Der Porsche-Bodhisattwa
In diesem Kapitel steigt unser Held auf einen heiligen Berg der Buddhisten. Er trifft einen vergoldeten Mönch, gerät in Gefahr und verliert sich in Phantasien. Am Schluss trifft er noch auf einen alten Bekannten, der zwar nicht spricht, ihm aber doch etwas verraten kann.
Ich gebe zu: Ich habe es nur halb geglaubt. Doch am Morgen steht wirklich ein Bus auf dem Parkplatz vor dem Tor zur Altstadt. Am Mittag setzt mich dieser Bus am Busbahnhof von Huzhou ab. Der Busbahnhof nennt sich auf Englisch Huzhou Highspeed Transportation Center. So glänzend wie der Name, so glänzend ist auch die brandneue Halle, die so groß ist wie ein kleiner Flughafenterminal. Die riesige Leuchtdioden-Anzeigetafel sieht aus wie irgendwas von Jenny Holzer, der Fußboden ist aus blankpoliertem Kunstmarmor, und die Durchsagen werden auf Chinesisch und auf Englisch gemacht. Letzteres wohl nur meinetwegen, denn seit Shanghai habe ich keinen einzigen Ausländer mehr gesehen.
Allerdings muss ich in der vollklimatisierten Science-Fiction-Halle zwei Stunden auf meinen Anschluss warten. Neben mir sitzt eine junge Frau. Sie hat unglaublich schlechte Micky-Maus-Tattoos an den Armen und Beinen. Mir gegenüber lesen zwei Schulmädchen Schundhefte, die Cover sagen mir, dass es darin um Liebe, Parfüm und Mode geht. Eine alte Bettlerin mit wackelndem Kopf trippelt durch die Reihen. Die Mädchen erschrecken, als die Alte plötzlich vor ihnen steht. Ich warte auf den Bus nach Nanling, der letzten Stadt vor dem heiligen Jiu-Hua-Berg. «Nanling, Anhui-Provinz», hatte die Frau am Schalter gesagt, um sicherzugehen, dass ich nicht nach Nanjing will, der Provinzhauptstadt von Jiangsu. Alles klingt auf Chinesisch so ähnlich, und ich muss wirklich teuflisch aufpassen, dass ich nicht am falschen Ort lande. Warum können die ihre Städte nicht einfach Kopenhagen nennen, Budapest oder Bottrop, so wie im Rest der Welt? Ein Restrisiko, falsch zu fahren, bleibt also. Das liegt allerdings nicht nur an der chinesischen Namensgebung, sondern auch an meiner Leseschwäche. Der Bus, in den ich steige, passt so gar nicht in den glänzenden Busbahnhof, doch mir gefällt er umso besser: Man darf rauchen und die Kippen auf den Boden schmeißen, neben die Wurstpellen, die dort vor sich hin gammeln. Und weil es ein wirklich chinesischer Bus ist, läuft eine DVD mit einer Fernsehshow. Die Chinesen lieben es, auf Reisen beschallt zu werden und beflimmert. Die Landschaft draußen interessiert sie nicht, solange man sie umsonst betrachten kann, denn das bedeutet ja: Sie ist nichts wert. Darum starrt auch alles auf den Fernseher, als der Bus losfährt. Ein Mann spielt «Guten Abend, gute Nacht» auf einer Mundharmonika, und anschließend tanzt ein Paar lateinamerikanisch zur chinesischen Coverversion von «Eviva España».
Wir fahren auf der Autobahn, weiter Richtung Westen. Die Landschaft hat sich seit Shanghai nicht verändert; sie sieht immer noch so flach und öde aus wie in Holland oder Niedersachsen. Nur die hineingestellte Architektur ist noch ein bisschen langweiliger: eine flache, moderne Fabrikhalle neben der anderen, dazwischen Villen mit davorgepappten Säulen und springenden Gipspferden auf dem Rasen. Aber man kann ja fernsehen. In einem Sketch gibt ein Mann einer Frau eine Backpfeife, dann knallt die Frau dem Mann eine. So was findet man in der ganzen Welt komisch, wahrscheinlich lachen bereits Schimpansen darüber. Im Fernsehstudio ist jedenfalls das Publikum vor Begeisterung außer sich.
