Die bürokratische Mumie
In der alten Stadt Jingzhou passiert fast gar nichts. Es liegen nur ganz viele Körper in der Gegend rum, die sich nicht bewegen und tot sein könnten. Ein Körper ist auch wirklich tot, und zwar schon ganz schön lange. Der Held gruselt sich trotzdem.
Am nächsten Tag im Bus überkommt mich zum ersten Mal auf dieser Reise so etwas wie Stolz. Wuhan, denke ich, war meine erste chinesische Zehnmillionenstadt, die ich allein gepackt habe. Ich habe hier sogar erste wirkliche Kontakte zu echten Chinesen geknüpft. Ich habe Gespräche geführt, die länger als drei Minuten dauerten, und ich war mit Chinesinnen einkaufen, mit denen ich nicht verheiratet war. Auch sonst hat es mir in Wuhan gut gefallen. Für chinesische Verhältnisse eine sehr schöne Stadt, wobei ich die Schönheit von chinesischen Städten auf einer anderen, großzügigeren Skala messe als die von europäischen. Die meisten Städte hierzulande sehen nach den Modernisierungsbemühungen der letzten drei Jahrzehnte scheußlich aus, denn den modernen Chinesen scheint jeder Sinn für Proportionen zu fehlen. Wenn ich also Wuhan schön nenne, heißt das, die Stadt ist weniger hässlich als andere, ja, dass es sogar wirklich schöne Ecken gibt. Hier haben sich meine Reisebatterien wieder aufgeladen. Das einzige wirkliche Manko dieser Stadt ist die auf mysteriöse Weise verschwundene Mao-Villa. Aber weiß ich, wie viele Mao-Villen auf dem Weg nach Kathmandu noch auf mich warten?
Offenbar habe auch ich den Wuhanern gefallen, so sehr, dass sie mich beinahe nicht mehr weggelassen hätten. Als ich gestern Abend ein Ticket für den Bus nach Jingzhou kaufen wollte, hieß es, es gäbe heute keinen Bus, der nächste führe erst übermorgen. Das konnte eigentlich nicht sein. Jingzhou ist mit Wuhan über die Autobahn verbunden und nur zweihundert Kilometer entfernt. «Sind Sie sicher?», fragte ich die Frau am Schalter. – «Völlig sicher.» Weil anscheinend nichts zu machen war, verlangte ich ein Ticket für den übernächsten Tag. Die Schalterbeamte wollte dafür unglaubliche zweihundert Yuan. In dem Moment war mir klar, dass etwas nicht stimmte. Ich holte meine Südchina-Karte raus und zeigte, wohin ich wollte. «Ach, Jingzhou, Hubei», sagte die Frau. «Das ist kein Problem. Da gibt es jede halbe Stunde einen Bus.» Sie hatte mich nach Zhengzhou schicken wollen, der Hauptstadt der Provinz Henan, achthundert Kilometer nördlich von Wuhan und der 318. Zheng und Jing klingen auf Chinesisch sehr ähnlich, und wahrscheinlich hatte ich wieder mal einen Fehler bei der Tonhöhe gemacht. Warum können die Chinesen ihre Städte auch nicht Kopenhagen, Bottrop … okay, das hatten wir schon.
Ursprünglich wollte ich auch gar nicht nach Jingzhou. Ich dachte, die Stadt würde nicht viel hergeben. Doch David Wilmots hatte im Brussels zu mir gesagt: «Da gibt es eine zweitausend Jahre alte Mumie. Die musst du dir unbedingt ansehen.» Nun mache ich mir nicht allzu viel aus Mumien. Ich habe im westchinesischen Xinjiang davon so viele gesehen wie im Internet nackte Weiber, und manche waren sogar viertausend Jahre alt. Die Mumien, nicht die Weiber. Doch David blieb dabei: «Schau sie dir an. Die ist anders als die anderen … äh, Mumien.» Da war ich dann doch gespannt.
