Die Armee der Liebe

Vor mehr als hundert Jahren war diese Stadt ein wichtiger Stützpunkt langhaariger Soldaten, die für die Liebe kämpften. Auch heute spielt in Anqing die Liebe eine große Rolle. Unser Held bekommt in einem Internetcafé ein Briefchen, in einem seltsamen Park einen feurigen Blick und schließlich einen heißen Anruf. Es geht zu wie bei David Lynch.

Mein Linienschwenk am Abend scheint mir bei Buddha keine Punkte gebracht zu haben. In der Nacht toben schwere Gewitter über dem Buddhismus-Hotel, es blitzt alle fünf Sekunden. Mich weckt aber nicht der Donner, sondern ein Geräusch wie von einem laut dröhnenden, altersschwachen Generator. Es sind die Regentropfen, die aufs Dach trommeln. Gegen halb acht klingelt das Telefon. Eine dunkle Stimme sagt: «Qi dian ban dao le», und legt auf. Das heißt: «Halb acht Uhr ist gekommen.» Was soll das bedeuten? Ich habe nicht um einen Weckruf gebeten. Ist vielleicht die Apokalypse um halb acht?

Ein Blick aus dem Fenster scheint das zu bestätigen. Es gießt immer noch in Strömen, und der Lotosteich vor meinem Fenster, keine zwanzig Meter weit, ist in einer dicken Nebelsuppe verschwunden. Eigentlich will ich heute abreisen, aber bei diesem Wetter habe ich Schiss. Das ist nicht ganz unbegründet. In jedem Sommer kommt es unten in der Ebene entlang des Jangtse zu größeren Überschwemmungen. Kurz vor meiner Abreise hat das Jangtse-Flutkontrollhauptquartier (das heißt wirklich so) eine besonders ernste Flutwarnung ausgegeben. Weil die Sommer der letzten Jahre ungewöhnlich heiß und trocken waren, rechnet man in diesem Jahr mit der schwersten Flut seit 1998. Damals verloren insgesamt siebentausend Menschen ihr Leben und vierzehn Millionen ihr Obdach, und das ist selbst für China keine kleine Zahl.

Bei meiner Abreise habe ich diese Warnungen in den Wind geschlagen. Schließlich kann man unterwegs immer irgendwie sterben, nicht nur in China. Droht aber eine Katastrophe konkret zu werden, kann einen das schon nervös machen. Soll ich wirklich weiterfahren oder lieber noch einen Tag bleiben, weil es hier oben sicherer ist? Ich schwanke. Da fällt mir ein, dass ich Laotses «Dao De Jing» im Gepäck habe, das heilige Buch der Daoisten. Ich hatte mich hier auf dem Berg damit beschäftigen wollen und eventuell mit einem Mönch darüber disputieren. Gut, jetzt kann der Daoismus mal zeigen, was er draufhat. Ich schlage das Buch blind auf einer Seite auf und lese: «Plane das Schwierige, wo es noch leicht ist.» Das ist mal eine konkrete Ansage. Also los. Draußen vermeide ich den Sturz in einen angeschwollenen Gebirgsbach nur, weil ich ihn laut brüllen höre. Zu sehen ist praktisch nichts, und auch der Shuttlebus ins Tal ist nur zu ertasten. Unten schüttet es weiter wie aus Kannen, und der einzige Bus nach Anqing, mein nächstes Ziel, ist schon um sieben gefahren. Also nehme ich einen Bus nach Chizhou, der nächsten größeren Stadt. Die Flüsse neben der Nationalstraße sind über die Ufer getreten, zur Freude eines Wasserbüffels, der sich bei Kilometer vierhundertzwanzig in einem frischen Schlammloch suhlt. Und dann, kurz vor Chizhou, hört es mit einem Mal auf zu regnen, und ich kriege in der Stadt sofort Anschluss. Gar nicht so übel, denke ich, die Tipps von Herrn Laotse.


