Mein erster Yak

Der Held zahlt sehr viel Geld. Dann geht es weiter, die Landschaft wird viel größer, höher und bald auch tibetischer. Der Held stirbt mehrmals fast und begegnet seinem Todesyak. Am Ende wird ein heikles Stück Geschichte aufgearbeitet.

Ich hätte auf Laozi hören sollen. Natürlich bringt es nichts, wieder in Chengdu rumzulungern. Bart bleibt verschollen. Ich werde nur immer nervöser und mache mir alle die Sorgen, die ich auf dem Daoisten-Berg vorübergehend vergessen hatte.

Auch in den Fernsehnachrichten ziehen immer dunklere Wolken auf. Flut und Regen sind inzwischen die Topmeldungen. In Anhui besucht Premierminister Wen Jiabao die Flutopfer und verspricht ihnen Entschädigung. In Hubei geht der Rekordregen weiter. Mittlerweile hat es auch Chongqing erwischt. Hier wurden die höchsten Niederschläge seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gemessen. In der City selbst wurden hundertfünfzigtausend Menschen evakuiert, und zweiunddreißig sind ertrunken. Auf einem Bild, das die Schäden illustrieren soll, erkenne ich Hong Yan Cun. Ein Erdrutsch hat die historischen Gebäude beschädigt. Es scheint, als ginge gerade alles, was ich besucht habe, in den Fluten unter, und ich überlege schon, ob ich mir ein T-Shirt drucken lassen soll, auf dem steht: «I survived the great flood of 2007».


Am Abend des dritten Tages erreicht mich endlich eine erste SMS von Bart. Der Text jedoch ist kryptisch: «Still waiting for the permits to reach us.» Was heißt das? Dass die Genehmigungen erteilt wurden, aber noch nicht in Barts Händen sind? Dass Bart weiß, dass sie noch nicht erteilt wurden? Oder hat er schlicht keinen Schimmer? Es ist nicht rauszubekommen. Sicher ist nur, dass mein Führer eine grundsätzliche Abneigung gegen das Telefon hat.

Um die Zeit totzuschlagen, teste ich abends die verschiedenen Ausländerbars in der Stadt. Es gibt davon eine ganze Reihe, wegen der großen Uni ist Chengdu recht beliebt bei Expats. Am dritten Abend bin ich im Süden der Stadt im Café Panamé, weil ich gelesen habe, dass hier ein «DJ Joe (Germany)» auflegt. Ich sehe ihn schon beim Reinkommen, und sofort ist mir klar, dass ich diesen Mann mag. Er will offenbar auch Chinese werden. Jedenfalls steht er in einem chinesischen Seidenbademantel an den Turntables, hat schulterlange Haare und auf dem Kopf zu einem Knoten gebunden einen Palästinenser-Feudel. Joe kommt ursprünglich aus Leipzig, vielleicht trägt er deshalb einen Namen wie im Western. Als ich ihn frage, wie er denn jetzt wirklich heiße, sagt er: «Joe, einfach nur Joe. Nichts weiter.»

«Einfach nur Joe» legt sehr ordentlichen und sehr, sehr lauten Drum ’n’ Bass auf; genau das, was ich brauche, um mir die sorgenvollen Gedanken aus dem Kopf zu hämmern. Mehr erwarte ich auch nicht von dem Abend. Dann aber fordert mich eine kleine Frau zum Tanzen auf. Sie sieht aus wie eine chinesische Emily Strange, und bevor sie mich fragte, hat sie mich fast eine halbe Stunde lang böse angeschaut und dabei die Stirn in Falten gelegt. Als ich mir eine Zigarette anzünden will, wirft sie mir ein Feuerzeug rüber, steht dann auf und sagt: «Come on. Let’s dance.»

Das ist mir noch nie im Leben passiert oder allenfalls in einer Zeit, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Schon deshalb muss ich diesem Befehl Folge leisten, obwohl man eigentlich zu DJ Joes immer experimenteller werdender Musik gar nicht tanzen kann, ohne sich wie bei einem epileptischen Anfall zu bewegen. Nach zwei, drei Stücken will sich Emily, die Annabelle heißt, mit mir auf der Terrasse unterhalten. «Man kann mit Ausländern», sagt sie, «besser reden als mit Chinesen.» Aber dieses Mal wird es nichts mit dem guten Gespräch. Als wir gerade an der Stelle sind, dass Annabelle eigentlich gar nicht so genau weiß, was sie machen will im Leben, bekomme ich eine SMS, nach der ich mich hastig verabschieden muss. Der Text lautet: «Hi Chris, all permit in hand. See you tomorrow morning. 8 : 45 Bart.»