Draußen tauchen die ersten großen, tiefgrünen Reisfelder auf, drinnen kommt die übliche Tibetnummer. Sie ist auch für Chinalaien leicht zu identifizieren, da Tibeterinnen in Fernsehshows immer rote Cowboyhüte tragen und Blusen mit Ärmeln, die bis zum Fußboden reichen. Außerdem quäken sie mehr, als dass sie singen. Danach stürmt ein dicker Sänger die Bühne. Er singt ein Medley chinesischer Hits, trinkt zum Schluss vor der Kamera eine ganze Maß Bier in einem Zug aus und verabschiedet sich vom Publikum mit einem lauten Rülpser. Exakt in diesem Moment fährt der Bus von der Autobahn ab, auf die Nationalstraße 318. Endlich bin ich wirklich auf meiner Straße, die hier vierspurig ausgebaut ist. Der Kilometerstein zeigt dreihundertzehn Kilometer bis Shanghai, das heißt, ich habe nur noch fünftausend Kilometer vor mir. Das Publikum im fernen Studio klappert erneut frenetisch Beifall.
An einem großen Kreisverkehr steigen fast alle Passagiere aus. Jetzt sind wir nur noch zu sechst: Fahrer, Schaffner, ein junger Mann, eine alte Bäuerin, ihr Huhn und ich. Im Fernsehen singt eine junge Frau das Fool’s-Garden-Stück «Lemon Tree» auf Chinesisch. Aus nicht erklärlichen Gründen ist hierzulande der Song der deutschen Band aus Möttlingen bei Böblingen bis heute ein Riesenhit; wahrscheinlich ist das Zitronenlied sogar der erfolgreichste deutsche Song der Welt, wenn man unter erfolgreich versteht, wie oft etwas gespielt wird. Die Sängerin ist gerade an der Stelle, in der es im Original heißt: «I’m driving around in my car/I’m driving too fast/I’m driving too far», da lese ich auf einem Torbogen über der Straße: «Welcome to Tongling». Moment mal, Tongling, das liegt fünfzig Kilometer weiter nördlich als Nanling, abseits meiner Straße. Verdammt, irgendwie habe ich geahnt, dass heute etwas schiefgehen wird.
Ich alarmiere den Schaffner und den Fahrer. Sie lassen sich mein Ticket zeigen und schauen sich erschrocken an. «Sollen wir zurückfahren?», fragt mich der Schaffner irritiert. «Komme ich denn auch», will ich wissen, «von Tongling aus zum Jiu-Hua-Berg?» Traurig schüttelt er den Kopf. «Heute nicht mehr. Aber morgen.» Das ist okay, denn auch von Nanling aus wäre ich heute sicher nicht mehr auf den Berg gekommen. Also, meinetwegen kann es auch Tongling sein, wo sich zehn Minuten später die einzige Schlepperin auf dem Busbahnhof über ihren unverhofften Fang ein Loch in den Bauch freut.
Es ist eine fünfzigjährige Frau mit einem gutmütigen, fast schwarz gebrannten Gesicht, die mich im Triumphmarsch zu dem führt, was sie ein «Hotel» nennt. Die umgebaute Wohnung im zweiten Stock eines grauen Plattenbaus macht allerdings mehr den Eindruck eines Obdachlosenasyls. Die Fenster sind vergittert, dafür stehen die Türen zu den Zimmern offen. Zwei Männer sitzen halbnackt auf ihren Betten und beäugen aufmerksam den Neuankömmling, dem Frau Schlepperin stolz das Bad und dann das Zimmer zeigt. Das Bad ist auf dem Flur, der Warmwasserboiler ist mit einem Vorhängeschloss gesichert. Das Bett besteht aus einer dünnen Bastmatte über einem Sperrholzbrett. Das einzige andere Möbelstück ist ein Tischchen, auf dem der Fernseher steht. Ihn krönt ein aus einer Coladose zurechtgeschnittener Aschenbecher. «Das Zimmer ist sehr gut», sage ich Frau Schlepperin. «Ich nehme es für fünfunddreißig Yuan.» Das sind zwar fünf Yuan weniger, als sie verlangt hat, dennoch schlägt sie freudig in den Handel ein.