Der Bus nach Anqing sieht etwas mitgenommen aus. Die Polster sind schmutzig und zerbissen. Dafür sind die Passagiere nett. «Du bist Deutscher?», fragt mein Sitznachbar. «Was für ein Zufall. Unser Präsident Hu Jintao hat gestern noch mit deiner Kanzlerin Mo Ke’er telefoniert.» Zu dem Gespräch passt die Gegend, durch die wir fahren. An den Rändern der Felder und Wiesen wachsen Wacholderbüsche, es sieht hier ein bisschen so aus wie in der Lüneburger Heide. Bei Kilometer fünfhundert passieren wir ein Straßendorf. Es ist nicht ganz so hässlich wie die Dörfer davor, wohl, weil bisher das Geld für die Vollverklinkerung der alten Häuser fehlte. Und dann sind wir mit einem Mal am Meer.

Das Meer ist in Wirklichkeit der Jangtse, im Dunst scheint der Fluss sich ins Unendliche zu erstrecken. Und tatsächlich heißt Jangtse nichts anderes als Sohn des Meeres. Allerdings nennen nur Westler den Fluss so, denn eigentlich ist Jangtse der Name für das Flussdelta. Für die Chinesen heißt der Fluss Changjiang, Langer Fluss. Der Name ist nicht schlecht gewählt: Der Fluss ist der längste Chinas und der drittlängste der Welt. Mit 6380 Kilometern übertrifft er sogar die Nationalstraße 318 um tausend Kilometer. Weil er zu weiten Teilen parallel zu meiner Straße verläuft, werde ich bis zur tibetischen Grenze immer wieder auf den Jangtse stoßen. Heute überquere ich ihn das erste Mal. Der Bus fährt über eine brandneue, einen halben Kilometer lange Hängebrücke, die selbst auf meiner neuen Karte noch nicht eingezeichnet ist. Ich sehe ein halbes Dutzend große Frachter unter uns flussaufwärts durch den Nebel gleiten. Dann sind wir auf der anderen Seite, in Anqing.


Ich weiß nicht viel über diese Stadt. Und außer einem Tempel mit einer großen Pagode soll es auch keine Sehenswürdigkeiten geben. Ich will hier trotzdem Station machen, weil ich hoffe, etwas über eine Charaktereigenschaft zu erfahren, um die ich die Chinesen mehr beneide als um alles andere: ihre nahezu unendliche Gelassenheit und Geduld. Das mag vielleicht wie ein abgedroschenes Chinaklischee klingen, doch dieses Mal ist es eins, das stimmt. Ich staune jedes Mal, wenn ich in Peking abgerissene Lumpensammler beobachte, die auf den leeren Ladeflächen ihrer Dreiräder hocken. Sie haben ganz offensichtlich den ganzen Tag noch keinen Cent verdient, und trotzdem schwatzen sie stundenlang, lachen und rauchen Zigaretten, als seien sie die reichsten Männer auf der Welt. Wie könnt ihr bloß so gut drauf sein, würde ich sie gerne fragen, wo ihr noch nicht einmal wisst, ob ihr heute Abend essen werdet? Wie ertragt ihr nur eine solche Ungewissheit jeden Tag aufs Neue?

Nur ab und zu reißt auch den Chinesen der Geduldsfaden, und dann geht es richtig rund. Fahrer steigen aus ihren Autos und beginnen sich mitten auf der Straße ohne Rücksicht auf Verluste zu prügeln. Ich habe auch schon einen amoklaufenden Restaurantbesitzer volle Bierflaschen nach seiner Frau werfen sehen, und in einem südchinesischen Dorf Schuhputzerinnen, die übereinander herfielen und einander die Haare ausrissen. Was mich jedes Mal verblüfft, ist die Geschwindigkeit, in der aus scheinbar unendlich duldsamen Chinesen Berserker werden.


Genau so etwas passierte vor mehr als hundertfünfzig Jahren auch in Anqing, allerdings in viel größerem Maßstab. Damals war die Stadt eine Hochburg des größten und vielleicht auch verrücktesten Bauernaufstandes in der Geschichte der Menschheit, der Taiping-Rebellion. Angeführt wurde sie von einem Dorfschullehrer mit dem Namen Hong Xiuquan. Als dieser mehrmals sein staatliches Beamtenexamen nicht bestand, erlitt er einen schweren Nervenzusammenbruch, in dessen Verlauf sich ihm offenbarte, er sei der jüngere Bruder von Jesus Christus. Sein Auftrag aber sei kein Geringerer, als das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Seine ersten Jünger fand Jesus II. unter Schulfreunden und Verwandten. Später schlossen sich ihm auch Bauern an, die vom unfähigen und korrupten Qing-Regime genug hatten. Es dauerte nicht lange, bis es zu ersten Auseinandersetzungen mit den kaiserlichen Truppen kam. Hong stellte eine Armee auf, die er «Armee für den großen Frieden» oder auch «Armee der Liebe» nannte. Auf einen heutigen Betrachter würde sie wohl wie ein großer Haufen bewaffneter Hippies wirken, nicht nur des Namens wegen. Zum Zeichen ihrer Rebellion ließen sich alle Taipings lange Haare wachsen. Und auch Frauen dienten in der Armee; ein Novum in der chinesischen Geschichte.