In dieser Nacht schlafe ich nicht besonders. Ich kann gar nicht glauben, dass es wirklich losgeht. Doch am nächsten Morgen kommt Bart pünktlich in die Lobby meines Hotels marschiert. Im Schlepptau hat er eine schlecht gelaunte Angestellte der Reiseagentur, die von mir das Geld kassieren will. In China wird fast alles bar bezahlt, und deshalb war ich in den letzten Tagen viermal am Geldautomaten, um die verlangten zwanzigtausend Yuan zusammenzukriegen. «Und was habe ich in der Hand, wenn ich ihr das Geld gebe?», frage ich Bart, denn bisher haben wir schließlich alles nur per E-Mail oder SMS verabredet. «Wieso?», fragt er zurück. «Es ist bei diesen Touren üblich, dem Veranstalter zu vertrauen.» Ich bleibe skeptisch und lasse ihn wenigstens das DIN-A4-Blatt unterschreiben, auf dem in Englisch die Reiseroute skizziert ist. Das wird mir zwar im Ernstfall nichts nützen, aber es gibt mir ein besseres Gefühl. Dann überreiche ich eine Plastiktüte mit zweihundert Einhundert-Yuan-Scheinen der Angestellten, die die Summe immer noch schlecht gelaunt dreimal nachzählt. Ich bin etwas beleidigt, nicht wegen des Nachzählens, sondern wegen der Flappe, die sie dabei zieht. Immerhin geht hier mehr als das Fünffache des Jahresverdienstes eines chinesischen Bauern über den Tisch. Da könnte sie wenigstens mal lächeln.


Danach geht alles erstaunlich schnell, wie so oft in China, wenn man lange auf etwas gewartet hat. Eine halbe Stunde später stehe ich mit Bart im tibetischen Viertel von Chengdu und schüttele die Hand eines stämmigen Mannes mit freundlichem, braungebranntem Gesicht und einer langen Nase. Die Nase ist in diesem Fall ein Zeichen dafür, dass es sich bei meinem Gegenüber um einen Tibeter handelt. «Das ist Dorje, unser Fahrer», stellt Bart vor. Dorje sagt nichts, er grinst mich nur an. Dabei verstaut er das Gepäck im Jeep, einem Mitsubishi aus chinesischer Produktion. Im Inneren riecht es ranzig. Es hängen seltsame Lappen und ein kleines Seidentäschchen am Rückspiegel, und aus der Seitentasche der Fahrertür ragt der Knauf eines tibetischen Dolches. Nur zehn Minuten später sind wir auf der Autobahn, die ein letztes Mal parallel zur 318 verläuft. Ich jubiliere und tiriliere innerlich. Tibet, here I come.


Natürlich wird das ab jetzt ein ganz anderes Reisen. Barts Plan sieht vor, dass wir zunächst vier Tage durch den permitfreien Westen Sichuans brettern und anschließend noch einmal vier Tage durch den Osten der Autonomen Region Tibet, wie die tibetische Provinz in China offiziell genannt wird. Wir werden also für die 2171 Kilometer nach Lhasa acht Tage brauchen. Das ist nicht schlecht, denn nur so kann ich meinen Reiseplan einhalten, heißt aber auch, dass ich von nun an nicht mehr jeden Ort so gründlich in Augenschein nehmen kann wie bisher. Es wird sicher auch weniger Begegnungen mit Einheimischen geben. Aber ich habe ja jetzt einen Chinesen mit an Bord, der sich um mich kümmern muss und dem ich auf der Fahrt sicher ein paar Geheimnisse des Chinesischseins entlocken werde. Und obendrein erklärt mir der Tibeter die Unterschiede zwischen seinen Leuten und den Chinesen. Meine Ausbildung zum Chinesen kann also weitergehen.

Vielleicht wird sie auch abrupt beendet. Schon zwei Stunden nach der Abfahrt unserer kleinen Expedition schaue ich nämlich zum ersten Mal dem Tod in die finsteren Augenhöhlen. Der Fahrer hat eine Autobahnausfahrt verpasst und ist zwei Kilometer zu weit gefahren. Für einen Tibeter offenbar kein Problem. Dorje wendet kurzerhand und fährt zurück, allerdings nicht auf dem Standstreifen, sondern ausgerechnet auf der Überholspur. Das geht so lange gut, bis uns kurz vor der verpassten Ausfahrt ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommt. Für Dorje ist das immer noch kein Grund zur Panik. Ganz ruhig hält er auf das andere Auto zu, als säße darin ein Gegner, den es auszuschalten gilt. Erst im letzten Moment weicht er aus, zieht über die ganze Breite der Fahrbahn zur Ausfahrt rüber und raus auf die 318 – bei Kilometerstein 2639.

Barts Plan sieht vor, dass wir von hier aus erst einmal einen großen Schlenker zurück nach Norden machen, bevor wir in zwei Tagen rund zweihundertfünfzig Kilometer weiter westlich zur 318 zurückkehren. «Besonders schön da oben», ist Barts maulfaule Begründung für den Umweg, aber er hat recht. Kaum sind wir von der Autobahn runter, kommen uns auf einer schmalen Wacholderbaumallee zwei Reiter entgegen. Der bunten Tracht nach zu urteilen, handelt es sich um Tibeter. Nachdem wir die kleine Stadt Lushan hinter uns gelassen haben, wird die Gegend noch malerischer und auch etwas schroffer. Der Jeep wird von einer tiefen Schlucht verschluckt, auf deren Grund sich ein nebeldampfender Fluss windet. Ein paar Kilometer später geht es wieder hinauf in die Berge, wo unterhalb der kleinen Straße ein großer grüner Stausee schimmert. Laub-und Nadelwald wechseln sich ab, dazwischen liegen grüne Wiesen. Dieser Teil Chinas sieht radikal anders aus als alle Landschaften, die ich bisher auf dieser Reise gesehen habe. Schöner, imposanter, unbenutzter.