Jetzt muss ich schon die ganze Zeit an die Mumie denken. Was kann an der bloß so besonders sein? Trotzdem fühle ich mich ein bisschen so wie Jonathan Harker auf dem Weg zum Schloss von Graf Dracula. Dazu mag auch die Sonne beitragen. Sie scheint auch heute wieder nur als fahle Scheibe durch den dichten Dunst. So sehe ich sie zwar schon seit Shanghai, doch heute scheint sie mir noch etwas fahler zu sein. Die Landschaft hat allerdings wenig von den Karpaten. Es geht immer noch durch eine flache, von vielen Wasserläufen durchzogene Gegend, in der die Bauern mit ihren Hacken auf den Reis-und Maisfeldern arbeiten. Auch die Straße, über die der Bus fährt, ist kein Hohlweg, sondern wieder mal die Autobahn. Erst bei Kilometer 1145 geht es ab auf die 318. Das ärgert mich ein wenig, weil ich so den ersten vollen Tausender verpasst habe.
Das Hotel neben dem Busbahnhof, in dem ich absteigen will, wirkt dann doch irgendwie karpatig. Die Lobby ist zur Straße hin offen, auf einem großen Sofa lümmeln drei männliche Strähnchenfrisuren-Teenager herum. Es sind offenbar die Verehrer der zwei Mädchen, die an der Rezeption stehen, die eine vielleicht fünfzehn, die andere siebzehn. Die ältere verlangt «hundertachtzig Kuai» für das Zimmer. Kuai gehört eigentlich zu den chinesischen Zählwörtern, die man vor jedes Substantiv setzen muss. Es heißt so viel wie Stück. Umgangssprachlich wird es aber auch für die größte chinesische Währungseinheit, den Yuan, benutzt. Ob aber Yuan oder Kuai, der Preis ist überteuert.
Bevor ich etwas dazu sage, sehe ich mir das Zimmer an. Dafür muss ich mich durch einen Berg Schmutzwäsche kämpfen, die man in großen Bündeln die Treppe hinuntergeworfen hat. Das Zimmer selbst ist chinesischer Durchschnitt. Das heißt auch, dass im Bad die Dusche über dem Hockklo hängt. Eine bunte Kachel soll der Nasszelle etwas exotisches Flair verleihen. Sie zeigt ein verträumt dreinblickendes nacktes Mädchen mit einem Korb roter Rosen auf dem Schoß. Im Schlafzimmer steht ein Display aus Plastik, in dem ein Set «vor und nach Geschlechtsverkehr» steckt. Kleine Tütchen mit Lotionen, die das «international anti-virus ingredient DP 300» enthalten (vernichtet 99,9 % aller Mikroorganismen), Tücher in Tablettenform, die sich im Wasser entfalten, und natürlich eine Packung Kondome, angeblich produziert von der Firma «HB.M. USA Co. Inc., New York, USA». Auf der Frontseite ist eine Blondine am Strand zu sehen, zusammen mit einem Typen, der Dieter Bohlen ähnelt.
Auch das ist keine Überraschung. Auf chinesischen Kondom-und Sexspielzeugpackungen sind immer nur Kaukasier abgebildet; als Halbbarbaren genießen wir auf sexuellem Gebiet einen ausgezeichneten Ruf. Eher ungewöhnlich ist dagegen die Aufmachung der Rückseite. Hier werden Pressestimmen zitiert, die angeblich anlässlich der Vorstellung des völlig neuartigen Kondoms in den USA erschienen sind: Der San Francisco Bay Guardian gibt ihm das «highest rating», Cosmopolitan meint «oodles more sensation», und die New York Times schreibt: «A triumph of excess», wahrscheinlich auf ihrer täglichen Kondomtestseite. Ich muss unwillkürlich lachen und frage mich: Wer in China denkt sich so was aus? Und was für ein total verficktes Amerikabild steckt dahinter? Bester Laune gehe ich wieder runter zu den Mädchen und sage: «Ich zahle nicht mehr als hundert Stücke.» Sie sind sofort einverstanden.