Die große Überraschung war dann wohl, dass ausgerechnet diese unprofessionelle Armee innerhalb kürzester Zeit weite Teile Chinas eroberte, wobei mit der Eroberung Anqings im Januar 1853 eine wichtige Vorentscheidung fiel. Von hier aus stürmten die Taiping-Rebellen weiter nach Nanjing, das sie in «Tianjing» – «Himmelshauptstadt» – umbenannten und das zum Mittelpunkt des «Himmlischen Reichs des Großen Friedens» – «Tai Ping» – wurde. Jesus II. selbst ernannte sich zum «Himmelskönig». Und wenn sich auch seine Erweckungsgeschichte ziemlich durchgeknallt liest, hatte doch sein Regierungsprogramm viele vernünftige Aspekte: Landreform, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Abschaffung des Mondkalenders und das Verbot der Polygamie. Allerdings hielt sich der Herr des Himmels selbst nicht an die Regeln. Er führte ein Lotterleben mit achtundachtzig (Glückszahl!) Konkubinen; währenddessen verschlechterte sich sein Geisteszustand zusehends. Als schließlich ausländische Truppen den Qing-Kaiser im Kampf gegen das Taiping-Reich unterstützten, wendete sich auch militärisch das Blatt. Schon im Oktober 1861 wurde Anqing zurückerobert. Im Juni 1864 starb Hong im belagerten Nanjing, und einen Monat später fiel die Himmelshauptstadt. Damit war es mit dem Reich des Großen Friedens vorbei.

Mehr als zwanzig Millionen Todesopfer soll die Taiping-Rebellion gekostet haben, was sie zur zweitblutigsten militärischen Auseinandersetzung überhaupt macht, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. So erbittert wurde gekämpft, dass beispielsweise Anqing noch in den 1920er Jahren zu großen Teilen in Trümmern lag. Ich hoffe, hier auf Spuren der Rebellen zu stoßen. Ein Taiping-Vizekönig hatte in Anqing seine Residenz, davon muss man doch zumindest Reste ausgegraben haben. Vielleicht erfahre ich an diesem Ort mehr über den Aufstand. Wenn ich verstehe, warum die Chinesen so plötzlich rebellieren, verstehe ich vielleicht auch, weshalb sie ansonsten so geduldig sind.


Auf den ersten Blick wirkt Anqing wie eine stinknormale, mittelgroße chinesische Großstadt von sechs Millionen Einwohnern. An der zentralen Straße des Volkes stehen ein paar Hochhäuser, sonst dominiert die sechsstöckige graue Platte. An einem Sportgeschäft lese ich: «Concuss with the world together». Concussed wird vor allem in der Fußgängerzone, wo eine Shoppingmall steht, die Times Square heißt. Einen Times Square gibt es in jeder chinesischen Großstadt, das muss in irgendeinem Gesetz so angeordnet sein. Man hat auch einen McDonald’s, vor dem die lokalen Bettler liegen, unter ihnen eine Frau, die statt der Unterschenkel ein paar Gummistümpfe hat. Ansonsten säumen unzählige Handygeschäfte die Straßen, in keinem ein Kunde, dazwischen riesige Schuhgeschäfte und ein paar Banken. Ich mag diese Durchschnittlichkeit. Ich fühle mich sofort zu Hause, was vielleicht daran liegt, dass ich in Bielefeld aufgewachsen bin, dem Anqing Deutschlands.