Ich schlafe schlecht in dieser Nacht auf meinem Brettbett, und am nächsten Morgen bin ich erkältet. Glücklicherweise ist es zum Busbahnhof nicht weit. Vier Stunden später reißt ein uniformierter Parkwächter am Eingangstor von Jiu Hua Shan mein Ticket ab. Dieser Name bedeutet Neunblütenberg, was ein bisschen irreführend ist, denn es handelt sich eher um ein mittleres Gebirge als um einen Berg. Der Name wurde ihm von Li Bai verliehen, einem der berühmtesten chinesischen Dichter, der in den neun höchsten Gipfeln des Massivs die neun Blätter einer Lotosblüte erkannte. Doch um das zu sehen, muss man wohl Chinese sein. Ich sehe nur einen Talkessel, der von hohen Bergen umgeben ist, über die sich Kiefern-und Bambuswälder erstrecken, zwischen die ein unbekannter Modellbauer wie zufällig Tempel, Klöster und Pagoden geklebt hat. Auf mehr als hundert Quadratkilometern soll es laut meinem Reiseführer hier 99 Gipfel geben, dazu genau 16 Bergrücken, 14 überhängende Felsen, 18 gurgelnde Quellen, 79 Tempel und Klöster und 1500 Buddhastatuen. Doch heute nehme ich mir gar nicht erst vor nachzuzählen. Ich habe Wichtigeres zu tun.
Ich will die verschiedenen chinesischen Religionen testen, denn wenn ich Chinese werden möchte, muss ich mich ja wohl auch für eine chinesische Religion entscheiden. Jiu Hua Shan bietet sich da als Testgelände an, weil es sich hierbei nicht nur um den «Berg Nummer 1 in Südostchina» (so ein Schild an seinem Fuße) handelt, sondern auch um einen der vier heiligen Berge des chinesischen Buddhismus. Für den späteren Verlauf der Reise plane ich auch einen heiligen Berg der Daoisten zu besuchen, der zweiten größeren Religionsgemeinschaft in China. Danach werden wohl die Würfel fallen, in die eine Richtung oder eben in die andere.
Dabei gehe ich ganz unvoreingenommen an meine Aufgabe heran. Schließlich weiß ich über den Buddhismus gerade mal, dass er eine verwirrende Angelegenheit ist. Die Schwierigkeiten fangen schon bei Buddhas Namen an. Heißt er jetzt Gautama oder Siddharta, redet man ihn mit Sakyamuni an, oder sagt man einfach Buddha? Noch verwirrender ist, dass es nicht nur einen Buddha gibt, sondern ganz viele. Den Buddha der Gegenwart, den der Zukunft und den Medizinbuddha, dazu eine ganze Batterie transzendenter Buddhas, Vorzeitbuddhas und noch etwa drei Millionen Bodhisattwas. Mir ist das ein bisschen zu viel. Ich bin als Protestant mit einer übersichtlicheren Religion aufgewachsen: Gottvater, Sohn und Heiliger Geist, und fertig war die Glaubenslaube.
Um von Anfang an tief in die Geheimnisse der Religion einzudringen, miete ich mich im Fojiao Binguan ein, dem Buddhismus-Hotel. Im Erdgeschoss befindet sich statt einer Pianobar ein kleiner Tempel, vor dem in einem blumengeschmückten Innenhof Räucherwerk verbrannt wird. Auch mein Zimmer ist nicht untranszendent. Verglichen mit dem Quartier von Frau Schlepperin kommt es mir vor wie ein Stück Nirwana. Ein himmlisch weiches Doppelbett, bezogen mit frischen Laken, im Badezimmer Shampoofläschchen mit eingeprägtem Lotoslogo, orangefarbene Handtücher: alles, was einer braucht, um Buddha näherzukommen. Nur ein Spiegel fehlt, dafür hängt mitten im Zimmer einer. Ich versuche mich davor zu rasieren und schmiere überall mit der Rasiercreme rum. Buddha hatte anscheinend keinen Bart, oder er war so erleuchtet, dass er sich ohne Spiegel im Dunkeln rasieren konnte.
