36
Wie die Hühner auf der Stange, so saßen sie nebeneinander am Fuß des Sandhügels, die Hände gut sichtbar über die Knie gelegt. Ihre Waffen hatten sie, sofern sie diese nicht schon beim Absturz verloren hatten, dem jungen Drachenflieger Liang ausgehändigt. Dieser hatte auch ihre Bewachung übernommen. Er stand hinter ihnen auf erhöhtem Posten und behielt sie scharf im Auge.
Joetta stöhnte leise vor Schmerz. Immerhin hatte sich einer der Fremden, der auf den Namen Takumi hörte, ihrer angenommen. Er hatte sich aus dem Wrack den verbeulten Erste-Hilfe-Kasten bringen lassen, ihren Bruch gerichtet und auch ihre Kopfwunde provisorisch verbunden. Er hatte auch Marcos Schnittwunde mit Jod ausgewaschen und einen provisorischen Verband angelegt. Von den Schmerztabletten und Einmalspritzen mit starken Betäubungsmitteln hatte er jedoch nichts herausgerückt.
»Was, ihr wollt ein Schmerzmittel? Kommt ja gar nicht infrage! Das Zeug ist viel zu kostbar, um es bei so lächerlichen Verletzungen zu vergeuden«, hatte er mitleidlos gesagt. »Beißt gefälligst die Zähne zusammen! Das bisschen Schmerz wird euch schon nicht umbringen.« Und damit hatte er den Kasten nachdrücklich zugeklappt, ihn sich unter den Arm geklemmt und war gegangen.
Zur selben Zeit hatte sich eine sechsköpfige Gruppe unter Anführung von Akahito darangemacht, alles aus dem Wrack zu holen, was ihnen irgendwie von Nutzen erschien. Sie schleppten nicht nur die mit Zahlenschlössern gesicherten Alukisten aus dem geborstenen Rumpf, sondern entfernten auch Gurte, Rohre, Stangen und alles andere, was sich schnell und problemlos abschrauben ließ. Sie arbeiteten in großer Hast, das war offensichtlich.
Kendira vermutete zuerst, dass sie fürchteten, jeden Augenblick könnte der Funke eines Schwelbrands das ausgeflossene Flugbenzin entzünden und das Wrack in einen Feuerball verwandeln. Aber dann bemerkte sie die Unruhe der Wachposten, die oben nervös auf und ab gingen und ihren Kameraden unten in der Grube zuriefen, sich nicht zu lange mit dem Ausschlachten aufzuhalten. Offenbar fürchteten sie noch eine andere Gefahr, die nichts mit dem auslaufenden Flugbenzin zu tun hatte, sondern jenseits der halb zertrümmerten Fabrikanlagen lauerte.
»Akahito, lass es gut sein! Kommt hoch!«, brüllte dann auch der Wachposten mit dem backsteingroßen Funkgerät wenige Minuten später. »Gleich ist Ning mit unserer Mühle hier! Es wird eng! Ein Konvoi Islander brettert heran und ist schon ganz in der Nähe!«
Augenblicklich ließen Akahito und seine Männer vom Wrack ab. Sie stürzten mit dem, was sie gerade noch greifen konnten, ins Freie.
»Los, nach oben mit euch!«, forderte Liang die Libertianer auf. »Wenn die Islander eintreffen, wird das hier für uns alle zur Todesfalle!«
Kendira sprang auf. »Wer sind diese Islander?«
»Leute, denen du lieber nicht begegnen willst, wenn dir dein Leben lieb ist!«
»Aber wir können doch Alishas und Indigos Leichen nicht einfach so im Wrack zurücklassen!«, stieß Hailey hervor.
»Und ob wir das können! Die gehen den Weg allen Fleisches«, erwiderte Liang ungerührt, »und in der Dunkelwelt heißt das, dass irgendwelche Kreaturen sie gefressen haben werden, bevor es wieder dunkel geworden ist. Und diese Kreaturen müssen nicht unbedingt nur aus dem Tierreich kommen!«
Ein Schauder ging durch die Gruppe.
»Na ja, sieht so aus, als ob die Kannibalen und Aasfresser hier wohl doch leer ausgehen werden«, sagte Liang im nächsten Moment trocken.
Akahito war zehn, zwölf Schritte von der Absturzstelle entfernt stehen geblieben und hielt plötzlich eine Magnesiumfackel in der Hand. Rasch zog er die Kappe ab, zündete den Stab an und warf ihn ins Wrack.
Mit einem explosionsartigen Knall entzündete sich das Flugbenzin. Eine meterhohe Stichflamme schoss empor. In Sekundenschnelle und unter lautem Prasseln breitete sich das Feuer aus und hüllte das Wrack in eine lodernde Flammenwand.
Eine Hitzewelle raste durch die Grube. Wie der Gluthauch einer Esse, deren Feuerluke plötzlich aufgesprungen war, schoss sie auf sie zu und brannte auf den Gesichtern der Libertianer und ihres Bewachers. Nun bedurfte es keiner weiteren Aufforderung, um sie zu größter Eile anzutreiben.