Allerdings hat die Normalität auch einen Nachteil: Über Anqing ist praktisch nichts in Reiseführern zu finden, zumindest in keinem, den ich lesen kann. Wie soll ich so die Stützpunkte der Taiping-Rebellen finden? Leute auf der Straße ansprechen? Ich versuch’s und frage einen Hello-Blöker in holprigem Chinesisch: «Taiping wang de bieshu zai na’r?» – Wo ist die Villa des Taiping-Königs? «Kommst du aus Amerika?», fragt er mich zurück. «Nein, ich komme aus Deutschland.» – «Oh, Deutschland ist sehr gut. Das hier ist Anqing, Provinz Anhui.» Und weg ist er. Der nächste Mann weiß noch besser in der Welt Bescheid: «Deutschland? Das liegt in Europa. Und China liegt in Asien.» Das sind zwar alles Topinformationen, doch sind sie leider für meine Zwecke eine Idee zu global.

Also gebe ich vorerst auf und widme mich einer trivialeren Sache. Ich bin jetzt über eine Woche unterwegs, und langsam fange ich an zu stinken. Ich muss dringend Wäsche waschen. Im Hotel empfiehlt man mir eine Reinigung um die Ecke. Ich laufe aber erst mal dran vorbei, weil ich den Laden nicht als Wäscherei identifiziere. Er sieht eher aus wie der Empfangsraum einer Bank, mit schwarzen Ledersofas und kleinen Palmen in Blumenkübeln. Nur ganz hinten hängt gereinigte Kleidung auf einem Kleiderständer, fein säuberlich in Plastiküberzügen. Eigentlich hatte ich an etwas Einfacheres gedacht, eine chinesische Wäscherei halt, wie sie in den sechziger Jahren sogar in jedem zweiten amerikanischen Krimi vorkam. Aber jetzt, wo ich den Laden gefunden habe, bleibe ich auch hier. Zwei mittelalte, dauergewellte Damen prüfen gerade höchst penibel die Kleidungsstücke der Kundin vor mir. Dann versehen sie jedes Wäschestück mit einem Barcode und lesen ihn mit einem Scanner ein. Anschließend bin ich dran. «Waschen Sie auch Wäsche, ganz normal?», frage ich schüchtern. Die entsprechenden Vokabeln habe ich extra vorher im Wörterbuch nachgesehen. «Tun wir», sagt eine von den Schachteln schnippisch und sieht mich verwundert an. Kurz entschlossen leere ich meine zwei Plastiktüten auf den Tresen.

Den angeekelten Blick, der mich im nächsten Moment trifft, werde ich so schnell nicht vergessen. Andererseits war mir auch der Unterhosenzwischenfall von Urumqi entfallen. Doch in dem Moment, als meine Wäsche wie in Zeitlupe auf den Tresen fällt, ist er wieder da. Auf einer früheren Reise hatte ich in jener Stadt im Westen Chinas auch Unterwäsche mit abgegeben. Als ich sie am nächsten Tag abholen wollte, händigte man mir zur gewaschenen Wäsche eine kleine, separate Tüte aus, die meine ungewaschenen Unterhosen enthielt. Der Blick, der diese Übergabe begleitete, war dem, der gerade auf mich fällt, sehr ähnlich. Ich weiß also, was gleich kommen wird.

»Das hier», sagt die Schachtel mit empörtem Unterton und zeigt auf die Slips, «waschen wir nicht.» Ich würde mich am liebsten sofort in Luft auflösen und stopfe hastig meine ganze Wäsche wieder in die Plastiktüten. Dabei fällt eine durchgeschwitzte Socke hinter den Tresen. Die Schachtel hebt sie mit spitzen Fingern auf und lässt sie in meine Tüte fallen. Mir schießt das Blut in den Kopf, und ich mache, dass ich rauskomme. Ich schwöre mir, von nun an selbst zu waschen, noch so eine Blamage, und ich falle tot um.

Den Nachmittag verbringe ich waschend im Badezimmer meines Hotels. Erst am Abend traue ich mich wieder auf die Straße. Der Wirt des kleinen Fischrestaurants, in dem ich zu Abend esse, weiß nichts von irgendwelchen Relikten der Taiping-Rebellion. Dafür erzählt er mir, dass Ausländer, die kein Wort Chinesisch können, bei ihm mehr bezahlen müssen. «Kommen viele her?», will ich wissen. «Ja, sehr viele. Vor drei Monaten hat eine Französin bei mir gegessen.» – «Und danach …?» – «Wie? Du natürlich.»