Anschließend starte ich einen ersten Orientierungsmarsch. Das Allererste, was mir auffällt: Ich bin zurück in Hello-Land. Das Zweite: Ich habe die Größe der Stadt mal wieder komplett unterschätzt. Ich hatte mit einer Kleinstadt gerechnet oder mit einer mittelgroßen, weil ich im Internet Fotos von einer alten Stadtmauer gesehen hatte, aber ich laufe und laufe, und die Stadtmauer taucht nicht auf. Später finde ich heraus, dass das komplette Stadtgebiet 6,3 Millionen Einwohner hat, wovon allein 1,6 Millionen im Stadtkern wohnen. Punkt drei: Jingzhou ist zwar groß, aber keine Glitzermetropole. Hochhäuser, Einkaufsstraßen, Fernsehtürme wie in Wuhan gibt es nicht, noch nicht einmal einen McDonald’s.
Man hat hier sogar noch einige ungeteerte Straßen, und bei jedem Schritt wirbeln meine Füße kleine Wolken feinsten Staubs auf. Vereinzelt ziehen Pferdefuhrwerke durch die Straßen, und vor einer muslimischen Garküche warten angepflockt ein ponygroßer Widder und ein kleines Lamm zusammen auf das Schlachtermesser. Am Jangtse-Damm sehe ich mitten in der Stadt, vor verlassenen Fabriken aus rotem Backstein, braune Kühe mit ihren Kälbern weiden. Ich schlendere auf der Deichkrone weiter, dorthin, wo ich die Altstadt vermute, da fährt mir der Schreck in die Glieder. Durch den Dunst wankt mir ein ausgedörrtes Gerippe entgegen. Das muss die Mumie sein.
Tatsächlich ist es nur ein unglaublich magerer alter Bettler. Sein nackter Oberkörper weist einige Narben auf, und über der Schulter trägt er ein schmutziges Bündel. Als er mich sieht, stellt er sich vor mich hin, nennt mich seinen Freund und bittet mich leise um etwas Geld. Er bedrängt mich nicht, er wimmert nicht oder kniet vor mir nieder, wie das routinierte chinesische Bettler gerne machen. Also gebe ich ihm etwas, auch weil ich mich jetzt schon dafür schäme, dass ich den armen alten Mann später in diesem Buch für einen billigen Effekt benutzen werde.
Eine halbe Stunde später sitze ich auf einer zwanzig Meter hohen Mauer am Fluss, schaue auf den Jangtse und nehme gleichzeitig eine ganze Parade nackter Oberkörper ab. Braungebrannte Schwimmer in Badehosen, die am Ufer auf dem Weg zu ihrem Schwimmplatz sind. Die Mauer, auf der ich sitze, ist Teil einer alten Pagode aus der Ming-Zeit, und die Schwimmer haben mich von unten mit einem Hello-Trommelfeuer begrüßt. Sie versammeln sich alle an einer Stelle direkt unter mir, unweit einiger verrosteter Kiesschlepper, die hier vor Anker liegen. Manche haben Schwimmreifen aus Styropor dabei, die an Leinen befestigt sind, die sie um ihre Bäuche gebunden haben. Sie machen sich noch ein bisschen warm, einige testen mit den Zehen die Temperatur des Flusses, dann springen auf ein Signal hin alle gleichzeitig ins Wasser.
Das grenzt für mich an Wahnsinn, denn die Strömung ist an dieser Stelle besonders stark. Das kann selbst ich von hier oben an den Stromschnellen erkennen. Wahrscheinlich sind die so stark, weil der Jangtse an dieser Stelle einen Bogen um die Befestigungsmauern der Pagode machen muss. Der Jangtse ist aber auch sonst kein träger Fluss, wie man vielleicht aufgrund seiner ungeheuren Breite meinen könnte. Sogar hier in der Ebene strömt er sehr schnell dahin. Deshalb war es ja auch eine Sensation, als 1966 der damals dreiundsiebzigjährige Mao bei Wuhan in den Fluss sprang und sich beim Schwimmen filmen ließ. Er wollte Gerüchte widerlegen, er sei gesundheitlich angeschlagen.