Doch all das ist bloß der Auftakt zu einer großen Landschaftssymphonie. Die Berge werden höher und höher. Die Hänge links und rechts sind von schweren Bergrutschen und breiten Gerölllawinenstreifen gezeichnet, auf denen kein Strauch mehr wächst. Und dann ist da ein paar hundert Meter über uns ein schmaler Strich – eine offenbar brandneue, ungeteerte Straße. Irre, denke ich, in einer solchen Höhe eine gegen Bergrutsche vollkommen ungesicherte Straße zu bauen. Welche bedauernswerten Menschen wohl darauf fahren müssen? Eine halbe Stunde später weiß ich: Wir sind die Bedauernswerten. Die Straße ist in einem wirklich miserablen Zustand. Immer wieder versperren vom Berg gerutschtes Geröll und große Steine den Weg. Und während wir höher und höher steigen, fällt die Temperatur auf dem Außenthermometer des Jeeps immer tiefer.

In Chengdu waren es fünfundzwanzig Grad, beim Einbiegen in die Passstraße nur noch fünfzehn. Bei elf Grad fängt es an zu regnen. Die Geröllpiste verwandelt sich im Nu in eine Schlammbahn, durch die sich der Jeep im Allradgang mühsam vorwärtswühlt. Aber selbst das scheint meinem unbekannten Reisegott an Hindernissen nicht zu genügen. Hinter der nächsten Hundertachtzig-Grad-Kurve schickt er uns auch noch Wolken. Jetzt beträgt die Sicht keine zwanzig Meter mehr. Immerhin verbessert sich Dorjes Fahrstil, je schlechter die Straße wird. Wie schnell er reagieren kann, beweist er, als aus dem weißen Wolkennichts ein großer Laster auf uns zuschießt. Dorje bremst noch im selben Sekundenbruchteil, genauso wie der LKW-Fahrer, sodass die beiden Kühlerhauben kurz voreinander zum Stehen kommen. Das ist mein zweites Nahtoderlebnis innerhalb von sechs Stunden. Beim dritten ist man ja wohl fällig.

Ein Yak ist Zeuge des ganzen Vorgangs. Das zottelige Vieh steht nur zehn Meter entfernt, direkt an einem tiefen Abgrund, und starrt mich aus dunklen Augen mitleidig an. Dann ist es wie ein Gespenst sofort wieder im Wolkennebel verschwunden. Wir kämpfen uns vor bis zum höchsten Punkt des Passes. Die Temperatur ist auf fünf Grad gefallen, und als ich mich zum Pinkeln an den Straßenrand stelle, schwindelt mir so, dass ich fast in den Graben kippe. Das muss die dünne Luft sein. «Wie hoch sind wir eigentlich?», frage ich meinen exklusiven Reiseführer. Bart hat keine Ahnung. Und meine Karte sagt mir bloß, dass der Gletscherberg gleich nebenan 5457 Meter misst.

Nach dem Pass wird die Straße besser, und auch die Sonne kommt zurück. Als es dämmert, sitzen wir zu dritt in der Kleinstadt Xiaojin in einem Restaurant. Ich bin vollkommen erledigt, obwohl ich praktisch die ganze Zeit untätig im Jeep gesessen habe. Aber wir sind auch zehn Stunden gefahren und haben mindestens dreihundert Kilometer zurückgelegt. Das ist Tagesrekord. Dafür sind wir nirgendwo länger als fünf Minuten geblieben, sieht man einmal vom Mittagessen ab. Auch von dieser Stadt, die malerisch über einer tiefen Schlucht hängt, bekomme ich kaum etwas zu sehen außer dem Hotel, dem Restaurant und der Straße, auf der wir zwischen beiden Lokalitäten hin-und hergehen. Dabei ist sie nicht uninteressant. Die Häuser haben alle tibetisch bunte Fassaden, und in tausend Kästen und Kübeln wachsen Blumen. Auf dem Dorfplatz wird getanzt, so wie abends überall in China. Hier nehmen sich die Leute allerdings bei den Händen, während man im Rest des Landes einzeln tanzt. Auf dem Dorfplatz steht ein Denkmal, das an den Langen Marsch der Roten Armee erinnert. Genau hier vereinigte sich 1935 die Erste Armee unter Mao Tse-tung mit der Vierten, um danach gemeinsam weiter nach Norden zu ziehen. Doch zur Erforschung der chinesischen Revolutionsgeschichte bleibt auf einer schnellen Fahrt wie dieser keine Zeit.


Allerdings hat eine organisierte Tour auch ihre Vorteile. Ich bin an meinem Tisch nicht allein, und ich esse endlich einmal etwas anderes als die Nudeln, die ich sonst meistens gewählt habe, weil ich die Speisekarten nicht lesen konnte. Bart bestellt leckeres Fleisch, Gemüse und Suppe, alles nach Sichuan-Art scharf gewürzt. Angenehm ist auch, dass mich die Leute auf der Straße mit «Hello»-Rufen verschonen. So gleichgültig wie in diesem Kaff ist man mir in China noch nie begegnet. Anscheinend ist meine Anwesenheit dadurch legitimiert, dass ich mit Führer und Fahrer unterwegs bin. Ich dagegen habe das genau entgegengesetzte Gefühl. Ich komme mir vor wie ein Eindringling, der sich seine Anwesenheit in dieser Stadt nicht rechtmäßig erkämpft hat.