Nach der Rasur geht es mir gleich deutlich besser, die Inspektion des heiligen Berges kann beginnen. Leider gibt es keine Hinweisschilder, also betrete ich einfach auf gut Glück einen Tempel. Er muss wichtig sein, denn von allen Seiten stürmen Besuchergruppen heran, bewaffnet mit Plastiktüten voller Räucherkerzenmunition unterschiedlichen Kalibers. Die ganze Anlage ist an einen steilen Hang gebaut, untereinander sind die verschiedenen Ebenen und Tempelhallen mit steilen Treppen verbunden, die nicht einfach zu erklimmen sind. Deshalb treibt auch eine kleine Reiseführerin mit dem Megaphon eine Gruppe von fülligeren Männern an. «Los, weiter, diesen Tempel dürft ihr nicht verpassen.» Die Männer ächzen, schwitzen, fluchen, aber stapfen tapfer weiter. Erst am Ende der langen, steilen Treppe begreife ich, warum sie sich hier hochtreiben ließen. Hinter einer großen Terrasse erhebt sich eine Tempelhalle. Im Inneren hockt der Mönch Wuxia, von dem ich schon gelesen hatte. Er kam bereits im 16. Jahrhundert nach Jiu Hua Shan, setzte sich auf einen Felsen und verbrachte dort die nächsten achtundzwanzig Jahre damit, mehr als achtzig Folianten mit buddhistischen Texten vollzuschreiben. Er muss ein wenig exzentrisch gewesen sein, denn er tunkte dazu seinen Federkiel nicht etwa in ganz normale Tinte, sondern in eine Mischung aus Goldpulver und Blut aus der eigenen Zunge. Geschadet hat es ihm nicht, denn Wuxia starb erst mit hundertsechsundzwanzig Jahren. Als der eigenwillige Mann dann nicht verwesen wollte, vergoldeten ihn seine Mönchskollegen kurzerhand und setzten ihn in diesen Tempel, wo er bis heute ausharrt.
Ich komme gerade rechtzeitig zu einer Zeremonie, offenbar zu Ehren des seit mehr als dreihundert Jahren pensionierten Mönches, der in dieser Zeit erheblich geschrumpft sein muss. Mönche in safrangelben Roben hauen auf Zimbeln und Becken und singen leiernd heilige Sutras. Dazu rutschen fünf Frauen und drei Männer auf Knien um Wuxias Altar herum. Anscheinend Profirutscher, denn sie tragen Knieschützer, die sie sich aus alten Hosen zurechtgeschnitten haben. Zugleich schmeißt unten auf der Terrasse ein Trupp Mönche große Haufen Krepppapier in drei Verbrennungstöpfe. Dichter schwarzer Rauch steigt auf, dann lodern helle Flammen. Nach dem Ritual setzen sich die Rutscher auf eine kleine Mauer und binden sich die Knieschützer ab. Eine Frau erzählt ihrer Freundin vergnügt, wie toll die Rutscherei war. Das klingt, als sei sie auf der Kirmes gerade aus dem Kettenkarussell gestiegen. Eine andere Dame liegt derweil mit dem Gesicht über einem kleinen runden Loch im Boden. Als sie wieder hochkommt, fragt ihr Mann: «Und? Was ist da unten?» – «Luft», sagt die Frau ernsthaft. «Luft», wiederholt der Mann und lacht sich schlapp. Das muss ich auch ausprobieren, und ich lege meinen Kopf auf das Loch. Tatsächlich schlägt mir aus einem dunklen Schacht nichts als Muff und Moder entgegen. Ich atme diesen Duft ein paar Minuten ein und tauche wieder auf. Neben mir steht ein junges Mädchen, das mich anstrahlt. «Welcome to China!», sagt sie und drückt mir etwas in die Hand: «This is for you.» Es ist eine Fotozelle an einem Bändchen; fällt Licht darauf, blinkt darin rhythmisch ein Bodhisattwa. Völlig überrascht und auch ein wenig gerührt bedanke ich mich bei ihr. Dann lasse ich die kleine Scheußlichkeit unauffällig in meiner Hosentasche verschwinden.