Maos Schwimmvorführung war ein Erfolg auf der ganzen Linie. Bei meinen Schwimmern bin ich mir nicht so sicher, ob sie sich gegen die Fluten behaupten werden. Sie treiben sofort mit hoher Geschwindigkeit flussabwärts. Nach rund drei Minuten sehe ich sie nur noch als kleine Punkte in der Flussmitte, ausgerechnet in der Nähe von zwei großen Kohleschleppern. Nochmal zwei Minuten später sind sie aus meinem Blickfeld verschwunden. Die spinnen hier in Jingzhou, denke ich. Für kein Geld der Welt würde ich mich auch nur einen Meter weit in diesen Fluss vorwagen. Da kann Mao so viel darin geschwommen sein, wie er will.
Am ersten Tag schaffe ich es nicht mehr, die Altstadt zu erreichen. Deshalb suche ich mir gleich am nächsten Morgen ein Hotel innerhalb der Festungsmauern. Diesmal nehme ich ein Taxi. Dabei stellt sich heraus, dass ich an der Peripherie von Jingzhou abgestiegen war; bis in das alte Zentrum sind es gut sechs, sieben Kilometer. Die Fahrt dorthin ist beschämend billig. Die Grundgebühr beträgt gerade mal zwei Yuan. In Shanghai fuhr ich mit elf Yuan los, in Anqing waren es vier und in Wuhan drei. Wenn das so weitergeht, zahle ich in Chengdu gar nichts mehr, und in Tibet bekomme ich noch was raus. Die Tarife sagen auch etwas über das Lohngefälle in China aus. Der Lebensstandard steigt jedenfalls nicht, je weiter man nach Westen kommt.
Auch nicht die Verkehrssicherheit. Der Fahrer brettert wie ein Bekloppter durch die Stadt, fast immer auf dem äußersten linken Rand der Gegenfahrbahn. Nach nur zehn Minuten passieren wir einen breiten Wassergraben und fahren durch ein mächtiges Tor in der Stadtmauer. Es soll sich, so habe ich gelesen, um die am besten erhaltenen alten Stadtbefestigungsanlagen ganz Chinas handeln. Sie sind rund neun Meter hoch, zehn Meter dick und von fast zehn Kilometern Länge. Auf der Mauer rumzulaufen wäre vielleicht ein Grund, noch ein wenig länger in Jingzhou zu bleiben.
Doch erst mal bin ich ganz heiß darauf, die Mumie zu sehen. Sie soll in einem Museum liegen, am anderen Ende der Altstadt. Das ist endlich einmal einfach zu finden. «Immer nur geradeaus auf der Hauptstraße», sagt mir die Wirtin einer Suppenküche, in der ich mich mit Nudeln stärke, die in einer leckeren fetten Brühe schwimmen, zwischen Rindereingeweidestückchen. Dafür ist die Bezeichnung «Altstadt» für das, was von den Stadtmauern umschlossen ist, übertrieben. Jingzhou soll irgendwann im dritten Jahrhundert erbaut worden sein, von dem berühmten Feldherrn Guan Yu. Doch kaum ein Gebäude ist wirklich historisch. Und anders als in Xitang hat man hier noch nicht einmal den Versuch unternommen, den alten Schein zu wahren. Hinter den Befestigungsanlagen stehen nur ganz normale Reihenhäuser und ab und zu mal ein Plattenbau, vermutlich aus den sechziger oder siebziger Jahren.
Auch das Museum ist eine Platte, ein riesiger grau-roter Klotz mit aufgesetztem chinesischem Dach. Ich bin der einzige Besucher, und als ich durch die ersten halbdunklen Hallen mit Relikten der alten Chu-Kultur wandele, kehrt das Jonathan-Harker-Feeling zurück. Ein Museumswärter folgt mir, lauernd wie ein Vampir, in immer demselben Abstand, und bei jedem seiner Schritte macht es auf dem Steinfußboden einmal sehr laut «tack». Trotz dieser unheimlichen Inszenierung gibt es im Hauptgebäude von der Mumie keine Spur.
