Im Expatsumpf
In Shanghai droht das Projekt zu scheitern, bevor es begonnen hat. Ein rappender Professor, eine amerikanische Tierschützerin, ein deutsch-ungarischer Architekt, Mädchen in Miniröcken und der deutsche Bundespräsident wollen verhindern, dass unser Held weiterzieht. Es gelingt ihm aber trotzdem.
Einer meiner Bekannten ist Peter, ein Architekt, der in Berlin, Budapest, Paris, New York und noch zehn Städten gelebt hat und in Shanghai hängengeblieben ist, «weil man», wie er sagt, «zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur in China leben kann». Er hat mich eingeladen, in einem der Häuser, die er ausbaut, zu wohnen. Ich kenne das Haus schon, denn Peter hat es mir bei meinem letzten Besuch gezeigt. Da war es noch eine Baustelle, der totale Rohbau. Es gehört Peters Freund Fred, den ich auch schon mal getroffen habe. Ich habe keine Ahnung, was Fred macht. Ich glaube, er ist der Mann, der den Chinesen die ganze europäische Milch verkauft, sodass in Deutschland die Milchpreise steigen. Fred ist auf Dienstreise, hatte Peter mir gemailt. Und dass er nichts dagegen hat, wenn ich eine Zeitlang in seinem Haus wohne.
Der Zug fährt auf die Minute pünktlich in den Bahnhof von Shanghai ein. Und das bei einer Distanz von tausendzweihundert Kilometern, das soll die Deutsche Bahn erst mal nachmachen. Ich nehme ein Taxi in die französische Konzession, das frühere französische Viertel im Südwesten der Stadt. Freds Haus steht abseits der Hauptstraße in einer Gasse, die auch irgendwo in Südfrankreich sein könnte. Kleine Palmen wachsen in den Vorgärten, und einige der Hauseingänge werden von Papageien bewacht.
Peter begrüßt mich kurz und trocken, wie sich das gehört, und führt mich erst einmal stolz durchs Haus, das noch nicht ganz fertig ist, aber fast. Es ist sehr schön geworden. Der Fußboden ist aus Teak, das aus alten Tempeln stammt, die Bäder sind mit weißem Bisazza verkleidet, und in einem gläsernen Lichtschacht wächst Bambus vom Erdgeschoss bis zur Dachterrasse. Am meisten imponiert mir das Zickzack-Treppenhaus, das aussieht, als sei es aus einem Bild von M. C. Escher gefallen. Peter erklärt: «Ich habe die Treppe dreimal angefangen, bis sie passte.» – «Dafür», lobe ich, «ist sie jetzt perfekt.» – «Ja. Vergiss das neue Olympiastadion in Peking, den CCTV-Tower von Rem Kohlhaas, das Nationaltheater am Tian An Men von diesem Franzosen. Die Entwürfe sind okay. Aber sie wurden miserabel ausgeführt. Es gibt nur ein Bauwerk, das was taugt in China. Und das ist dieses hier.» Ich habe vergessen zu erwähnen, dass Peter auch ein bisschen größenwahnsinnig ist, aber nur so kann man es hierzulande zu etwas bringen.
Am nächsten Morgen weckt mich Klavierspiel. Im Nachbarhaus übt jemand Tonleitern. Ich kann das Klavier hören, weil es sonst in der Gasse absolut ruhig ist. Das ist ungewöhnlich in einer chinesischen Großstadt, und ich kann im ersten Moment nicht glauben, dass ich immer noch in China bin. Auch der Inhalt von Freds Kühlschrank ist sehr unchinesisch: Hier stehen je ein Glas «Kühne milde Chili Schoten» und «Rote Bete». Nicht gerade mein Lieblingsfrühstück.
Also gehe ich ins Coffee Bean. Der Laden ist bereits voller Laowai, wie die Chinesen uns Ausländer nennen. Wörtlich übersetzt heißt das «der Alte von draußen». Das soll respektvoll gemeint sein, steht in den Lehrbüchern. Manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Ich muss mir nur mal das Publikum in diesem Laden ansehen. Ein Amerikaner in Shorts und Holzfällerhemd steht im Eingang und erklärt gerade jemandem per Handy, wo er ist: «Yes, Coffee Bean. A kind of Starbucks.» Dabei kratzt er sich am Sack. Seltsamerweise tun das Chinesen nie. Sie streichen sich öffentlich über den nackten Bauch, prokeln an ihren Füßen rum oder stochern sich zwischen den Zähnen, aber ihr Skrotum lassen sie in Ruhe. Weshalb das so ist, könnte die Wissenschaft bei Gelegenheit mal klären.
Ich frühstücke im Coffee Bean mit schlechtem Gewissen. Eigentlich sollte man, so denke ich, auf einer chinesischen Reise auch chinesisch frühstücken, aber davor schrecke ich noch zurück. Chinesisches Frühstück ist eine Herausforderung, selbst für mich, der ich sonst alle chinesischen Gerichte esse: Zu einem geschmacklosen Reisbrei, der mit Senfpickles oder dunklen Klumpen gewürzt wird, werden in Öl gebackene Teigwürste gereicht, die auf Chinesisch You Tiao heißen, Ölstangen, kaum verdauliche Salate und in Tee eingelegte, harte Eier. Kaffee gibt es keinen, meist auch keinen Tee, sondern nur süße Sojamilch, die zu allem Überfluss lauwarm ist.