Solche Nippes kann man unten im Pilgerdorf kaufen, wo sich hinter dem Buddhismus-Hotel ein Buddha-Shop an den anderen reiht: Hier gibt es die dicke Räucherwerkmunition, verpackt in Goldpapier und Zellophan, außerdem Plastikbuddhas, wundertätige Amulette, rote, lotosförmige Nachttischlampen, billige Rekorder, die blechern immer wieder dasselbe Mantra spielen, aber auch Spülbürsten, Matrjoschka-Puppen, Fächer aus Pfauenfedern, Höllengeld und Bodhisattwa-Seife. Die großen neuen Tempel, die gleich nebenan gebaut werden, unterscheiden sich in ihrer Machart kaum von diesem Kitsch. Sie sind fast komplett aus Stahlbeton errichtet, der anschließend mit ein paar angepappten Holzbalken und grellen Farben kaschiert wird. Auch die Gesichtszüge der bombastischen goldenen Buddhas, an denen im Inneren der Tempel noch gewerkelt wird, sind so glatt und übertrieben süßlich, als seien sie als Kulissen für ein Buddha-Musical am Broadway oder in Las Vegas gedacht.
Die Zukunft, so verspricht ein Hochglanzprospekt, der in den Tempeln ausliegt, soll noch kitschiger werden. Die Buddhistische Gesellschaft von Jiu Hua Shan baut an einer vergoldeten Kupferstatue eines Bodhisattwa, die neunundneunzig Meter hoch werden soll. Diese, so glaubt man, sei dann die weltgrößte vergoldete Kupferstatue eines Bodhisattwa. Auf einer Computergrafik, die die Zukunft zeigt, kann man sehen, dass die Statue das in Jahrhunderten gewachsene Ensemble mit ihren Proportionen erschlagen wird. Ich entscheide kurzerhand, dass ich mich dieser Karnevalsreligion mit ihren vergoldeten Leichen, ihren Rumrutsch-und Schnüffelritualen, der haarsträubenden Luftverschmutzung durch die Räucherwerkverbrennungsöfen, den Fotozellen-Bodhisattwas und allem sonstigen Zinnober nicht anschließen werde. Und ich frage mich, ob Mao Tse-tung nicht vielleicht doch recht gehabt hatte, als er während der Kulturrevolution die Chinesen dazu anhielt, mit diesem ganzen Krempel aufzuräumen.
An dieser Stelle ist es Zeit für ein kleines Geständnis: Als ich vor ein paar Jahren überraschend meine Frau kennenlernte, war das nicht mein erster Kontakt zur chinesischen Welt. Viel früher gab es schon mal eine Phase, in der ich unbedingt Chinese werden wollte. Damals, als ich zwischen fünfzehn und neunzehn war, bin ich ein glühender Maoist gewesen. Es gab dafür verschiedene Gründe; der wichtigste war wohl meine Begeisterung für die Kulturrevolution in China. Besonders gut fand ich, dass Mao mit dem Satz «Rebellion ist gerechtfertigt» die Jugendlichen Chinas ermuntert hatte, gegen alles Alte im Land und alle, die älter waren als sie selbst, aufzubegehren. Die jungen Chinesen ließen sich das nicht zweimal sagen. Als Rote Garden stellten sie das ganze Land auf den Kopf. Sie gingen sogar gegen alte, bourgeoise Sofas vor, die sie auf die Straße zerrten und für ihre reaktionäre Existenz bestraften. Damals wurde auch eine neue revolutionäre Straßenverkehrsordnung erlassen, die bestimmte, dass an einer Ampel künftig bei Rot zu fahren sei, bei Grün aber anzuhalten.