Erst im Garten hinter dem grauen Trakt entdecke ich einen Wegweiser: «Delicacy Building» – steht auf Englisch drauf. Die Chinesen denken also sogar bei Mumien sofort ans Essen. Der Pfeil deutet auf ein flaches Haus an einem kleinen Teich, über dessen Eingang ich «Ausstellung des Grabes 168» lese. Auch hier ist der erste Ausstellungsraum nur diffus beleuchtet. An den Wänden hängen Fotos von Ausgrabungsstätten nahe Jingzhou, sodass ich zunächst glaube, hier bloß in die Entdeckungsgeschichte der Mumie eingeführt zu werden. Doch dann blicke ich völlig unvorbereitet in einen zwei Meter tiefen, gelb beleuchteten Schacht. Was ich sehe, versetzt mir einen kleinen Schock. Diese Mumie sieht tatsächlich anders aus als alle Mumien, die ich bisher gesehen habe: Sie ist nichts anderes als eine echte Leiche.
Die Haut des nackten Mannes, der da in einer gelben Suppe liegt, ist nicht ledrig und eingefallen wie die der luftgetrockneten Mumien in Xinjiang. Sie wirkt frisch, feucht und weich. Selbst die Augen sind hinter den geschlossenen Lidern vorhanden. Die Ärzte, die den Mann 1975 exhumierten, stellten fest, dass er auch noch alle Zähne hat und sich seine Gelenke voll bewegen lassen. Den erstaunlichen Erhaltungsgrad des Toten erklärten sie mit einer luftdicht abgeschlossenen Grabkammer in zehn Metern Tiefe und der ungewöhnlichen chemischen Zusammensetzung des eingedrungenen Grundwassers. Vermutlich enthält es ähnliche Bestandteile wie die «international anti-virus ingredient DP 300»-Lotion im Hotel.
Nur die Haare und die Fingernägel haben sich im Laufe der Jahre aufgelöst. Das lässt den gut erhaltenen Toten umso grässlicher aussehen. Auch der Penis, der ganz klein und verkrumpelt auf seinem Becken liegt, sowie die separat in einem Kasten gelagerten, herausobduzierten Eingeweide hinterlassen beim Betrachter nicht den besten Eindruck. In seinem lebendigen Leben, das er im zweiten Jahrhundert vor Christus führte, hätte dieser Mann sicher einiges versucht, um eleganter aufzutreten. Zu seiner Zeit war er ein wichtiger Beamter, der selbst nach seinem Tod noch zu imponieren trachtete. Das weiß man von einem beschrifteten Bambusstab, der ihm bei der Bestattung mitgegeben wurde. In diesem Text gibt der Verstorbene «Lord Underground» nicht nur detailliert Überblick über seine momentanen Besitzverhältnisse, er stellt sich auch ordentlich mit Namen vor: «Sui, der fünfte Daifu in Shiyang, erklärt hiermit, dass er in die Unterwelt geht. Er wird von acht Sklaven, achtzehn Dienern, zwei Kampfwagen, einem Ochsenkampfwagen, vier Pferdegespannen, zwei weiteren Pferden und vier Reitpferden begleitet. Sie mögen Ihren Männern befehlen, diese zu registrieren.» Die Diener, Tiere und Wagen waren Herrn Sui allerdings nur als kleine Figuren mitgegeben worden.
Mehr als zweitausend Jahre alt ist der Bericht, doch er gibt einen schönen Eindruck davon, wie sich die meisten Chinesen auch heute noch das Jenseits vorstellen: eine Welt, in der es im Prinzip so weitergeht wie im Diesseits, in die man Vermögen mitnehmen kann und wo man seine soziale Stellung behält. Es ist aber auch ein Zeugnis ihres tief verwurzelten Glaubens an die Bürokratie. In China muss bis heute jeder und alles Mögliche registriert werden – z. B. der Ausländer, der sich in einer chinesischen Wohnung niederlässt, innerhalb von vierundzwanzig Stunden –, da ist es nur logisch, dass man sich und seine Habe auch in der Unterwelt anzumelden hat. Sicher wird der Tote von der Jenseitsverwaltung anschließend ein Papier erhalten haben, mit zig Durchschlägen und vorzugsweise roten Stempeln, denn auch in solche Accessoires sind die Chinesen wie vernarrt.