Meine erste wirkliche Chinesischlektion dieser Reise gibt es dann ein Thunfischsandwich und einen Cappuccino später – in Freds Haus. Als ich dorthin zurückkehre, ist es voller Handwerker, zwischen denen Peter aufgeregt herumläuft, mit Wasserwaage und Zollstock. «Das angelieferte Gartentor», ruft er mir zur Begrüßung entgegen, «ist ein Riesenscheiß. Das Schloss sitzt nicht an der richtigen Stelle, der Feststeller fehlt, das Stahlblech ist miserabel verschweißt.» Auch das schmiedeeiserne Geländer für den Balkon im ersten Stock macht Probleme. Es ist zu klein und schief und wackelt. «Das könnt ihr gleich wieder mit nach Hause nehmen», sagt Peter, und sein chinesischer Freund Zip übersetzt. Der Handwerker dagegen glaubt, das Geländer sei noch zu retten. Er will hier ein bisschen was ändern, da ein bisschen was. «Dann passt das schon. Chabuduo’r.» Chabuduo’r heißt so viel wie ungefähr, in etwa. Es ist aber nicht bloß eine Vokabel, sondern eine ganze Weltanschauung: Nicht nur übertriebener Perfektionismus ist den Chinesen ein Gräuel, Perfektionismus überhaupt.
Genau betrachtet ist das eine sympathische Lebensphilosophie, die wohl mit dafür sorgt, dass die Chinesen so entspannt wirken. Doch einen Deutschen kann das dauernde «Passt schon» wahnsinnig machen, selbst wenn er, wie Peter, ein halber Ungar ist. Ihm stehen die Tränen der Wut in den Augen. «Von wegen ‹Chabuduo’r›. Ihr nehmt das wieder mit.» Wortlos lassen der Handwerksmeister und seine Gehilfen das Geländer vom Balkon herunter und schweißen es im Garten auseinander. Auch das Gartentor wird eingepackt. Dann verabschieden sie sich ohne weiteren Widerspruch. Ich staune: Da haben sie mindestens zwei Tage umsonst gearbeitet, aber keiner zetert, jammert oder protestiert. Verdammt, so gelassen wäre ich auch gerne.
Probeweise fange ich gleich mal an mit der Gelassenheit: Eigentlich wollte ich mich gleich nach meiner Ankunft darum kümmern, wie ich weiterkomme, doch jetzt sage ich mir: Es muss ja nicht sofort losgehen. Außerdem hat mich Peter für heute Abend eingeladen. Eine Bekannte von ihm stellt ein Buch vor, und ich soll unbedingt dabei sein. Peters Argument: «Du schreibst doch auch.» Dagegen kann ich schlecht was sagen. Außerdem findet die Lesung im M on the Bund statt, dem Treffpunkt der Reichen und der Mittelreichen an Shanghais berühmter Uferpromenade, dem Bund. Ins M wollte ich schon immer mal, allein um rauszukriegen, wofür das M steht.
So schlendere ich am Abend den Bund entlang, der auf Chinesisch gar nicht so heißt, sondern Zhongshan Lu, die Sun-Yatsen-Straße. Den Namen Bund hat dieser Boulevard am Huang-Pu-Fluss von den Ausländern bekommen, die sich im 19. Jahrhundert große Teile Shanghais unter den Nagel gerissen hatten. Auch die rund fünfzig historischen Gebäude, die hier stehen, haben sie gebaut. Die Häuser stammen zum größten Teil aus den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, als Reiseführer schrieben, Shanghai sei das «Paris des Ostens», das «New York des Westens» oder einfach «die kosmopolitischste Stadt der Welt». Damals entstanden hier Filialen internationaler Banken, Konsulate, Zeitungsredaktionen und Hotels. Im Zentrum des ganzen Ensembles befand sich die Zentrale der Hongkong-Shanghaier Bankgesellschaft, 1923 von britischen Architekten gebaut, seinerzeit das zweitgrößte Bankgebäude der Welt. Darin residierte zwischenzeitlich die Shanghaier Stadtregierung, aber seit 1997 gehört das Gebäude wieder einer Bank. Wer ihre marmorüberladene Kassenhalle betritt, fragt sich auch heute noch unwillkürlich, wo es zu den Zügen geht, so gigantisch wirkt dieser Geldverschiebebahnhof.
Das Gebäude, in dem sich das M on the Bund im sechsten und siebten Stock befindet, ist etwas weniger spektakulär. Es beherbergte einst eine japanische Schifffahrtsagentur, die nicht ganz so viel Geld für Marmor hatte. Die Bar ist trotzdem nicht zu verachten, und am schönsten sind die großen Fenster und die Dachterrasse, von der aus man über den Huang Pu sehen kann und den ganzen Bund entlang. Trotzdem bekomme ich einen Schreck, als ich den Laden betrete. Von einem Aufsteller schaut mich ein kleiner Terrier aus traurigen Knopfaugen an. Darunter steht: «Share your heart and your home with an animal.» Ich bin in eine Veranstaltung von Tierschützern geraten. Davon hatte Peter nichts gesagt.