Auch wenn ich jetzt nicht mehr allein bin, kann ich das geplante Geheimnis-Entreißen wohl vergessen. Dorje ist zwar nett und freundlich, spricht aber kein Englisch und Chinesisch nur im für mich völlig unverständlichen Sichuan-Dialekt. Und auch Bart hat keine große Lust, mir was zu erzählen. Eigentlich hat er auf die ganze Fahrt keine Lust: «Ich wäre am liebsten im Büro geblieben», erklärt er. «Aber wir haben gerade unser erstes Kind bekommen. Ich brauche Geld.» Immerhin kann ich ihm aus der Nase ziehen, dass er Erziehungswissenschaft studiert und anschließend drei Jahre als Lehrer in Chengdu gearbeitet hat. In der Hoffnung, etwas Persönlicheres zu erfahren, bohre ich weiter: «Und deinen englischen Namen, wo hast du den her?» – «Den hat mir mein Englischlehrer gegeben. Ein Ire.» – «Und warum gerade Bart?» – «Das ist der zweite Vorname des irischen Premierministers.» – «Ähhh … Hast du mal was von den Simpsons gehört? Eine amerikanische Zeichentrickserie?» – «Nein, wieso?» Herrje, nach dem irischen Premierminister. Was für ein Missverständnis von Anfang an.


Der nächste Jeep-Tag beginnt mit Musik. Sie kommt aus dem CD-Player, in dem Dorje seine drei mitgebrachten CDs spielt, eine nach der anderen und dann nochmal und nochmal. Auf einer ist recht annehmbarer tibetischer Reggae, der überraschend gut zur Landschaft passt. Viel lieber aber schiebt Dorje die anderen beiden CDs in den Player. Auf der ersten gibt es zu meinem Entzücken gleich drei Versionen meiner moldawischen Reisehymne «Dragostea Din Tei» – das Original, die chinesische Kakerlakenfassung und dann noch einen Remix. Doch Dorjes absolutes Lieblingsstück ist das alte buddhistische Mantra «Om mani padme hum» auf CD drei, in einer süßlich verpoppten Schlagerfassung. Damit es besser zur Melodie passt, singt die Sängerin das «mani» doppelt und verschluckt das «padme». Das hört sich dann an wie: «Oh money money come.» Eigentlich keine schlechte buddhistische Hymne.

Zu diesem Soundtrack umfahren wir den Yala, einen fast sechstausend Meter hohen Berg, dessen weiße Gletscher in der Sonne funkeln. Danach kommen wir ins Tagong-Grasland, eine weite grüne Ebene auf dreitausendfünfhundert Metern. Hier machen wir den ersten größeren Stopp, und ich habe Zeit, mir im Dorf Tagong die fremdartigen Bewohner dieser Gegend genauer anzusehen. Seit unserer Passfahrt gestern befinden wir uns in Kham, dem Osten des tibetischen Hochplateaus. Diese Region wird hauptsächlich von Khampa-Tibetern bewohnt, die entschieden wilder aussehen als Chinesen. Viele Männer tragen lange, eingeölte Haare, um die sie rote, mit Yakknochen und Korallen geschmückte Kopftücher gebunden haben. Manche haben auch noch einen Cowboyhut auf dem Kopf, und an einigen Gürteln baumeln Dolche oder Messer. Sie müssen die Flinten und Pistolen ersetzen, die jeder Khampa-Mann noch vor ein paar Jahren sein Eigen nannte.

Damals legten sich die Khampas mit allen an, die versuchten, sie zu beherrschen, und selbst die tibetische Regierung in Lhasa hatte die Region niemals wirklich unter Kontrolle. Kein Wunder, dass diese rebellischen Leute dort keinen guten Ruf hatten. «Gleichbedeutend mit ‹Räuber›», schreibt der große Tibeter-Freund Heinrich Harrer in ‹Sieben Jahre in Tibet›, sei das Wort Khampa im restlichen Tibet gewesen, und schildert eine «gefährliche Begegnung mit den räuberischen Khampas», die er und sein Freund Aufschnaiter nur knapp überlebten. Natürlich gaben die Khampas auch nach dem Einmarsch der chinesischen Armee in Tibet keine Ruhe. Als sie Mitte der fünfziger Jahre ihre Waffen abgeben sollten, begannen sie einen Guerillakrieg, der bis Anfang der siebziger Jahre dauerte. Unterstützt wurden sie dabei zunächst von der CIA, die sie mit Waffen versorgte und auf amerikanischen Militärbasen im Pazifik ausbildete, einige sogar in einem geheimen Camp in Leadville, Colorado. Gescheitert sind die Khampas schließlich nicht nur an der chinesischen Armee, sondern auch, weil die Häuptlinge der einzelnen Khampa-Täler gegeneinander Krieg zu führen begannen. Hätten sie die Chinesen besiegt, dann sähe es heute wohl im Osten Tibets und in Westsichuan so aus wie in Afghanistan, wo archaische Stammesfürsten und Warlords einerseits gegen äußere Feinde, andererseits gegen Rivalen im Inneren einen immerwährenden Krieg führen.

Ich habe mir meine Informationen über die Khampas selbst zusammengesucht, denn von Bart erfahre ich kein Wort. Ich habe aber auch nichts anderes erwartet. Chinesische Guides, so schreibt eigentlich jeder Reiseführer, taugen in Tibet und den tibetischen Siedlungsgebieten wenig, da sie sich in der Regel für die Gegend und die Leute nicht sonderlich interessieren. Das bestätigt sich auch, als ich in Tagong das erste größere tibetische Kloster auf der Strecke besichtigen will. «Kannst reingehen und Fotos machen», sagt Bart vor dem Eingang, «ich warte hier draußen so lange mit Dorje.» Wahrscheinlich ahnt er nicht einmal, dass man für gewöhnlich unter einem Guide jemanden versteht, der einen begleitet und Sehenswürdigkeiten erklärt.