Am allerbesten gefiel mir, wie mit den Lehrern umgesprungen wurde. Schüler, die in meinem Alter waren, durften sie kritisieren, beschimpfen, ihnen spitze Schandhüte aus Papier auf den Kopf setzen und sie so durch die Stadt treiben. Ich träumte davon, das auch mit meinen Lehrern zu machen, besonders mit Herrn K., dem Deutschlehrer, und Herrn L., Altgriechisch und Latein. Natürlich wusste ich damals noch nichts von Prügelexzessen und Morden, zu denen es während der Kulturrevolution auch kam, und wahrscheinlich hätte ich auch nichts davon wissen wollen. Ich war in einem Alter, in dem man ein Recht auf eine gewisse Blödheit hat. Und niemand kam auf die Idee, mir mal das Programm der Pekinger Roten Garden von 1966 unter die Nase zu halten, in dem es unter anderem hieß: «Die Verbreitung von Fotografien von sogenannten hübschen Mädchen soll eingestellt werden.»
Vielleicht wäre dann schon damals meine Einstellung zur Kulturrevolution differenzierter ausgefallen. Heute ist sie das natürlich. Meistens zumindest. «Zerschlagt das Alte! Nieder mit dem Aberglauben! Weg mit der weltgrößten vergoldeten Kupferstatue eines Bodhisattwa!», rufe ich am Abend einem Mönch zu, der mir auf der Straße entgegenkommt. Gut, ich murmele es mehr vor mich hin und außerdem auf Deutsch, aber jede Revolution hat einmal klein angefangen, oder um es mit den Worten Mao Tse-tungs zu sagen: «Aus einem Funken kann ein Steppenbrand werden.»
Oder auch nicht. Zumindest nicht, wenn es so regnet wie am nächsten Tag. Offenbar hat Buddha meine kulturrevolutionären Gedanken gelesen und will mir jetzt mal zeigen, was eine Harke ist. Außerdem habe ich leichtes Fieber. Trotzdem will ich hoch zur Himmelsterrasse, mit mehr als tausenddreihundert Metern der höchste Berg des Jiu-Hua-Gebirges. Zum Glück gibt es eine Seilbahn auf den steilen Berg, in der mir Buddha und das Wetter nichts anhaben können. Doch kaum sitze ich allein in der Seilbahngondel, schwindet meine Zuversicht. Während ich über tiefe Schluchten schwebe, wird das kleine Blechgehäuse von Windböen gepackt und so stark hin und her geschüttelt, dass sogar der Bordlautsprecher ausfällt. Rache, versuche ich mich zu beruhigen, widerspricht allen Prinzipien des Buddhismus. «Bist du dir da so sicher?», flüstert eine unheimliche Stimme aus dem defekten Lautsprecher. «Ganz sicher», sage ich laut. Tatsächlich fasse ich aber erst wieder Mut, als ich das Herstellerschild an der Gondel lese: «Svoboda, Karosserie-und Stahlbau, A-4664 Schloss Oberweis, Austria.» Gegen eine österreichische Qualitätsgondel, so steht es gewiss irgendwo geschrieben, kann auch ein rächender Buddha nichts ausrichten.
Tatsächlich erreiche ich unbeschadet die Bergstation. Hier oben hat es sogar aufgehört zu regnen. Mit einigermaßen frischem Sinn – ich habe allerdings immer noch Temperatur – steige ich die Treppe zum Baijingtai-Kloster hoch, einem großen, gelben Gebäudekomplex, der an schroffen Felsen klebt, rund zweihundert Meter unter dem Gipfel. Hier dringt ein Riesenlärm aus einer dunklen Halle. Ich sehe nach und finde die Klosterkantine, in der rund dreißig alte Frauen durcheinanderschreien. Es müssen Pilgerinnen sein, denn in der Mitte der Kantine sitzen ein paar Mönche, die offenbar dazugehören. Allerdings hatte ich bisher eine andere Vorstellung von gläubigen Buddhistinnen. Die Frauen kämpfen erbittert um einen Platz an einer Durchreiche, hinter der zwei Köchinnen ein einfaches Gericht verteilen.
