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Der Vorsatz ist ein guter. Mal wieder etwas für die Fitness tun. Aber warum ausgerechnet früh am Morgen? Geht es nicht etwas später? Nein, keine Ausrede. Heute muss es sein.

 

Plöpp … plöpp … plöpp. Dieses Plöppen kann kein Traum sein. Habe ja die ganze Nacht nicht geschlafen. Bei diesem Stechen in der Lunge. Und dann das tückische Ziehen in der rechten Wade. Die gruselgrüne Anzeige des Weckers steht auf halb sechs. Plöpp … plöpp. Und jetzt auch noch Regen. War ja klar. Ausgerechnet am ersten Tag. Meinem Neustart. The morning of a new beginning.

Plöpp … plöpp … plöpp. Was ist, wenn der Regen stärker wird? Und noch Wind aufkommt? Es ist November. Saugefährlich, das nasse Laub auf den Wegen. Lieber im Bett bleiben. Kein Risiko eingehen beim ersten Mal nach dreieinhalb Jahren Sportpause. Ich leide an Morbus Fischer: Ich dachte auch mal, Laufen sei mein Leben. Dann kam die Arbeit. Das Rotwein-Seminar. Dieses Ziehen in der Wade. Die Familie. Und diese Müdigkeit.

Plöpp … plöpp … plöpp. In gut fünf Monaten ist Marathon in Hamburg, vier Wochen später ein weiterer Geburtstag. Und ich habe acht Kilo zu viel. Mindestens. Ich werde in Hamburg starten. Dafür habe ich ein ambitioniertes Trainingsprogramm aus dem Internet geladen. Der Start ist HEUTE. Mona weiß nichts davon. Niemand weiß davon. Nur Klaus Heinrich, mein Trainingspartner. Er ist auch für Hamburg gemeldet.

Plöpp … plöpp … plöpp. Seit gestern Abend habe ich dieses Kratzen im Hals. Für ein paar Kilometer lockeres Eintraben sollte man keine Lungenentzündung heraufbeschwören. Und dieses Ziehen in der Wade. Fühlt sich gar nicht gut an. Das ist nicht nur eine Muskelverhärtung. Da ist mehr, das spürt man gleich. Geht ja schnell. Eine unbedachte Bewegung. Und zack. Adduktoren wahrscheinlich. Morgen reicht auch.

Plöpp … plöpp … plöpp. Mona grunzt ins Kopfkissen. »Du läufst ja doch nicht«, hatte sie gestern Abend gesagt, »ist ja noch dunkel um halb sieben.« Ich hatte nicht geantwortet. Was auch? Eine entschlossene Replik wäre riskant gewesen, bei einer so labilen Wade. Grinsen hätte auch nicht geholfen. Nur die Tat spricht für sich.

Mona gehört zu den Menschen, die nie das Durchhaltevermögen entwickelt haben, das Läufer auszeichnet, diesen Biss, den Willen dranzubleiben, das Sich-quälen-Können. Mona ist ein Wellness-Mensch; sie glaubt, dass Walken Fett verbrennt und dass ein Balance-Duschbad was mit Meditieren zu tun hat. Mona trinkt grünen Tee.

Mona wollte auch mal laufen, vorletztes Jahr, mit einer Frauenlaufgruppe, die erstmal eine Stunde herumgestretcht hat, bevor sie einmal um den Ententeich getrabt ist. Ihre Freundin Sybille hat ihr erzählt, sie sei eineinhalb Stunden beim Laufen gewesen. Das hat meine Frau abgeschreckt. Mona kauft jede Zeitung, in der steht, dass man ohne Sport fit wird, so ganz auf sanft. Unsinn.

Plöpp … plöpp … plöpp. Es regnet nicht mehr. Es pladdert. Ach, du Schreck: meine neuen Schuhe. Der Verkäufer im Ausdauertempel hatte doch sinngemäß etwa gesagt, dass diese neue Hightechfaser so gut wie keinen Regen verträgt, oder? Der Wecker steht auf 10 nach 6. Die Wade schmerzt höllisch. Langsam verschwindet das Plöppen. Sooo müde.

Dingelingdingding. »Es ist 6 Uhr 30. Sie hören die Nachrichten im Deutschlandradio. Berlin: Die Bundesregierung will ihre Sparpläne …« Meine Handkante fährt über den Nachttisch. Der Wecker fällt leise zu Boden. Er ist auf den Laufklamotten gelandet, die ich gestern Abend schon mal rausgelegt habe. Als Gedächtnisstütze.

Plöpp … plöpp … plöpp. Wo ist die Schwimmweste? »Leg dich hin«, raunzt Mona aus dem Kopfkissen. »Ich geh laufen«, entgegne ich und huste leise. Wenn Mona mich wirklich liebte, dann würde sie jetzt sagen: »Aber Schatz, bei dem Wetter holst du dir ja eine Lungenentzündung. Geh doch heute Abend oder morgen.« Aber sie sagt nichts. Ich huste noch mal, etwas deutlicher. Sie schnarcht schon wieder. Natürlich schnarcht sie nicht richtig. Aber es klingt so.

Mit den Laufsachen unterm Arm schlurfe ich ins Wohnzimmer. Karl schläft noch. Er hat erst zur zweiten Stunde. Beim Schuhezubinden zerreißt es mir fast die Wade. Ich setze die Mütze von früher auf. Keine Schrift. Nur ein A, für: Achim, coole Sau. Ich ziehe die Wohnungstür leise ins Schloss. Der Regen peitscht mir auf die Bronchien. Gerade kommt der Zeitungsbote in den Innenhof. Er ist Afrikaner. Ein Laufwunder wahrscheinlich, der es in Kenia nicht bis nach ganz oben geschafft hat. Er guckt mich verwundert an. »Moin«, sage ich, »wir sehen uns jetzt öfter.«

Achilles' Verse - mein Leben als Laeufer
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