Ohne kompetente Führung entfällt bei mir leider das tiefere Verständnis für das, was ich im Inneren des Tagong-Klosters sehe. Ich bemerke aber, dass die tibetischen Buddhisten im Unterschied zu den chinesischen auch eine Reihe von Mützenträgern verehren. Das müssen die weltweit so beliebten Dalai Lamas sein. Ansonsten erinnert mich das Interieur an das von Hippiewohngemeinschaften, in denen ich in den siebziger Jahren wohnte. Die Wände sind schön bunt angemalt, und überall hängt Stoff herum. Es riecht es auch schön muffig. Und natürlich ist nicht aufgeräumt. In den Unterkünften im ersten Stock steht auf einem dicken Ledersofa ein Glas Coffeemate, und auf den Tischen stehen angebrochene Literflaschen Sprite und Cola. Im großen Versammlungsraum im Erdgeschoss liegen Pappbecher und Speisereste unter den langen Bänken, die als Tische dienen, und der ganzen Boden ist mit ausgespuckten Schalen von Sonnenblumenkernen übersät. Wie damals in der Wohngemeinschaft: Alle sauen rum, und keiner macht sauber.

Mir ist das sehr sympathisch, und ich beginne zu begreifen, was manchen Westler an dem tibetischen Buddhismus so sehr fasziniert. Nur ein Eindruck will nicht so recht zum Bild einer entspannten Hippiereligion passen. Ein Mönch, den ich dabei beobachte, wie er eifrig die vielen Scheine einsammelt, die sich in unordentlichen Bergen unter den Buddhastatuen und den Fotos der aktuellen Führer der unterschiedlichen buddhistischen Sekten angesammelt haben. Anschließend macht er aus den Scheinen auf einem Altar schöne Stapel, säuberlich getrennt nach Nennwert und Ursprungsland, denn auch koreanische Won und Hongkongdollar wurden gespendet. Der Mönch betrachtet das viele Geld wohlgefällig, und ich summe vor mich hin: Oh money, money come. Aber ich will den Mönchen nicht unrecht tun. Schließlich wird das Geld dringend gebraucht. Nebenan hat man gerade erst einen neuen Tempel zu Ehren des Zehnten Panchen Lama errichten müssen und allein in der Kuppel hundert Kilogramm Gold verbaut. Nur ginge es nicht vielleicht auch mal ’ne Nummer kleiner? In China wahrscheinlich nicht.

Bloß die Ortschaften in Westsichuan sind wirklich viel kleiner als im Rest des Landes. Xiaojin hat vielleicht geschätzte zehntausend Einwohner und Tagong kaum mehr als tausendfünfhundert. Auch Xinduqiao, ein Dorf an einem idyllischen Fluss, in dem wir übernachten, ist mit dreitausend Einwohnern für chinesische Verhältnisse praktisch unbewohntes Ödland. Hier stoßen wir auch wieder auf die 318, nunmehr exakt 2897 Kilometer von Shanghai entfernt.


Barts Plan sieht vor, von nun an die 318 bis Lhasa nicht mehr zu verlassen. Damit reisen wir jetzt auch auf einer historischen Route. Vor über tausend Jahren wurde auf der heutigen Trasse der 318 die sogenannte Tee-Pferd-Straße etabliert, auf der die Tibeter ihre Pferde in den Osten Chinas brachten, um sie gegen Tee zu tauschen. Später ließen die Qing-Kaiser diesen Pfad zu einer Poststraße ausbauen, mit Poststationen von Lhasa bis nach Peking. Zur richtigen, durchgehend befahrbaren Straße wurde die schmale Trasse aber erst, als auf Weisung Mao Tse-tungs im April 1950 die Volksbefreiungsarmee mit dem Bau des Xikang-Tibet-Highways begann, der später in Sichuan-Tibet-Highway umbenannt wurde. Die Südroute dieser Straße bekam die Ordnungszahl 318 und erreichte im Dezember 1954 Lhasa. Damit war die tibetische Hauptstadt erstmals an das chinesische Straßennetz angeschlossen.

Natürlich war die Straße damals kaum mehr als eine ungeteerte Piste. Und das ist sie, wie ich feststelle, streckenweise noch heute. Auch dort, wo sie in einem besseren Zustand ist, ist sie nicht mit den autobahnähnlich ausgebauten Streckenabschnitten zu vergleichen, auf denen ich bisher gefahren bin. Diese Straße hier ist so breit wie eine kleine Stichstraße in Europa und hat nur eine Spur für jede Richtung. Doch mehr müssen es auch nicht sein. Ich hatte erwartet, dass auf dieser wichtigen Versorgungslinie ein Lastwagen nach dem anderen in Richtung Lhasa brettert. Doch wenn wir alle zehn Minuten mal einen mit Buddhabildern geschmückten Laster überholen, ist das schon viel. Am häufigsten wird die Nationalstraße von Mopeds benutzt, ganze tibetische Familien sind auf ihnen unterwegs oder junge Khampa-Burschen mit wehenden Haaren, die auf ihren Zweirädern sitzen wie ihre Vorfahren einst zu Pferde.

