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Heiligabend, Bescherung, Geschenke. Das gehört zusammen. Damit es aber das gewünschte Präsent gibt und keinen überflüssigen Ramsch, bedarf es einiger Anstrengungen. Besonders gewiefte Weihnachtszeitgenossen haben über die Jahre Erfolg versprechende Taktiken entwickelt.

 

Bald ist Weihnachten. Es sind die Wochen des Schneeregens. Die Morgen im dunklen Matsch sind die Hölle. Die Abende auch. Und erst die Wochenenden. Aber der Trainingsplan ist unerbittlich: Tempomachen, befiehlt er. Am Ende des Volksparks liegt ein verwaistes Leichtathletikstadion. Die Tartanbahn wurde von Generationen von Maulwürfen systematisch untergraben. Es ist glatt dort. Ein Weg dauert allein schon 20 Minuten, dazu 10 mal 400 Meter volle Pulle mit je einer Minute Pause, dann zurück, Brötchenholen, Duschen – das heißt: um 6 Uhr aufstehen.

»Ohne Tempoläufe kein Marathon«, sagt Klemmbrett-Karraß, mein Trainer. Er rät, dass man sich einen virtuellen Feind ausdenken soll, den man nach Herzenslust hassen kann, zur Motivation. Ich stelle mir eine Mischung aus Dieter Bohlen, Mauro Camoranesi und unserem Nachbarn Roland vor. Solche Typen haben immer als Erste den neuesten technischen Schnickschnack. Zum Beispiel eine Polar S625x, den Porsche unter den Pulsuhren. Und ich nicht. Ich will auch eine. Von Mona. Zu Weihnachten.

Mona ist stolz auf mich. In unserem Mietshaus, in Karls Schule, in Gudruns Kiosk, auf jeder Party erzählt sie, dass ich schon morgens um 6 Uhr durch die Gegend wetze. Mona hört gern, wenn die Leute »Ist ja doll« sagen. Sie ahnt nicht, dass ich ihren Stolz eiskalt auszunutzen gedenke. Ich weiß nur noch nicht, wie.

Das Weihnachtsgeschenk ist bei uns eine Waffe für feinste psychologische Kriegsführung. Mona zum Beispiel will mir nicht unbedingt eine Freude machen, sondern sie will mich überraschen. Es geht nicht um mein, es geht um ihr Wohlbefinden. Ich darf nichts ahnen. Ich muss ein total verblüfftes Gesicht machen. Und dann muss ich mich freuen. Sonst ist Weihnachten gelaufen. Ihren geheimnistuerischen Überraschungstick kann man aber durchkreuzen. Wenn ich etwas auf gar keinen Fall haben möchte, muss ich es mir ausdrücklich wünschen. »Neue Socken, das wäre ein tolles Geschenk, eine echte Überraschung«, so lautet die garantierte Anti-Socken-Formel. Mona wiederum besteht darauf, dass ich ihr genau das schenke, was sie bestellt. Dieses Jahr hat sie eine Kosmetikserie in Auftrag gegeben, die man nur im KaDeWe bekommt. Das Produkt stammt aus Frankreich, sein Preis aus Japan, und der Profit geht nach Amerika. Ich dagegen wünsche mir ein finnisches Produkt, allein wegen der schönen Frauen in Helsinki, die Polar S625x.

Jeder, der um diese Jahreszeit läuft, der ist Profi, der hat die S625x, erkennbar an dem kleinen schwarzen Sensor am verschlammten Schuh. Nur ich trage diese kleine graue M5, ohne Sensor natürlich, den Trabi unter den Pulsuhren. Die S625x ist eine Sensation: Sie misst die Strecke und das Tempo, sie optimiert das Trainingsprogramm, man kann alle Daten mit dem Handy abrufen und das Ding auch noch für das Rennrad ausbauen. Kalorienzählen kann sie auch, aber zum Glück nur rückwärts. Selbst kaufen kann ich mir die Uhr auf gar keinen Fall. Sie kostet über 350 Euro und wäre für Mona die nächsten 20 Jahre das Totschlagargument bei jedem Paar Schuhe.

Wie kriege ich nun Mona dazu, mir diese Wunderuhr zu schenken? Äußere ich den Wunsch, kriege ich sie nie. Beauftrage ich Karl, ihr unauffällig einen Tipp zu geben, wird er sich verplappern. Also vorsichtige Hinweise geben. Neulich habe ich nach dem Training angemerkt, dass meine M5 spinnt. »Vielleicht die Batterie«, hat Mona gesagt. War sie wirklich desinteressiert? Oder hat sie sich nur nicht anmerken lassen wollen, dass ich sie auf eine Geschenkidee gebracht hatte?

Nächster Hinweis: Seit zwei Wochen lasse ich »Runners World« auf dem Klo liegen, die Seite mit der Polar-Anzeige aufgeschlagen. Keine Reaktion. Gestern habe ich die S625x mit dicken Kulistrichen noch mal eingerahmt. Zur Sicherheit. Mona muss etwas gemerkt haben. Andererseits: Bestimmte Anzeigen werden von Frauen einfach übersehen, nicht mal mit Absicht, sondern einfach so. Es ist ein genetischer Defekt: Frauen können Pulsuhr-Anzeigen einfach nicht sehen. Ein echtes Argument pro Gentechnik.

Zum Glück gibt es bei Frauen einen zweiten genetischen Defekt, der noch stärker ist, der Clooney-Effekt. Die Firma Polar würde umgehend den Absatz ihrer Hightech-Chronometer verdoppeln, wenn sie über ihre Anzeigen schriebe: »Die wünscht sich George Clooney zu Weihnachten.« Wenn irgendwo »Clooney« steht, reagieren alle Frauen, sogar auf Pulsuhr-Anzeigen. Sie stehen auf diesen Halbaffen, auch wenn er so aussieht, als habe er Haare auf dem Rücken. Alle Frauen wollen George Clooney eine Freude machen. Mit einer S625x holen sie sich ein bisschen Clooney-Feeling nach Hause. Ich färbe mir auch die Schläfen grau und klebe mir ein paar Haarbüschel auf den Rücken, wenn es Mona dabei hilft, eine S625x zu kaufen.

»Was wünschst du dir eigentlich zu Weihnachten?«, hat Mona neulich ganz unauffällig gefragt. »Eine neue Krawatte wäre toll«, habe ich gesagt, »oder ein schönes Buch. Fürs Laufen habe ich ja schon alles. Da kannst du mich nicht mehr überraschen.« Sie lächelt fein. Ich bin ja so ein Fuchs. Es hat geklappt. Ich weiß, dass es geklappt hat.

Achilles' Verse - mein Leben als Laeufer
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