Ich habe nichts gegen Tiere; solange sie mich nicht beißen oder mir vor die Füße scheißen, ist alles okay. Dasselbe gilt für Tierschützer. Normalerweise gehe ich allerdings nicht auf ihre Partys. Aber was soll’s: In China tue ich dauernd Sachen, die ich zu Hause niemals tun würde, macht nichts, hier kennt mich ja kaum einer. Ich heiße sogar anders. Peter stellt mich Carol vor. «Das ist Chris. Er will von hier aus durch ganz China reisen.» – «Oh, du Armer …», sagt Carol mit dieser künstlichen Quäkstimme, mit der Amerikanerinnen gerne zu ihren Haustieren oder Babys sprechen. Carol ist klein, schlank, rothaarig und außerdem die Gründerin und Vorsitzende der Bewegung. Wenn sie ein Tier wäre, dann wäre sie ein Frettchen; ein Nagetier, vor dem ich mich zeit meines Lebens gefürchtet habe, allein weil es so unersättlich ist. Carol ist auch die Autorin des Buches, das heute Nachmittag vorgestellt wird, von ihr selbst, barfuß und in einem schwarzen Cocktailkleid. Dazu setzt sich Carol auf eine kleine Bühne, auf der neben Carols Sessel auch eine Flipchart steht, die rund dreißig postkartengroße Carol-Fotos zeigt. Das Buch handelt von Carols grauen Haaren, die in den letzten Jahren mehr und mehr geworden sind, auf Carols Frettchenkopf. Außerdem geht es um die sechsundzwanzig Jahre ihres Lebens, die sie in Asien zugebracht hat, darum, dass es in China kein anständiges Mittel zum Haarefärben gibt, und ihren ersten Liebhaber, einen Griechen.
Das Publikum ist von Carols Vortrag hingerissen. Es besteht zu drei Vierteln aus kaukasischen Frauen aller Alters-und Gewichtsklassen, zum größten Teil Mitglieder der Tierschutzsekte, die, wie ich an ihren Augen sehe, ihre kleine Vorsitzende rückhaltlos bewundern. Chinesinnen gibt es auch ein paar, doch die meisten sind ABC, was American Born Chinese bedeutet, oder mit Ausländern verheiratet. Unterrepräsentiert sind die chinesischen Männer, vermutlich weil chinesische Männer meist ein deutlich kulinarischeres Verhältnis zu Tieren haben. Carols Verein, so sagt Carol, würde einem einheimischen Tierarzt kein Tier anvertrauen.
Auch die chinesischen Behörden stehen für sie auf der anderen Seite des Schützengrabens. Das lese ich in einem Interview, das Carol einem Magazin gegeben hat und das am Büchertisch ausliegt. Hier empört sie sich über die Stadtverwaltung Pekings, die unregistrierte Hunde einfangen und töten lässt: «In Shanghai könnte das nicht passieren. Die Polizei müsste uns erschießen, um an unsere Haustiere zu kommen.» Ähnlich leidenschaftlich berichtet Carol jetzt auf dem Podium davon, wie sie ihren Mann aufgerissen hat. «Ich bin gleich die erste Nacht mit ihm ins Bett gegangen.» Da brandet spontan Beifall auf im Publikum. Die Lesung endet überraschend mit einem durchdringenden Schimpansenschrei. Carol grüßt damit eine gute Freundin, die sie in einer Ecke der Bar erspäht hat. Sie ist also vielleicht doch kein Frettchen, sondern ein Hominide. Inzwischen sind etliche Männer in die Bar gekommen, denn die Trinkenszeit ist angebrochen. Sie begrüßen sich, indem sie mit dem Zeigefinger aufeinander zeigen. Einer von ihnen, ein gutgenährter 45-Jähriger mit Halbglatze, heißt Matthew. Ich weiß es, weil er sich den Namen mit Kreppklebestreifen auf sein rotes «Shanghai»-T-Shirt geklebt hat. «Hi», begrüßt er mich, «ich bin Matthew, der rappende Professor.» Damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet, aber auf jeden Fall ist Matthew eine willkommene Abwechslung nach all dem Tierschutzkram. «Aha, und das heißt?», frage ich interessiert. «Ich bringe Chinesen Englisch bei. Rappend.» – «Wie das?» – «Ungefähr so: Yeah! I’m the rapping professor and this is what I do, bringing special songs and poems and raps to you …» In diesem Moment wird Matthews Flow unterbrochen. Eine Frau in einem roten Abendkleid verkündet, Edith habe die Flasche Tierschutzchampagner von Taittinger gewonnen und Mary die Nacht für zwei im Tierheim, Entschuldigung, im Grand Hyatt natürlich.