Weil in Anqing keiner etwas über die Rebellen weiß, suche ich am nächsten Tag in Anqings nicht wirklich alter Altstadt nach einem Internetcafé. Ich vermeide zwar auf Reisen, dauernd online zu sein, denn so ist man niemals wirklich weg, aber eventuell finde ich ja im Netz Hinweise auf die Residenz des Vizekönigs. Aber auch ein Internetcafé muss erst mal gefunden werden. Ich frage auf der Straße nach einer Wang Ba und versuche mein Bestes, die richtige Tonhöhe der zwei Silben zu treffen. Liege ich ein bisschen höher oder tiefer, könnte es mir passieren, dass ich mein Gegenüber eine Wang Ba nenne. Das heißt dann Schildkröte und wird von einem Chinesen schnell zu Wang Ba Dan ergänzt. Das heißt so viel wie Bastard.


Am Ende finde ich die Wang Ba durch Zufall bzw. durch ein Fantasygemälde, auf dem «World of Warcraft» steht. Sie liegt im dritten Stock, und ich muss durch ein dunkles Treppenhaus ohne Fenster, in dem es nach Urin stinkt und Wasser von der Decke tropft. An die Wände sind Hunderte von Handynummern gesprüht, daneben meistens auch ein paar Schriftzeichen. Aus Peking weiß ich, dass es sich dabei um eine Art Guerillamarketing für halblegale oder ganz verbotene Produkte handelt. Wer bei den Nummern anruft, kann angeblich vom gefälschten Zeugnis über Drogen bis zum Medikament alles haben. Ich öffne eine Tür und stehe in einer riesigen Halle mit mindestens hundert Rechnern. Die Hälfte davon ist schon jetzt besetzt, um elf Uhr morgens. Ich hole mir bei dem Mädchen an der Rezeption ein Kennwort, setze mich in einen abgewetzten Kunstledersessel und logge mich ein. Dabei zünde ich mir eine Roter-Fluss-Zigarette an. Ein Schild verbietet zwar das Rauchen, aber alle hier qualmen. Hinterher werden die Kippen auf den Boden geschmissen, weil es wegen des Rauchverbots keine Aschenbecher gibt, und auch das stört keinen.

Ich finde nicht mehr über Anqing und die Taipings heraus, als ich sowieso schon wusste. Also checke ich meine E-Mails. Da stellt jemand etwas neben meinen Rechner. Als ich aufsehe, steht eine Pepsi-Dose da, unter der ein kleiner Zettel liegt. Verblüfft entfalte ich ihn und lese die mühsam gekrakelten Blockbuchstaben: «Can I interest you in a cup of drink? Please come to Seaside again.» Seaside, das muss der englische Name des Internetcafés sein. Aber wer mag das geschrieben haben? Ich tippe auf das junge und hübsche Ding am Tresen, das sich allerdings durch keinen Blick verrät. Hey, das ist sehr nett. Den letzten Zettel dieser Art habe ich in der Schule bekommen. Und noch nie in meinem Leben hat mir eine fremde Frau einen Drink spendiert. Hat die Armee der Liebe außer Chaos und Zerstörung in dieser Stadt noch andere Spuren hinterlassen?

Das wäre vielleicht etwas überinterpretiert. Genauso gut könnte ich behaupten, die vielen englischen «I Love You»-Kritzeleien in der Kuppel der mehr als vierhundert Jahre alten Zhenfeng-Pagode unten am Jangtse seien eine weitere Spur. Ich schaue durch ein offenes Bogenfenster auf den Fluss, wo eine endlose Frachter-Karawane Kies und Sand flussabwärts transportiert, zu den großen Baustellen an der Küste. Ein schöner Blick, aber die falsche Fährte. Eine Möglichkeit wäre natürlich, den Wahrsager, der an der Tempelmauer sitzt und eine riesige Jiang-Zemin-Brille trägt, nach den Taipings zu fragen. Doch der liest gerade einer kleinen Bäuerin aus der Hand, was für gesundheitliche Probleme sie hat, und zwanzig Leute stehen daneben und hören zu. Nein, ich brauche so was wie einen Stadtplan, um mir einen Überblick über die ganze Stadt zu verschaffen.