Die Landschaft aber, durch die die Straße führt, übertrifft auch heute wieder alles, was ich bisher an der Strecke gesehen habe. Am Morgen wird die lange, sonnendurchstrahlte Pappelallee, über die wir gerade fahren, von einer Herde Dzos überquert, das sind Yaks, die mit Hauskühen gekreuzt wurden und mehr Milch geben. Später geht es parallel zu einem seichten Fluss. Ein paar Kilometer weiter ist daraus an einer engen Stelle ein tosendes Wildwasser geworden, umstanden von dunklen Kiefernwäldern. Hauptsächlich aber fahren wir karge Berge hoch, in endlos sich hinaufschraubenden Serpentinen. Beiderseits der Straße stehen hier die schwarzen Zelte der tibetischen Nomaden neben den Herden von Dzos und Yaks, die sich als schwarze Punkte auch über unendliche Bergwiesen verteilen. Am Ende erreicht der Jeep dann immer wieder einen Pass, dessen höchste Erhebung unter einem Wirrwarr von frischen und verrotteten Gebetsfahnen fast verschwunden ist. Danach geht es auf der anderen Seite wieder runter, ebenfalls in kilometerlangen Serpentinen, und dann wieder rauf zum nächsten Pass.

Als wir Kilometer dreitausend erreichen, spielt der Player einmal mehr die Kakerlaken-Version meiner Reisehymne. Die Straße verläuft hier auf einem Berg, von dem aus wir ein Meer von Bergen und Tälern mit frisch aufgeforsteten Fichtenwäldern überblicken können. Ich lasse Dorje anhalten, setze mich auf den Kilometerstein, und Bart macht ein Foto von mir, auf dem ich versuche, wie ein Abenteurer zu gucken. Ich glaube, mich überkommt auch so etwas wie Stolz, was ein bisschen idiotisch ist, denn dreitausend ist ja bloß eine Zahl. Immerhin habe ich jetzt schon eine Entfernung zurückgelegt, die der von Moskau nach Barcelona entspricht. Andererseits liegt noch einmal so viel China vor mir. Natürlich hatte ich vorher versucht, mir das vorzustellen, doch ich glaube, auf diesem Stein wird mir erst klar, wie groß dieses Land wirklich ist.

Mit der vollen Dreitausend aber ist es für heute erst einmal genug. Ein paar Kilometer hinter dem Stein biegen wir nach links ab und fahren einen kleinen Weg hinunter in ein entlegenes Tal. Auf dessen Grund liegt ein kleines Dorf von vielleicht fünfzig Häusern, darunter auch eine Pension, in der wir übernachten wollen. Das aus Naturstein und Holz errichtete neue Haus ist im Vergleich zu chinesischen Wohnungen großzügig geschnitten und erstaunlich geräumig. Unten wohnt die Khampa-Wirtsfamilie in einer großen Stube neben ihren Yaks, im ausgebauten Obergeschoss wir. Die Wände des Flurs und der Zimmer sind bemalt mit bunten Fabeltieren: Schneelöwen, rosa Drachenelefanten und Karpfen, die wie Robben auf Flossen gehen.

In den beiden letzten Tagen habe ich immer wieder mit einigem Wohlgefallen die tibetischen Häuser am Straßenrand betrachtet. Sie sind viel schöner als alles das, was im Rest von China an neuer Architektur so rumsteht. In diesem Dorf sehen sie aus wie mittelalterliche Burgen, die mit kleinen Türmchen und großen Dachterrassen ausgestattet sind. Aber selbst die neuen Geschäftshäuser in Tagong waren aus Naturstein und passten in die Landschaft. Neue chinesische Häuser dagegen sind immer gleich kastenförmig und haben im Erdgeschoss ein großes Ladentor, das mit dem immer gleichen Rollladen verschlossen wird. Allerdings gibt es in diesem schönen Dorf Strom nur aus Autobatterien und keinen Handyempfang. Das erlebe ich zum ersten Mal in China. Selbst mitten in der Taklamakan-Wüste in Xinjiang oder im Altaigebirge an der Grenze zu Sibirien hatte ich bisher telefonieren können.

Für Chinesen ist die Vorstellung, vom Netz abgeschnitten zu sein, unerträglich, und so schlägt mir Bart vor, auf einen Berg zu steigen, wo, wie unsere Wirtsfamilie behauptet, telefonieren möglich sein soll. Ich willige ein, obwohl ich keine Ahnung habe, ob mir bei einer Höhe von knapp viertausend Metern über dem Meeresspiegel überhaupt die Beine gehorchen werden. Wir durchqueren das Dorf, wo man uns nicht mehr «Hello» nachruft, sondern «Tashi Delek», das tibetische «Guten Tag». Am Ufer eines schmalen Flusses liegen Unmengen weggeworfener Schuhe und ein paar halbverweste Yak-Schädel; einige tibetische Ponys, die dazwischen grasen, schauen uns verwundert nach. Auf einem kleinen Trampelpfad kommen wir dann erstaunlich gut den Berg hinauf, bis Bart irgendwann findet, wir könnten die Serpentinen des Weges auch abkürzen. «Klettern wir den Berg doch einfach gerade hoch.» Fünf Minuten später haben wir uns zwischen verkrüppelten Birken und dichten Dornbüschen verlaufen. Super, auf einem Berg mitten im tibetischen Hochland verlorenzugehen, davon habe ich schon immer geträumt. Es dauert eine knappe Stunde, bis ausgerechnet ich den Weg wiederfinde. Natürlich bin ich stolz, aber auch besorgt. Ich hoffe inständig, dass ich auf dieser Fahrt nie wirklich auf meinen Führer angewiesen sein werde.