Die Durchsage wäre eigentlich ein guter Anlass für Matthew, sich mit mir normal weiter zu unterhalten, aber er bleibt auch danach beim Rap. Das wird mir nun doch ein bisschen zu viel. Ich seh schon: Auch dieser Mann ist einer der typischen Expats mit «Ideen». Davon hatte ich schon in Peking einige getroffen. Das Problem bei diesen Leuten ist oft, dass die «Idee» nicht so gut funktioniert, wie sie anfangs glaubten. Auch bei Matthew läuft es nicht richtig rund: «Ich lasse mich für Business-Events und Feiern buchen. Aber die Chinesen sind ein undankbares Publikum. Sie unterhalten sich laut oder telefonieren, während ich auf der Bühne stehe. Außerdem hat mich mein Vermieter rausgeschmissen, ich stehe auf der Straße.» – «Das ist übel. Und wo schläfst du jetzt?» – «Keine Ahnung. Vielleicht reiße ich für heute Nacht die kleine Inderin da vorne auf …» Ich bin etwas skeptisch, bei seiner Frisur und seinem Bauchansatz. «Du meinst, du kannst bei dieser extrem gut aussehenden Inderin landen?» – «Klar, Mann, schließlich bin ich so was wie ein Popstar. Ich habe gerade einen Song aufgenommen, ein Plädoyer für den Frieden im Irak. Willst du mal hören?» Nein, eigentlich will ich nicht, aber einen rappenden Professor kann offenbar keiner stoppen: «My motherland is filled with tanks and tears/bombs and fears/drowning our ears in pain, amid the flames/everywhere troops and guns …»
Nach zehn Minuten schaffe ich es, mich von Matthew loszueisen, nur nutzt das nicht viel. Der nächste Mann, den ich treffe, ist ein schlaksiger Australier um die sechzig, der sagt, dass er Cartoons zeichnen, schreiben und dichten kann, und mir eine Visitenkarte gibt, auf der als Berufsbezeichnung «Great Australian» steht. Allerdings sind der Rapprofessor und der Berufsaustralier letztlich harmlos. Unangenehmer sind die echten Business-Leute, die mir im Laufe des Abends über den Weg laufen. Zwei unterhalten sich neben mir über die Bauernaufstände, die es letzte Woche in Südchina gab: «Es wird nicht mehr lange dauern, bis China crasht.» – «Genau. Und wenn dann alle abhauen, kaufen wir.»
Am Ende des Abends habe ich immer noch nicht rausbekommen, wofür das M in M on the Bund steht. «Motherfuckers» kann es nicht sein, denn dann würde sicher Carol ihr Buch hier nicht präsentieren. Mich beschleicht wieder die Angst, dass ich in China niemals mehr aus diesen Kreisen herauskomme und aus mir am Ende auch so eine originelle Nummer wird: ein tierschützendes Frettchen, ein rappender Deutschlehrer oder – wenn es ganz böse läuft – ein zynischer Chinainvestor. Morgen, schwöre ich mir, muss ich mich auf jeden Fall um meine Abreise kümmern.
Das ist einfacher gesagt als getan. Meine gute Straßenkarte von Südchina sagt mir zwar, dass die Nationalstraße 318 in Shanghai beginnt, aber ich kann nicht in Erfahrung bringen, wo genau. Auch kann mir keiner verraten, wie man diese Stadt per Bus verlässt. Mehrere Tage durchkämme ich die Stadt vergeblich nach einer Touristeninformation. Auch Peter weiß von nichts, genauso wie jeder andere Westler, den ich in den nächsten Tagen treffe. Jeder von ihnen ist in die Stadt mit dem Flugzeug gekommen, und wenn sie sie verlassen, dann auch so; ein paar haben sogar schon mal den Zug genommen, aber noch nie einer den Bus.
Auch Leonie, Herta und Eva wissen von nichts, obwohl auch sie schon einige Zeit in Shanghai wohnen. Ich treffe sie an meinem dritten Abend in einem chinesischen Restaurant. Ich kenne keine von den dreien. Doch Leonies Mutter bewahrte mich einst in der albanischen Erdölstadt Fier davor, mich im Rakirausch aus dem Fenster zu stürzen. Das reicht allemal für eine Verabredung in China. Leonie hat gerade das Abitur gemacht und ist für ein Praktikum nach Shanghai gekommen. Früher wollte sie Veterinärmedizin studieren, weil sie ein krankes Pony hat, doch inzwischen soll es Sinologie sein. Ich finde es interessant zu sehen, wie schnell das heutige China die jungen Leute rumkriegt. Und womit: «Am meisten mag ich», sagt Leonie, «dass ich beim Essen rumsauen darf.» Das mag ich übrigens auch, auf der Suche nach der 318 bringt es mich allerdings nicht weiter.
In jedem anderen Land der Welt würde ich das Straßenverkehrsamt anrufen, aber was mache ich in China? Ich habe hier noch nie ein Telefonbuch gesehen, und wenn ich eins in der Hand hielte, könnte ich es nicht lesen. Auch beim Bummeln durch die Stadt werde ich kaum zufällig über die 318 stolpern. Die Nationalstraßen sind in den Innenstädten nicht markiert. Es bleibt also nur der Stadtplan. Dort beginnt die 318 am Stadtautobahnring, ungefähr zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Verlängert man aber die Straße über den Ring hinaus Richtung Stadtmitte, geht sie durch die ganze Stadt hindurch, bis sie als Nanjing Lu am Huang-Pu-Fluss endet.