Das Essen – Tofu, kleingehackte Gurken und sauer eingelegte Kartoffelstreifen für nur zehn Yuan – sieht nicht schlecht aus, also versuche auch ich mich anzustellen. Doch ich habe keine Chance. Die Furien drängen mich brutal zur Seite. Ich ziehe mich in eine Ecke der Halle zurück, von wo aus ich das Kesseltreiben weiter beobachte. Die Frauen puffen, schubsen, keifen. Selbst um einen Reistopf, an dem sich jede abseits der Durchreiche frei bedienen kann, wird gnadenlos gerungen. Gerne würde ich den militanten Damen erklären, dass sie gleich mehrfach gegen den achtfachen edlen Pfad des Buddha verstoßen, genauso wie gegen die Gebote des «Zivilisierungsbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei», die unten an der Talstation angeschlagen sind. Dort heißt es unter anderem: «No making noise and quarreling, obey the order and stand in line, no talking loudly in public places.» Doch meine Ansprache scheitert an dem inzwischen bereits wohlbekannten Problem. Ich spreche kaum Chinesisch.
Erst als alle Alten etwas auf ihrem Teller haben, kehrt Ruhe ein. Jetzt sitzen sie schweigend an den Tischen und schaufeln verbissen das Essen in sich rein. Endlich kann auch ich mich an die Durchreiche wagen. Danach will ich mich an einen der Tische setzen. Mürrisch macht man Platz und zählt mir dann neidisch jeden Bissen in den Mund, obwohl ich doch nichts anderes esse als alle anderen. Das sind also die treuesten Anhängerinnen dieser angeblich so friedlichen Religion, die predigt, die weltlichen Begierden zu überwinden? Nein, ich glaube, der chinesische Buddhismus ist wirklich nichts für mich.
Die Himmelsterrasse, auf der ich eine halbe Stunde später stehe, ist allerdings sehr schön. Und weil der Furienstoßtrupp irgendwohin verschwunden ist, geht es auch friedlich zu. Vor dem Tempel der zehntausend Buddhas schläft ein Mann auf Reissäcken, die für die hier lebenden Mönche gespendet wurden. Paprika-, Bohnen-und Auberginenhaufen türmen sich neben ihm. Im Tempel spielt ein hagerer Mönch mit einem Soldaten chinesisches Schach. Noch schöner ist der Blick von der Himmelsterrasse. Unter mir breiten sich dunkelgrüne Kiefernwälder aus, dazwischen verteilt hellgrüne Bambusinseln, in den Tälern Wolkenseen und Klosterfestungen. Aus der Distanz betrachtet macht diese Buddhistenrepublik keinen schlechten Eindruck.