Immerhin erfahre ich auf dieser Wanderung erstmals etwas mehr über Bart. Auslöser ist eine Formulierung. «Ich glaube, der Weg liegt drei Uhr», gibt er bei der Suche als Positionsvermutung an. «Drei Uhr? Hast du das bei der Volksbefreiungsarmee gelernt?» – «Ich war nicht bei Armee», sagt Bart. «Was?», entfährt es mir. «Ich denke, es gibt in China Wehrpflicht?» – «Sie haben zu viele Leute. Wenn man nicht will, muss man nicht hin.» – «Nicht zu fassen. Weißt du, dass ich wegen der chinesischen Kommunistischen Partei zur deutschen Armee gegangen bin?» Das weiß Bart natürlich nicht, und also erzähle ich dem jungen Mann nicht nur, dass ich einst ein Maoist war, sondern erkläre ihm auch die Drei-Welten-Theorie der KP China von ungefähr 1975. Damals zerfiel die Welt nach Meinung der Chinesen in drei Teile: die erste Welt, die aus den beiden Supermächten USA und Sowjetunion bestand, die zweite, zu der ganz Europa, Kanada und Japan gehörten, und die klassische dritte Welt, als deren Führerin sich die Volksrepublik China wähnte. «Die Sowjetunion», erkläre ich dem erstaunten Bart, «galt damals eurer Führung als die gefährlichere und aggressivere Supermacht, die USA wähnte man nach dem verlorenen Vietnamkrieg auf dem absteigenden Ast. In Peking war man davon überzeugt, dass die Sowjetunion den Dritten Weltkrieg vorbereite. Deshalb sollten sich die Völker der zweiten Welt mit denen der dritten Welt zusammentun, um gegen die Kriegsvorbereitungen was zu unternehmen.» – «Und du bist deswegen zur Armee gegangen?» – «Genau. So hatte das eure Partei befohlen. Wir deutschen Maoisten sollten unsere Armee stärken, so den Weltkrieg verhindern und wenn möglich die Weltrevolution machen. Entweder vorher oder nachher oder gleichzeitig.» Diese Idee scheint Bart sehr fremd zu sein: «Ich glaube nicht an den Kommunismus. Ich glaube an das Gute. Wenn alle Menschen Gutes tun, wird schon alles gut.» Das Gute, ach herrjemine. Was soll bloß aus China werden, wenn demnächst alle hier so drauf sind wie Bart?


Meine Sorgen um China sind sofort vergessen, als wir oben auf dem Berg stehen. Ich bin so überrascht, dass ich für einen Moment sogar vergesse zu atmen. Beim Aufstieg hatte es so ausgesehen, als würden wir auf einem schmalen, mit verkrüppelten Bäumen bestandenen Bergrücken landen. Jetzt aber breitet sich vor uns eine kilometerweite Wiese aus, von der aus man auf andere Bergwiesen schauen kann, die bis zum Horizont reichen wie ein Ozean. Die Wiese ist mit gelben, blauen und weißen Blumen übersät, und in kleinen Senken haben sich Teiche gebildet, in denen Yaks stehen und baden. Ganz am Ende ragen ein paar Mauern aus dem Grün, drum herum flattern zerzauste Gebetsfahnen. Und am Horizont nähern sich zwei tibetische Reiter, hinter denen ein kleines Fohlen trottet. Das hier ist der schönste Ort der ganzen Reise, keine Frage. Am meisten aber erschüttert mich der von dünnen Schleierwolken durchzogene blaue, unfassbar helle Himmel, und mir fällt ein, was Paul Theroux in seinem Buch «Riding the Iron Rooster» (auf Deutsch: «Das chinesische Abenteuer») über Tibets Himmel schrieb: «Ich hatte noch nie in meinem Leben solch ein Licht gesehen – der Himmel war wie ein glänzender See. Ich dachte: Wenn irgendwo stranden, dann nur hier.» Aber vielleicht ohne Bart, füge ich für mich hinzu …, der neben mir begeistert mit der Agenturzentrale in Chengdu telefoniert.


Am letzten Tag in Westsichuan regnet es wieder. Das unglaubliche Licht ist futsch, sofort wirkt das ganze Land deprimierend auf mich und ein wenig angsteinflößend. Das Wetter hier auf dem Hochplateau ist das bisher seltsamste auf dieser Reise. Regen und Sonne wechseln sich im Tagesrhythmus ab. Aber besser hier zu sein als zum Beispiel in Chongqing, das sicher noch unter Wasser steht. Wo sind wir eigentlich genau? Bart hat mir gestern den Namen des Dorfes nicht gesagt, also frage ich ihn, als der Jeep gerade wieder auf die 318 einbiegt. Er liest mir den Wegweiser vor, der ins Tal zeigt. «Da steht: Kanba-Dorf der Kanba-Leute.» Sehr interessant. Das ist so, als würde sich in Bayern ein Dorf nur «Bayerisches Dorf der Bayern» nennen, denn Kanba heißt Khampa auf Chinesisch. Natürlich können die Dörfler schreiben, was sie wollen. Aber wenigstens Bart sollte den wirklichen Namen wissen. Doch mein exklusiver Reiseführer hat mal wieder keinen Schimmer.