Das ist eine kleine Entdeckung, denn die Nanjing Lu ist nach dem Bund die berühmteste Straße Shanghais. Sie führt am Platz des Volkes vorbei, wo etliche der schönsten historischen Gebäude Shanghais stehen: das Shanghaier Kunstmuseum, das bis in die dreißiger Jahre hinein der von den Briten gegründete Pferderennclub war, das Grand Cinema und das Park Hotel, beide erbaut von dem ungarischen Architekten László Hudec. Das Kino galt einst als das modernste auf der ganzen Welt; es verfügte sogar über ein Simultanübersetzungssystem, das man in alle 1913 Sitze eingebaut hatte. Das Hotel, ein kleines Art-déco-Wunder, soll bei seiner Eröffnung mit vierundzwanzig Stockwerken Asiens höchstes Gebäude gewesen sein, und noch bis in die Mitte der achtziger Jahre war es das höchste Haus in der ganzen Stadt.
Doch das sind nicht die einzigen Superlative, die die Nanjing Lu zu bieten hat. Schon immer war sie DIE Einkaufsmeile Chinas, dort wurden die ersten großen Kaufhäuser des Reiches hochgezogen. Im The Sun fuhren seit 1934 die ersten Rolltreppen. Nach der Revolution wurde das Kaufhaus in Department Store No. 1 umbenannt; für lange Zeit das beste Kaufhaus des Landes. Dieses Kaufhaus steht immer noch, hat aber mittlerweile gleich nebenan zig moderne Shoppingmalls als Konkurrenz. Heute gilt die Nanjing Lu mit ihren insgesamt sechs Kilometern Länge als eine der längsten Einkaufsstraßen der Welt. Und auch wenn ich noch nicht weiß, wie ich aus dieser Stadt rauskommen soll, weiß ich wenigstens schon mal, dass genau auf dieser Straße meine lange Reise beginnt.
Deshalb nehme ich mir noch einen Tag, um mir die Nanjing Lu einmal genauer anzuschauen. Ich will die Stimmung hier testen, Leute sehen und schließlich irgendwo an dieser Straße feiern, dass es jetzt wirklich losgeht. Dabei sollen mich die großen Sehenswürdigkeiten nicht interessieren. Deswegen lasse ich am nächsten Morgen auch den Jing’an Si links liegen, einen monströs hässlichen buddhistischen Tempel, der vor vier Jahren mit viel Beton zu einer Art buddhistischer Wolfsschanze ausgebaut wurde. Noch scheußlicher ist nur eine Aluminiumskulptur, die vor dem Rathaus des Jing’an-Distriktes steht. Sie sieht aus wie eine zerschnittene Version der Bremer Stadtmusikanten und heißt Cavallerie Eroica. Eigentlich ist es aber gar nicht die Skulptur, die mein Interesse weckt, sondern das englischsprachige Schild darunter. Wie sehr oft in China erklärt es erst einmal, was man sieht oder sehen soll: «‹Cavallerie Eroica› shows the dynamics and the rythm of a galloping horse with its head raised high and hooves flying.» Dann erklärt es, was das Dargestellte bedeutet: «A soaring ‹touch-and-go virility›, that demonstrates the city promising and aggressiveness.» So stellt man sich also in diesem Distrikt-Rathaus Shanghai vor.
Ich will mir den Quatsch in seinem lausigen Englisch gerade notieren, da setzen sich zwei Männer zu mir auf den Bordstein, zünden sich eine Zigarette an, und es entspinnt sich der erste deutsch-chinesische Dialog dieser Reise. So etwas Ähnliches zumindest. Ich glaube, ich habe schon gesagt, dass es mit meinen Chinesischkenntnissen nicht weit her ist. Ich kann ein paar Standardsätze und dazu noch ein paar Vokabeln. Zum Glück ist aber Chinesisch keine sehr komplizierte Sprache, sodass man mit wenig oft erstaunlich weit kommt. Das Verstehen ist noch leichter, weil man nach ein paar Monaten Hörtraining in der Lage ist, einzelne Wörter im chinesischen Redefluss zu unterscheiden. Normalerweise reicht es dann, ein Verb und ein Substantiv erkannt zu haben, um ungefähr zu wissen, was gemeint ist, denn wie in jeder anderen Sprache, so ist auch hier das meiste des Gesagten ohnehin überflüssig.
Besonders einfach ist es natürlich, wenn ein Chinese den Dialog mit einer Wendung beginnt, die er für Englisch hält. So wie jetzt: «Armani clock? Very gudde.» Das scheint die Standardbegrüßung für Ausländer in Shanghai zu sein; ich habe sie schon bei meinen früheren Aufenthalten hier immer wieder gehört. Ich habe mir damals auch eine Standardantwort zurechtgelegt, die eigentlich jeder Ausländer in China beherrschen sollte: «Bu yao», ich will nicht. Vom nächsten Satz verstehe ich nur zwei Worte: «ni» und «guo jia». Das heißt «du» und «Heimatland». «De guo», gebe ich zurück, «das Land der Tugend», wie Deutschland in China schmeichelhafterweise heißt. «De guo ren you hen duo qian», Deutsche haben viel Geld. Auch diese Ansicht wird in China öfter geäußert, wie man sich überhaupt sehr gerne über das Thema Geld unterhält. Den Geldbesitz weise ich in dieser Pauschalität zurück: «Wo mei you», ich habe keins. Doch das will man mir nicht so einfach glauben: «Deine Schuhe sehen teuer aus. Was haben sie gekostet?» – «Bu gao su ni», das sage ich dir nicht. – «Deine Uhr ist auch teuer. Willst du tauschen? Du bekommst die Armani-Uhr dafür.» Jetzt würde ich gerne antworten: «Ich bin doch nicht bescheuert», doch dafür reicht mein Wortschatz leider nicht.