Herr Sui, so denke ich, als ich seine Grabkammer wieder verlasse, würde sich im heutigen China sicher schnell zurechtfinden, hätte er noch seine Eingeweide und etwas mehr Élan vital. Ich dagegen weiß nicht so genau, was ich von dem bürokratischen Jenseits halten soll. Einerseits strahlt es etwas Beruhigendes, weil Vertrautes aus. Andererseits macht mich schon ein Waschmaschinenkauf in Peking mit all seinen Laufzetteln und der ganzen Stempelei halb wahnsinnig.
Mit ziemlicher Sicherheit war der plötzliche Anblick der viel zu gut erhaltenen Leiche nicht gut für meine Nerven. Den ganzen Nachmittag werde ich von ihrem Bild verfolgt. Es scheint sich auch irgendwie über die ganze Stadt gelegt zu haben. Überall, wo ich hinkomme, sehe ich nur Verfall, Erschöpfung und Trostlosigkeit: Aus dem Kinderspielplatz im Drei-Reiche-Park hinter dem Museum hat man eine Gotcha-Schießanlage gemacht, die aber auch schon wieder verrottet. Die Sandsäcke der Unterstände sind geplatzt, und dicke Kröten springen in von Entengrütze bedeckte, schlecht riechende Teiche. Im Freibad stehen nur ein paar grüne Brackwasserpfützen in den Becken, auf deren Grund schon kleine Sträucher wachsen, zwischen verrosteten Umwälzpumpen. Und von der Krone der Stadtmauer aus entdecke ich nahe dem Westtor ein Gefängnis. Umgeben von hohen Mauern mit verklinkerten Wachtürmen und Stacheldraht bildet es einen kleinen Stadtteil mit ganz unchinesisch verwaisten Straßen innerhalb der Altstadt.
Das Merkwürdigste aber sind die ganzen regungslosen Körper, auf die ich stoße, als ich vom Westtor auf einem offiziell geschlossenen Teil der Stadtmauer weiterlaufe. Hier oben ist es wie im Wald, und schwarze Schmetterlinge, so groß wie kleine Vögel, flattern um Bäume, die ähnlich wie Flieder blühen. Als Erstes sehe ich einen Mann, der in einem Schacht zu schlafen scheint, der früher einmal von Wachsoldaten benutzt wurde. Er hat sich ein weißes Laken über den Körper gezogen, das auch sein Gesicht bedeckt. Ein paar hundert Meter weiter, schon in der Nähe des Nordtores, liegen zwischen welkem Laub ein chinesischer Personalausweis, diverse Papiere und mehrere Girokontokarten. Hier hat gewiss ein Räuber oder Dieb eine Brieftasche gefleddert. Gleich um die Ecke liegt auf einer Treppe ein junger Mann und schläft seinen Rausch aus. Und dann liegt ein Körper quer über dem Trampelpfad, auf dem ich schon seit ein paar Kilometern laufe.
Das ist bestimmt ein Penner, der sich hier in der Abgeschiedenheit zum Schlafen hingelegt hat. Oder könnte dieser Mann nicht auch tot sein, Opfer eines Raubüberfalls zum Beispiel, auf dessen Spuren ich ja schon gestoßen bin? Das ist jedenfalls nicht ausgeschlossen. Doch was soll ich tun? In Deutschland würde ich zur Polizei gehen. Aber hier? Ich habe mein Wörterbuch im Hotel vergessen und kann noch nicht mal sagen: «Ich glaube, ich habe auf der Stadtmauer eine Leiche gefunden.» Und was, wenn es doch ein Penner ist? Ich müsste zumindest prüfen, ob der Körper da nicht doch noch atmet. Aber dann fallen mir die Schlüsselbunde auf dem Busbahnhof von Shanghai wieder ein. Also gehe ich ganz vorsichtig rückwärts und steige dann schnell die Mauer hinab. Als ich unten stehe, bin ich wieder ein Stückchen chinesischer geworden.