Langsam ärgert mich das doch, auch wenn ich ja vorher wusste, dass ich nichts von ihm erwarten darf. Aber wie kann man sich so wenig für eine Landschaft interessieren, wenn man hier mehrmals im Jahr durchfährt? Bart kennt weder die Namen der meisten Flüsse, noch weiß er, wie hoch die Berge sind, die uns umgeben oder die wir überqueren. Auch die tibetischen Namen von Städten und Dörfern sind ihm nicht geläufig, weil er kein einziges Wort Tibetisch spricht. Dabei hat Bart, wie ich auf der gestrigen Wanderung auch erfahren habe, vier Jahre lang als Aussteiger in Lhasa gelebt. Aber: «Für uns Chinesen ist es schwer, diese Sprache zu lernen. Sie ist so anders.» Und was soll für mich Chinesisch sein? Vielleicht ein deutscher Dialekt?

Am meisten aber nervt, dass Bart knausert, und zwar mit meinem Geld. Das wird so richtig klar, als wir nach Litang kommen, der vorletzten Stadt vor der tibetischen Grenze. Sie liegt recht imposant auf einer über viertausend Meter hohen, langgestreckten Ebene. Wir erreichen die Stadt ausgerechnet einen Tag vor dem berühmten Pferdefestival, das seit über sechshundert Jahren einmal jährlich Anfang August stattfindet. Khampas aus allen Ecken des Landes kommen hierher, aber auch Touristen aus der ganzen Welt. Weil ich die Homepage von Barts Agentur gelesen habe, weiß ich, dass auf der Standardtour von Chengdu nach Lhasa normalerweise in Litang übernachtet wird. Doch während des Festivals sind Bart die Hotels zu teuer: «Eine Übernachtung übersteigt leider im Moment den Etat.»

Immerhin darf ich mir das Festivalgelände ansehen, wo ein großes Lager aus weißen Zelten aufgebaut ist, zwischen denen Volkstanzgruppen die Generalprobe für die morgige Eröffnungsfeier abhalten. Es sieht aus wie die Vorbereitungen zu einem tibetischen Woodstock, doch Bart bleibt eisenhart. «Du hast zwanzig Minuten», sagt er, und ich jage bei eisigem Wind über den weiten Platz, um von alten Frauen mit Gebetsmühlen, Kindern mit roten Backen und jungen Damen in Kleidern mit zwei Meter langen Ärmeln die Standard-Tibetfotos zu machen, die man im Westen so gerne sieht.

Nur beim Fahren können wir nicht hetzen, weil das die Straße nicht erlaubt. Nach Litang geht es den Haizi-Shan-Pass hinauf bis auf 4695 Meter Höhe. Das ist nur noch gut hundert Meter niedriger als der Mont Blanc und für mich, der ich es eigentlich nicht so mit Bergen habe, ein neuer absoluter Lebenshöhenrekord. Die Grenzstadt Batang erreichen wir am frühen Abend. Bis hierhin hätte ich es auch ohne Bart geschafft, obwohl der Lonely Planet Leuten ohne Tibet-Permit empfiehlt, in Batang ein Bus-Rückfahrticket in der Tasche zu haben. Das soll helfen, Ärger mit der lokalen Polizei zu vermeiden, die hier besonders gut auf Ausländer aufpasst. Von Batang aus sind es nur noch dreißig Kilometer bis zur tibetischen Grenze, und jeder Fremde, der allein kommt, wird verdächtigt, illegal in die Nachbarprovinz zu wollen, um dort Land und Leute zu verderben.

Obwohl ich kein Illegaler bin, ist mir trotzdem etwas mulmig, als ich am Abend allein durch die kleine Stadt spaziere. Eventuell geht ja doch im letzten Moment noch etwas schief? Vielleicht hat man ja ganz oben inzwischen von meiner journalistischen Vergangenheit Wind bekommen? Oder vielleicht war die von Anfang an bekannt, und Bart ist nur dabei, um aufzupassen, dass ich garantiert nicht rüberkomme. Das würde auch erklären, warum er von nichts eine Ahnung hat. Und warum muss er eigentlich die ganze Zeit telefonieren und mit wem? Er ist doch vorher nie ans Telefon gegangen? Irgendetwas stimmt da nicht, und das macht mich nervös. Die Wahrheit werde ich aber erst morgen erfahren.


Heute freue ich mich noch einmal darüber, dass Bart sich zur Feier des Tages nicht hat lumpen lassen und wir in einem schönen Hotel abgestiegen sind, das fließend Wasser hat, echten Strom und eine Dusche mit eingebauten Massagedüsen, mit Licht und Radio, die als mobile Kabine in das Badezimmer gestellt wurde. Herrlich! Duschen! Nachdem es gestern nur eine Waschschüssel und vorgestern ein Waschbecken gab. Sogar ein Schild an der Kabinentür begrüßt mich freundlich: «Welcome to use products of our company. Wish to bring beautiful enjoy to you. This is our aim of service.» Meine Freude währt allerdings nur so lange, bis ich die Dusche betrete. Weil sich dabei ihr Schwerpunkt verlagert, kippt die ganze Kabine beinahe um, und als sie sich stabilisiert hat, gibt es kein Wasser. Mal sehen, was auf dieser Reise noch so alles kippen wird. Ich hoffe nur, dass ich das nächste Mal nicht schon wieder nackt bin.