
Laut René Descartes ist Zweifel der Beginn der Weisheit. Beim Läufer können Zweifel den Anfang vom Ende bedeuten. Hunger, Schmerzen, Trainingsqual – beim Runners down hilft das Internet. Da finden sich Menschen, denen es noch schlechter geht.
Mein Knie tut weh. Ich bin ein fettes Schwein. Ich hasse mich. Vor allem hasse ich Läufer. Und am meisten hasse ich erwachsene Männer, die in Strumpfhosen durch die Stadt laufen. Strumpfhosen bleiben Strumpfhosen, auch wenn »Running« draufsteht. Das schwule Pärchen aus dem dritten Stock guckt schon ganz neugierig. Ich will mich besaufen. Ich habe keine Ahnung, ob die verdammte Patellasehne nun gereizt ist oder nicht. Ich habe auch gar keine Lust, es auszuprobieren. Grillteller, Nutella, Patella – mir doch egal. Ich habe grausamen Hunger. Ich nehme nicht ab vom Laufen, ich nehme zu.
Ich werde immer langsamer. Ich bin ein trampeliges Warzenschwein. Der Plan von Greif taugt nicht mal, um die nassen Schuhe damit auszustopfen. Mona grinst nur hinterhältig. Manchmal sagt sie »Na?«. Sonst nichts. Einfach nur: »Na?« Der Satz heißt vollständig: »Guck mal an, der liebe Achim, unser Vorzeige-Athlet, mein strammer Gatte, hat schon wieder keine Lust mehr. War ja klar. Wie immer.« Ich wünsche Mona einen Quadratmeter Zellulite. Gibt es bei eBay einen Sack Endorphine? Ich nehme alle meine Laufschuhe, stecke sie in eine Plastiktüte und meinen Kopf hinterher. Ich bin am Ende. Ich habe ein Runners down.
An Tagen wie diesen gibt’s nur eine Rettung: Ich mache mir ein schönes Glas »Refresher« von Dr. Feil, damit ich der beinlichen Übersäuerung Herr werde, und verziehe mich vor meinen Rechner. Das Internet ist mein Kloster, mein Beichtstuhl, meine Selbsterfahrungsgruppe. Wenn nicht gerade die Klugscheißer, die Angeber, die Alles-Wisser-und-Könner sowie die Marathonlocker-in-drei-Stunden-Läufer da sind, ist es ganz nett. Ivan zum Beispiel. Der ist vor zehn Jahren auch Marathon gelaufen. Jetzt will er wieder anfangen. Seine Mona heißt Julia. Und seine Ausrede, warum er gerade jetzt nicht laufen kann: die Kinder. Was wären wir Läufer ohne Kinder? Gut trainiert.
Oder der Bernd. Hihi. Läuft Marathon und nimmt trotzdem zu. Ausrede: Abendstudium. Na gut. Lassen wir gelten. Bernd will wissen, wie er seine Fressorgien in den Griff kriegt. Ganz einfach, Bernd, alter Mops: nichts essen, mehr laufen, und schneller. Am Ende kommt dann raus: Bernd hat zwar zehn Kilogramm zu viel, aber 78 statt 68. Ein Scherzkeks, unser Bernd. Ich habe 94, ja, 94 Kilo. Das tippe ich natürlich nicht ein. Sollen sich über wen anders schlapplachen, die Hyänen.
Kolja ist Tauchlehrer auf den Seychellen. Er fängt immer wieder an zu laufen, aber hört genauso schnell wieder auf. Ausrede? »Zeitliche Gründe.« Abmahnung, Kolja! Wir sind hier in einem Fortgeschrittenen-Chat. Geben Sie sich bitte etwas mehr Mühe bei Ihren Ausflüchten. Sonst komme ich mit Schwimmflügeln in Ihre Tauchschule.
