meter bis zum nächsten Start. Puls runter auf 108. Uhr drücken. Knie hoch. Eleganz ist mein zweiter Vorname. Mit Dampf aus der Kurve. Noch 250 Meter. Hinter mir Ächzen. Das Hosennichts schickt sich an zu überholen. Mehr Armeinsatz. Du kriegst mich nicht, schwitzende Schleimschnecke. Ich mache eine Faust. Beim Überholen hau ich ihm eine rein.

Er zieht wie ein Gepard vorbei. Mir egal. Peinlicher Idiot. Sonnenstudioschwuchtel. Noch 100 Meter. Taumeln. Aua. Meine Schenkel wollen nicht mehr. Hmpf. Luft. Hgnagnn. Die Sonne sticht mich tot. Aargh. Speichelfetzen. Wrgrfst. Reißende Muskelfaserbündel. Die Ziellinie. 86 Sekunden. Sauerstoff für leere Lunge. Der eitle Hosenmatz hat mich getrieben. Pumpen. Es reicht. Ich will nicht mehr. Ich muss. Training. Tempo. Immer weiter. Runde um Runde. Ohne Ziel, nie ein Ende.

200 Meter Gehen, dann 200 Meter locker traben. Dann wieder 400 Meter volle Pulle. Egal, was die anderen machen. Gar nicht beachten. Höchstens für eine kurze Statistik: Gehöre ich zur schnelleren oder langsameren Hälfte, wenn man die Rentner abzieht? Und die Frauen. Ist auch egal. »I spui mei Spui«, hat der Sportphilosoph Ludwig Kögl gesagt. Es gelten nur deine Regeln. Und die Bahn-Ordnung. Tartanbahn ist wie Autobahn: innen freigeben, außen Auslaufen.

Ich trabe wieder an. Vor mir drei Postsportfrauen. »Diese Woche über 100 Kilometer«, höre ich die eine im Vorüberlaufen japsen. Ich bin froh, wenn ich auf ein Drittel komme. Dafür mache ich Tempo. Ich bin an der Linie angelangt. Keine Ausrede. Nur noch viermal. »Heil’ge Ordnung, segensreiche«, weiß Schiller.

Diesmal tun schon die ersten Meter weh. Beton im Schuh. Krampf im Bein. Hitzschlag. Ich schleiche. Noch 392 Meter. Puls pocht im Ohr. Hoch die Hufe, Achilles! Noch 385. Aufhören mit Denken. Eins mit dem Universum. Schmerz? Was ist das? Wischmob vor mir. Schleppt sich. Letzte Reserve. Gleiche Höhe. Brust raus. Fotofinish. Auslaufen. 89 Sekunden. Auch gut.

Eine knappe Stunde später öffnet Mona die Tür. Stutzt. Erschrickt. »Warum siehst du so käsig aus? Alles in Ordnung, mein Achim?« Ich japse Entwarnung. Sie nimmt mich in den Arm, nass und fertig. Sagt einfach nur: »Mein Achim.« Tempotraining ist geil.

Achilles' Verse - mein Leben als Laeufer
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