Auch wenn deshalb dieses erste Gespräch mit echten Chinesen nicht zu meiner vollsten Zufriedenheit endet, bin ich trotzdem ein bisschen stolz darauf, dem Wortwechsel über eine so lange Strecke standgehalten zu haben. Für einen Mann, der mir nur etwas später dort entgegenkommt, wo die Nanjing Lu in den Platz des Volkes mündet, ist eine Diskussion offenbar nicht ganz so erfreulich ausgegangen. Schreiend läuft er auf der Mitte der Straße und blutet dabei kräftig aus der Nase. Sein Gesicht ist schon ganz rotverschmiert, und weil er schneeweiße Kleidung trägt, wirkt das Blut doppelt rot.
Ich fliehe vor diesem Anblick und dem Geschrei in die ruhige Stadtplanungshalle, die auch am Platz des Volkes liegt. Anhand des angeblich «größten Stadtplanungsmodells der Welt» kann man sich hier ein genaues Bild davon machen, wohin diese Stadt sich zu entwickeln gedenkt. Besonders rosig scheint die Zukunft nicht zu sein. Wer sich das Modell nämlich genau ansieht, muss glauben, Shanghai stehe ein großes Erdbeben bevor. Die Brücken des Stadtautobahnrings sind an verschiedenen Stellen zusammengebrochen, die Bäume nur noch Stümpfe, manche Hochhäuser schwanken bedenklich. Am schlimmsten hat es den neuen Stadtteil Pudong erwischt: Dort blockiert rotes Kitkat-Papier gleich mehrere Straßenzüge. Besorgt frage ich einen Angestellten nach der Ursache für die Katastrophe: «Wie wird das Modell eigentlich gesäubert?» Diesmal spricht man englisch: «Die Putzfrauen laufen mit Staubsaugern auf dem Huang-Pu-Fluss.» – «Aber so», gebe ich zu bedenken, «kommen sie doch nur an einen Bruchteil der Stadt heran.» – «Für den Rest nehmen sie lange Stöcke, an denen Staubwedel befestigt sind.» Aha, und mit denen wird über kurz oder lang die ganze Stadt zertrümmert.
Erst die beiden aufdringlichen Uhrenhändler, dann der Verprügelte, jetzt das halbzerstörte Stadtmodell: Ganz so unrecht, denke ich, scheint der Betexter des heroischen Reitereidenkmals doch nicht zu haben. Auf jeden Fall ist dieser Stadt eine gewisse Grundaggressivität nicht abzusprechen. Gut, dass zumindest die echte Nanjing Lu noch steht. Der letzte Abschnitt, der sich zwischen dem Platz des Volkes und dem Huang-Pu-Fluss erstreckt, ist eine Fußgängerzone, und was hier auf mich zukommt, weiß ich schon von Jörn und Philipp, meinen lustigen Freunden aus Berlin. Ich muss auch wirklich nicht lange warten. Eine kleine, kompakte Frau kommt auf mich zugeschossen, bleibt nur dreißig Zentimeter vor mir stehen und quietscht: «Massatschieee?» – «No, thank you», antworte ich erschrocken. «But me very beautiful.» Das stimmt nun gar nicht, und ich muss lachen. «Yes, too beautiful», sage ich schnell, und ich mache, dass ich weiterkomme. Ich grinse noch, als schon eine zweite Frau vor mir steht. Diese ist tatsächlich sehr schön, und weil sie das weiß, muss sie es mir nicht sagen. Sie hat auch einen guten Blick. «Du bist aus Deutschland», sagt sie mir auf den Kopf zu. «Woher weißt du das?» – «Ich weiß noch viel mehr. Du wirst mit mir ein Bier trinken gehen.» Das ist zwar eine der schönsten Prophezeiungen, die eine schöne Frau einem nicht ganz so schönen Mann machen kann. Trotzdem sage ich auch zu ihr nein. «Ich kann dieses Wort nicht leiden», sagt sie schmollend und ist schon wieder weg.