Nach einigem Suchen finde ich eine Neues-China-Buchhandlung versteckt neben dem McDonald’s. Davor spielt gerade eine Band auf der Straße. Die Musiker sind allesamt Behinderte, die sich zusammengetan haben, um irgendwie an Geld zu kommen. Sie sind allerdings mehr behindert, als dass sie Musiker sind. Dementsprechend schaurig klingen die fett elektrisch verstärkte Gitarre und die Orgel. Ein Sänger mit contergankurzen Armen singt dazu lauter als der Verkehrslärm: «Ma ma bu yao wo» – Mama will mich nicht. Gerade nähert sich der Band ein Trupp Polizisten, die schon von weitem verlangen, man möge mit dem Krach aufhören. Und wie immer bei solchen Gelegenheiten bildet sich eine große Menschentraube, die gespannt die Diskussion zwischen den Behinderten und der Polizei verfolgt.

Ich gehe in die Buchhandlung und will mir die Stadtpläne zeigen lassen. Es gibt nur einen, und der ist auf Chinesisch. Ein Demoexemplar hängt an der Wand. Immerhin sind die wenigen Attraktionen Anqings in den Plan hineingemalt: Ich entdecke einen Park im Osten, die Zhenfeng-Pagode im Süden und ein historisches Tor ganz weit im Westen. Daneben ist etwas eingezeichnet, das ich für Grundmauern von Ruinen halte. Jede Wette: Das ist der Palast des Taiping-Vizekönigs. Ich wecke den unter der Karte mit dem Kopf auf einem Bücherstapel schlafenden Buchhändler und bitte ihn, mir vorzulesen, was neben dem Tor steht. Müde murmelt er: «Shizi Shan.» Der Khakifrucht-Berg, wenn ich recht verstanden habe. Das ist doch schon mal ein ausdrucksvoller Name.

Als ich wieder auf die Straße trete, hat sich die Szenerie geändert. Die Polizisten sind verschwunden, und die Band spielt wieder. Ich bin verblüfft. In einer deutschen Fußgängerzone wäre sie längst abgeräumt worden. Nicht so in Anqing, wo anscheinend selbst unter der Polizei die Liebe regiert. Gerührt winke ich ein Taxi heran. Am Steuer sitzt eine dickbezopfte Fahrerin. Überhaupt fahren in dieser Stadt viel mehr Frauen Taxi als in Shanghai oder Peking. Auch ein Relikt der Taiping-Rebellion? Auf jeden Fall will mich diese Taxifahrerin daran hindern, meine in der Buchhandlung gemachte Entdeckung zu verifizieren. Statt zum Shizi Shan fährt sie Richtung Tianzhu Shan, zu einem bekannten Naturpark in der Gegend. Dort ist es bestimmt auch sehr schön, aber erstens will ich da nicht hin, und zweitens ist der Park fünfzig Kilometer entfernt. Es dauert etwas, bis ich begreife, dass sie falsch fährt. Auch dann braucht es noch eine Weile, bis ich der rebellischen Fahrerin vermitteln kann, dass wir beide unterschiedliche Vorstellungen von dem Fahrtziel haben. Immerhin versteht der nächste Taxifahrer, was ich will. Er fährt durch wilde Suburbs zu einem Parkplatz, an dessen Rand ein großes Kohlekraftwerk vor sich hin qualmt. Gegenüber steht das alte Tor, das ich auf dem Stadtplan gesehen habe. Ich kaufe bei einem alten Mann eine Eintrittskarte für einen Yuan und stehe dann in einem Park, wie ihn sich selbst Jesus II. in seinen kühnsten Wahnphantasien nicht besser hätte ausdenken können: Auf ein paar Hügeln wächst zwischen ein paar Bäumen ein dichter Wald aus Hochspannungsmasten. Ich weiß auch nicht, warum, aber irgendetwas sagt mir: Hier bist du auf der richtigen Spur. Aufgeregt stoße ich auf dunklen Wegen tiefer in den Park vor. Das Einzige, was ich hier höre, sind dröhnende Maschinen in der Ferne und ab und zu ein unheimlich dumpfer Gong. Ich bin schon eine Weile gegangen, als ich den ersten Menschen begegne. Eine kleine Gang. Die Jungs tragen chinesische Rockstarföhnfrisuren mit gefärbten Strähnchen, dazu die bunten Rockstarhemden offen. Die Taiping-Rebellen hätten wahrscheinlich ihre helle Freude an ihnen. Mir würde jetzt wieder mulmig werden, wäre ich nicht in China. Die Gang staunt auch bloß über den seltsamen Ausländer hier draußen und grüßt mich freundlich mit – Überraschung – «Hello».