»Wenigstens das bleibt Alisha und Indigo erspart«, murmelte Kendira. Dann rannte sie mit den anderen zu jener Stelle am Grubenrand hinauf, wo die Drachenflieger ihre zusammengelegten Fluggeräte sowie die Alukisten und andere Beute aufgetürmt hatten.
Kaum waren sie dort angekommen, als ein lautes, rhythmisches Motorengeräusch das Prasseln der Flammen unten in der Grube übertönte. Es klang merkwürdig und erinnerte die Libertianer unwillkürlich an den stoßhaften Rhythmus einer Dampflokomotive, wie sie sie von Filmen kannten. In der Mediathek der Lichtburg hatte es eine ganze Reihe alter Western gegeben, die sie auf ihre Tablets hatten herunterladen können.
Im nächsten Moment tauchte zu ihrer Linken zwischen zwei halb eingestürzten Fabrikgebäuden ein langes, grau angestrichenes Gefährt auf. Das klotzartige Vorderteil, aus dem im vorderen Drittel ein dickes schwarzes Rohr aufragte, passte so gar nicht zu dem langen, busartigen Rest des seltsamen Gefährts. Aus dem Rohr, dessen Öffnung in eine gezackte Metallkrone überging, quollen dicke grauschwarze Rauchwolken. Der mit beachtlicher Geschwindigkeit heranratternde Transporter zog den Rauch wie eine lange schwarze Fahne hinter sich her.
»Erhabene Macht, was ist das denn für ein Monstrum?«, entfuhr es Zeno.
»Das ist unser schnellster Steamer!«, teilte Liang ihnen stolz mit. »Die Dampfmaschine haben wir selbst gebaut. Und das Ding frisst so gut wie alles als Brennstoff! Dem Himmel sei Dank, denn Benzin oder Diesel ist ja fast unbezahlbar und auch nur über die verdammten Islander und ein paar Schwarzhändler zu bekommen.«
Bei dem Steamer handelte es sich um einen alten umgebauten Schulbus, bei dem der Benzinmotor durch eine klobige Dampfmaschine ausgetauscht worden war. Dicke Stahlbleche schützten den Kessel vorn und an den Seiten. Ähnliche Bleche befanden sich auch vor den Reifen. Selbst die Fenster waren bis auf wenige Finger breite Spalten mit Stahlblechstreifen verkleidet. Zahllose Dellen und Löcher zeugten davon, dass Kugeln auf sie abgefeuert worden waren – und das vermutlich mehr als nur einmal. Auf die Längsseiten des dampfbetriebenen Buses war jeweils ein fauchender roter Drache mit einem langen, sägeartigen Schwanz gemalt.
Doch was noch stärker ins Auge fiel, war der Schriftzug, der über der Fahrerkabine auf einem Metallblech prangte, das dort oben an der Dachkante die einstige Leuchtanzeige mit dem Fahrziel oder dem Namen der Buslinie ersetzt hatte. Er verkündete in blutroten Lettern:
Samurai Towers
»Samurai?«, stieß Nekia ungläubig hervor, während der Fahrer wenige Meter vor ihnen abbremste und den Steamer mit einem breiten Grinsen herumriss, sodass er quer vor ihnen zum Stehen kam – und sie in eine gewaltige Staubwolke hüllte. »Waren das nicht diese gefürchteten Schwertkrieger im alten Japan?«
»Ja«, sagte Kendira und hustete, weil sie sich nicht schnell genug abgewandt hatte. In einem der rund tausend Romane, die sie in der Mediathek hatten abrufen können, war es um diese alte Kriegerkaste gegangen. Und plötzlich erinnerte sie sich auch daran, wie diese Wurfgeschosse aus dem alten Japan hießen. Sie wurden shuriken und shaken genannt und waren in den Händen erfahrener Krieger tödliche Waffen – wie sie nun selbst bezeugen konnte. »Hier in der Dunkelwelt scheinen sie wieder auferstanden zu sein!«
»Nur dass sie hier aufs Schwert pfeifen und sich lieber auf solide Knarren verlassen!«, sagte Zeno. »Ich glaube, das nennt man Darwinismus oder auch kulturellen Fortschritt.«
»Das kann ja heiter werden!«, stieß Dante hustend hervor, der gleichfalls Staub eingeatmet hatte.
»Samurai! So was Lächerliches!«, knurrte Carson. »Das ist eine Gang wie jede andere, nur dass diese Typen eben aus Asiaten bestehen und sich Jachis nennen!«
»Na, die sehen mir aber nicht aus, als wären sie eben erst über den Pazifik geschippert und gerade an der Küste gelandet, sondern sie scheinen so amerikanisch wie du und ich – was immer das heute noch heißen mag!«, hielt Flake dagegen. »Und hundertprozentig asiatisch sehen sie auch gar nicht aus, sondern mehr wie Mischlinge.«
»Und wenn schon!«, grollte Carson. »Ich sage euch, das ist eine Gang! Wir hätten nie unsere Waffen abgeben dürfen, sondern ihnen gleich die Stirn bieten sollen!«
Akahito machte ihrem Wortwechsel ein Ende, indem er ihnen befahl, in den Transporter zu steigen und sich auf die Plätze in der Mitte zu verteilen. Dann packte er dabei mit an, die Fluggeräte, Kisten und den anderen losen Kram einzuladen, den seine Männer und er in der kurzen Zeit noch aus dem Wrack hatten holen können.