Am frühen Abend verliert dann auch das Bild der Mumie die Gewalt über mich. Ich sitze vor dem Südtor zwischen Wassergraben und Stadtmauer auf einer Bank und bin von mindestens zehn sehr lebendigen Leuten umgeben. Sie starren mich an, sehen mir über die Schulter ins Notizbuch, in das ich gerade schreibe, und reden über mich. Einer beugt seinen Kopf so tief über meine Notizen, dass ich nicht mehr weiterschreiben kann. Er glotzt für ein paar Minuten auf die Buchstaben und sagt schließlich: «Kan bu dong.» Das heißt wörtlich: «Ich sehe es, kann es aber nicht verstehen.» Also versuche ich es ihm zu erklären: «Das ist Deutsch.» – «Nein», sagt ein anderer, «die Buchstaben sind englisch.» – «Tatsächlich benutzen wir», erwidere ich, «dieselbe Schrift wie die Engländer.» – «Ihr sprecht also Englisch in Deutschland?» – «Nein, Deutsch. Wir Deutschen sprechen Deutsch in Deutschland.»
An diesem Punkt der Diskussion mischt sich eine weitere Expertin ein. Es ist eine mittelalte Frau in einer geblümten Bluse. Auch sie hat offensichtlich nicht ganz begriffen, um welche Sprache es hier geht, denn sie bemerkt: «Yes. English is a useful tool.» Auch wenn sie das Thema um eine Nuance verfehlt, bin ich dennoch sehr überrascht, dass die Frau, die eher einen schlichten Eindruck macht, als Einzige in der ganzen Runde fast akzentfrei Englisch spricht. Interessiert frage ich: «Wo haben Sie denn das gelernt?» – «Yes. My name is Yu Zhen Fen. English is a useful tool.» – «Das denke ich auch. Haben Sie Ihr Englisch in der Schule gelernt?» – «Yes. English is a useful tool.» Nach zwei weiteren Anläufen ist klar, dass die zwei Sätze der ganze englische Wortschatz sind, über den Frau Yu verfügt. Sie glaubt aber, er reiche aus, um mit mir anzubändeln. Auf Chinesisch fragt sie mich nach meiner Telefonnummer, und als ich ihr die nicht geben will, streichelt sie vor aller Augen meine Brust. Als sie schließlich noch am Reißverschluss meines Rucksacks zieht, um den Inhalt zu inspizieren, reicht es mir. Ich fliehe vor diesem unreinen Geist auf den Hof einer nahe gelegenen Kirche.
Tatsächlich stößt mir in der Kirche nichts weiter zu, und ich sehe auch den Rest des Abends über keine Leichen mehr. Nur ganz spät bringt sich die Mumie nochmal metaphorisch in Erinnerung, als ich mich in der Dunkelheit außerhalb der Altstadt auf die Suche nach der 318 mache. Anhand einer Karte habe ich festgestellt, dass sie direkt auf die Befestigungsanlagen zuläuft und dann den Wassergraben entlang nach Norden abbiegt. Ich hoffe, hier auf einen Kilometerstein zu treffen. Ich habe zwar bisher schon vom Bus aus etliche Steine am Straßenrand gesehen, doch ich habe noch nie direkt vor einem gestanden.
Es dauert auch nicht lange, bis ich den ersten Kilometerstein entdecke. Er steht hinter einem großen Haufen aus abgebranntem Feuerwerk, in dessen Glut noch vereinzelt fette Kracher explodieren, und zeigt 1158 Kilometer an. Ich bin etwas ergriffen angesichts der schönen, großen Zahl und berühre den Stein mit beiden Händen. Er ist noch ganz warm von der Hitze des Tages. Doch etwas stört mich auch an ihm. Er liegt mehr da, als dass er steht, denn offensichtlich hat ihn jemand angefahren. Im selben Winkel wie ein Grabstein, schießt es mir durch den Kopf. Was hat das für die restlichen 4228 Kilometer dieser Reise zu bedeuten? Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich muss weiter!