Überhaupt scheint der Park bei arbeitslosen Jugendlichen beliebt zu sein. Auf einem kleinen Aussichtsturm treffe ich auf drei Jungs, die hier mit einem miniberockten Mädchen herumlungern. Das Mädchen knutscht wild mit einem der Jungs. Einer der beiden anderen macht mit seinem Handy Fotos davon. Als ich dazukomme, lösen sie sich sofort aus der Umklammerung. «Nur ein Ausländer», beruhigt der Fotograf. Das Mädchen entspannt sich zuerst, macht einen Schmollmund Richtung Kamera und greift sich wieder ihren Typen. Ich schaue mir die Gegend an, denn von hier oben lässt sich der größte Teil des Knutsch-und Starkstromparks gut überblicken. Er liegt wie eine Insel in einem Industriegebiet, zwischen dem großen Kraftwerk und riesigen Kohlehalden. Deshalb riecht es hier auch überall nach Kohle und Schwefel. Nur von den Ruinen, die ich auf der Karte gesehen habe – keine Spur.

Es hat keinen Zweck, denke ich und will schon meine Suche aufgeben, als ich durch den Starkstromwald einen Sandsteinpavillon schimmern sehe. Dahinter ein weiter, ebener Platz mitten im Wald, daneben liegt ein großer Findling mit einer Inschrift, die ich nicht lesen kann. Doch das macht nichts. Die Schauer, die mir über den Rücken laufen, sprechen eine eindeutige Sprache: Ich habe den Ort gefunden, an dem der Palast des Taiping-Vizekönigs stand oder eine Kaserne der Armee der Liebe oder einfach irgendetwas anderes Taipingmäßiges. Eine letzte Bestätigung wird mir ein blaugestrichenes Museum geben, das ein paar hundert Meter entfernt durch das Unterholz leuchtet. Allerdings muss ich mich beeilen, denn es ist kurz vor vier, und das Museum könnte gleich schließen.

Ich stürze los und presche mitten durch den Wald auf das Blau zu. Ich laufe immer schneller, achte kaum auf die Äste, die mir den Weg versperren, und dann hören von einer Sekunde auf die andere die Bäume und Sträucher auf. Ich stehe an einem Abgrund und sehe auf das Dach einer hundert Meter langen dunkelblauen Industriehalle, das Kohlelager des Kraftwerks offenbar. Erst jetzt bemerke ich, wie tief es hier hinuntergeht. Wäre ich nur einen Meter weiter gelaufen, ich wäre unweigerlich zwanzig, dreißig Meter hinabgestürzt. Okay, genug geforscht für heute, das war’s.

Erst als ich wieder in einem Taxi sitze, merke ich, dass sich meine Stirn heiß anfühlt. Im Hotel messe ich dann mehr als achtunddreißig Grad Fieber. Damit lassen sich meine Schauer und Ahnungen im Park vermutlich erklären. Andererseits war ich ja im Starkstromwald Jesus II. tatsächlich sehr, sehr nahe. Wäre ich in den Abgrund gestürzt, ich hätte ihn wahrscheinlich stante pede irgendwo im Jenseits getroffen. Noch näher ist mir im Moment allerdings eine Vertreterin einer neugegründeten Armee der Liebe. Sie ruft mich am frühen Abend an. «Möchten Sie eine Massage?», flötet sie mir ins Ohr. «Ich komme auch aufs Zimmer.» Hm. Einerseits wäre es natürlich interessant, sie zu Geschichte und Struktur ihrer Organisation zu befragen. Doch weil ich krank bin, ziehe ich es vor, vom Fenster aus den Vollmond zu betrachten, der auf ein Werbeplakat einer Herrenmodefirma scheint, die den schönen Namen «Busen» trägt. Untermalt wird diese Aussicht von einem miserablen Sänger, der in der Karaokebar gegenüber versucht, die chinesische Version der Internationale zu zerstören. Mir macht das nichts. Ich glaube, ich bin seit heute schon etwas entspannter.