Doch dann nimmt der Wind wieder zu und treibt große Wolkenklumpen gegen den Gipfel, die kurz vor der Terrasse zu kleinen Fetzen zerreißen. Regentropfen vermischen sich mit herumfliegender Asche aus dem Räucherwerkverbrennungsofen und zerplatzen auf meinem Kopf. Ich flüchte in den Tempel, wo ein dicker Mönch inmitten der zehntausend kleinen goldenen Buddhas sitzt und Sonnenblumenkerne aus einer Tonschüssel klaubt, um sie dann mit den Zähnen zu knacken. Als er mich im Eingang stehen sieht, erhebt er sich bedächtig und kommt im Watschelgang langsam auf mich zu. Ziemlich genau einen Meter vor mir bleibt er stehen und starrt mir in die Augen. «Ni hao» – Guten Tag, sage ich, weil mir nichts anderes einfällt. Der Mönch sagt gar nichts, starrt aber weiter für unendliche Minuten. Dann macht er auf dem Absatz kehrt, um sich wieder dem Vertilgen von Sonnenblumenkernen zuzuwenden. Was war das? Während ich noch über dieser Frage grübele, betreten zwei in beige Kutten gekleidete Pilger den Tempel. Sie knien vor dem Altar dreier in rote Umhänge gehüllter Buddhas nieder. Der Watschelmönch schlägt derweil mit einem Klöppel gegen eine metallene Schüssel, was schön mystisch klingen würde, wenn nicht laute Maschinengewehrsalven dazwischenknattern würden. Sie kommen aus einer kleinen Stube hinter dem Altar, wo offensichtlich ein paar Novizen einen buddhistischen Actionknaller sehen. Ich gehe zum Devotionalienstand des Tempels und gucke, ob es solche Filme vielleicht auch auf DVD gibt. Doch man führt nur die üblichen Buddhagimmicks: gelbe Schals und Pilgertaschen, Stoffherzen, Schmetterlinge und Schriftzeichenamulette mit langen roten Quasten dran. Ich will mich schon zum Gehen wenden, da erspähe ich etwas aus dem Augenwinkel, das mich kurz erstarren lässt. Wie selbstverständlich hängen nämlich zwischen dem ganzen Zeugs an die dreißig, vierzig Amulette, die das leuchtende Antlitz des Großen Vorsitzenden Mao zeigen.
Ich rufe nach dem Mönch. Er ist gerade dabei, für Pilger eine Art Checkliste mit dem Siegel des Tempels zu stempeln; ein Beweis dafür, dass sie hier oben ihr Pensum weggebetet haben. Danach kommt er zu mir hergewackelt. Ich würde ihn gerne fragen, was der Buddhismus mit Mao zu tun hat und wozu das Amulett gut ist. Weil das aber nicht geht, kaufe ich es mir bloß. Auf der Rückseite des goldfarbenen Teils ist ein Sportwagencabrio abgebildet. Mein verehrter Mao fungiert im buddhistischen Götterhimmel offenbar als eine Art Porsche-Bodhisattwa. Aber dann ist vielleicht der maoistische Buddhismus doch meine Religion? Mein neues Amulett erweist sich jedenfalls als sehr wirkungsmächtig. Bei der Talfahrt schwankt die Seilbahngondel nicht mal mehr ein kleines bisschen, und statt einer heiseren Flüsterstimme kommt aus den Lautsprechern die gepfiffene Version von «Auld Lang Syne». Sogar das Pärchen, das mir gegenübersitzt, würde sich küssen, wenn ich nicht im letzten Moment zu ihnen in die Gondel gesprungen wäre. Dann hört es bei Sonnenuntergang auch noch auf zu regnen. Ich setze mich auf den großen Dorfplatz, an den Teich, in dessen Brackwasser dicke Goldfische und Schildkröten schwimmen, und rauche eine «Roter Fluss»-Zigarette, weil es meine Stammmarke «Mittlerer Süd-See» nicht gibt.
Kaum ist die Sonne weg, wird das ganze Dorf illuminiert, und auch auf den Bergen leuchten die Tempel und Pagoden. Alles um mich herum beginnt zu klingen. In den Klöstern singen Mönche mit tiefen Stimmen, die Frösche quaken in den Lotusteichen, und ab und an ertönt von irgendwoher ein dumpfer Gong. Jetzt sind viel mehr junge Leute unterwegs. Sie sitzen auf den Terrassen der Restaurants, spielen Mah-Jongg, palavern laut und trinken Bier. Pärchen necken sich auf typisch chinesische Weise, das heißt, sie schlagen einander im Scherz, ringen und kabbeln miteinander, weil sie nicht wagen, sich öffentlich zu umarmen. Langsam beginne ich zu verstehen, dass für die chinesische Jugend dieser Berg gar nicht so heilig ist, sondern einfach ein Ausflugsziel und Themenpark. Der einzige Unterschied zu Disneyland ist, dass hier nicht Mickey und Donald regieren, sondern goldene Buddhas und ihre Kumpel, zu denen sogar Mao zählt. Was gibt es eigentlich dagegen einzuwenden?