Stefanie ist auch so eine lustige Freizeitsportlerin. Früher hat sie im Fernsehen Bobfahren geguckt – aber immer dann umgeschaltet, sobald die Jungs in die Kiste gehüpft waren. Sie hat nur den Start geguckt: Ist ja auch scharf, vier Männerhintern in Glanzkörperpelle. Jetzt läuft Stefanie auch, in Berlin-Hellersdorf. Sie hat eine Fachfrage: Immer wenn sie amtlich atmet – Nase ein, Mund aus – kriegt sie Seitenstiche. Was tun?
Schön, dass das Internet immer hilfsbereite Kameraden bereithält. Peter rät zur Bauchatmung: »Das kannst du am besten üben, indem du dich auf den Boden legst und dir zwei, drei Bücher auf den Bauch legst, und dann tief in den Bauch einatmest. Die Bücher sollten sich dann deutlich heben! Beim Ausatmen sollte sich die Bauchdecke wieder zusammenziehen.« Kurt sagt, man soll nicht so viel trinken vorher, und Til zitiert große Philosophen: »Der legendäre James Fixx schreibt in seiner Läuferbibel: Kennen Sie jemanden, der an Seitenstechen gestorben ist? Wenn nein, laufen Sie einfach weiter, das Seitenstechen wird auch wieder vergehen.« Na also, Steffi, Bücher auf den Bauch und einfach weiterlaufen.
Barbara ist auch nicht schlecht. Die mailt aus Mexico-City. Dort sei die Luft so dreckig, dass nur Selbstmörder laufen. Schwer zu toppen, diese Ausrede. Steffen wiederum macht einen auf Snob. Plaudert aus Florida mit und bietet Trainingslager an. Man müsste ihn verachten für seine gutgelaunte Sonnen-Tour. Allerdings hat er ein super Argument: Florida ist walker-frei. Seit drei Jahren sind keine Stöckchenzieher mehr gesichtet worden. Wahrscheinlich alle überfahren worden, weil sie zu langsam die Straße überquert haben.
Siggi kommt aus Saarbrücken (als ob das irgendwen interessiert) und kocht sich ekligen Brei aus Möhren und Kartoffeln mit Tomaten-Champignon-Sauce, weil die Laufgräte Steffny sagt, dass das richtig Kraft in die Schenkel gibt. Siggi sagt, Herbert Steffny sagt, man solle sein berufliches und privates Umfeld optimieren. Die Möhren-Kartoffel-Pampe ist wohl Teil der Optimierungsstrategie: Mit solchen Gerichten lebst du nämlich bald allein, Siggi. Dann hast du noch mehr Zeit fürs Laufen.
Siggi hat überhaupt keine Ausreden. Das macht ihn sympathisch. So wie Dieter. Der ist 64, klingt aber trotzdem ganz nett. Er war Stadionsprecher bei den Deutschen Meisterschaften über 100 Kilometer. Achtung, jetzt kommt’s: auf der Bahn. Höhö, 100 Kilometer im Stadion, das sind 250 stumpfe Runden. Früher nannte man das Hospitalismus und hat die Leute in die Geschlossene gesperrt. Dieter wollte den Läufern was Gutes tun und hat bei Kilometer 50 gesagt: »Ab jetzt geht es nur noch bergab.« Damit war seine Sprecherkarriere zu Ende. Teufel auch, was bin ich ein verdammter Normalo gegen solche Lauf-Stalinisten.
Immerhin: Ein paar Patella-Patienten waren auch da. Udo empfiehlt so ein Bändchen, das man sich unters Knie schnallt. Drauf steht »Mueller«. Das Teil ist ein Knaller. Es hilft tatsächlich. Ich kaufe Mueller-Aktien, und dann kreuze ich beim nächsten Volkslauf mit dem Band unterm Knie auf. Alle glauben, das ist eine Art Epo, kaufen sich gleich ein Dutzend Mueller-Bänder und schnallen sich die auch noch um Knöchel und Ellenbogen. Und ich werde reich.