Die Männer waren gut aufeinander eingespielt, das sah man. Jeder Handgriff saß, trotz der großen Eile, die sie an den Tag legten. Das Einladen nahm keine zwei Minuten in Anspruch. Dann sprangen sie mit militärischer Ordnung zu ihnen in den Transporter, besetzten mit gezückten Revolvern und Gewehren alter Bauart zu beiden Seiten die Schießscharten – und schon setzte sich der Steamer mit einem heftigen Ruck und qualmendem Kesselrohr in Bewegung.
»Wohin sie uns wohl bringen werden, was meinst du?«, flüsterte Nekia mit belegter Stimme. Sie hatte den Sitz neben Kendira ergattert, während Carson und Dante, die direkt hinter ihr eingestiegen waren, sich im engen Mittelgang gegenseitig behindert hatten.
»In ihr Hauptquartier, vermute ich mal«, erwiderte Kendira leise, »und das dürften ja wohl diese Samurai Towers sein.«
»Klingt mir nicht gerade beruhigend«, murmelte Nekia, während der Steamer schwarzen Dampf keuchte, schnell an Tempo gewann und aus dem Fabrikgelände jagte. »Außerdem habe ich es nicht so mit Türmen.«
Kendira verzog das Gesicht. »Aber es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Zurzeit heißt unser Motto, ganz nach Zeno: Im Augenblick alternativlos – bis sich eben eine günstige Gelegenheit zur Flucht bietet. Außerdem: Wenn sie uns hätten töten wollen, hätten sie es längst getan.«
»Was nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist, falls sie uns an Hyperion verkaufen!«, wandte Nekia ein.
Die ersten sechs, sieben Minuten Fahrt, die in einem teilweise wilden Zickzack-Kurs durch ein von Fabrikruinen beherrschtes Trümmerviertel führte, verlief unter angespanntem Schweigen. Die Drachenflieger oder Jachis, wie sie von den zerlumpten Elendsgestalten genannt worden waren, verharrten hinter den Seh-und Schießschlitzen in wortloser Anspannung. Offenkundig rechneten sie damit, jeden Moment angegriffen zu werden.
Werden wir verfolgt?, fragte sich Kendira mit einigem Bangen und ahnte, dass sie guten Grund dazu hatte.
Die einzigen Geräusche in diesem angespannten Schweigen waren das gleichmäßige Rattern der Dampfmaschine, die dumpfen und harten Hammerschläge der ausgeleierten Stoßdämpfer, wenn der Steamer mit unverminderter Geschwindigkeit durch ein Schlagloch bretterte, das Kreischen der Reifen, wenn der kleinwüchsige Fahrer den Transporter wieder einmal brutal in eine scharfe Kurve riss – und die kurzen Zurufe des Mannes mit dem Funksprechgerät.
Er stand vorn beim Fahrer, hielt sich mit einer Hand an einer Lederschlaufe fest, die von der Decke hing, und presste mit der anderen den elektronischen Ziegelstein ans Ohr. Offenbar gab ihm jemand von einem Beobachtungsposten, der sich in großer Höhe befinden musste, Anweisungen durch, die er sogleich an den Fahrer weitergab. Was er ihm sagte, konnten sie nicht verstehen. Aber da der Fahrer nach jedem Zuruf abrupt die Richtung änderte, lag es auf der Hand, dass es darum ging, ihre Verfolger abzuschütteln.
Die Minuten wurden Kendira und ihren Gefährten lang. Dann nahm der Mann das klobige Sprechfunkgerät vom Ohr, drehte sich zu seinen Gefährten auf den verschlissenen Sitzbänken um und hob den Daumen.
»Abgehängt!«, rief er in den Bus. »Die verfluchte Bande ist links die Massacre Alley runter! Die glauben wohl, wir hätten uns in Richtung Hell’s Corner abgesetzt!«
Seine Kameraden antworteten auf den Zuruf mit befreitem Gelächter. Die Sicherungen an Gewehren und Handfeuerwaffen wurden umgelegt, und obwohl die Männer weiterhin aufmerksam nach draußen spähten, wurde nun wieder geredet.
»Massacre Alley und Hell’s Corner?«, stieß Nekia erschrocken hervor. »Was sind das denn für Namen?«
Liang, der vor ihnen saß, drehte sich um. »Es sind Namen, die einen daran erinnern, was man in diesen Vierteln zu erwarten hat! Und das sind noch längst nicht die übelsten Gegenden. Willkommen in der Dunkelwelt!«