Ich gebe zu, es ist nicht unangenehm, als Mann in leicht vorgerücktem Alter von jungen Mädchen auf der Straße angesprochen zu werden. Aber ein bisschen lästig wird es schon, wenn sie alle drei Minuten ankommen. Noch mehr nervt allerdings, wenn zwei langbeinige Girls in Miniröcken einen kurz mustern, die eine dann der anderen einen fragenden Blick zuwirft, worauf diese abschätzig die Mundwinkel verzieht und beide an mir vorüberziehen, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen. Das ist Jörn und Philipp nicht passiert. Sie sind gleich mit den ersten Mädchen mitgegangen, in eine Bar. Die Jungs bestellten Bier und die süßen Mädchen doppelte Whiskeys. Ob die echt waren, kann bezweifelt werden. Die Rechnung allerdings war nicht gefälscht. Sie betrug viertausendeinhundert Yuan, umgerechnet vierhundertzehn Euro, was ungefähr dem Monatsgehalt eines höheren Angestellten in China entspricht. «Dabei hat mir meine», erzählte Jörn später, «noch nicht einmal zugehört, als ich über mein Lieblingsthema, deutsche Indiebands, gesprochen habe.» Die «aggressiveness» in dieser Stadt kennt eben keine Grenzen.
So bin ich froh, dass ich mich unbeschadet bis zum Anfang der Nanjing Lu durchschlagen kann, der gleichzeitig der Nullpunkt meiner Nationalstraße sein muss. Dort steht das berühmte Peace Hotel, dessen Front auf den Bund sieht. Vor der Revolution sind hier Charlie Chaplin und George Bernard Shaw abgestiegen, und Noël Coward schrieb hier sein erfolgreichstes Theaterstück. Schon damals gab es in dem Hotel im obersten Stockwerk eine legendäre Jazzbar. Hier will ich auf den Anfang der Reise und der Straße etwas trinken und dabei über den Huang-Pu-Fluss nach Pudong hinüberblicken. Dort steht das ganze Science-Fiction-Ensemble, mit dem jeder Artikel in einer westlichen Zeitung über das moderne China illustriert wird: der Oriental Pearl Tower, immer noch der höchste Fernsehturm Asiens, das metallisch blitzende Jin-Mao-Hochhaus, das fünfthöchste Gebäude auf der Erde, hinter dem jetzt schon die Baukräne eines noch größeren Hauses zu sehen sind: Das World Financial Center wird 492 Meter hoch sein, wenn es fertig ist. Doch ich freue mich zu früh auf diesen Blick von oben. Die Einzigen, die das Peace Hotel heute nutzen, sind Straßenhändlerinnen, die kleine, klebrige Spiderman-Plastikpüppchen an die glatten Marmorwände werfen, wo sie sich langsam abrollen. Das berühmte Hotel ist wie so viele chinesische Sehenswürdigkeiten in diesem Jahr wegen vorolympischer Renovierungsarbeiten geschlossen. Ich nehme das als Wink des Schicksals, denn eigentlich wurde die Jazzbar des Peace Hotels schon viel zu oft für Shanghai-Porträts strapaziert.
Das Schicksal rät mir stattdessen: Beginne deine Reise doch lieber dort, wo nie jemand losfährt, nämlich nicht am Fluss, sondern direkt darunter. Hier verläuft der Bund Tourist Sightseeing Tunnel. Dieser längste Unterwassertunnel der Welt nur für Fußgänger verbindet den westlichen Teil Shanghais mit dem östlichen. Doch er dient nicht bloß dem Transport. Er ist auch so etwas wie eine Mischung aus Geisterbahn, Computerspiel und Großraumdisco. Ich kaufe mir ein Ticket, steige in eine kleine Gondel, und los geht’s. Rund fünf Minuten lang gleite ich, von Sphärenklängen begleitet, auf Schienen durch grüne Lasergewitter, rote Magmaexplosionen – durchs «Weltall», das «Paradies» und die «Hölle». Gut möglich, denke ich, dass die Chinesen doch recht haben, wenn sie an den Eingang zum Tunnel, in dem es keine wirklichen Sehenswürdigkeiten gibt, «Sightseeing» schreiben. Vielleicht sind solche virtuellen Welten ja tatsächlich die Zukunft des Reisens, zumal sich die Städte und Landschaften da draußen immer ähnlicher werden.
Bevor es aber so weit ist, werde wenigstens ich noch einmal eine echte Reise machen. Mit allem, was dazugehört: echte Menschen, echte Landschaften, echte Magen-Darm-Probleme – und wie immer mit echt viel zu schwerem Gepäck, nämlich einem Rucksack von gut und gerne fünfzehn Kilo. Das ist heroisch gedacht. Aber auch nach dem Tag auf der Nanjing Lu habe ich keine Ahnung, wie ich die Fünfzehnmillionenmetropole verlassen soll. Dazu kommt, dass mein Aufbruchsdrang umso stärker nachlässt, je länger Carols Tierschutzabend zurückliegt. Es ist eigentlich ganz angenehm in dieser Stadt, Peter hegt und pflegt mich, und immer wenn ich meine Abreise thematisiere, macht er einen neuen tollen Vorschlag, was man unternehmen könnte. Als ich nach einer geschlagenen Woche in der Stadt allmählich unruhig werde, weiß Peter schon wieder einen Event, den ich keinesfalls verpassen darf: «Heute Abend ist eine wichtige Vernissage. Die musst du unbedingt noch gesehen haben.»
Vor Ort beginne ich mich allerdings zu fragen, ob er mich nicht hergeschleppt hat, weil er mich langsam doch loswerden will. Die Ausstellung heißt «Eurasia One», und Anlass ist, so steht’s auf einem Flyer, «der EU-Präsidentschaft-2007-Staatsbesuch von Bundespräsident Horst Köhler in Shanghai». Die Ausstellung wird in einem hübsch ausgebauten Haus aus der Shanghaier Gründerzeit veranstaltet. Das Haus steht auf einem ansonsten völlig abgeräumten Trümmergrundstück in der Nähe des Suzhou Creek, von draußen könnte man glauben, man sei irgendwo in Berlin. Drinnen sieht es auch kaum anders aus. Zwar soll es eine Gemeinschaftsausstellung von achtzehn europäischen und chinesischen Künstlern sein, die Kunstwerke, die den Hauptausstellungsraum dominieren, stammen aber von Rolf, Thomas und Susanne – drei deutschen Künstlern, die in Shanghai leben.
Rolf hat ein Stück Gewebtes und rund dreißig abisolierte Kabel an die Decke gehängt. Dahinter stehen vielleicht fünfzig Lampen auf dem Fußboden. Thomas will genau hundertachtundachtzig Porträtfotos der bedeutendsten zeitgenössischen Shanghaier machen, hat allerdings erst zwölf, die hier an einer Wand hängen. Susanne war mal Model und hat sich wohl deshalb in unterschiedlichen Verkleidungen fotografieren lassen. Auf jedem dieser Fotos hat sie etwas im Mund. Als Nonne eine Oblate, als Braut eine Dollarnote, als Japanerin eine rote Wurst. Als gepierctes, nacktes Sadomaso-Ding schluckt sie einen Aufkleber, auf dem «Sucking» steht. Und damit auch der Letzte versteht, was Susanne meint, trägt sie noch mehr Aufkleber auf ihrem Körper, auf die sie «Plastic surgery», «Pills», «Chanel», «Fuck» und «Money» geschrieben hat. Ja, so springt die böse Welt um mit den armen Frauen.
Von mir aus kann es diese Kunst ruhig geben, auch wenn ich das meiste von dem, was so ausgestellt wird, für überflüssig halte, vor allem weil es so angestrengt wirkt. Ich verstehe nur nicht, weshalb alle deutschen Künstler hier dem Besuch der Frau des deutschen Bundespräsidenten entgegenfiebern. Die hat sich nämlich für heute Abend in der Galerie angesagt; wohl im Rahmen des EU-Präsidentschaft-2007-Staatsbesuch-in-Shanghai-Damenprogramms. Ist man denn nicht gerade deshalb ins große China umgezogen, um der deutschen Enge zu entkommen?
Ist man offensichtlich nicht. Die Künstler amüsieren sich jedenfalls nur so lange prächtig auf ihrer Vernissage, bis sich herumzusprechen beginnt, dass Frau Köhler umdisponiert hat und nicht kommt. Jetzt branden die Wogen der Empörung hoch. Harte Worte wie «Missachtung der Kunst durch die Politik» fallen oder auch «Ignorantin» und «Dafür haben wir uns angestrengt». Gleichzeitig haben die Künstler die Lust an ihrer Ausstellung verloren. Man beschließt, gemeinsam essen zu gehen. Willenlos, wie ich in Shanghai mittlerweile geworden bin, schließe ich mich an und bin selbst dann noch dabei, als Stunden später ein paar der Künstler ins Blues & Jazz wollen, Shanghais berühmtestes Jazzlokal. Nicht etwa, weil ihnen der Sinn nach Musik steht. Vielmehr geht das Gerücht um, der Bundespräsident persönlich verbringe den heutigen Abend in diesem Traditionsclub.
Wir brettern in einem Affenzahn durch Shanghai, um den Mann von Frau Köhler nicht auch noch zu verpassen. Auf der Fahrt überlege ich, was die Künstler eigentlich von Horst Köhler wollen. Ihn zur Rede stellen? «Sagen Sie mal, Herr Präsident, wo war denn heute Abend ihre saubere Frau Gemahlin?» Oder geht es um etwas anderes? Dann sind sie allerdings an der falschen Adresse. Der Präsident des Landes, in dem wir alle wohnen, heißt nicht Horst Köhler, sondern Hu Jintao. Und der sitzt garantiert nicht im Blues & Jazz.
Horst Köhler letztlich auch nicht. Als wir in dem Lokal ankommen, hockt im Publikum nur die übliche Mischung aus Ausländern und jazzbegeisterten Chinesen. Dafür sitzt ein weißer Mann mit Pferdeschwanz und einem langen Robbenschnauz am Klavier, der mir bekannt vorkommt. Tatsächlich: Es ist Vince «The Prince» Weber, der Boogieman aus Hamburg, bekannt aus allen deutschen dritten Programmen als Fernsehtalkshow-Untermaler. Das ist zu viel. Nichts gegen den Pianisten, aber schließlich lautet das Motto dieser Reise «Allein unter 1,3 Milliarden Chinesen» und nicht «Mit Boogie-Woogie-Untermalung von Pöseldorf nach Oevelgönne». Jetzt muss ich wirklich sofort raus aus Shanghai.